XIII.
"Eine komische, kleine Stadt!" hatte er noch vor drei Stunden zu sich selbst gesagt.
Aber von dieser Höhe aus gesehen schien die Stadt weder klein noch komisch, und er dachte, es müsse gräßlich sein, in ihr zu leben und zu sterben.
Gewiß—man wußte nicht mehr, was der Nachbar kochte und aß, aber was er trieb und ließ, man kümmerte sich darum noch immer bis in die kleinsten Einzelheiten hinein.
Daher wagte sich keiner zu rühren, und bei jeder Handlung, die er beging, sah er zuerst den anderen an, ob dieser dasselbe je getan oder je tun würde.
Es gab Männer von Genie in dieser Stadt: aber ihr Genie war völlig einseitig. Es war einzig darauf gerichtet, Geld in möglichst großen Massen zusammenzuspeichern. Ein schlechterer Gebrauch konnte von demselben nicht gemacht werden, wie es hier geschah: es blieb oft einfach liegen und vermehrte sich dann—infolge der Privilegien, die es schützten—von selbst. Es zog alle Kraft und alle Energie dieses ganzen Landes an sich. Es war ein kaltes, grausames, sinnloses Ungetüm, unersättlich und gierig.
Auch denen, die es besaßen, gab es nichts. Denn sie hatten keinen
Geist. Sie hatten keine Spur von Geist. Sie machten alle Jahre eine
vierwöchentliche Reise und schickten ihre Söhne einige Jahre in die
Freiheit des Lebens.
Außerdem gaben sie alle paar Wochen ihrer ganzen Familie große Essen, bei denen es hoch herging. Man sprach im heimischen Dialekt und ergänzte die Familienchronik.
Das war aber auch alles. Für kein Vergnügen feinerer Art hatte man hier den geringsten Sinn. Man besaß kein Theater, keine Konzerthalle, und man kaufte nie ein Buch. Die Kunst war hier so heimatlos wie die Wissenschaft.
So war es vor zehn Jahren noch gewesen.
Ob es heute noch so war, wußte Grach nicht. Es war ihm auch gleichgültig. In der Zeitung der einen Stadt—die der einen war konservativ, die der anderen freisinnig, und sie lagen sich natürlich beständig in den Haaren—hatte sich noch kein Wort geändert gegen früher. Er hatte sie beim Essen durchflogen.
Nein, es war keine komische Stadt, wenigstens nicht für den, der in ihr zu leben gezwungen war.
Es war auch eigentlich keine kleine Stadt, denn sie füllte, wie er jetzt sah, die ganze Breite dieses Tales. Sie hatte sich vergrößert. Man hatte—traurig genug—zu den drei alten noch zwei neue Kirchen gebaut.
Dieses Tal entbehrte der Anmut nicht. Der träge Fluß durchschnitt üppige Wiesen, und die Hügel waren bedeckt mit dichtem Tannen und Laubholz. Aus einer dieser dunklen Kuppen ragten die schlanken Turmspitzen eines modernen Schlosses in den sonnenheißen Himmel. Dort wohnte der König der Gegend. Er wußte, daß er das war: er redete seine Arbeiter mit Ihr an und sorgte für sie, wie "ein Vater für seine Kinder." Ihm ging es gut dabei; seinen "Kindern" weniger. Never mind!—
Und immer wieder wandten sich Grachs Augen nach rechts und nach links, dorthin, wo an den Grenzen seiner Blicke die Wolken des Rauches sich ballten zu seltsamen, fremdartigen, formlosen Gebilden.
Ideen schienen es zu sein, die nach Gestaltung rangen. Und er sah im Geiste den Tag, wo diese Ideen, nicht am hellen Nachmittag in heißer Sonne, nein, am kühlen Abend, beim Beginn der Nacht, in rußige, markige Gestalten verkörpert, von beiden Seiten dieses Tales herangezogen kamen und diese ganz abgelebte Gewöhnlichkeit, dieses ganze Nest von Aemtern, Titeln und Würden, diese ganze Uniformität der Gesinnung so durcheinander rüttelten, daß die friedlichen Schläfer dieser guten Städte am nächsten Morgen nicht mehr wissen würden, auf welcher Seite des Flusses sie eigentlich waren.
Dann würde er vielleicht endlich geendet sein, der erbitterte Streit um die Oberherrschaft.
Aber dann würde es auch zu spät sein.
——————————————————
Eine komische kleine Stadt!
Nein, es war weder eine komische, noch eine kleine Stadt.
Trotz der Hitze fröstelte Grach.
Die Sonne quälte ihn, und seine undankbaren Gedanken quälten ihn ebenfalls.
Hatte er nicht Grund, dankbar zu sein?
Dankbar dafür, daß er nicht mehr hier zu leben brauchte?—
Er wandte sich ab und stieg den Weg weiter hinauf. Ein Blechschild fiel ihm in die Augen:
"Gartenwirtschaft". Das war, was er suchte. Bäume und Schatten und
Stille.
Er stieg eine Treppe empor und durchschritt die Tür. Da stutzte er plötzlich.
Vor ihm her ging eine Frau.
XIV.
Er erkannte sie sofort.
Nur eine Frau war ihm im Leben begegnet, der dieser feste, stolze
Gang, diese aufrechte, und doch graziöse Haltung eigen war: Dora
Syk. Sie mußte seine Schritte gehört haben, denn sie wandte sich um.
Zu gleicher Zeit streckten ihre Hände sich einander entgegen und faßten sich mit starkem, freundschaftlichem Druck.
