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Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll

Chapter 43: Ende
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About This Book

Die Autorin untersucht die wachsende Unzufriedenheit mit der Ehe, erläutert Gründe, warum Männer und Frauen Partnerschaften meiden, beschreibt verschiedene Eheformen und die Ursachen ehelicher Entfremdung und schlägt praktische sowie theoretische Reformen vor. Einzelne Kapitel behandeln Probeverbindungen, freie Liebe, Polygamie, Polyandrie, Duogamie, Ehe auf Sicht, die Rolle der Kinder, Familienplanung und Elternschaft sowie konkrete Ratschläge für Ehepartner. Beobachtungen zu Erziehung, gesellschaftlichen Einstellungen und alltäglichen Praktiken verbinden sich mit Vorschlägen, wie eheliches Zusammenleben erträglicher und erfüllender gestaltet werden kann.

„O seliger Gatte! Seliges Weib!

Der köstlichste Segen, den der Himmel gewährt,

Das lieblichste Kleinod aus des Lenzes Kranz,

Wird eurem Lebenspfad beschert!“

Gerald Massey.

Man wird mir vielleicht vorwerfen, daß ich das Ehethema zu oberflächlich behandle. Die meisten Abhandlungen, die ich gelesen habe, haben in entgegengesetzter Richtung gefehlt und den Gegenstand von einem ermüdend transzendentalen Gesichtspunkt aus erörtert. Ich habe absichtlich versucht, über Wirklichkeiten, Tatsachen, über die Ehe, wie sie in der alltäg­lichen Welt wirklich ist — das heißt, wie sie mir wirklich erscheint — zu sprechen, und nicht, wie sie in einer erhabenen idealen Welt edler Seelen sein mag.

Der Ehe — wie sie von der großen Majorität durchgeführt wird — scheint meiner Ansicht nach wirklich nicht viel Heiliges innezuwohnen. Was ist an zwei mensch­lichen Wesen Heiliges, die sich aus rein sozialen oder häuslichen Rücksichten, welche oft von stark kommerziellen Beweggründen durchsetzt sind, dahin einigen, zu eigenem Behagen miteinander zu leben? Gewiß liegt in jeder Liebe eine gewisse Heiligkeit, aber unter den verschiedenen Spielarten mensch­licher Liebe scheint die Geschlechtsliebe am wenigsten Heiligkeit an sich zu haben. Die Familienliebe, bei der die Bande des Blutes bestehen, die Liebe zwischen Freunden — die reinste von allen Neigungen — sind oft im Kerne heiliger als die sogenannte „heilige Gattenliebe.“

Die Ehe, die bloße soziale und physische Verbindung von Mann und Weib, abgesehen von der Eltern­schaft, ist einfach eine Gemein­schaft — aus der, ich gebe es zu, eine ungeheure Steigerung an Glücksmög­lichkeiten für die beiden Teilhaber ersteht — im großen und ganzen ein ausgezeichneter Kontrakt, aber alles in allem ein bloß weltlicher Kontrakt. Aber wenn die Kinder kommen, wenn das göttliche und herrliche Wunder vollbracht ist, dann ist die Ehe wohl auf einen ganz anderen Grund gestellt, und ich streife gerne die Schuhe von den Füßen, wenn ich ihren Bereich betrete, denn es ist heilig.

Bei der Geburt eines Kindes erhält die Ehe, der es entsprossen, eine unsterbliche Bedeutung. Die Verbindung, die früher nur für die beiden Beteiligten von Wichtigkeit war, ist jetzt von Bedeutung für den Staat und die Nachwelt, und daher fällt den Eltern eine wirklich schreckliche Verantwortung zu. Von dem Physischen, dem Charakter, der Intelligenz jedes Kindes kann das Schicksal zukünftiger Generationen abhängen. Wenn wir unser Kind nicht ordentlich ernähren, kann es rhachitisch werden, und eine künftige Generation kann durch unsere Sorglosigkeit verkrüppelt sein. Wenn wir ihm die Pflicht der Selbst­beherrschung nicht gründlich einprägen, kann es ein Trunkenbold oder ein Wüstling werden, und der Fluch von tausend daraus entstehenden Übeln kann auf unseren Enkeln lasten. „Vor der Verantwortung, das Dasein einer Rasse mit all ihren unermeß­lichen Möglichkeiten an Sünden und Leiden fortzupflanzen, mögen wohl die Kühnsten zurückweichen. Aber das einzige tatsächliche Mittel, das Los der Menschen zu verbessern, ist, eine neue Generation von besserer Beschaffenheit aufzuziehen. Denn die Umgehung der Eltern­schaft zu erwägen, hieße die Zukunft der Brut unüberlegten Sinnenfrönens überlassen. Auf dem großen Schlachtfeld der Welt gibt es keine höhere Pflicht, als die Reihen derer, die für das Licht kämpfen, wohl besetzt zu erhalten. Nicht zum Feiern sind unsere Nachkommen berufen, nein, zu einem langen, schweren Kampf, der mit dem unvermeid­lichen Tod endet.“ (W. T. Stead, Review of Reviews, January 1908.)

Es ist sehr richtig behauptet worden, daß die Kinder der Wohlstand der Nationen sind: wenn wir unsere Eltern­schaft wirklich sehr ernst nehmen würden — viel, viel ernster als es jetzt der Fall ist —, dann würde sie gewiß den stärksten Schutz gegen den sittlichen und physischen Verfall bieten, von dem wir so oft hören. Ich möchte die Eltern­schaft zur Würde eines hohen geistigen Ideals erhoben sehen. Nicht, daß ich der übertriebenen Verhimmlung der bloßen Fortpflanzung das Wort rede, obgleich es eine köstliche Sache ist, schöne und gesunde Kinder in die Welt zu setzen, eine Sache, auf die Männer und Frauen sehr stolz sein sollten, aber: „eine unsterbliche Seele ins Leben zu rufen — was kann sich damit vergleichen?“ Den neugeborenen Geist der Sonne entgegenwachsen zu lassen, die edleren Möglichkeiten des vielfältigen mensch­lichen Organismus durch stetes Bemühen zur Entwicklung zu bringen und aus ihm „einen aufrechten, himmelstürmenden Redner“ zu machen —, welch besseres Lebenswerk kann ein Mann oder eine Frau zu vollenden hoffen, welch größeres Denkmal hinterlassen?

