Was Wunder nun, wenn ein auf solche Weise bedrückter Angestellter zu allerhand unredlichen Mitteln greift, um sich an dem Hause und den Leuten zu rächen, die ein solches Defizit in seiner an für sich mageren Kasse verursacht haben! So wird manch ehrlicher Arbeiter durch die ungeschäftliche Führung des Hauses zur Unredlichkeit verführt oder doch wenigstens dazu aufgestachelt. Aber gegen die Unredlichkeit ihrer Angestellten haben sich die meisten Wirte – die großen wenigstens – gleichfalls wohlweislich geschützt. Es ist daher schwer für einen Kellner, selbst wenn er kaufmännisch gebildet ist, eines der modernen Hotelbuchführungs- und Kontrollsysteme zu hintergehen. Ja, man kann mit Gewißheit behaupten, daß dies völlig ausgeschlossen ist, wenn er sich nicht direkt mit noch mehreren anderen Kollegen und einigen Kontrolleuren selber in Verbindung setzt. Aber auch dies ist sehr gefährlich. Solche Schwindelcliquen leben nicht lange. Sehr bald zersplittert sie die Uneinigkeit über die Verteilung der Beute, oder die Detektive des Hotels nehmen schnell Interesse an den Schlichen und Wegen des Syndikats. Aus diesen Gründen kommen sehr wenig Unredlichkeiten unter den Angestellten des großen modernen Hotels vor. Das Dorado des schwindlerischen Kellners scheinen daher die Häuser zweiten und dritten Ranges zu sein, Geschäftchen, die gewöhnlich kaufmännisch noch schlecht organisiert sind, oder die modernen Massenbetriebe der großen Konzertsäle, Vergnügungslokale, Bierhallen, Volksgärten usw., wo das Schwatzen, Johlen, Lachen der anspruchslosen biederen Kundschaft und das entsetzliche Schmettern gigantischer Blasinstrumente die Ohren des bedauernswerten Wirtes erfüllen, so daß er gewöhnlich keine Zeit und kein Verständnis für den Wert einer genauen Kontrolle und Buchführung hat und sich schon zufrieden die Hände reibt, wenn seine Lokalitäten von summenden Mengen gefüllt sind. Die dort bedienenden Leute nennen sich freilich alle Kellner. – Aber was floriert nicht alles unter dem Namen »Literatur«? Was segelt heutzutage nicht alles unter dem stolzen Banner der Kunst? – Also von Begriffen und Namen wollen wir schweigen. – Doch, wie gesagt, in solchen Lokalen blüht das Geschäft des unsauberen Kellners, der nur darauf ausgeht, den Arbeitgeber sowohl wie die Gäste zu beschwindeln. Dieses Individuum wird sich niemals an größere Zahlen heranwagen. Er weiß zu gut, wie gefährlich es selbst hier in den schlecht geführten Häusern ist. Für ihn gelten daher nur Pfennige und Groschen. Aber diese fließen oft in so zahlreicher Menge auf schuftige Weise in seinen Sack, daß sie am Abend ein beträchtliches Sümmchen ausmachen. Kommt ein Schwindelfall zufällig ans Licht, so ist der Gegenstand gewöhnlich so winzig und unscheinbar und so geschickt maskiert, daß die meisten Gäste der Sache keine Beachtung schenken, und die ganze Affäre wird mit der Entschuldigung des »Kellners« wegen des »Irrtums« schnell vergeben und vergessen. Und es wird weitergeschlafen und weitergeschwindelt. Sollte einem Gaste in einem solchen Lokale irgend etwas, auch das Kleinste, an seiner Rechnung verdächtig erscheinen, so kann man ihm dringend raten, sein Bedenken auf diskrete Weise dem Inhaber allein und sonst niemandem anzuvertrauen. Sich an den »Oberkellner« oder an sonst irgendein Individuum, das da herumwimmelt und vielleicht etwas zu sagen hat, zu wenden, ist gewöhnlich zwecklos, wenn es nicht gar den ganzen Plan verdirbt, denn diese Angestellten sind oft mit ihren alten, vertrauten Untergebenen verwandt und verschwägert, stecken oft mit ihnen unter einer Decke und beziehen von dem illegitimen Erwerb einen »legitimen« Anteil.
Worin diese Schwindelmethoden oft bestehen? – Hm, das kann ich wirklich nicht sagen. Ich habe mich auch nie bemüht, die laffen, alten, aber immer noch bewährten Tricks näher ins Auge zu nehmen. – Wer nur ein wenig die Augen aufhält, bleibt vor ihnen immun. – Wenn nun aber tatsächlich einmal ein grober Verstoß gegen die allgemeine Ehrlichkeit oder ein Probestückchen der allgemeinen Unehrlichkeit an den Tag kommt, so ist es in den geschäftlich so miserabel geführten Häusern ganz natürlich und charakteristisch, daß sehr wenig oder gar nichts getan wird, um die Schuldigen zu verfolgen und unschädlich zu machen. – Wie könnte es anders sein! – Diese charakteristische Bummelei vieler Wirte ist einer der vielen Krebsschäden der ganzen Industrie. Diese Schlotterei duldet nicht nur das unehrliche Element bei sich, nein, sie fördert, sie unterstützt, sie mästet es sogar. Sie schädigt dadurch gleichzeitig auf ganz unberechenbare Weise das Ansehen der gut organisierten Häuser. Denn das große Publikum denkt nicht sehr weit und schert alles über einen Kamm. Wenn dem Durchschnittsgaste heute ein Halunke in der Maskerade eines Kellners entgegentritt, so hält er morgen und noch für lange Zeit hinaus alle ihm im Kellnerfracke entgegentretenden jungen Leute ausnahmslos für Halunken. Und er wird in diesem freundlichen Glauben vielleicht noch mehr und für alle Zeiten bestärkt werden, wenn ihm das erste Halunkengesicht immer und immer wieder entgegengrinst. Er muß ihm immer und immer wieder irgendwo begegnen, denn die famosen Geschäftsleute von Wirten haben den Halunken der Bequemlichkeit halber einfach an die Luft gesetzt, oder er ging aus freien Stücken, als der Boden zu heiß wurde, und taucht nun unbehindert wieder irgendwo an einem anderen Platze auf, wo er auf Kosten des denkfaulen Wirtes, der bequemen, ahnungslosen Gäste und des guten Rufes des ganzen Standes und unter dem Deckmantel des Kellnerfracks sein Unwesen wohlgemut weitertreiben kann, bis man ihn vielleicht dort entdeckt. So geht es fort mit Grazie bis ins Unendliche oder so lange, bis der betreffende »Kellner« von seinen Renten leben kann oder deftiger Hausbesitzer geworden ist.
Eine vollständige Statistik über die offizielle Bekanntschaft, die betrügerische Kellner mit den Richtern gemacht haben, wäre wirklich interessant. Diesen Ziffern aber müßte, damit sie gerecht seien, beigefügt werden, wo die ertappten »Kellner« beschäftigt waren. Das Sprichwort von dem Hängen der kleinen Diebe trifft auf die diebischen Kellner nicht zu. Ein stellenloser Vater dagegen, der um Weihnachten herum für seine verhungernde Familie einen warmen Laib Brot stiehlt, wird prompt eingebuchtet, damit die Familie total verhungern kann.
Sie sind etwas verwundert über das Interesse, welches ich am Kellnerleben nehme! Es erscheint Ihnen jedoch vielleicht größer, als es in Wirklichkeit ist. Was mich aber darin anzieht, ist hauptsächlich das menschliche Interesse, und für Sie, Herr Kommerzienrat, dürfte doch wohl das Geschäftliche in seinem Leben etwas anregend sein. Ich habe zwar einmal versucht, eine vollständige, sachliche, reine Statistik über die gerichtlich bestraften Kellner zu erlangen, aber ich erkannte es rechtzeitig als eine ungeheuere, vielleicht unmögliche Arbeit, deren ich mich nicht unterziehen kann. Man muß nämlich bedenken, daß die Gerichte wenig oder gar keinen Unterschied zwischen der Profession des Kellners machen können. Wenn es zum Beispiel zwischen Aufwärtern und Gästen gefährlicher Spelunken zu einer Keilerei kommt, so werden die Kombattanten jedenfalls als »Kellner« bezeichnet. Das sind natürlich keine Anhaltspunkte für den Charakter unseres freundlichen Ganymeds.
