Ist es nicht unheimlich, so durchschaut zu werden? – Doch wir, wir guten Menschen haben nichts zu fürchten. Immerhin aber ist es ein erhebendes Gefühl, zu wissen, daß unsere Zeitgenossen eine förmliche Jagd auf uns machen. Daß unsere friedlichen, ahnungslosen Gemüter immerwährend belauert sind. – Sie können nicht verstehen, wie und warum die Leute eine solche infame Wissenschaft betreiben, wer sie dazu nötigt? – Ei, wir selber, wir, die Gäste. – In keinem Geschäfte, an keinem Orte, zu keiner Gelegenheit lassen die Menschen ihre Charaktere, ihre Gutmütigkeit, ihre Verhältnisse, ihre Laster, ihren Hochmut, ihre Dummheit, ihre Stupidität, ihre niederste Gemeinheit, ja alle ihre geheimsten Gedanken, ihr tiefstes Innere so zutage treten, wie an der Tafel – wie beim Wein. Die Alten hingen nicht umsonst bei einem Gastmahl die Rosen über ihre Häupter. – Ich sagte Ihnen bereits, daß der Genießende im Akte des Genusses eine Art von selbstsüchtiger Bestie ist, für die keine Umgebung mehr existiert. Er vergißt alles rings um sich her, sieht, fühlt und genießt nur sich allein. – Wenn die Menschen noch den Mut besäßen, sich ihre Schwächen aus freien Stücken gegenseitig anzuvertrauen. Dann wäre das Verhältnis zueinander noch ein relativ würdiges und zu entschuldigendes. – Aber sie sind nicht vertrauend! Im Gegenteil! – Und wenn sie sich preisgeben, wenn sie sich bloßlegen, so ist das eine unverantwortliche, tierische, erniedrigende Faulheit der Seele. Das ist alles. Es ist eine beleidigende, unverzeihliche Voraussetzung ihrerseits, gleichartige Wesen vor sich zu haben, eine unbewußte Nivellierung anderer Gemüter herab zur eigenen Niedrigkeit. Der Ausbund aller brutalen Roheit ist natürlich dasjenige Individuum, welches die sklavenhafte Stellung anderer wissentlich benutzt, um absolute Unterwerfung unter seine eigenen Gewohnheiten zu fordern. Von diesen Minotauren will ich gar nicht reden.
Jawohl, gnädige Frau! Mit einer rührenden Unvorsichtigkeit – nein, ekelhaften Selbstverständlichkeit geben sich die Menschen preis. Mit einer rücksichtslosen Frechheit erwarten wir von einem wildfremden Menschen, daß er uns bedient, daß er unsere Eigenheiten kennt, daß er sich unseren Fehlern und Bequemlichkeiten anschließen, ihnen schmeicheln und sich damit zufrieden geben soll. Wir sehen in ihm nicht den durch Reibung mit allerhand Menschen geschliffenen Weltmann, den feinfühlenden Lebenskünstler; wir erwarten nur gute Bedienung von ihm. Nichts mehr und nichts weniger. Vollkommen gerecht! – Nach juristischen Begriffen, wohlverstanden. Indessen, wir werden – wie gesagt – bestraft. Wir können nicht verhindern, daß der kluge, ruhige Mensch unsere Ahnungslosigkeit durchschaut, und wir fallen dadurch, daß wir uns ihm so rücksichtslos preisgeben, ganz unter seine Gewalt. Er ist zwar unser Kellner, wir aber sind seine Unterworfenen.
Die wirkliche Gefahr lauert immer da am ersten, wo wir sie am wenigsten vermuten. Denn sonst wäre sie eine schlechte Gefahr. Nur in ganz lichten Momenten warnt uns ein von Widerspruch gedämpfter Aufschrei aus der untersten Tiefe der Seele, treibt beschämend das Blut in die Wangen, und wir ahnen dumpf, daß etwas nicht ganz richtig ist. Gewöhnlich aber schwimmen wir sorglos, fröhlich und munter im dunklen Meer unseres Unbewußtseins umher. Es ist doch eigentlich geradezu jämmerlich, von einem wildfremden Menschen, hinter dem wir gar nichts vermuten, schmählich durchschaut zu werden. Wenn wir wüßten, was die Leute, die uns bedienen, unwillkürlich von uns denken – und mit Recht von uns denken – so würde jeder Appetit vergehen, so hätten wir keine freudige Stunde mehr. Lakaien und Diener sind gewöhnlich verkappte, harmlose Anarchisten, wenn sie nicht gerade ihren Beruf verfehlt haben, d. h. wenn sie nicht wissen, daß sie solche sind. Jeder »treue Diener« hat als Mensch seinen Beruf gänzlich verfehlt. Er kann nichts als ein Idiot sein. Es gibt daher keine »treuen« Diener. Das Gebiet ist unerforschlich tief. Wir müssen unser Bestes daraus machen. – Unsere Ahnungslosigkeit ist einesteils unser Glück. Wie könnten wir noch fröhlich unser gutes Diner genießen, wenn wir wüßten, was hinter unserm Rücken vorgeht! –
Wenn zwei astronomische Welten zusammenkommen, so gibt es ein Unglück. Wenn zwei wirkliche Menschen zusammenkommen, gleichfalls. Wir sind als Geschöpfe so entsetzlich isoliert, daß eigentlich jeder Versuch zur innerlichen Annäherung an einen anderen Menschen aus einer grenzenlosen, weichtierartigen Naivität zu stammen scheint. Nur hie und da – in den gottvollen lichten Momentchen – vernehmen wir etwas von uns selber und somit zugleich das herzzerreißende Schluchzen einer anderen, fremden, ebenso einsamen Welt, und beide stehen wir da, sehnsüchtig, hilflos, ohnmächtig, uns selber überlassen. Doch – wie gesagt – das sind Gott sei Dank nur Momente. Und sehr seltene obendrein. Aber aus diesem und keinem anderen Grunde müssen wir unsere Mitmenschen achten und ihre Existenz anerkennen.
Guglielmo Ferrero sagt an einer Stelle ganz großartig:
»Es ist kein Zufall oder die unerklärliche Kaprice einiger alter Schriftsteller, daß wir so viele kleine Angaben über die Entwicklung des Luxus und die Veränderung der Lebensweise im alten Rom besitzen, daß zum Beispiel zwischen den Beschreibungen der großen Kriege, der diplomatischen Errungenschaften, der politischen und ökonomischen Katastrophen uns das Datum angegeben wird, wann die Kunst des Geflügelmästens in Italien eingeführt wurde. Diese kleinen Tatsachen sind der Majestät der römischen Geschichte nicht so unwürdig, wie man anfangs annehmen möchte. Alles ist in dem großen Dasein einer Nation vereinigt, nichts ist ohne Wichtigkeit. Die kleinste, persönlichste Handlung tief verborgen in der Abgeschlossenheit des Heims, die niemand sieht, niemand kennt, hat einen unmittelbaren oder fernliegenden Einfluß auf das alltägliche Leben der Nation. Diese kleinen, bedeutungslosen Geschehnisse sind mit den Kriegen, den Revolutionen, den gewaltigen politischen und sozialen Ereignissen, über die die Menschen erstaunen, durch ein Band verbunden, welches zwar den meisten Leuten unsichtbar, aber nichtsdestoweniger unzerreißbar ist. – – Wie klarer und tiefer würden die Ursachen so vieler anscheinend mysteriöser Ereignisse in der Geschichte erkannt werden, von wie vielen Perioden würde man den Geist der Zeit besser verstehen, wenn wir nur Aufzeichnungen über die Privatverhältnisse der Familien besäßen, welche die regierenden Klassen bilden! Jede Tat, die wir in der Stille unseres Heims begehen, hat eine Rückwirkung auf unsere Umgebung. Mit jeder unserer Handlungen nehmen wir eine Verantwortlichkeit gegen die Nation und Nachkommenschaft auf, welche sich früher oder später in Ereignissen bestätigt.«
Demnach sollten die Wirte sich ein unsterbliches Verdienst um die Geschichte erwerben, indem sie akurate, gewissenhafte und schonungslose Tagebücher von all dem führen, was sie sehen. Aber das ist nicht nötig. Wenn sie nur beherzigen, was sie sehen, so haben sie ihre Pflicht der Menschheit gegenüber vollauf getan. Denn sie und vor allem ihre Gehilfen, die Kellner, haben die großartigsten Gelegenheiten, die Menschen und ihre intimsten Handlungen aus nächster Nähe zu betrachten. Kein Geschäft, kein Beruf, kein Gewerbe ist so vorzüglich zu solchen Studien geeignet, als wie die Gastwirtsindustrie. Und daß die Menschen selber gegen derartige Studien nichts einzuwenden haben, erwähnte ich bereits. Die große Verachtung, die sie vor dem Wirt im allgemeinen und dem Kellner im besonderen haben, wird ihnen – wie ich bewies – selber zum Verderben. Man soll daher keinen Menschen für zu gering und zu dumm halten, als daß man sich ihm rückhaltslos preisgeben könnte.
Sie fragen nun, warum diese unbarmherzigen Menschen fast alle »Dienerseelen« seien oder Ignoranz und Unterwürfigkeit heuchelten? – Wenn das der Fall wäre, so müßte der mildtätige Bonifaz und seine freundliche Familie das verächtlichste Geschlecht auf Erden sein. Aber dem ist nicht so. Sie sind auch nur Menschen wie wir. Die außerordentlichen Schwierigkeiten des Services, die Ansprüche, die wir stellen, die Geräuschlosigkeit, mit der alles hergehen soll, die Vorsicht, mit der man zu Werke gehen muß, das alles wirkt sehr auf das Wesen ein, das alles macht ihn schüchtern, zurückhaltend, das alles gibt seiner Person den Anschein eines Zauderers, verwandelt ihn in den Mann der Unentschlossenheit, ein Bild, das jeder verachten muß, der es nicht kennt. Alle diese vielen kleinen äußeren Umstände machen den Menschen zu einem feinfühligen Wesen. Nicht nur als solches fürchtet der Kellner einen Fauxpas oder eine Blamage über alles, sondern ein kleines Unglück kann ihm auch oft seine Stelle kosten. Es ist wunderbar, zu beobachten, wie die Wirte oft die Existenz eines Angestellten opfern, um eine kleine, gemeine Laune eines Gastes zu befriedigen. Sollten Sie nicht ängstlich werden, wenn Ihr Dasein durch jede kleine Kleinigkeit gefährdet ist? Wer wird wohl den kürzeren ziehen bei einem jämmerlichen, lächerlichen Disput zwischen Gast und Kellner? Die meisten Kellner und Wirte haben noch nicht gelernt, den Forderungen ihrer Kundschaft entgegenzukommen und entgegenzutreten. Daher ist es Tatsache, daß eine Dienerseele als Kellner ziemlich erfolgreich sein kann, während ein halbwegs selbstbewußter junger Mann die größten Qualen auszustehen hat. Eine Dienerseele schnüffelt sich auf ganz bewundernswerte Weise instinktiv seine verwandten Kreaturen aus der großen Menge heraus. Sie wittern ein schleimiges Verhältnis und sind zu haben. Sie sagen mit Freuden ja. Wir sollen von unserem Kellner keine Dienerei verlangen. Wir erniedrigen uns dadurch selber. Ein wirklicher Mensch duldet keine Herrschaft, keine Autorität über sich und keine Dienerei unter sich. – Hier wird die Lebenskunst unseres jungen Mannes besonders erprobt. Und wenn der selbstbewußte Kellner – wie es sich für jeden Menschen schickt – sein Rößlein ein wenig im Zaum hält und den Stolz nicht mit der Vernunft durchgehen läßt, so übertrifft er an geschäftlichen Leistungen, an Tüchtigkeit und Erfolg jede Dienerseele bei weitem.
