Ich will beileibe nicht behaupten, daß im Altertum das Bedürfnis für unsere moderne Freiheit gefehlt hätte, aber – ach, Sie sehen, meine Freunde, mit uns verglichen erscheinen die berüchtigten Wüstlinge des Altertums wie Waisenknaben, ihre größten Kurtisanen, Maitressen und Intrigantinnen sind unschuldige, schüchterne Geschöpfchen neben ihren Schwestern unserer Zeit. Phantastische Schreiber und gedankenlose, abschreibende Historiker haben das klassische Altertum in ein zu unnatürliches Licht gestellt. Bringen Sie, Herr Doktor, einen Bürger des Forums in ein modernes Riesenvergnügungslokal, in ein Nachtcafé, in unsere Varietétheater. Seine einfache, unschuldige Seele würde sich derartiges nicht träumen lassen. Die lebendige, glühende Gier unserer Zeit, die jedes Dienstmädchen, jeden Hausknecht ergreift, wo jedes menschliche Wesen vibriert vor Sehnsucht nach Genuß und Vergnügen, dieser tolle, tobende Lobgesang der Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts auf das Erdendasein konnte sich im Altertum in unserer Weise, in unserem Grade nicht kundgeben. – Warum? Die Gelegenheit fehlte, die Mittel waren nicht vorhanden. Unsere Dienstmädchen erlauben sich mehr Freiheit, mehr Luxus, mehr Seide, mehr Schmuck, mehr Vergnügen, als manche vornehme Dame der vielgeschmähten Zeit des römischen Luxus. Der Sonntagsrock eines modernen Ladenjünglings ist aus besserem Stoff denn die Toga eines Senators der alten Weltbeherrscherin. Wir müssen also wirklich erst in das Altertum zurückgreifen, um die große, beispiellose, nie dagewesene Genußsucht, Verschwendung unserer Zeit, die Güte und Raffinesse unserer Tafel richtig zu erkennen. Denn eine materielle Parallele in der Geschichte zu suchen, ist fruchtlos. Unsere Urgroßväter selbst, die doch auch jung gewesen sind und zu ihrer Zeit gewiß auch keine Kostverächter waren, würden staunen, wenn sie ihre Nachkommenschaft bei der Tafel, im Theater, bei den Vergnügungen sehen könnten. Sogar im geistigen Leben tritt das gleiche Phänomen vereinzelt zutage. Ich will nur ein augenscheinliches Beispiel anführen. Der arme Heinrich Heine, das vielgehaßte und -geschmähte traditionelle »Ferkel im Musengarten«, der »ungezogene Liebling der Musen« – neben seinen modernen Kollegen nimmt er sich aus wie ein bleicher Konfirmand mit einer Lilie und einem Gesangbuche unter einer Horde verbummelter, schlotternder Nachtcafé-Habitués beim Strahl der aufgehenden Sonne am Ostermorgen.
Bitte, Sie dürfen mich nicht mißverstehen. Mit diesen Vergleichen will ich kein Urteil sprechen. Weder über uns, die Lebenden, noch über die Toten. Denn dann wären wir ja veritable Ungeheuer! – Dafür danke ich. – Nein, jedes hat seine Zeit. Auch wir werden überlebt werden. Was aber nicht notwendigerweise überboten heißt.
Geht daher ein gesunder Durchschnittsbürger unserer Zeit – sagen wir ein Händler in Lebensmitteln oder Luxuswaren en gros, ein fortschrittlicher Gastwirt oder selbst ein vernünftiger Lehrer der Geschichte zum erstenmal über das Forum in Rom, so wird er den Kopf schütteln und sich fragen: »Ist das alles?«
Er muß sich gestehen, daß er mehr erwartet hat. Nach einigem aufmerksamem Forschen (oder auch belehrenden Erklärungen des Cicerone) wird der Enttäuschte entdecken, daß ein berüchtigter altrömischer Schlemmer in einem Hause gewohnt hat, das vielleicht nicht einmal so groß und so stattlich war wie die Heimstätte des Betrachtenden. Nicht jeder Besucher der alten geweihten Stätten ist ein Dichter oder ein Philosoph, ein Mann, der aus dem elenden Trümmerhaufen ein gewaltiges Weltreich neu auferstehen sieht mit all seinen Kämpfen, Stürmen, glorreichen und traurigen Tagen, mit all seinen herrlichen Geistern, großen Männern und schönen, liebreizenden Frauen. – Nicht jeder vermag sein eigenes Leben aus den gewaltigen Ruinen hervorleuchten zu sehen, nicht jeden bestricken darin das jubelnde Lachen des Lebens und seine herzzerreißenden Klagelieder. Nicht jeder ist ein niedriger, käuflicher Hurraschreier, der auf Kommando das Maul aufreißt, weil er muß, obgleich er nichts sieht, fühlt oder denkt. Nicht jeder ist ein wohlerzogener Backfisch, der von einer Bewunderung in die andere fällt an einem Orte, wo es die Sitte erfordert und zum guten Ton gehört, weil dort etwas zu sehen sein soll. Nicht jeder hat das Gedächtnis eines deutschen Gymnasialoberlehrers, der an heiliger Stätte alle die interessanten, denkwürdigen geschichtlichen Daten von Anfang bis zu Ende geläufig hersagen kann, was den Besuch an Ort und Stelle so überaus genußreich macht. Nicht jeder übersieht alle die Mängel und Schönheiten des Ortes in der Aufregung, weil er ihn andichten muß. Sondern der weitaus größte Teil der Menschheit besteht aus jenen zögernden, doch genügend ehrlichen Naturen, die bei einer nicht augenscheinlichen Verwirklichung von Erwartungen ihrer wenig produktiven aber dennoch phantasiereichen Köpfe die erlittene Enttäuschung nicht hinunterwürgen, sondern sich derselben offen und ehrlich entledigen wollen. –
So bliebe uns denn nichts zur Betrachtung übrig als der Geist der alten Welt, der so glorreich auch an der antiken Tafel präsidierte. Ich kann wirklich nicht ausrechnen, wie hoch sich die Kosten eines anständigen Gastmahls der Alten beliefen. Ich will nicht zu ergründen suchen, ob die delikaten importierten Würstchen vom Pontus roh oder gebraten verspeist wurden, und so Vergleiche mit unseren modernen Würstchen ziehen. Ich will nicht wissen, ob der gesalzene Fisch, der die biederen Senatorengemüter in Aufregung versetzte, eine Stunde lang oder überhaupt nicht gewässert wurde. Es interessiert uns wenig, ob er mit heißer Butter oder mit zäher Mehlsauce und braunen Zwiebeln begossen wurde. Wir können nicht mehr untersuchen, ob die Whistable Natives von Britannias weiß-grüner Küste noch genügend frisch zum heilsamen Genuß in Rom anlangten, oder ob sie durch ihre und den anderen Meerbewohnern charakteristische Tücke infolge vorgeschrittenen Alters den römischen Bonvivants bedenkliches Magenzwicken verursachten. – Nur, wie schon gesagt, im Spiegel des glänzenden Altertums vermögen wir unsere Zeit, also auch unsere Mähler und ihren Geist, richtig zu erkennen, zu verachten oder zu würdigen.
II.
Und was der wirkliche Geist der antiken Gastmähler ist, auf den ich so oft hinweise? – Ei, das ist die Freude! – Welche? – Nun, die Lebensfreude, dieser jubilierende Aufruhr, den nur Vollblutgeschöpfe voll und ganz empfinden und verstehen können. – Ach, Herr Doktor, wie Sie mich peinigen. Gewiß besitzen wir auch Lebensfreude, aber, aber ... Hm, worin der Unterschied besteht? Ja, wer das sagen könnte! Wer das in die Welt hinaus schreien könnte! Es läßt sich nicht sagen. Ein ganz großer Dichter vermochte es nicht einmal auszudrücken. Er sagte nur sehnsüchtig, daß es »so ganz anders« war zur Zeit, wo man die Tempel der Venus Amathusia noch bekränzte ... Ach, und wenn Sie mich noch so hartnäckig pressen, ich könnte nichts anderes tun, als Ihnen alle Vorgänge bei einem Symposium haarscharf und historisch getreu hersagen. Aber würde Sie das befriedigen? – Das alles ist doch so wohlbekannt. Jedem Schuljungen wird es eingepaukt. Im Varieté und bei Wohltätigkeitsgelegenheiten ist's zu sehen. Symposien und Bacchanalien werden wunderbar getreu nachgeahmt. Da sieht man ja alles: die Leopardenfelle, die fliegenden Kleider, das Weinlaub im Haar, die Fackelträger, die Blumenmädchen, die Flötenspieler, das sanfte Hirtenvolk, das Trankopfer – die Tänze – alles, alles ist noch ganz genau zu sehen. – Aber? – Aber doch »so ganz anders«. – – –
Gerne, meine Damen, ich will mein Bestes tun. Ich sehe, man läßt mir keine Ruhe! Hätte ich doch gar nichts von dieser entsetzlichen Lebensfreude erwähnt! – Wenn also so ein lebensdurstiger antiker Hausherr seinen Freunden ein Gastmahl zu geben beabsichtigte, so wurde am Morgen bei Sonnenaufgang die beste Halle des Hauses zu diesem Zwecke feierlichst geschmückt. Gar nichts Außergewöhnliches! Ganz wie heute. An der dem Garten zugewandten offenen Seite des Saales wurde gewöhnlich ein langer Marmortisch aufgestellt, der nur auf einer Seite zum Essen gedeckt wurde. Die andere Seite des Tisches blieb zur Bedienung frei. Tischtücher gebrauchte man nicht, die Tischgeräte wurden auf die blanke Marmorplatte gestellt. Alles, was das Haus an Silber- und Goldwaren aufbieten konnte, wurde natürlich benutzt, das Mahl zu verschönern. Der Tisch prangte mit Blumen; Blüten bedeckten den Fußboden, Rosengirlanden hingen mahnend über den Sitzen der Gäste, als ein Sinnbild des Schweigens. Man plauderte nicht aus, was man an der Tafel erfuhr. Die Rosen verboten es. – An der anderen Seite des Raumes standen die Amphoren, große zweihenkelige Krüge, gefüllt mit Wein. Daneben war der Krater, ein großes Mischgefäß, eine Bowle, worin der Wein mit Wasser vermengt wurde. Dieses Geschäft besorgte der Rex Bibendi, der Trinkmeister oder Mundschenk. Ihm zur Seite standen bekränzte Knaben in aufgeschürzten Gewändern, deren Aufgabe es war, die Becher der Gäste zu füllen. Nicht weit entfernt von der Weinstation, in der Nähe des Ausganges, stand der Anrichtetisch mit Wärmebecken für die Speisen, die aus der Küche hereingebracht wurden. Hier waltete ein Austeiler und Trancheur seines Amtes. Er verteilte die Speisen, zerlegte die Braten, und seine bekränzten Jünglinge reichten die guten Dinge den Gästen dar. Während des Mahles saßen die Gäste gewöhnlich auf Schemeln oder dreifüßigen Stühlen, nach der Mahlzeit ließ man sich auf feinen, weichen Ruhebetten nieder, reich verzierten Möbelstücken, mit kostbaren Decken oder Fellen wilder Tiere behangen. Im Vorzimmer hielt man gewöhnlich für jeden Gast ein Waschbecken aus edlem Metall und kostbare, wohlriechende Salben bereit. Das Handtuch jedoch mußte jeder Gast sich selber mitbringen. Die Alten hielten viel auf Hygiene und verzichteten auf die Gütergemeinschaft von Handtüchern und Servietten.