In einem Hause, wo ein gutes Geschäftssystem die Interessen desselben automatisch wahrt und Unregelmäßigkeiten stumm von sich fern hält, wäre somit das zweifelhafte Element unter den Kellnern auf die Ausbeutung des Publikums angewiesen, was aber gleichfalls aus vielen Gründen ausgeschlossen ist. Aber gerade in solchen erstklassigen Häusern, wo seitens der Angestellten keine Unehrlichkeiten vorkommen, weil der Charakter der Leute im allgemeinen zu gut ist und weil die Systeme alles unehrliche Element ersticken, dort gerade wird der Kellner oftmals das Opfer betrügerischer oder auch nur achtloser, vergeßlicher Gäste. Es ist daher ungerecht, in solchen Häusern den Kellner für derartige Unglücksfälle verantwortlich zu machen. Ein gutes Geschäftshaus sollte kulant und nachsichtig gegen seine guten Angestellten sein. Wo dies nicht geschieht, sollten die Organisationen der Angestellten gegen derartige Ungerechtigkeiten auf Rechtswegen vorgehen. Aber auch hier wird noch lange das alte, abgeleierte Lied vom Leide des Angestellten weitertönen. Das Haus aber verdirbt sich durch Kurzsichtigkeit seine besten Kräfte, nämlich den guten Willen und die Zufriedenheit der Angestellten. Lassen wir die menschliche Seite ganz außer acht, vom geschäftlichen Standpunkt allein schon ist dies absolut verwerflich und unklug. – Ah, Pardon, Herr Kommerzienrat, sagen Sie das nicht! Ein Angestellter weiß gute Behandlung zu würdigen! Wenn ihm diese zuteil wird, wird er dem Hause anhängen und mit Freude arbeiten. – Undankbare Elemente sind bald entdeckt und entfernt. Diese einfache Wahrheit scheinen die meisten unserer Industriellen nicht mehr zu kennen, weil sie hie und da schlechte Erfahrungen gemacht haben. –
Wir haben nun gesehen, daß der Wirt und der Kellner im allgemeinen schlechte Geschäftsleute sind, wenigstens in dem Sinne, nach den Prinzipien, die in der modernen Geschäftswelt gelten und Ausschlag geben. Wir wissen jedoch noch nicht recht, wo der Grund hierfür zu suchen ist. – Sind es die verschiedenen Schwierigkeiten, die der Beruf bietet? Gewöhnlich kann ein Kaufmann oder Fabrikant seine Waren oder Produkte jahrelang lagern, und wenn dieselben im guten Zustand abgeliefert werden, so kann man versichert sein, daß keine Reklamationen oder Scherereien nachfolgen. – Wie anders ist es hier im Hotel! Der Gastwirt und seine Angestellten – wenn sie ihren Beruf nur ein wenig lieben und uns nicht ganz gleichgültig gegenüberstehen – schweben tatsächlich beständig in der größten Angst um die Güte ihrer Waren, die vielleicht im tadellosen Zustande die Arbeitsräume verließen, um im nächsten Augenblick aus irgendeinem Grunde unbrauchbar zu werden, bevor sie den Gast, den Käufer erreichten. Eine Speise, die zum Beispiel nicht mehr ganz heiß ist, kann völlig wertlos werden, und der Käufer braucht sie nicht anzunehmen. – Ferner können auf alle mögliche Weisen Meinungsverschiedenheiten über die Güte der gelieferten Waren zwischen Käufer und Wirt entstehen, daß es geradezu unmöglich ist, festzustellen, wer bei einer solchen Frage im Recht ist. Die kompetenteste, gerechteste Kommission von Sachverständigen ist hier oft machtlos. Nehmen Sie nur einen Fall an, wo ein Gast eine Speise genossen hat und nachher behauptet, sie sei aus diesem oder jenem Grunde nicht zufriedenstellend gewesen – was sich tatsächlich auch oft erst nach dem Genuß kundgeben kann. Steht nicht der Wirt absolut hilflos da!? – In den meisten von solchen Fällen, die fast täglich vorkommen, muß dem Wirte das Wort des Käufers genügen, und er muß den Schaden tragen – ein Vorgehen, das jedem Geschäftssinn und Rechtlichkeitsgefühl direkt widerspricht. Viele Gäste wissen sehr die hilflose Lage des Wirtes auszunutzen. Böswillig bestellen sie eine Speise, verzehren die Hälfte und senden, nachdem sie ihren Hunger gestillt haben, die andere Hälfte als ungenießbar zurück. Launenhafte Menschen verlieren während der Wartezeit den Appetit und senden die ganze Bestellung, ohne sie anzurühren, zurück. Sie denken nicht an die direkten Verluste, die dem Wirte daraus erwachsen. Oft wissen die Gäste nicht, was sie bestellen, und die Enttäuschung ist groß, wenn der Kellner kommt. Und in den meisten Fällen nimmt der gefällige Wirt seine verderblichen Waren zurück. Es gibt noch tausend andere Gelegenheiten, wo der Wirt geschädigt wird. Immer und überall hat er das Nachsehen und trägt Ungerechtigkeiten, Grobheiten und Verluste mit möglichst liebenswürdiger Miene. Das ist vom geschäftlichen Standpunkt aus betrachtet einfach haarsträubend! – Jeder andere Kaufmann würde sich in solchen Fällen beim Gerichte Recht suchen. Ich zweifle sehr, ob wirklich ein Wirt jemals daran gedacht hat, sein Recht zu wahren. Es ist einfach unmöglich. Er kann nur solchen unerquicklichen Fällen vorbeugen, indem er die größtmögliche Sachkenntnis anwendet und das beste, gewissenhafteste Personal zur Seite hat.
Ich glaube jedoch nicht, daß die geschäftlichen Schwierigkeiten einen besonders nachteiligen Einfluß auf den Geschäftssinn des Wirtes und seiner Angestellten haben, ich meine, daß sie aus ihnen schlechte Geschäftsleute machen. Geschäftliche Schwierigkeiten machen gewöhnlich gute Geschäftsleute. Im Leben des Wirtes aber spricht ein viel ernsterer, schönerer Faktor mit. Da ist etwas Gutmütiges, Wohlwollendes mit dem Gewerbe des Gastwirtes verbunden, das keinem anderen Handel oder Gewerbe anhaftet. Mag der Wirt auch Bezahlung, oft gute Bezahlung für seine Tätigkeit verlangen, – das ist sein Geschäft, und er muß rechnen, um zu leben. – Der Grundzug seines Handelns und Wandelns aber bleibt Gutmütigkeit, und dieser drückt sich seinem Charakter in ganz prägnanter Weise auf. Es ist wirklich noch ein kleines Überbleibsel von dem schönen Geiste der alten Gastfreundschaft, das alle an der Gastwirtsindustrie beteiligten Menschen beseelt. Die Gäste verlangen, lieben dies nun einmal. Mithin gehört dieser Rest einer schönen, längst verschollenen Sitte wie ein altes Erbstück zur Familie der Wirte, oder richtiger zu ihrem Geschäfte. Und welch ein wunderbares Erbstück ist's! Freilich ist es geschäftsfeindlich! Leider! – Und wie sonderbar, wie paradox es klingt, daß derjenige Wirt, auf den dies so entsetzlich anti-kommerzielle Betriebskapital sich im reichsten Maße vererbte, in seinem Fache der beste Geschäftsmann ist! –
Wie aber kommen die dadurch entstehenden tausend und abertausenden kleinen Verluste wieder ein? – Das ganze Geheimnis liegt in dem wunderlichen Gerechtigkeitssinn des lieben Publikums. Der arme, biegsame Mann, der Engelsgeduld und Nachsicht mit den Unarten, Frechheiten und Egoismus des Publikums hat, ist sein Liebling, sein Herrgott. Alles strömt zu ihm hin, um an diesem Wunder von Milde und Geduld seine Schlechtigkeit zu probieren.
Der Wirt ist daher kein Menschenerzieher. Seine eigentliche Tätigkeit hat zwar hohen, erzieherischen Wert, ja, den besten, den die Menschheit noch kennt, in der geschäftlichen Ausübung derselben aber ist der Wirt nichts weniger als ein gigantischer Menschenverderber. – Jede Mildtätigkeit, jede Nachsicht, jede barmherzige Handlung verdirbt im Grunde den Menschen, der sie empfängt. Und doch weckt sie andererseits ein schönes Gefühl in seiner Brust: die Liebe und das Bewußtsein der Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft und die Dankbarkeit. Welch ein wunderliches Chaos von Schönem und Häßlichem! Man steht ratlos davor.
Sehen Sie, damit der Beruf des Wirtes wirklich seinen Zweck erfülle, muß das Verhältnis zwischen ihm, dem Kaufmann und dem Gaste als Käufer ein durchaus kordiales und harmonisches sein. Ich könnte wirklich nicht in einem Hause ruhig schlafen und gemütlich essen, wo der Inhaber ein mir unsympathischer Mensch wäre. – Mein Wirt weiß dies nur zu gut. Und aus diesem Grunde, unter dem Einfluß seiner Tagesarbeit, entwickelt er und sein Gehilfe, der Kellner, sich zu den eigenartigsten Gestalten in der modernen Geschäftswelt, zu Geschäftsleuten, die durch ihre Gutmütigkeit und durch ihre geschäftlichen Verluste erst zu Geschäftsleuten werden. Eines solchen Werdegangs kann sich wohl niemand außer ihnen rühmen. Nur eins zwar, wenn der Vergleich gemacht werden kann: das menschliche Herz selber. Erst durch seine Güte, aus seinen Verlusten und Qualen wird es zu dem, was es werden soll: nämlich ein Menschenherz.
Aber dennoch! Im Geschäft läuft das Edle im Menschen große Gefahr, lächerlich zu werden. Es wird sowieso lächerlich, je offener es sich zeigt. Also weg mit der edlen Gesinnung in unserem modernen Geschäftsleben! Es sind unvereinbare Begriffe. Business ist so entsetzlich grausam, kalt und berechnend, daß jede bessere Regung davor zurückschreckt. Und dem ist gut so! Es muß so sein. Denn sonst wäre Geschäft eine Wohltätigkeit, ein Geschenk. Wir Käufer wollen keine Geschenke, wir sind nicht unterstützungsbedürftig. Wir bezahlen für das, was wir verlangen. Wir wollen aber auch erhalten, wofür wir bezahlen und was wir verlangen. Das ist Geschäft!
Der typische Wirt daher, der durch seine Gutmütigkeit und Nachsicht mit seinem Publikum möglichst viel Kundschaft an sich fesseln will, ist seinen Kollegen und Konkurrenten gegenüber grausamer und gefährlicher als irgendein streng gerechter, unerbittlicher Kaufmann gegenüber seinem schwächeren Bruder. Diese zweifelhafte Gutmütigkeit in Geschäftssachen ist eigentlich nichts als unlauterer Wettbewerb. Und sie sollte als solcher gebrandmarkt werden. Denn sie macht wirklich die Existenz jedes rechtlich denkenden Konkurrenten, jeden gerechten, erlaubten Wettbewerb unmöglich. Im Geschäftsleben hebt die Konkurrenz gewöhnlich die Industrien und die Gewerbe. Sie vervollkommnet. In der Gasthofsindustrie scheint die Konkurrenz eine andere, eine erniedrigende Wirkung zu haben. Denn wenn die Wirte sich einander in der Dienerei und Kriecherei vor ihren Gästen überbieten und sowohl kostspielige wie entwürdigende Nachsicht mit allerhand grobem Unfug haben, so ist ein solches Dasein wirklich kein erhebendes, sondern – namentlich für viele Tausende von Angestellten – eine unerträgliche Qual.
Es ekelt mich oft an, in ein besseres Restaurant zu gehen. Erscheint man an der Tür, so stürzt eine Schar von schwarz-weißen Menschen heran und bemächtigt sich meiner Person. Ich komme gar nicht mehr zu Atem! Jeder will mir seinen Stuhl anbieten. Alle wollen sie mich bedienen. Ich soll mich zehnteilen. Dabei vergeht der Appetit. – Ich weiß, die Kellner sind nicht die Leute, die mir einen solchen Empfang von Herzen gern bereiten. Es ist die Notwendigkeit, die sie zwingt, sich so aufdringlich zu benehmen. – Wie oft wallt es in der gequälten Brust des Jünglings vor Schmerz über, da er solche ekelhaften Schauspiele ansehen und mitspielen muß! – Ich habe mir häufig und liebevoll forschend meinen Jüngling durch die Augenwimpern betrachtet und eine wilde, gebändigte Wut deutlich gesehen, die er gegen mich und alle Gäste hegte. Die unausstehlichen Qualen drückten sich deutlich seinen Zügen auf, verkümmerten und bleichten sie. Aber welche Schuld tragen wir, wir frohen Gäste, an den Höllenqualen unseres jungen Mannes! – Was hat er verschuldet, daß er sie tragen muß? – Es ist doch nur der Geist der Dienerei, der erheuchelten Unterwürfigkeit, des Trinkgeldes, vor allem aber das kolossale, dickhäutige Gespenst der menschlichen Stupidität, der Eitelkeit und Genußsucht, die uns das gute Mahl verdirbt und die jungen Leben so vieler tausend Menschen vergiftet!