Das meiste Unglück auf der Welt wird bekanntlich durch die Tatsache angerichtet, daß jeder Mensch seiner eigenen Person viel zu viel Wichtigkeit zuschreibt, wie bescheiden er selbst sein mag. Bescheidenheit ist nichts als eine vornehme Art von Wichtigtuerei. Mit etwas Selbstverachtung aber und Hochachtung vor anderen kommt man erstaunlich weit. – Das weiß der gute Kellner besser wie wir alle.
Ja, meine Freunde, Sie glauben nicht, wie mitleidig und feinfühlig ein guter Kellner ist. Auf den ersten Bück merkt er, wie Sie aufgelegt sind, und empfiehlt Ihnen je nach Ihrer Gemütserregung die nötigen Speisen, den erforderlichen Trost in Form eines Getränkes. Er besitzt das Auge eines Arztes. Ja, noch mehr tut er. Er nimmt Anteil an Ihrem Leide, an Ihrer Freude, ohne daß dieses Mitgefühl direkt auf seine Trinkgeldabsichten zurückzuführen ist. Es ist der gute Geist der alten Gastfreundschaft, der in den Leuten weiterlebt. Es ist des Kellners Natur, sich dem Gaste anzupassen, wie sich der Dichter dem Volke anpassen muß, wenn er zu ihm sprechen will. – Einem Börsenmakler sieht der freundliche, lächelnde Ganymed die Haussen und Baissen an der Nase ab. Nach einigem Zögern versucht er dann vorsichtig darauf anzuspielen und nötigenfalls zu gratulieren oder seinen Schmerz auszudrücken. Ein Kellner vermag den größten Mutzkopf und Brummbär zu trösten, wenn dieser nicht gerade ein unheilbarer Hypochonder ist, in dem das letzte Fünkchen Liebe für die schöne Erde und für Humor erloschen ist. Als Belohnung für eine solche Wohltat gibt der Börsianer häufig seinem liebenswürdigen Ganymed einen »Tip«, einen guten Rat in bezug auf die Börsengeheimnisse, woraufhin der Kellner nicht selten mit einer kleinen Einlage gut abschneidet.
Dem Kellner ist es ein wahres Vergnügen, einem freundlichen, wohlgesinnten Gaste aufzuwarten, und wer als solcher eine Unterhaltung wünscht oder sucht, wird im Kellner einen interessanten Causeur finden, wenn es die Zeit gestattet. Ein guter Kellner wird nie die Unterhaltung aus eigener Initiative suchen. Sein Taktgefühl und die einfachsten Regeln der Höflichkeit sagen ihm auch genau, wie weit eine Konversation gehen kann. Höflichkeit ist gerade das Gegenteil von Dienerei. Wer einem unbekannten Menschen höflich begegnet, hat demselben gegenüber immer etwas voraus. Schmierige Vertraulichkeit mit unbekannten oder wenig bekannten Menschen ist ungefähr das Widerlichste, was sich ein feinfühliger Mensch denken kann, und sie entstammt nur einer tierischen Borniertheit. Wer solchen Passionen nachhängt, muß oft sehr erniedrigende Erfahrungen machen. – Das alles sieht und weiß der Kellner besser wie wir alle, denn er lernt es unter dem großen Gewühl der Menschen.
In einzelnen Fällen wächst das Verhältnis zwischen Gast und Kellner auch zu einer schönen Familiarität und Freundschaft heran. Reiche, vornehme Leute, vielleicht alt und kinderlos, gewinnen oft ein wirkliches Vertrauen zu einem jungen, frischen Menschen, besonders wenn sich dieser in freier, schöner Weise ihrer annimmt und im Interesse des Hauses und seinem eigenen den Aufenthalt der Gäste genußreich zu gestalten versucht. Mag das Leben und die Lage der Gäste noch so beneidenswert aussehen, es hat immer seine großen und kleinen Häkchen, die das Dasein versauern. Und gerade solche Leute empfinden etwas ihnen Zugefügtes, das sie, streng genommen, nicht fordern können und worauf sie keinen Anspruch haben, als eine angenehme Überraschung und wissen es zu würdigen. Warum sollte unter solchen Umständen nicht ein wirklich kordiales Verhältnis zwischen Hoch und Gering aufkeimen können?
Aber unser modernes Leben, unsere geschäftlichen Ansichten ersticken doch in den meisten Fällen jede schönere Regung in den Herzen der Menschen. Und das größte Merkmal im Verkehr der Menschen untereinander ist nicht das Wohlwollen, die Güte und die Liebe, es ist auch nicht die Gemeinheit, die Sklaverei, der Haß oder die Sucht, sich gegenseitig zu schädigen, nein, es ist nur eines: die Gleichgültigkeit, die Indifferenz. Sie ist wirklich aus dem Trubel unseres modernen Erwerbslebens geboren und ist die niederste Stufe aller menschlichen Herzensregungen. Jeder wurschtelt für sich selber und bekümmert sich nicht um den anderen. Einer solch niederen Gesinnungsart sind nicht einmal die wildesten Völker der Erde fähig. Der Fremde, der zu ihnen kommt, wird entweder als Gast in den Hütten aufgenommen, mit allen Mitteln wie ein Heiliger geschützt und gepflegt, oder er wird totgeschlagen und aufgefressen. Beides sind Zeichen der Hochachtung. Ein Barbar wird niemals gleichgültig an einem anderen vorübergehen.
Ein Mann, der so zwischen den Feuern steht wie unser junger Freund, muß eine himmlische Geduld und Nachsicht mit den Schwächen und Fehlern der Menschheit haben. Der Gemeinheit gegenüber verhält er sich am besten ruhig, vornehm, ablehnend und schweigend. In den meisten Fällen wird er damit seinen rüpelhaften Gegner entwaffnen und zu Tode schweigen. Er muß bedenken, daß er Grobheit und Gemeinheit niemals besser als mit unendlicher schweigsamer Verachtung strafen kann. Er schont damit seine wertvolle Gesundheit und steht im Verhältnis zu seinem Angreifer wie der Mond zum Hunde, der ihn anheult. Und da die Gemeinheit der Menschen mit dem Geschäfte des Kellners verbunden ist wie der Geruch mit der Leimsiederei, so können Sie sich, meine Freunde, leicht vorstellen, was für ein vornehmer Mensch unser Kellner ist.
Ich erkläre mich aber wirklich nicht damit einverstanden, daß der Kellner geschäftlich ein vornehmer, schüchterner Märtyrer menschlicher Gemeinheit sei. Er sollte auftreten, wie es unser Inneres verlangt. Er sollte nicht jede Gemeinheit, jede Beleidigung, jede Frechheit dankend einstecken. Nein, bewahre! Er sollte sich wehren, als Mensch, als moderner Mensch wehren. Wir haben kein Verständnis für Heilige. Wir lachen darüber. Demgemäß sollte auch der Kellner auftreten. Das würde seiner Gesundheit sehr förderlich sein, deren er dringend für seine langen Arbeitsstunden bedarf. Bei unvermeidlichen Konflikten sollte sich der Kellner sein Gegenüber ansehen und keine Rücksicht auf gemanikürte Hände oder Monokel nehmen. Er sollte es abschätzen. Hält er es für genügend zurechnungsfähig, daß eine derbe Lektion nicht ganz wirkungs- und spurlos an dem leeren Gehirn vorüberstreift, so soll er die notwendige Lektion gründlich erteilen. Wenige, aber kräftige Worte und nur Wahrheit, das genügt schon. Bei einem derartigen Renkontre sollte jeder Prinzipal, der nur ein klein wenig auf sich, sein Haus und seine Leute hält, den Angestellten unterstützen. Er wird dabei die Meinung eines jeden rechtlich denkenden Mannes auf seiner Seite haben. Wird dem Angestellten Unterstützung verweigert, so ist es Pflicht seiner Kollegen, solidarisch aufzutreten. Universelle Organisation und tatkräftiger Rechtsbeistand kämen dann sehr zur Geltung. Dies bezieht sich natürlich auf Fälle, wo die Person oder die Ehre des Kellners beleidigt wird. Bei gewöhnlichen geschäftlichen Differenzen zwischen Gast und Kellner entledigt sich der letztere der Sache am einfachsten, indem er sie dem Vorgesetzten übergibt und nicht eigenmächtig handelt.
Man sollte daher sagen, meine Freunde, daß, wenn ein Kellner oder irgendein anderer Mensch irgendeines Berufes ein Menschenkenner, ein tüchtiger Fachmann, ein bescheidener, höflicher Mann der Welt, ein angenehmer Gesellschafter ist, und wenn er das Gefühl der Pflicht, der Verantwortlichkeit und Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft in seiner Brust trägt, so würde er sich damit selbst die Hochachtung der gemeinsten seiner Mitmenschen erzwingen. Aber unserm Kellner wird dies schwer, sehr, sehr schwer gemacht. – Und so sehen Sie ein, daß ein Mann in einer derartigen Stellung einer wirklich großen Philosophie bedarf, um stark zu bleiben, sich aufrecht zu erhalten und nicht unterzugehen. Wem aber ist die Philosophie gegeben? – In jedem neuen Menschen, der uns entgegentritt, begegnen wir einer neuen kleinen Welt, auf welche unsere vorherigen Erfahrungen nur wenig, oft gar keine Anwendung findet. Zur Erkenntnis solcher Wahrheiten, die uns über alles Unheil der Erde hinwegzutragen vermögen, gehört ein gutes, geübtes Auge, das frei von den Kleinlichkeiten der Umgebung weit hinausschaut. Dieses Auge besitzen nur wenige. Indessen die meisten werden von der Notwendigkeit hinweggeschwemmt und lassen sich tragen. Doch das Leben versagt ihnen nie seine Hilfe ganz. So werden sie vorsichtig, feinfühlig, gewitzigt, forschen, strecken die Fühler aus ins Dunkle und sind auf der Hut. Die Verirrungen und Verwirrungen unserer Zivilisation verlangen dies. Sie bilden uns zu Diplomaten und Politikern heran. Diplomaten sind Leute, die in den schwierigsten Stellungen des Geistes und des Körpers Dinge verrichten können, die jeder aufrecht stehende Mensch in natürlicher Lage ebensogut und noch besser ausführen kann. Das Menschengeschlecht hat wirklich noch nicht die Kunststückchen seiner Vorfahren in den Lianen des Urwaldes verlernt. Ja, es scheint, daß, je mehr die Zivilisation fortschreitet, um so mehr wir deren wieder bedürfen, d. h. daß wir zurückschreiten. Der beste Beweis dafür ist die Entwicklung des modernen Kellners. Ist es nicht geradezu bewundernswürdig, wie er sich durch die Schlinggewächse unserer Zivilisation hindurchschlängelt? Als pure Naturerscheinung genommen, für den Forscher freilich hat es wenig Reiz, weil verständlich. Wie alles andere, wenn man mit den Gesetzen der Entwicklung vertraut ist.
