Der letzte Gesichtspunkt, aus welchem alle das Betragen der Menschen beurteilen, ist das daraus folgende Glück oder Unglück.
Ein Verhalten, dessen mittelbare oder unmittelbare Endresultate schädlich sind, ist ein schlechtes Verhalten.
Die freie Liebe ist die gefährlichste und trügerischeste Form aller Ehesysteme genannt worden. Sie ist auf einem ganz unmöglichen ethischen Standpunkt begründet. In der Theorie ist sie die ideale Verbindung der Geschlechter, aber sie wird nur dann praktisch möglich sein, wenn Mann und Frau sich sittlich total verändert haben werden. Wenn die Leute alle treu, beständig, seelenrein und äußerst selbstlos sind, dann mag die freie Ehe in Betracht gezogen werden. Selbst dann hätten die Unschönen und Reizlosen keine Chancen.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen hat noch kein in offener freier Liebe lebendes Paar dieselbe erfolgreich durchgeführt, ich meine mit einem gediegenen, ständigen Erfolg. Ich glaube, es gibt Paare, die ohne ein dauerhafteres Band als ihre gegenseitige Liebe glücklich miteinander leben, aber sie stellen sich klugerweise unter den achtunggebietenden Schutz des Eherings und nennen sich Mann und Frau. So braucht die eben flügge gewordene freie Liebe nicht gegen die gewaltige Kraft des gesellschaftlichen Bannes zu kämpfen, und überdies hat man kein Mittel, zu erfahren, wie lange diese Verbindung den Versuchungen der Zeit widersteht. Die zwei bemerkenswerten modernen Beispiele von freier Liebe, an die ich mich hier natürlich erinnere, sind George Eliot und Mary Godwin. Aber bei beiden waren die Männer schon verheiratet. Sobald Harriet gestorben war, heiratete Mary Godwin den Dichter Shelley und als George Lewes dahinschied, heiratete George Eliot einen anderen Mann, eine Handlungsweise, welche die meisten Leute viel weniger verzeihlich finden als ihr ungeregeltes Verhältnis mit Lewes. Selbst die berühmten Perfektionisten von Oneida fielen nach dem Tode ihres Führers Noyes auf seinen eigenen Wunsch in die gewöhnliche Eheform zurück.
Im Ostende von London ist die Institution der freien Liebe sehr verbreitet, aber nach den Erfahrungen der Polizeibehörde sind ihre Resultate sicher nicht ermutigend. Ich hörte auch, daß sie bei den Kattunarbeitern von Lancashire sehr allgemein ist; das System der „collage“ herrscht auch in den arbeitenden Klassen Frankreichs vor und scheint sich recht gut bewährt zu haben. Aber nur da, wo die Fähigkeit und Gelegenheit der Frauen, sich selbst zu erhalten, vorhanden ist, ist die freie Ehe vom ökonomischen Standpunkt überhaupt durchführbar, und selbst dann bleibt die ernste Frage der unehelichen Kinder. Alle billig Denkenden müssen einsehen, daß die Haltung der Gesellschaft den unehelichen Kindern gegenüber äußerst ungerecht und grausam ist, da sie die vollkommen Unschuldigen straft. Aber jeder erwachsene Mensch kennt diese Haltung, und jene, welche ihr trotzen, um ihrer Annehmlichkeit willen oder der Befriedigung einer Experimentierlaune zuliebe, tun es im vollen Bewußtsein, daß auf ihrem Kind sicher der Druck lebenslänglicher Benachteiligung lasten wird. Vielleicht werden viele durch dieses Bewußtsein davon abgeschreckt, das Sittengesetz zu durchbrechen; aber die Zahl der in England und Wales geborenen unehelichen Kinder war im Jahre 1905 37300 und ich glaube, es ist im Interesse dieser unglücklichen Opfer der Selbstsucht anderer höchste Zeit, daß eine gütigere und weniger engherzige Haltung ihrer entrechteten Stellung gegenüber eingenommen wird.
Ich erinnere mich, als junges Mädchen ein Stück gesehen zu haben mit dem Titel „Ein Veilchenstrauß“. — Die Heldin entdeckt, daß die frühere Frau ihres Mannes noch lebt, und ihr Kind daher unehelich ist. Sie sagt ihrer Tochter, sie möge zwischen ihren Eltern wählen und erklärt ihr die Vorteile des Verbleibens bei ihrem reichen und einflußreichen Vater. Die Ansprache schließt mit den Worten: „Bei mir wirst du arm und in Schmach leben, und du kannst nie heiraten!“ Zweifelsohne wurde dieser Gesichtspunkt einzig und allein in Anbetracht der jungen Mädchen im Zuschauerraum festgehalten, aber seine Unvernunft stieß mich ab. Selbst der beschränkten Intelligenz einer Siebzehnjährigen ist es klar, daß ein unehelich geborenes Mädchen lieber so schnell als sie nur kann heiraten sollte, um einen bürgerlichen Namen zu erhalten, wenn schon ein Name von solcher Bedeutung im Leben ist. Es wurde kürzlich viel über die freie Liebe im Zusammenhang mit dem Sozialismus diskutiert, und höchstwahrscheinlich dank der Entstellungen gewisser Zeitungen scheint die Vorstellung Platz gegriffen zu haben, daß die Abschaffung der Ehe und ihr Ersatz durch die freie Liebe ein Teil des sozialistischen Programms sei. Es könnte unmöglich eine unwahrere Anklage erhoben werden, wie die Umfrage bei den Führern der verschiedenen sozialistischen Körperschaften rasch erweisen wird.
Die Leute, welche für die freie Liebe plädieren, führen gern ins Treffen, daß eine so persönliche Angelegenheit nur sie selbst angeht. Alle, die so denken, sollten sich eine cause célèbre der letzten Zeit zur Warnung dienen lassen, in welcher Selbstmordversuch, krüppelhafter Nachwuchs und ein die unschuldigen Kinder bis zur dritten Generation umstrickendes Gewirr von Elend sich als die Folgen einer vor fast dreißig Jahren geschlossenen freien Verbindung ergaben. Diese und noch viele andere Tragödien der freien Liebe, die von Zeit zu Zeit in den Zeitungen veröffentlicht werden, scheinen zu beweisen, wie irrtümlich die Anschauung ist, daß wir für keine unserer Handlungen Rechenschaft abzugeben haben. Ein Verhältnis, welches die zukünftige Generation beeinträchtigt, kann nie eine private und persönliche Angelegenheit sein. Vor einigen Jahren veröffentlichte E. R. Chapman einen sehr interessanten Essay über die Ehe, in welchem er sagte: „Die gesetzliche Ehe gegen bloß freiwillige Verbindungen, bloß zeitweise Gemeinschaft austauschen, heißt nicht die Liebe frei machen, sondern ihr den Todesstoß versetzen durch Loslösung von jenem menschlichen Faktor, der die richtig verstandene Ehe ist und der die Rücksicht für die Ordnung, die Rücksicht für das allgemeine Wohl über das persönliche Interesse und die bloße Selbstbefriedigung des Augenblicks stellt.“
IV. Die Polygamie an einer höflichen Tafelrunde
„Am schwersten und letzten von allem ist jenes Monopol des menschlichen Herzens auszurotten, das als Ehe bekannt ist . . . Es ist mit jener häßlichen und barbarischen Form der Hörigkeit so weit gekommen, daß man den sonderbaren Einfall hat, sie für direkt göttlichen Ursprungs zu halten.“
Wir nennen es die höfliche Tafelrunde, weil wir in der Hitze des Meinungsgefechtes immer rückhaltlos derb zu werden pflegen. Bei dieser Gelegenheit war die unvermeidliche Ehediskussion, die fast immer in der einen oder anderen Zeitung zu finden ist, der Gesprächsgegenstand. Der ‚biedere Börsenmann‘ (unverheiratet) verteidigte herzhaft den heiligen Ehestand. Seine sittliche Haltung ist gewiß etwas langweilig, aber nichtsdestoweniger gehört er zu jenen Leuten, mit denen man wirklich höflich ist. Obgleich auf dem Gesicht des ‚Familienegoisten‘ eine gewisse Reizbarkeit zu sehen war, hörten wir achtungsvoll zu, ausgenommen der ‚böse Börsenmann‘, dessen Mahlzeit einen viel zu wichtigen Raum in seinem Lebensplan einnahm, um durch ein Gespräch über moralische Themen beeinträchtigt zu werden.