Wenn alle diese Vorkehrungen getroffen waren, wurden die Lampen angezündet, die ihr mäßiges Licht im Raume ausstrahlten. Im Kohlenbecken auf dem Tripod glühte bald der Weihrauch oder andere wohlriechende Dinge, deren feiner Geruch sich mit dem Duft der Blumen vermengte. Alsdann gingen die Diener des Hausherrn und holten die Geladenen feierlichst ab. Dann erschienen sie, die würdigen, fröhlichen Gäste, festlich geschmückt, Haupthaar und Bart mit wohlriechendem Öl gesalbt, leicht gekleidet in einfachen weißen oder zartbunten Gewändern, und die Häupter zierten Blumen-, Weinlaub oder Lorbeerkränze. Herzlich wurden sie von dem lächelnden Symposiarch an der Schwelle des Hauses empfangen. Darauf sprangen Sklaven heran, die den Gästen die Sandalen lösten, die Füße wuschen und dieselben mit feinen Spezereien salbten. Nun begann die Tätigkeit des Haushofmeisters. Lachend und scherzend begab man sich zur Tafel; auf ein Zeichen des Haushofmeisters brachten die bekränzten Kellner das feine, Appetit erregende Horsd'œuvre und setzten es, über den Tisch hinüberreichend, vor die Gäste nieder. Inzwischen war auch der Trinkmeister geschäftig. Mit seinem silbernen Schöpfkrüglein tauchte er in die Tiefe des Kraters und füllte die bereitstehenden Poculae mit kühlem Wein, den seine hochgeschürzten Weinkellner darauf lächelnd kredenzten. Und feierlich erhoben sich nun alle Gäste und stießen auf das Wohl des obersten Gottes Zeus Soter oder der Göttin der Gesundheit Hygieia an.
So verlief das Mahl. Man gedachte der abwesenden Freunde und Frauen und trank auf ihr Wohl. – Nein, gnädiges Fräulein. – Die strengen Griechen gestatteten ihren Damen nicht, an Festmählern teilzunehmen, waren aber rücksichtsvoll genug, sich ihrer Gattinnen und Töchter zu erinnern. Die Römer jedoch schienen Damengesellschaft mehr zu schätzen. Man saß nach unserer heutigen Sitte paarweise zusammen; die Frauen nahmen an allem, was die Männer taten, teil. Das eigentliche Essen war gewöhnlich bald vorüber. Unsere unzähligen Gänge kannte man nicht. Man begnügte sich mit Fisch, Braten, Gemüsen; der Nachtisch, süße Speisen und Früchte, bildete den Schluß. Nach jedem Gang wurde der Marmortisch gründlich gereinigt und den Gästen frisches Waschwasser in den Becken gereicht.
Bestand die Tischgesellschaft nur aus Männern, so wurden oft ernste und philosophische Gespräche geführt. Man besprach Ereignisse, öffentliche Angelegenheiten, die Reden der großen Männer. Waren solche Koryphäen selbst anwesend, so suchte man ihre Gesellschaft, lauschte ihren Worten, vertiefte sich oft in ernste, wissenschaftliche Gespräche. In Männergesellschaft geht's natürlich oft auch übermütig zu. Da sprühte Geist und Witz, man uzte sich und zog sich auf, und die Hallen erschollen vom fröhlichen, gesunden Lachen der lustigen Menschen. Ein beliebter Scherz war, einem Freunde auf das Wohl einer abwesenden heimlichen Freundin zuzutrinken. Der Betreffende mußte alsdann so oft seinen Becher leeren, als ihr oder sein Name Buchstaben enthielt. Oft auch erhob sich ein fröhlicher Zecher und sang mit dem blumenumwundenen Pokale in der Hand ein Tischlied, das Skolion, welches, je nach seiner Art heiter oder ernst, den Beifall der Zuhörer erntete. Zum Schluß des Mahles wurde meistens die letzte gemeinsame Runde den freundlichen Schutzgeistern des gastlichen Hauses dargebracht. Alsdann nahm man auf den Ruhebetten Platz, und es strömte eine Schar von Sängerinnen und Flötenspielern herein, die Gäste mit ihrer Kunst zu erheitern. An Tänzerinnen, Lustigmachern und Possenreißern fehlte es auch nicht. Diese Leute wurden alle reichlich bewirtet, und ganz wie heute, je mehr sie dem Weine zusprachen, um so leidenschaftlicher und heißer übten sie ihre Kunst aus. Verlockend klangen dann die Flöten, begeistert die Gesänge, und die Mänade raste verzückt um das schweigende Marmorbild des Dionysos, während sich von ihren heißen Lippen der ekstasische Schrei »Evoe! Evoe!« rang. – Oft erhoben sich auch die Gäste und spielten mit. Sie forderten ihre bekränzten Kellnerjünglinge gleichfalls auf, ihnen in dem bacchantischen Zuge zu folgen, und alle vereinigten sich zum wilden Tanze, wo sie im begeisterten Ausbruch von irdischer Freude den Saal, die Gärten, vorbei an plätschernden Brunnen, die stille Nacht und die Säulengänge des Peristils durchtobten und sich dem berauschenden, flammenden Feuer ihres Freudedurstes ergaben. Alle stimmten sie ein in den Lobgesang auf die Schönheit, und höchstens die alten und besonnenen Philosophen schauten innig lächelnd dem wilden Treiben zu. – – So endete das Fest, und beladen mit Andenken und wertvollen Geschenken nahmen die glücklichen Gäste vom Symposiarch Abschied.
Sie sehen, meine Herrschaften, ich vermochte Ihnen nichts Neues zu sagen. Was ich erzählt habe, sind altbekannte Tatsachen. Die antike Lebensfreude bleibt unerklärt und unerklärlich. Und was die geräuschvolle Prozession durch die Säulenhallen anbelangt, so hält uns unser angeborenes Anstandsgefühl und die Herrin des Hauses oder die Polizei von derlei Geschmacklosigkeiten ab.
Mit dem leidigen Verfall der Antike, der wachsenden Macht und Ausdehnung des Christentums und den Bewegungen der barbarischen Völker artete die besagte heidnische Freude der Gastmähler langsam aus, nahm immer mehr und mehr ab und starb schließlich gänzlich. Obgleich die Kirche niemals eine Feindin des Weines war und ihren Gläubigen nie ausdrücklich den Genuß des Weines verbot, so ist es doch ihrem direkten Einflüsse zuzuschreiben, daß die Freude des Altertums wich. Daraus geht ganz deutlich hervor, daß diese rätselhafte Freude nicht eigentlich im Weine enthalten ist. Noch lange hielten die ersten Christen an vielen heidnischen Sitten und Gebräuchen fest, aber allmählich versanken sie in die Dunkelheit der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, von denen kein schönes Streifchen Licht auf unsere Tage gefallen ist. Wie sich die Alten mit der Lebensfreude befaßten, so befaßten sich die Christen mit der Todesfreude. Man hatte gelernt zu sterben, aber zu leben verlernt. Und wenn man verlernt zu leben, so verlernt man auch zu essen. So wissen wir gar nichts Nennenswertes von den Sitten und Tafelgebräuchen der Völker des vierten bis achten Jahrhunderts. Wir haben auch nicht viel verloren. Man kann sich leicht denken, daß die Gelage, wenn es solche gab, nichts als große Fressereien waren. Eine Miniatur, das einzig existierende Dokument, stellt anschaulich dar, daß man im neunten und zehnten Jahrhundert in Paris die Notwendigkeit eines Tisches bei einem Mahl erkannt hatte. Wir sehen auf dem Bildchen eine Tafelgesellschaft auf klobigen Schemeln an einem runden Tische sitzen. Die Runde ernährt sich redlich aus einer gemeinsamen Schüssel in der Mitte. Tücher und Teller gibt es nicht. Man hält den Braten mit den Fingern auf einem großen Stück Brot und bearbeitet die Masse mit einem dolchartigen Instrument. Statt der Blumen liegen abgenagte Knochen allenthalben umher. Hinter den Schmausern stehen Weinkrüge auf dem Boden, deren Umfang auf einen respektablen Durst schließen läßt.