Würde die Eltern­schaft ein hohes Ideal werden, dann würde nach einiger Zeit die öffentliche Meinung — jene mächtige Waffe — so stark werden, daß eine unwürdige Eltern­schaft von allen anständigen Leuten mißliebig aufgenommen würde. Die Untaug­lichen dürften es nicht wagen, das Verbrechen der Fortpflanzung ihrer Gattung zu begehen und der dieser Sünde gegen die Gemein­schaft anhaftende Makel würde vielleicht sogar dem Makel gleichkommen, der heutzutage dem schreck­lichen Verbrechen des Falschspiels anhaftet! — Erfüllt von dem Ideal edler Eltern­schaft, würden die jungen Mädchen bei ihren Bewerbern auf das väterliche Gemüt sehen, die Männer würden bei den Mädchen, die sie freien, die schönen, mütter­lichen Eigenschaften suchen, und die materiellen Erwägungen, die jetzt beide Teile so sehr beeinflussen, würden immer weniger ausschlaggebend sein. Hundertfach würde das Eheband befestigt werden. Die Untreue wäre seltener, denn die Gatten, die mit Kindern gesegnet sind, würden fühlen, daß ihrer Verbindung die Weihe verliehen wurde und sie wahrhaft unlöslich geworden ist. Vater und Mutter, die sich zum erstenmal über dem kleinen Körper ihres ersten Kindes küssen, könnten diesen unbeschreib­lichen Augenblick nie vergessen. Der Mann und die Frau, denen ein Kindlein zusammengehörte, die es sprechen und spielen gelehrt und seine ersten strauchelnden Schritte gelenkt haben, könnten nie leichthin die Schwüre außer acht lassen, die sie aneinander banden. Die sanften kleinen Kinderhände sind dazu geschaffen worden, die Herzen von Mann und Frau aneinander zu schmieden, und sie erfüllen wunderbar ihre Sendung!

„Erst wenn wir Väter und Mütter werden, vollbringen wir all das, was unsere Väter und Mütter für uns getan haben“ — und welche Offenbarung ist es! Welch neuer Himmel, welch neue Erde werden uns durch den Zauber erschlossen, den die Gegenwart eines kleinen Kindes in unserem Hause ausübt — des kleinen Körpers, der geheimnisvoll nach unserem Ebenbilde geschaffen, der kleinen Seele, die unserer Fürsorge anheimgegeben wurde!

Wärs nicht der Kinder wegen, die Ehe wäre wirklich ein allgemeiner Mißgriff. In ihrem Interesse ist sie geschaffen worden, und sie nur machen sie möglich. Kinder machen eine glückliche Ehe vollkommen und eine gleichgültige glücklich. Sehr oft gestalten sie eine recht verfahrene Ehe zu einer wenigstens erträg­lichen Gemein­schaft. Wenn eine kinderlose Ehe glücklich ist, — wirklich glücklich, dann ists gewöhnlich, weil Mann und Frau einander besonders zugetan oder Leute von ungewöhn­lichem Charakter sind.

Man kennt seltene Beispiele, wo die Gatten sich eben deshalb fester und liebevoller aneinander­schlossen, weil sie keinen anderen Gegenstand hatten, auf den sich ihre Neigung erstrecken konnte. Die Frau, die weniger Sorgen hat und die die Geliebte nicht in der Mutter aufgehen lassen muß, bleibt in den Augen des Mannes jugend­licher, als es sonst möglich wäre, während sie an den Mann ebenso ihre mütterliche als ihre weibliche Hingabe, verschwendet und er ihr Gatte und Kind zugleich ist. In einer solchen Ehe kann man etwas Heiliges sehen, obzwar sie keine Kinder hervorgebracht hat; ein solches Paar scheint die Kleinen, die nie kommen, nicht zu vermissen. Dasselbe findet sich manchmal bei Künstlern, deren ganze Interessen und schöpferische Energien in ihrem Werke aufgehen.

Von ganzem Herzen verachte ich jene verheirateten Leute, die, in vollem Besitz von Gesundheit und Kraft, vorsätzlich kinderlos bleiben. Von ganzem Herzen bedauere ich die Ledigen und Jene, denen Kinder versagt sind. Jedoch haben sie Entschädigungen; wenn ihnen die Wonne entgeht, so bleiben ihnen auch die endlosen Sorgen, die zahllosen Kümmernisse, die ständige Selbstaufopferung, die oft bitteren Enttäuschungen erspart. Die Kinder machen einem gar manche andere Schmerzen als die der Geburt. Tennyson sagt: „Das traurigste Wesen auf der Welt ist jene Mutter, die ein Kind hat und es vom Pfade abirren sieht!“ Und doch sind durch geheimnisvolles Naturwalten die Saiten des Mutterherzens oft für die Kinder, die irren, am zärtlichsten gestimmt. Zu den schönsten Versen, die je geschrieben wurden, gehören meiner Ansicht nach jene in Stephen Philips „Marpessa“: als die junge Marpessa den Gott ihres geringen sterblichen Liebhabers halber verschmäht, sagt sie von diesem:

„Und er wird warmfühlende Kinder mir schenken,

Keinen strahlenden Gott, der die irdische Mutter verachtet,

Nein, Wesen mit zappelnden Gliedern und kleinen Herzen, die irren!“

Aber die „zappelnden Glieder“ werden bald so groß, daß man sie nicht wieder erkennt; die kleinen Herzen werden klug und weltlich und irren auf weniger erwünschte Weise — unsere warmfühlenden Kinder entwachsen uns heutzutage schnell. Das ist die wahre Tragödie der Mutter­schaft — daß die Kinder ihr entwachsen.


Fünfter Teil

Wie man, obgleich verheiratet,
glücklich werden kann

„Um glücklich miteinander zu leben, sollten sie mit den Feinheiten des Seelenlebens vertraut und mit der Fähigkeit geboren sein, nachzugeben und sich auszugleichen.“

„Die Güte in der Ehe ist ein verwickelteres Problem als die bloße Tugend, denn es sollen in der Ehe ja zwei Ideale verwirklicht werden.“

R. L. Stevenson.


I. Einige Reformvorschläge

Im Laufe der letzten 25 Jahre sind die ärgsten Ungerechtigkeiten unseres Ehegesetzes richtig gestellt worden, und im Vergleich zu ihnen erscheinen die noch bleibenden Übelstände verhältnismäßig gering. Es ist in der heutigen Zeit der fortgeschrittenen Frauen kaum zu glauben, daß sich vor einigen Jahren ein Mann noch das Besitztum des Weibes aneignen und es nach Belieben ausgeben konnte oder, was noch ungeheuer­licher ist, einen Fremden als einzigen Vormund seiner Kinder nach seinem Tode bestellen durfte, ohne auf die natürlichen Rechte der Mutter auch nur zu achten.

Die schwerste noch bestehende Ungerechtigkeit ist, daß die Erleichterung durch die Scheidung den Männern zugäng­licher ist als den Frauen. Dieses Gesetz wurde von den Männern zu ihren eigenen Gunsten abgefaßt, aber seine Existenz ist ein Schandfleck auf der Ehre der englischen Justiz und der englischen Sittlichkeit, ebenso wie der Umstand, daß die Untreue eines Gatten so leicht genommen wird. Wir wollen hoffen, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo die Scheidungs­bedingungen für beide Parteien genau dieselben sein werden.