Der ‚verlebte Roué‘ muß natürlich — das ist ihm Ehrensache — allem widersprechen, was der ‚biedere Börsenmann‘ sagt. Ich muß erwähnen, daß der ‚verlebte Roué‘ ein äußerst tugendhafter Mann und ein Mustergatte und -vater ist. Er posiert eine wüste Vergangenheit, was ihm den sarkastischen Spottnamen eingetragen hat, den er durchaus nicht durch seine Aufführung verdient. „Sie vergessen,“ warf er matt ein, als der ‚biedere Börsenmann‘ eine Pause machte, „daß kein Geringerer als Schopenhauer gesagt hat, daß der Mann von Natur aus zur Polygamie, die Frau zur Monogamie neigt.“
„Ich verneine die erste Behauptung“, sagte der ‚biedere Börsenmann‘ erhitzt. Er geriet immer in Hitze, wenn es sich um Sittlichkeitsfragen handelte, und wollte immer genaue Nachweise liefern, was eine einigermaßen langweilige Diskussion zu verursachen drohte, als der ‚Blaustrumpf‘ mit dünner, abgehackter Stimme entschlossen dazwischenfuhr:
„Wenn man Ihnen zuhört, könnte man glauben, daß die monogamische Ehe eine göttliche Institution ist.“
„Lächerlich, was?“ grinste der ‚verlebte Roué‘. Der ‚biedere Börsenmann‘ sah bekümmert aus und räusperte sich. Bei diesem schrecklichen Signal schickte sich der ‚Familienegoist‘ — dessen Gereiztheit stetig wuchs, wie die nachgewiesene Verbreitung einer Zeitung — an, sein Wurfgeschoß auf den Kampfplatz zu schleudern. Das hätte jedwede Angeregtheit des Gespräches auf einige Stunden hinaus gehemmt, und es entrang sich allen ein Seufzer der Erleichterung, als unser tapferer ‚Blaustrumpf‘ sich noch einmal dem Lauf des Gespräches entgegenwarf.
„Sie machen ja geradezu einen Kultus aus der Bibel,“ quakte sie höhnisch den ‚biederen Börsenmann‘ an, — „aber Sie scheinen mit dem Alten Testament auf keinem sehr vertrauten Fuß zu stehen. Sie werden dort reichliche Beweise finden, daß die monogamische Ehe nicht göttlicher ist als die Polygamie oder die freie Liebe, auch daß sie keinen himmlischen Ursprung hat, da sie sich je nach Rasse und Klima änderte. Sie ist einfach ein unerläßlicher Schutz der Gesellschaft.“
„Ich setze einen Schilling drauf“, murmelte der ‚Tölpel‘ (ein unverbesserlicher junger Mann, ganz der Winston Churchill unseres Familienkabinetts), indem er seine übliche Formel anwendete. Ohne auf ihn zu achten, zirpte der ‚Blaustrumpf‘ ernst weiter: „Wenn Sie je Soziologie studiert haben, müssen Sie wissen, daß die Ehe hauptsächlich ein Gesellschaftsvertrag ist, der ursprünglich auf der Selbstsucht begründet war. Noch jetzt hat sie etwas von ihrer halb barbarischen Form, und jene, welche ohne Gründe ihre bewiesene Heiligkeit predigen, sollten lieber vorschlagen, wie das jetzt in Übung stehende wüste Gesetz den Notwendigkeiten der modernen Verhältnisse angepaßt werden könnte.“
Sie machte eine Pause, um Atem zu schöpfen. — Der ‚biedere Börsenmann‘ war bleich, aber er hielt ihr mannhaft stand. „Bravo, ‚Blaustrumpf‘“, sagte der ‚verlebte Roué‘.
„Eine prächtige Frau, unsere Wortführerin“, sagte der ‚Tölpel‘. — „Ich setze einen Schilling auf sie.“
Der ‚böse Börsenmann‘ nahm eine zweite Portion Salat und aß unbekümmert weiter, während die ‚vornehme Dame‘ an der Spitze der Tafel den ‚Familienegoisten‘ ängstlich beobachtete, der apoplektisch aussah und so bedenklich mit seinem Weinglas spielte, daß er dessen Laufbahn als nützlichen Gebrauchsgegenstand offenbar abzukürzen im Begriff war.
„Mich hat man gelehrt“, sagte der ‚biedere Börsenmann‘ langsam, „die Ehe als eine geheiligte Institution, als ein heiliges Mysterium zu betrachten.“
„Dann hat man Sie Unsinn gelehrt“, schnauzte ihn der ‚Blaustrumpf‘ an und gab sich so den übelsten Gewohnheiten der höflichen Tafelrunde hin; sie bebte vor intellektueller Begeisterung.
„Eine Anschuldigung“, begann der ‚biedere Börsenmann‘ — („Gelungenes Wort, ich setze einen Schilling darauf“ murmelte der ‚Tölpel‘) — „ist kein Beweis“, setzte der ‚biedere Börsenmann‘ fort.
„Schon möglich, aber was Sie gesagt haben, war Unsinn“, erwiderte der ‚Blaustrumpf‘. „‚Ein heiliges Mysterium, eingesetzt in der Unschuldszeit der Menschheit‘ — ich erinnere mich an das Zitat. Und um welche Zeit war das, wenn ich bitten darf? Beziehen Sie sich auf den Garten Eden oder irgend einen Teil der Bibel? Das erwählte Volk, die Hebräer, war polygamisch von der Zeit des Lamech an, offenbar mit der Zustimmung der Gottheit. Selbst der unberührte David hatte dreizehn Frauen, und der heilige Salomo ein rundes Tausend. Da ist nicht viel von dem heiligen Mysterium in jenen Tagen zu spüren.“
„Lieber ‚Blaustrumpf‘, Sie sind aber wirklich —“ murmelte die ‚vornehme Dame‘.
„Durchaus nicht, sie ist ganz bei Sinnen“, warf der ‚verlebte Roué‘ ein, der sich teuflisch an dem sichtlichen Ärger des ‚biederen Börsenmannes‘ weidete.
„Ich gebe es auf“, sagte der letztere, wobei der ‚Tölpel‘ und der ‚verlebte Roué‘ in ein Freudengeheul ausbrachen. „Ich kann wirklich nicht gegen eine Dame von solch überwältigender Beredsamkeit aufkommen“, fuhr er fort, indem er sich in entzückend galanter Art verbeugte. „Es ist alles eins, ich werde immer glauben, daß die Ehe eine heilige Institution ist.“
„Mein lieber alter Junge,“ sagte der ‚verlebte Roué‘ hastig mit einem Seitenblick auf den ‚Familienegoisten‘, der wirklich an jenem Abend schlecht behandelt wurde, „deine Hochherzigkeit ist geradezu bewunderungswürdig, aber sie ist nicht am Platze. Sie paßt nicht in moderne Verhältnisse. In der Theorie ist die Ehe gewiß ein heiliges Mysterium. In der Praxis wird sie ein unheiliger Wirrwarr, oft eine Erniedrigung. Ich persönlich glaube an die Polygamie.“
Nur schwer unterdrückten alle ein Lachen bei dem Gedanken an seine wachsame Gattin und seine verschiedenen, schon von Geburt an wachsamen Kinder. „Auch ich, einen Schilling setze ich drauf“, sagte der ‚Tölpel‘ unentwegt. „Nicht für mich selbst natürlich,“ fuhr der ‚verlebte Roué‘ fort, ohne die Spur eines Lächelns, „das heißt nicht — ich meine — nicht jetzt, aber im allgemeinen gesprochen, und ich meine abstrakt genommen, wäre die Polygamie eine vernünftige Institution. Denken Sie nur daran, wie sie unsere modernen Komplikationen vereinfachen und unsere beiden ärgsten sozialen Übel verbessern würde.“
„Ja, denken Sie bitte, das wird genügen“, warf die ‚vornehme Dame‘ hastig ein.
„Und wie es die überflüssige Frauenfrage lösen würde,“ fuhr der ‚verlebte Roué‘ fort. „Denken Sie an die ungeheuere Zahl unglücklicher alter Jungfern, die dann glücklich versorgt wären.“ Der ‚Blaustrumpf‘ ließ ein entrüstetes Gequiek vernehmen.
„Denken Sie an die Ausgaben,“ bemerkte der ‚biedere Börsenmann‘ trocken, und der ‚verlebte Roué‘ sank zusammen wie ein angestochener Gasballon. „Herbert Spencer sagt,“ fuhr der ‚biedere Börsenmann‘ fort, „daß die Tendenz zur Monogamie angeboren ist und alle anderen Formen der Ehe zeitweise Verirrungen gewesen sind, von denen jede die entsprechenden Übel nach sich zog. Schließlich ist die monogamische Ehe zum Schutz der Frauen eingesetzt und wurde in den großen und edlen Zeitaltern der Weltgeschichte heilig gehalten. Ganz abgesehen von dem moralischen Gesichtspunkt könnte die Polygamie jedoch nur in tropischem Klima möglich sein, wo die Lebensbedingungen auf ein Minimum reduziert wären und man von Datteln und Reis leben könnte. Aber der Durchschnittsmann in unserem ruhmreichen Freihandelland kann ja nicht einmal eine Frau in angemessener Weise ernähren, geschweige denn mehrere. Ich frage, wie es im Namen des Bankdiskonto . . . .“
„Ihr Börsenmenschen seid alle so schrecklich knauserig“, erwiderte der ‚verlebte Roué‘. „Habe ich nicht gesagt, abstrakt genommen? Natürlich weiß ich, daß es praktisch nicht möglich wäre, jetzt noch nicht; aber ich glaube wirklich, daß es das ganze sexuelle Problem lösen könnte.“
„Keiner von euch scheint die Frauen in Betracht zu ziehen“, piepste der ‚Blaustrumpf‘. „Glauben Sie denn, daß wir modernen Frauen mit unseren Hilfsquellen und unserer Bildung so einen Gedanken nur einen Augenblick ins Auge fassen würden?“
„Gut, was denken Sie darüber?“ fragte der ‚verlebte Roué‘ mit diplomatischer Ehrerbietung.