Die verderbliche Wirkung derartiger Zustände ist ganz unberechenbar. Den Menschen, der in früher Jugend dort hineingedrängt wird, verkrüppeln sie für alle Zeiten. Eine derartige Tätigkeit nimmt ihm von Kindheit an geradezu jeden Mut für sein späteres Leben weg. Der junge Pikkolo wird in der Luft, in der Atmosphäre des eleganten Speisesaals systematisch geistig entmannt, damit aus ihm ein Eunuch zum Dienst des Reichtums werde. Der frühe Anblick desselben, die gezwungene Unterwürfigkeit lähmt das junge, erwachende Leben in seiner Brust; das keimende Selbstbewußtsein, die Grundlage für sein späteres seelisches Leben, alles wird unbarmherzig, grausam in seinem Frühling erstickt. Es erfordert ein ganz außerordentlich starkes Gemüt, den Gefahren einer Geschäftsführung zu entgehen, die auf solchen verderblichen Grundlagen beruht. Aber mit einem starken Gemüt ist nicht jeder Erdgeborene beschenkt. – Ja, es ist wahr! In der Gastwirtsindustrie werden daher Hunderttausende von jungen, hoffnungsvollen Leuten fürs Leben vergiftet, und es ist ihnen später unmöglich, sich von dem entsetzlichen Fluche der Unterwürfigkeit, der ihnen durch die verschiedenen Pflichten und Umstände in jungen Jahren eingeimpft wurde, zu befreien. – Der Furcht- und Unterwürfigkeitsinstinkt in der menschlichen Brust ist schon von Hause aus stark genug. Er sollte nicht noch systematisch geweckt und gefördert werden. Man sollte ihn ersticken! –
Wir wollen dem Hotelier in die Konzessionen und Vorteile, die er diesem oder jenem Kunden einräumt, nicht dreinreden. Seine Geschäftsmethoden muß er mit seinem Debet- und Kreditkonto vereinbaren. Sofern aber diese die Wohlfahrt und das menschenwürdige Dasein der Angestellten beeinträchtigen, sollte man sich dagegen wehren. Jede Geschäftsführung, jeder Zustand, jede Notwendigkeit, die den Angestellten leiblich oder seelisch gefährdet, die sein Leben, auf das er Berechtigung hat, zu einem Schattendasein, einem Jammer gestalten, muß man in Grund und Boden verdammen. Ungezähltes und unaussprechliches Elend seufzt in den dunkeln, stinkenden Ecken der Großstädte und reckt unter gräßlich gestotterten Flüchen und Verwünschungen die mageren Fäuste gegen die blendenden Lichter der Hauptstraßen. Der verwundete Mensch wie das verwundete Tier zieht sich in Höhlen zurück, um dort in Dunkelheit einsam zu verenden. Er schämt sich seiner Wunden, die das Leben ihm schlug. Denn sie zeugen von seinen Schwächen. – Darum fordern wir im Interesse der Menschheit, daß auch der Hotelier und seine Angestellten, vor allem aber die Gäste mitarbeiten, der großen Krankheit unserer Zeit zu wehren, daß jeder sein Steinchen in den Weg der Menschheit füge, um ihn zu glätten, und daß jeder ihn rein halte. – Die aber, die ihn mit Trümmern und Leichen besäen, sind nicht wert, verachtet zu werden.
Aber die Wirte und Kellner müssen endlich einmal aufwachen! – Bücklinge geziemen sich für trockene Hofschranzen, aber nicht für einen gesunden Geschäftsmann. Wir leben im Reiche des Geschäftes. Der Aristokrat darin ist der Kaufmann, der Bürger. Die Welt von heute hat eine grenzenlose Verachtung für alle Menschen, die keine persönlichen Werte aufzuweisen haben, sei er nun König oder Bettler. Man läßt sie links liegen. – Also keine Bücklinge mehr vor der sogenannten Gesellschaft, vor dem ausgetrockneten Tagedieb, vor dem runzeligen, welken Faulenzer, mag er nun der deutsche Freiherr von und zu Immern-Pumpp, der österreichische Graf Woswosyi, der englische Lord of Down and Out oder Lady Buttertoast, der russische Fürst Knutischeff, ein italienischer Conte oder ein französischer Marquis sein. Die Bevorzugung solcher Menschen ist eine Beleidigung für uns, die bürgerlichen Reisenden und Kaufleute, die den weitaus größten Teil der internationalen Hotelkundschaft bilden.
Faulenzer und Tagediebe sowie Müßiggänger, gleichviel, welchen Rang und Lebensstellung sie einnehmen, wissen nicht, was Arbeit ist; sie wissen nicht, was es heißt, sich mit den Händen zu ernähren, wie es die Angestellten in den großen Hotels tun müssen. Sie können einen arbeitenden Menschen mit ihrem Firlefanz und ihrer Stupidität bis aufs Blut peinigen. Und die Wirte, statt zu helfen, diese Sorte von Menschen auszurotten, züchten sie, ernähren und mästen sie durch ihre elende Angst vor dem leeren Glanze und durch ihre sklavische Dienerei. Und je mehr die Clique gemästet wird, um so mehr schindet sie diejenigen, die dieses Mästgeschäft besorgen, und macht ihnen das Leben zu einer inhaltsleeren, unerträglichen, endlosen Komödie.
Ich kann wirklich nicht verstehen, warum die Oberkellner und Wirte geradezu gezwungen werden, weitgehendsten Kredit zu gewähren. Das ist doch in keinem anderen Geschäfte der Fall. Und zu Nahrungsmitteln und Unterkunft müssen sie manchem edlen Haupte sogar noch Barmittel in Mengen geben. – Bitte, fragen Sie nur einmal den bleichen Buchhalter, der nächtelang über den dickleibigen Geschäftsbüchern sitzt und endlose Kolonnen von Ziffern addiert, die von der Saumseligkeit und dem Leichtsinn so vieler Hoch- und Hochwohlgeborenen ein schreckliches Zeugnis ablegen. Er kann sie hinter die Kulissen des Glanzes führen. Und je mehr man den Menschen borgt, um so schlimmer und extravaganter werden sie in ihrem Lebenswandel und um so saumseliger in der Begleichung ihrer Schulden. – Manche Wirte scheinen sich wirklich mit der großen Ehre zu begnügen, diese hohen und höchsten Herrschaften im Hause zu haben, damit der Name der Firma schön mit diesen zweifelhaften Aristokraten garniert werde. Die Wirte bezahlen aber schwer für solche Reklamen. Und die Hotelindustrie ist kein Paradies für den Kapitalisten. Sie ist weit davon entfernt, wirklich profitabel zu sein, wenn sie nicht von einem ökonomischen Genie geleitet wird. Man hört von den schwindelnden Summen, die da eingehen, wer aber die Bilanzen vieler großer Hotels sieht, wird sich enttäuscht hinterm Ohr kratzen. Wer Geld in solchen Unternehmen hat, wird auch seine Sorgen darum haben. – Und warum? Nur weil die meisten Wirte und ihre Angestellten es noch nicht verstanden haben, geschäftlich aufzutreten. Alle Hochachtung vor ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Zuvorkommenheit! – Aber es gibt Grenzen, wo es heißt:
»Business is Business.«
Man sehe sich nur die großen Dampferlinien mit ihren schwimmenden Hotelpalästen an! Da wird doch nicht gepumpt! Da macht der Wirt auch keine besonderen Komplimente. Da darf ein Gast sich nicht einmal mucksen und in unvernünftiger Weise den Mund aufmachen! Und keiner wird es von selber wagen. – Wer es versucht, gratis zu leben, wird per Schub zurückexpediert und muß seine Fahrt abarbeiten. – Das ist Business! So sollte es auch in den Hotels auf dem Lande sein! – Die Wirte sollten ein Gesetz haben, welches ihnen das Recht gibt, jeden saumseligen Genußmenschen, ob Aristokrat oder Bürger, in seinem Hotel beschäftigen zu können, bis die Schuld abgetragen ist. – Wo? – Na, da kommt doch nur die Aufwaschküche in Betracht, wo der Schuldner Teller waschen und Kasserollen scheuern müßte. Denn zu höheren Leistungen besitzen solche Epikureer gewöhnlich nicht die Fähigkeiten. Ein hochgeborenes Aufwaschküchenpersonal wäre in der Tat viel mehr Reklame und Nutzen für ein Hotel, als die Gegenwart solcher zweifelhaften Gäste. Leute mit einer brennenden Genußsucht im Herzen und minus den nötigen Mitteln im Beutel würden sich dann in andere Gefilde begeben als in das Schlaraffenland des Wirtes, welches, wie sie glauben, keine großartige, gigantische Wohltätigkeitsanstalt, sondern in Wirklichkeit ein Geschäftshaus ist.
VI.
Die Sklaven verlieren in ihren Ketten alles,
selbst endlich den Wunsch, ihrer los zu sein.
Rousseau.
Sie haben sicher schon einmal in Ihrem Garten zur schönen Frühsommerzeit einen blühenden Rosenstock betrachtet – ich meine natürlich nicht mit den Augen eines Schwärmers oder eines Verliebten, sondern als ein Gärtner oder vielleicht gar als Naturforscher. Ihnen wird dann auch gewiß mitunter eine geschäftige Schar von Ameisen aufgefallen sein, die behende an dem Stamm und den Stielchen auf und ab liefen. – Alsdann wurden Sie noch aufmerksamer, schauten noch schärfer zu, und Sie entdeckten an den zarten Knospen und unter den saftigen Blättern versteckt ganze Herden von Blattläusen, die in ungestörter Ruhe sich am Safte des Bäumchens gütlich taten. Und mit großem Interesse sahen Sie weiter, wie die fleißigen, schlauen Ameisen eine nach der anderen zu den Blattlauskolonien pilgerten und sich dortselbst allerhand zu schaffen machten. – Aha! Sie wissen, was ich meine! – Ganz richtig! – Die Ameisen statten den Blattläusen einen Besuch ab. Sie tänzeln und scharwenzeln und krabbeln da herum, bis sie ganz dicht an die faulen Kreaturen herankommen. Dann machen sie ihr Kompliment und beginnen mit ihren Fühlern die feisten Rücken ihrer Freunde zu streicheln und zu kitzeln. Diese fühlen sich natürlich sehr geschmeichelt und geben als Dank einen »süßen, blinkenden Stoff« von sich, den die Ameisen sehr hoch schätzen. Denn darum kommen sie ja doch, die Schlauberger! Nur um die Blattläuse zu melken. Und haben sie genug, so verschwinden sie in ihrem Bau. – Man wird natürlich einige Zeitlang mit großer Freude den flinken Tierchen zuschauen. Das Leben und Treiben der Ameisen ist doch so interessant und lehrreich – man kann gar nicht genug davon sehen. – Aber man haßt die Blattläuse, das faule Gesindel, denn sie verderben auf die Dauer den schönen Rosenstock. Darum nimmt man die Spritze zur Hand und schüttelt das Stämmchen, damit die Ameisen abfallen. Die gewandten Geschöpfchen landen irgendwo sicher auf ihren Füßen, aber die Blattläuse sind zähe und bleiben hängen. Darum müssen sie mit dem scharfen Zeug abgespritzt und getötet werden. Denn sonst kann der Rosenstock nicht weiterleben –
Wie ich auf einmal auf die Naturgeschichte zu sprechen komme? – Oh, ich dachte nur eben daran, daß die Ameisen die Kellner und Wirte par excellence im Reiche der Insekten seien. Beherbergen sie nicht auch viele Gäste in ihren Bauen! Werden diese nicht gut gefüttert und gestreichelt! – Natürlich des »blinkenden Stoffes« wegen. – Der einzige Unterschied ist, daß nicht die Gäste, sondern die Wirte dabei betrunken werden. Auch sind die Ameisen businesslike genug, den Gast, der für die gute Behandlung nicht bezahlen will, einfach aufzufressen. – So können wir uns auch die geschäftigen Armeen von Kellnern vorstellen, die der sogenannten »Gesellschaft« – diesen Nichtstuern, diesen Blattläusen am Rosenbaume des Lebens – den süßen Mammon abstreicheln und abschmeicheln müssen. Diese Blattläuse saugen sich an den Knospen des grünen Lebensbaumes so fest, daß es bis jetzt noch keinem Gärtner gelungen, sie abzuspritzen. Schon viele Tausende tapferer Männer haben Millionen und Millionen Flaschen giftiger Tinte verspritzt. Es hat nichts genutzt! Noch immer sitzen die faulen Geschöpfe da und saugen dem Leben den Saft aus.
