Es rentiert sich wirklich, dem Kellner das verdiente Trinkgeld zu geben. Ein schwerer Druck lastet auf dem Gemüte der Gäste, die ihm den schuldigen Lohn verweigern. Sie wissen wohl, welches Unrecht sie begehen, und beschämt suchen sie sich so schnell wie möglich zu entfernen. Ja, ihr Auszug gleicht dem eines Diebes bei der Nacht. Und ihnen folgen keine Segenswünsche. Ihnen folgt die Wut und der gerechte Zorn des Betrogenen. Wer von diesen moralischen Beweggründen unberührt bleibt, mag vielleicht den materiellen Schaden, der seiner Ungerechtigkeit nicht selten folgt, um so mehr empfinden. Wir wollen uns nicht die Augen verbinden, um von dem Anblick verschont zu sein, den unser Gepäck in den Fäusten eines rachsüchtigen Hausknechts darbietet, wenn dieser weiß, daß er leer ausgehen wird. Mit Handschuhen wird er es nicht behandeln. Er wird seinen Racheakt so geschickt ausführen, daß man ihm nicht einmal etwas anhaben kann. Es ist zwar eine Dummheit, aber immerhin die typische Kundgebung der kochenden Volksseele. Die gebildeten, vielgereisten Gäste sollten damit vertraut sein. Die Kenntnis derartiger Kleinigkeiten ist nicht zu unterschätzen. Dem Geizhalse im Saal ergeht es kaum besser. Sein Diner wird gewiß nicht zum Genuß. Er muß geduldig, wenn auch innerlich kochend, zusehen, wie sein freigiebiger Mitgast den ganzen Balsam einer guten, erstklassigen Behandlung und Hochachtung erhält. Dies allein kann einem Knicker unter Umständen schon genügend Gelbsucht einbringen, daß die Doktorrechnungen sich weit höher belaufen als das Kellnertrinkgeld. Denn er darf als Gast des Hauses doch auch die größtmögliche Aufmerksamkeit beanspruchen. Diese läßt sich jedoch nicht energisch beitreiben. Sie will gelockt sein. Energie im Speisesaal wird begrinst; sie ist absolut machtlos.
Es folgt nun noch ein anderer Typus von Trinkgeldgebern. Das ist der verschwenderische, der protzenhafte. – Es ist leicht, sich in die Seele des Geizhalses hineinzudenken. Der Protz aber und der Verschwender sind ganz andere, viel schwierigere Fälle. Der Grundzug im Charakter des Geizhalses ist List und Egoismus, beim Protzen hochmütige Dummheit und beim Verschwender Leichtsinn. Nichts entblößt sich mehr als List und Egoismus. Ein ehrlicher Mensch kann sie lächelnd durchschauen, wenn er seine Augen aufhält. Die Dummheit aber zu durchschauen hat noch niemand vermocht. Sie ist hoffnungslos dunkel. Und der Leichtsinn ist wie ein Sumpf, unergründlich tief. Der wirkliche Leichtsinn hat keinen Boden. Er ist bodenlos. So schön und so edel die milde, diskrete Freigiebigkeit ist, so ekelhaft ist die Art des Protzen, zu geben, und so verwerflich die des leichtsinnigen Verschwenders. Und doch! Warum können wir der Dummheit und dem Leichtsinn nie wirklich ganz von Herzen gram sein wie dem Geize? – Weil wir die beiden ersteren und ihre Schrecken nicht völlig erkennen können? Eine verschwenderische und protzenhafte Handhabung des Geldes verleitet naturgemäß auch den Empfänger zu solchem Tun. Was man fortwirft, kann nicht viel Wert haben. So wird der Wert des Geldes durch den Protzen und den Verschwender entehrt. Und so wird die keimende Lebensanschauung des jungen Kellners vergiftet. Wenn sein Gemüt nicht ganz stark ist, so wird er das auf solche Weise erhaltene Geld auch wieder auf solche Weise verlieren.