Zu unserer Überraschung begann der ‚Blaustrumpf‘ zu erröten, und ihr Erröten ist nicht das sittsame, unverantwortliche Rotwerden eines gewöhnlichen Mädchens, sondern ein quälendes Zuströmen des Blutes ins Gesicht unter dem Druck tiefernsten Verhaltens, jene Art von Erröten, bei der man wegschauen muß.
„Nun“, sagte sie mit einem Schlucken, — „ich denke, vielleicht — vielleicht würden sie es tun.“
Es war klar, daß es sie etwas gekostet hatte, dies zuzugeben. Wir waren wie vom Donner gerührt. Der ‚Familienegoist‘ vergaß seine brennende Redelust und hörte auf, das Weinglas zu bedrohen, die ‚vornehme Dame‘ war ganz aufgeregt, der ‚verlebte Roué‘ wurde beinahe munter und der ‚biedere Börsenmann‘ sah aus, als wenn er eben in Tränen ausbrechen wollte.
„Ich glaube, wir Frauen wären nicht gegen die Polygamie, — nur um das kleinere Übel zu wählen,“ fuhr der kleine ‚Blaustrumpf‘ tapfer fort, „denn die gegenwärtige Vergeudung der Weiblichkeit in unserem Lande ist ein sehr ernstes Übel. Natürlich machen es die finanziellen Verhältnisse unmöglich, wie der ‚biedere Börsenmann‘ sagt, aber wenn es möglich wäre, wenn es aus ehrenwerten Motiven und in ganz ehrenwerter offener Weise von — ich meine, den geeigneten Persönlichkeiten — autorisiert und sanktioniert wäre, dann glaube ich, die Frauen könnten es ohne Verlust der Selbstachtung aufnehmen, besonders, wenn die erste jugendliche Liebesglut vorüber ist. Nach diesem Stadium, und wenn eine Frau sich selbst vergißt, dadurch, daß sie sich wirklich erst in der Liebe und der Sorge für ihre Kinder und einer weiteren Auffassung des Lebens und seiner Pflichten selbst gefunden hat, dann denke ich, könnten die meisten Frauen unter solchen Umständen glücklich sein. Ich glaube, es wird eine Menge unsinniges Zeug über die Qualen der menschlichen Eifersucht zusammengeschwatzt, und über die Eifersucht der Frau im besonderen. Die Männer mögen ja darunter leiden, darüber kann ich nicht urteilen, aber ich bin überzeugt, bei den Frauen ist es nicht so. Die Demütigung, die Lieblosigkeit, die Tatsache, ‚betrogen‘ und durch eine andere verdrängt worden zu sein, die verletzen so, wenn ein Mann untreu ist. Aber wenn es ganz anständig und ehrlich wäre, wenn es begriffen würde, daß die Polygamie der Natur des Mannes mehr entspricht und der größten Anzahl von Frauen Glück zu bereiten geeignet ist, — da sie so in der Überzahl sind, daß sie nicht erwarten können, jede einen Gefährten zu finden — dann glaube ich wirklich, nachdem die Frauen sich diesen neuen Verhältnissen anzupassen Zeit gehabt haben — es mag ein oder mehrere Generationen dauern — dann würden sie sie ganz froh anerkennen und Frieden und Befriedigung in ihr finden.“
Der ‚Blaustrumpf‘ machte eine Pause und sah auf die gespannten Gesichter ringsum. Sogar der ‚Tölpel‘ war auf ihre Worte gespannt, aber der ‚biedere Börsenmann‘ hatte seine Blicke abgewendet, und der ‚Blaustrumpf‘ war ganz bleich, als sie fortfuhr.
„Natürlich denkt man bei dem Wort gleich an den Harem und orientalische Frauengemächer, aber nichts von dieser Art würde sich bewähren. Die Frauen müßten getrennt leben, nicht bei dem Manne wohnen, jede in ihrem eigenen Heim, mit ihrem eigenen Interessen- und Pflichtenkreise, jede mit ihrer eigenen Arbeit. Keine dürfte im Müßiggang leben, welcher die Ursache alles Zwistes und aller Trübungen ist. Jede Frau sollte etwas arbeiten und irgend jemandem helfen. Ich denke jetzt natürlich nicht an die glücklich verheirateten und zufriedenen Frauen, sondern an die tausende, die ein elendes, dumpfes und einsames Leben führen und unendlich glücklicher wären, wenn sie sich auf eine bestimmte, in regelmäßigen Intervallen wiederkehrende Woche freuen könnten, in der der Mann mit ihnen leben würde. Es würde Liebe und menschliche Interessen und, was das Wichtigste ist, einen Inhalt in ihr Leben bringen. Ich weiß, es klingt entsetzlich unmoralisch,“ fuhr sie fort und errötete wieder peinlich, „aber ich meine es nicht so. Schließlich ist die Hauptursache, warum die Leute heiraten, die Kameradschaft, und diese hauptsächlich fehlt den unverheirateten Frauen nach der heiteren Zeit der ersten Jugend. Der natürliche Gefährte des Weibes ist der Mann. Daraus folgt, da nicht genug Männer da sind, um sie glücklich zu machen, daß es ein größeres Übel gibt als sie zu teilen. Ich behaupte nicht, daß es so befriedigend wäre, als einen treuen Gatten ganz für sich zu haben, aber es könnte für das größte Wohl der größten Anzahl gut sein, und es würde sicherlich bis zu einem gewissen Grade die sozialen Mißstände aufheben.“
Alle klatschten, als sie etwas atemlos geendet hatte. Es war klar, daß es dem braven ‚Blaustrumpf‘ so sehr an dem eigenen Mut der Meinung fehlte, daß sie in tödlicher Verlegenheit war, als sie ihr öffentlich Ausdruck verleihen mußte. Die ‚vornehme Dame‘, die das taktvollste Wesen der Welt ist, stand daher auf, bevor jemand etwas gesprochen hatte, und die beiden Frauen verließen zusammen das Zimmer.
Unter den Männern entstand ein Stimmengewirr, welches der ‚biedere Börsenmann‘ dazu benutzte, auch still zu verschwinden.
„Gebt den Porter weiter!“ sagte der ‚böse Börsenmann‘ munter: „Sie ist ein verteufelt gescheites Weib, aber wie sogar die geistreichen Frauen von einer solchen Lebensunkenntnis sein können, frappiert mich, und auch, wie ihr da solche Heuchler sein könnt! . . .“
„Heuchler! Was meinen Sie?“ brauste der ‚Familienegoist‘ auf, der jetzt vor lauter unterdrücktem Reden fast platzte.
„Nicht Sie, alter Freund, aber der ‚verlebte Roué‘ und der ‚biedere Börsenmann‘, die so herumschwätzen als ob bei uns zulande die Monogamie vorherrschte und die Polygamie etwas Neues wäre. Natürlich erwartet man es von dem ‚biederen Börsenmann‘, aber Sie, ‚verlebter Roué‘, sollten es wirklich besser wissen. Ja richtig, wo ist der ‚biedere Börsenmann?‘“
„Ich glaube, er hat sich um den Blaustrumpf beworben, um sie vor der Polygamie und ihren eigenen Ansichten zu retten“, näselte der ‚verlebte Roué‘, indem er eine Zigarette anzündete.