Die Ameisen sind ganz schlau! – Sie wissen, welche Arbeit sie haben würden, das Gesindel auszurotten. Darum nehmen sie nur so viel, wie sie auf einigermaßen angenehmem Wege erlangen können. – Gewiß, gewiß! Viele brave Menschen, besonders diejenigen, die aus Mangel an Gelegenheit und Fähigkeit dem Ameisenbeispiel nicht folgen können, halten solche diplomatische Lebensweise für ganz und gar verwerflich und verächtlich. Die Ameisen denken anders darüber. – Weise, gelehrte Männer bemühen sich unausgesetzt um die Ameisen und suchen die Lebensweise und die Einrichtungen dieser Geschöpfe zu erforschen. Ja, manche versteigen sich sogar zu der Behauptung, die Menschheit könne noch riesig viel von den fleißigen Insekten lernen. Namentlich in bezug auf Liebes- und Eheleben, Kindererziehung, Arbeitsweise, innere und auswärtige Politik. Dem mag sein, wie es will. Wir wollen das den gelehrten Leuten überlassen. Da aber die Kellner keine anderen Lebewesen sind als wie wir, so wollen wir uns der Kritik anschließen, welche die Art und Weise, wie die Ameisen die fetten Blattläuse behandeln und von ihnen leben, als eine für menschliche Tiere ungebührliche und verächtliche verdammt. Dies braucht unsere Achtung vor dem Fleiß und der Schlauheit der Ameisen nicht zu beeinträchtigen. Man sollte aber doch sagen, daß solch intelligente Wesen sich auch auf andere Art ihr täglich Brot erwerben könnten! – Und sie können es! –
Hierin liegt die Lösung der Trinkgeldfrage, – ein Kobold, der heutzutage die ganze zivilisierte Welt vexiert. – Im Hotel hat sich dieser Quälgeist ganz natürlicherweise eingenistet. Und so fest, daß ihm schwer beizukommen ist. Er begibt sich aber auch auf andere Gebiete.
Es ist unmöglich, in einigen Worten zu sagen, wieviel Für und Wider das Trinkgeld in sich birgt. Seine Daseinsberechtigung im Hotelwesen jedoch ist in wenigen Sätzen auszudrücken. Warum bekommt der Kellner Trinkgeld? – Weil er darauf angewiesen ist. – Warum ist er darauf angewiesen? – Weil er zu schlecht bezahlt ist, um ohne Trinkgeld leben zu können. – Warum ist der Kellner schlecht bezahlt? – Weil er Trinkgeld bekommt! – Das ist die ganze Situation. Aber so einfach sie erscheint, so schwierig ist sie. Um überhaupt nur an sie herantreten zu können, müßten wir uns zunächst klar machen, was ein Trinkgeld ist. Ich glaube, Sie, Herr Kommerzienrat, als Finanzier sind eher imstande, diese Frage zu beantworten als ich. – Soll es das sein, was der Name sagt – ein Geld zum Vertrinken? – Schwerlich! – Doch ich bin auch ein wenig Philologe, und durch die Etymologie können wir vielleicht etwas Aufklärung erhalten. – Sehen Sie, der Franzose zum Beispiel nennt das Trinkgeld »Pourboire« – im Schwedischen heißt es »Drickspengar« – beides gleichbedeutend mit dem »Geld zum Vertrinken«. – Der Italiener dagegen gebraucht die Ausdrücke »Buona mano« und »Mancia«. Hier hat das Geld etwas mit »Hand« zu tun. – Der Spanier wendet das Wort »Propina« auf »Trinkgeld« an, und es hat sonst keine andere Bedeutung. Im Englischen sagt man »fee« oder meistens »tip«. »Fee« ist ganz einfach »Bezahlung«, »Tip« dagegen hat eine mannigfaltige Bedeutung. Das Wort hängt mit dem deutschen »Tüpfchen« und »Zipfel« zusammen und heißt eigentlich »Spitze«. Dann gebraucht man es aber auch in der Bedeutung »Wink«. – Ja, nicht wahr, Herr Kommerzienrat! – An der Börse! – Richtig, auf dem Rennplatz auch! Ein guter »Tip«. Schließlich in dem Sinne auch in bezug auf die Polizei. Aber das hilft uns nicht weiter. – Die einzige Erklärung in unserem Falle kann man erhalten, wenn man »tip« etymologisch von dem mundartlichen »dibs« – süßer Sirup – herleitet, was im Volksmunde aber auch mitunter für »Geld« angewandt wird. Ich habe mich ziemlich eingehend dafür interessiert, aber die dickleibigsten englischen Wörterbücher schweigen sich über den Ursprung des Wortes »tip« in der Bedeutung »Trinkgeld« hinweg. Das Trinkgeld scheint ihnen eine sehr verächtliche Sache zu sein. – Unsere philologische Weisheit bringt uns also doch nicht viel weiter. – Zwar gebraucht man im Umgang auch noch Worte wie »Obolus« oder »Diobolus«, was sich schrecklich anhört, aber doch nur eine harmlose griechische Bezeichnung für eine gewisse kleine Münze ist. Auch das französische »douceur« wird mitunter für »Trinkgeld« angewandt. Doch man kann es höchstens als »Freundlichkeit« oder »Süßigkeit« verstehen. Das persische »Bakschisch« und noch verschiedene andere Worte, die das Trinkgeld charakterisieren sollen, sind aber auch alle nur gleichbedeutend mit »Geld«, »Geschenk«, »freiwillige Gabe« usw. Gewöhnlich aber ist das Trinkgeld eine sehr unfreiwillige Gabe, eine dringende Notwendigkeit, zu der man sich in gewissen Lagen verpflichtet fühlt und wodurch gewöhnlich höchst peinliche Situationen entstehen. Doch nirgendwo auf der Welt scheint man ihr aus dem Wege gehen zu wollen, oder besser: überall wird man hineingedrängt. In der Türkei, in China, wo wenig alkoholische Getränke genossen werden, gibt es eben »Kaffeegelder«, »Teegelder« und allerhand sonstige »Gelder«.
Ich halte des Trinkgeldgeben und -nehmen für eine echt orientalische Krankheit mit allen für den Orient charakteristischen Ansteckungsgefahren, Symptomen und Folgen. Man kann wirklich die Länder und Völker am Trinkgeld erkennen; man kann den ganzen Wert und die soziale Stellung der Nation danach bemessen ... Wo diese Form von Bezahlung für geleistete Dienste vorherrscht, da ist es faul im Staate. – Der Orient – klassisch für Korruption – mit seiner teilweise noch bestehenden Sklaverei, ist auch klassisch für das Trinkgeld. Es ist nur noch mit Beulenpest oder asiatischer Cholera zu vergleichen. – Solche unhygienische Finanzen grassieren natürlich auch in Europa sehr stark. – Rußland steht bekanntlich wie in politischer und sozialer Malpropretät so auch in finanzieller Unreinlichkeit an der Spitze der europäischen Nationen. Dort besitzt man sogar die charakteristische Roheit, das Trinkgeld »Schnapsgeld« zu bezeichnen. – Doch die anderen Staaten Europas sind nicht minder von der orientalischen Krankheit verseucht. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird noch am wenigsten Trinkgeld gegeben, weil im großen ganzen die Arbeitslöhne gut und geregelt sind. Allein in den letzten Jahrzehnten hat mit der zunehmenden europäischen Kultur und Sitten auch das Trinkgeldwesen sehr zugenommen. Die Trusts sorgen eifrig dafür, daß es den Lohnarbeitern und kleinen Leutchen nicht allzu gut gehe, und sie schrauben demgemäß die Preise für Lebensbedürfnisse in die Höhe in einem Tempo, worin die Lohnsätze nicht folgen können. – So ist dem freien Durchschnittsamerikaner auch schon eine gewaltige Hochachtung vor dem Trinkgelde beigebracht worden.
Wie lange die Menschheit schon von der Trinkgeldkrankheit behaftet ist, läßt sich gar nicht sagen. Jedenfalls ist sie so alt wie die Gastwirtschaftsindustrie, in der sie sich noch am stärksten erhalten hat. Ganz hitzige Köpfe in unseren Tagen beheben häufig, das Trinkgeld als eine gelinde Form von Bestechung zu bezeichnen. Trifft diese Bezeichnung zu, so ist das Trinkgeld sehr, sehr alt; denn die Bestechung in jeder Form ist eine erbliche Angewohnheit der Menschen. Schon im grauen Altertum gab es keine Festung, die nicht ein mit Gold beladener Esel hätte einnehmen können. Das Mittelalter mit seinen schlechten sozialen Verhältnissen und sonstigen unhygienischen Zuständen war natürlich die Blütezeit des Trinkgeldes. Vom Hofmarschall herab bis zum geringsten Kanzleischreiber, vom Meister bis zum Lehrling, hoch und gering, – alle waren sie die Ritter von der hohlen Hand. – Die trotzigen Meister der Zünfte schämten sich nicht, für sich und ihre Gehilfen ein Trinkgeld zu verlangen, wenn der Patron, der sie mit einem Auftrage betraut hatte, befriedigt vor dem fertigen Meisterwerke stand. Albrecht Dürer, ein wackerer deutscher Mann, ein unerreichter Meister des Pinsels und des Stichels, heute noch und für alle Zeiten der Stolz der ganzen deutschen Nation, war auch von der unheilvollen Krankheit behaftet, Trinkgelder zu verlangen. Er hat dies sogar schriftlich gegeben, damit es niemand später abstreiten könne. – Aber selbst schon damals gab es Männer, die die Verderblichkeit dieser niederen Angewohnheit erkannt hatten. Die ehrlichen, braven, gestrengen Räte und Landesväter, die die bayrische Landesordnung vom Jahre 1553 verfaßten, haben sich gegen solche Übelstände gesträubt.