Die Freude, sich wiederzusehen, war auf beiden Seiten gleich groß und ehrlich. Gleich war aber auch bei beiden eine gewisse Verlegenheit: man war hier auf fremdem Boden und wußte im ersten Augenblick nicht recht, wie man es dem anderen klar machen sollte, weshalb man hier war . . .
Dort, wo ihre eigentliche Heimat war, in der großen, weiten Welt, in dem Getriebe der ungeheuren Stadt, in den schrankenlosen Verhältnissen, deren Physiognomie wechselte wie der schwankende Tag, in der großen, geistigen Bewegung, waren sie sich zuerst begegnet, hatten sie sich gesehen, sich gesprochen, waren sie schnell wieder auseinander gerissen, hatten sich nicht vergessen, aber auch kaum mehr aneinander gedacht, vielleicht nur deshalb, weil sie keine Zeit dazu hatten.
Seinen Namen hörte sie oft: er wurde überhaupt viel genannt; ihren
Namen hatte er lange gekannt, ehe er sie sah, denn er war eine
Zeitlang viel genannt worden. Es war gewesen, als sie einundzwanzig
Jahre alt war und ihr erstes Werk Aufsehen erregte. Vor etwa sechs
Jahren.
"Franz Grach"—
"Dora Syk"—
Sich hier wiederzusehen, war für beide eine ganz außergewöhnliche Ueberraschung, und indem sie nach einem Wort suchten, um dieselbe auszudrücken, fingen sie beide plötzlich an zu lachen und gaben sich nochmals die hand, wie um sich zu vergewissern, daß sie es wirklich waren.
"Fräulein Dora Syk!" rief er aus. "Also deshalb hört man nichts mehr von Ihnen—"
"Es ist sehr eigentümlich, daß wir uns hier treffen," sagte sie, indem sie ihre Hand zurückzog.
"Nicht so sehr, was mich betrifft: bin ich doch hier in der Stadt meiner Jugend. Ich bin nämlich hier erzogen."
"So. Und ich erziehe jetzt hier."
Er fuhr zurück.
"Das ist schrecklich. Wen erziehen Sie denn?"
Sie lachte herzlich. "Kinder", sagte sie, "Mädchen von zwölf und dreizehn Jahren."
"In der höheren Töchterschule?"—
"Ja, in derselben", entgegnete sie, und immer noch lag Lachen um ihren Mund. "Ich bewundere die Treue Ihres Gedächtnisses. Wie lange waren Sie nicht hier?"—
"Fast ein Jahrzehnt nicht.—Hören Sie:
Der Herr segne Deinen Ausgang und—"
"Und deinen Eingang—ja, so steht es über dem Tor geschrieben."
"Lachen Sie doch nicht, Fräulein Syk! Ich weiß, was es heißen will,
Lehrerin an dieser Schule zu sein—für Sie ist es unwürdig."
"Nein," sagte sie schnell und wurde ernst, "es ist nicht unwürdig, um sein Brot zu arbeiten. Aber eines ist sicher: es ist lähmend, weil es unnütz, total unnütz ist. Denn ich bin gehindert, das zu sagen, was ich sagen möchte, wenn ich auch nicht gezwungen bin, zu sagen, was ich nicht sagen will . . . Unwürdig?—Nein, das Schweigen der Machtlosigkeit ist nie unwürdig."
Er sah sie inmitten dieser Gesellschaft, die er kannte—die Personen konnten sich geändert haben, die Tendenzen nie: der Direktor ein Pietist, die Lehrer zu halben Weibern geworden in ihrer falschen Stellung zwischen lauter Unterröcken, die Lehrerinnen alte Jungfern, verbittert die einen, emanzipiert im unguten Sinne die anderen—und er hörte nicht auf das, was sie ihm entgegnete.
"Wie können Sie hier leben?" rief er fast heftig. "Wie können Sie sich stellen zu diesen Mumien—"
"Sehr gut. Sie hassen mich so, daß wir fast nie zusammen sprechen—"
"Ja, was sollten Sie auch zusammen sprechen!" rief er. "Und machen Sie mir nur nicht vor, daß es anders ist mit dieser entzückenden Jugend, ich kenne sie, diese unreife Gesellschaft, schlimmer als die Buben sind sie: kokett schon, noch mit der Puppe im Arm, neugierig, naschhaft, und ganz schon von dieser entsetzlichen Schwatzhaftigkeit der Alten, dieser Schwatzhaftigkeit der Leere, die nichts zu sagen weiß und immer plappert, plappert—o, ich habe sie eben drei Stunden lang gehört!—"
Sie ging ruhig weiter, aber sie antwortete ihm nicht mehr. Ihr Beispiel, dachte er da, dieses herrliche Beispiel der Kraft und Gesundheit, der Vorurteilslosigkeit und Schönheit, des Geschmacks und der Gesundheit der Harmonie, ihr Beispiel, sollte wenigstens nicht dieses schweigend wirken? Und er fragte sie danach.
Mit einiger Ungeduld lehnte sie seine weiteren Fragen ab. Auch ihr
Beispiel nicht, sie sagte es schon. Es war kein Boden bereitet.
Er merkte plötzlich, daß sie litt, und ward still.
XV.
Während ihres kurzen Gespräches hatten sie den Garten betreten. Ueber die ganze Kuppe des Hügels hin erstreckte er sich. Seine Bäume waren herrlich. Sie bildeten dichte und schützende Dächer über den Tischen und Stühlen, die überall auf die ansteigenden Terrassen gestellt waren.