Es ist bemerkenswert, daß der Kellner – ein sehr moderner Arbeiter – trotz seiner Stellung zum Kapitalismus eher zum ganz achtbaren Philosophen und sozialen Trapezkünstler als zum Sozialdemokraten heranwächst. Bedenkt er, daß die glücklichen, fremden Menschen, denen er so nahe tritt, an seinem Unglück nicht direkt schuld sind? Läßt er es ihnen aus diesem Grunde nicht fühlen? Nimmt er darum keine drohende Haltung an? Welch formidablen Feind hätte die Gesellschaft nicht in ihm?! – Doch sein Wesen ist stets – ohne gefährliche Hintergedanken – gleich freundlich. Seine Züge versteinern sich so allmählich zu einem stereotypen Lächeln, einem traurigen Gemisch von Entsagung, geschickter Verstellungskunst, verhohlenem Leid und obligatorischer Heuchelei – ein Ausdruck, von der Zeit ins Antlitz des Großstadtmenschen gegraben, der ihm mit in den Tod folgt. –
Apropos, Herr Doktor, ich glaube auch nicht, daß der Kellner ein großer Theaterschwärmer ist. – Wieso? Nun, nach all dem, was er tagtäglich und nachtnächtlich zu sehen bekommt und anhören muß, dürften die Handlungen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, meistens doch recht fade und verlogen erscheinen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Kellner, ich nehme meinen Kaffee im Palmengarten. – Nein, nur für mich allein; meine Gäste haben sich empfohlen. – Wer ist dort? Ein Herr, der mich eben begrüßen will! – Seine Karte! Zeigen Sie her. Wohnt der Herr auch im Hotel? Ah, heute angekommen. – Natürlich! Sagen Sie ihm, ich sei mit dem größten Vergnügen bereit. –
»Marcus Tottenham Wootslebury, 15 Regent Street.« – Mein Schneider aus London! Was mag er im Schilde führen! Ich bin ihm doch nichts mehr schuldig! –
Ah! How do you do, Mr. Wootslebury?! – So, Sie haben mich im Speisesaal gesehen und bis zum Schluß des Diners gewartet, um mir guten Tag zu sagen? Das ist aber liebenswürdig von Ihnen! – Stören? Bewahre! Meine Gäste hatten's eilig. Sie wollten noch ins Theater. Ganz unzeremonielles Abendessen, wissen Sie. – Nehmen Sie auch Kaffee? Wie, keine Fine Champagne? – Aber doch eine Perfecto? – Ja, danke, mit der letzten Garderobe bin ich sehr zufrieden. Alles sitzt wunderbar. – Und was gibt's sonst Neues zu sehen auf Regent Street und Bond Street? – So, einige revolutionäre Abänderungen am Morning Coat! – Das ist ja ungeheuer wichtig! Ja, ja, aber sagen Sie mir! Ist denn das wirklich wahr? Seit vorvorgestern trägt man die Falten der Beinkleider an der Seite! Ich konnte es nicht für möglich halten, als ich das Kabeltelegramm erhielt! – Hier ist es noch nicht eingeführt. Die Leute sind hinter der Zeit zurück. – Welch ein Glück, daß ich Sie treffe, mein lieber Mr. Wootslebury! Da muß ich doch gleich meinen Valet instruieren. – Hm, ja, herrlicher Abend heute. – Schönes Wetter überhaupt die ganze Zeit. –
Müde? Ja, ich bin etwas müde. Ich habe einen anstrengenden Tag gehabt. Schon um elf Uhr früh aufgestanden, Bad genommen, anziehen lassen, Lunch im Klub, zur Rezeption bei der Mrs. Van der Gold Augustus Crackerjack anziehen lassen, zum Polo anziehen lassen und zum Diner anziehen lassen. – Nein, für heute ist's genug! – Ich habe alles abgesagt. –
Und sagen Sie mal, lieber Mr. Wootslebury, finden Sie nicht auch, daß diese Kellner hier eigentlich verdammt schick in Kluft sind! – Ja, ich verstehe wohl, was Sie meinen. Aber das will ich Ihnen erklären. Wenn diese Kerle genau so aussehen würden wie unsereins, wo sollte denn das hinaus!? Darum müssen sich die Leute schon etwas einschränken. Das sind geschäftliche Vorschriften. Aber das Exterieur ist für den Kellner genau so wichtig wie für uns. Denn es gilt als eine von der Menschheit seit urdenklichen Zeiten festgesetzte Regel, seinen äußerlichen Menschen in möglichst gutem Licht zu zeigen. Man mag darüber denken wie man will, es bleibt Tatsache, daß derjenige, der aus Weltverachtung, Exzentrizität, Nachlässigkeit oder Dummheit gegen diese erste Regel der Gesellschaft verstößt, allerhand unangenehme Folgen zu tragen hat. Ja, die Regel vom schönen Außenmenschen gilt vor allem auch für die Kellner. Die Leute, die gut essen und trinken und hohe Preise dafür bezahlen können, wollen sich nicht durch allerhand Jammergestalten den Appetit verderben lassen. Und sie haben recht! – Warum sollten sie! – Nicht wahr, das finden Sie auch. – Denken Sie sich, ich hörte einmal einen Gast am Tisch nebenan sich über das Aussehen des Kellners beschweren. Er ließ den Oberkellner rufen und sagte ihm in Gegenwart des Kellners:
»Geben Sie mir einen anderen Kellner. Ich kann das Gesicht des Menschen nicht leiden!«
Und er bekam einen anderen. – Der erste entfernte sich schweigend. – Das nenne ich Geschmack und Energie! – Die Wirte und ihre Angestellten müssen sich das täglich bieten lassen, bis sie gelernt haben, wie ein Mensch ausschauen soll. Ein gutes Diner, wie jeder andere Sinnengenuß, ist eine Befriedigung, eine Betäubung eines gewissen Bedürfnisses, eine Art Illusion, ein schönes Selbstbelügen, eine angenehme Narkose, ein süßer Traum, wobei – ihn möglichst vollkommen zu gestalten – alle äußeren Umstände mitwirken müssen. Das luxuriöse Milieu eines modernen Speisesaals, die kostbare Ausstattung, Gobelins, orientalische Teppiche, Blumen, Palmen, Marmor, Musik, Lichter, anständige, feine Kellner, das alles muß dazu beitragen.
Man braucht aber doch wirklich gar kein sensitiver Sinnenmensch zu sein, um sich von dem zweifelhaften Äußern eines in unsere Nähe kommenden Menschen abgestoßen zu fühlen. Ja, nicht wahr! Jedes irgendwie verdächtig aussehende Individuum erweckt eine gewisse Unruhe und Unbehaglichkeit in der Brust seiner Mitmenschen. Dies unangenehme Gefühl kann je nach dem Grade der Empfindlichkeit einerseits und den Umständen und nach der Beschaffenheit des Äußern andererseits bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden. Einen solchen Fall hatte ich zweifellos vor mir. Der betreffende Gast konnte sich nicht einmal mit dem Gesichte seines Kellners abfinden. Gegen seine Kleidung hätte kein Mensch etwas anhaben können, denn ich verkehre in keinen Häusern, wo etwas Derartiges stattfinden könnte. Sie sehen, für den Gast war das Aussehen des Mannes nur eine Augenblicksfrage, für den Kellner eine Lebensfrage. Aber in einem Speisesaal gehört ein derartig gespanntes Verhältnis zwischen zwei Menschen in verschiedenen Lebensstellungen tatsächlich nicht zu den Freuden des Daseins. Daher wurde der Kellner entlassen. Denn gerade hier, wenn das Verhältnis nicht makellos harmonisch ist, d. h. wenn der Gast den Kellner nicht gerne sieht, so kann es von verderblicher Wirkung sein. Der Gast verliert gewöhnlich seinen Hunger, das Haus Einkünfte und der unangenehme Kellner seine Stellung.