„Ein schneidiger Kerl; ich glaube wirklich, er hat es getan“, rief der ‚Tölpel‘ aufgeregt. „Ich setze einen Schilling gegen jeden von euch darauf. Ich meine es wirklich.“
„Nun, und wenn er es getan hat?“ sagte der ‚Familienegoist‘ gereizt. „Was macht’s, wenn ein Narr mehr auf der Welt ist? Hört auf, Unsinn zu schwatzen, Kameraden, und laßt den Porter die Runde machen!“
V. Ist die legalisierte Polyandrie die Lösung?
In W. Sommerset Maughams sehr interessanter psychologischer Studie „Mrs. Craddock“ sagt eine der Personen: „Es können nämlich wenige Frauen mit nur einem Manne glücklich sein. Ich glaube, daß die einzige Lösung des Eheproblems die legalisierte Polyandrie2 ist.“
Es ist nur ehrenwert, diese Sorte von Behauptungen mit Entsetzen entgegenzunehmen; aber wenn die Geheimnisse des weiblichen Herzens bekannt wären, käme heraus, daß ein gut Teil dieses Entsetzens erheuchelt ist. Ich lehne es ab, mein Geschlecht irgendwie auszuliefern. Maugham ist ja ein im Studium des weiblichen Herzens sehr erfahrener Mann und ich kann wohl sagen, er weiß, wovon er spricht. Überdies ist er sicherlich unverheiratet. Aber selbst er verschanzt sich hinter einem der Charaktere seiner Novelle, und warum sollte man von mir größeren Mut erwarten?
Freilich liegt in dem Wort legalisiert eine wunderbare Kraft. Die profansten und entsetzlichsten Ehen zwischen schönen jungen Mädchen und reichen, adeligen Mummelgreisen, Trunkenbolden oder Trotteln werden als ganz gehörig und ehrenwert betrachtet, weil sie legalisiert sind. Und dennoch würden die Leute, die diese Abscheulichkeiten hinnehmen, wahrscheinlich äußerst schockiert sein bei der bloßen Andeutung der Polyandrie, eines weit schicklicheren Geschlechtsverhältnisses, weil es durch wirkliche Geschlechtsanregung geregelt und voraussichtlich frei von krämerischen Rücksichten wäre. Aber gleichviel, ob die legalisierte Polyandrie die eigentliche Lösung des Eheproblems ist oder nicht, sie ist gewiß eine unmögliche für das frauenreiche England, und obgleich die Frauen in den letzten Jahren erschreckend breit ausgegriffen und sich von ungeahnter Lebenskraft besessen erwiesen haben, ist es unwahrscheinlich, daß sie ihre überflüssigen Energien nach dieser Richtung hin verausgaben werden.
2. Gesetzlich geregelte Vielmännerei.
VI. Ein Wort für die Duogamie
„Geschaffen hat euch Gott, aber verheiraten müßt ihr euch selbst.“
Am Tage nach der höflichen Tafelrunde kamen Isolda, Miranda und Amoret zu mir zum Tee, und ich erzählte ihnen von der Diskussion des vorigen Abends über die Polygamie.
„Ich verstehe schon den Standpunkt des ‚Blaustrumpfs‘“, sagte Isolda nachdenklich. „Die Polygamie mag für die überflüssige Frau, die unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht heiraten kann, annehmbar sein, für das unbefriedigte alte Mädchen, das des Ledigseins so überdrüssig ist, daß es sogar die Polygamie vorziehen würde, aber nie wäre sie es für die Frau, die sich verheiraten kann und sich verheiratet.“
„Und doch, wieviele verheiratete Frauen gehen heutzutage darauf ein“, sagte Miranda. „Gibt es nicht so viele Frauen, die die Untreue ihres Gatten verzeihen und sie so gut als möglich ertragen um der Kinder oder anderer gesellschaftlicher Vorteile willen, oder weil sie ihrem Manne so ergeben sind, daß sie es vorziehen, ihn mit einer anderen zu teilen, als allein ohne ihn zu leben? Und was ist das anderes, als die Polygamie hinnehmen?“
„Ja, aber dann sind die anderen Frauen nur Geliebte“, rief Isolda aus. „Das mag man unfreiwillig dulden, aber eine andere gesetzliche Frau mit ebensolchen Rechten wie die unseren, und was noch schlimmer ist, mit Kindern, die den unseren gleichgestellt werden — niemals!“
„Gut, vielleicht nicht,“ gab Miranda zu, „ich vermute, eine gesetzliche und ständige Nebenbuhlerin wäre etwas anderes, und schließlich kann man ja nur von dem Mittelstand in England als ausgesprochen monogamisch reden. Die oberen und die unteren Gesellschaftsschichten sind so polygamisch als nur möglich. Wir tun nur in unserer britischen Heuchelei so, als ob bei uns die Monogamie die Regel wäre.“
„Ziehe nicht gegen die britische Heuchelei los,“ sagte Amoret träge. „Es ist unser kostbarstes Nationalerbe. Die Heuchelei hält den Gesellschaftsbau zusammen.“
„Zugegeben“, sagte Isolda. „Wir müssen des Friedens halber und dem Ideal zuliebe so tun, als ob wir glaubten, daß die Monogamie die Regel ist. Natürlich weiß jeder, daß es überall eine Menge polygamer Männer und eben deshalb auch polyandrischer Frauen gibt, aber die Heuchelei ist eine zu große Stütze der Schicklichkeit, und eine Nation muß, in der Theorie wenigstens, Schicklichkeit haben, wenn schon nicht in der Praxis, sonst würden wir — hm — dem Niedergang zusteuern wie die Römer.“
„Darauf war ich gefaßt, daß eine von euch die Römer erwähnen wird,“ warf Amoret ein, die bei all ihrer Leichtfertigkeit eine gewisse humoristische Verschmitztheit besitzt. „Das ist ein unvermeidlicher Zug aller Diskussionen über die Ehe. Sowie nur jemand etwas von dem Vorschlag verlauten läßt, daß die Ehebande geschmeidiger gestaltet werden sollten, um sich den modernen Verhältnissen anzupassen, zieht jeder der Anwesenden, ausgenommen die unglücklich Verheirateten, ein langes Gesicht und zitiert das entsetzliche Beispiel der Römer. Nun ist mir eine glänzende Idee für die Lösung des Eheproblems gekommen.“
„Sag sie uns“, riefen die drei Anwesenden einstimmig.
„Noch nicht, erledigen wir erst die Römer. Ich vertraute neulich einem Mann meine Idee an; nachdem er mir wie üblich die Römer vorgesetzt hatte, ging ich und sah im Gibbon nach.“
Allgemeines Lachen unterbrach sie. Die Vorstellung, daß unser Schmetterling Amoret über dem Gibbon büffeln sollte, war zu komisch.
„Ja wirklich, ich hab es getan,“ fuhr sie fort, „und was ich herausfinden konnte, war, daß nicht ihre leichtfertigen Ideen über die Ehe ihren Niedergang verursachten, sondern ihre — wie soll ich’s nennen? — allgemeinen lockeren Sitten . . .“
„Ich weiß es,“ sagte Isolda, ihr zu Hilfe kommend, „ich las neulich ein riesig interessantes Buch darüber: Kaiserlicher Purpur. Es war das Erlöschen aller Ideale, die Freigabe aller fleischlichen Begierden, der durch Ausschweifungen und üppiges Leben entstehende äußerste Mangel an sittlichem Halt, der die Römer zugrunde richtete; aber wenn eine tüchtige, kaltblütige Nation wie die unserige die beengenden Ehebedingungen lockern wollte und an der Neuerung genau festhielte, dann ist es Unsinn, zu behaupten, daß alle unsere Ideale entarten und infolgedessen das Reich zusammenstürzen würde!“
„Hört, hört! Ganz wie der ‚Blaustrumpf‘!“
„Gut,“ sagte Miranda. „Ich will also auf eure Ideen über die Römer eingehen, schon damit wir in unserem Thema weiterkommen. Nun laß uns deine großartige Idee hören, Amoret.“
„Also folgendes: Duogamie“, sagte Amoret.