Erst auf den Bildern aus dem dreizehnten Jahrhundert kann man eine Wendung zum Bessern entdecken. Das Tischtuch erscheint. Und erst gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts scheint man sich Etikette und menschenwürdige Tafelsitten angewöhnt zu haben. Aber selbst auf Bildern aus viel späteren Perioden, namentlich auf den Werken der frühen deutschen und niederländischen Meister kann man Gastmahlsszenen betrachten, die, wenn sie nicht übertrieben sind, wahre Orgien von Fraß und Völlerei gewesen sein müssen. Die Chronisten und Geschichtschreiber des Mittelalters hatten anscheinend großen Respekt vor derartigen Funktionen und berichteten viel in ihrer langweiligen Weise von den Festessen und Mählern ihrer Tage. Öffentliche Schmäuse wurden viel und bei jeder kleinen Gelegenheit abgehalten. Die Hallen der Burgen oder der Rathäuser waren meistens die Stätte eines Banketts. An Ermangelung genügend großer und passender Lokalitäten nahm man aber auch gerne mit der Wiese und dem freien Himmel vorlieb. Man pflegte auf Bänken an den Tischen zu sitzen. Daher der Name »Bankett«. Bei einem ritterlichen Bankett saßen die Herren und Ehrengäste an einer erhöhten Tafel unter dem Baldachin. Die Tische waren hölzern, lang und schmal, und wie im Altertum war eine Seite für die Bedienung frei. Die Germanen gestatteten ihren Frauen zwar, an den Banketts teilzunehmen; die Frauen mußten sich aber an separaten Tischen abfüttern lassen. In den romanischen Ländern dagegen saß man paarweise in Eintracht zusammen.
Mit der Entwicklung der Künste und des Handwerks im Mittelalter nahm auch das Tafelgerät an Schönheit und Vollkommenheit zu. Die Speisesäle wurden nun mit kunstvollen Gestellen, prächtig gearbeiteten Schränken und niedlich geschnitzten Anrichtetischen ausgestattet. Kostbares Silberzeug, blanke Silber- oder Zinnteller, feine Gläser und irdene Geschirre zierten die Tafeln der Reichen. Die Festhallen wurden reich mit Fahnen und Girlanden dekoriert, die Tische sinnvoll mit Blumen geschmückt. Die feinen linnenen Tischtücher wurden meistens so gefaltet, daß man sie, wenn sie beschmutzt waren, umschlagen konnte. Bei besonders großen Festessen traten zwischen den einzelnen Gängen fahrende Sänger und Schauspieler, Possenreißer, Hanswurste, Akrobaten, Bänkelsänger und andere Klageweiber der Fröhlichkeit auf, damit die Esserei möglichst lange währe. Oft wurden ganze Theaterstücke zwischen den einzelnen Gängen gespielt. Da es meistens viele solcher Gänge gab, dehnten sich diese Prunkschmäuse entsetzlich aus und kosteten viel Geld.
Bei den großen Staatsbanketts, wo alle Fürstlichkeiten zusammenkamen, mußten gewöhnlich die Edelleute des Landes eigenhändig »des Kaisers heilige Macht« bedienen. Oft wurden die schweren Schüsseln von einem Edlen zu Pferde, begleitet von dem Geräusch der Hörner und Pauken, in den Saal getragen, und der tapfere Ritter präsentierte sie kniend dem Landesherrn. Die Ämter eines Mundschenks, Truchsesses usw. waren eine besondere Ehre, welche die Majestät nur seinen Günstlingen verlieh, und der Titel war gewöhnlich erblich. – Nachdem die guten Gaben so präsentiert waren und das Wohlgefallen des Gewaltigen erregt hatten, waltete der Vorschneider seines Amtes, zerlegte die Stücke kunstgerecht und ließ sie auf den Tisch stellen, damit sich jedermann nach Herzenslust bedienen konnte. Die Getränke waren wohlweislich unter der Oberaufsicht des fürstlichen Mundschenks. Der Haushofmeister, welcher die Bedienung von den Seitentischen aus leitete, war die Seele des Ganzen.
Die Schauessen und Banketts des Mittelalters haben mehr oder weniger alle das Gepräge einer großen Fresserei. Man gab weniger um die Qualität der Speisen als um die Hauptsache: daß man genug davon hatte. Daß bei solchen Gelegenheiten Trunkenheit und Roheit oft überhand nahm, ist selbstverständlich. Namentlich die Deutschen, die Engländer und die Niederländer haben Großes in der Vertilgung von kolossalen Mengen von Speisen und Getränken geleistet. Aber selbst die großen Ästhetiker der italienischen Renaissance scheinen keine hervorragenden Künstler der Tafel gewesen zu sein. Erst im siebzehnten Jahrhundert begann man in Paris mit der wachsenden Kultur auch an die Verfeinerung der Küche, des Essens und der Tafelsitten zu denken. Es war die Renaissance der Kochkunst. Und aus dieser großen Bewegung entstand die große klassische französische Küche, deren wir uns heute noch erfreuen, eine Kunst, vom praktischen Standpunkt aus vielleicht die wichtigste der Menschen, vom ästhetischen aus, würdig, den neun Musen beigefügt zu werden. –
Zur gleichen Zeit entstanden in Paris als das Zentrum der damaligen Welt schöne, große Gasthöfe, die »Hotels« genannt wurden. Es ist der zögernde Anfang der modernen Hotelindustrie, denn die öffentlichen Gasthäuser im Mittelalter waren durchweg und überall sehr schlecht. Seit dem grauen Altertum hatte man gar keine Fortschritte darin gemacht, ja, man war zurückgegangen. Die bedauernswerten Reisenden waren auf die Gastlichkeit ihrer Freunde in den Städten angewiesen oder hielten in den Klöstern Einkehr. Die Klosterbrüder waren jahrhundertelang die beliebtesten Gastwirte. Das Kloster von St. Gallen hatte bereits im neunten Jahrhundert ein berühmtes öffentliches Gasthaus. Das französische »Hotel« wurde bald nach seinem Erscheinen in London erfolgreich nachgeahmt, und einige Gasthöfe dort gelangten zu großer Berühmtheit. In Deutschland fanden Unterkunftsstätten für Reisende nach französischem Muster erst viel später Eingang. In der Ära der Postkutsche ist das Hotel aber noch immer ein sehr mäßiger, bescheidener Betrieb. Das Dampfroß jedoch brachte einen gewaltigen Umschwung. Trotzdem hat sich der Kleinbetrieb des Hotels aber bis in unsere Tage hinein erhalten, und das ganz moderne Riesenhotel ist ein charakteristisches Kind der jüngsten Jahre, einer entschieden neuen Zeit, und hat das Licht der Welt in einem neuen Lande, in Amerika, erblickt.
Also auch etwas über die technische Entwicklung der Kochkunst soll ich sagen! – Mit größtem Vergnügen, gnädige Frau. – Warum ich so »teuflisch« lächle? – Nun, ich finde es so tragikomisch, daß die Frauen sich immer für dasjenige, wozu sie am wenigsten Geschick haben, am meisten interessieren, oder besser, interessieren müssen. – Nein, meine verehrten Damen, zum Kochen haben die Frauen nun einmal absolut kein Talent. – Wie? Das Allerneueste? – Bitte, das haben schon größere Autoritäten lange vor mir gesagt, und ich schließe mich ihnen nur ganz bescheiden an. Ja, ja, die bitterböse Wahrheit läßt sich nun einmal nicht ändern. Die meisten Frauen haben dies in ihrem geheimsten Herzen ganz schrecklich empfunden und wollen es nicht eingestehen. Und wie haben die armen Ehemänner erst gelitten! In ihren Mägen natürlich. Aber eigene Magenschmerzen sind grimmiger als fremde Herzensqualen. Daher die kalte Brutalität des männlichen Geschlechts. Ich will gar nicht versuchen, der schrecklichen Wahrheit auf den Grund zu gehen oder sie umzustürzen, es ist aussichtslos. Sie ist ohne Hoffnung wahr. Und so müssen wir sie hinnehmen. – An Ungeheuerlichkeit kommt diese Tatsache nur der alten Sphinx gleich. Und ein Rätsel stellt sie uns auf, eines der härtesten unserer Zeit. Gesundheit, Eheglück, Kindererziehung, Heim, alles hängt davon ab. Ich zittere, eine Lösung für das Rätsel auszusprechen. Ich wage es nicht. Ich kann Ihnen, meine Freunde, nur seine ganze Schrecklichkeit vor Augen führen.
Die Urmenschen waren anfangs harmlose Vegetarier und ernährten sich von rohen Wurzeln, Gewächsen, Früchten, Heuschrecken und wildem Honig. Mit der wachsenden Intelligenz erkannten sie aber allmählich ihre Überlegenheit über die anderen Tiere der Erde. Und wem die Menschen überlegen sind, das schlagen sie tot und essen es auf. So auch schon die Urmenschen, unsere ruppigen Vorväter. Sie lernten Waffen gebrauchen, Tiere erlegen und das Fleisch derselben essen. Mit dem Gebrauche von Werkzeugen büßten sie aber viel von ihrer ursprünglichen animalischen Kraft ein, sie verfeinerten sich, und es wuchs somit das Bedürfnis für zubereitete Speisen und zuträglichere Nahrung denn die rohen Produkte der Erde. Und aus dem Höhlenbewohner, der das blutende Fleisch des Jagdtieres auf einen Stecken spießte und über der Flamme röstete, entwickelte sich langsam, entsetzlich langsam im Laufe der Jahrtausende der moderne, vollendete Kochkünstler, ein praktischer Physiker, ein dichterischer, träumender Chemiker, ein Saucen- und Suppenästhetiker. Eine Vollendung und Reichhaltigkeit von Genüssen, wie sie dem modernen Gourmet zur Verfügung stehen, ist nach unseren Begriffen nicht mehr zu überbieten, selbst nicht, wenn neue Pflanzen, Gewächse, Früchte und sonstige Nahrungsmittel entstehen, wie Luther Burbank, der kalifornische Zauberer oder Naturpfuscher – wie man will und es auffaßt – deren viele dem Schoße der Erde entlockt. Es ist ein allgemeiner Gedanke, daß unsere Nachkommen künftiger Jahrtausende, um dem Entwicklungsprozesse gerecht zu werden, ausschließlich chemische Präparate und kondensierte Kraftmittel in ganz geringen Dosen zu sich nehmen werden. Dann müßte freilich eine gänzliche Veränderung der menschlichen Verdauungsorgane stattfinden, was ja nicht ausgeschlossen und sogar wahrscheinlich ist. Seit dem Urzustande bis auf unsere Zeit ist eine solche Veränderung bereits sichtlich eingetreten. Denn unsere heutigen Mägen würden sich mit der Kost unserer Urvorväter keine Woche lang einverstanden erklären und sehr bald dagegen rebellieren. Vorläufig gebe ich mich aber noch gerne mit der althergebrachten, substanziellen Füllung meines Magens zufrieden.