Ja, Mr. Wootslebury, es ist etwas Eigenartiges, daß die Gäste von möglichst distinguiert aussehenden Leuten aufgewartet sein wollen. Warum? Ich denke mir die Sache folgendermaßen: Je besser und intelligenter ein Mensch ist, der uns vollständig zur Verfügung steht, um so besser und intelligenter müssen wir uns doch wohl selber fühlen. Nicht wahr? – Hähäh! – Ganz richtig! – Man entdeckt auf einmal Werte in sich, die uns selber bis dato unbekannt waren. Das sind höchst angenehme Gefühle. Und als Gratiszugaben zu einem guten Essen sind sie höchst willkommen, der Verdauung äußerst förderlich. – Nein, das haben wir nicht erst herausgefunden. Das wußte man schon zu den ältesten Zeiten. Warum mußten denn bei den großen Essen im Mittelalter die Herren Reichsfürsten die Majestät höchst eigenhändig servieren? – Vom Lakai auf dem Bock schließt man doch erst auf den Herrn in dem Wagen. An der Uniform erkennt man doch erst den Geschmack der Leute, nicht wahr? – Und auf dem geistigen Gebiete ist's genau so. Die meisten Herrscher zogen doch nur ihre zeitgenössischen Geistes- und andere Größen an ihre Höfe heran, um sich selber mit den Blüten der Nation zu garnieren, da sie die Leere ihres eigenen Daseins dumpf empfanden. In ganz vereinzelten Fällen, wo keine Selbstverherrlichung das Motiv ist, sich mit großen Geistern zu umgeben, wuchsen die Beziehungen zwischen Fürst und Protegé zu inniger Freundschaft aus. Sonst aber ist das Verhältnis ein unerquickliches. Protzentum, Heuchelei, Kriecherei und sonstige Unannehmlichkeiten. Haben Sie jemals das Leben des Herrn Geheimrats Goethe gelesen, Mr. Wootslebury? –
Es ist eine schwierige Aufgabe für den Kellner, als eleganter Mensch aufzutreten, ohne jedoch den Gästen ähnlich zu sehen, zumal er auch noch aus gewissen anderen praktischen Gründen Juwelen, Uhrketten, Ringe, die auf allzu deftigen Wohlstand des Eigentümers schließen lassen könnten, sowie andere Distinktionen des Gentlemans unsichtbar tragen muß. Man soll die Menschen nicht unnötigerweise aufreizen. – Gerade aber, weil die Kellner genötigt sind, in einfacher Eleganz aufzutreten, hat man sie immer und immer wieder mit Kavalieren verwechselt. Viele praktische Wirte ziehen sich nun aus dem Dilemma, indem sie ihren Leuten ein paar goldene Knöpfe an den Frack annähen. Aber glauben Sie nicht, daß dies das Aussehen des Kellners zu sehr beeinträchtigt? Es erinnert doch zu sehr an die Uniform. Ja, sehen Sie! Uniform ohne Schnurrbart und Waffen! Was ist das für eine Kombination! – Warum man den jungen Leuten nicht gestattet, Schnurrbärte zu tragen? Ja, das ist auch noch ein Rätsel von den vielen im Leben des Kellners. Gehört das glatte Gesicht zur Uniform? – Soll der Mann jünger erscheinen? Will man durch Verbannung des Zeichens männlicher Würde das Selbstbewußtsein demütigen oder heben? – Ich weiß es nicht. Der Kellner soll keine wohlriechenden Parfüms gebrauchen, noch soll er sein Haupthaar salben, und wie er dennoch als zivilisierter Mensch erscheinen kann, ist mir gleichfalls rätselhaft. Sein Frack – mit oder ohne Goldknöpfe – ist das interessanteste Kleidungsstück, das ich kenne. Nur halte ich es etwas zu malerisch und daher zu unpraktisch, um darin täglich Fußreisen von dreißig bis vierzig Kilometern zu machen. – Wieso? – Nun, wenn wir bei einem anständigen Diner mit dem Horsd'œuvre anfangen und mit dem Nachtisch aufhören, so wird unser Mann inzwischen so oft hin und her, treppauf und treppab in die Küche, Keller und überall hin Laufschritt gemacht haben, daß sich daraus eine gute Strecke zusammensetzt. Hat er mehrere Partien zu befriedigen, die sich alle zahlreichen verschiedenen Genüssen hingeben, so zieht sich sein Weg ziemlich in die Länge. Bei einem starken Verkehr und zu allen Mahlzeiten des Tages wächst es ins Unglaubliche. – Nein, daran läßt sich nichts verbessern. Er wird immer seine Stiegen und Strecken zu laufen haben, er wird seine Kilometer zu Fuß machen müssen, denn es ist für ihn notwendig, sich mit dem Koch persönlich in Verbindung zu setzen, die fertigen Sachen eigenhändig in Empfang zu nehmen. Wenn seine Küche nun noch etwas weit vom Speisesaal entfernt liegt, was aus vielen Gründen gewöhnlich der Fall ist, und wenn sein Gedächtnis etwas unzuverlässig ist, so entwickelt sich aus dem Kellner ein Dauerläufer, der manchen Marathonrenner beschämen könnte. Denken Sie sich, Mr. Wootslebury, diese Entweihung des Frackes! Der Frack, der Inbegriff aller Eleganz, der einfache, schöne, geschmeidige Rock des Gentleman! Das Symbol der lässigen Ruhe! Was wird aus ihm, wenn der Sturm des Lebens hindurchsaust, wenn die Schöße ratlos und verzweifelt im Winde flattern! – Der Kellnerfrack, nein, das ist nichts! – Das Malerische, Derbe, Urkräftige, Trotzige, das dem blauen Kittel des rußigen Arbeiters anhaftet, fehlt der Kleidung des Kellners – eines modernen Arbeiters – leider gänzlich. Hat der Kellner nicht die Berechtigung, auch zu denjenigen Menschen gezählt zu werden, die in schwerer Arbeit des Körpers und zugleich mit großer geistiger Anstrengung das tägliche Brot erkämpfen müssen und dabei die elende Hülle ihres Körpers mit sauerm Schweiße durchtränken!? Der Frack! – Was wird er auf dem Rücken des arbeitenden, schweißtriefenden Kellners? – Können Sie mir das nicht sagen, Mr. Wootslebury? – Ja, ja, ich versichere Ihnen! – Eine der vielen Tragikomödien unseres heutigen Lebens! ...
V.
»Business is Business«
Es liegt etwas sehr Schönes in dem Gedanken, den Menschen Heime und Unterkunft zu bereiten, ihnen Speise und Trank zu reichen.
Aber dann kommt das Geschäft. Wirklich, ich habe lange auf den Augenblick gewartet, um mit einem hervorragenden Geschäftsmann ein Wörtchen über Geschäft zu sprechen und seine Ansichten zu hören. Darum ist unsere heutige Konversation auch so interessant für mich. – Natürlich, ich verstehe Ihren Standpunkt als Großindustrieller vollkommen. Sie müssen mir aber erlauben, daß ich vom menschlichen Gesichtspunkt aus, auf dem ich stehe, mancherlei gegen moderne Geschäftsmethoden einzuwenden habe. Das sind die Widersprüche, aus denen unser Dasein zusammengesetzt ist. Aber ein Zug tritt schön hervor: wir alle versuchen unser Bestes, und gleich stark in uns allen wühlt der Drang nach Tätigkeit und Arbeit, gleichviel, wie oder ob derselbe zum Ausbruch kommt. Er ist da. – Ob als Künstler, als Gelehrter, als Kaufmann oder Handwerker, jeder tut, was in seinen Kräften steht, jeder ist gleich stolz auf seine Arbeit – von seinem Standpunkt aus. Und mit Recht. – Aber jedes Geschäft – oder Arbeit – oder Kunst – wie man will, ist eine Art Kleinigkeitskrämerei. Ein Geschäftsmann, ein Künstler, ein Staatsmann, ja schließlich jeder Mensch, welcher Kleinigkeiten übersieht oder ignoriert, wird dafür bestraft – in manchen Fällen ruiniert. Kleinigkeiten scheinen die Welt und das große Leben auszumachen, so lächerlich es klingt. – Goethe mußte sich als Staatsminister um lederne Gendarmeriehosen und allerhand sonstigen Kram bekümmern. Und er tat es. Oft sogar mit wirklichem Vergnügen. Er, der Olympier!
Dann ist das Geschäft als solches aber auch etwas mehr, es ist ganz Unerbittlichkeit. So unerbitterlich wie jede fortlaufende Handlung, wie ein Drama, wie das Ticktack der Uhr, das ein Endziel, einen Abschluß hat. Sonst ist es kein Geschäft.
Was sagen Sie aber nun zu einem modernen Riesenhotel, Sie, der Inhaber von großen Industrien, von ausgedehnten Geschäften? Ich meine von Ihrem, vom geschäftlichen Standpunkt aus. – Ist das moderne Riesenhotel nicht eine ganz großartige Industrie? – Und sonderbar! So interessant und weitverzweigt das Hotelwesen als Geschäft ist, so miserabel ist der Wirt als Geschäftsmann. – Wieso? – Ei, seine Tätigkeit, sein Geschäft bringt dies selber mit sich. Und ein schlechter Geschäftsmann ist gewöhnlich auch ein schlechter Prinzipal und Arbeitsgeber. Auch dies bestätigt sich beim Wirt. – Ja, Sie haben sich vielleicht noch nicht genügend für die geschäftliche Seite der Hotelindustrie interessiert, und darum klingt Ihnen meine Behauptung neu und fremd. Aber sie beruht auf Tatsache. – Gewiß, ich weiß, im Sinne des bürgerlichen Gesetzbuches ist der Wirt ein Kaufmann. Aber darauf gebe ich nichts, gar nichts. Ich bekümmere mich nicht um leere Phrasen und Namen. Nun wohl! Ich habe Ihnen gesagt, daß etwas mehr Schönes in dem Gedanken liege, den der Wirt aufgreift und zu seinem Geschäft macht. Nicht jeder Geschäftsmann kann behaupten, daß er durch seinen Beruf den Mitmenschen Wohltaten und Freude bereiten kann. Und gewiß hat kein Geschäft einen mehr idealen Hintergrund, als das des Wirtes.
Ein Wirt, der nichts mehr wäre als ein strikter Geschäftsmann, müßte eine abschreckende Gestalt für seine Kundschaft sein. Wenigstens für seine moderne, so anspruchsvolle Kundschaft. Daher ist der Wirt mehr Mensch als Geschäftsmann. Schlechte Kaufleute sind oft sehr gute Menschen. – Bitte, ich weiß, was Sie sagen wollen! Ich will gewiß nicht behaupten, daß alle gewiegten Geschäftsmänner schlechte Menschen und alle geschäftlichen Stümper gute menschliche Exemplare seien. Es gibt Mittelwege. Aber trotzdem! Ich glaube nicht an Gefühl, an Edelmut, an Freigiebigkeit bei einem geschäftlichen Vorgang. Das menschliche Herz hat keine Stimme in der Geschäftswelt. Edelmut läßt sich mit unserem kommerziellen Leben noch nicht vereinbaren. Es ist das Privilegium des Schönen, lächerlich zu werden, wenn der Alltag spricht.
Der Wirt ist sich seiner zwiefachen Stellung sehr wohl und schmerzlich bewußt. Sagen Sie ihm, daß sein Geschäft genau das gleiche sei, was jedes andere Geschäft ist, so wird er freudig zustimmen. Wenn man ihm aber sagt, daß er und seine Angestellten deshalb genau so auftreten sollten, wie es andere Geschäftsleute tun, so wird die freudige Miene verschwinden und eine besorgte an ihre Stelle treten. Er wird sagen, daß dies unmöglich sei. Er wird Ihnen eine ganze Reihe von Gründen hierfür angeben, und doch keinen einzigen, der stichhaltig und greifbar wäre. – Nein, nein, er kann den Gästen gegenüber nicht so auftreten, wie es andere Geschäftsleute ihren Kunden gegenüber tun. – Das ist nun einmal so und nicht anders. Der Wirt wird Ihnen sagen, daß er höflicher, zuvorkommender, nachsichtiger, freigiebiger, williger, fügsamer sein muß als irgendein anderer Geschäftsmann, daß er sogar nötigenfalls sich bücken und Kratzfüße machen muß. Die Gäste verlangen dies nun einmal so, die Konkurrenz ist nun einmal so groß usw. Der arme Mensch wird sich vor Qualen winden und drehen, aber keine richtige Lösung seiner eigenartigen Situation finden können.
Ich kenne kaum einen Betrieb, dem mehr Gefahren von innen und von außen drohen, wie der Hotelindustrie. Ungünstiges Wetter und Verkehrsstörungen können großen Schaden anrichten. Eine Epidemie, ja ein einziger Todesfall oder eine ansteckende Krankheit können den Betrieb vollständig lähmen. Selbstmorde, Skandale gehören nicht zu Annehmlichkeiten. Dem Hause kann jederzeit durch verleumderische Untergrabung des guten Rufes und des Renommees unermeßlichen Schaden beigefügt werden. Schwindler, Hochstapler, Gauner, Diebe treiben hier unausgesetzt ihr Unwesen. Infolge der großen Haftpflicht der Wirte droht eine beständige Gefahr in Prozessen aller Art. Die Sorge um das Eigentum und die Sicherheit der Gäste ist beileibe keine geringe. Vor allem aber ist die Ungnade hochgestellter, einflußreicher Leute am meisten zu fürchten. Einflußreiche Damen der hohen Gesellschaft namentlich sind große Faktoren in der Prosperität oder dem Ruin eines Hauses. Die verheerende oder wohltätige Wirkung, welche ein einzelnes weibliches Wesen durch ihre Zungenfertigkeit im Klub, in der Gesellschaft, bei ihren Freundinnen und selbst bei den Männern in einem Hotel hervorrufen kann, ist oft ganz unglaublich groß. – Von den eigentlichen Betriebsgefahren, den inneren, wie die Verderblichkeit der Waren, Gewissenlosigkeit und Unredlichkeit der Angestellten, Feuersgefahr usw. will ich gar nicht reden. Es sind nur einige von den vielen Sorgen, die das Gemüt des modernen Hoteliers als Geschäftsmann belasten. Seine Hauptsorge aber ist: er will seinen Gästen ein Heim bereiten.