„Duo — zwei?“
„Sehr richtig — zwei Partner für jedes. Wir sind heutzutage alle so kompliziert, daß einer uns unmöglich befriedigen kann. Zwei würden gerade genügen. Zwei würden die Spannung des Ehelebens lockern, und doch nicht zu dem führen, was die Zeitungen „Ausschweifung“ nennen. Jeder hätte eine zweite Chance, und was dem ersten Partner fehlt, das würde der zweite einem ersetzen.“
„Es ist keine üble Idee“, sagte Isolda nachdenklich. „Lancelot könnte zur zweiten Frau eine solche wählen, die gut marschiert und Bridge spielt, und ich würde einen Mann zu finden trachten, der die Karten haßt und nie einen Schritt geht, wo er reiten kann.“
„Ich glaube, es ist eine grandiose Idee!“ rief Miranda begeistert. „Lysander könnte eine Frau finden, die ihn am Klavier begleitet und Opern gern hat, und ich würde mich nach einem Mann umsehen, der das ernste Schauspiel pflegt und zwei ständige Sperrsitze im Vedrenne-Barker-Theater hätte.“
„Das wäre ja geradezu die Lösung für alles“, rief Amoret verzückt. „Wenn Theodor unausstehlich gewesen ist, würde ich auf und davon gehen zu meinem „Zweiten“ — und doch mit dem Gefühl, ihn nicht zu vernachlässigen, da er zu seiner „Zweiten“ gehen könnte! Sie wäre wahrscheinlich eine treffliche, beschränkte, einer Stütze bedürftige Dame, die keinen meiner Fehler hätte, und wenn er von ihrer beschränkten Hilfsbedürftigkeit genug hätte, dann würde er zu mir zurückkehren, und wißt ihr, sogar meine Fehler würden ihm — dem Gesetz des Kontrastes zufolge — gefallen, und umgekehrt.“
„Es ist wirklich eine wunderbare Idee,“ sagte Isolda nachdenklich, „es wundert mich, daß niemand früher darauf gekommen ist. Es gäbe weniger alte Jungfern, denn die Männer würden die Ehe nicht so scheuen, wenn sie wüßten, daß es noch immer eine zweite Chance gibt. Sie würden von einer Frau auch nicht soviel erwarten wie jetzt. Und stellt euch nur vor, was für eine gute Wirkung es auch auf unser Verhalten ausüben würde — wie lieb und höflich und beherrscht wir wären, aus Furcht, im Vergleich mit der ‚Andern‘ in ungünstigem Lichte zu erscheinen.“
„Ja, es würde uns gewiß auf einem Niveau erhalten, auf dem wir den Erwartungen genügen würden,“ bemerkte Miranda, „unordentliche Frauen würden sich bemühen, nett zu werden, und zänkische würden ihrer Zunge Einhalt tun. In ihrem Bestreben, den ‚Andern‘ aus dem Felde zu schlagen, würden die Ehemänner galant und aufmerksam wie Liebhaber werden.“
„Es würde alle Verwicklungen lösen,“ erklärte Amoret, „nehmt nur einmal die uns persönlich bekannten Fälle. Die Smiths zum Beispiel haben schon drei Jahre nicht miteinander gesprochen, weil Fred sich in Fräulein Brown verliebte und fast seine ganze Zeit mit ihr verbringt. Frau Smith ist tiefbekümmert, Fred sieht recht elend aus — ein Heim, in dem man nichts spricht, muß ja eine Hölle sein —, und die junge Brown droht immer, sich etwas anzutun. Die Sache hat den Smith direkt das Leben verdorben und für die Kinder muß es sehr hart sein, in solch einer Atmosphäre heranzuwachsen. Mein Plan würde all diesem Elend abhelfen: Fred hätte Fräulein Brown heiraten und zeitweise ganz glücklich mit Frau Smith leben können.“
„Aber was würde Frau Smith in den Zwischenpausen tun? Sie hat zufällig keine ‚entgegengesetzte Anziehungskraft‘ gefunden.“
„Nun vielleicht, wenn die Duogamie üblich wäre, hätte sie sich nach einer umgesehen,“ sagte Amoret, „ich bin überzeugt, die meisten Frauen könnten einen zweiten Gefährten finden. Aber übrigens ist ja kein System vollkommen, und es gibt eine Menge Frauen, die überhaupt keinen zweiten Mann haben möchten und nur zu froh wären mit einer Ruhepause, in der man keine Diners anzuschaffen braucht. Nehmt dann den Fall Robinson: Dick Jones verehrt Frau Robinson sehr und ist äußerst unglücklich, weil er ihr nicht mehr als ein Freund sein kann. Sie hat ihn sehr gern und auch ihren Mann; sie könnte beide sehr glücklich machen, wenn sie sich teilen wollten.“
„Ich habe oft empfunden, daß ich zwei Männer beglücken könnte“, sagte Isolda. „Einige meiner besten Eigenschaften sind an Lancelot verschwendet. Er wird auch nie des Landlebens und seines geliebten Golfs überdrüssig, ich aber wohl, und wenn mich wieder einmal meine Sehnsucht nach London überkommt, würde ich mich schnell nach der Stadt aufmachen und eine famose Zeit mit meinem Londoner Gatten verleben.“
„Ohne das Gefühl, irgend ein Unrecht zu tun,“ ergänzte Amoret, deren sichtliche Erfahrung in Gewissensskrupeln mir etwas verdächtig erschien.
„Liebe Kinder, es tut nicht gut“, sagte Miranda plötzlich. „Es tut nicht gut—aus ist’s mit der Duogamie! Denkt an die Dienstboten!“
„Entsetzlich, die Dienstboten!“ sagte Isolda bestürzt.
„Ja, ich fürchtete, daß ihr den wunden Punkt bald herausfinden würdet“, sagte Amoret bedauernd. „Natürlich wäre es schrecklich, zweierlei Dienstboten zu beaufsichtigen zu haben. Ein Gatte könnte sich vier oder fünf leisten und der andere nur ein bis zwei, und jede Dienerschaft würde in Abwesenheit der Frau außer Rand und Band geraten.“
„So hätte man anstatt eines vollständig glücklichen Lebens mit zwei Gatten, die uns um die Wette zu gefallen bestrebt sind, eine fürchterliche Existenz durch fortwährendes Abrichten der Dienerschaft. Kaum, daß man A.’s Dienerschaft in Ordnung gebracht hätte, wäre es Zeit, zu B. zurückzukehren und dort mit dem gleichen zu beginnen.“
„Nein, dafür dank ich,“ sagte Isolda entschieden, „die Dienstboten eines Hauses sind mir gerade genug. Ich habe schon hundertmal gesagt, daß ich bloß wegen der leidigen Dienstboten nicht geheiratet haben möchte. Es wäre verrückt, sich jetzt diese Plage noch zu verdoppeln. Du kannst mich aus der Liste der Duogamistinnen streichen, Amoret, bis die Dienstbotenfrage durch die Erfindung irgend einer neuen Maschine oder den Import von Chinesen gelöst ist.“
„Vielleicht“, warf Amoret hoffnungsvoll ein, „würde dein ‚Zweiter‘ darein willigen, im Hotel zu leben?“
„Solches Glück habe ich nicht,“ sagte Isolda traurig, „wenn ein Mann heiratet, so ist es meistens wegen des Heims — warum sollte er sonst heiraten, abgesehen von den Kindern? Guter Gott! Ich habe ja an die Kinder ganz vergessen. Natürlich gibt das der Sache den Rest.“
„Die ‚Sackgasse aller Reformen‘!“ sagte Amoret tragisch. „Es ist unmöglich, irgend eine Neuerung im Ehesystem vorzuschlagen, die nicht gleich durch die Komplikation des Nachwuchses annulliert wird.“
Wie saßen alle schweigsam in Gedanken versunken; Isolda schauerte zusammen.
„Mit der Duogamie ist’s nichts!“ sagte sie pathetisch, „und ich bin so enttäuscht!“
VII. Die Vorteile der Ehe „auf Sicht“
„Die Ehe ist abschreckend, aber auch ein kaltes und verlassenes Alter ist es.“
Von allen revolutionären Vorschlägen zur Verbesserung des gegenwärtigen Ehesystems erscheint mir die Ehe „nach Billigung“ — mit anderen Worten die „Ehe auf Sicht“ die vernünftigste und durchführbarste. Das Verfahren wäre ungefähr folgendes: Ein Paar, das heiraten will, würde einen gesetzlichen Vertrag schließen des Inhalts, daß sie einander für eine begrenzte Zahl von Jahren — sagen wir drei — zu Gatten wählen. Dieser Zeitraum würde zwei Jahre Versuchszeit bieten, nachdem das abnormale und außergewöhnlich kritische erste Jahr vorüber wäre. Eine kürzere Zeit wäre ungenügend. Nach Ablauf der drei Jahre hätten die Kontrahenten das Recht auf Lösung der Ehe, die Lösung sollte aber erst nach weiteren sechs Monaten in Kraft treten und so jede Gelegenheit bieten, die Echtheit des Scheidungswunsches zu erhärten. Wenn keine Scheidung gewünscht wird, würde die Ehe durch eine religiöse oder endgültige gesetzliche Zeremonie genehmigt und für immer bindend werden.
Im Falle einer geschiedenen Ehe hätte jeder Teil die Freiheit, wieder zu heiraten; aber der zweite Versuch müßte vom Anfang an endgültig und bindend sein. Diese Einschränkung ist absolut notwendig, wenn die „Ehe auf Sicht“ nicht in eine Art gesetzlich geregelter „freier Liebe“ ausarten soll, da es viele Männer und manche Frauen gibt, die immer von neuem solche Ehen schließen würden, und das Ende der Sache wäre nichts anderes als die „Probeehe“ für den kurzen Zeitraum von drei Jahren.