Hier will ich Sie auch gleichzeitig auf die eine, vielleicht die größte Gefahr des Trinkgeldes aufmerksam machen, der sein Empfänger ausgesetzt ist und der er schwer widerstehen kann. Der Kellner arbeitet nicht wie die meisten anderen Lohn- oder Gehaltarbeiter von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat. Nein, als Trinkgeldempfänger arbeitet er von Tag zu Tag oder noch richtiger von Minute zu Minute. – Diese Art und Weise, den Lohn zu beziehen, hat einen ganz verderblichen Einfluß auf das Leben und den Charakter des Mannes. Derjenige, der ein monatliches Gehalt bezieht, ist gezwungen, mit den Früchten seiner Arbeit haushälterisch umzugehen, damit dieselben bis zum nächsten Zahltage ausreichen. Er lernt also rechnen. Ohne diese Kunst wird er an den letzten Tagen vor dem Empfang des neuen Gehaltes hungern müssen. Anders der Kellner. Er kann heute abend seine ganze Barschaft verjubeln, morgen früh fließt das Geld wieder herein. Er kann seinen morgigen Tagelohn am Abend des Tags verjubeln, – übermorgen zu Frühstück hat er wieder ein wenig im Sack. Und so weiter. Er kommt niemals in Geldverlegenheit, der glückliche Mensch! Darum ist er auch scheinbar so sorglos und lebt von heute auf morgen. Darum kommt er nie in Not, denn er hat immer Geld, und er hat niemals Geld, weil es immer geht, wie es kommt. Folglich tötet das Trinkgeld auch im Innern des Empfängers die Stimme ab, welche ihn warnt, daß er nicht immer jung sein wird, daß er aufspeichern muß für magere Jahre. Es bestärkt ihn im Leichtsinn, den er durch die verderblichen Beispiele aus seiner Umgebung gelernt hat.
Der legitime Anspruch, den der Kellner in seiner gegenwärtigen Lage auf Trinkgeld hat, artet oft in vielen Fällen in eine Sucht nach Trinkgeld aus, die namentlich besonders auftritt, wenn der eben erwähnte Leichtsinn Oberhand gewonnen hat. Die Trinkgeldfrage ist wirklich eine moderne Hydra. Schneidet man einen Kopf des Ungeheuers ab, so wachsen drei andere sofort nach. Unerbittlich fordert und verschlingt sie ihre Opfer. Auf die eine oder die andere Weise. Nur die wenigsten können ihr entgehen. Setzt der Kellner seinen Anspruch auf Trinkgeld energisch durch, so zieht er sich die Verachtung der Menschen zu, gefährdet seine Stellung und macht sich Feinde unter seinen Kollegen. Verzichtet er generös und resigniert, so arbeitet er umsonst und reibt seine Gesundheit auf für nichts.
Auch ein Zankapfel unter den Kollegen selbst ist das böse Trinkgeld. Es ist eine unerschöpfliche Quelle von großen und kleinen Streitereien, Ungerechtigkeiten, ja selbst Unredlichkeiten. Zu den vielen Sorgen des Oberkellners tritt noch die eine große hinzu: wie muß er einen »guten« Gast »verteilen«, damit keine Aufruhre in seinem Bezirk entstehen? Sie haben keine Ahnung, mein Freund, welche Spekulationsobjekte wir sind, mit welchen Hoffnungen wir abgemessen werden, mit welchen Möglichkeiten in uns man rechnet. – Wenn manche wohlwollende Gäste wüßten, welchen Vulkan von Schmutz und Schlamm menschlicher Niedrigkeit ihre Freigiebigkeit hinter der Szene oftmals in Aktivität setzt, so würde ihnen der Appetit vergehen, und sie würden den schönen Ort mit Schrecken fliehen. Selbstverständlich gibt es auch Leute unter den Kellnern, die in sehr primitiver Rechtsanschauung ein Trinkgeld, worauf sie kein Anrecht haben, oft einfach für sich behalten. Daß dies Unterschlagung ist, wird in den meisten Fällen nicht bedacht. