D. Zimmermann-Drachen.
Außer den vorbeschriebenen Drachen gibt es noch eine große Anzahl, auf die wir leider aus Mangel an Platz nicht näher eingehen können.
Interessant sind auch die Kiel-Drachen, so genannt nach ihrem in der Mitte befindlichen, flächenartigen Kiele, wodurch der Drache eine bedeutende Stabilität erhält.
Oft sind diese Drachen auch recht abenteuerlich gestaltet. Man betrachte z. B. die Figur 95.
Gewiß ist es aber erstaunlich, wieviel in der kurzen Zeit auf dem Gebiete der Drachen geleistet wurde.
E. Russische Drachen.
Eine von der vorhergehend beschriebenen, ganz verschiedene Art von Drachen sind die russischen. Ein solcher ist in der Figur 96 abgebildet. Sie sollen sich als sehr stabil und tragfähig erwiesen haben. Nach einem aus dem Russischen von Huther übersetzten Berichte, wird er in zwei verschiedenen Größen gebaut. Die erste Art dient Aufstiegen bei einem Winde von 7 bis 9 m, die zweite Art solchen, bei denen der Wind größer als 9 m ist. Letzterer ist natürlich schwer gehalten. Die in der Figur 96 bemerkbaren Stäbe sind in eine Hülse von Perkal oder Schirting eingesteckt. Eine genaue Beschreibung zweier solcher Drachen findet man auf den Seiten 15-16 des Jahrganges 1899 der »Illustrierten aëronautischen Mitteilungen«.
Der Drache besitzt einen Schwanz aus mehreren Winddüten. Die Leine greift an einem Haltestrick an, welcher an einem unterhalb des Drachen situierten Querstabe (einem Zaum) angebracht ist.
F. Die Nickelschen Drachen.
Eine eigene Kategorie unter den Drachen bilden die Nickel-Drachen (Wien).
Der Nickelsche Drache, von welchem die Figuren 97 bis 99 ein deutliches Bild geben, sind nach dem Prinzipe der Flächenteilung konstruiert und mit einem Doppelsteuer, d. h. einem horizontalen und einem vertikalen Steuer versehen.
Dimensionen der Type A sind folgende: Länge 8 m, Breite 4 m, Gesamtfläche 12·2 m2. Das Hauptgestell besteht aus zwei mäßig in der Drachenebene gebogenen Fichtenstäben und senkrecht darauf, beiderseits befestigten Querstäbchen, welche (untereinander und mit den beiden Stäben durch ein brückenartiges Gitterwerk aus Stahldraht verbunden) die Achse bilden und ihr eine große Steifheit verleihen. Auf der Achse sind in bestimmten Abständen 6 Paar flügelförmige, aus Schirting und Weidenruten hergestellte Drachenflächen angebracht, welche wieder untereinander mit der Achse und mit den beiden Steuern fest verbunden sind. Das Gewicht dieses Drachen beträgt bloß 7 1/2 kg. Trotz dieses geringen Gewichtes ist er verhältnismäßig fest und widerstandsfähig.
Die ersten Versuche mit diesem Drachen wurden am 19. August 1899 auf dem nächst Krzeszowice (in Galizien) östlich gelegenen Hügel Vinica vorgenommen. Es wehte ein mäßiger Nordost, dessen Geschwindigkeit zwischen 3-5 m schwankte. Schon beim Transporte konnte man die ganz bedeutende Hebekraft des Drachen wahrnehmen. Auf dem Hügel angelangt, wurde der horizontal bewegliche und mit einer Bandbremse versehene Haspel an einem in die Erde getriebenen Pfahl befestigt und von der auf 100 kg Zug erprobten Leine in der Windrichtung circa 100 m abgewickelt. Nachdem der Drache angebunden und die Leine straff gespannt war, wurde er langsam mit der Spitze von der Erde gehoben. Schon bei einem Neigungswinkel von 45° erhob er sich rauschend in die Höhe und blieb bei steiler Leine vollkommen ruhig stehen. Nun konnte die Leine bei kontinuierlichem Höhersteigen des Drachen langsam bis auf ihre ganze Länge von 340 m nachgelassen werden.
Überraschend war, wie Nickel berichtet, der erste Aufstieg hauptsächlich deshalb, weil die sogenannte Wage sich selbst unter den günstigsten Winkel einstellte, was er einfach auf die Art erzielte, daß der Knoten der rückwärtigen Wageschnur nicht festgeknüpft, sondern verschiebbar befestigt wurde. Mehrfach vorgenommene Ballastproben ergaben bei einem Winde von circa 5 m eine Tragfähigkeit von 8 bis 10 kg, wobei die Leine mit 45 kg nicht mitgerechnet erscheint.
Der Nickelsche Drache Type C ist ähnlich wie das oben beschriebene System der Type A konstruiert, hat aber etwas größere Ausmaße u. zw. 8·2 m Länge, 4·5 m Breite, 16 m2 Tragfläche und 15 kg Gewicht.
Das Gerippe besteht aus einer zweiteiligen, aus oblonggekrümmten, überkantigen Stangen gebildeten Achse, welche mittels bikonvex profilierten Traversen und darin eingelassenen Stützen eine gitterartige Stahlverspannung trägt, wodurch sie steif und torsionsfest erhalten wird. Auf dieser Achse sind nebst dem Horizontal- und Vertikalsteuer mittels Schrauben sechs Armträger befestigt, welche beiderseits je drei parabolisch nach abwärts gekrümmte Rippen tragen, auf deren Enden die mit Ledertaschen versehenen Flächenüberzüge aus mit Wachs imprägniertem Marzellin aufgesteckt werden können. Das Horizontalsteuer ist 10° zur Drachenebene geneigt. Auf der Spitze ist noch ein kleines, dreieckiges Segel angebracht. Mittels aushängbarer Stahldrähte sind die Flächen und beide Steuer so mit der Achse fixiert, daß eine Verschiebung in der Drachenebene vermieden wird.
Der Drache ist leicht zerlegbar und kann von drei Mann in zehn Minuten montiert werden.
Einen der subtilsten Teile bildet die sogenannte Wage, richtiger das Gehänge. Dieses ist dreiteilig und so eingerichtet, daß sich der hintere Teil durch eine eingeschaltete Federwage bei Windüberdruck verlängert, wodurch der Neigungswinkel verkleinert wird.
Das Hochlassen erfolgte ursprünglich durch einfaches Hochheben der Spitze bis zu circa 45° gegen den Wind. Bei dem größeren Gewichte, der Länge der Achse und der Steifheit der Tragflächen war dies nur schwer möglich und konnten namentlich Seitenstöße des Windes gar nicht pariert werden, was bei der Unstetigkeit der Windrichtung wiederholt ein Kentern und in den meisten Fällen eine Beschädigung des Drachen nach sich zog.
Aus diesem Grunde befestigte Nickel auf der Spitze der Achse eine kleine Aluminiumfahne, so daß sich deren Stange stets vertikal stellen konnte, wodurch es ermöglicht war, in jedem Augenblicke die Windrichtung wahrzunehmen und die Korrektion des Standes zu bewirken.
Um weiters das unheilvolle Kentern zu verhindern, wurden nahe der Spitze zwei circa 10 m lange Sturmleinen befestigt und zum Hochheben des Drachen eine 5 m lange, mit einer Gabel versehene Bambusstange verwendet. Am Steuerhals ist überdies eine 20 m lange Landungsleine angebracht.
Das Hochlassen erfolgt nunmehr in folgender Weise. Nachdem vom Haspel ein genügendes Stück Stahldraht in der Windrichtung abgewickelt wurde, kann das Drahtende mittels Karabiner an dem Gehänge befestigt werden. Sodann wird der Meteorograph daran gehängt und mittels der Stange die Spitze gehoben. Der Steuermann hält das Vertikalsteuer am Boden fest und je ein Mann ergreifen die Sturmleinen. Auf das Kommando: »Einrichten!« visiert der Steuermann über die Windfahne und läßt so lange den Drachen rechts oder links bewegen, bis die Drachenachse und der Stahldraht mit dem Haspel in der Richtung der Windfahne stehen, worauf er »Fertig!« ruft. — Darauf läßt man die Sturmleinen solange nach, bis der Drache freischwebt. Ist der Wind günstig, wird »Los!« kommandiert, wobei die Sturmleinen gleichzeitig freigelassen werden, und der Drache ruhig in die Höhe steigt.
Mit dem Nickelschen Drachen wurden bei Windstille, von einer acht Meter hohen Terrainwelle abspringend, Gleitflüge bis auf 30 Meter Entfernung gemacht.
G. Kabel und Kabelwinde.
Bis zum Jahre 1896 verwendete man hanfene Drachenleinen. Diese besaßen aber viele Nachteile; sie rissen bei größeren Windstößen ab, waren teuer und boten durch ihre verhältnismäßige Dicke dem Winde eine sehr große Angriffsfläche. Dies führte zur Verwendung von Klaviersaitendraht. Dieser ist doppelt so fest und außerdem um die Hälfte billiger als Hanfleinen von demselben Gewichte. Dadurch, daß der Durchmesser der Saite nur etwa 1/6 so groß ist als derjenige der Hanfleine, wurde die dem Winddrucke ausgesetzte Oberfläche auch bedeutend reduziert.
Ein solcher Stahldraht besitzt einen Durchmesser von 3/4 mm und etwa 130 kg absoluter Festigkeit — eine horrende Ziffer — dabei wägt ein Kilometer nur 4 1/2 kg. Gegen eine gleich tragfähige 3000 m lange Hanfleine ist bei diesem Stahldraht um 11 1/4 m2 weniger Fläche dem auf sie einwirkenden Winde ausgesetzt.
Der praktische Erfolg bei Anwendung dieses Stahldrahtes zeigte sich dadurch, daß bei der gleichen Anzahl von Drachen nunmehr doppelt so große Höhen erreicht wurden.
Hier sei noch eines elektrischen Phänomens Erwähnung getan, welches sich anläßlich dieser Versuche zeigte. Sobald die als Leine dienende Klaviersaite auf circa 1000 m aufgelassen war, bemerkte man elektrische Funken, die von ihr ausgingen und unliebsame Schläge erzeugten, weshalb man die Drahtleine mit der Erde in leitende Verbindung setzen mußte. Diese Funken waren bei Schneestürmen besonders stark, zeigten sich aber auch bei klarem und bei bedecktem Himmel.
Von großer praktischer Bedeutung war endlich die Verwendung einer Dampfwinde an Stelle der bisher gebrauchten von zwei Mann bedienten Handwinde. Das Auflassen und Einholen der Drachen ist infolge der sich in der langen Leinenleitung progressiv fortsetzenden Stöße mit Schwierigkeiten verbunden und erfordert große Vorsicht. Es darf nur ganz allmählich geschehen, um den Erschütterungen Zeit zu lassen, sich auszugleichen. Mit Hilfe der Dampfwinde wird diese Manipulation gleichmäßiger, wesentlich erleichtert und das Material geschont. Hierzu trägt auch ein an der Winde angebrachter Apparat bei, der ohne weiteres die Länge des abgelaufenen Kabels und die Höhe des Drachen unter Berücksichtigung der Seildurchhängung abzulesen gestattet.
3. Drachenaufstiege.
Als das eigentliche Vaterland jener Drachen, welche uns hier speziell interessieren, müssen wir Amerika bezeichnen.
Dortselbst prüfte Eddy vom 27. Juli bis 6. August 1894 die malayischen Drachen in größerem Umfange auf dem bekannten, meteorologischen Observatorium, das auf dem 195 m über dem benachbarten Atlantischen Ozean gelegenen »Blue Hill« bei Boston errichtet ist. Am 1. August glückte es ihm, ein System von sieben Drachen 1080 m hoch steigen zu lassen. Einige Tage später wurde ein für diese Zwecke umgeänderter Richardscher Thermograph mitgenommen. Das Instrument blieb volle vier Stunden in der Höhe von 425 m.
Über die hierbei gemachten, meteorologischen Beobachtungen, bei welchen auch das Vorkommen großer Luftwirbel unterhalb Kumuli-Wolken nachgewiesen wurde, berichtet der Meteorologe Helm Clayton ausführlich.
Am 6. August versuchte man bei schwachen, westlichen Winden Drachen in die Höhe zu bringen und hatte es auch durch Hin- und Herziehen der Leine erreicht, einen Drachen von 1 1/2 m Durchmesser in einer geringen Erhebung vom Erdboden zu erhalten. Als nun um 2 Uhr 20 Minuten eine ziemlich große Kumulus-Wolke sich dem Zenith näherte, begann der Drache plötzlich in fast senkrechter Richtung zu steigen, solange, bis die Leine gänzlich abgelaufen war; er folgte dann der Wolke eine kurze Strecke über den Zenith hinaus, um hierauf schnell auf die Erde hinabzustürzen. Die Höhe, welche der Drache erreicht hatte, betrug beiläufig 350 m über dem Erdboden.
Die interessanten und sehr instruktiven Ergebnisse dieser Drachenversuche veranlaßten Herrn A. L. Rotch, den bekannten Meteorologen und Besitzer des Blue-Hill-Observatoriums, dieselben weiter fortzusetzen. Unter seiner Leitung haben nun nach einem Berichte der Boston »Commonwealth« vom 9. Mai 1896 seine Assistenten, Helm Clayton, Fergusson und Sweetland, zahlreiche und mühsame Untersuchungen angestellt, die sich zunächst auf die Art der zu verwendenden Drachen bezogen.
Hierbei sind nach drei Seiten hin erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen. Diese beziehen sich auf die Anwendung neuer Drachensysteme, eines Stahldrahtkabels und einer Dampfwinde.
Ausgerüstet mit allen diesen trefflichen Apparaten, erzielten die Amerikaner Resultate, welche die Welt in gerechtes Erstaunen versetzten. So gelang es ihnen schon bei dem am 15. Oktober 1897 unternommenen Versuche den Meteorographen, welcher zugleich die Temperatur, den Luftdruck und die Feuchtigkeit automatisch registrierte, 3370 m hoch über den Erdboden zu bringen. Der Gipfeldrache stieg noch 40 m höher in die Luft. Am Ende des Kabels befand sich ein Lamsonscher und ein verbesserter Hargrave-Drache von 6·6, beziehungsweise 3·35 m2 Oberfläche, während die beiden anderen kleineren Drachen Hargravescher Konstruktion von je 2·13 m2 Fläche in Entfernungen von 2000 bis 2500 m am Haltedraht befestigt waren. Die gesamte hebende Oberfläche belief sich demnach auf mehr als 14 m2. Die Gesamtlänge des abgelaufenen Kabels betrug 4600 m, und den Maximalzug zeigte der Dynamograph mit 68 kg an. Ausgestattet mit dem vorzüglichen von Fergusson gebauten Baro-Thermo-Hydrographen wurde so der Drache ein wertvolles Inventarstück des meteorologischen Observatoriums.
Am 26. August 1898 erreichte ein Lamson-Drache 3400 m über seinem Aufstiegsort oder 3680 m über dem Meeresspiegel. Mehrere kleinere Hargrave-Drachen wurden an der Hauptleine 1600 m unterhalb des Leitdrachens befestigt, um beim Heben des Drahtes mitzuwirken.
Am 19. Juli 1900 erreichte auf dem Blue-Hill eine Gruppe von sechs Drachen die Höhe von 4846 m. Die Drachen trafen bei ihrem Aufstiege keine Wolken an, jedoch war der höchste Drache schließlich kaum mit freiem Auge zu sehen. 7600 m Stahldraht wurden als Kabel ausgegeben. Der Meteorograph erreichte eine Höhe von 4815 m über dem Meere. Die Temperatur sank hier bis auf den Nullpunkt. Gleichzeitig herrschte große Trockenheit und ein Nordwestwind von 12 m per Sekunde.
Es konnte nicht fehlen, daß die auf dem Blue-Hill angestellten Versuche in Fachkreisen und darüber hinaus die größte Aufmerksamkeit erweckten, um so mehr, als die in kurzer Zeit hierbei gewonnenen Resultate weit über das hinausgingen, was man von diesen Experimenten zunächst erwarten zu können glaubte. Die Beschäftigung auf diesem Gebiete der Aëronautik hat infolgedessen einen neuen und mächtigen Impuls erhalten, ganz besonders in der Heimat dieser Versuche, den Vereinigten Staaten von Nordamerika. So sind kürzlich eine Anzahl Gelehrter, an deren Spitze der Direktor des Harvard-Observatoriums, Professor Pickering, und der frühere Präsident des Vereines amerikanischer Zivilingenieure O. Chanute stehen, in Boston zu einer Vereinigung zusammengetreten, welche die Vervollkommnung der Drachentechnik zu ihrer Aufgabe gemacht und zur Förderung dieses Zweckes Preise für die besten Lösungen verschiedener spezieller Fragen ausgesetzt haben.
Professor Marvin hat im Laufe der Zeit in den Vereinigten Staaten 16 Drachen-Stationen über das Land verteilt und eingerichtet, von denen wichtige Förderung für den Dienst der Wetterprognose zu erwarten ist. Allerdings mußten einige Stationen wegen Mangel an Wind wieder aufgelassen werden.
Mit Freude und Genugtuung erfüllte es Mr. Rotch und seine Mitarbeiter am Blue Hill-Observatorium, daß die im Jahre 1896 in Paris tagende Konferenz von Direktoren meteorologischer Institute den Entschluß faßte, die Anstellung von Drachenversuchen, wie solche auf dem Blue-Hill-Observatorium gemacht werden, auch anderwärts als sehr wünschenswert zu empfehlen.
Der rührige Straßburger Luftschiffahrtsverein, unter der bewährten Führung von Dr. Hergessel und (damals) Hauptmann Moedebeck, ist meines Wissens der erste, der diesem Aufrufe gefolgt ist und die mühsamen, aber auch Erfolg verheißenden Drachenexperimente auf dem Kontinente in Angriff genommen hat. Hierauf hat Teisserenc de Bort in seinem »Observatoire de Météorologie dynamique« in Trappes bei Paris sich diesem Forschungszweige unter Aufwendung beträchtlicher, eigener Mittel mit hervorragendem Erfolge zugewendet.
Einen großen Fortschritt in Drachenaufstiegen hat Rotch dadurch erzielt, daß er in antizyklonalem, fast windstillen Wetter Drachen auf einem Dampfschiffe emporschickte. Am 22. August 1901 stiegen auf einem Dampfer, der von Boston aus mit 4 1/2 m p. S. unter einem Winkel von 45° gegen den Wind fuhr, drei Hargrave-Drachen 800 m hoch, bei einer Kabellänge von 1100 m. Leider war nicht mehr Kabel an Bord. Die Versuche wurden zweimal — am Morgen und am Abend desselben Tages — ausgeführt. Die Drachen erhoben und senkten sich so leicht und stetig, daß keinerlei Gefahr für Drachen oder Apparate vorhanden war. Rotch will nun, wie er auf dem letzten aëronautischen Kongreß detailliert ausführte, den Atlantischen Ozean in der Richtung auf die afrikanische Westküste kreuzen, um aus diesen Breiten, von deren Verhältnissen in den hohen Schichten der Atmosphäre wir so gut wie nichts wissen, womöglich Beobachtungen über die Gegenpassate zu sammeln.
4. Drachen-Observatorien.
In gewohnter energischer Weise wurden die Drachenaufstiege auch in Berlin begonnen und dazu ein eigenes Etablissement gegründet, welches Geheimrat Prof. Assmann leitet.
»Das aëronautische Observatorium des königl. meteorologischen Institutes« am Tegeler Schießplatze bezweckt, an Stelle der bisher nur gelegentlich ausgeführten, wissenschaftlichen Luftschiffahrten eine feste Organisation mit bestimmten, ihr im Budget zugewiesenen Mitteln zu setzen, um mit Hülfe von Drachenballons und Drachen regelmäßig und ohne Unterbrechung meteorologische Untersuchungen der erreichbaren Schichten der Atmosphäre vorzunehmen.
Für diesen Zweck wurde ein Grundstück an der Grenze des Tegeler Schießplatzes zugewiesen, auf dem später die vom Tempelhofer Felde nach Tegel verlegte militärische Luftschiffer-Abteilung Nachbarin wurde.
Die Errichtung dieses Gebäude-Komplexes, dessen regelmäßiger Betrieb im Jahre 1901 eröffnet wurde, ist nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten vor sich gegangen. Professor Assmann und Dr. Berson, die vor endgiltiger Feststellung der Baupläne in Paris waren, um das dort vorhandene Vorbild zu studieren, erkannten bei dieser Gelegenheit schon, daß die Nachbarschaft hoher Bäume und eines viel benutzten Schieß- und Exerzierplatzes besondere Maßnahmen notwendig machen würden, um die Kabel der Ballons und Drachen vor Beschädigung zu schützen und Klagen wegen Störung der militärischen Übungen zu verhüten.
Es mußte deshalb, abweichend von Paris, wo das Institut auf einer ringsum freien Ebene gelegen ist, ein Turm von 27 m Höhe in den Bauplan aufgenommen werden, von dessen Plattform der Aufstieg unbehindert vor sich gehen kann. Nächstdem hat auf dem Gelände ein Dienstgebäude mit den nötigen Arbeitsräumen, sowie Wohnungen für einen Ballonwärter und zwei Ballongehülfen, eine Ballonhalle und ein Windenhaus Platz gefunden.
Letzteres, ein 3 1/2 m im Durchmesser haltendes, achteckiges Gebäude mit Glasdach, enthält die Winde zum Auflassen und Einholen der Ballons und Drachen. Zum Betriebe dieser Winde dient eine im Souterrain des Dienstgebäudes aufgestellte Dampfmaschine, die aus der Fabrik des leider viel zu früh dahingerafften Otto Lilienthal hervorgegangen ist.
Die Dampfmaschine betreibt eine an derselben Stelle befindliche Dynamomaschine, welche die Anstalt mit elektrischem Lichte versieht und zugleich eine Accumulatorenbatterie speist, von der nach Bedarf Elektrizität zum Antriebe eines die Winde betätigenden Elektromotors entnommen wird. Die letztere besitzt, außer genauen Registriervorrichtungen, die in jedem Augenblicke die Länge des abgelaufenen oder noch nicht aufgelaufenen Kabels festzustellen erlauben, als besonders wichtigen Teil eine den Zug des Kabels aufzunehmende Rolle, wodurch bewirkt wird, daß letzteres in geringer und stets gleichbleibender Spannung von der Trommel ab- oder auf sie aufläuft. Dies ist notwendig, weil zeitweise bis 10.000 m Draht auf der Trommel Platz finden, welche sich durch Hineindrücken der oberen in die unteren Lagen verwirren würden, falls ein starker Zug auf den ab- oder aufwickelnden Draht ausgeübt würde. Natürlich ist auch für ein ganz gleichmäßiges Auflaufen, Windung neben Windung, automatische Umkehr nach Vollendung einer Lage, stets gleichbleibende Umfangsgeschwindigkeit u. s. f. gesorgt.
Von der Winde aus geht das den Ballon oder Drachen tragende Kabel nach der Plattform des Turmes. Dort befindet sich die bei anderer Anordnung neben der Winde stehende, sogenannte Erdrolle, deren Einrichtung gestattet, sie in jeder Richtung einzustellen, die der herrschende Wind vorzeichnet. Die Hinaufbringung der Aërostaten auf den Turm, sowie beim Einziehen ihre Herabführung auf die Erde, hat besondere Vorrichtungen nötig gemacht, welche indessen, nach den Berichten von Assmann, so zufriedenstellend funktionierten, daß eine Berührung mit dem Turme, die leicht Aufenthalte und Beschädigungen zur Folge haben könnte, ganz vermieden wird. Im übrigen ist durch nachträgliche Verbreiterung des Grundstücks auf 100 m ein Operationsraum von nahezu 50 m rechts und links des Turmes gewonnen worden.
Der zur Zeit vorhandene, mit Wasserstoff gefüllte Drachenballon hat eine Länge von 10 m. An Drachen kommen alle möglichen Systeme in Verwendung, u. a. viele Hargrave-Drachen von 2 1/2-5 m2. Als Kabel dient beim ersteren verzinnter Tiegelgußstahldraht von 1.3 mm Durchmesser, bei den anderen solcher von 0.7 mm Durchmesser. Der erstere besitzt eine Festigkeit von 300 kg und wägt pro 1000 m 10 kg, der letztere hat die Reißfestigkeit von 90 kg und wägt 3.7 kg pro 1000 m.
Die mit Registrierung versehenen Instrumente für meteorologische Beobachtungen hängen vom Kabel etwas unterhalb seiner Befestigung am Ballon oder Drachen herab.
Schwieriger als das Auflassen von Drachen ist häufig das Einholen, namentlich wenn inzwischen der Wind abgeflaut hat, weil dann, um das Fallen zu verhüten, durch sehr schnelle Drehung der Windentrommel künstlich Wind erzeugt werden muß. Umgekehrt macht eingetretene Verstärkung des Windes das Einholen, welches einer weiteren Verstärkung des Windes gleichkommt, öfters zu einer, mit großer Vorsicht und sehr langsam zu bewirkenden, oft schwierigen Arbeit, weil für das Kabel die Gefahr der Überanstrengung und somit des Bruches naheliegt.
Von großem Interesse sind die anschaulichen Schilderungen der Tätigkeit dieses aëronautischen Observatoriums, wie sie Geheimrat Professor Assmann gelegentlich der Sitzung des letzten internationalen aëronautischen Kongresses entworfen hat.
Daß bei dem Inslebenrufen einer so neuen und eigenartigen Schöpfung auch kleinere Unfälle sich ereigneten, ist wohl selbstverständlich. So z. B. rissen bei einem Aufstiege auf 4360 m fünf Drachen mit circa 6000 m Draht ab und verletzten dabei einen Knaben nicht unerheblich. Die beiden obersten Drachen machten eine 140 km lange Fahrt nach Forst in der Lausitz.
Am bedenklichsten schien bei dem Abreißen der Drachen die Gefahr, daß der fortschleifende Draht sich auf die Drähte der dem Observatorium bis auf 800 m genäherten elektrischen Bahnen lege. Es sind deshalb die nächstgelegenen Bahnlinien mit seitlichen, zur Erde abgeleiteten Schutzdrähten versehen, welche ein sofortiges Durchbrennen eines diese und die Starkstromleitung berührenden Drachendrahtes bewirkt, worauf er stromlos herabfällt.
Außerdem wird künftig dafür Sorge getragen werden, Drähte, beziehungsweise Kabel von größerer Bruchfestigkeit zu verwenden, und in das Kabel, außer den Hauptdrachen, noch Drachen mit Leinen von geringerer Festigkeit einzuschalten, damit eventuell durch das Abreißen dieser »Sicherheitsdrachen« der Zug am Kabel verringert werde.
Die in Berlin erzielten Resultate reihen sich den Erfolgen der Amerikaner auf diesem Gebiete würdig an die Seite. So erreichten 60 Drachen schon eine Höhe von 5000 m und 35 eine noch größere Höhe.
Leider fehlt es an Platz, hier auch noch eingehender die einschlägigen Bestrebungen der Franzosen zu behandeln. Es genügt, zu sagen, daß auch sie den Drachen in ihren Dienst gestellt und vorzügliche Resultate mit ihm erreicht haben. Besonders ist es wieder Teisserenc de Bort, der darin Hervorragendes leistete.
5. Drachenaufstiege mit Menschen.
Im Jahre 1892 begann der bekannte englische Aëronaut Baden-Powell systematische Versuche mit großen Drachen, um festzustellen, ob man sie an Stelle von Fesselballons zum Hochnehmen von Menschen verwenden könne. Seine früheren Versuche hatten zu folgenden Ergebnissen geführt:
1. Ein Schwanz, wie er im allgemeinen bei Kinderdrachen angebracht wird, ist unnötig.
2. Bei stürmischem, böigen Winde kann man Drachen vollkommen stabil in der Luft halten, wenn man sie an zwei Leinen befestigt, deren Haltepunkte auf der Erde etwas voneinander entfernt sind.
3. Die beste Drachenform, mit Hinsicht auf geringes Gewicht, leichte Zusammenlegbarkeit, große Hebekraft, ist ein Sechseck, in welchem das Gestell aus drei Stangen von gleicher Länge besteht, deren eine senkrecht stehend von den beiden andern gekreuzt wird.
Schon im Jahre 1894 gelang es Baden-Powell am 27. Juli einen Menschen mit Drachen in die Luft zu heben. Bei einer Versuchsreihe benützte er Drachen an zwölf verschiedenen Tagen, indem er »das Wetter nahm, wie es gerade kam«. Hierbei wurde an neun Tagen ein Mensch durch den Apparat emporgehoben, während nur an drei Tagen hindurch der Wind zu schwach war. Oftmals stiegen alle Drachen bis zu 100-130 m empor, welche einen Menschen zu heben vermochten.
Baden-Powell fand bei »gewöhnlichem« Wetter eine Drachenfläche von circa 50 m2 ausreichend, um das Gewicht eines Menschen zu heben. Bei hohen Aufstiegen befestigte er einen Fallschirm über der unter dem Drachen aufgehängten Gondel, in welcher der Beobachter Platz nahm.
Man kann entweder einen Drachen oder fünf kleine benützen. Das Gewicht des ganzen Apparates beträgt kaum fünfzig Kilogramm und kann in einer Rolle von 4 m Länge durch 2-3 Männer überallhin transportiert und in wenigen Minuten (2-3) wieder zum Aufstiege klar gemacht werden.
In London erhält man solche Drachen für circa 1200 Kronen.
Die Fig. 101 zeigt einen Drachen nach System Hargrave, welcher einen Beobachter, den Leutnant Wise, hochhebt.
Major Baden-Powell nahm seine Drachen auch nach Afrika mit.
Im Aëronautical-Journal teilt er mit, welch große Schwierigkeiten es zunächst bereitet hat, sie überhaupt nach dem Kriegsschauplatze zu befördern. Nachdem sie als persönliches Gepäck zurückgewiesen worden waren, ist es nur möglich geworden, sie unter der Bezeichnung von »ärztlichen Zubehörstücken« nach dem Kaplande zu befördern.
Major Baden-Powell hat sodann im Lager am Modder-River verschiedene Versuche gemacht, besonders mit Photographieren vom Drachen aus. Diese Versuche sollen erfolgreich gewesen sein.
Weiterhin ist der Drache zufällig für die Telegraphie ohne Draht sehr nützlich gewesen, weil die damit beauftragten Militärs bei ihrer Ankunft nichts vorbereitet fanden, um die Empfangsdrähte hochzunehmen. Unter diesen Verhältnissen waren die Baden-Powellschen Drachen von unschätzbarem Werte, denn sie erlaubten, bald über 137 km weit die Telegraphie aufzunehmen, während die Marconischen Apparate andernfalls vollkommen nutzlos im Lager gelegen hätten.
Einen anderen Drachen, womit Menschen aufgehoben wurden, baute Millet. Bei diesem in Fig. 102 abgebildeten Drachen soll ein Mann imstande sein, im Falle des Reißens der Leine den Drachen sofort in einen Fallschirm zu verwandeln, indem die großen Seitenflächen heruntergeklappt werden und nun die Luft fangen. Ferner soll der Insasse es in der Hand haben, zu steigen oder zu fallen.
Der Korb hängt deshalb auf einer losen Rolle und man kann ihn mittels Tauen näher an die Hochlaßleine heranziehen oder ihn ablassen. Dadurch wird die Lage des Schwerpunktes unter der Drachenfläche geändert und der Drache bietet dem Winde seine Fläche unter einem größeren oder kleineren Winkel dar; er steigt also oder fällt.
Sehr intensiv scheint man sich in Rußland für Drachenaufstiege mit Menschen zu interessieren. Als Beweis dafür setze ich nachstehenden Bericht, welchen ein Freund der »Illustrierten aëronautischen Mitteilungen« diesen sendete, hierher. Er schreibt u. a.:
»Es wurden vier flache, sechseckige Drachen des Luftschifferparks, die zum Aufheben eines bemannten Korbes ausreichen, hochgelassen. Nachdem 400 m des Seils abgelassen worden waren, ergab sich ein Zug von 220 kg. (Dynamometer Konstruktion Garut.)
Herr Ulianin führte zwei sehr große Drachen vor, die eine Abänderung der Hargrave-Drachen bilden und etwa 60 m2 tragender Oberfläche besitzen. Beide wurden hochgelassen und ihre Seile miteinander verbunden. Am Verbindungsknoten befestigte man eine leichte Gondel, von der zum Anziehen zwei Hilfsstricke nach unten liefen.
Die Aufstiege, welche viele Liebhaber fanden, waren nicht hoch, etwa 60 m und dauerten je 5 Minuten. Sie wurden 20mal wiederholt. Unter anderen Mitgliedern der Konferenz hob man auch den Herrn Generalleutnant Anossow, Kommandant der Stadt Kiew, hoch. Alle die aufgestiegen waren, erklärten einen solchen Aufstieg für völlig ungefährlich. Die Drachenkonstruktion erregte wegen ihrer großen Stabilität in der Luft bei Anwendung von zwei oder drei Drachen Aufsehen.
Gleichzeitig wurde auch ein Drachenfallschirm-System Niezchdanowsky gezeigt, das sich ebenfalls bewährte.«
VII. Kapitel.
Der persönliche Kunstflug.
1. Lilienthals Versuche.
Durchblättert man die Geschichte der Luftschiffahrt, so wird man schon im grauen Altertume Sagen von fliegenden Menschen finden, so z. B. bei den Scythen und anderen Völkern.
Obwohl die Nachrichten hierüber nicht reichlich fließen, so läßt doch manche Andeutung darauf schließen, daß mehr als ein Experiment in dieser Hinsicht mit Erfolg gemacht worden ist.
Diesen Ausspruch dokumentieren nicht allein die uns aus allen Weltteilen und von allen Völkern überlieferten Sagen über »fliegende Menschen«, sondern auch eine Reihe meist unglücklich verlaufener Bestrebungen, welche geschichtlich beglaubigt sind. Der Raum ist hier zu beschränkt, um durch Namen und Zahlen diese Behauptung ausführlicher zu erhärten. Deshalb sollen nur die in dieser Richtung in den letzten Jahren erzielten Erfolge besprochen werden.
In erster Linie ist hierbei eines Mannes zu gedenken, der einen großen Teil seines Lebens, und zuletzt dieses selbst, der Flugfrage opferte und es auch schließlich dazu gebracht hatte, über 300 m weit sich in der Luft fortzubewegen.
Es ist dies der Berliner Maschinenfabrikant Otto Lilienthal, dem alle Flugtechniker die größte Bewunderung und Dankbarkeit zu zollen Ursache haben. Lilienthal hat seine Vorgänger in der Ausführung des Schwebefluges bedeutend überholt, er war der erste, der ihn systematisch betrieb, und Tausende von Flugversuchen mit erstaunlicher Kühnheit und Sicherheit ausführte.
Das Prinzip, welches er verfolgte, ist die Ausführung des sogenannten Drachenfluges, wobei er von einer Anhöhe aus mit Hilfe eigens zu diesem Zwecke konstruierter Segelflächen den Flugsprung begann.
Anfangs baute Lilienthal kleinere Apparate und fügte den einfachen Segelflächen ein schwanzartiges, horizontales und ein darauf senkrecht stehendes, vertikales Steuer hinzu, um hierdurch eine bessere Einstellung gegen den Wind zu erreichen. Im Laufe der Jahre konstruierte er dann eine große Anzahl von verbesserten und stets selbst erprobten Apparaten. Sein im Jahre 1891 hergestelltes Modell bestand aus einem flügelartigen Weidenholzgestelle, das mit wachsgetränktem Schirting überzogen war. Die Flügelfläche wölbte sich im Verhältnisse 1 : 12 parabolisch, hatte die Gestalt ausgebreiteter Vogelflügel und maß von Spitze zu Spitze sieben Meter Länge, 2 1/2 m der Breite nach und hatte 14 m2 Areal.
In diese ziemlich primitive, 20 kg schwere Vorrichtung hängte er sich mit seinen beiden Unterarmen in entsprechende Polsterungen des Gestelles ein, erfaßte zwei Handgriffe, nahm einen Anlauf gegen den Wind und schwebte kurze Zeit darauf in der Luft über die Köpfe der nie fehlenden Zuschauer hinweg. Von fünf Auffahrtsplätzen, welche aus 15 bis 30 Meter hohen Hügeln bestanden, unternahm Lilienthal im Laufe von zehn Jahren seine immer vollkommener sich gestaltenden Versuche.
Die Lenkung bewirkte er durch einfache Verlegung des Schwerpunktes des Körpers nach vorne oder rückwärts. Durch dessen Verlegung nach links wurde sofort das infolge des stärkeren Luftdruckes gehobene linke Flügelpaar gesenkt oder umgekehrt das rechte durch Verlegung des Schwerpunktes nach rechts.
Mehr als einmal wurde bei den Versuchen die Ablenkung von der geraden Flugrichtung soweit getrieben, daß Lilienthal zeitweilig auf seinen Ausgangsplatz zuflog. Sehr unangenehm machten sich bei diesen Versuchen jedoch stärker auftretende Windstöße fühlbar, weil dabei die Gefahr vorlag, daß diese Stöße, wenn auch nur einen Augenblick, den Apparat von oben treffen könnten, wodurch er unfehlbar in die Tiefe gestürzt und zerschellt worden wäre.
Sollte bei mäßigem Winde gelandet werden, so mußte der Apparat durch das Zurücklegen des Körpers vorne gehoben und die Beine, wie beim Sprunge, unmittelbar darauf schnell vorgeworfen werden. Bei etwas stärkerem Winde senkte sich der Apparat ganz sanft zur Erde.
Zu Beginn seiner Experimente, also in der Periode der Lernzeit, waren unangenehme Fälle, Verstauchungen und Verrenkungen nicht selten; stets aber waren sie, wie Lilienthal selbst humoristisch erzählte, »rasch wieder geheilt« und er begann seine Luftfahrten aufs neue mit ungebrochenem Mute.