Eine große Halle lag auf der höchsten Höhe des Hügels. Sie war roh aus Holz aufgezimmert und dazu bestimmt, großen Massen bei schlechtem Wetter Aufenthalt zu gewähren. Denn an allen Sonn- und Feiertagen belebten Hunderte und Aberhunderte von Menschen die Stille dieser fast einsamen Höhe; an Wochentagen verlief sich selten ein Gast hierher. Die reiche Natur konnte ungestört die Schäden wieder heilen, welche trampelnde Füße, die keiner Wege achteten, und rohe Hände, die frevlerisch in dieser grünen Pracht wühlten, ihr schlugen.
Keine Großstadt besaß einen größeren, in seiner rauhen und nie gepflegten Wildheit schöneren Garten.
Grach breitete die Arme aus vor Freude.
"Das ist herrlich!" rief er.
Sie lächelte.
"Ja, es ist herrlich!" sagte sie auch. "Es vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht die letzten Stunden des Nachmittags hier verbringe. Hier stört mich kein Mensch. Ich kann sitzen, wo ich will, ich kann gehen, ich kann lesen, ich kann tun, was ich will. Mir ist, als sei sie mein, diese ganze Höhe."
An dem Wirtshause vorbei, wo der Besitzer des Gartens mit seiner
Familie wohnte, führte sie ihn langsam empor.
"Ueberall können wir uns setzen, Grach," sagte sie. "Wollen Sie die Stadt sehen? Oder wollen wir hier bleiben auf dieser Terrasse, wo es am kühlsten ist?"—
"Hier," bat er, "lassen Sie uns hier bleiben. Hier ist es einsam, kühl und schön."
So setzten sie sich, einander gegenüber, an einen der Tische. Ein Mädchen kam mit einer Flasche und einem Glase. Als sie den gewohnten einsamen Gast in Gesellschaft eines zweiten sah, malte sich sprachloses Erstaunen auf dem frischen, jungen Gesicht.
"Kein Bier heute, Käthchen," sagte Dora Syk, "ich habe Besuch heute.
Eine Flasche Rheinwein und zwei Gläser."
Das Mädchen entfernte sich nur zögernd.
"Sie ist völlig außer Fassung, die Kleine. In den drei Sommern ist ihr das nicht vorgekommen. Und, daß ich es Ihnen nur gestehe, auch ich bin etwas verwundert.—Also die Sehnsucht hat Sie einmal wieder hierhergetrieben? Sie wollten einmal wieder wandeln auf den Fluren Ihrer Kindheit?"
"Ach was," rief er fast barsch, "ich habe eine Dummheit gemacht, eine große Dummheit."
Er erzählte ihr in hundert Worten, was er soeben erlebt.
XVI.
Der Wein glänzte in den Gläsern vor ihnen. Sie stießen miteinander an.
"Aber ich bin ausgesöhnt mit meiner Dummheit—" rief er in ehrlicher
Freude, während er sie ansah.
Sie war es wert, angesehen zu werden.
Fest zurückgelehnt in den Stuhl und die Füße gegen den Boden gestemmt, die Hände im Schoße gefaltet, saß sie in der unbewegten Ruhe von Menschen da, die viel arbeiten, und diese Ruhe, derer sie bedürfen, dann wenn sie ihnen wird, auch wirklich genießen.
Ihren Hut hatte sie abgenommen, und Grach bewunderte die einfache
Kunst, mit der sie ihr dunkelbraunes Haar in einen griechischen
Knoten gebunden trug.
Alle Linien an dieser schönen Gestalt waren groß, kühn und frei; lang und natürlich, durch keine künstlichen Mittel verziert, fielen die Falten ihres Kleides nieder.
Ihre Hände, an denen sie keine Ringe trug, waren groß und weiß, und ebenso waren ihre Zähne, keine "Perlen"-Zähne, aber Zähne von tadelloser Ebenmäßigkeit.
Das Gleichmaß der ruhigen, großen Schönheit war in ihr verkörpert. Und wie es unmöglich war, sich dieses Gleichmaß ihrer Erscheinung durch irgend etwas: durch eine eckige, unbehilfliche Bewegung, durch die Wildheit eines fassungslosen Schmerzes, die Raserei einer zügellosen Leidenschaft, die Unschönheit einer Erniedrigung oder einer gewaltsamen Ueberhebung gestört zu denken, so unmöglich war es auch zu glauben, daß das Alter jemals diese hohe Gestalt beugen, das Elend diese einfache Würde knicken, Krankheit diese verkörperte Gesundheit brechen könne.
Es gibt Profile, die hingekritzelt scheinen, stümperhafte Dilettantismen, verzerrte Karrikaturen in die Breite oder in die Länge, hingeklatscht von ungeübter Hand und dann verwischt durch Zerknitterung des Papiers; und es gibt Profile, die mit Künstlerhand schnell entworfen scheinen in verräterisch-schönen Linien voll Weichheit, Grazie und Liebreiz, oder aber hingezeichnet in einem großen, wundervollen Zuge in seltener Stunde . . .
Zu den letzteren gehörte Dora Syks Profil. Ein Ansatz, ein kühner Zug, rasch, energisch, meisterhaft—tadellos: so war ihr Profil, das Grach in erwachender Leidenschaft mit dem Auge sich immer wieder heimlich nachzeichnete, während er es betrachtete.