Ein wahrhaft heroischer Versuch! Ein herkulisches Unternehmen für einen Geschäftsmann! Aber was ist das Ende? – So wird der Hotelier durch seine Sisyphusarbeit geschäftlich schwach statt stark. Er wird ängstlich, enttäuscht, entmutigt, er kann seiner Kundschaft nicht als Kaufmann entgegentreten. – Er wird stets einem unverschämten Gaste, einem chronischen Nörgler, der – weil er die Hoteliers und ihre Schwächen kennt – prinzipiell überall wegen hoher Preise, schlechten Essens, miserabler Bedienung usw. aufmuckt, sofort weitgehende Privilegien einräumen und einen Rabatt gewähren. Zum Protest gegen derartige, sehr häufig vorkommende Unverschämtheit erkühnt sich der Wirt höchstens zur Zeit der Hochsaison, wo drei oder vier andere, weniger unverfrorene Wanderer mit Bergen von Gepäck der Unterkunft harren und die fraglichen Preise gerne zahlen wollen, da sie schon an verschiedenen anderen gastlichen Portalen bedauernd zurückgewiesen wurden. Die übertriebene Hochachtung und Devotion vor seiner Kundschaft blendet den Durchschnittshotelier in dem Maße, daß er die größten Grobheiten übersieht oder schweigend einsteckt, ja daß er sich von einem internationalen Hochstapler, der nur halbwegs geschickt auftritt, oft ins Bockshorn jagen und betrügen läßt.
Mich dünkt, es hat sich der muffige Geruch des Interieurs wackeliger Karossen und Kaleschen selbst bis in die modernsten Hotels verschleppt. Den Geist, der die Hotelindustrie als Geschäft bedrückt, könnte ich nur – um ihn ganz genau zu definieren – »Postkutschengeist« nennen. Und wie eine vererbte Krankheit oder Angewohnheit schleicht er sich durch die ganze große Familie des mildtätigen Bonifaz hindurch. So angemessen, gemütlich und zutraulich dieser liebe alte Postkutschengeist vor fünfzig oder hundert Jahren noch gewesen sein mag, die heutige Zeit hat keinen Gebrauch mehr für ihn. Das Dröhnen der stählernen Räder und Schienen, das gewaltige Fauchen der Lokomotiven, das dumpfe Stampfen der Schiffsmaschinen haben ihn, den Alten, vertrieben. – Wir bedauern dies unendlich. Wir betrauern ihn, wie wir uns über das Ableben eines alten Urgroßvaters oder Großonkels grämen, dessen Erbe wir, die Jungen, die Lebenden, antreten. – Aber dann schnell in die Erde mit ihm! Gott hab' ihn selig! Und zurück ins Leben! – Zeit ist Geld! – Und in unserer Zeit lautet der Kriegsruf: »Business is Business!«
Der moderne Hotelier wird alles, alles aufbieten, seinen reisenden Gästen Schutz, Obdach, Sicherheit, gutes Essen, gutes Trinken, freundliche Bedienung zu geben. Er wird sein Haus so bequem, so luxuriös, so behaglich und vollkommen ausstatten, wie es in seiner Macht steht. – Ja, wie gesagt – er wird das Menschenunmögliche versuchen: er wird den müden Reisenden so aufnehmen, daß dieser unter dem Dache des Hotels sein eigenes zurückgelassenes Heim vergißt. Gelingt dies jemals einem Hotelier, so ist er ein Künstler, ein großer Wohltäter der Menschheit, der stolz auf sein Lebenswerk sein kann.
Es ist jedoch eine Tatsache, daß das moderne Hotel das Heim der Menschen langsam verdrängt. – Beachten Sie nur, wie die Hoteliers dies unbewußt ahnen. Oder sollten die bösen Menschen es wirklich schon wissen!? – Jedenfalls aber, um den Übergang möglichst sanft zu gestalten, um die bittere Pille, die die Menschheit schlucken werden muß, süß zu machen, preisen sie ihre Häuser instinktiv – oder mit teuflisch schlauer Berechnung – als »Heime« an. Sie machen die verzweifeltsten Anstrengungen, sie sparen keine Mittel, ihre Lokale einem Heime ähnlich zu machen.
Aber ich bezweifle, ob es jemals einem Hotelier bisher gelungen ist, dem Reisenden das ferne Heim zu ersetzen. – Denn das Hotel ist und bleibt doch immer ein Geschäftshaus, und es kann doch auch nur als solches betrachtet und betrieben werden. Nach unseren bisherigen Begriffen war das Heim aber kein Geschäftshaus, sondern eine Art Heiligtum, eine geweihte Stätte. Der moderne Hotelier sollte dies bedenken, und wenn er rechnen kann, wird er es bedenken. Er würde sich dann auch nicht aufreiben auf der Suche nach etwas Unerreichbarem, nach dem Ersatz des Heims, sondern er würde dann nur danach trachten, sein Haus zu einem wirklichen Geschäftshaus zu gestalten.
Eine sehr traurige, trostlose Botschaft für das liebe Publikum! Der eine Hotelier, um sie ihm offen zu verkünden, müßte ein viel größerer Heros sein als alle seine heimebauenden Kollegen zusammengenommen. Aber da das liebe Publikum nur immer seine eigenen Interessen im Auge hat, und da die Hotels zur Selbsterhaltung auch bald anfangen müssen, das gleiche zu tun, so wird wohl jemand unter ihnen die Botschaft in nächster Zeit öffentlich verkünden müssen. Aber es braucht keine Kriegserklärung zu sein. Man kann es zum sanften Appell an die Vernunft des lieben Publikums machen.
Der Hotelier wird heute noch eingestehen müssen, daß er seinen Gästen kein wirkliches Heim bieten kann, sondern nur ein vorübergehendes Obdach – gegen Bezahlung. Was man Geschäft nennt ... Darum soll das Publikum auch eigentlich nicht mit Millionen unsinniger Forderungen und Erwartungen kommen und aus dem Ärmsten einen Neurastheniker machen. Wenn dies geschieht, so ist es nichts als die gerechte Strafe für die eigentlich geradezu unglaubliche Gemütsroheit, ein Geschäftslokal als heimähnlich oder heimersetzend anzupreisen. Mögen die Hoteliers durch Konkurrenz zu solch waghalsigem Tun angetrieben werden, es ist unverzeihlich, roh, – noch verfrüht. Das moderne Hotel kann in sich selbst eine kleine Stadt sein, es kann ein Kunst-, Musik-, Theaterpalast sein – ein Heim nach unseren Begriffen ist es noch nicht. Für unsere Enkel vielleicht, – wer weiß? – Freilich, freilich, es gibt heute schon genügend Menschen, welche große Hotels zu ihrem beständigen Aufenthaltsort machen und jahraus und jahrein darinnen vegetieren. Aber es gibt auch Menschen, denen der Begriff »Heim« fremd ist. Es gibt Menschen, deren Leben so entsetzlich öde, inhaltslos und leer ist, deren Inneres so verwüstet ist, daß sie allerhand künstlicher und mechanischer Mittel bedürfen, um sich über ihre Herzensöde hinwegzutrösten. Doch diese Menschen kommen für uns nicht in Betracht. – Frauen allerdings, Herr Kommerzienrat, ach, die Frauen, sage ich Ihnen, so weit sie angefangen haben, die Krise der Umwandlung, die Metamorphose des Heims zu erkennen, sie begrüßen die neue Ära mit einer frenetischen Begeisterung ... pst! – huh! da kommen unsere Damen gerade aus dem Garten – – sollten wir nicht lieber ein anderes Thema ...? Nicht? – Nun, ich werde versuchen, sie bald wieder fortzubringen. –
– – – – – Häh, ich schaue so glücklich drein, gnädige Frau? – Ja, ich fühle ein großes Dichtwerk in mir reifen. – Interessant, nicht wahr? – Wie meinen Sie ...? Ein titanisches Drama? – Ah, Sie halten viel zu wenig von mir! – Nein, nein! Ich fühle mich berufen, bald einen Nekrolog auf die Hausfrau zu singen. Vielleicht noch etwas verfrüht, aber immerhin ... – Selbstverständlich, gnädige Frau! Die Männer sind daran schuld. – Sonst niemand! Bevor ich aber in die Saiten greife und mein Lamento anstimme, will ich dem schlimmsten Feinde der Hausfrau, dem siegreich vordringenden Kochkünstler männlichen Geschlechts noch einen kräftigen Hieb versetzen, ja, ihn gar zurückzuschlagen versuchen, obgleich ich als Mann – persönlich – gegen den liebenswürdigen Menschen nichts einzuwenden habe. – Dieser herrliche Achilleus des Herdes hat nämlich eine sehr verwundbare Ferse: seine souveräne Verachtung für Hausmannskost. Wenn er nicht weise genug ist, noch einiges von der Hausfrau zu lernen, bevor er ihr ganz das Handwerk legt, so ist es um ihn geschehen. – Der Kochkünstler mag ein Philosoph, ein Träumer sein, was er hervorbringt und ersinnt, kann hohe Vollendung, Kunst oder Maschinenarbeit sein, die mit Präzision und Verve der Berufsmäßigkeit entsteht oder aus dem wunderbaren Reichtum und dem Fleiße eines erfinderischen Genies geboren wird. Seine Leistungen weisen aber nicht die Spuren jener liebevollen Hand auf, die den Gerichten einer guten Hausfrau anhaften. Warum ist diese häusliche Handarbeit mit allen ihren Mängeln und Ungeschliffenheiten in ihrer Einfachheit und Anspruchslosigkeit uns Menschen so wertvoll, so teuer? Vollkommenes ist uns noch fremd, denn wir selber sind noch nicht vollkommen. Die vollendete Arbeit mag unsere Bewunderung hervorrufen, sie hat aber einen befremdenden Eindruck auf uns: wir können sie eben nicht von Herzen lieben.