Ich kann mich wirklich nicht mit dem Worte »Trinkgeld« zurechtfinden. Da es aber der gebräuchlichste Ausdruck für freiwillige Belohnung geleisteter Dienste ist, von Diensten, die der Empfänger nach eigenem Gutdünken selber abschätzt und ein dementsprechendes, xbeliebiges Stück Geld dafür hinwirft, und wo derjenige, der den Dienst geleistet hat, geduldig und demütig harrend dastehen muß, bis ihm das xbeliebige Geldstück hingeworfen wird und dabei gar nichts über das Gewicht und die Dicke des Geldstückes zu sagen hat, ja nicht einmal mucksen darf, wenn er überhaupt nichts bekommt, so will ich ihn – den Ausdruck »Trinkgeld« – seiner Gebräuchlichkeit wegen beibehalten und anwenden, wo ich seiner bedarf. – Unter die Kategorie der Trinkgelder fallen demnach auch die milden Gaben, die eine dankbare Nation ihren großen Leuten gibt, wenn diese alt geworden sind und zufällig nicht genug zu essen haben. Das sind die Gaben, die zum Beispiel alte Dichter bekommen, weißhaarige Sänger, die in ihrem Leben so lange gehungert haben, bis das Volk auf einmal einsieht, daß es dem alten Herrn etwas schuldig ist. Ein jeder Bürger – diese Behauptung ist zwar etwas optimistisch – greift dann in seinen Säckel und rechnet an den Fingern ab, wie groß die Dienste des alten Herrn Dichters sind und wieviel Trinkgeld er, der Herr Bürger und Empfänger der besagten Dienste, geben kann. Ein dritter Herr im schwarzen Gehrock und Zylinderhut sammelt das Geld ein, schreibt es gewissenhaft auf, und der Herr Bürger kann am nächsten Morgen seinen Namen in der Zeitung sehen. Wenn es darauf nichts mehr zu sammeln gibt, schenkt der Herr im Zylinder das Sümmchen Trinkgeld dem lieben alten, verdienstvollen Sänger. – Es gehen viele solcher schwarzen Herren herum und sammeln Trinkgeld für geleistete Dienste. Trotzdem die pekuniäre Störung im Momente der Inspiration ganz besonders empfunden wird, wie Busch sagt, so wandert dennoch der Klingelbeutel mit Trinkgeldabsichten umher und stört die braven Gläubigen in der Andacht. Wenn der Herr Pfarrer besonders schön und erbaulich gepredigt hat, gibt man gewöhnlich gern ein besonders fettes Trinkgeld. Ja, hartgesottene Sünder lassen sich oft erweichen, statt des billigen, bequemen blanken Hosenknopfes zwei Pfennig für eine erbauliche Andacht zu geben.
So schätzte das deutsche Volk die Dienste seines Eisernen Kanzlers ab und überreichte ihm auf Friedrichsruh in einem Eichenkranz mit Schleifen und der Aufschrift: »Für treue Dienste« das wohlverdiente Trinkgeld. So würdigt die gesamte gläubige Welt die Dienste des Heiligen Vaters, und so bekommt der Nachfolger Petri sein Trinkgeld oder seinen Peterspfennig, wie man es bescheiden nennt.
Wenn das Volk nun einmal mit den Diensten solcher hochgestellten Trinkgeldempfänger wenig zufrieden ist und wenn infolgedessen das Ehrengehalt, Opfergabe, Spende, Peterspfennig oder wie man sonst noch das Trinkgeld taufen mag, etwas mager ausfällt, so können die betreffenden Herren Empfänger auch nichts anderes machen als das, was irgendein ganz plebejischer Bakschischheischer in einem Falle von wenig generöser Abschätzung seiner Dienste machen kann, d. i. heimlich schimpfen. Laut und hörbar zu schimpfen spricht von einer überaus großen Gemütsroheit und Undankbarkeit. Indessen tritt diese leider sehr häufig auf. Oft wird sie ganz unverblümt von der Kanzel heruntergedonnert.
Bei einem ansehnlichen Trinkgelde, oder wenn es sich gar um fette Ziffern handelt, erfindet gewöhnlich der respektvolle Mensch allerhand wohlklingende Namen. Mit dem Namen und der Summe, die das Trinkgeld repräsentiert, steigt dann auch natürlicherweise die Achtbarkeit desselben, so daß jeder dann ungeniert seine Hochachtung vor dem Trinkgelde ausdrücken darf. – Ganz wie beim Menschen selber. Daher ist es auch erklärlich, daß selbst die höchsten Persönlichkeiten Trinkgelder annehmen können und sie dankend quittieren.
Ein sehr düsteres Bild von der Notwendigkeit und der Wirksamkeit des Trinkgeldes entfaltete sich anfangs 1909 in New York, wo sich zu den bevorstehenden Wahlen des Bürgermeisters und der städtischen Verwaltungsbeamten eine neue Partei gebildet hatte, die beantragte, daß der neue Bürgermeister außer seinem Gehalt, welches höher ist als das des Präsidenten der Vereinigten Staaten, nach Ablauf seiner Amtstätigkeit einen »Bonus« von fünfhunderttausend Dollars erhalten solle. Dieser »Bonus«, Gratifikation, Geschenk, Trinkgeld – was es nun gerade ist – sollte durch Subskription unter Privatleuten beschafft werden, damit die politische Unabhängigkeit, die Unparteilichkeit des neuen Würdenträgers und zugleich die Wohlfahrt der Stadt gesichert sei. Die Urheber dieses Gedankens behaupteten, daß es auf eine andere Weise unmöglich sei, einen Mann für den Posten zu erhalten, der seine Pflicht auf ehrliche Weise ausführen würde. – Die Partei klagte weiter, daß diese radikalen Maßnahmen – nämlich der »Bonus« – durch die bisherige Verwaltung der Stadt, – die schlechteste in irgendeiner Großstadt – notwendig geworden seien. Entblößt, beraubt, betrogen, so gut wie bankerott stehe die herrliche Stadt nun da und bedürfe eines »ehrlichen und kompetenten« Verwalters. Selbst die dümmste und ungebildetste Bevölkerung der Stadt habe nun einen dämmerigen Begriff bekommen, was eine derartige Mißwirtschaft der öffentlichen Angelegenheiten – das Wort sei nur ein beschönigender Ausdruck für Diebstahl und Schwelgerei auf Kosten der Stadt – bedeute. – – Man will also durch eine Trinkgeldversprechung die neue Stadtverwaltung bewegen, ehrlich und haushälterisch, unbestechlich und unparteiisch zu arbeiten. – Welche Abgründe werden da vor unseren Augen geöffnet! –
Über die Gefühle, die der Mensch bei der Entgegennahme eines Trinkgeldes hegt, läßt sich vieles sagen. Indes muß ich gleich hinzufügen, daß dergleichen Gefühle zu sehr durch äußere Umstände bestimmt werden, als daß man eine einheitliche Regel auf sie anwenden könnte. Die äußeren Umstände sind nämlich, wie wir bereits gesehen haben, die verschiedenen Bemäntelungen, worin das Trinkgeld auftritt. Jedoch auch diese Verkleidungen sind noch nicht der letzte, der bestimmende Faktor für die Gemütserregung des Empfängers. Nein, die Entscheidung hängt einzig und allein von dem Moment ab, wo das empfängliche Gemüt den ersten Eindruck von der materiellen Bedeutung des Trinkgeldes in sich aufnimmt und über das Verhältnis der Wirklichkeit zu seinen vielleicht idealen Erwartungen unterrichtet wird. Die Möglichkeiten für alle Arten von Gefühlsausbrüchen sind daher uneingeschränkt. Und ihr Feld wird sonderbarerweise noch bedeutend durch das bemerkenswerte individuelle Verhalten des Trinkgeldes erweitert. Seinerseits erhebt nämlich das ganz winzige Trinkgeld gewöhnlich die größten Ansprüche auf eine regelrechte, öffentliche, möglichst feierliche Kundgebung von überwallenden Dankbarkeitsgefühlen. Höchst ungerecht und arrogant, aber charakteristisch wie für jede Kleinigkeit. Der gewöhnliche Kellner wird besonders davon getroffen und hat sehr unter der Tyrannei zu leiden. Das Trinkgeld von mittelmäßiger Bedeutung gibt sich meistens mit einer angemessenen Verbeugung des lächelnden Empfängers zufrieden. Das große Trinkgeld – generös wie es ist – beansprucht nichts. Höchstens eine Empfangsbestätigung auf Papier. Der Ordnung halber. Auch der Empfänger verhält sich hier äußerlich sehr ruhig. Wir können uns aber nur in wenigen Fällen auf äußerliches Verhalten verlassen. Es ist für die inneren Gefühle des Kulturmenschen meistens nicht maßgebend.
Es hängt also ganz allein von dem Trinkgelde ab, ob es für uns an- oder unannehmbar, achtbar, ehrfurchterregend oder das Gegenteil davon ist. Und der Empfänger empfindet dieser Beschaffenheit entsprechend. Es ist ihm aber im Interesse seiner Gesundheit und seines Seelenfriedens dringend anzuraten, keine allzu hohe Überzeugung von der Güte seiner Leistungen zu besitzen. Für den Trinkgeldempfänger kann eine solche Selbstüberhebung verderblich werden. Überhaupt in allen Lebenslagen ist sie schädlich, denn sie ist zum allerwenigsten lächerlich und provoziert die Mitmenschen.
Wenn der Kaufmann Nr. 1 dem anderen Nr. 2 aus purer Freundschaft einen guten Wink gibt – ja ganz richtig: einen »Tip« – oder ihm ein Geschäftchen vermittelt, das er aus den verschiedensten Gründen nicht selber machen kann oder will, so darf er dafür nicht zuviel Trinkgeld verlangen. Es ist nicht schön von ihm. Der Kaufmann Nr. 2 wäre auf die besagte Geschäftsgelegenheit vielleicht ohne die Güte des Nr. 1 aufmerksam geworden. Aber selbst in der nüchternen Geschäftswelt, wo nur Ziffern und keine Gefühle reden, hat man so viel Anstand besessen und das häßliche Trinkgeld in ein schönes Kleid gesteckt. – Ja, in diesem Kleide heißt es »Kommission«. – Sie meinen, man könnte die Kommission nicht zu den Trinkgeldern rechnen!? – Oh, man hat sogar die Illegitimität derselben erkannt und versucht, sie legitim zu machen, indem man sie im voraus vereinbart und sich über die Materie klar ist, bevor das Geschäftchen zustande kommt. Dieses Verfahren verhindert viel Unannehmlichkeiten. Ein Trinkgeld im Kommissionskleid oder ein Wolf im Schafspelz ist ungefähr das gleiche.