Nie war ihm früher die bestechende Harmonie ihres Wesens so aufgefallen, wie jetzt. Der beschäftigte Tag hatte damals seinen Blick getrübt. Nun saß sie vor ihm und sah vor sich hin, während er sprach.
Und mehr als alles bezwang ihn der Ausdruck einer beginnenden
Müdigkeit, die sich über dies schöne Antlitz ausbreitete. Keine Spur
von der Unschönheit der Bitterkeit, nur das ganz allmähliche
Erlahmen . . .
Ein noch fast unsichtbares Erlahmen.
Aber er sah es.
Dieser schöne Mund begann sich zu schließen in der Herbheit des Stolzes—wann durfte er einmal sprechen in den Lauten, die er gewohnt war, den Lauten der Erkenntnis, der Freiheit und des Verständnisses der Liebe?—Diese tiefen Augen umschatteten sich bereits. Gewöhnt, in die weiteste Ferne zu schauen, Abwechslung, Fülle, Reichtum alles äußeren Lebens zu trinken, fingen sie an sich zu trüben zwischen den Dunstwolken dieses ärmlichen Tales, dem Rauche der Feuerherde dieser erbärmlichen Stadt, der Stickluft einer ungelüfteten Schulstube.
Er dachte an anderes, während er ihr erzählte, weshalb er hierhergekommen war. Er wurde unruhig.
XVII.
"Menschen der Ehe!" sagte sie, als er geendet hatte. Er sah auf. Sie hatte also sein Werk gelesen. Er wußte nicht, daß es seit Jahren keinen Mann gab, den sie im Stillen seines Mutes und seiner unerschütterlichen Energie wegen so bewunderte wie ihn.
"Menschen der Ehe!" wiederholte sie, ohne Geringschätzung oder Verachtung, sondern mit der Ruhe, mit welcher der Forscher das Objekt seines Studiums benennt. Aber lachen schien sie doch nicht zu können über Grachs hastige Erzählung. Dazu war sie diesen Menschen doch zu nah.
Mehr und mehr überzeugte sich Grach während des Gespräches der nächsten Stunde, wie sehr sie es verstanden hatte, sich allem, was die Zeit an Gutem, Bedeutendem und Großem leistete, nah zu halten. Fast nichts war ihr unbekannt geblieben: jedes Buch hatte sie gelesen, jedes Ereignis mit dem ihr eigenen Scharfblick betrachtet und beurteilt, jede neue Erscheinung in den Kreis ihres Verstehens gezogen.
Sie sprachen von allem, wie es ihnen kam. Ueber vieles gingen ihre
Ansichten auseinander, aber über jedes hörten sie des anderen
Meinung, und über nichts verschwiegen sie ihm die eigene.
Er forschte sie aus. Aber es war so, wie er dachte: sie stand hier ganz allein, ohne Freunde, ohne Verkehr, ohne Verständnis bei irgend einem Menschen. Sie las viel. Aber sie war die einzige vielleicht in der ganzen Stadt, die anderes las als Zeitungen und die Romane der Leihbibliotheken.
Kein Mensch auch wußte hier, wer sie war. Eine fremde Erscheinung, war sie hierhergekommen, und mit scheuer Achtung ging man ihr aus dem Wege, während man ihr nach den ganzen Klatsch der Verständnislosigkeit und des Hasses, weil sie "anders war", schüttete.
Wer sollte hier auch ihren Namen kennen? Hier waren nur die Namen berühmt, welche die Schilder der Straßen und die Zeitungen des Tages nannten.
Sie war plötzlich verschollen, und der Laut ihres Namens war schon fast verhallt. War sie hier untergetaucht in diesem Sumpf, um hier zu sterben?—Der Gedanke machte Grach schaudern.
Und wieder betrachtete er sie mit den Blicken der Liebe, während er auf den Klang dieser tiefen, schönen Altstimme lauschte. Sie sprach langsam das Ernste, das sich in ihrem Gehirn bildete, und mit Nachdruck in jedem Wort. Leicht jedoch und ungezwungen beantwortete sie seine Fragen nach ihrem persönlichen Leben, mit einem ganz kleinen Anflug von Spott und Wehmut in ihrer Stimme.
Sie war wohltuend, diese Stimme. Unwillkürlich mußte er einmal diese einfache und schöne Sprache mit dem Geplapper vergleichen, das ihn den ganzen Nachmittag gefoltert. Auch in allen Nebensächlichkeiten war keine größere Verschiedenheit denkbar, als zwischen diesen beiden Frauen.
Welche wunderbare Frau! Welche wunderbare Frau! dachte er immer wieder und ließ keinen Blick von ihr. Immer mehr begann er sie zu verstehen. Täuschte er sich dennoch?—War sie glücklicher hier, als sie es früher gewesen? Oder war diese Resignation nur die Folge eines äußeren Zwanges.
Nein, er konnte sich nicht täuschen!
Sie litt.
Eine herrliche und fast unerschöpfliche Fülle von Lebenskraft hatte sie bisher aufrecht erhalten. Noch war nichts in ihr angegriffen, geschweige denn gestört.
Aber der äußere Dunst begann sie zu bleichen. Sie verlangte nach
Leben, wie die Pflanze nach Wasser verlangt.
Drei Jahre schon hatte sie keinen Tropfen vielleicht äußeren Glücks genossen—jenes Glückes, welches ein tägliches Bedürfnis ist: für Körper und Geist eine Befriedigung.