Die Stellung der Kochkunst zu den schönen Künsten ist, wie ich schon erwähnte, eine ganz eigenartige. Kein menschliches Können, das auf den Namen »Kunst« Anspruch erhebt, steht den neun Musen so nahe, wie die nicht offizielle zehnte, die Beschützerin der brodelnden Töpfe. Der greifbare Unterschied zwischen den schönen Künsten und der Kochkunst ist die Materie, der Stoff und die Art und Weise des Genusses. Sie dienen vor allem der Ernährung des geistigen oder leiblichen Menschen. Und je mehr diese Nahrungsmittel der Seele und des Körpers verfeinert und vervollkommnet werden, um so mehr steigert sich auch die Empfänglichkeit und Genußfähigkeit des Genießenden und sein Verlangen nach Genuß. In schierer Unersättlichkeit sucht er die gegebenen Mittel und Rohmaterialien seinen Bedürfnissen gemäß herzurichten, er gräbt und grübelt, neue Mittel, neue Wege zu entdecken. So entstehen Dionysos-Dithyramben und Suprême de volaille truffée. Ob leere Worte, plumpe Marmorklötze, giftige Farben, schreiende, brummende, zischende, flötende Töne oder die jungen, köstlichen Körper der Geschöpfe aus dem Pflanzen- und Tierreich zu Genußmitteln verarbeitet werden, bleibt sich im Grunde doch gleich.
Sobald der eigentliche Zweck dieser Naturgaben, nämlich der der Ernährung, von Menschen, die nicht Maß noch Ziel halten können, mißbraucht wird, so tritt ganz automatisch die Strafe der Natur in der Form einer Rückwirkung ein. Der unersättliche Kunstschlemmer, wenn er nicht gerade wahnsinnig wird, wird übersättigt, sein feines Gemüt wird abgestumpft gegen das süße Walten der schönen Dinge, die ihm früher Genuß und Glück bereiteten. Sie ekeln ihn an: er schmäht sie in höchst undankbarer Weise. Er bedenkt nicht, daß sie gar nichts von ihren schönen Qualitäten verloren haben und daß er der Schuldige ist. Er muß sich eine Weile lang von ihnen entfernen, er muß hungern, um ihre Güte wiederzuerkennen und seine frühere Genußfähigkeit zurückzugewinnen. Den kulinarischen Schlemmer ereilt das gleiche Schicksal in der Gestalt von Appetitlosigkeit, Dyspepsie oder Indigestion, wenn nicht gar schlimmere Komplikationen eintreten. – Für alle Exzesse gibt es eine Vergeltung. Die Natur beschützt sich mit bewundernswerter Präzision. Nichts ist schädlicher als eine Reihe von schönen Tagen. Man befrage Goethe. Nichts ist schädlicher als ein beständiges Genießen von Kunstwerken. Man sehe sich einen Museumwärter an. Ich könnte mir wirklich nichts Schrecklicheres vorstellen als eine »ewige Seligkeit«. Das müßten wahre Höllenqualen sein, es sei denn, daß wir uns nach unserem leiblichen Tode sehr verändern. Nichts ist schädlicher für den Körper als eine beständige Ernährung desselben mit den allerfeinsten Mitteln. Man besehe sich die Tafel unserer Kochkünstler, und man wird staunen, wie einfach diese weisen Männer leben, die doch eigentlich immer wie im Schlaraffenlande schwelgen könnten.
Die schönen Künste machen nicht den Frieden und den Wohlstand, sondern diese lassen jene aufblühen. Genau so ist's mit der Kochkunst. Und um nur von der Kochkunst zu sprechen, muß man als Nichtfranzose neidlos gestehen, daß Frankreich seit einigen Jahrhunderten das Licht der Nationen ist. Das moderne Paris hat die Stellung des antiken Roms geerbt. Natürlich sind die anderen Nationen als fortschrittliche Menschen dem leuchtenden französischen Vorbilde alle mehr oder weniger gefolgt. Jedoch sind sie in bezug auf Essen und Trinken und Zubereitung von Speisen eben doch nur zivilisierte Barbaren oder, um den Kunstausdruck zu gebrauchen, da von Kunst fortwährend die Rede ist, – sie sind Kopisten.
Gewiß, Herr Doktor, ich verstehe Sie sehr wohl. Die Kopie eines Kunstwerks kann unter Umständen in künstlerischer Hinsicht ebenso gut, ja selbst noch besser sein als wie das Original. Ein französisches Menü von einem deutschen Chef ist oft eine sehr achtenswerte Leistung. Aber dennoch! – Sie, Herr Doktor, als Kunstkritiker wissen ganz genau: es sind doch nur die Menschen gute Kopisten, die nichts aus sich selber leisten können. Seit vielen Jahrzehnten hat Deutschland versucht, gewisse französische Lebensweisen nachzuahmen, und sie sind in mancher Hinsicht ausgezeichnet gelungen, ja, die Originale übertroffen worden. Ein Kopist aber, der selber etwas zu sagen hat und etwas in sich fühlt, ist ein schlechter Kopist. Lenbach kopierte die Lateiner der Renaissance. Was war die Frucht dieser Arbeit? – Es entstanden Giorgione plus Lenbach, Titian plus Lenbach, Velasquez plus Lenbach usw. An Dürers italienischen Studien ist dasselbe Resultat zu bemerken. Werke, die Goethe aus fremden Sprachen übersetzte, wurden sein geistiges Eigentum. – Da Deutschland und die anderen Nationen jämmerlich wenig Kraft in sich fühlen, eine eigene Kochkunst zu schaffen, so ahmen sie die französische Schule sehr erfolgreich nach. Sie sind aber nicht imstande, ihren Produkten auch nur einen Hauch von beachtenswerter Individualität mitzuteilen. Kochen können ist ein Talent, meine Damen, wie jede schöne Kunst ein Talent ist. Es ist etwas in der Kochkunst, das sich nicht erlernen läßt. Es muß im Menschen stecken. Frankreich, die Nation als ein Individuum, ein Mitglied der kaukasischen Familie gesehen, besitzt das eigenartige, appetitliche Talent zum Kochen wie das dunkle Schicksal den Sprößling einer biederen Bauernfamilie zum gottvollen Musiker macht, während seine ganze Sippe hoffnungslos und bewundernd zuschauen muß. – Die Französinnen? Nein, das ist das Eigenartigste an dem eigenartigen Talent der Kochkunst: es meidet das gesamte weibliche Geschlecht. Maskulinische Kraft und Phantasieflug sind erforderlich, um schöpferisch zwischen Kasserollen und Pfannen tätig zu sein. Nicht etwa, weil es dem weiblichen Geschlecht an physischer Kraft gebricht, sondern weil einfach das Talent nicht vorhanden ist. Dieser Umstand drängt die Kochkunst in die vorderste Reihe der Künste.
Ja, ja, ich lache wieder, meine Damen. Aber nicht, weil ich Sie so entsetzlich erzürnt habe und Gefahr laufe, Ihre reizende Gesellschaft um meiner Kühnheit willen einzubüßen, sondern ich lache über den sonderbaren Empfang, der der Wahrheit immer und überall bevorsteht. – Friedrich Nietzsche hätte sich seine ungalante, geschmacklose Demütigung der germanischen Hausfrau als eine Überflüssigkeit und Ungerechtigkeit ersparen können. Aber wer kann's dem armen Magenkranken verdenken, daß er gegen die Küche wettert, an welche die rüstigen Germanenmägen gewöhnt sind. – Die deutsche Frau wird nach einigem Zögern und Erröten eingestehen, daß sie sich niemals Kopfschmerzen über die richtige physiologische Zusammenstellung einer Mahlzeit macht, daß der Eiweiß- oder Fettgehalt einer Ware sie nicht stört, daß Kohlehydrate ihr völlig fremd sind. Das Wort schon! Ist es nicht geradezu haarsträubend in Verbindung mit Essenswaren? – Darum sollten Sie, meine Damen, nicht zürnen. Es ist nicht besonders schmerzhaft für einen Menschen, zu hören, daß er kein Talent für einen Beruf hat, den er sich nicht einmal selbst gewählt, sondern wohinein ihn die Macht der Umstände gezwungen hat. – Nicht wahr? – Na also! – – Aber? – Was aber? – Wer denn in Zukunft kochen soll? – Wir werden sehen.