Man wird gegen diesen Plan einwenden, daß viele Paare, die am gefährlichen Wendepunkte des Ehelebens — d.i. nach ca. zehn Jahren — Malheur haben, in den ersten Jahren vollkommen glücklich sind. Aber da mal die menschliche Liebe so veränderlich ist und die Leute wie die Lebensbedingungen dem Wechsel so unterworfen sind, ist es unmöglich, zu irgend einem feststehenden System zu gelangen, das darauf Rücksicht nimmt. Es muß jedoch daran erinnert werden, daß in der Mehrzahl der unglücklichen Ehen nicht das System zu tadeln ist, sondern die Individuen. Die Einführung des ehelichen Noviziates würde jedoch die Zahl der Scheidungen dadurch beträchtlich vermindern, daß durch sie das jetzt so häufige Nichtzusammenpassen der Temperamente weit seltener würde. Das eheliche Noviziat würde jenen eine zweite Chance bieten, die eine schlechte Wahl getroffen haben, ohne jedoch in jene Promiskuität auszuarten, die für die Gesellschaft eine Gefahr und für die höchsten Interessen der Rasse verhängnisvoll ist. Von welchem anderen System kann man das sagen?
Für die im Noviziat lebenden Frauen müßte man eine neue Bezeichnung erfinden, die sie nach gelöster Verbindung beibehalten würden. „Frau“ wäre nach wie vor die unterscheidende Bezeichnung für jene weiblichen Wesen, die in den endgültigen und bindenden Ehestand eingetreten sind. Ob die Frau den Zunamen des Mannes während der Probezeit annehmen sollte, wäre eine andere, durch die Majorität zu entscheidende Frage; ich wäre dafür, daß sie ihren Mädchennamen mit obbesagter Bezeichnung behielte und den Namen des Mannes nur mit dem endgültigen Titel „Frau“ annähme. Aber das sind bloße Details.
Was die wichtige Frage der Kinder anbetrifft, so würde die Nachkommenschaft aus einer „Probeverbindung“ natürlich legitim sein, aber ich meine, daß kluge Leute darauf bedacht sein würden, keine Kinder zu bekommen, so lange die Ehe nicht endgültig geschlossen ist. Gewiß würden Kinder eher die Ausnahme als die Regel sein, und die Frage ihrer Fürsorge in den Fällen gelöster Ehen würde die durchdachteste Gesetzgebung erheischen. Den Aufenthalt des Kindes zwischen den Eltern zu teilen, ist ein nicht wünschenswertes Auskunftsmittel, das bis zu einem gewissen Grad nachteilig wirken muß, da ein ständiger Aufenthaltsort mit regelmäßigen Gewohnheiten von ungeheurer Wichtigkeit für das Wohlergehen der Kinder ist. Den Vater jedoch ganz zu berauben, ist ebenso unangebracht.
Das „eheliche Noviziat“ ist kein neues System. Es war vor der Reformation in Schottland unter dem Namen „Händeschütteln“ üblich. Die Männer und Mädchen trafen sich bei den jährlichen Jahrmärkten und erklärten einander durch die Zeremonie des „Händedrucks“ zu Gatten auf ein Jahr. Am Jahrestag dieser Zeremonie wurden sie — wenn alles gut gegangen war — durch einen Priester gesetzlich getraut. Wenn sie die Verbindung als einen Mißgriff erkannt hatten, so schieden sie.
Vierter Teil
Die Kinder — die Sackgasse
aller Reformen
„Ein frühes Ergebnis teils des Geschlechtes, teils der passiven Art der ersten Urmutter ist Begründung einer neuen und schönen Gemeinschaftsform — der Häuslichkeit . . . Eine Tages erscheint in diesem Raum ohne Dach jenes Wesen, das bestimmt ist, die Lehrer der Welt zu lehren — ein kleines Kind.“
„Jede echte Frau ist von Natur aus eine Mutter und findet am besten in der Mutterschaft ihre soziale und sittliche Erlösung. Sie soll durchs Gebären erlöst werden.“
„Kinder sind eines Mannes Macht und sein Stolz.“
I. Kinder oder keine Kinder — die Frage des Tages
„Die Ehe wurzelt daher vielmehr in der Familie als die Familie in der Ehe.“
Wenn wir die Kinder aus dem Spiel lassen könnten, wäre die Neugestaltung der Ehebedingungen recht einfach. Aber meine Freundin Amoret hat dieses Problem sehr richtig „die Sackgasse aller Reformen“ genannt. Jedes System, sei es Probeehe, freie Liebe, Polygamie, Polyandrie, Duogamie — jedwedes System, das die Vaterschaft des Kindes zu verschleiern oder das Kind der erprobten Vorteile eines ständigen Heims zu berauben trachtet — ist von Anbeginn aussichtslos. Das bezieht sich jedoch nur auf Ehepaare, die Kinder haben. Früher erwarteten alle jene, die heirateten, Nachkommenschaft und waren enttäuscht, wenn diese Hoffnung nicht erfüllt wurde. Daß es möglich ist, die Zahl der Nachkommenschaft zu beschränken oder gar die Elternschaft ganz zu vermeiden, wußten sie natürlich nicht. Heute ist das alles anders, und die Malthusianischen Lehren herrschen überall.
Bernard Shaw sagt: „Daß man die Ehe künstlich unfruchtbar machen kann, ist die revolutionärste Errungenschaft des 19. Jahrhunderts.“ Gewiß ermöglicht sie die umstürzlerischen Vorschläge über die Ehe oder würde sie vielmehr durchführbar machen, wenn man die „Errungenschaft“ allgemein in Praxis umsetzte.
So muß denn der Satz aufgestellt werden, daß da, wo Kinder sind, keinerlei Änderung unseres gegenwärtigen Ehesystems ratsam ist, und daß die Leute, die es mit neuen Ehesystemen versuchen wollen, entschiedenst die „Sackgasse aller Reformen“ vermeiden und kinderlos bleiben müssen.
Kinder oder keine Kinder — das ist heutzutage die Frage. Es gibt kaum ein Thema, über das die Ansichten mehr auseinandergehen. Manche Leute betrachten die Elternschaft als das schrecklichste Unglück; andere wieder meinen, daß es nutzlos leben hieße, wenn man ohne Nachkommenschaft sterben wollte. Ich hörte ein Mädchen einst sagen: „Ich hasse Kinder; es ist viel besser, sich ein paar liebe Hunde zu halten,“ und das war kein unwissendes oder lebensfremdes Mädchen, sondern ein gesundes, kluges, voll entwickeltes junges Weib von 26 Jahren. Und vor kurzem teilte mir ein anderes Mädchen ihre Verlobung mit und fügte gleich hinzu, daß sie durchaus nicht die Absicht habe, Kinder zu bekommen. George Moore sagt in seinem düsteren und abstoßenden Buch „Die Beichte eines jungen Mannes“: „Möge ich kinderlos sterben, damit, wenn meine Stunde kommt, ich mein Antlitz zur Mauer wenden und mir sagen kann, daß ich das große Unheil menschlichen Lebens nicht vermehrt habe — dann werden meine Sünden in Dunst vergehen wie eine Wolke — und wäre ich auch ein Mörder, Zuhälter, Dieb und Lügner gewesen. Aber derjenige, dessen Sterbebett Kinder umstehen — und wäre sein Leben in allem anderen ein vortreffliches gewesen —, wird von dem wahrhaft Weisen für gottlos gehalten werden und der Makel wird ewig auf seinem Andenken haften.“ (Bei diesen Zeilen wundert man sich, warum George Moore das „große Unheil menschlichen Lebens“ in seiner eigenen Person weiter aufrecht erhält, wo er doch seine Existenz so leicht beenden könnte, ohne irgend jemanden zu betrüben!)
Aber ich habe viele Leute, Männer und Frauen, ledige und verheiratete, sagen hören, daß ohne Kinder die Ehe keinen Sinn hat, welcher Meinung ich von Herzen beipflichte. So manches warmblütige, lebensvolle, tapfere junge Weib vertraute mir an, daß sie — gleichviel, ob sie heiraten würde oder nicht — um jeden Preis Mutter zu werden wünsche. Es ist eine der traurigen Folgen der Scheu der Männer vor der Ehe, daß solche prächtige Frauen vorsätzlich ihre herrliche Sehnsucht nach Mutterschaft unterdrücken müssen, — oder dafür, daß sie ihr unterliegen, einen fürchterlichen Preis zahlen müssen, den nicht sie allein entrichten, sondern auch das in die Welt gesetzte Kind. Solche Frauen trifft man jedoch nicht oft.
Und jetzt kommen wir zu den Gründen, um deretwillen die Leute keine Kinder haben wollen.
„Wir können es nicht erschwingen“, ist die zumeist gehörte, aber verächtlich selbstsüchtige Entschuldigung. Ich sagte oben, daß jeder Mann es sich erlauben könne, zu heiraten — wenn er die rechte Frau findet.