Und noch immer stand sie aufrecht!—Aber von heute schon auf morgen konnte sich das erste dieser dunklen Haare bleichen, konnte sich diesem Munde zum erstenmal ein Schrei der Wildheit: der Wut und der Klage entlösen und er sich dann auf immer in Schweigen schließen, konnte dieser noch so helle und klare Geist sich trüben in der Nacht dieses Lebens . . . Und dann war es zu spät!
Nein, nie durfte das sein!
Er lachte plötzlich laut und bitter.
Sie sah erstaunt auf.
"Weshalb lachen Sie so?"
Alles in ihm schäumte auf.
"Dora Syk", rief er, und lachte wieder, wie eben, "Dora Syk—und zweite Klassenlehrerin in der Schule für höhere Töchter zu Abdera!— Nun, wenn das kein Witz ist, über den man lachen darf, dann weiß ich es nicht!"
Sie erblaßte erst, dann überzog ein tiefer Unmut ihre Stirn. Zum erstenmal mischte sich ein Klang von Schärfe in ihre Stimme.
"Sie verstehen meine Stellung völlig falsch, Grach." Sie sah ihn fest an. "Ich bin nicht nur hierhergekommen, um für einige Zeit in sicherer, äußerlich sicherer Situation leben zu können, sondern ich bin auch hierhergekommen, weil ich—ich wiederhole: für einige Zeit —der inneren Ruhe bedurfte. Und das ist genug Entschuldigung für meine Flucht, wenn sie überhaupt einer bedarf."
Aber Grach war so erregt, daß er nur halb vernahm, was sie sagte.
"Ach was," rief er ungestüm, "eine Frau wie Sie hat überhaupt keine
Entschuldigung! Die einzige, welche es gäbe, wäre die: daß Sie hier
Ihr Leben wirklich leben. Aber zwischen diesen Mumien und
Geldsäcken, in diesem stagnierenden Haufen müssen sie ja über kurz
oder lang ersticken!"
Ihre Antwort erfolgte sofort. Sie war erzürnt.
"Sie gehen immer wieder von der unbegründeten und ganz falschen Voraussetzung aus, daß ich mich auf immer hier vergraben wolle. Ich denke nicht daran."
Er war aufgesprungen und ging auf und ab.
Sie war wieder völlig ruhig. Auch während der letzten Worte hatte sich keine Linie ihrer ruhigen Haltung verändert.
"Ich weiß, was ich zu tun und zu lassen habe. Und wenn Sie es durchaus wissen willen, nun ja, ich denke, ich gehe bald zurück in die weite Welt meiner Heimat . . ."
Er stand ihr zur Seite und sie hörte seinen schweren Atem.
"Tun Sie es noch heute!" rief er leidenschaftlich, und mit bebender Stimme fügte er, kaum hörbar selbst für sie, hinzu: "Und—tun Sie es mit mir!" . . . .
Er sah auf sie nieder. Sie rührte sich nicht. Die leise Dämmerung, die unter den hängenden Zweigen lag, verhinderte ihn zu sehen, wie die Farbe ihres Gesichtes wechselte.
Sie antwortete nicht. Seine Hand lag auf der Lehne ihres Stuhles.
Dann sah sie auf seinen Sitz. Er verstand sie und setzte sich langsam.
Sie nahm das vor ihr stehende Glas und leerte es mit einem Zuge.
Sein Herz klopfte.
Da sah sie ihn an und lächelte. Noch immer entgegnete sie ihm mit keinem Worte. Aber er wußte jetzt, was er begehrte zu wissen.
Er nahm ihre schlaff herabhängende Hand. Er küßte sie nicht. Aber mit beiden Händen umfaßte er sie innig, mit einem zarten und zugleich festen Druck.
"Dora Syk," sagte er leise, und seine Stimme bebte noch immer, "die Erde ist so arm an Glück in unseren Tagen. Sollten wir nicht einmal versuchen, zusammen glücklich zu sein?"
Sie sahen sich an. In seinen Augen glühte die heiße, stumme, begehrende Bitte.
Er hatte gesiegt. Er sah es an dem Ausdruck ihrer Augen, dem Lächeln ihres Mundes, und er fühlte es an der Wärme ihrer Hand, die er nicht losließ.
Sie zog sie zurück. Sie wollte nicht, daß die Stimmung sie überwältigte.
"Schenken Sie mir noch einmal ein, Grach.—So.—Und nun lassen Sie uns vernünftig zusammen sprechen, nun, wie Leute, die nicht mehr ganz jung sind, über so etwas sprechen sollten."
Ihre Stimme hatte nur äußerlich den scherzhaften Klang.
Sie machte noch eine Pause, ehe sie begann.
"Ja" sagte sie endlich. "Sie haben recht. Ich muß fort von hier. Ich will es selbst. Und auch darin haben Sie recht: es soll bald, es soll sofort sein.—Meine Ferien beginnen erst in acht Tagen. Aber ich kann mich vertreten lassen. Es ist das erste Mal, daß ich eine Hilfe dieser Art in Anspruch nehme, und da es auch das letzte Mal ist, habe ich keine Ursache, eine Zustimmung erst abzuwarten. Es genügt, wenn ich dem Direktor die Anzeige meines Fortgehens mache.