Die Kochkunst, weil sie ein eigenes Talent ist, wird daher – wie immer – von dem, der es nicht besitzt, überschätzt. Frankreich wüßte kaum, daß seine Söhne Künstler am Herde seien, wenn es nicht die anderen Nationen fortwährend zugestehen und bei ihm in die Lehre gehen müßten. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß das Wertvolle in der französischen Kultur durch das französische Talent zum Kochen bedingt oder auch nur besonders beeinflußt worden sei. Ein feiner Mensch sorgt selbstverständlich auch für die Verfeinerung und Pflege des Sinnes, der im Gaumen steckt. Doch kommt dieses Streben erst an zweiter Stelle. Der verführerische, sich leicht aufdrängende Gedanke, daß eine primitive Küche notwendigerweise ein Volk verdummen oder auf einer geistig primitiven Stufe erhalten müsse, ist grundfalsch. Ebenso der Glaube, daß eine hochentwickelte Kochkunst das geistige Leben der Nation besonders fördere. Ich glaube überhaupt nicht, daß die Ernährung des Körpers resp. die Wahl der Speisen viel oder auch nur etwas mit der Entwicklung der Seele zu tun hat. Das alte Sprichwort von der gesunden Seele im gesunden Körper ist nicht zutreffend. Denn wäre das der Fall, so müßten ja alle Reichen, alle Feinschmecker ausnahmslos große feine Geister sein oder geistig hochbegabte Kinder haben. Die größten Feinschmecker aber waren nie die feinsten Geister. Hat Brillat-Savarin außer seiner Physiologie des Geschmacks nicht auch Dichtwerke geschrieben? – Als Dichter ist er tot, als Feinschmecker wird er noch für klassisch gehalten. Die größten Denker, Dichter und Künstler sind bisher fast ohne Ausnahme aus bürgerlichen, kleinen, oft sogar sehr armen Verhältnissen hervorgegangen, wo das tägliche Menü keine prunkende Reihe von auserlesenen Leckerbissen aufwies. Die bitterste Armut ist ja bekanntlich sogar das Privilegium des Genies. Reichtum und Genie hassen sich. Auch kann ich mich keines großen Mannes erinnern, der ein traditioneller »Feinschmecker« war. Der ehemals viel verschriene Epikuros, der Mann mit der Lehre, aus dem Leben nur das Allerbeste zu schöpfen, war einer der bescheidensten und anscheinend anspruchslosesten Menschen, die je gelebt haben. Er gab sich mit seinem Gärtchen, ein paar Freunden, ein paar Feigen und einem Stück Ziegenkäse gern zufrieden.
Der eigentliche Feinschmecker, der Gourmet »par excellence«, ist daher der andächtige Mensch, dem eine einfache gute Mahlzeit mit gutem Hunger eine Art Dankgottesdienst für ein schönes Leben, gute Gesundheit und herrliche Naturgaben ist. Darum kann jeder Arbeitsmann ein Gourmet werden. Eine bemerkenswerte Ironie des Schicksals ist auch, daß Feldherrn wie Lukullus, Soubise und andere, die auf dem Felde der Ehre nicht viel Glück hatten, und Männer wie Colbert, erfolglose Staatsmänner, gefeierte Tagesgrößen und Generale namentlich aus der Periode Louis XIV. und XV., sich zu Lebzeiten viel mit der Küche beschäftigten und Küchenklassiker wurden. Während diese Menschen und ihre Taten schon lange tot sind, hat ihr Hang nach gutem Essen sie vor Obskurität gerettet, und ihr Name lebt mit den von ihnen erfundenen und nach ihnen benannten Gerichten wörtlich »im Munde« von jedermann weiter.
Die Kochkunst ist, wie gesagt, ein Talent. Und für jedes Talent, das wir besitzen, müssen wir bekanntlich ein anderes entbehren. Eine gewisse außerordentliche Fähigkeit fördert selten eine andere. Gutes Essen ist zunächst Nahrung, feines Essen meistens Luxus. Luxus wirkt vornehmlich auf das Sinnenleben und dann erst als solches auf das Seelenleben. Hohe geistige Kultur verlangt natürlicherweise auch gute Küche. Das gewisse Etwas in der Kunst, in der Literatur, in der geistigen Tätigkeit, ja im ganzen nationalen Leben des gallischen Volkes, welches man gerne als typisch französisch bezeichnet und um das diese Nation mit Recht oder Unrecht beneidet wird, ist nicht im Einfluß der verfeinerten französischen Küche zu finden. Das wäre ein geringes Verdienst. Nein, die außerordentlichen kulturellen Verdienste Frankreichs sind nur im Geiste des Volkes zu suchen, und die französische Art, zu kochen und zu essen, ist nur ein Teil, eine Folge dieser Verdienste und erhöht sie nur, bedingt sie aber nicht.
Anima sana in corpore sano ist ein vages Wort. Wie sonderbar es doch ist, daß körperliche Leiden die Seele meist verfeinern, sie empfindsamer und duldsamer machen. Ein körperlich und seelisch völlig gesunder Mensch – den es tatsächlich nicht gibt – ist nichts mehr als eine großartige Bestie in seinen Empfindungen, d. h. nach unsern heutigen, durch das Christentum bestimmten Ansichten. –
Der Triumph der Pflanze ist die Blüte. Die Blütezeit ist ihr Sinnenrausch. Dann duftet sie sich aus in Glück und Daseinsfreude. Es gibt Insekten, deren höchster und schönster Lebensaugenblick der Sinnenrausch ihrer Liebesszenen ist. Nach diesem Taumel müssen sie zugrunde gehen und Platz machen für andere Generationen. Wenn Nationen nun ihre Blütezeit, ihre inspirierte Epoche erreicht haben, müssen sie langsam absterben. Dies kann im Leben einer Nation natürlich jahrhundertelang währen. Die ganz feine Kochkunst fördert gewiß den Sinnenrausch der Menschen. Sie tut fast nichts als dies. Es ist ihr Beruf. Zaghafte Menschen und Moralisten werden daher in dem auserlesenen Essen und im Luxus überhaupt, ja sogar in der »Lebensfreude« den zeitigen oder unzeitigen Ruin ihrer Nation erblicken. Sehr richtig. Nur nicht richtig in ihrer Auffassung. – Es fragt sich, was ein Ruin ist. Das Erdgeborene muß wachsen. Je schöner, um so besser. Wenn es eine gewisse Höhe erreicht hat und nicht mehr weiter kann, muß es niedergehen. Es kann nicht stille stehen. –
So, sehen Sie, meine Freunde, haben sich die Zeiten verändert. Dem müden Wanderer öffnet sich keine Haustüre mehr, kein freundlicher Hausvater begrüßt ihn mehr. Die Pferde der Postkutsche scharren nicht mehr ungeduldig vor dem Tor des kleinen Gasthofes an der einsamen Landstraße. Kein Postillion stößt mehr lustig in sein Horn, keine Peitsche knallt mehr. Kein rundes Wirtlein mit Schürze und Käppchen tritt mehr hastig an den verstaubten Wagenschlag heran, die hohen Fremden ehrerbietigst zu empfangen. Endlose Reihen von Equipagen und Lakaien mit roten Gesichtern, gepudertem Haar und sehr traurigen Augen, Hunderte von rauchenden und fauchenden Automobilen mit zottigen, protzigen, brutalen Chauffeuren halten nun an den Portalen der Paläste, welche den müden Wanderer beherbergen. Groß sind die Paläste, riesengroß. Fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig und dreißig Stockwerke hoch. Raum haben sie reichlich für Tausende von müden Wanderern. Ihr Inneres glänzt von Lichtern, die sich in Marmor und Golde widerspiegeln. Palmen zieren die hohen Hallen, Teppiche aus dem Morgenlande dämpfen die Schritte. Blumen und feine Parfüms versüßen die Luft, schmeichelnde Musik mischt sich dazwischen. Und ein buntes Gemisch von feinen Menschen schlängelt sich umher, lachend, scherzend, schwatzend und tänzelnd. Alle Nischen und Bögen hallen wider vom Geschwirr der feinen Stimmen, vom Schall des fröhlichen Gelächters. Wie sie schauen, wie sie grüßen! – Jeder Herr ist ein König, jede Frau die schönste Prinzessin im ganzen Lande. Perlen und Rosen winden sich durch die duftigen Haare; kostbare, edle Steine funkeln in wollüstiger Freude, daß sie an den herrlichen, weißen, warmen Busen ruhen dürfen. Seidene Gewänder rascheln und knistern, während die göttlichen Körper, die sie umschlingen, sich im Takte der sanften Töne wiegen. Die wundervollsten Augen lachen. Sie glänzen und flimmern und kennen nichts vom Leide der Erde. Wenigstens zeigen sie's nicht. Perlene Zähne schimmern in opalenem Glanze unter den Purpurlippen hervor, wenn sich der weiche, süße Mund lächelnd öffnet, ein schelmisches Wort zu flüstern. Scharfäugige Detektive bewachen die Menge, verfolgen die Bewegungen jedes einzelnen, der nichts ahnend sich in den großen, bunten Strudel stürzt und fröhlich oder nervös darin herumschwimmt.