Ich will Ihnen aber zeigen, welch feiner Mensch der Kellner ist, wieviel Anstand und Zartgefühl er besitzt. Er hat nicht die Frechheit und Unverfrorenheit, das ihm zustehende Trinkgeld im voraus zu vereinbaren. Er wartet geduldig, bis er es erhält oder auch nicht erhält. Wie der schwindlerische Kellner niemals mit großen Zahlen manipuliert, so hat der ehrliche Kellner auch niemals mit Trinkgeldern von respektablem Umfang zu tun, wie die Menschen in höheren Lebensstellungen. Und wie der Wert und die Achtbarkeit des Trinkgeldes mit seinen Ziffern steigt oder sinkt, so finde ich es denn auch ganz verständlich, daß das Trinkgeld des Kellners eine entsetzlich lächerliche und verächtliche Bagatelle ist. Und der Mensch, der sich mit solchen Dingen abgibt, ist eben auch nur ein ganz niedrig stehendes Individuum. Nur derjenige, der die großen Summen handhabt, kommt in Betracht. Darum sollten sich die Kellner eben auch nur mit ganz enormen Trinkgeldern abgeben oder mit gar keinen. Da die ersteren aber sehr rar sind und der Kellner auf die Bagatelle angewiesen ist, so können wir hieraus leicht das Dilemma, in dem er sich befindet, erkennen.
Ja, sehen Sie! Da haben wir's! – Auf der ganzen Welt herrscht dieser freundliche Glaube! Die Hotelangestellten, denken die Gäste und überhaupt jedermann, nehmen so viel an Trinkgeldern ein, daß die Glücklichen sich nach Verlauf von – sagen wir – zehn Jahren selber ein Hotel oder doch mindestens ein kleines Rittergut genehmigen können. Und aus diesem freundlichen Glauben suchen dreierlei Parteien Vorteile zu schöpfen. Erstens der junge Angestellte, der sich in zehn Jahren das kleine Rittergut oder das große Hotel kaufen will, zweitens der Hotelbesitzer, der mit der allzu großen Vermehrung von Hotels nicht einverstanden ist, und drittens das liebe Publikum. Die Vorteile, die der Angestellte sucht, gelten natürlich der eigenen Tasche, die Absichten des Hoteliers und des Publikums sind nicht minder auf dasselbe Ziel gerichtet.
Der Prinzipal, der von den fabelhaften Trinkgeldern hört und sieht, hält es mit Recht für unnötig, die beneidenswerte Lage der Angestellten noch durch hohe Gehälter zu verschönern. Manche Prinzipale gewähren aus diesem Grunde gewissen Angestellten überhaupt keine Gehälter. Die Leute dürfen glücklich sein, daß sie bei ihm überhaupt geduldet werden. Wieder andere Prinzipale, von einer heillosen Angst vor der zukünftigen Konkurrenz ihrer Angestellten angetrieben, suchen die nahende Flut solcher Gefahren einzudämmen, indem sie im Namen des heiligen Rechtes, das ihnen zusteht, einen Teil der Trinkgelder ihrer Angestellten im eigenen Sack verschwinden lassen. – Sie verkaufen also eine fette Stelle an den Meistbietenden. Eine juristisch durchaus ehrliche, achtbare und zulässige Geschäftstransaktion. Selbst in Amerika kommt dies vor. Der Cloak Room-»Boy« – der Garderobe-»Junge« eines Riesenhotels – ein ganz beträchtlicher Finanzier – muß oft zehntausend Dollars jährlich für das Privilegium zahlen, sein Dasein führen zu können, und außerdem muß er noch eine Herde von anderen »Jungen« und Parlormaids zu seiner Hilfe aus eigenen Mitteln anstellen. Selbst in kleineren Betrieben lassen wieder andere Prinzipale die Angestellten an aufreibenden Posten, wo so ungeheuer viel Trinkgeld eingeheimst wird, vollständig ohne Hilfe stehen und drohen mit Entlassung, wenn nicht »alles klappt«. Der Angestellte in seiner Angst, die Stelle zu verlieren und seine Gesundheit zu schonen, engagiert sich die notwendige Hilfe auf eigene Rechnung. So hat ein großer Oberkellner oder ein Portier sehr häufig seinen Privatsekretär, der mit dem Hause, in welchem er arbeitet, direkt nichts zu tun hat und nur für den Mann lebt, der ihn engagiert hat und ihn entlohnt. – Es ist eine alte Geschichte, daß ein Hausknecht häufig ein halbes Dutzend anderer Hausknechte beschäftigt und bezahlt. So kommt er dadurch in die rätselhafte Situation, daß seine Kollegen zu gleicher Zeit Hausknechte bei ihm sind. – Sie lachen, mein lieber Freund! – Das sind Lagen, verzwickte Produkte des zwanzigsten Jahrhunderts, Blüten, die überall zu finden sind. In manchen komplizierten Ehe- und Verwandtschaftsverhältnissen kann es vorkommen, daß man eines Morgens als sein eigener Stiefgroßonkel aufwacht.
Wir wollen uns daher nicht über die Hausknechte bei einem Hausknecht amüsieren. In den großen Hotels, wo die Oberkellner ihren eigenen Speisesaal haben, gibt's sogar einen Oberkellner für die Oberkellner. Na also! –
Die Vorteile, die das liebe Publikum aus den Märchen von den Trinkgeldschätzen zu ziehen sucht, liegen natürlich klar auf der Hand. Manchem Gaste, der mit seinem Gelde rechnet oder zu rechnen hat, treten bei der Abschätzung der vom Kellner geleisteten Dienste die horrenden Einkünfte des Menschen vor Augen. »Na,« denkt er, »der Mann verdient ja ohnehin so viel, und ich bin gerade knapp bei Kasse.« – In einem solchen Falle wird das Trinkgeld sehr mager sein, oft selbst so unscheinbar, daß es nur ein illusorischer Begriff ist, der sich mit dem Sehnerv oder dem Sinne, der in den Fingerspitzen steckt, nicht wahrnehmen läßt. – Wenn solcher Fälle viele auftreten – und sie kommen – so wird das Budget des Kellners dadurch sehr beeinträchtigt. Wenn nun alle Gäste eine nebelhafte Vorstellung von den Einkünften eines Kellners haben – und die haben die meisten – und wenn diese Vorstellungen optimistisch sind – was gewöhnlich der Fall ist – dann schrumpft das Trinkgeld zu einem hoffnungslosen, vagen Begriff zusammen, mit dem der Kellner sich auf die Dauer nicht zufrieden erklären kann.
So sind die Aussichten des Kellners auf eigene Hotels und Rittergüter verhältnismäßig gering. Dank dem optimistischen Publikum, dank eigensüchtigen Prinzipalen. Und selbst von den freigiebigen Gästen, die in dem großen Gewühle von Geizhälsen und Optimisten des Kellners einzige Hoffnung und eisernen Bestand bilden, geht dem Armen viel verloren. Die freigiebigen Leute sind gewöhnlich gutmütig und vertrauend, aber auch leider ignorant in vieler Hinsicht. Sie verteilen den Lohn für das gute Service, das sie erhalten haben, oft so ungeschickt wie möglich. Das Trinkgeld gerät dann meistens an die unrichtige Adresse, und er, der am meisten zum Wohlbefinden der Gäste beigetragen hat, der Kellner, wird entweder vergessen oder geflissentlich von denen, die das Trinkgeld einheimsen, übersehen. Daß dies ein Mistbeet für allerhand Auswüchse häßlichster Leidenschaften ist, braucht man wohl gar nicht zu bemerken.
In vielen Hotels hat sich die geradezu satanische Methode eingebürgert, daß alles Trinkgeld in eine gemeinsame Kasse fließen muß, die von dem Argusauge des Herrn Oberkellners bewacht und deren Inhalt am Schlusse der Woche »gerecht« verteilt wird. Viele Menschen haben sehr individuelle Rechtsbegriffe. So auch manche Hoteliers und Oberkellner. Manchmal sollte man sagen, die Leute hätten zehn Semester Jura studiert. – Ein Drittel – wenn nicht gar mehr – dieser Kasse fließt gewöhnlich dem Herrn Ober zu, fünfzig Prozent vom Rest wird unter den Assistenz-Oberkellnern verteilt, der Rest vom Rest, also höchstens fünfundzwanzig bis dreißig Prozent vom Ganzen, geht unter die vielen Kellner, die davon gewöhnlich noch etwas ihren treuen Pikkolos abgeben müssen, ohne deren Hilfe sie vielleicht nicht fertig geworden wären. – Hier gebiert das Böse wiederum Böses. Die ungerechte Verteilung verleitet die Kellner natürlich oft, nur einen Teil des sauer verdienten Trinkgeldes in die Kasse fließen zu lassen, und sie machen sich so der Unterschlagung schuldig. Selbst das ehrlichste Gemüt wird Grund genug für einen solchen Akt finden und wird die Stimme des Gewissens mit erfundenen Theorien zu beschwichtigen suchen. Dies ist gewöhnlich der erste Schritt zur wirklichen Unterschlagung, wenn die Feinheit des Gewissens durch das Praktizieren solcher Tricks abgestumpft ist und sich einen Grund für eine verbrecherische Tat ausheckt. Derartige Systeme sind also geradezu Vorschulen für den werdenden Verbrecher. Sie kitzeln und animieren die verbrecherischen Instinkte, die in jeder menschlichen Brust schlummern. Ein Kellner ist gewöhnlich in den Jahren der Jugend, wo sein Gemüt am dunkelsten, am chaotischsten und zugleich am empfänglichsten ist. Die äußern Einflüsse bestürmen ihn so gewaltig, daß er sich oft der unheimlichen Mächte nicht mehr entziehen kann und sinkt, rettungslos sinkt.
Das Rittergut des Kellners liegt also nicht so nahe, wie man glauben sollte. – Was bleibt ihm sonst noch übrig? – Sein Gehalt. Dies Gehalt ist, wie wir sahen, infolge des freundlichen Glaubens an das Trinkgeld überall gering – meistens sehr gering – manchmal sogar Null, in allen Fällen aber für das, was der Kellner zu leisten hat, für die Kenntnisse, die Geistes- und Körperkräfte, die man von ihm verlangt, für die überaus unangenehme, oft gesundheitsschädliche und vielfach geradezu unerträgliche Tätigkeit des Kellners, für die Atmosphäre, in der er sich bewegt, für die langen Überstunden und oft grausam lange, regelmäßige Arbeitszeit, für den Verlust eines Sonn- oder Ruhetages – für das alles ist das Gehalt des Kellners überall auf der ganzen Welt bettlerhaft, nein, sklavisch.