Es wird heutzutage fast allgemein die Ansicht gehegt, daß die Lösung der Ehe nur erreicht werden soll, wenn einer der beiden Teile ein ausgesprochener Trunkenbold, mondsüchtig oder ein zu langer Kerkerstrafe Verurteilter ist. Wie erniedrigend ist es für die besten Instinkte unseres Geschlechtes, daß die Frau eine Ungültig­keits­erklärung der Ehe dadurch erhalten kann, daß sie eine gewisse physische Unfähigkeit des Mannes beweist, die in keiner Weise ihr Glück, ihre Gesundheit oder ihre Selbstachtung beeinträchtigt, aber auch nicht einmal die teilweise Erleichterung der Trennung erreichen kann, wenn ihr Mann ein Trunkenbold, ein Ehebrecher oder ein Verbrecher ist, solange sie nicht noch dazu seine Grausamkeit oder sein böswilliges Verlassen beweisen kann! Es ist ferner eine Ungerechtigkeit, daß die Scheidung so kostspielig ist, daß nur reiche Leute oder die ganz armen (durch Beibringung eines Armutszeugnisses) sich sie gestatten können.

Vielleicht die nötigste aller Reformen ist, daß die Ehe der geistig und physisch Ungeeigneten gesetzlich verhindert werde, oder vielmehr, daß sie verhindert werden, Kinder zu haben, was ja die Hauptsache ist. Es wäre ganz gut durchführbar, die Kinderlosigkeit der Ungeeigneten zu sichern, obgleich ein Gesetz hierüber die taktvollste Handhabung erfordern würde, und man sich kaum ein Parlament von Männern denken kann, das es mit irgendeinem Erfolg durcharbeiten könnte. Vielleicht wird das Gesetz dann durchgehen, wenn wir die „ideale Regierung“ haben, in der beide Geschlechter und alle Klassen vertreten sein werden. Ein von einem in Staatsdiensten stehenden Arzt unterzeichnetes Zertifikat sollte jedenfalls obligatorisch sein, bevor eine Heirat bestätigt wird. Wenn der Krebs, die Tuberkulose, der Wahnsinn und alle mit dem Alkoholismus und dem ausschweifenden Leben verbundenen Übel jede Familie im Land infiziert haben werden, dann werden unsere weitsichtigen Gesetzgeber die Notwendigkeit einer derartigen Einschränkung einzusehen beginnen. Gegenwärtig wird die Freiheit des Individuums als ein für die Rasse zu schwer wiegender Wert bewahrt.

Eine andere äußerst nötige Reform ist, daß die unehelich geborenen Kinder durch die nachträgliche Heirat der Eltern, so wie in vielen anderen Ländern, legitimiert werden sollen. Das würde niemandem schaden, könnte auch nicht das Laster ermutigen und würde sehr viel bitteres Unrecht gut machen. Die gegenwärtige Regelung ist äußerst unvernünftig.

England ist beinahe das einzige europäische Land, wo es nicht angestrebt wird, den Töchtern eine Mitgift zu geben, außer in den wohlhabenden Klassen. Ganz bemittelte Engländer halten es für unnötig, ihren Töchtern zu Lebzeiten irgend etwas zu geben, obgleich sie geneigt sind, sich ernste Einschränkungen aufzuerlegen, um ihre Söhne im Leben gut zu stellen. Die englischen Väter geben alles ihren Söhnen, in vielen Ländern des Kontinents kommen die Töchter dem Rechte nach zuerst und in allen Klassen, den reichen und den armen, trachten die Eltern auf irgendeine Weise für eine Mitgift zu sorgen, indem sie vom Tage der Geburt des Kindes an zu sparen beginnen.

Ich bin überzeugt, daß ein ungeheuerer Anstoß zur Ehe gegeben würde, wenn die Mitgift für die Töchter in England üblich würde und viele Mißhelligkeiten zwischen Mann und Frau könnten vermieden werden, wenn die Frau eigene, wenn auch noch so geringe Mittel hätte. Es ist gewiß äußerst demütigend und unangenehm für eine bessere Frau, von ihrem Mann wegen jeder Omnibusfahrt und jedes Päckchens Haarnadeln abzuhängen.

Die Engländer sind jedoch darnach, sich mit ihren Fehlern zu brüsten und überdies so heillos sentimental, daß sie sich’s als Ehre anrechnen, in dieser Hinsicht eine Ausnahme von allen Ländern zu bilden, und noch damit prahlen, daß bei ihnen die Ehen nur aus Liebe geschlossen werden. Demselben unsinnigen und unfürsorg­lichen Geist entspringt die übliche Abneigung, den Töchtern etwas zu vermachen. Nur bei einem sehr reichen Mann erwartet man das, während es doch nur gerecht ist, daß jeder Mann seiner Frau etwas vermacht, wenn auch nur die Einrichtung oder die Versicherungs­police.

Ein Kapitel über die Ehereformen wäre nicht vollständig ohne Hinweis auf unsere barbarische kirchliche Ehezeremonie. Nützt es noch etwas, darüber Klage zu führen? Seit ich lesen kann, lese ich Angriffe darauf. Es ist klar, daß niemand ein Wort zu ihrer Verteidigung hat, nicht einmal die Priester, und doch bleibt sie genau so, wie sie zu Zeiten James I. vorgeschrieben wurde. Wenn je eine von den Männern verfaßte religiöse Formel einer Revision bedurfte, um mit den Gedanken der Zeit gleichen Schritt zu halten, so ist es diese. Wie kann die Kirche erwarten, daß wir die Ehe als ein Sakrament betrachten, wenn ihre Bedingungen in so roher Sprache und von einem so falschen Gesichtspunkte aus bezeichnet werden. Ist es nicht falsch, jene Personen zu verherr­lichen, die die „Gabe der Enthaltsamkeit“ haben, eine „Gabe“, die bald zum Aussterben des Menschen­geschlechtes führen würde, wenn sie der Majorität eigen wäre? Diese spezielle Formel ist für eine reine, unschuldige Braut eine schmähliche Beleidigung und ganz unnütz. Wenn schon keine andere Verbesserung angebracht wird, so könnte diese einleitende Erklärung der „Gründe für die Einrichtung der Ehe“ wohl ausgelassen werden, wenn auch nur der Tatsache halber, daß der Hauptzweck der Ehe, nämlich „gegenseitig Hilfe und Trost zu sein“ in ihr an letzter Stelle erscheint. Die Kirche Englands kann von den Quäkern oder der „Neu-Jerusalemer Kirche“, einer auf den Schriften des großen Mystikers Emanuel Svedenborg gegründeten religiösen Gemein­schaft, lernen. Bei dem „Freund­schaftsbund“ ist das Verfahren äußerst einfach. Nachdem eine Zeit in stillem Gebet verbracht wird, erheben sich die Parteien und sagen einer nach dem andern feierlich, indem sie sich bei der Hand halten: „Freunde, ich nehme diese meine Freundin A. B. zum Weibe und verspreche, mit göttlichem Beistand ihr ein liebender und treuer Gatte zu sein, bis es dem Herrn gefallen wird, uns durch den Tod zu trennen.“ Die Formel der „neuen Kirche“ ist länger, aber ebenso schön und einwandfrei.