Eine stattliche Reihe von Momentphotographien, alle Phasen dieses Schwebefluges darstellend, haben sowohl Lilienthal selbst, als ihm befreundete Herren zum Gegenstande.
Oft erhob sich Lilienthal, dank glücklich ausgeführter Luftsprünge, viel höher, als es der Höhe der Abfahrtsstelle entsprach, er machte kleine Bögen nach rechts und links oder stand zeitweilig in der Luft ganz still. Die Dauer dieser Luftsegelpartien betrug 10 bis 30 Sekunden, der Fall 1 : 10, manchmal sogar noch mehr.
In weiterer Folge baute Lilienthal einen Apparat, der zwei Tragflächen von je 9 m2 besaß, welche übereinander angeordnet waren, nur 5 1/2 m Spannweite besaßen und von welchen die obere Fläche die untere etwas überragte.
Auch mit diesem Vehikel, das leichter gegen den Wind zu dirigieren war, wurden zahlreiche Luftfahrten veranstaltet. Eben ging Lilienthal daran, die Flügel beweglich zu gestalten und mit Hilfe eines kleinen Motors, der mit allem Zubehöre nur 40 kg wog und während vier Minuten 2 1/2 Pferdestärken leistete, den Ruderflug der Vögel zu imitieren, als den kühnen, zielbewußten Mann, zur Trauer aller Flugtechniker, sein Schicksal am 9. August 1896 ereilte.
Er stürzte aus 15 m Höhe mit seinem Apparate kopfüber zur Erde und brach das Rückgrat. Ob ein plötzlicher, starker Windstoß, oder ein Gebrechen an den Flügeln, oder eine andere Ursache das Unglück veranlaßte, ist bis heute nicht recht aufgeklärt.
Lilienthal hat schon zu seinen Lebzeiten viele Nachahmer und Abnehmer seiner Apparate gefunden. Nach seinem Tode forschte man den Ursachen seines Unglückes nach, und glaubte, ein Stabilitätsgebrechen habe die Katastrophe herbeigeführt.
Ein Schüler Lilienthals, der englische Flugtechniker Pilcher, welcher mit ähnlichen Apparaten wie ersterer zu Stanford Park bei Market Harborough manövrierte, fiel leider gleich diesem einem gleichen Schicksale am 30. September 1900 zum Opfer.
Neu ist die Methode, wie Pilcher sich künstlich vermehrten Wind schuf. Der Apparat war an einer 3-400 m langen Leine befestigt, und wurde durch ein Pferdegespann mit einem losen Flaschenzuge gegen den Wind gezogen. An seinem Todessturze war ein in der Luft gebrochenes Steuer schuld. Die Fallhöhe des sich jäh nach vorne überschlagenden Apparates betrug nur 10 m. Percy Sinclair Pilcher war seit 1897 eines der eifrigsten Mitglieder der »Aeronautical Society of Great Britain« und beschäftigte sich seit 1894 mit Lilienthalschen Apparaten, von denen er einen käuflich erwarb.
2. Der Leiterdrache.
Angeregt durch die erfolgverheißenden Versuche Lilienthals, beschäftigten sich in Amerika Chanute und Herring mit der Frage des persönlichen Kunstfluges. Es lag nahe, sich zuerst ähnlicher Apparate wie der Berliner Flugtechniker zu bedienen, speziell gilt dies von Herring, welcher direkt solche Apparate gebaut hat. Bald jedoch wandelten sie eigene Pfade, und zeigte es sich auch hier, daß der Schüler den Meister übertraf.
Schon bevor Lilienthal verunglückte, gaben sie die Flugversuche mit seinen Apparaten auf, weil sie ihnen zu wenig stabil erschienen. Sie stellten die Frage nach der erforderlichen Stabilität allen anderen Gesichtspunkten voran und behaupteten mit Recht, daß zur Förderung der Sicherheit die Stabilität das erste Problem sei, welches, unter zeitweisem Ausschluß aller anderen Probleme, gelöst werden müsse.
Das hauptsächlichste Streben sollte dahin gerichtet sein, eine automatische Stabilität durch entsprechende Konstruktion der Maschine selbst zu erreichen. Wir bemerken da zwei wohl zu beachtende Unterschiede. Während Lilienthal die Stabilität seiner Maschine durch entsprechende Körperbewegungen erzielte, blieb Chanute in ihr fast unbeweglich, zwang dafür aber seine Maschine, durch selbsttätige Verstellung ihrer Flächen, sich automatisch in der richtigen Lage zu erhalten. Diesem Gedankengange folgend, bauten die Amerikaner Chanute und Herring ihre Maschinen zur Vornahme der Gleitflugversuche. Sie gingen von dem sogenannten Leiterdrachen, der bei jeder Windstärke große Stabilität gezeigt hatte, aus.
Diese Leiterdrachen bestehen dem Wesen nach aus drei hintereinander gestellten Hargrave-Zellen. Jede Zelle ist, um zwei Flügel herzustellen, in zwei Teile geschnitten. Die Wurzel jedes Flügels ist an dem Hauptrahmen derart mit Angeln befestigt, daß der Flügel an demselben in horizontaler Richtung nach vor- oder rückwärts schwingen kann. Diese Bewegung wird jedoch durch Gummischnüre entsprechend gehemmt. Der Hauptrahmen selbst ist in Scharnieren beweglich und kann nach Bedarf aus einer rechteckigen Form in eine rhombische übergehen. Selbstverständlich folgen die Drachenflächen diesen Bewegungen des Hauptrahmens und bilden eine Art von Stufen, daher der Name der Drachen.