Nun muß ich hinzufügen, daß jeder Mann, der eine Frau erhalten, auch ein Kind erhalten kann. Leute, die zu egoistisch sind, um für zwei Kinder den Unterhalt zu erübrigen (oder wenigstens für eines, wie traurig es auch für das Kleine ist, weder Bruder noch Schwester zu haben), sollten überhaupt nicht heiraten. Manche Leute sagen, daß sie auch ohne Kinder ganz glücklich sind. Sehr viele Frauen verzichten vorsätzlich auf ihre Mutterschaftschancen, weil sie ihre Vergnügungen unterbrechen, die Jagdsaison verderben, und ihrer Reiselust oder ihren Spielpassionen in die Quere kommen würden. Vielleicht werden sie dereinst einsehen, daß sie ihren Passionen zuliebe einen zu hohen Preis gezahlt haben. Andere können Kinder wirklich nicht leiden und wüßten nicht, was sie mit ihnen anfangen sollten, wenn sie welche hätten. Solche Leute sollten füglich keine Kinder haben; man merkt es den armen Kleinen immer an, wenn sie unwillkommen waren.
Auch „Schwächlichkeit“ führen nervöse Frauen als Entschuldigung an, die nicht im geringsten zu schwach sind, zu gebären. Bei wirklicher Kränklichkeit oder einer konstitutionellen Schwäche oder Anomalie ist diese Entschuldigung nur sehr angebracht. Eine sichtlich gesunde Frau sagte mir einmal ganz im Ernst, daß sie gerne ein Kind haben möchte, nur habe sie oft im Winter einen so bösen Husten und möchte nicht riskieren, ihn zu „vererben“. Ihre Lungen waren vollkommen gesund, und es belästigte sie nur ein zeitweiser Husten. Bei derselben Gelegenheit bemerkte eine andere anwesende Dame, daß sie auch gerne ein Kind haben möchte, nur „wäre nicht genug Platz in unserer Wohnung und sie ist so passend, wir möchten nicht gerne ausziehen“.
Meinem durch diese Bemerkungen erzeugten Gemütszustand hätte ich nur dadurch Ausdruck verleihen können, daß ich diese beiden Damen zu Boden geworfen und mit Füßen getreten hätte, und da diese Aufführung bei unserer Gastgeberin keinen Anklang gefunden hätte, so mußte ich mich damit begnügen, bloß recht grob gegen die beiden zu sein.
Ich glaube, all das wurzelt darin, daß der mütterliche Instinkt nicht so allgemein wie früher ist. Die Gründe davon nachzuweisen, bin ich nicht klug genug. Viel mag der größeren Befreiung der Frauen, der Erweiterung ihres Lebens und ihrer ehrgeizigen Bestrebungen, den neuen Beschäftigungen, den neuen Interessen zugeschrieben werden, welche die weibliche Existenz so umgewandelt haben. Die Mutterschaft und die schmerzhaften und belästigenden Vorgänge ihrer Erfüllung wirken störend auf all das ein. Der Instinkt der Mutterschaft ist gewiß der Majorität noch angeboren; wenn die Kleinen, oft unwillkommen, das Licht der Welt erblicken, macht sich der Instinkt in der Regel wieder geltend; aber gewiß ist es bei der heutigen Durchschnittsfrau nicht allgemein, daß er sich vor der Ehe oder der auftretenden Mutterschaft in ihr regt, und ich bin überzeugt, daß die Zahl der Frauen, die gleich der weiblichen Biene dieses Instinktes ermangeln, jährlich wächst. Es ist mir oft vorgekommen, daß die Männer größere Liebe zu Kindern haben als die Frauen. In meinem eigenen Kreise kenne ich keinen Mann, der Kinder nicht gern hat, während ich viele Frauen kenne, die Kinder direkt nicht leiden können und viele andere, die nur die eigenen erdulden, weil sie es eben müssen. Ich habe auch beobachtet, daß ganz zärtliche Mütter alle anderen Kinder nicht ausstehen können, während Männer, wenn sie überhaupt Kinder gern haben, jedem Kind gewogen sind. Man beobachte nur einmal, wie Männer im Eisenbahnkupee ein gar nicht besonders reizendes Kind beachten, während die anwesenden Frauen ganz gleichgültig bleiben. Eine Dame, die viele Jahre eine Mädchenschule hatte, erzählte mir neulich, daß ihrer Ansicht nach das Wesen der Mädchen sich ändert und die Vorliebe für Puppen und kleine Kinder sichtlich in Abnahme begriffen ist. Kann man das verallgemeinern? Und wäre es möglich, daß die höhere Frauenbildung solche bedenkliche Kehrseiten hätte?
Zum Glück für die Ehre und die Ideale unseres Landes ist das Nachwuchs liebende Element noch in überwältigender Majorität und viele Leute, die sich aus verschiedenen Gründen gerade keine Kinder wünschen, bewillkommnen den Storch recht herzlich, wenn er sie mit seinem Besuche beehrt. Nach Jahren werden sie einem dann sagen, daß sie sich gar nicht vorstellen können, wie das Leben ohne das Getrippel kleiner Füßchen im Hause, das Geplapper der süßen Stimmchen und die zarten Kindergesichtchen gewesen wäre.
II. Das Für und Wider des beschränkten Nachwuchses
„Das Kind — des Himmels Gabe.“
Obgleich ich es bei legitim Verheirateten für den größtmöglichen Mißgriff halte, aus irgend welchen anderen Gründen als geistiger oder körperlicher Degeneration absichtlich kinderlos zu bleiben, bin ich andererseits entschieden gegen die Lutheranische Doktrin von der unbeschränkten Vermehrung. Die Zeiten haben sich seit Luthers Tagen geändert, und im 20. Jahrhundert sind kleine Familien — außer bei den sehr Wohlhabenden — direkt notwendig. Wo das Geld keine Rolle spielt und die Eltern durch und durch gesund sind, mag der Luxus einer zahlreichen Familie gestattet sein. Und es ist ein Luxus, mögen die Zyniker spotten, soviel sie wollen. Wir modernen Eltern mit unseren zwei oder drei Kindern oder unserem einzigen Nesthäkchen, das aus den Augen zu verlieren wir uns kaum trauen, weil es unseren einzigen Schöpfungsversuch verkörpert — wir vermissen viel von dem echten häuslichen Frohsinn, den unsere Mütter und Väter mit dreizehn bis vierzehn lustigen Buben und Mädeln gekannt haben müssen. Unsere Kinder können nicht einmal eine Partie Tennis stellen, ohne sich eins oder mehrere von einer anderen Familie auszuborgen. So manches von der Angst und Qual, die wir unserer spärlichen Nachkommenschaft halber erleiden, war zu jenen Zeiten unbekannt, wo der Kindersegen reichlich war und die Nachkommenschaft selbstverständlich eine zweiziffrige Zahl erreichte.
Heutzutage sind diese Freuden der Luxus der Wohlhabenden, die sich jedoch selten dieses besondere Vorrecht der Reichen zunutze machen. Wo die Bedürfnisse des täglichen Lebens mit jedem Jahr im Preise steigen, eine ständige Panik auf dem Geldmarkt herrscht, und der Konkurrenzkampf beängstigende Formen annimmt, ist eine kleine Familie von zwei bis drei Kindern alles, was der Mann mit mittlerem Einkommen sich erlauben kann. Vier ist schon eine Ausnahmezahl, aber sie ist einige Opfer wert. Professor E. A. Roß hat kürzlich in „The American Journal of Sociology“ konstatiert, daß, obgleich „die Beschränkung des Nachwuchses die Ausbreitung wirtschaftlichen Wohlstandes zur Folge hat, die Kindersterblichkeit herabsetzt, die Übervölkerung verhindert, welche die Hauptursache von Krieg, Massenarmut, dem Konkurrenzkampf bis aufs Messer und dem Klassenstreite ist, ihr dennoch beunruhigende Wirkungen anhaften, und in Ein- oder Zweikinderfamilien den Eltern sowie den Kindern viele der besten Lehren des Lebens abgehen; der zum Vorbild zu erhebende Typus ist nicht die Familie mit ein bis drei, sondern mit vier bis sechs Kindern.“ Auch der deutsche Gelehrte Möbius hat der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die allgemeine Einführung des Zweikindersystems zur Degeneration der Rasse führen würde.
Ob aber die Kinderzahl eins oder sechs ist, das ist dem Jesuitenpater Bernard Vaughan ganz gleich, der in seinem heftigen Angriff auf die modernen Eltern keinen Unterschied kennt zwischen dem reichen Mann, der nur ein Kind, und dem schwer arbeitenden Gewerbsmann, der mehrere hat. Den Familiennachwuchs überhaupt zu beschränken ist in seinen Augen eine abscheuliche und verwerfliche Sünde, „ein gemeiner Kniff“, und die Leute, die es tun, sind „Verräter an der hochwichtigen Formel im geheiligten Ehevertrag, zu dem sie Gott als Zeugen anriefen und den sie zu halten versprachen.“ Das letztere ist kaum logisch — niemand von uns ist verantwortlich für den Wortlaut des Ehezeremoniells, und wir können ja nicht das Hersagen der barbarischen Formel mit der Erklärung unterbrechen, daß unserem Wunsche nach Vermehrung Grenzen gesteckt sind.