II. Einige praktische Winke für Ehemänner und -frauen

„Man braucht in der Ehe nicht eine Menge schöner Gefühle, sie nützen nichts.“ W. Sommerset-Maugham.

Der beste Rat, den man einem Paare auf den „langen, geraden und staubigen Weg“ der Ehe mitgeben kann, ist: „Gesegnet sind die, die wenig erwarten.“ Der zweitbeste ist: „Trachtet euer Ideal zu verwirk­lichen, aber nehmt die Niederlage philosophisch hin“. Es ist schwer, mit jemandem zu leben, der eine ideale Vorstellung von uns hat; es ruft in uns den ruchlosen Wunsch wach, so schlecht als möglich zu sein. Miranda sagt mir oft: „Die Ursache, warum Lysander und ich so vollkommen glücklich sind, ist, weil wir uns nie etwas daraus machen, einander unsere schlechtesten Seiten zu zeigen, und auch nie die Notwendigkeit fühlen, uns besser zu machen, als wir sind.“ Merkt euch das, Braut und Bräutigam! Bedenkt, daß ein Piedestal ein sehr ungemüt­licher Aufenthaltsort ist, und weiset eurem Lebensgefährten diesen unbequemen, erhöhten Platz nicht an. Es sind mehr Ehen daran gescheitert, daß man zuviel voneinander erwartet hat, als durch irgend welche Laster oder Verirrungen.

Andererseits muß ich auf die Gefahr hin, trivial zu erscheinen, wiederholen, daß das Wichtigste in der Ehe die gegenseitige Achtung ist. Sie geht über Liebe, Verträg­lichkeit, ja sogar über den unschätzbaren Sinn für Humor. Die Achtung wird das schwankende Gebäude der Ehe zusammenhalten, wenn die Leiden­schaft erloschen und selbst wenn die Liebe dahin ist. Die Achtung wird sogar die „entsetzliche Intimität“ erträglich machen und über die bedenk­lichsten Unannehm­lichkeiten ohne „Quetschungen der Seele“ hinwegheben, was immer das Herz auch für Verwundungen davontragen mag. Darum, Bräutigam und Braut, erhaltet die gegenseitige Achtung um jeden Preis, und, Männer und Frauen, heiratet nie jemanden, den ihr nicht wirklich achtet, wenn ihr ihn auch noch so leiden­schaftlich liebt. Ich glaube, man kann in einer Ehe ohne Liebe recht glücklich sein, wenn die Glut und Vernarrtheit der ersten Jugend vorüber ist, aber ohne Achtung kann man nie etwas anderes als unglücklich werden.

„Es ist immer einer, der liebt, und einer, der geliebt wird.“ Wenn ihr findet, daß ihr der eine seid, der liebt, dann merkt es wohl: es ist der bessere Teil, besonders für die Frauen. Ermüdet euren Gefährten nicht mit fortwährenden Ansprüchen, Szenen, Vorwürfen, Tränen, Bitten, es wird euch nichts nützen, und das geliebte Wesen euch nur entfremden, und da wir gerade bei den Tränen sind, so laßt mich alle Frauen dringendst davor warnen, dieser natürlichen weiblichen Schwäche zu frönen. Die vernünftigen, nüchternen, überaus kräftigen modernen Mädchen machen sich gewöhnlich darüber lustig; aber in der Ehe kommen Anlässe zum Weinen, von denen diese selbstsicheren jungen Mädchen keine Ahnung haben. Aber die alte Vorstellung, daß Tränen beim Manne den Sieg davontragen und so oft dazu dienen, das härtere männliche Herz zu besänftigen, ist ganz erloschen. Und wenn die Frauen es nur einsehen wollten: die Tränen erzeugen ein Gift, das auf die Liebe verhängnisvoll irritierend wirkt und sie oft tötet. Nur im Anfang, wenn der Mann noch ganz jung und auf der Höhe seiner Glut ist, mögen die Tränen ihn beeinflussen, aber nicht für lange, und sehr selten nach der Verheiratung. Dennoch erreichen sie oft ihren Zweck, da ausnehmend zartbesaitete Männer oft die Tränen so fürchten, daß sie sofort nachgeben, wenn dieses Warnungssignal auf der Bildfläche erscheint. Aber ihre Gereiztheit ist deshalb nicht geringer, und oft können sie die Frau schließlich nicht leiden, die auf ihre Sanftmut gebaut und daraus einen in den Augen des Mannes ungerechten Vorteil gezogen hat. Die Frau, die fortwährend weint, wenn etwas schief geht, flößt niemandem Achtung oder Sympathie ein und treibt ihren Mann dazu, die Gesell­schaft anderer Frauen aufzusuchen. Die Männer können es nicht leiden, wenn daheim andere Gesichter als ihr eigenes traurig sind. Wenn sie sehr unglücklich sind, fühlen sie sich berechtigt, sich gehen zu lassen; aber ihre Frauen dürfen das nicht, und wenn sie es tun, darf es gewiß nicht die Form von Tränen annehmen. Der glänzende anonyme Verfasser von „Die Wahrheit über den Mann“ schärft den Frauen ein, stets eingedenk zu sein, daß man „den Männern nie widersprechen, nie ihnen Vorwürfe machen und sie nie kritisieren darf“. Hierzu möchte ich nachdrück­lichst sagen, daß man ihnen auch nie aus irgendeinem Grunde etwas vorweinen soll.

Ist es nötig, für die Aufrechterhaltung der vollkommensten Höflichkeit zwischen Mann und Frau zu plädieren? Im Anfang wohl nicht, aber mit der Zeit wird es notwendig werden. Es kann sogar die Zeit kommen, wo Perseus seine Stimme erhebt und seine Unzufriedenheit mit Persephone hinausposaunt. Ein gewisser Typus von Männern wettert bei Verdruß natürlich nicht seinen Freunden oder Kunden gegenüber, sondern bloß in Anwesenheit seiner Angestellten, seiner Diener­schaft, seiner Frau und der Leute, die sich vor ihm fürchten. Das war eine häßliche Gewohnheit unserer Großväter, und moderne Frauen sind kaum sanft genug, sie lange ruhig hinzunehmen. Sollte sich jedoch Perseus durch eine wunderlich atavistische Laune je in dieser Hinsicht so weit vergessen, dann wird Persephone die biblisch sanfte Antwort wirksamer finden als den lautesten Stimmenwiderhall. Wenn man mit äußerst sanfter Stimme spricht, wird man die Schreier beiderlei Geschlechts immer beschämend zum Schweigen bringen.