Diener und Lakaien stehen umher, regungslos mit starren Gesichtern, in glänzenden Uniformen, auf den Herrn oder die Herrin wartend. Boten und Läufer rennen hin und her, Beamte geben Befehle. Geschäftige Scharen von jungen Menschen bringen die köstlichsten Speisen, die saftigsten Früchte, die edelsten Weine. Und tief unter den prunkenden Sälen und Hallen sind endlose labyrinthische Räume, gefüllt mit einer wimmelnden Menge von Arbeitstieren, die für die lachenden, glücklichen Menschen über ihren Häuptern schwitzen und umherrennen. Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt die endlosen weißen Regionen. Tausend menschliche Stimmen, schreiend, befehlend, rufend, schrilles Gerassel von silbernen Geschirren und hartes, abgerissenes Klirren von porzellanen, irdenen und kristallenen Schüsseln, dumpfes Dröhnen kupferner Kasserollen, Klappern eiserner Pfannen, Zischen des Dampfes, Knistern und Sprühen und Prasseln der glühenden Herdfeuer, das laute Kreischen der Braten, das Brodeln der Tiegel, das Surren der elektrischen Motore, das Knirschen der Schneide- und Quetschmaschinen, alles mischt sich zusammen zu einem nervenzerreißenden Getöse. Eine rauschende Fabrik! Hier hantiert ein Regiment weißer Köche herum und kämpft eine wilde Schlacht mit den kalten und heißen Elementen. Ruhig und kühl steht inmitten all des Gewühls die schneeige Majestät des obersten Chefs, ein Träger vieler Ehren und Sorgen. Und um ihn herum scharen sich treu ergeben die Saucenästhetiker und Zuckerbildhauer. Ihn suchen die bangen Augen der weißen, kampfbegierigen, schweißwischenden Männer mit langen Messern und Dolchen ungeduldig der Befehle des Großen harrend. Die Adjutanten rennen hin und her, brüllen die Kommandos durch das Toben des Kampfes in die hinteren und niederen Regionen hinein, wo eine schreckenerregende bewaffnete Schar von niederen Helfershelfern haust, die die Befehle mit schauerlichem Gebrüll beantwortet und ausführt. Dort hinten wimmelt es von wildblickenden Kurden, Lemuren und Unterteufeln, schwarze, südliche, glutäugige, diabolische Gestalten sind es, von unbestimmbarer Nationalität, feistnackig, schmerbäuchig, fetttriefend, mit blutbefleckten Tatzen und stählernen Muskeln, erhitzt vom Feuer, grausam vom Anblick des rohen Fleisches, lüstern vom beständigen Blutgeruch. Dort hinten sind die großen, starren Regionen des Eises, die großen Kühlkammern, gefüllt mit Fleisch und köstlichsten Früchten. Dort können Sie alle Naturwunder Indiens, alle Spezereien Arabiens sehen. Orangen und Grapefruit aus Florida, Pfirsiche aus Südafrika, Melonen aus Mexiko, alle delikaten Produkte der westindischen Inseln, alle zarten, jungen Gemüse von nah und fern, welche die Jahreszeit oder das Treibhaus bietet. Alles liegt bereit und wartet auf unser Machtwort. Wie herrlich! Wir sind die Herren der Welt! Welch gottvolle Rechte haben wir nicht!
Denken Sie sich nur, wie interessant, gnädiges Fräulein, da Sie soeben noch Hummer à l'americaine gegessen haben! Vor einer halben Stunde kroch Ihr Hummer noch behäbig zwischen seinen hundert Brüdern in der kühlen Packung umher, hie und da einen anderen gutmütig mit den schweren Zangen zwickend. Da kam Ihr Machtwort, gnädiges Fräulein, welches unser Kellner dem Chef überbracht hatte. Mit kritischen Blicken wählte der Koch zwischen den hartschaligen, trägen Bewohnern der Tiefsee und suchte ihnen den lebendigsten aus! Denn unser freundlicher Kellner sagte, daß er für Sie bestimmt sei. Das Opfer wurde erfaßt – es sträubte sich energisch und klapperte wütend mit dem starken Schwanze. Aber da hilft kein Klappern: das unbarmherzige Schlachtmesser saust ein paarmal nieder, und die noch lebenden, zuckenden Stücke des gevierteilten Hummers färben sich langsam in der heißen, kreischenden, gewürzten Butter zu appetitlichem Rot. Eine halbe Flasche aromatischen Wein dazu, zugedeckt und gar dämpfen lassen, dann schnell serviert. – Ihre blaue Forelle, Herr Doktor, schnellte noch vor kurzer Zeit behende im Fischbassin umher und suchte hastig und nervös den Maschen des Netzes zu entschlüpfen. Denn sie ahnte die Absichten des Fischers und das grausige Schicksal, das schon so viele ihrer flinken Schwestern weggeholt hatte. Aber da half kein Zappeln: sie wurde erhascht, vorsichtig ausgenommen und behutsam, daß der natürliche Schleim nicht abgewischt werde, in das dampfende, würzige Wasser gelegt. – Holländische Sauce oder einfach frische Butter dazu: Ah – tip-top!
Morde werden dort begangen in den eisigen Regionen von den eisigen Herren der Schöpfung, Morde, wobei uns das Wasser im Munde zusammenläuft, wenn wir daran denken! – Die liebliche Riesenschildkröte, deren Liebenswürdigkeit ich meine herrliche Suppe verdanke, fristete noch vor einigen Tagen ihr stupides, ganz überflüssiges, inhaltsloses Dasein. Als sie sich einmal plötzlich an den Hinterbeinen erfaßt und aufgehängt fühlte, entschied sie sich zögernd, den dummen Kopf aus den schützenden Schalen herauszustrecken, um sich zu erkundigen, was denn eigentlich los sei. Auf diesen Augenblick hatte der hinterlistige Chef gewartet. Sein scharfer Säbel sauste, drang in den grauen, runzeligen Nacken des Ungeheuers und trennte dort die festen Verbindungen, so daß zwischen Kopf und Rumpf eine unnatürliche Entfernung entstand. Die langsame Schildkröte hatte nicht einmal mehr Zeit, ihre Verwunderung oder ihr Entsetzen darüber auszudrücken, denn durch die entstandenen Öffnungen entschlüpfte ihre Seele schnell ins Unendliche.
Fest halten die lieblichen, weichherzigen Austern die Türe ihrer Gehäuse zu, wenn sie merken, daß ein Einbrecher mit bösen Absichten und einem starken Brecheisen draußen sich zu schaffen macht. Aber was hilft das? Wir sind die Stärkeren. Und die winzig kleinen Krabben, die oft mit den Austern in friedlicher Gütergemeinschaft zusammenwohnen, müssen dann einen stummen Abschied von ihren schlüpfrigen Freundinnen nehmen, denn auch sie sollen verspeist werden. Wehrlos strampeln sie noch einmal mit den dünnen, schwachen Spinnenbeinchen, – dann ist's aus. Den Menschen freut nur ihr Widerstand und ihre Lebendigkeit. Sie erhöht seine Gier. – Sehen Sie dort die riesigen, protzigroten Langusten auf dem Büfett? Sie mußten im siedenden Wasser ihr Leben lassen, entrüstet gegen den plötzlichen Temperaturwechsel mit dem gewaltigen Schwanze protestierend, da sie nur an das kühle, grüne, träumende Wasser des tiefen Meeres gewöhnt sind. Und alle sterben sie uns zuliebe. Ist es nicht eine Wonne, dies anzusehen?!
So liegen tausend Leichen von lieben Feld-, Wald- und Wasserbewohnern in den festen Eiskammern sorgfältig und säuberlich aufgespeichert und warten, bis sie in die Krematorien der Bratöfen geworfen werden, wo sie unter Wimmern, Schmurgeln und Zischen braten müssen. Wenn sie schön knusprig und gar genug sind, bekleidet sie der sinnige Koch mit einer lieblichen, raffinierten Sauce und legt zärtliche Gemüse an ihre Seite. Schwarze Menschen stehen ungeduldig bereit, sie auf silbernen Schüsseln stolz schnüffelnd in den glänzenden Saal zu tragen. Kritisch betrachtet der große Oberbefehlshaber noch einmal die armen Tierchen, bevor sie für immer verschwinden, und wenn sie seine Zufriedenheit erregen, gibt er seinen Segen zu ihrem pompösen Leichenzug in den Speisesaal. Se. Exzellenz der Herr Finanzminister selbst würde den Mund aufsperren, nicht nur um die guten Dinge in Empfang zu nehmen, nein, auch schon, wenn ihm zu Ohren käme, wieviel man dem großen, ruhigen Chef des Küchendragonergeneralstabes für seinen Segen bezahlt. – Dieser Segen – wie alle feierlichen Zeremonien – ist meistens von sehr charakteristischen, südlichen Gesten begleitet. Eine der beliebtesten ist, die Spitzen der fünf Finger zusammenzudrücken, an die Lippen zu führen und wieder zu entfernen, wobei die Finger lebhaft ausgespreizt und wieder zusammengeführt werden. Bei ganz wichtigen Gelegenheiten treten beide Hände in Aktion. – –
Immer tiefer steigen wir, vorbei an den kühlen, imposanten Gewölben, die viele Tausende von feurigen Flaschen und alte, ehrwürdige, bestaubte Fässer vor Frevlerhänden beschützen. Und hinab führt unser Weg in die Herzkammern des Riesenkörpers, in die Maschinenräume. Tobte in der Küche ein höllischer Lärm, hier herrscht der Friede einer Kathedrale. Lautlos drehen sich die großen Schwungräder und Riemscheiben um ihre Achsen, angenehme Luft fächelnd. Unheimliche Riesenbäuche liegen dort, die Öffnungen fest verschlossen, nur ein unterdrücktes Zischen, ein dumpfes Zittern tief unten verrät die gewaltige Glut, die ihr Inneres birgt. Schneckenhäuser von gewaltigem Umfang stehen dort, wovon armdicke Kabel ausgehen und sich als die Nerven des Riesenkörpers bis in die kleinste Spitze des Hauses verzweigen. Gleichmäßig, stumm arbeiten die Ungeheuer, den Befehlen der Menschen gehorchend. Ab und zu sprüht ein bleichbläulicher Funke knisternd aus dem Innern hervor. Er will sich vom Zwange der Menschen befreien und Zeugnis geben von der rätselhaften Macht, aus welcher er stammt. Gedämpftes Keuchen und tiefes, unterirdisches Stampfen wie schweres Atmen einer Riesenbrust verrät den Unwillen der gefesselten Mächte, die der Mensch sich hier dienstbar macht. Hie und da seufzt wohl eine große Maschine auf, wenn ihre Bürde zu schwer wird, aber dann geht ein kleiner, magerer Mann im blauen Kittel mit eingefallenen Wangen und rußigem Gesicht hinzu, lauscht aufmerksam, dreht an einem kleinen Rädchen, und alles ist wieder in Ruhe und Ordnung wie zuvor. Wir vernehmen gutmütiges Brummen der Riesenventilatoren, der Lungen des Hauses, die von der Höhe des Daches frische Luft einsaugen und sie gereinigt in allen Räumen verteilen. – Mit einiger Angst blicken wir von ferne in die weiße Glut des großen Krematoriums, das allen Unrat und Abfall des Hauses aufnimmt und bald zu dürrer Asche verwandelt. Hie und da begegnen wir einem ruhigen, schmächtigen Maschinisten, der seine Ungetüme bewacht wie ein Kinderfräulein seine Pflegebefohlenen. Ingenieure und Elektriker machen sich an großen, marmornen Schaltbrettern zu schaffen, wo tausend kleine und große Hebel in kupfernen Klammern stecken. Hin und wieder ertönt ein leises Glockenzeichen, ein rotes oder grünes Signallicht erscheint wie eine gespensterhafte Warnung oder Botschaft. Der kleine Mann wird aufmerksam, er berührt seinen Hebel, ein bleicher Blitz zischt auf, und die Ruhe ist wieder hergestellt. Wir hören das schwere Keuchen der Pumpen, die ganze Reihen hydraulischer Fahrstühle durch die hohen Schäfte bis in die obersten Stockwerke drücken müssen. Einzelne Wassertropfen fallen von den langen Kolben wie Schweißtropfen an den Armen eines Riesen herab. Wir sehen die großen Eismaschinen und Kühlanlagen, riesige Behälter, von denen gewaltige Rohre ausgehen, sich durch den Boden und die Wände bohren und sich wie Adern durch das ganze Haus verteilen. Tausend andere kleine Motoren und Maschinen arbeiten rastlos Tag und Nacht, sich automatisch ernährend, sich automatisch regulierend. Jede dient einem besonderen Zwecke, und alle haben nur einen Zweck: des Dienstes der Menschheit. Ein Blick auf einen Zeiger des Manometers, auf ein Schaltbrett, auf eine Uhr genügt dem erfinderischen Menschen, sich von der Kraft und dem Willen seiner stählernen Sklaven zu vergewissern.