Der Pater Vaughan sagt auch, daß diese Abneigung gegen die Fortpflanzung „das Erlöschen der christlichen Sittlichkeit“ bedeutet und „Trotz gegen Gott“ darstellt. Es ist mir nicht klar, warum ein ehrsames Paar aus dem Mittelstande, das zu dem Schluß gekommen ist, bei einem Einkommen von — sagen wir — 300 Pfund im Jahre drei Kinder für angezeigter zu halten als zwölf oder vierzehn, wegen dieses Beweises von Klugheit und Selbstbeherrschung des „Trotzes gegen Gott“ geziehen werden sollte. Herrscht die Vorstellung, daß die Kinder uns nur geschenkt werden, wenn der Allmächtige sie uns zu schenken wünscht und ist es deshalb gottlos, die Zahl zu regeln? Geradesogut könnte man ein junges Mädchen, das einige Heiratsanträge ausschlägt, beschuldigen, „Gott zu trotzen“, da ER sie offenbar zu verheiraten wünscht. Körperkrankheiten und Unfälle kommen mutmaßlich von derselben göttlichen Instanz, und doch hält es niemand für eine Sünde, gegen dieselben durch Mittel zu kämpfen, die die Wissenschaft für solche Zwecke in Bereitschaft hält. Warum macht man uns mit den Mitteln zur Beschränkung des Nachwuchses bekannt, wenn wir sie bei bedrohlicher Übervölkerung nicht anwenden sollen? Die Lehre vom „Freien Willen“ wird geradezu zur Posse, wenn der Pater Vaughan recht hat. Wenn er seine Bemerkungen auf jene beschränken würde, die vorsätzlich gar keine Kinder haben wollen, dann hätte er viele Anhänger gefunden, aber er wird durch die Übertriebenheit seiner Anklagen unserer Sympathie verlustig. Sogar das Bestreben, die Geburten nicht zu rasch aufeinanderfolgen zu lassen, was für die Gesundheit der Mutter von solcher Wichtigkeit ist, brandmarkt er als unmoralisch. Er scheint es angemessen zu finden, wenn eine Frau ungefähr alle elf Monate ein Kleines bekommt, ungeachtet des beschränkten Einkommens des Mannes, bis sie ein kränkelndes, gebrochenes Wesen wird oder infolge der zu vielen Geburten stirbt und eine mutterlose Kinderschar zurückläßt. Seine Bemerkungen richten sich natürlich hauptsächlich an die „vornehme Welt“, aber da der Pater Vaughan Mittellosigkeit nicht als Entschuldigung für eine „vorsätzliche Regulierung des Nachwuchses“ gelten läßt, muß seine Kritik auf alle Gesellschaftsklassen bezogen werden. Man wäre versucht, mit einer Person aus „The Merry-Go-Round“ auszurufen: „In dieser Welt sind’s die Braven, die alles Unglück anrichten!“
Im Jahre 1872 erschien, noch bevor die Geburtsziffer merklich zu sinken begann, ein Artikel von Montagu Crackenthorpe in der „Fortnightly Review“, der behauptete, daß kleine Familien eher ein Zeichen des Fortschrittes als des Rückschrittes seien. Dieser Artikel erschien kürzlich in einem Buche „Bevölkerung und Fortschritt“ wieder. Über dieses Thema gibt es eine Menge anderer Bücher, und auf sie muß ich jene meiner Leser verweisen, die ausgebreitetere Kenntnisse über diesen höchst wichtigen Gegenstand zu erwerben wünschen. Der Raum hier gestattet mir leider keine erschöpfende Behandlung desselben. Die Sache wird von den meisten von einem engen, persönlichen Standpunkt aus betrachtet; denn man kann unmöglich von Leuten, die im Daseinskampfe stecken, erwarten, daß sie „imperalistisch“ denken und die Bedürfnisse des „Imperiums“ über die Beschränkungen ihres Einkommens setzen. Vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus wurde die Frage von dem Meister der Nationalökonomie, Sidney Webb, in einer Broschüre unter dem Titel „Das Sinken der Geburtsziffer“ (im Verlage der Fabian Society) erschöpfend behandelt.
Ich wollte, ich könnte die Leute davon überzeugen, was für ein Unrecht es ist, nur ein Kind zu haben. Der Verlust für die Eltern ist schwer und für das Kind unberechenbar. Alle Eltern, die in dieser Lage waren, kennen die Nachteile bei der ersten Erziehung, „wenn niemand da ist, mit dem man spielen kann“ und niemand, der das Spiel wieder aufgibt und das Kind sich selbst überläßt, — vielleicht die wichtigsten Lehren, die das Leben uns erteilt. Zwei oder mehrere Kinder, die zusammen aufwachsen, sind noch einmal so leicht zu lenken und zu unterrichten als eines allein und in jeder Hinsicht unvergleichlich glücklicher. Später füllen Schulkameraden bis zu einem gewissen Grade die Lücke aus, aber das einzige Kind ist ebenso wie seine Eltern noch immer zu bedauern. Alle Hoffnungen der Eltern konzentrieren sich auf das eine Kind, und da die Umstände fast unausweichlich dazu beitragen, es zu verderben, werden ihre Hoffnungen mehr oder weniger getäuscht. Zu spät sehen dann die Eltern ein, daß sie einen Fehler begangen haben.
Ich war vor kurzem in einer Kindergesellschaft, wo solche „einzige Hoffnungen“ in der Majorität waren. Ein herziges kleines Familientrio, aus einem Knaben und zwei winzigen Mädchen bestehend, wurde viel bewundert, und die Mutter geradezu beneidet. Mehrere der anwesenden Mütter meinten, sie hätten sich oft für John oder Tommy ein Brüderchen oder Schwesterchen gewünscht; da wenige der betreffenden Kinder älter als fünf Jahre waren, schien die Schwierigkeit nicht unüberwindlich zu sein. Aber es herrschte nur eine Meinung unter den Damen: daß es zu spät sei, „wieder mit der Kleinkinderstube zu beginnen“. „Es täte nur gut, wenn beide zusammen aufwachsen könnten; fünf Jahre sei ein zu großer Altersunterschied“ und so weiter. Gewiß werden sie dereinst ihre Zaghaftigkeit bitter bereuen, wie es bei vielen Frauen aus meiner persönlichen Bekanntschaft der Fall war. — John oder Tommy können ihnen genommen werden, oder, was schlimmer ist, sie können lieblos und ungehorsam werden, und in jener traurigen Zeit werden sie kein anderes Kind als tröstenden Ersatz haben.
Wenn die seichten Verfasser jener endlosen Zeitungsartikel über die Degeneration der modernen Frauen ihre Sache wirklich gut machen wollen, dann sollten sie ihre törichten Klagen aufgeben über die Unfähigkeit der Frauen, das Spinnrad zu drehen oder Früchte einzulegen oder zu anderen, durch den maschinellen Fortschritt unnötig gewordenen Leistungen. Statt dessen sollten sie ihre auf den Beweis der Degeneration zielende Aufmerksamkeit lieber auf die seltsame Hilflosigkeit lenken, die den Frauen des Mittelstandes bei Aufziehung ihrer Kinder eigen ist, und auf ihr Grauen vor Komplikationen in der Kleinkinderstube. Ich kenne so manche Frau, deren finanzielle Begabung und organisatorische Fähigkeit ans Geniale grenzt, die gewiß nicht in Verlegenheit wäre, mit einem Einbrecher zu verhandeln, jedoch unter keiner Bedingung den Schrecken einer längeren Eisenbahnfahrt mit ihrem zwei Jahre alten Kinde trotzen würde, während die Tatsache, das Kleine einmal während der Abwesenheit der Kinderfrau nachts übernehmen zu müssen, ein nervenerschütterndes Experiment bedeutet, das zumindest einen Tag vollständiger Bettruhe nötig macht.
„Mit der Kleinkinderstube und ihrem vielverzweigten Apparat wieder zu beginnen“, wenn das „Einzige“ über das Zahnen hinaus ist, gehen, allein essen kann und umgänglich ist, das ist eine Sache, vor der die modernen Mütter zu verzagen scheinen. Um dem abzuhelfen, sollte man die Zahl der kleinen Stubenbewohner vermehren, ehe Nr. 1 der Kinderstube entwachsen ist, so daß dieselbe um viele Jahre länger belebt ist, als es heutzutage modern, jedoch durchaus nicht eine unbegrenzte Zeit lang, wie es der Pater Vaughan und andere im Zölibat lebende, der Kleinkinderstube und ihrer Forderungen total unkundige Priester lehren!