Die Höflichkeit zwischen Mann und Frau ist nötiger als in irgendwelchen anderen Beziehungen zwischen den Menschen. Sehr viel Bitterkeit könnte erspart bleiben, wenn man sich stets daran erinnern wollte. Nichts ist peinlicher, als ein Ehepaar miteinander grob verkehren zu sehen, und die Gebote der Höflichkeit würden all jenen Bemerkungen vorbeugen, die in die Kategorie der „besser nicht gesagten“ gehören. Besonders die Frauen haben manchmal die sehr tadelnswerte Gewohnheit, ihrem Manne Wahrheiten aus dem häuslichen Leben an den Kopf zu werfen, wenn ihnen der Kamm schwillt, und die meisten Männer sind unter ihrem Schild vornehmer Gleichgültigkeit empfindsam genug, um das sehr übel zu nehmen und an solche stichelnde Worte noch viele Jahre lang zu denken. Die Tatsache, daß diese Worte gewöhnlich äußerst zutreffend sind, macht sie nicht weniger tadelnswert; manche Frauen, die ihren Männern wirklich sehr ergeben sind, setzen sie dennoch zu Hause und vor den Leuten fortwährend herab, und obwohl ein Mann es selten zugeben wird, ärgert ihn das mehr, als so manche des Männerherzens Unkundige für möglich halten. Es ist nämlich Tatsache, daß die Männer Bewunderung und Lob ebenso gerne haben wie die Frauen, obzwar es ein Teil ihres seltsamen Kodex ist, diese Tatsache zu verbergen. Sie nehmen einen Verweis genau so übel wie die Frauen; und warum sollten sie es auch nicht?

Da wir gerade dabei sind, so möchte ich der Persephone zuflüstern, was für eine wunderbar besänftigende Wirkung eine leichte, vernünftige Schmeichelei auf die Männerwelt ausübt und wie lautlos sich durch sie die Räder des Ehekarrens drehen. Ich meine nicht falsche, abgeschmackte Schmeichelei, wie sie uns die Männer so oft vorsetzen, wenn sie uns gefallen wollen, ohne einzusehen, daß die dick aufgetragenen Komplimente eine Beleidigung für unsere Intelligenz sind. Also natürlich nichts von dieser Sorte, aber zarte, feine, liebevolle Schmeichelei. Eine leise bewundernde Haltung, möglichst gemildert für den öffent­lichen Gebrauch, die jedoch immer die Wertschätzung durchblicken läßt, wird euch ihm nicht nur viel liebenswerter machen als es irgendwelche Liebes­beteuerungen täten, sondern sie wird auf seinen Geist und sein Gemüt glänzend wirken. Geradeso wie ihr in Gesell­schaft von Leuten, die euch bewundern, fühlt, daß ihr blendend seid, und in Gegenwart jener, die euch für gescheit halten, großartig sprecht, wird auch Perseus durch eure (wirkliche oder angebliche) Bewunderung angespornt, sie zu rechtfertigen.

Dasselbe gilt auch von dir, galanter Perseus; ein Kompliment über Persephones strahlende Augen, ein Wort scheuer Bewunderung für ihren neuen Hut, oder des Lobes für ihre Haltung als Hausfrau wird sie nicht nur unsinnig glücklich machen, sondern dein Kapital in der Liebesbank dadurch bedeutend erhöhen, daß du Schätze für dich in Persephones Herz ansammelst.

Um dies zu illustrieren, will ich zwei wirkliche Gespräche erwähnen, die ich vor kurzem hörte. Das erste war zwischen einem jungen Paar Pelleas und Nicolette, die erst kürzlich mit einem kleinen Einkommen den Haushalt begonnen hatten. Sie gaben eine Nachmittags­gesell­schaft und alle Gäste waren fort außer mir. (Ich habe nämlich ein Privilegium, wie Sie schon bemerkt haben dürften; niemand geniert sich, vor mir natürlich zu sein.)

Nicolette stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sich die Haustüre zum letzten Male schloß und wandte sich mit glänzenden Augen zu Pelleas.

„War’s nicht sehr schön?“ sagte sie begeistert.

„Nicht übel“, sagte Pelleas.

„Sind die Blumen nicht wunderbar, und habe ich die Zimmer nicht reizend hergerichtet? Findest du nicht, daß alles sehr nett war, Liebster? Ich habe mich so angestrengt“, fügte sie, nach einem Wort des Lobes schmachtend, hinzu.

„Pah, nennst du ein paar Kuchen aufschneiden auch sich anstrengen?“ war die Antwort.

Nicolette war zufällig eine taktvolle Frau, die weiß, wann man zu schweigen hat, aber sie sah traurig aus, und ihre ganze Freude an der kleinen Unterhaltung war verdorben. Wie froh wäre sie gewesen, wenn Pelleas sie geküßt und ihr gesagt hätte, daß sie eine reizende Hausfrau war und alle ihre Anordnungen aufs beste getroffen hatte. Das Ärgerliche daran ist, daß er es wirklich glaubte, er zerplatzte vor Stolz über sein Haus und seine Frau und war geneigt, sich für einen sehr schneidigen Kerl zu halten, da er eine so reizende und gescheite Frau erobert hatte. Aber es lag nicht in seiner Art, es zu sagen.

Der zweite Fall ist der, wo ich Geraint und seine Frau versöhnen mußte. Ich habe den lieben guten Geraint immer recht gern gehabt, und sein schrecklich unglück­liches Eheleben war für mich eine Quelle ernster Betrübnis. Bei dieser Gelegenheit sprachen wir uns frei aus, und aus der Tiefe seines kummervollen Herzens brachte er mir Klage um Klage vor.