Auch meine Verhältnisse kann ich sofort ordnen.—Aber bevor ich mit
Ihnen gehe, müssen Sie die folgenden Bedingungen annehmen:
Ich liebe meine Freiheit über alles, wie Sie die Ihre. Wir werden also vollständig, in jeder Beziehung, unabhängig voneinander sein. Wir werden uns gegenseitig verschonen mit allen läppischen Zudringlichkeiten an Zeit und Stimmung. Wollen wir einen Weg nicht zusammen miteinander gehen, so geht jeder seinen eigenen. Und—was das Wichtigste ist—wir werden uns trennen in der ersten Stunde. in der wir—anfangen werden, uns miteinander zu langweilen."
Sie beugte sich vor und sah ihn mit ihren schönen, klugen Augen an.
"Wollen Sie auf diese Bedingungen eingehen, Grach, dann geben Sie mir nochmals die Hand."
Er griff nach ihren beiden Händen.
"Dora Syk," rief er in jugendlicher Begeisterung, "weiß der Himmel, aber Sie sind doch die herrlichste Frau, die ich je in meinem Leben kennen gelernt habe!"
Da lachte sie hell auf, und der Bann zwischen ihnen war gebrochen.
Frage auf Frage und Antwort auf Antwort folgten nun in buntem
Wirbel.
Nach Paris wollten sie gehen. Noch heute Abend. Mit dem Schnellzug um halb elf Uhr. Morgen früh waren sie dort. Er zweifelte, daß sie bis zehn Uhr fertig sein könnte. Gewiß, drei Stunden würden genügen für sie. Hatte sie doch von niemand hier Abschied zu nehmen.
Aber lange hier bleiben durften sie dann nicht mehr. Welche Zeit war es denn? Schon sieben! Ja, es war dunkel schon unter den Bäumen. Einen Abschied aber wollte sie doch noch nehmen: von der Kleinen, die sie so oft hier bedient, und mit der sie so manches freundliche Wort getauscht, in der Einsamkeit ihrer vielen Stunden, die sie hier verbracht.
Sie ging in das Haus und bat ihn, zu warten.
Nach zehn Minuten—zehn Minuten, in denen er wie betäubt von seinem neuen Glück dagesessen hatte—kam sie zurück.
"Armes kleines Ding, sie hätte beinahe geweint. Aber ich habe ihr gesagt, sie solle es so machen, wie ich."
Da hielt er sich nicht mehr und nahm sie in seine Arme. Sie ließ es geschehen, daß er sie küßte.
Ernst, Würde, Fassung—Liebreiz, Güte, Harmonie, der Witz der Feinheit—ein außergewöhnlicher Verstand, ein unergründbares Herz: wie, alles dies besaß er plötzlich, ohne es sich erworben zu haben?—
Das letzte Glas stand vor ihnen. Der gelbe Wein schimmerte in der
Dämmerung.
"Auf unsere Liebe!—Dora!" rief er.
"Nein, auf die Freiheit unserer Liebe, die sie so schön macht!" sagte sie langsam, bevor sie trank.
XVIII.
Sie verließen den Garten.
Sie sprachen nicht mehr. Schweigend gingen sie hin.
Aber als sie eine helle Kinderstimme singen hörten—grell und falsch, doch unbekümmert klang es von den Lippen:
"Nur einmal blüht im Jahr der Mai—
"Nur einmal—im Leben—die—Lie—be!—"
sahen sie sich an und lächelten.
"Es ist nicht wahr—" sagten sie sich mit diesem Lächeln, "hundertmal blühen sie, und immer von neuem, oft zusammen, oft der eine ohne die andere . . ."
Und sie sagten sich:
"Aber nie hat sie uns so schön geblüht, wie dieses Mal . . ."
Wieder hörten sie die Stimme und die Worte.
"Es ist nicht wahr—"
"Es ist ewig nicht wahr—"
An dem Kreuzwege blieb sie stehen. Laut sagte sie ihm:
"Ich gehe jetzt nach Hause. Ich komme schneller dahin, wenn ich allein gehe.—Um zehn Uhr bin ich auf dem Bahnhofe."
Sie gab ihm nicht die Hand, sie grüßte ihn nur mit dem Neigen ihrer
Stirn.
Er verstand sie. Er hatte den Hut abgenommen und er verbeugte sich, als sie ging. Er verstand sie: es war nicht Feigheit, daß sie nicht in den Gassen der Stadt mit ihm zusammen gesehen sein wollte. Nur jetzt wollte sie unbehelligt bleiben von den frechen Blicken der Neugier, deren Worte sie von nun an nicht mehr berühren, deren Taten sie von nun an nicht mehr hindern konnten . . .
Aber er konnte sich nicht enthalten, ihr nachzusehen. Nur eine ging so: sie. Ohne das Wiegen der Hüften, das Schwanken der Schultern, ging sie stets mit denselben ruhigen, auch in der Eile, wie jetzt, noch gleichmäßigen, festen, kühnen Schritten die mehr als alles die Gesundheit ihres Wesens zeichneten.
Die steile Straße abwärts führten sie diese Schritte; dann verbarg ihren Kopf der hängende Zweig eines Baumes und gleich darauf ein Haus ihre Gestalt, die der dämmernde Schatten des Abend bereits verwischte.
So lange seine Augen sie noch faßten, sah er ihr nach. Nicht eher ließ er los, was er leibhaftig mit den Sinnen zu fühlen noch vermochte.
Auch durch die Dunkelheit der Entfernung hin versuchte er ihr noch zu folgen.
Aber er war bereits lange allein.
XIX.
Er sah nach der Zeit: halb acht Uhr.