Dies Gehalt richtet sich, wie gesagt, nach dem Charakter des Hauses. Das Durchschnittsgehalt in Deutschland beträgt vielleicht kaum fünfunddreißig Mark monatlich, im übrigen Europa, in Asien und Afrika dreißig bis vierzig Franken, in Amerika ungefähr fünfundzwanzig Dollars. In Australien dagegen hat man in jüngster Zeit die Löhne versuchsweise gesetzlich geregelt, so daß diese ziemlich annehmbar erscheinen. Ich habe leider keine Statistiken darüber und nenne diese Ziffern, wie ich sie auf meinen Reisen erfahren habe. Nebst seinem Gehalt empfängt der Kellner von seinem Arbeitgeber in Europa und Amerika fast ausnahmslos Kost im Hause. In Europa tritt in fast allen Fällen noch ein obligatorisches Logis im Hause dazu. Man hat jedoch in Amerika bereits die Verwerflichkeit solcher Sklaverei eingesehen und sie aus praktischen und moralischen Gründen abgeschafft. Höchstens in einzelnen Sommerhotels wird es den Kellnern anheimgestellt, ihre Quartiere nach Belieben im Hause oder außerhalb desselben aufzuschlagen.
Ja, diese aufgezwungene Verpflegung sieht wunderbar schön und mildtätig aus. In Wirklichkeit aber ist es anders. Denn der Angestellte muß dafür – schlecht, wie sie in den meisten Fällen ist – natürlicherweise indirekt schwer bezahlen. Sie wird ihm als einen Teil seines Gehaltes vorgerechnet. In Deutschland berechnet ein Hotelier seinem Kellner – sagen wir – dreißig Mark für monatliche Kost und vielleicht zwanzig Mark für das monatliche Logis. Summa fünfzig Mark. – Schön. Da der Prinzipal nun aber die Rohmaterialien für die Kost im Großen einkauft und in vielen Fällen sogar bezahlte Speisenreste seiner Gäste zur Abfütterung seiner Angestellten verwertet, so macht er dabei ein sehr lukratives Geschäft. Bei einer großen Anzahl von Angestellten läuft dies natürlich kolossal zusammen und bildet eine beträchtliche Einnahmequelle des Prinzipals. – In seinem großen Hause findet der Hotelier natürlich auch genügend Speicher- und Kellerräume, viele Winkel und Stuben, um seine Schar von Angestellten zu beherbergen. Für die Gäste können derartige Löcher nicht in Betracht kommen, als sonstige Betriebsräume sind sie vielleicht nicht geeignet oder überflüssig. Folglich stehen sie leer und sind unbenutzt. Aber jeder Quadratzoll, den ein Hotel bedeckt, kostet Geld, oft sehr viel Geld, und somit ist jeder unbenutzte Raum in dem Gebäude verlorenes Geld. Die obligatorische Einquartierung der Angestellten ist daher aus diesem Grunde höchst erwünscht. Die Angestellten, die im Hause schlafen müssen, sind wertvollere Gäste als die Gäste selber. Sie lassen sich irgendwo, in irgendeinen Stall hineinpferchen und bezahlen schweres Geld dafür. Denn für zwanzig Mark im Monat bekommt man überall ein halbwegs menschenwürdiges möbliertes Zimmer – wenigstens nach unseren heutigen Begriffen – und vielleicht noch liebenswürdige Wirtsleute obendrein. Der Kellner und die anderen Angestellten des Hotels werden aber nicht selten zu fünf oder zehn Personen in einem Raume kaserniert, der kaum mehr als den gesetzlichen Kubikinhalt hat. Oft hat er diesen nicht einmal. Und für solches Quartier bezahlt der Kellner seine hohe Miete. – Von den Unannehmlichkeiten, Unzuträglichkeiten, von der zweifelhaften Gütergemeinschaft, die durch das Zusammenleben in solchen Quartieren entstehen, will ich schweigen. Ich will schweigen von der Schmucklosigkeit, die solchen Räumen anhaftet. Sie sehen allem ähnlich, nur keinem Heim, dessen ein hart arbeitender Mensch zur Ruhe und Erholung dringendst bedarf. Ich will schweigen von den unhygienischen, schmutzigen Zuständen, die sich dabei notwendigerweise entwickeln müssen. Ich will schweigen von der deprimierenden, erdrückenden Wirkung, welche derartige Quartiere auf das Gemüt des jungen Menschen haben, der soeben seinen Arbeitsplatz – eine Stätte des Überflusses, des Reichtums und der Üppigkeit – verließ. Hier hat er Gelegenheit, erst recht sein eigenes Elend einzusehen und darüber nachzugrübeln. – Ich will schweigen von den verderblichen Folgen, welche Massenquartiere von jungen Leuten beiderlei Geschlechts mit sich führen. Wir brauchen keine Moralisten zu sein, um uns über die bestehenden Versuchungen und den Verfall der Moral der Angestellten zu entrüsten. – Nein, wir wollen keine Moralisten sein. Wir wollen uns nicht darüber entrüsten. Wer schlecht sein will, kann es irgendwo und überall sein. Ein reiner Mensch kann in einem Pfuhl von Laster und Elend stecken, ohne daß er davon berührt wird. Aber der Ekel, die Krankheiten an Leib und Seele, die solche Umgebungen auf die Dauer selbst dem stärksten Gemüte aufdrücken, sind unbeschreiblich.
Und für solche Umgebungen und Einflüsse bezahlt der Kellner schweres Geld. Um solcher Quartiere willen, die nur der Bereicherung seines Arbeitsgebers dienen, der schon ohnehin zu viel Nutzen aus seinen Angestellten zieht, muß der Kellner den Gedanken an ein gesittetes Familienleben von vornherein als etwas ganz Unmögliches von sich abweisen. Um solcher Quartiere willen kann er kein menschenwürdiges Dasein führen, darum geht ihm die so notwendige Ruhe und Erholung ab. – Freilich hat die obligatorische Einquartierung ihren doppelten Vorteil – für den Prinzipal. Er kann seine Leute möglichst lange im Geschäft halten und sie je nach Bedarf – immer – bei Tag und Nacht – zitieren, sie möglichst früh wieder heraustrommeln. Sie sind ihm immer zur Hand – immer! – Natürlich veranlassen solche ekelhaften Zustände die jungen Leute, statt nach der Arbeit sich zur Ruhe zu begeben, noch spät in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen zu fliehen und im Nachtleben der Großstädte Zerstreuung zu suchen.
Ich war sehr generös im Kostenanschlag für das Logis und die Nahrung, die dem Kellner als ein Entgelt für seine Dienste aufgenötigt werden. Ich kann mit ruhigem Gewissen behaupten, daß die Kost einer Volksküche oft besser, nahrhafter, appetitlicher zubereitet ist, als das Futter, das man gewöhnlich dem Kellner vorwirft. Auch hier hat er wieder schmerzliche Gelegenheit, Vergleiche zu ziehen zwischen seinem Menü und dem der glücklicheren Menschen, die er abfüttert. – Eine monatliche Pension in einer Volksküche wird nicht die Summe von dreißig Mark, die ich für Kellnerkost veranschlagt habe, verschlingen. Dafür kann man sich schon ganz leidlich in einem Privatkosthause oder bei einer anständigen Bürgerfamilie durchbringen, wo es gute Hausmannskost und gelegentlich einen saftigen Braten oder ein Hühnchen am Sonntag gibt. – Die veranschlagten zwanzig Mark als monatliche Miete für einen Stall – denn mehr kann man die sumpfigen Quartiere meistens nicht nennen, sind gleichfalls reichlich. Addieren wir nun diese zwei Zahlen zu dem schon oben erwähnten Gehalt von rund fünfunddreißig Mark, so ergibt dies eine Summe von fünfundachtzig Mark, die der Kellner von seinem Arbeitsgeber für die geleisteten Dienste monatlich erhält. Und nehmen wir an, daß er nur vierzehn Stunden durchschnittlich im Tage arbeitet, so erhält er für eine monatliche Arbeitszeit von dreißig mal vierzehn – also vierhundertundzwanzig Arbeitsstunden einen Lohn von zirka zwanzig Pfennig pro Stunde. Dies ist ein Lohnsatz, mit dem sich nicht der geringste Tagelöhner zufriedengibt.
Die illusorische Summe von fünfzig Mark, veranschlagt für die Verpflegung, zieht nicht viel direkte finanzielle Auslagen für den Prinzipal nach sich. – Das Personal, welches für die Verpflegung des Personals engagiert ist, ist nicht zahlreich. – Gewöhnlich probieren die angehenden Kochkünstler, die Lehrlinge in der Küche ihrer Künste an dem Essen des Personals. Das Menü des Personals ist oft sozusagen ein Versuchskaninchen. Auch hierin liegt ein Profit des Prinzipals. In den meisten Fällen braucht er den Lehrlingen kein Gehalt zu geben – im Gegenteil, diese bezahlen oft das Haus noch, damit sie das Essen der Angestellten versalzen und anbrennen lassen dürfen; zweitens erstreckt sich die verheerende und zerstörende Tätigkeit dieser jungen Schüler des Lukulls nicht auf die delikaten Rohmaterialien, die hübsch zubereitet die Tafel der Gäste zieren sollen, sondern auf den minderwertigen Fraß der Angestellten, welche nichts zu sagen haben. Die jungen Köche lernen auf Kosten des Personals die Grundelemente ihres Handwerks; sie ersparen dem Prinzipal erfahrene Personalköche und zugleich Rohmaterialien, die in ungeschickten Fäusten entheiligt und zerstört würden. Drei Fliegen mit einer Klappe. –
Für die Reinigung und Instandhaltung der Personalquartiere genügen einige alte Weiber. Gewöhnlich sind dies Frauen mit einem langweiligen Lebensroman und traurigen Augen. Still und langsam verrichten sie ihre Arbeit; das junge Volk hat Nachsicht, wenn nicht alles so ist, wie es sein sollte, denn die Alten leben ja nur noch aus Gnade und Barmherzigkeit und kriegen ihre zehn Mark im Monat. –
Wenn wir nun die direkten monatlichen Gesamtauslagen eines Prinzipals, die ihm durch die Verpflegung eines Angestellten verursacht werden, hochgegriffen, auf zehn bis fünfzehn Mark beziffern, so hat er gemäß unserer Kalkulation einen Reingewinn von fünfunddreißig Mark pro capita, denn die fünfzig Mark, die er dem Kellner für Verpflegung in Rechnung stellt minus fünfzehn Mark, die ihn die Verpflegung tatsächlich kostet, ergeben diesen Reingewinn. So hätte also, streng genommen, der Durchschnittshotelier die Dienste eines Kellners gewöhnlich ganz umsonst. Ja, unter Umständen verdient er noch obendrein an seinem Angestellten. Denn wenn er auch fünfunddreißig Mark in bar an Gehalt zahlt, so wird dies doch durch den Gewinn von fünfunddreißig Mark an der Verpflegung des Angestellten aufgehoben. Und wenn die Auslagen für die Verpflegung noch weniger betragen als die veranschlagten fünfzehn Mark, so ist jeder Pfennig darunter eine Gratiszugabe zu den Gratisdiensten, die der Kellner dem Hause verrichtet. Und was erst, wo der Angestellte gar kein Gehalt in bar erhält und sogar noch einen Teil seiner Trinkgelder an den Prinzipal abliefern muß?! –
Mit dem Lohnsatze des Kellners aber gibt sich kein Handlanger zufrieden. Mit dem Gehalt von fünfunddreißig Mark pro Monat plus den illusorischen fünfzig Mark in Naturalverpflegung kann auch kein Kellner zufrieden sein. Es ist kein Äquivalent für seine Leistungen. Nein, es deckt nicht einmal die monatlichen Auslagen des Kellners. Der Prinzipal verlangt von seinen Leuten, daß sie nicht nur reinlich und anständig erscheinen, denn dies darf jeder Prinzipal verlangen – nein, sie sollen womöglich nobel, hochnobel auftreten. – Dies ist zwar ein sehr dehnbarer Begriff, aber um ihm nur halbwegs gerecht zu werden, braucht man schon einen ansehnlichen Posten Geld. Die Wäsche verschlingt einen großen Teil davon. Kragen, Manschetten, Hemden sind wegen der anstrengenden Tätigkeit des Kellners nach einmaligem Gebrauche gewöhnlich zu erneuern. In den Sommermonaten wächst es ins Ungeheure. Die absurde Mode, den Vielgeplagten selbst in der größten Hitze mit steifem Kragen, weißem Panzerhemd und engem, schwarzem Frack zu quälen, verschlingt eine Menge Geld. Die gute Kleidung des Kellners wird durch den häufigen Kontakt mit fettigen Schüsseln und Gegenständen in der Küche gleichfalls sehr bald ruiniert. Ein neuer Frack in jedem Quartal ist die Regel des anständigen Kellners. Mit dem Schuhzeuge geht es gleichfalls nicht besser. Gute, leichte Schuhe, die für den Kellner nur in Betracht kommen, halten einen täglichen Sturmschritt von zehn, zwanzig, oft dreißig Kilometern treppauf und treppab über Teppiche, Marmor- und Steinfliesen nicht lange aus. Nach einem Monat ist das Leben eines Paares Schuhe, das zwanzig Mark gekostet hat, im Hoteldienste erloschen.