„Noch ein Beispiel“, sagte er schließlich. „Es ist geradezu lächerlich, aber Sie werden nicht über mich lachen, das weiß ich. Es ist ein Unsinn von mir, daß ich daran denke, aber kurz und gut, ich tue es. Sie saß aufrecht im Bett und bürstete ihr Haar, ich kam ins Zimmer, um zu fragen, ob ich ihr etwas aus der Stadt bringen könne; ich trat zufällig vor ihren Toilettetisch und zog meine Kravatte fester zu. Der Spiegel warf unser Bild zurück, und sie sagte plötzlich mit leisem Lachen: Wie häßlich Du bist . . . .“ Das ist alles. Sie sagte es ganz höflich, aber es verletzte mich wahnsinnig. Es war so teuflisch überflüssig. Und ich glaube, es ist auch wahr, früher hatte ich nie daran gedacht, aber seither sehr oft . . .“

Noch ein Beispiel, wie man’s nicht machen soll: „Wenn ich schäbig angezogen bin,“ erzählte mir einmal eine verzweifelnde Frau, „dann sagt er: ‚Warum siehst du nicht fein aus?‘ Wenn ich elegant bin, sagt er: ‚Schon wieder neue Kleider, ich weiß nicht, wer die zahlen wird!‘ Wenn etwas Außergewöhn­liches zu Tische kommt, sagt er: ‚Diese extravaganten Sachen werden mich zugrunde richten‘, und wenn das Essen einfach ist, dann fragt er: ‚Ist das alles?‘“

Ich habe vorhin auf die Männerklubs als eine Wohltat für die Frauen hingewiesen, und als solche sind sie mir immer erschienen. Aber diese Meinung wird offenbar nicht von allen geteilt, da eine Anzahl Frauen kürzlich im Druck ihre Absicht kundgaben, nach Erlangung des Stimmrechts für die vollkommene Abschaffung oder wenigstens obligatorisch frühe Schließung aller Männerklubs zu agitieren. Es scheint betrübend lächerlich, daß die Frauen durch einen Parlamentsakt ihre Männer zur bestimmten Stunde nach Hause zwingen wollen. Ich will mich bemühen, euch irregeleitete Frauen zu bekehren, falls eine davon sich herablassen sollte, dieses Buch zu lesen.

Meine lieben Frauen, fast alles, was euer Mann zu Hause nicht bekommen kann, kann er im Klub bekommen — je mehr seine Bedürfnisse befriedigt werden, desto vergnügter wird er leben, und euer Familienleben folglich um so glücklicher sein! Wenn die Männer eine Passion haben, so wählen sie gewöhnlich einen damit verbundenen Klub oder einen, wo sie andere, durch ähnliche Dinge gefesselte Männer treffen können, mag es Politik, Sport, Pferde, Karten, Musik, Golfspiel oder Theater sein, — wenn es in ihnen steckt, muß es heraus, und gescheite Frauen lassen es geschehen. Eine unterdrückte Manie bedeutet einen verbitterten Gatten. Im Klub können sie ihr Whist haben oder ihrer Empörung gegen die Regierung freien Lauf lassen, sie können einen halben Sovereign als Spieleinsatz geben und die Aufzeichnungen über die großen Gewinste beim gestrigen Whistspiel, über das letzte Loch beim Golfspiel oder wie sonst der Fachausdruck lautet, vergleichen. Im Klub können sie andere Männer treffen und eine vollkommene Abwechslung von Bureau oder Familienleben haben, und sie kehren daher zur Arbeit und zur Frau erfrischt und angeregt zurück.

Wenn es eurer Köchin auf die ihr eigene rätselhafte Weise gelungen ist, ein Mittagessen zu Hause unratsam oder unmöglich zu machen, dann telephoniert es eurem Herrn und Gebieter, denn kann er im Klub nicht königlich und dabei ökonomisch speisen? Wenn ihr an einem Feiertag fort seid, kann er dasselbe tun und einen angenehmen Abend dort verbringen, anstatt im leeren Hause allein und gelangweilt herumzugehen. Wenn ihr euch Unannehm­lichkeiten störender Natur leistet, — wenn ihr dies je tut, — so steht ihm derselbe freundliche Hafen offen, gewiß für euch etwas Tröstlicheres, als wenn er über das Haus schimpft, während die kleine Meinungs­verschiedenheit beigelegt werden soll. Kurz und gut, der Segen und die Vorteile eines Klubs für den Ehegatten haben kein Ende und warum ihr, liebe Frauen, sie abschaffen wollt, das kann ich mir wirklich nicht erklären.

Freilich sollte die nötige Mäßigkeit beobachtet werden wie bei allen guten Dingen, und ein- oder zweimal die Woche die Nacht im Klub zu verbringen, sollte genügen. Bei diesen Gelegenheiten kann die Frau ein primitives Abendessen haben, was immer eine Wohltat für die Frau ist, mit einem Buch neben dem Teller, sie kann sich gehen lassen und ihre Köchin ausschicken, oder wenn sie zum rastlosen Typus gehört, kann sie den freien Abend benützen, um ihre Rechnungen und ihre Korrespondenz in Ordnung zu bringen. Ist sie heiterer Natur, so kann sie mit einem schüchternen Verehrer oder auch nur mit einer Freundin ins Theater gehen und nachher soupieren. Man mag über den Klub denken wie man will: wenn ein Mann ihn nicht mißbraucht, so ist er ein reiner Segen fürs Eheleben.

Aber vielleicht ist es das tragische Verhängnis der in Rede stehenden Frauen, daß sie ihren Männern nicht vertrauen können, und mit Recht. Vielleicht lebt in ihrem Herzen das betrübende Bewußtsein, hintergangen zu werden, und sie fürchten, daß der Klub als Vorwand für einen Abend gebraucht wird, dessen Gesell­schaft dem weiblichen Standpunkt weniger wünschenswert erscheint. Selbst dann ist der Klub ein Segen; denn wenigstens kann eine Frau hoffen und zu glauben trachten, daß ihr Mann wirklich dort ist, während, wenn er keinen Klub hat, die Durchsichtigkeit seiner abwechselnden Ausreden ihre ärgsten Verdächtigungen bekräftigen muß. Wenn ein Mann entschlossen ist, derartige Dinge zu tun, so kann ihn nichts aufhalten; sollte ein Vorwand, seine Zeit außer Hause zu verbringen, fehlschlagen, so wird er einen anderen vorbringen, und je weniger Aussicht seine Frau hat, die wirkliche Sachlage zu entdecken, desto besser ist es für ihren Seelenfrieden.

Daß die Unwissenheit ein Segen ist, ist eine tiefe Wahrheit im Eheleben, und die Frauen sollten sich von ihr leiten lassen. Ich glaube, es gibt Frauen, die sich’s zur Gewohnheit machen, bei Gelegenheit die Taschen ihrer Ehegatten zu durchsuchen, voraussichtlich in der Erwartung, irgendwelche verräterische Briefe oder Rechnungen zu finden. Was sie im Falle einer unangenehmen Entdeckung zu gewinnen hoffen, das weiß der liebe Himmel allein! Nichts als eine mehr oder weniger verab­scheuens­werte Szene, den daraus folgenden Verlust alles häuslichen Friedens, ohne die wirkliche Quelle der Betrübnis auch nur im geringsten zu beeinträchtigen. Zum Glück sind wenige Gatten so verrückt, ihre kompromit­tierenden Dokumente bei sich zu tragen. In jedem Fall ist diese Überwachung empörend, und wo gegenseitige Achtung existiert, für deren Notwendigkeit ich schon so energisch eingetreten bin, da können solche Geschmacks­verirrungen nicht vorkommen.