Weiter gehen wir und treten in die Wäschereien. Da zischt es, dampft es und kocht es in den Zylindern. Von gewaltigen Armen wird das weiße, feine Linnen erfaßt und durch den kochenden Seifenschaum gezogen. Große, heiße Walzen drehen sich unaufhörlich, trocknen und glätten die nasse, faltige Wäsche. Hunderte von weißen, mageren, eingeschrumpften Mädchenhänden schichten die gereinigten Linnen zu hohen, warmen Bergen auf, die erst vor einer Stunde noch zerknüllt, schmutzig, fettig und befleckt in die Wäsche kamen.
Ihr Boudoir, gnädige Frau, liegt fern von dem Lärm, dem Gewühl, dem Schweiß und dem üblen Geruche der Arbeit. Die Luft, die ihr Appartement füllt, wird in großen, hohen Kammern filtriert und nach Gesundheitsvorschriften sorgfältig temperiert, bevor es ihr gestattet ist, von den Lungen der Gäste eingeatmet zu werden. Das Wasser, welches Sie zum Trunk an die Lippen führen, gnädiges Fräulein, wird destilliert und ist reiner und gesunder als das in den silbernen Gebirgsbächen. Die Geschirre, von denen wir essen, alle Provisionen, die für unseren Genuß bestimmt sind, werden in staubsicheren Arbeitsräumen aufbewahrt. Das kühle, feine Linnen der Betten, die Tücher, deren Sie zur Toilette und an der Tafel bedürfen, die Decken, auf denen Sie ruhen, alle werden vor dem Gebrauche chemisch sterilisiert. Jedes Staubatom wird täglich aus dem seidenen Teppich gesogen, den Ihr Fuß betritt. Die komprimierte Luft holt jedes Körnchen Schmutz aus dem Plüsch des Diwans, der Ihren Körper tragen darf. Es ist bis ins Kleinste hinein für Ihre kostbare Gesundheit gesorgt: alles, was sie gefährdet, wird verfolgt und vernichtet. Ihr Zimmer ist stets behaglich. Sie heizen kein Feuer, dennoch ist der Raum beständig gleichmäßig temperiert. Es geschieht automatisch. Sie sind geschützt vor tückischer Feuersgefahr. Wenn Sie sich zur Ruhe begeben haben und es entsteht auf irgendeine Weise Feuer in Ihrem Zimmer, so wird die Feuerwehr schon an Ihre Türe klopfen, bevor Sie vielleicht aufwachen und die Gefahr sehen. Denn wenn die Temperatur in Ihrem Zimmer eine unnatürliche, unregelmäßige, verdächtige Höhe erreicht, so warnt der wachsame automatische Feuermelder den Wächter auf Ihrer Etage und die Feuerwehr im Maschinenraum, und die wohltrainierten Leute stürzen zu Ihrer Hilfe herbei.
Sie denken daher nicht an das Heer der hastenden, brüllenden Köche, nicht an die flinken, geduldigen Kellner, nicht an die mageren, rußigen Heizer und Maschinisten, nicht an die kleinen, bleichen, schweißtriefenden Wäscherinnen mit den geröteten Augen. Sie sitzen in Ihren gesunden, sicheren, luxuriösen Gemächern und genießen die schöne Aussicht. Ein Druck auf den Knopf genügt, um Ihnen alles herbeizuschaffen, was Menschen produzieren können, was Geld kaufen kann. Sie heben am Schreibtisch oder im Bette den Hörer an Ihr Ohr und sprechen mit Ihren Freunden, die tausend Meilen von Ihnen entfernt sind. Ein Wink dem Diener, und das warme Wasser im marmornen Bade nebenan duftet Ihnen entgegen. Ein gewandter, angenehmer junger Mann, der in allen Zungen redet, steht jeden Augenblick bereit, sich nach allen Ihren Wünschen zu erkundigen. Sorgfältig schreibt er sie auf, steckt den Befehl in eine Kapsel und sendet ihn durch die pneumatische Rohrpost blitzschnell in den betreffenden Teil des Hauses, wo Ihr Befehl ausgeführt werden soll. Ein elektrischer Zeitstempel, der unerbittlich die fliehende Zeit registriert, zeigt genau den Augenblick an, wann der Befehl gegeben und ausgeführt wurde. Und das Gewünschte wird mit elektrischen Aufzügen in kürzester Zeit an den Bestimmungsort befördert. Seine Briefe kann der Gast vom obersten Stockwerke aus bequem und rasch hinunter in den Postkasten gleiten lassen. Er braucht sich nicht persönlich hinunter zu bemühen oder die Dienste eines anderen in Anspruch zu nehmen. Mühsame Treppen braucht der Gast nicht zu steigen. Glänzende Fahrstühle an allen Enden des Hauses gleiten lautlos hinauf und hinab. Hoch oben über dem Dache des großen Hauses zittern schwere Drähte im Winde, die unsichtbare, magische Funken auffangen, von denen die Luft schwirrt. Und vom Telegraphenbureau im Hotel aus erfährt der König, der Diplomat, der Industriefürst, der Geschäftsmann, der Privatmann, die Dame im Boudoir wichtige Nachrichten, frohe oder traurige Botschaften, welche ihnen Menschen, die weit entfernt sind, mitzuteilen haben. Im Souterrain des großen Hotels ist der Bahnhof der Untergrundbahn, und auf dem höchsten Giebel ist die Luftschiffstation.
Wirklich, die Zeiten haben sich verändert! Sie sind anders geworden, seit der einsame Wanderer an die fremde Türe pochte, als er sah, daß das Gestirn des Tags sich neigte und die Nacht anbrach. Die Tage sind nicht mehr, wo der behäbige, lächelnde Albinus stolz an die Wand seines Häuschens schrieb: »Hospitium hic locatur ...«, wo er am herkulaner Tor mit einem »Salve amice!« das bestaubte Pferd des Fremdlings anhielt, dem Sklaven die Zügel zuwerfend. Die Zeiten sind nicht mehr, wo die weisen Männer mit Lorbeerkränzen in den grauen Locken ihre frohen Mähler gaben und mit den Mänaden und den bekränzten Knaben um das träumerische Marmorbild des Dionysos wirbelten.
This is the empire of business. Wir haben keinen Dionysos mehr. Er ist kalt gestellt im Museum. Wir haben keine Flötenspieler mehr. Wir haben Debussys und Sträuße. Wir haben keine hochgeschürzten, lachenden Knaben mehr, die uns den Wein reichen. Unser Ganymed, der Kellner, ist gewöhnlich keine bestrickende, inspirierende Erscheinung. Die Hotelbesitzer sind nicht mehr die runden, schmunzelnden Leutchen von ehedem. Es sind große Herren, diese Herren Aktionäre. Sie gehören zu den ersten Familien des Landes. Man sieht sie fast gar nicht. Und dann höchstens im Gehrock und weißer Weste. Wir haben keine Mänaden mehr. Wir haben Varietégrößen. Wir haben keine Sängerinnen mehr; wir haben Chansonetten.
Aber wir wollen den Wandel der Zeiten nicht beklagen. Unsere Zeit hat auch ihre Rechte und auch ihre Verdienste. Das moderne Gasthaus bietet seinem Gaste mehr als das von gestern. Sicherheit, Reinlichkeit, Hygiene, alle Bequemlichkeiten, Auskünfte jeder Art, gutes Essen und unter Umständen sogar weitgehenden Kredit. Schwere Stahlkammern nehmen den Schmuck und die Wertsachen des Gastes auf; er braucht nichts zu fürchten. Eine Schar Barbiere erwartet höflich den struppigen Fremdling, die liebliche Manikuristin pflegt seine vernachlässigten Hände, ein Spezialist im Stiefelputzen poliert die Stiefeletten ohne Zeitverlust.