Hausmannskost, so nahrhaft, so einfach sie ist, in diesem Hotel ist sie noch nicht zu finden! Was die liebe, einfache Hausfrau, die biedere, ungebildete Köchin oft zu leisten vermag, den berühmtesten kulinarischen Größen ist's ein Rätsel. – Ich würde mit einer einzigen Bestellung auf einen kräftigen, deftigen Pfannekuchen mit Speck oder einen wunderlieblichen »Armen Ritter« unten das ganze Regiment von Kochkünstlern in Aufregung und Verzweiflung versetzen können. Vor einem Heringssalat aus Pellkartoffeln stehen die weisen Schüler des Lukullus und Brillat-Savarins, die schöpferischen Genies einer klassischen Küche, die Chemie, Physik und Anatomie studiert haben, genau so verblüfft da, wie ein Kollegium von Professoren der Psychologie, die vielleicht die verzwickten Liebesgefühle der Prinzessin Salome und des Propheten Jokanaan haarscharf erklären können, aber einen Fall von unglücklicher Liebe zwischen einem Hausknecht und einem Kammerkätzchen staunend angaffen und ratlos – aber ganz absolut hilf-, wort-, rat-, taten- und hoffnungslos davorstehen. Höchstens lächeln können sie und die Achseln zucken. Die Kochkünstler sowohl wie die Professoren. Das ist aber auch alles. Jedoch lächeln und achselzucken kann jedermann und besonders, wenn er sich sonst nicht zu helfen weiß.
Sind es wohl besondere Geheimnisse, Zaubersprüche und Beschwörungsformeln, die die Hausfrau bei der Zubereitung ihrer Gerichte anwendet, deren magische Gewalt dem Sohne in der Fremde grausames Heimweh bereitet, deren Duft allein schon den flatterhaften Ehemann mit unsichtbaren Fäden ans Haus fesselt? – Nein, gnädige Frau, so viel Wunderglauben besitze ich leider nicht. – Ich kann mir nicht einreden, daß die traute Liebe der Gattin und Mutter genug physische Kraft besitzt, um fürsorglich und beeinflussend über den dampfenden Kochtöpfen zu schweben und das Gedeihen des Inhalts zum Heile der Familienverdauungsorgane zu beschützen und zu segnen. – Wie so vieles Transzendentale von ruchlosen atheistischen Menschen wissenschaftlich ausgelegt werden kann, und da ich zur Beseitigung jedes Wunderglaubens nach Kräften beitragen will, so bin ich daher roh genug, die Wunder der häuslichen Küche physiologisch zu erklären. – Die Hausfrau bereitet vor allem die Speisen nicht zu lange vor. Sie kommen direkt vom Feuer auf den Tisch. Sie sind daher frei von dem metallischen Geschmack vieler Hotelspeisen, die stundenlang zubereitet warten müssen, bis sie serviert werden können. Während dieser Wartezeit zersetzen sich auf chemischem Wege kleine Metallteilchen, die, ohne schädlich zu sein, gewissen Speisen einen unangenehmen Geschmack mitteilen. – Nichtsdestoweniger gibt es Sachen, die aufgewärmt geradezu gottvoll sind. Durch den wiederholten Prozeß des Kochens wird oft ein gewisser, erster, halbroher Zustand beseitigt, die Speisen werden garer, zuträglicher und verdaulicher, wenn ihre ursprüngliche Kraft sorgfältigerweise erspart wird. Die Hausfrau, die oft aus Sparsamkeitsrücksichten gezwungen ist, Reste aufzuwärmen, hat dies entdeckt und weiß es wohl zu benutzen. Der Kochkünstler dagegen schaudert meistens vor aufgewärmten Speisen zurück. Durch weise Haushaltung an Sparsamkeit gewöhnt, verwendet die Hausfrau allerhand Reste und Überbleibsel von Suppen, Saucen, Knochen und dergleichen, kocht alles wieder auf und erzielt dadurch in ihren Gerichten jenen unbestimmbaren Grad von Kraft und Nahrhaftigkeit, welche jede sparsame, haushälterische Wirtschaft in allen Lebenslagen erreicht – das große, dem Verschwender ewig verborgen bleibende Geheimnis des Wohlstandes und der Gesittung. – Der Kochkünstler ist gewöhnlich ein Verschwender, wie alle Genies Verschwender sind. In der Enge muß das Genie zugrunde gehen. Aber die ganze Ausbeutung seiner Kräfte und Mittel kennzeichnet den weisen Künstler, den tüchtigen Handwerker. So viel kann der Koch von der Hausfrau lernen. – – Ja, meine Damen, ich schaudere bei dem Gedanken, daß das Heim der Menschen auf dem Aussterbeetat stehen soll! – Das moderne Heim ist nur noch ein Schatten von dem früheren. Und was wird die Zukunft uns als Ersatz bieten? – Nun, etwas Ähnliches wie ein Hotel muß es doch wohl werden, wenn die Frauen keinen anderen Rat wissen. – Wie meinen Sie, ich sei ein Weiberfeind? – Oh, welche ungerechte Anschuldigung! Welche Verleumdung! – – – – –
Da fließen sie hin, die Holden! – Zornig, entrüstet, schmollend, weil ich ihnen schmeichelte! – Wer kennt das Gemüt der Frauen!? – Wäre ich grob gegen sie gewesen, so lägen sie mir jetzt am Halse. Doch dem Himmel Dank! Nun können wir vom Geschäft weiter sprechen.
Vernünftige Männer wie wir, Herr Kommerzienrat, welche so hohe Preise zahlen, daß ein patriarchalisches Verhältnis zwischen ihnen und dem Hotelier schwerlich aufkeimen kann, werden daher vorläufig noch nicht die Torheit begehen und ein Hotel mit einem Heim vergleichen oder erwarten, daß es ihnen ein solches biete. Aber ein Geschäftshaus sehen wir im Hotel, ah, und was für ein Geschäftshaus! Welch ein Leben und Treiben! Interessant, nutzbringend sowohl für den Besucher wie auch für den Unternehmer und den Angestellten. Vielseitig, anregend wie kaum ein anderes. Und aus diesem Grunde verlangen wir vom Hotelier und seinen Angestellten nur striktes geschäftliches Auftreten und nichts mehr. – Würden Sie als Kaufmann bei einem Auftrage etwas mehr leisten, als Ihr Kontrakt Sie verpflichtet!? – Nein, sehen Sie. Jede überflüssige Leistung ist verdächtig. Nicht nur im geschäftlichen, sondern auch im privaten Leben. Als kleiner Junge besorgte ich oft gerne Einkäufe für meine Mutter. Ich tat's viel lieber als zur Schule gehen, denn ich vibrierte damals schon vor Verlangen, mich ins große Leben stürzen zu können. Aber ich habe niemals unserm Metzger getraut, wenn er zu gut gewogen hatte und mir gar noch ein Stück Wurst obendrein gab. Es schien mir nie ganz geheuer. Und unser Metzgermeister war doch so ein ehrenwerter Geschäftsmann! – Zu viel geben ist meiner Ansicht nach nicht gut. Ein Mann, der von sich selber und der Güte seiner Ware überzeugt ist, wird dies nie tun. Er wird nie zu wenig, aber auch nie zu viel geben. Freilich, zur Zeit der Postkutsche pflegten unsere Großväter einer Ruhe, die leider gänzlich aus unserem heutigen Geschäftsleben verschwunden ist. Sie hatten geschäftliche Ansichten, Prinzipien, Methoden, die heute nicht mehr gelten. Die Angestellten sind nicht mehr die aus der »guten, alten Zeit«. Ich kann daher auch nicht einsehen, warum sich im Hotel – ein ganz modernes Geschäft – der Geist der Postkutschenära erhalten sollte. Ich kann nicht einsehen, warum der moderne Hotelier von seinem Kellner verlangt, daß er sich total für das Wohl seiner Gäste aufreiben soll. Ein Gast, der im Hotel einen Kellner vielleicht von der Höhe eines Grandseigneurs herab als seinen Leibeigenen ansieht, wird es nicht wagen, in einem Laden den geringsten Verkäufer durch die aristokratische Brille zu betrachten. Nein, er wird geduldig warten, bis die Reihe an ihn kommt. – Anders hier! – Wehe, wenn hier jemand auf die geringste Kleinigkeit warten muß! – Sie dürfen sich in solchem Falle den Generaldirektor des Hotels kommen lassen. Sie können das ganze Haus in Aufregung versetzen. Unter einer Flut von devotesten Entschuldigungen werden Sie getröstet und besänftigt werden. Es gibt menschliche Wesen, die nichts zu tun haben, vornehme Tagediebe und Müßiggänger, die derartigen Unfug als eine Spezialität betreiben. Solche Leute machen es sich zum Prinzip, möglichst viel Aufsehen mit ihrer Person zu erregen und die armen Angestellten durch ihren Anblick allein schon in allertiefste Ehrfurcht zu versetzen. Dies hat einen doppelten Wert. Es ist ein wunderbarer Nervenkitzel, und zugleich ist der finanzielle Vorteil unverkennbar. Durch ihre Frechheit glauben sie den Kellner dermaßen einschüchtern zu können, daß dieser schon pränumerando auf das Trinkgeld verzichtet und sich mit der hohen Ehre begnügt, einem feinen Gaste aufwarten zu dürfen. Solche Spezimina des Homo sapien sind nicht glücklich, wenn bei ihrem Erscheinen auf dem Plane nicht zwei oder drei Assistenzdirektoren, sechs Oberkellner und eine Schar von niedereren Kreaturen sie umtänzeln. – Oh, ich sage Ihnen, Herr Kommerzienrat, die Damen! – Damen gibt es, die oft ganz Hervorragendes, wahrhaft Großes in solchen Theaterszenen leisten. Besonders wenn sie Gesellschaft haben und wenn sich unter den Eingeladenen ihre Feindinnen und Rivalinnen befinden. – Hierin sind Damen unerreichbar. Leutnants, Dichter, Korpsstudenten, Sänger, Musiker männlichen Geschlechts, die sich auch zuweilen auf diesem Gebiete versuchen, fallen neben den Damen kläglich ab. Nichtsdestoweniger kann durch ein arrogantes Monokel, eine pompöse Uniform, Säbelgerassel, Sporengeklirr und sonstiger Maskerade und Requisiten für Komische Oper und Possen, durch klingende Titel und fliegende Mähnen eine gelinde künstliche Panik zwischen den Angestellten heraufbeschworen werden.