Also noch nicht drei Stunden waren vergangen, seit er zuletzt auf diesem Platze gestanden hatte!—
Fast begann er irre zu werden an der Wirklichkeit seines Glückes.
War es nicht alles ein Traum?
Wie wunderbar: er stand als Mann wieder auf der Stätte seiner
Kindheit. Vor Augenblicken hatte er sie wieder gesehen, nach
Augenblicken sollte sie—und voraussichtlich—für immer wieder
hinter ihm liegen.
Kurze Augenblicke im langen Leben—: noch die Zeit eines Tages nicht war vergangen. War sie vorüber, so faßten ihn wieder die Hände seiner Welt.
Alles war wunderbar.
Nur einen Menschen vielleicht gab es in dieser Stadt der Kleinheit, der Selbstgefälligkeit, der Enge, nur einen einzigen wirklichen, eigenen, freien Menschen, mit dem er zusammen zu leben vermochte— und diesen Menschen hatte er gefunden! Seltsamer Zufall!
Hier gefunden—nicht in der Länge der Zeit, die auf kleinem Räume alle Menschen, die ihn bewohnen, einmal aneinander vorüberzugehen zwingt, nein, durch den seltensten Zufall der Welt, an den Grenzen dieses Raumes, in der Freiheit der Natur, in der stillsten Stunde, die keiner ihnen störte.
Er hatte erkannt, daß das Meiste von dem, was die Menschen Glück nennen, sich erwerben läßt in Erfahrung und Ausdauer: Ruhe, Klarheit, Sicherheit und eine gewisse Unabhängigkeit.
Die großen Zufälligkeiten des Glückes waren ihm nie begegnet und wenig war, was er sich nicht hatte erringen müssen in eigener Kraft. Daher fühlte er um so tiefer, wie ungeheuer groß der Zufall dieses Glückes war, welches ihm hier entgegengetreten war, schimmernd, blendend aus dunklem Rahmen hervor, dicht vor ihn hin—
Und eine wahnsinnige Seligkeit überkam ihn! . . .
Die Dämmerung nahm zu, und die Kühle mit ihr. Aus den Gärten kehrten die Bürger mit den Ihrigen heim—zum Nachtessen, danach zur Kneipe. Lichter flammten zu seinen Füßen auf. Ineinander zerrannen die Umrisse der Häuser und Straßen, und scharf ragten nur noch die spitzen Türme der Kirchen, der alten und der neuen, empor. Am hellsten erstrahlten die Lichter drüben am anderen Bergeshang, wo der Bahnhof lag. Flimmernde Linien liefen von dort aus nach beiden Seiten und erloschen in den Nebentälern.
An den Enden des Tales aber lohten die mächtigen Brände der Hochöfen in das Dunkel empor, riesige Feuergarben, dort wo eine Tag und Nacht nicht rastende Arbeit in siegreichem Ringen lag mit einer barmherzigen Natur und in fruchtlosem Kampfe mit unbarmherzigen, ererbten, allmächtigen, verschimmelten Vorrechten.—
Ein Kätzchen in weißem Fell schlich über den Weg. An einem Kinde, das auf der Bank vor einem der zerstreuten Häuser saß, wand es sich vorüber und dann mit schnellen Sprüngen an Grach.
Dieser sah das Kind. Er griff in die Tasche, gab ihm alles, was er an Geld erfaßte, hob es in die Höhe und küßte das Erschrockene auf den Mund, gleich als müsse er sie stillen, die Erwartung nach seinem Glück, die er nicht mehr ertrug.
Dann eilte er schnellen Schrittes und wie beflügelt die engen Pfade zwischen den Gärten hin und den Berg hinunter.
XX.
Da war er wieder, der große, totenstille Platz, jetzt eingehüllt in das Dunkel des Abends, da war sie wieder, die alte Kirche, an der er jetzt vorbeischritt und die er als Knabe so oft zu betreten gezwungen war, um tötliche Stunden der Langeweile auf ihren Bänken zu verbringen, da waren sie wieder, die alte Brücke von Stein und der alte Fluß.
Er stand lange über das Geländer gebeugt. Ein Gefühl von Versöhnung begann sich in sein Inneres zu schleichen.
Er haßte sie nicht mehr, diese Stadt; er haßte sie nicht mehr, diese
Menschen.
Was waren sie ihm denn, daß er sie hassen sollte? Nichts.
Mochten sie leben und sterben, wie sie wollten, ihm war es gleich. Litten sie selbst nicht am meisten darunter, daß sie so dicht aufeinander saßen, einer in dem Genick des anderen, und sich so gegenseitig langsam zu Tode quälten?
Und warum sollte er ihnen nicht das harmlose Vergnügen der Selbstgefälligkeit gönnen? Mehr als ein Lachen war die Eitelkeit dieser aufgeblähten Kleinheit sicher nicht wert.
Sie hatte hier gelebt und gelitten, drei Jahre lang. Er schämte sich, wenn er seinen eigenen Unmut über den einen heutigen Tag verglich mit ihrer vornehmen, schwermütigen Ruhe und ihrem milden, starkem Ernst, der diese Menschen nicht ändern wollte, sondern sie gehen ließ, aber sie bei Seite schob, wenn sie ihr lästig wurden.
Arme Stadt! lächelte er vor sich hin. Und er nahm ihr noch ihr kostbarstes Gut . . .
Noch zwei Stunden. Immer noch zwei Stunden?
Er überschritt die Brücke und bog in die Hauptstraße ein. Dann betrat er eine große, öffentliche Wirtschaft und setzte sich still in eine Ecke.