So kommen wir zu dem erschreckenden Resultat, daß die Einkünfte, die der Kellner vom Hause bezieht, nicht einmal seine notwendigsten geschäftlichen Auslagen decken. Wie muß er sich nun mit den anderen geschäftlichen Verlusten abfinden, die ihm aus seiner Tätigkeit erwachsen? – Wie bezahlt er das Bruchgeld, die Verluste durch die Gäste oder seine Unaufmerksamkeit, die Abgaben an seinen Pikkolo, die Strafen, die ihm von den Vorgesetzten auferlegt werden, das Schürzengeld und wie sonst noch alle die Anzapfereien heißen? – Wie bestreitet er alle diese Kosten? Wie verschafft er sich die Mittel für seine fortwährenden ausgedehnten, kostspieligen Reisen? – Wie lebt er zur Zeit seiner oft entsetzlich langen Stellenlosigkeit? – Was verbleibt ihm für sein Alter, welches mit seinem fünfunddreißigsten bis vierzigsten Lebensjahre beginnt und ihn unbarmherzig z. D. oder a. D. stellt? – Selbstverständlich! Das Trinkgeld muß es machen! –
Ich habe Ihnen aber klargemacht, was das Trinkgeld ist. Es ist kein Einkommen, es ist nur ein Auskommen. – Würde der Kellner nicht lieber ein sicheres Einkommen seinem unsicheren Auskommen vorziehen? Ich kann es nicht sagen! Der Kellner – wie ein Jongleur – liebt das Waghalsige.
Wie ihm ein sicheres Einkommen verschafft werden könnte? Nichts einfacher als dies! Und vielleicht nichts schwieriger. – Selbstverständlich gibt es unter dem Publikum viele Gegner des Trinkgeldes. Und mit Recht. Manche darunter sind aber doch recht sonderbare Käuze. Sie agitieren gegen das Trinkgeld an der unrichtigen Stelle. – Wieso? – Nun, indem sie dem Kellner kein Trinkgeld geben und in ihrer heiligen Entrüstung nicht bedenken, daß, solange dieser Mensch schlecht bezahlt ist, er quasi ein Anrecht auf das Trinkgeld hat, und daß der Gast moralisch verpflichtet ist, eine angemessene Belohnung für die erhaltenen Dienste zu geben. Denn wenn die Löhne der Angestellten erhöht werden, so müssen auch folgerichtig die Preise der Waren erhöht werden, sonst kann der Wirt unmöglich auf seine Kosten kommen. Der Gast hat also auf jeden Fall die bittere Pille des Zahlens zu schlucken.
Unter den gegenwärtigen Verhältnissen profitiert natürlich ein »Gegner des Trinkgeldes« ganz erheblich auf Kosten des armen Kellners. Der Gast, welcher kein Trinkgeld gibt, schindet es dem Kellner ab. Er bereichert sich auf Kosten eines armen, arbeitenden Menschen. Der Kellner steht machtlos da, aber er merkt sich gewöhnlich seine Kunden. Bei seinem häufigeren Erscheinen wird einem solchen Gaste nicht das Interesse entgegengebracht, welches er sich wohl wünschen möchte. Auf die Dauer entstehen Spannungen zwischen ihm und dem Kellner, die wirklich unerträglich, oft gar gesundheitsschädlich für beide Parteien werden können. Dennoch ist der bedauernswerte Nichttrinkgeldgeber aus Prinzip eigentlich noch der achtbarste unter denen, deren Hand verschlossen bleibt. Geldverlegenheit ist zu entschuldigen, aber der Geizige im Speisesaal ist die verächtlichste Kreatur, die ich mir denken kann. Sie machen auch gewöhnlich immer die größten Ansprüche, und ihr Erscheinen ist das Zeichen eines hereinbrechenden Strafgerichtes Gottes für den Hotelier und seine Angestellten. Aber scharenweise treten sie auf. Sie wollen gewöhnlich nie »etwas Extras« haben, sondern nur das, wozu sie »berechtigt sind«. Sie sind gräßlich, wenn wütend gemacht durch die indifferente Ruhe, mit welcher ihnen gewöhnlich der Kellner begegnet, sobald er sie erkannt hat. In derartigen Gemütserregungen verringert sich meistens der Wortschatz dieser Leute auf die primitivsten Formen, und in willkürlichen, ungewählten Ausdrücken ergießen sich die schönen Seelen. Ich kann nicht verstehen, warum die Hoteliers nicht in eine Versicherung gegen solche Gäste gehen und überall, wo sie diesem Typus begegnen, sich seiner ohne viel Zeremonien entledigen. Die einzige Erklärung für die Unterlassung der Maßregeln ist der Umstand, daß meistens nicht sie, sondern die Angestellten unter der Pest zu leiden haben.
Andere prinzipielle Feinde des Trinkgeldes sind die Herden von Reisegesellschaften, die unter der Führung eines Leithammels mit Sprachrohr und Baedeker ganz Europa überschwemmen. Man kann sie sehen, die großen Fuhren der Reiseviehtransporte. Zusammengepfercht rasseln sie im Galopp durch die Straßen und recken die Gummihälse. Ihnen ist jedoch zu verdanken, daß unsere Museen noch einigermaßen bevölkert sind. Diese Leute und auch die vereinzelt und doch nicht minder zahlreich auftretenden nomadisierenden, ästhetischen Jungfern, die ein gemischtes Parfüm von Museumsluft und welken Rosen mit sich bringen, sind durch gewohnheitsmäßige, kompulsorische Arithmetik ausgesprochene Gegnerinnen des Trinkgeldgebens. Sänger, Schauspieler, Theaterdichter, Konzertkünstler verbinden oft mit dem Trinkgeld einen guten Zweck. Sie geben dasselbe reichlich, jedoch in der weniger liquidierbaren Form von Billetten zu ihren respektiven Vorstellungen. Sie haben dabei oft wenig Ahnung, welch kritisches Füllsel sie sich für gähnende Leeren im Parkett des Hauses auserwählt haben.
Ich kann wirklich nicht einsehen, warum die Wirte von ihren Gästen den wohlverdienten Lohn ihres Personals nicht selber einkassieren! Es ist mir rätselhaft, warum sie dies Geschäft – ihre Pflicht – auf eine so umständliche, unangenehme, ungerechte, erniedrigende, ja oft gemeine Weise von den an und für sich schon mit Arbeit überladenen Angestellten besorgen lassen, ohne ihnen jedoch die Vollmacht zu geben, dies so dringend notwendige Geschäft nötigenfalls energisch zu betreiben und durchsetzen zu können. – Es ist eine ganz verdammenswerte Zauderpolitik, die kaum ihresgleichen kennt.
Leute, die möglichst gut und möglichst billig leben wollen, veranlassen oft ihren Kellner, ihnen allerhand Privilegien zu verschaffen, zu denen sie nicht berechtigt sind. Der Arme, auf sein Trinkgeld angewiesen, wird sein Möglichstes tun, den Wünschen seiner Leute selbst auf Kosten des Hauses nachzukommen. Schließlich erheben sich die Gäste, bedanken und verabschieden sich freundlichst und lassen das lange Gesicht des Kellners hinter sich zurück und suchen es zu vergessen. Der Arme befindet sich in einer bedauerlichen Lage. Er, der zu kleinlichen Unterschleifen verführt wurde, ist selber der Betrogene. Und warum? Weil er seine Augen auf das verheißene Trinkgeld gerichtet hatte. Ein Mann, der dies nicht zu tun braucht, kann die häufig vorkommenden, oft unverschämten und unredlichen Anforderungen solcher Leute höflich aber kühl abwimmeln und dazu lächeln.
So wundert sich daher das liebe Publikum, regt sich auf, ist entrüstet, beleidigt, schmäht und schimpft, wenn es bei seiner Abreise aus einem Hotel verschiedene lauernde, bleiche Gesichter ängstlich und unruhig umherspuken sieht ... Ja, diese bleichen, unheimlichen Gesichter haben es auf den Herrn Gast abgesehen. Sie wollen ihn abfangen. Er darf nicht entwischen. Denn seine Rechnung ist noch nicht ganz beglichen. Ob es entsetzlich erniedrigend ist, so auf der Lauer liegen zu müssen, das geht den lieben Herrn Gast gar nichts an. Er darf sich deshalb nicht entrüsten. Er braucht nur zu zahlen und dann zu gehen. Das ist alles. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. Es ist aber sicher entsetzlich erniedrigend für einen reichen Gast, einen armen Angestellten prellen zu wollen. Und darum wird der Kellner geschmäht und verachtet, weil sich seine Gäste so entsetzlich erniedrigend, so hündisch benehmen?! Es ist sonderbar, wie die Rechte verdreht werden! – Wir können es doch wohl kaum einem Menschen verdenken, daß er zu allen möglichen erlaubten, ja verzweifelten Mitteln greift, seinen verdienten Lohn einzukassieren. Was tun die Menschen nicht alles, um unverdientes Geld zu erwerben!? –