Leute gibt es, Hypochonder, chronische Nörgler, halbe und ganze Idioten, denen der Hotelier und seine Angestellten nichts recht machen kann, denen nichts zu gut und nichts gut genug ist, denen entweder alles zu teuer oder alles zu billig ist. Der arme Kellner hat seine Last mit solchen Menschen. Er darf nichts auf ihre Exzentrizität erwidern, er darf nicht einmal darüber lächeln, er darf sie nicht einmal sich selber bedienen lassen. – Feine Leute, die eigenen Willen, Gewohnheiten und Eigenheiten besitzen, haben auch ihre Butlers und Kammerdiener, die auf die Kinkerlitzchen trainiert sind. Für den Durchschnittshotelgast – und schließlich auch für jeden Sterblichen – gibt es keine größeren Kontagien als hochnoble, exotische Passionen, deren Bazillen sich beim ersten Anblick in das Nervensystem des empfänglichen Opfers einarbeiten und dort verheerend wirken. Die Krankheiten sind natürlich harmlos, wenn genügend Mittel vorhanden sind, um das beständige Jucken, welches sie verursachen, zu befriedigen und zu stillen. Gewöhnlich werden aber nur verhältnismäßig Mittellose oder Geizhälse angefallen, die nicht imstande sind, sich genügend Dienerschaft anzulegen, die für ihre exzentrischen Gelüste Sorge tragen. Auch werden solche armen Leute oft durch die damit verbundenen Kosten so gemein und niederträchtig, daß selbst der simpelste, friedlichste Diener es bei ihnen nicht aushalten kann. Diesen Menschen kommt der Hotelangestellte ganz wie gerufen. Was dem Ärmsten in solchen Fällen blüht, kann ich gar nicht sagen. Ein alter, aber immer noch wirksamer Trick der Menschen, die für ihre kleinen und großen Gelüstchen, denen sie frönen, nicht bezahlen wollen, ist, die Angestellten mit einer leicht verschleierten Andeutung auf ein opulentes Trinkgeld von Anfang an zu ködern und sie schließlich hinters Licht zu führen. Erkennen sie aber mit dem ihnen eigenen Schnüffelsinn, daß der Angestellte sie vorher durchschaut oder alle Hoffnungen auf den versprochenen Obolus aufgegeben hat und nun anfängt, sie als quantité négligeable zu behandeln, dann bricht die ganze Wut und Gemeinheit in den armen Gemütern los. Nicht selten bewirken sie dann unter Drohungen, das Haus zu boykottieren, die Entlassung des Angestellten und heimsen so durch die Befriedigung des niederen Rachegefühls in ihren schwarzen Herzen kostenlos eine neue Freude ein. – Es ist erschreckend und entmutigend, wie häufig man diesen Typus, diese Blüten der Menschheit in den großen Hotels beobachten kann und wie sie von den Hoteliers auf Kosten der Angestellten gefördert, ja geradezu gezüchtet und gemästet werden.
Eine schöne, entzückende Frau darf nicht glauben, ein Hotel sei ihre exklusive Domäne, wo sie ihre Augen und Brillanten spazieren führen kann. Salonlöwen, Literaturtiger, Kunsthyänen, die Wochen-, Tages- und Stundengrößen dürften das Parkett des Saales nicht für sich allein in Anspruch nehmen, wenn sie siegesbewußt einherschreiten, nachdem sie vielleicht für fünfzig Pfennig oder eine Mark »diniert« haben. – Ja, ich versichere Ihnen, Herr Kommerzienrat, man kann riesig billig essen, wenn es sein muß, und das furchtbare Gesicht des Lebens schimmert auch durch die glänzende Sphäre des Saales und den feinen Duft der Zigaretten. – Und lauschen Sie nur einmal aufmerksam, Sie können alsdann ganz bestimmt einen feinen, höhnischen Ton aus der brausenden Musik heraushören, der wie von einem lachenden Teufel stammt. Schauen Sie nur einmal hinter die Kulissen!
Man könnte daher namentlich dem jüngeren Kellner nicht eindringlich genug eine geradezu atheistische Respektlosigkeit vor der vagen, götzenhaften Größe der Durchschnittszelebrität predigen und anempfehlen. Die alten Kellner lernen sie zwar mit der Zeit, aber erst nach vielen Qualen und Enttäuschungen. Es gibt Kellner, die sich diesen ruhigen Blick bald aneignen, und sie werden nie enttäuscht, wohl aber hie und da einmal angenehm überrascht, und sie haben eine um so größere Verehrung für wirkliche Menschenwürde und erkennen dieselbe. – Was ein kleines Kunststückchen ist, da sie so vereinzelt und unauffällig auftritt.
Die einfachsten, im Verkehr der Menschen untereinander geltenden Regeln der Höflichkeit sollten doch auch einer strikt geschäftlichen Hotelführung genügen. – Warum müssen dieselben aber hier übertrieben werden? – Selbstverständlich, derjenige, welcher etwas feilzubieten hat, muß sich möglichst den Forderungen seiner Kundschaft anpassen. Da er Konkurrenz hat, muß er auch mit in den Wettbewerb eintreten. Der Wettbewerb aber ist's gerade, der dem Geschäfte zugleich eine interessante und gefährliche Seite verleiht. – Für den Käufer, der die reiche Auswahl hat, bietet sich darin auch eine Gefahr. In je reicherem Maße eine Ware vorhanden ist, um so geringer wird sie im Wert und um so mehr muß sie angepriesen werden. Der Käufer, der Vielumworbene, der überall Willkommene, ist in einem solchen Falle zu leicht verführt, die Stellung eines Despoten anzunehmen. Und je mehr und unwürdiger sich die Verkäufer um die Gunst des Gewaltigen bewerben, um so mehr muß er in seiner absolutistischen Stellung bestärkt werden. Da das Menschenmaterial heutzutage im allgemeinen sehr billig ist, so ist es auch notwendigerweise verächtlich. Im Mittelalter wurde dies noch oft und unverhohlen ausgedrückt. Doch man hat es in der modernen Geschäftswelt zur Regel gemacht, derartige fromme, alte Gesinnungen hübsch für sich zu behalten und sie keinem Menschen, sei er noch so gering und billig, direkt fühlen zu lassen. Nur im Hotelgeschäfte, scheint es, darf sie sich noch ungestraft zeigen. Ich habe nicht Fälle im Auge, wo jemand unter dem Einflusse von geistigen Getränken Handlungen begeht, für die er nicht verantwortlich gemacht werden kann, sondern ich meine das gewohnheitsmäßige Auftreten der Kundschaft gegenüber den Angestellten im Hotelgewerbe im allgemeinen und den Kellnern gegenüber im besonderen. Und läßt ein Angestellter bei einer passenden Gelegenheit einem gerechten Zorne Lauf, so erwartet ihn ein unbarmherziges, von Vorurteilen eingenommenes Gericht.
Betrachten Sie nur die grenzenlose Freigiebigkeit der Wirte. Ihre glänzenden Räume stehen jedem anständig gekleideten Menschen offen. Sei er, wer er will. Und mit einer ungenierten Selbstverständlichkeit nehmen wir von allem Besitz, was uns das Hotel bietet. Komfort, Luxus, Musik, Umgebung. Die Aktien eines Fremden, der in einem vornehmen Hotel lebt, steigen ums Hundertfache, sobald es den Leuten bekannt wird, mit denen er geschäftlich oder gesellschaftlich in Verkehr tritt. Für ein paar Groschen kann ein Gast die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Heeres von Angestellten in Anspruch nehmen. Und er tut es. – In welchem anderen Geschäfte finden Sie eine Parallele hierfür? Nirgendwo, in keinem anderen Geschäftshause, bei keiner anderen Gelegenheit glaubt der liebe Käufer seine Dummheit, seine Leidenschaften, ja oft tierische Gemeinheit so ungestraft zur Schau tragen zu können wie im Gastwirtsgewerbe. Nirgendwo im Leben wird er sich soviel anmaßen, geiziger, herrischer und protzenhafter sein als gerade hier. – Warum? – Das ist eine Frage, die sich schwer beantworten läßt. Es scheint, als ob die luxuriöse Atmosphäre, das Bewußtsein des zu Gebote stehenden großen Betriebes in vielen schwachen Köpfen eine gelinde Form von Cäsarenwahnsinn weckt. Manch ein armseliges Herrchen glaubt sich hier zu den größten Anmaßungen berechtigt, weil er fünf Mark für ein Zimmer bezahlt oder oft auch schuldig bleibt. Für die Vorteile, die ihm durch das Prestige und den Nimbus, mit welchem seine Wenigkeit umgeben wird, erwachsen, weiß er meistens keinen Dank. Er bedenkt nicht, daß ein Kellner häufig durch seine Reisen und Tätigkeit mehr Kenntnisse und Bildung besitzt als er, der Gast. Aber er hat eben das Recht, den Angestellten anzufahren, wenn er sich dazu veranlaßt glaubt. Spießbürger im Sonntagsröckchen, schnodderiges Fatzkentum, alle kommen sie, wenn sie ein gutes Geschäftchen gemacht haben, und »leisten sich« etwas. Solche Leute können gewöhnlich weder essen, noch verstehen sie, sich unter Menschen zu benehmen. Sie wissen nicht, wie ein Essen bestellt wird, noch wissen sie, was sie bestellen. Der arme Kellner hat viel unter solchem Dilettantismus zu leiden. Er aber, der geduldige, freundliche, gewandte, trinkgeldheischende Jüngling, alles läßt er lächelnd oder schweigend über sich ergehen. Ihm steht nicht das Recht einer Erklärung oder Verteidigung zu. – Würden Sie nicht den geringsten Ihrer Angestellten gegen Flegeleien und Ungerechtigkeit verteidigen? – Nun wohl! – Der Wirt tut es nicht. – Nennen Sie dies geschäftliche Führung? – Ich auch nicht.
Die beispiellose Zuvorkommenheit, Freundlichkeit, Devotion des Wirtes im allgemeinen hat einen sehr schlechten Einfluß auf das Publikum selber. Jeder Gast, mehr oder weniger, sucht diese Eigenschaften des Wirtes zu seinem Vorteil auszubeuten. Viele beanspruchen besondere Aufmerksamkeiten und Privilegien, Dienste, Besorgungen, die zu verlangen sie ohne Bezahlung nicht berechtigt sind. Es ist unglaublich, welche Forderungen oft den Wirt bestürmen. Eine Gefälligkeit, die nicht erwiesen wird oder aus gewissen Gründen abgelehnt werden muß, kommt dem Wirt oft teuer zu stehen. Viele Gäste versuchen den Wirt zu prellen, wo sie auch nur können. Die außerordentlichen Schwierigkeiten, die mit der Zusammenstellung vieler Hotelrechnungen verknüpft sind, das komplizierte Buchhaltungssystem, das für die verschiedenen Zweige des Hauses nötig ist, sind Quellen manchen Übels. Man spricht so viel davon, daß die Gäste in den meisten Hotels übervorteilt werden, ich glaube indessen bestimmt, daß das Gegenteil die Wahrheit ist. Fast auf jeder Hotelrechnung wird in der Eile, mit der sie oft zusammengestellt werden muß, etwas vergessen, woraus dem Hause oder dem betreffenden Angestellten ein direkter Schaden erwächst. Bei dem weitgehenden Kredit, den der Wirt oft wochenlang geben muß, bei der unendlichen Menge von Kleinigkeiten, die er zu berechnen hat, ist selbst das gewissenhafteste System nicht unfehlbar, und Irrtümer, die vorkommen, fallen gewöhnlich zum Schaden des Wirtes aus. Die meisten Gäste wissen wunderbar genau, was sie verzehrt haben, und entdecken gewöhnlich beim Studium der Rechnung die fehlenden Posten sofort. Aber ich wette, nur ganz wenige sind ehrlich genug, den Irrtum zu berichtigen, denn die Versuchung ist zu groß. Sie stehen reisefertig, und sobald sie im Coupé sitzen, sind sie vor jeder weiteren Forderung geborgen und können sich ins Fäustchen lachen. Wehe aber, sollten sie bei Durchsicht ihrer Rechnung wirklich etwas finden, das sie zu einer Entrüstung berechtigt. – Ich glaube, jeder halbwegs vernünftige Buchhalter hütet sich peinlichst zwecks Vermeidung solcher Szenen, das Konto des Gastes irrtümlich oder wissentlich überflüssigerweise zu belasten. Zweifellos gibt es auch eine Menge Gäste, die durch irgendeine geschickte künstliche Aufregung das Gehirn des vielgeplagten, anämischen Zahlenmenschen am Schalter zu verwirren suchen, damit er sich zu ihrem Vorteile verrechne. Hochstapler ziehen von Haus zu Haus und wissen genau, wie sie die unendliche, himmlische Geduld des Wirtes und seiner Angestellten ausbeuten können. Es ist ein allgemein beliebter Sport, der Hotelkasse schlechte Schecks und faule »Wertpapiere« statt Bezahlung aufzunötigen. Ein durchaus guter Scheck verursacht schon eine Menge Arbeit und Unannehmlichkeiten, wenn der Gast, der damit bezahlen will, dem Wirt nicht bekannt ist. – Geduldig muß der unbekannte Scheckinhaber die kritischen Blicke des Bankbeamten an sich auf und ab spazieren lassen, doch würde er es nie gestatten, daß ein Wirt ihn in gleicher Weise beäugle. Der brave Bonifaz zögert keinen Augenblick: er beanstandet keinen Scheck in Gegenwart seines Gastes, lächelnd reicht er die Feder zum Indossement. Aristokraten, Studenten, Offiziere vom General bis zum Kadetten abwärts haben wunderbar zarte Gemüter. Den kleinsten Zweifel an ihrer Person pflegen sie furchtbar übel zu nehmen. Welch ein Glück, daß sie die Kellner und Wirte nicht für satisfaktionsfähig halten! Der Duelle gäbe es kein Ende. Ein Glück, daß die Hotelmenschen so geschmeidig sind! Viel Blutvergießen wird dadurch verhütet. Ein Glück, daß sie so wunderbar geduldig sind! Viele hungrige, hochgestellte Persönlichkeiten haben daher etwas Gutes zu essen und zu trinken.