Um auch jenen unglücklichen Frauen gerecht zu werden, deren Mann zu ihrem großen Kummer dem Würfel oder Becher allzusehr ergeben ist, muß ich hinzufügen, daß die Frauen, wo das der Fall ist, das Recht haben, durch alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel den Mann vom Klub fernzuhalten, der größere Gelegenheiten bietet als der Familienkreis, diesen Lastern zu frönen.

Und jetzt noch ein spezielles Wort an die Männer. An früherer Stelle erwähnte ich die Möglichkeit einer verheirateten Frau, mit einem Freund ins Theater und soupieren zu gehen. Im Londoner Leben kommt das so häufig vor, daß eine Erklärung dafür dem Eingeweihten simpel und abgeschmackt vorkommt; aber die Eingeweihten sind ein sehr kleiner Teil der Gesamtheit und da dieses Buch bescheiden für jene, die sich für die Ehe interessieren, also für jeden, der es lesen will, gedacht ist, so will ich mich zugunsten der uneingeweihten Majorität ein wenig über dieses Thema verbreiten. — Eine große Zahl Männer ließe sich’s nicht im Traum einfallen, ihre Frauen abends mit einem anderen Mann allein ausgehen zu lassen. Warum, das kann ich mir nicht erklären! Denn sie können gewiß ihre Frau und ihren Freund nicht durch den Gedanken an irgend etwas Unschick­liches beleidigen wollen. Es entspringt das wohl den Überresten eines primitiven männlichen Gefühls, das sie nicht erklären können, (in früheren Zeiten waren die Männer noch anspruchsvoller, und nach Justinianischem Gesetz konnte ein Mann sich von seiner Frau bloß deshalb scheiden lassen, weil sie ohne seine Einwilligung mit anderen Männern in den Zirkus, in die Bäder oder zu Festmählern ging). Mir erscheint es ebenso unvernünftig wie die Mißbilligung der Männerklubs seitens der Frauen. So wie eine vernünftige Frau keinen Einwand gegen den Klub ihres Mannes erhebt, so erlaubt ein gescheiter Mann seiner Frau, wenn sie es wünscht, mit einem anderen Manne auszugehen. Wenn er etwas von der weiblichen Natur versteht — und kein Mann sollte heiraten, ehe er nicht soweit ist — dann erkennt er, daß die Bewunderung anderer Männer seiner Frau angenehm ist und ein bißchen Heiterkeit eine wunderbare Wirkung auf ihre Stimmung ausübt.

Ich erinnere mich an die Zeit, als Theodor und Amoret darüber heftig auseinander­gerieten. Aber Theodor gab nach. „Er pflegte es für sehr unrecht von mir zu halten, daß ich ganz gern andere Männer in mich ein bißchen verliebt sehe,“ sagte Amoret, „aber ich erklärte ihm, daß ich es gern habe, weil es mir ein so schönes Machtgefühl gibt und dem Leben eine Würze verleiht. Dann sagte er immer, es sei für eine verheiratete Frau sehr gefährlich, irgend eine andere Würze im Leben zu haben als ihren Mann, und ich pflegte ihm zu antworten, daß er eine Menge ‚Würzen‘ außer mir habe, und was ich denn die langen Abende tun solle, wo er endlos Bridge spielt. Schließlich versprach ich, daß es mich zufriedener machen würde und fähiger, die Eintönigkeit des Ehelebens zu ertragen, wenn er mich ausgehen ließe. Darauf meinte er, es sei schrecklich schlecht von mir, die Ehe eintönig zu finden, und sagte, seine Mutter wäre bei einer solchen Bemerkung entsetzt gewesen. Da sagte ich ihm, es wäre nicht gut von einer jungen Frau zu erwarten, daß sie sich wie seine eigene Mutter benähme — und er sagte, es wäre ihm lieber, ich würde es nicht tun. Dann lachten wir beide, und der gute alte Junge gab nach und sagte, daß Eberhard ein unschuldiges Lamm sei, und daß er einmal zum Versuch mit mir ausgehen solle. Seither bin ich mit allen Freunden ins Theater gegangen und habe Theodor um so lieber, je mehr ich andere Männer kennen lerne, und bin auch viel zufriedener und heiterer.“ Ein Zeugnis, das für sich selbst spricht.

Wenige Menschen scheinen die vielen Vorteile zu kennen, die es hat, einen schweigsamen Mann zu erwählen. Der ideale Gatte spricht wenig. Er sieht ein, daß die Frauen das lieber selbst besorgen, und daß es in einer glücklichen Familie nicht Platz für zwei redselige Personen gibt. Der geschwätzige Mann sollte lieber eine schweigsame Frau suchen und sie sofort heiraten, wenn er sie findet. Solche Geschöpfe sind so selten wie Kometen, und in der Regel sind sie schon mit ebenso schweigsamen Männern verheiratet, was wirklich ein betrübender Schnitzer der Natur ist. Nichts ist entsetz­licher, als ein so schweigsames Paar unterhalten zu müssen. Ein übermäßig redseliges Paar ist dem weit vorzuziehen, da man wenigstens ruhig zuhören und die anderen drauflosreden lassen kann.

Eine endlose Quelle von Mißhelligkeiten zwischen Eheleuten ist die Geldfrage. Die Frauen sind am Anfang oft verschwenderisch und gewöhnlich sündhaft unwissend in Geldsachen. Es ist ohne Zweifel richtig, wie Isolda sagt: „Geld (und Gesinde) zerstören die Ehe“. Über das letztere traue ich mich nicht zu sprechen, aber ich weiß, daß Geldmangel, Geldversagen und unvernünftige Geldausgaben einen großen Teil der Ehekonflikte verschulden. Manche Männer scheinen zu glauben, daß ihre Frauen den Haushalt ohne Mittel führen können, und diese unglück­lichen Frauen müssen schmeicheln und bitten und es sich als eine Gnade anrechnen, bevor sie die ihnen gebührende Summe erhalten. Selbst dann werden sie wie Kinder behandelt und über die Verwendung des Geldes in höchst demütigender Weise ausgefragt, als ob es Spielraum für königliche Extravaganzen böte.