Wenn Sie ins Theater gehen wollen, gnädiges Fräulein, wartet Ihnen der freundliche Haarkünstler auf. Der sinnige Blumenhändler bringt Ihnen seine schönste Spende – für einen Preis. Der Postbeamte befördert schnell und sicher Ihre wertvollsten und wichtigsten Briefe; der Telegraphenbeamte wartet, das schnelle Wort bis in die fernsten Winkel der Erde zu jagen. Der Makler, der Bankier und Geldwechsler hat seinen Stand aufgeschlagen und harrt der Befehle des Geldfürsten. Gegen einen Preis natürlich. Der Doktor, der Pharmaceut im Hotel hat seine Rezepte und Mittel gegen Nervosität, Migräne und Indigestion zur Hand – ebenfalls gegen einen Preis. Man macht großartige Geschäfte. Der Zahnarzt repariert die verdorbenen Zähne – gleichfalls nicht allein aus Mitleid mit den schönen Patientinnen. Die Miete ist hoch. Der Buchhändler hält die schönsten Romane und die neuesten Zeitungen feil, der Zigarrenhändler die besten, frischesten Havannas. Der Stenograph und Maschinenschreiber, der Dolmetsch und Fremdenführer – alle harren sie unter einem einzigen Dache auf den einen Mann, der aus der Fremde kommt. Alles steht dem müden Wanderer zur Verfügung, wenn er dieser Leute und Dinge bedarf. Er braucht sich nicht zu bemühen, nichts zu besorgen, keinen Schritt zu tun.
In den glänzenden Fest- und Konzertsälen des großen Hotels können wir den erlesensten Konzerten, den intimsten Theatervorstellungen, den gelehrtesten wissenschaftlichen Vorträgen beiwohnen, reiche Kunstausstellungen bewundern. Bälle, Empfänge, Festessen werden dort veranstaltet, die an Glanz mit denen des königlichen Hofes wetteifern. Orchideen und Rosen verbreiten ihre Düfte, Palmen und andere exotische Gewächse, tausend zarte Lichter verwandeln die Säle dann in ein Märchenland. – In warmen, sternenklaren Sommernächten ertönt liebliche Musik auf dem Dache des Riesenhauses. Was mögen die hängenden Gärten der alten bösen Zauberin im Morgenlande gegen einen solchen Dachgarten gewesen sein! Bunte Lampions schimmern zu Tausenden, blühende Bäume und Büsche flüstern, Gläser klingen, glückliche Menschen lachen. Rings umher aus der Ferne schauen Millionen Lichter der Großstadt wie flimmernde Augen eines dunklen Ungeheuers auf die Pracht, und von tief unten herauf schlägt das geschwächte Brausen des Straßenlärmes an die Zinnen des Riesengebäudes wie ein ohnmächtiges Zürnen gegen uns, die wir ihn fliehen und alles genießen, was Menschen bereiten können.
Das alles bietet uns das große Hotel. Und noch mehr. Es zeigt uns auch jene, gesunden Menschen so heilsamen, amüsanten Fälle von modernen Delirien, die einer unersättlichen Sucht nach sensationellen Neuheiten und nach gesellschaftlichem Despotismus entsprungen, nur noch durch die extremsten Mittel gekitzelt und aufgestachelt sein wollen und so Mißgeburten der menschlichen Phantasie erzeugen. Exzentrische Damen, die sehr viel Geld und sehr wenig Geschmack besitzen, Leute, die nicht wissen, was sie mit ihren Geldmitteln anfangen sollen, überbieten sich einander in stupidester Protzenhaftigkeit und Geschmacklosigkeiten.
So können wir alles haben – gegen einen Preis. Alles. Selbst eine Imitation der dionysischen Freude. Mit einigem guten Willen kann der Fremde in Berlin schon für zweihundert Mark, in Paris für fünfhundert Franken, in London für zehn Pfund Sterling und in New York für fünfzig Dollars und aufwärts schon ganz leidlich »dionysieren« – vorausgesetzt, er hat die Mittel. This is the Empire of Business. – Ja, die Zeiten sind anders geworden. Wir beklagen sie nicht. Viele Menschen haben es vor uns getan. Mit Unrecht. Doch ich frage mich ganz leise, ob an dem grauenvollen Tage, der über die lebensfrohe Stadt hereinbrach, die schöne, reiche Mutter den Untergang der antiken Freude ahnte, da sie plötzlich mit Staunen und Schrecken die graue, blitzende Wolke über dem Haupte des Vesuvs schweben sah und ängstlich dem Sohne zuflüsterte:
»Weh, Plinius, mein Sohn, sieh! Die Sonne verfinstert sich!«
Doch nun steht vor unseren Blicken das große, moderne Riesenhotel, – eine kleine konzentrierte Stadt, – ein herrliches Dokument unserer Zeit, wie es Pompeji das der antiken ist. Entstanden aus dem geräuschvollen Chaos der Zeiten, gewachsen und fortgeschritten mit den menschlichen Erfindungen, ist es uns modernen Menschen eine Selbstverständlichkeit geworden, so daß wir, wie wir bereits sahen, ihm bisher wenig oder gar keine eingehende Beachtung geschenkt haben. Allen, die damit in Berührung kommen, teilt sich dieselbe Farbe modernen Menschentums mit, welche allen anderen Geschäften und menschlichen Tätigkeiten mehr oder weniger fehlt, ja oft direkt versagt wird.
In diesem menschlichen Gehalt, Herr Doktor, in diesem Reichtum von menschlichen Interessen, den die Industrie des Wirtes birgt, schlummert tief auf dem Grunde ein Geheimnis, das uns den Schlüssel vorenthält zum Rätsel unserer Sphinx, zu den Pforten jener Märchenreiche, wo statt unserer heutigen sozialen Mißwirtschaften und Elend eitel Glück und Sonnenschein walten soll, wo ein junges, frohes Volk, unbekümmert um die Sorgen des Alltags, frei von der gemeinsten aller Qualen, die sich die modernen Menschen noch immer auferlegen, der starken, frohen Arbeit seines Tages nachgeht. Wo ist das Märchenland? wo die Millionen von intelligenten Termiten, die eifrig in den riesigen Bauten umherwimmeln, frei, ohne Despotismus, jedes Geschöpf sich seiner Mission bewußt, für sich selber verantwortlich, an sich arbeitend, um so für das Gemeinwohl zu wirken? Sollte der Bau menschlicher Ameisen, genannt »Hotel«, dessen Entwicklung wir nun gesehen haben, vielleicht der Vorläufer zu neuen sozialen Grundlagen und Ordnungen sein, die eben erst in der Knospe »Hotel« das Licht der Welt erblickt haben? – Jahrtausende mögen darüber vergehen, wie Jahrtausende verflossen, wo der Wanderer an fremder Türe Einlaß und Schutz begehrte, bis zur Zeit, wo er dem schnaufenden Auto entsteigt und über Marmorstufen in das Riesenhotel eintritt, wo er Herr ist, wo er gebietet – für einen Preis.
Eingeengt von den Stübchen unserer kleinen Vaterhäuser, belastet von den niedrigen Dächern, verwöhnt und verhätschelt von der liebenden Sorgfalt der keuchenden Mutter, die wir uns nur zwischen fettigen Geschirren und schwarzen Pfannen am glühenden Herde als unsere Mutter denken können, schrecken wir Menschen des Fortschritts vor dem Gedanken noch entsetzt zurück, in den riesigen Häusern der Zukunft geboren zu werden, dort leben und sterben zu müssen. Fremd und neu ist uns noch das Surren der Maschinen, halb zögernd, halb mißtrauisch und verwundert betrachten wir noch das elektrisch gebratene Beefsteak, mit halbverschlossenen, vorsichtigen Nasen beschnüffeln wir noch die Konserven, von deren Ursprung wir nichts wissen. Wir glauben noch nicht an die Wirkung des Diners in der Nußschale, an die Ration im Fingerhut. Aber unsere Tage schreiten schon schneller. Darum haben sie auch doppelten Wert. Wir können es uns nicht erlauben, sie durch Engherzigkeit zu vergeuden. Wir bedürfen der Konzentration, der Extrakte, der Essenzen in Zeit, Wohnung, Lebensweise, in geistiger und körperlicher Nahrung. Man ist schon auf dem Wege. – –
Unter uns, Herr Professor, Sie als Soziologe werden mich verstehen. Daß aber um Gottes willen Ihre Frau Gemahlin nichts davon erfährt: Apropos der Tatsache, daß die Frauen so entsetzlich hilflos und deplaziert in der Küche sind, möchte ich vorschlagen, daß man dem weiblichen Geschlecht den ungeliebten und unverstandenen Beruf der Köchin und Haushälterin so bald wie möglich abnehmen sollte. Wie meinen Sie? – Ha, ha, ganz richtig! – Die Frauen sollten dann zum Zeitvertreib die Regierungsgeschäfte besorgen. Derartige Kleinigkeiten sagen dem weiblichen Gemüte viel besser zu. Und auf die Diplomatie verstehen sich die Weiber ohnehin bedeutend besser als wir ehrlichen, maskulinischen Naturen. Herrschsucht und Firlefanz ist ihr Element. Warum haben denn die Bienen und Ameisen »Königinnen«? – Aber rationelle, wissenschaftliche Ernährung des Körpers, Kochen und Kindererziehung sind wichtige menschliche Funktionen, die den Händen von vernünftig denkenden, künstlerisch fühlenden Männern anvertraut sein müssen, von Männern, die sich nicht als gubernatoriale Possenreißer und Hanswurste produzieren sollten. Dann würde vieles anders werden in der Welt. – Wie? – Ja, leider, leider! Ich weiß es wohl. Es wird noch lange dauern. Wir erleben den Tag nicht mehr. Und – um uns nicht lächerlich zu machen! – es bleibt einstweilen noch unser strengstes Geheimnis!