Ein Geschäft, sei es, was es sei, kann, um auf die Dauer erfolgreich und nutzbringend zu sein, nur auf einer streng geschäftlichen Grundlage geführt werden. Wie der Hotelier anmaßende Forderungen sanft aber entschieden ablehnen muß, so muß er den berechtigten unbedingt nachkommen. Unter dem gegenwärtigen Trinkgeldsystem jedoch ist es für den Hotelier und in noch größerem Maße für den Kellner schwierig, strikt geschäftlich vorzugehen. – Einen recht frappanten Fall, der dies gut illustriert, erlebte ich vor einigen Tagen. – Ich wurde eines Morgens von einem widerlichen Küchengeruch in meinem Appartement angeekelt, und als ich den Zimmerkellner nach der Ursache der Düfte fragte, beichtete er mir folgendes. Neben mir hatte sich eine knickerige Familie eingenistet, die den Kellner veranlaßte, sie mit allerhand Kleinigkeiten wie heißes Wasser, Zucker, Essig, Öl, Spiritus usw. zu versorgen. Diese Dinge konnte der Mann sich leicht, ohne von der Kontrolle belästigt zu werden, aus der Küche verschaffen. Ferner verlangten seine Gäste von ihm Tassen, Gläser, Bestecke, Teller, Servietten – gleichfalls kostenlos. Das alles sah und hörte sich recht harmlos an. In Wirklichkeit aber gebrauchten die Gäste diese Dinge, um sich von einigen mitgebrachten Würstchen und was es sonst noch gewesen sein mag, auf ihrem Zimmer ein frugales Mahl zu bereiten. – Was sagen Sie dazu, Herr Kommerzienrat? Kann so etwas in einem erstklassigen Hotel vorkommen? – Dem Kellner gegenüber schützten die Gäste Appetitlosigkeit vor, es sei so umständlich, sich hinunter in den Speisesaal begeben zu müssen usw. usw., und dem Wirt brachten sie mit ihrem Spirituslämpchen das ganze Haus in Gefahr. Sie verdarben die Möbel, Tischdecken, Teppiche und Wäsche, und mit dem geradezu unerträglichen Gestank ihrer Kochereien verpesteten sie mir die Luft. Erst als ich mich darüber beschwerte, wurde der Unfug eingestellt, und die sparsamen Leute entrüsteten sich höchlichst, als ihnen die Benutzung der Utensilien in Rechnung gebracht wurde.
Durch diesen Fall aufmerksam geworden, interessierte ich mich mehr für derartige Streiflichter des Glanzes. Mein freundlicher Zimmerkellner erzählte bereitwilligst. Ihm schien das alles nichts Neues. So erfuhr ich denn auch, wie in den feinsten Hotels manche sparsame Dame der höchsten Gesellschaft im Badezimmer ihres Appartements eigenhändig ihre Leibwäsche besorgt und die zarten Röckchen und Höschen und was es sonst noch sein mag mit einem elektrischen Plätteisen bügelt. Aus alledem entnahm ich die mir hauptsächlich wertvolle Lehre, daß, sofern das Eigentum des Nächsten – hier das des Hoteliers – in Betracht kommt, die Mehrzahl der Zeitgenossen von einer unglaublichen Pietätlosigkeit beseelt zu sein scheint.
Sie als Geschäftsmann werden hieraus aber die große Gefahr erkennen, die den Arbeitgeber als Vergeltung für schlechte Bezahlung der Angestellten verfolgt. Nur mit besonderer Erlaubnis hätte der Kellner die erwähnten Kleinigkeiten verabreichen dürfen, selbst wenn er gesehen hätte, daß durch die Verweigerung derselben sein Trinkgeld in Gefahr geraten wäre. – Denken Sie sich zum Beispiel einen Fall, wo der gute Ruf des Hauses auf dem Spiele steht. Der gewissenhafte, achtbare Angestellte, der sich und das Haus respektiert, wird stets sofort das Interesse desselben im Auge haben, sollte diese Haltung selbst mit eigenen finanziellen Verlusten verbunden sein. – Aber wieviel Angestellte tun dies wirklich, wenn das Haus sie schlecht bezahlt!? Der Glanz des Geldes lockt mächtig. Das Geld ist schwer. Es zieht – zieht – hinab. Geld hat noch keinen Menschen emporgehoben. – Ich glaube, daß ein Kellner, wenn er seinen Gast kennt und seines Trinkgeldes sicher ist, eher die Interessen des Gastes als die seines Arbeitgebers wahren wird. In einem solchen Falle wird er mir zum Beispiel niemals etwas anempfehlen, was für das Haus besonders gewinnbringend ist und das die Küche gerne absetzen möchte. Er wird, wenn ich ihm das Arrangement für eine Mahlzeit überlasse, nie die Rechnung unnötigerweise in die Höhe schrauben, selbst wenn er vollständige Freiheit darüber hat. Er wird nicht zuviel bestellen, sondern das richtige Quantum ausrechnen. Er wird mein Geld sparen. Er wird mir dringend raten, daß ich dies oder jenes nicht zum Diner nötig haben werde, wenn ich das und das bestelle, obgleich ich vielleicht beide Dinge wünsche. Ein anderer Verkäufer freut sich nur zu sehr, wenn er dem Kunden möglichst viel aufhängen kann, ob dieser nun der Sachen bedarf oder nicht. Wenn der Kellner weiß, daß der Gast die Rechnung begleichen wird, ohne sie anzuschauen – was ja vielfach üblich ist und zum guten Ton gehört – so wird er dieselbe aufs gewissenhafteste für den Gast prüfen, ob sich nicht vielleicht ein Irrtum zum Nachteil seines Gastes eingeschlichen hat. In gewissen Fällen, wo das Recht und der Anspruch des Gastes auf gewisse Vorteile in Frage kommt, wird der Kellner immer im Interesse des Gastes handeln, selbst wenn das Haus darunter Schaden leiden sollte. Sie sehen hieraus, wie zwiefach die Stellung des Kellners im Hotelgeschäfte, wie ungeschäftlich sein Verhältnis zum Arbeitgeber ist und wie gefahrvoll für ihn seine Handlungen sind, die von zwei Seiten gleich streng abgeurteilt werden.
Es gibt Kellner, die die Gäste, und Gäste, die die Kellner betrügen. Der Wirt steht ziemlich teilnahmslos in der Mitte. Warum? – Weil er kein Geschäftsmann ist! – Wer von den beiden Betrügern am meisten auf Raub ausgeht, ist von uns schwer genau zu bestimmen. Der Mann jedoch, der sein Leben lang in der Gasthofsindustrie gestanden hat, wird, wenn Sie ihn darüber befragen, sofort sagen, daß berufsmäßige Schwindler weitaus mehr unter seinen Gästen als unter den Kellnern vorkommen. Wenn dennoch augenscheinlich das Gegenteil der Fall ist, so muß man in Betracht ziehen, daß die Evidenz unter den obwaltenden Verhältnissen täuscht und gegen den Kellner spricht. Nur statistische Ziffern könnten darüber Aufschluß geben. Diese zu erhalten ist aber ganz unmöglich. Wenn ich behaupte, daß der Wirt solchen Fällen ziemlich teilnahmslos gegenübersteht, so meine ich natürlich damit, daß er sich gegen die berufsmäßigen und Gelegenheitsschwindler unter seinen Gästen so viel wie möglich schützt, indem er den Angestellten für die unsauberen Handlungen solcher Leute verantwortlich macht. Das ist Politik, aber kein ehrliches Geschäftsverfahren. Wenn ein vornehmer Gast spurlos verschwindet und eine unbezahlte Rechnung hinterläßt, so fühlt sich gewöhnlich nicht der Wirt geprellt, sondern er hält seinen Angestellten für den Geschädigten. Er hat nicht den Mut oder den Willen, derartige geschäftliche Verluste zu tragen, eben weil er kein Geschäftsmann ist. – Er befindet sich oft auch tatsächlich in einem Dilemma. Wer kann zum Beispiel wissen, ob der Gast nicht seine Rechnung irrtümlicherweise einem anderen Kellner bezahlt hat?! – Die Variation solcher Fälle ist ebenso groß, wie die Gäste verschieden sind. Darum muß der arme Kellner beständig auf der Lauer sein. Wer aber kann verhüten, daß ein Gast den Augenblick, wo der Kellner abwesend, in der Küche oder sonst wo beschäftigt ist, benützt, um stillschweigenden Abschied zu nehmen, oder daß er unter irgendeinem anderen Vorwand, auf irgendeine Weise verschwindet, ohne die Rechnung zu begleichen. – Wie der Kellner für die Unredlichkeit der Gäste des Hauses büßen muß, so wird er selbstverständlich auch für den Schaden, den er selber dem Hause durch Unglück, Unachtsamkeit und Vergeßlichkeit zufügt, verantwortlich gehalten. Bei den verderblichen Waren, dem feinen, leicht zerbrechlichen Material, das der Kellner in seinem Geschäfte handhabt, ist der Schadenersatz, den er leisten muß, oft sehr beträchtlich.