Ich erinnere mich an den Fall des armen kleinen Hildebrand. Er war ein sehr junger Gatte, und sehr altmodisch erzogen worden. Eine seiner wunder­lichen mittelalter­lichen Vorstellungen war, daß die Frauen keine Fähigkeit zur Geldverwaltung haben, und daß man ihnen auf keinen Fall bares Geld anvertrauen könne. Ich glaube wirklich, er hätte, wenn seine Zeit es ihm erlaubte, seinen Haushalt allein geführt. Zum Glück für den Hausfrieden war das unmöglich; dennoch überwachte er den Haushalt soviel als möglich und revidierte sogar die Einschreibebücher. Natürlich verstand er nicht das geringste von ihren sonderbaren Zeichen, und bot einen komischen Anblick, wie er über den kleinen roten Büchern saß und in äußerster Verlegenheit die Stirne runzelte. Jeden Moment wandte er sich um Aufklärung an seine Frau, die glücklicherweise einen sehr gesunden Sinn für Humor besaß. Schließlich mußte er es ihr überlassen; aber wenige Frauen hätten Valeries Geduld bei dieser sehr überflüssigen Sache gezeigt. — Freilich ist das ein extremer Fall; aber eine Menge Männer greifen in höchst aufreizender Weise in das Gebiet ihrer Frauen ein. Nach meiner Meinung ist es am besten, das ganze Wirtschafts­budget der Frau, sowie das Budget des Bureaus oder des Vermögens dem Manne zu überlassen. Ich spreche da von Leuten mit beschränkten Mitteln. In der Regel hat ein Mann während seines Arbeitstages ganz genug mit Geldangelegen­heiten zu tun und soll Ruhe vor ihnen haben, wenn er nach Hause kommt. Abends zu Hause sitzen müssen und Rechnungen revidieren, ist eine Aufgabe, die die ärgsten Eigenschaften in einem Ehegatten auslöst. Er mag als ein hingebender Liebhaber nach Hause kommen und im Schoße seiner Frau Abendblätter, Blumen und Schokolade anhäufen, beim Abendessen genial, witzig, liebevoll, reizend sein — aber reicht ihm um 10 Uhr abends einen Pack Rechnungen mit der Bemerkung, daß sie wirklich durchgesehen werden müssen, und plötzlich wird er ein wildes, brummiges, rohes, abstoßendes und lästerndes Wesen. Mag seine Bankbilanz auch noch so befriedigend sein, jede Rechnung eines seiner persön­lichen Bedürfnisse und kein einziges seiner Frau betreffen — es nützt alles nichts. Rechnungen sind Rechnungen, und bei ihrem bloßen Anblick werden die Männer wild. Wenn ich zwischen dem 7. und 8. eines Monats am Vormittag zu Miranda komme, bin ich überzeugt, daß sie mir mit roten Augen und matter Stimme sagt: „Gestern abend sagte Lysander, er müsse die Rechnungen durchnehmen, natürlich hat er seither fortwährend geschimpft und geflucht, obzwar sie diesen Monat lächerlich niedrig sind.“ Ebenso ist es bei Isolda. „Lancelot hat gestern abend die Monatsschecks geschrieben,“ sagt sie, „und das Umgehen mit Rechnungen hat immer eine schreckliche Wirkung auf ihn. Es ist bei dem Ärmsten eine wahre Krankheit, und ich kann nachher nie schlafen.“ Und doch sind Lancelot und Lysander in jeder Hinsicht ideale Gatten.

Mein Rat an die Frauen ist daher folgender: Erledigt alle wöchent­lichen und Kassazahlungen, die den Kopf der Frau belasten, kontrolliert einmal wöchentlich alle Bücher, prüfet dieselben mit jenem Grade von Sorgfalt, den der Redlichkeits­standpunkt eurer Lieferanten erfordert. Schreibt diese Summen in ein Haushaltungsbuch ein. Am Ende des Monats, wenn alle Rechnungen drinnen sind, macht für euren Mann einen Bilanzbogen. Er wird sicher zuerst auf die Endsumme sehen, und wenn sie ihn befriedigt, nicht weiter forschen, wenn er klug ist. Dann laßt ihn einen Scheck auf die ganze Summe ausstellen, ihn in eure Bank einzahlen, und das übrige tut selbst. Die Rechnungen, die ratenweise kommen, und was sonst noch vierteljährlich eingeschickt wird, schließt in eure Monatsliste ein, und so wird euer Mann für seinen Haushalt anstatt einer Unzahl Rechnungen nur 12 Schecks im Jahre zu schreiben haben. Der fürchterliche Anfall, den er monatlich bekommt, wird so auf ein Minimum reduziert werden. Wenn er Stallungen oder einen ausgedehnten Weinkeller hat, so ordnet an, daß die Rechnungen dafür und auch alle anderen, die in das Ressort des Mannes gehören, in sein Bureau oder seinen Klub geschickt werden, mitsamt den Schneider­rechnungen und anderen für seine persön­lichen Bedürfnisse. So werdet ihr nicht darunter leiden, wenn ihre Erledigung notwendig wird. Es ist eine seltsame Tatsache, daß ein Mann im Bureau wie ein Lamm dasitzt und Schecks ausstellt, während dieselbe Beschäftigung ihn zu Hause dazu bringen würde, das Dach abzuheben oder die Grundmauern zu erschüttern.

Es könnten Bände darüber geschrieben werden, wie man, obgleich verheiratet, glücklich werden kann, aber ich komme nun zum Ende. Also fassen wir zusammen. Frauen: Wenn ihr glücklich sein wollt, merkt es euch: Streicht euren Mann heraus, schmeichelt ihm diskret, lacht bei seinen Witzen, versucht nicht, seinen Klub herabzusetzen, werft ihm nie häusliche Wahrheiten an den Kopf und weint nie, nie!

Ehemänner: Liebt und bewundert eure Frauen und laßt auch andere Männer sie bewundern; greift nie in ihr Ressort ein; schreibt eure monatlichen Schecks mit freund­licher Miene; seid in Geldsachen vernünftig, wenn ihr schon nicht freigebig sein könnt und bezähmt eure Vorliebe für eure eigene Stimme!

Und ihr beiden: Seid sehr duldsam, erwartet wenig, gebt freudig, stellt die Achtung über alles, befleißigt euch der Höflichkeit und liebt einander, so sehr ihr könnt. Wenn ihr all das tut, werdet ihr sicherlich, wenn auch verheiratet, glücklich werden. Und hört auch, was Robert Burton in seinem wunderbaren Buch „Die Anatomie der Schwermut“ sagt: „Hast du Mittel? Du hast keine, wenn du unverheiratet bist, um sie zu bewahren und sie zu vermehren. Hast du keine? Dann hast du welche, wenn du verheiratet bist, um dir zu helfen, sie zu bekommen. Bist du im Wohlstand, so wird dein Glück mit einer Frau nur verdoppelt; bist du in Trübsal, sie wird dich trösten und dir beistehen. Bist du zu Hause, sie wird deine Schwermut verscheuchen. Bist du fort, ihre Wünsche werden dich begleiten, und sie wird deine Heimkehr mit Freuden begrüßen. Nichts ist angenehm ohne Gesell­schaft, und keine Gesell­schaft ist so süß wie die der Gattin.“

Ende