Er bestellte sich zu essen. Aber als das Fleisch vor ihm stand, erlosch plötzlich sein Hunger vor dem warmen Geruch, und er schob es wieder von sich.
Innerlich—er fühlte es jetzt deutlich—war er dennoch aufs höchste erregt.
Er sah sich um. In seiner Nähe stand ein großer runder Stammtisch, der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach bekannt vor, und plötzlich fiel es ihm ein: das waren ja—es war kein Zweifel mehr möglich—die "Schlitzohrigen", die größten Männer der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wußte er nicht mehr und hatte es wohl auch früher nie gewußt, aber der Name tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit.
Und doch hatten sie sich verändert, die Zeiten: denn früher hatten diese Gewaltigen allabendlich im "Nähkörbchen" verkehrt, und jetzt— welcher Unterschied—saßen sie hier im Rachen des "Krokodils"!
Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in ihm. Jetzt konnte er essen, während er einzelne Worte auffing, die von dort zu ihm herüberflogen.
Man sprach über städtische Angelegenheiten. Natürlich. Grach wußte, über Politik zu sprechen, war hier verpönt.
Plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schärfer hin.
Kannte er dieses Gesicht?—Nein, es war nicht möglich.
Dieser philiströs aussehende Mann, der in kleinen, bedächtigen Zügen sein Bier trank und in kleinen, bedächtigen Zügen seine Zigarre rauchte, der so aussah, als ob er kein größeres Glück kenne, als hier zu sitzen und zuzuhören, dieser Mann mit den schweren Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung vor jedem dieser alten Zöpfe, das war nimmermehr sein alter, lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem Gebrüll seiner Stimme so oft die Gasse erschüttert hatte in der spätesten aller späten Stunden!—
Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise.
"I—e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer."
Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal. Er hatte plötzlich Angst bekommen, jener möge auch ihn wiedererkennen und anreden. Und das wäre für sie beide doch zu niederdrückend gewesen.
XXI.
Er war in seinem Hotel gewesen, um seine Sachen zu packen und seine Rechnung zu bezahlen. Dann war er zum Bahnhof hinaufgestiegen und hatte zwei Billets erster Klasse nach Paris gelöst. Er wußte, wann er extravagant sein durfte. Heute. Im Wartesaal kaufte er dann noch von dem alten Zeitungsverkäufer,—er erkannte auch ihn wieder— einem alten Original, Fahrplan und Zeitungen.
Nun ging er auf dem Perron auf und ab mit großen und unregelmäßigen
Schritten.
Er wußte, sie würde kommen, denn sie hatte es gesagt. Eher ging die
Welt unter, als daß sie ihr Wort nicht hielt.
Und dennoch quälte ihn die Unruhe, die Unruhe der Erwartung.
Noch war die zehnte Stunde lange nicht gekommen. Der große Zeiger auf der weißen Uhr hatte kaum die Sechszahl erreicht. Er wußte, daß sie auch nicht früher kommen würde, als sie gesagt; und doch kehrten seine unruhigen Blicke immer wieder zu der schwarzen, gähnenden Oeffnung des Aufstiegs zurück, aus der von Zeit zu Zeit die Menschen emporstiegen: Beamte, Reisende, Kofferträger, ein buntes Durcheinander . . .
Der sommerliche Abend lag schwül unter dieser weiten Halle, die das Dröhnen der Züge und hundert Rufe durchtönten und erzittern machten. Ein und aus rasselten die Züge. Nur das Gleis für den Expreßzug, der hier drei Minuten halten sollte, blieb frei. Die von den Rädern abgeschliffenen Schienen glänzten weiß.
Grach hatte alles vergessen, was er heute gesehen—außer ihr.
Nur an sie dachte er noch und an sein Glück.
Er nannte nicht viel sein eigen. Jeder seiner Jugendfreunde in dieser Stadt lebte sicher besser als er, und unter allen diesen Menschen hätte wohl nicht einer mit ihm getauscht.
Und doch war er ein seliger Mann. Denn er war ein freier Mann.
Niemand hatte ihm zu befehlen, und niemandem hatte er zu gehorchen.
Er konnte gehen und kommen, wie er wollte, die ganze Welt war sein.
Nicht zu hassen und nicht zu verspotten, nicht zu beneiden, nein, zu bemitleiden waren sie, die Menschen dort unten in der Stadt, die nur ein Glück und nur eine Zufriedenheit kannten: Geld, Geld, Geld zusammenzuscharren in mühseligem Erwerben, dem alle große Freude fehlte: die Freude des echten Genießens! . . .
Und er wandte sich ab von ihnen.
Mit jeder Minute, die der zehnten Stunde nahte, wurde er ruhiger.
Seine Schritte wurden langsamer.
Als der Zeiger auf der Uhr den erwarteten Punkt ereicht hatte, lehnte er sich mit verschränkten Armen an einen Pfeiler und ließ keinen Blick mehr von der Treppe des Aufgangs.
Viele und verschiedene Menschen stiegen noch in den nächsten Minuten vor ihm empor und gingen an ihm vorüber. Wohl an die hundert. An keinem blieb sein Auge haften.
Dann aber sah er sie: langsam und sicher hob sich ihre hohe, stolze, jetzt in einen grauen Staubmantel gehüllte, geliebte Gestalt von Stufe zu Stufe.
Ihre Blicke waren gesenkt, und noch bemerkte sie ihn nicht.
Er ging ihr entgegen.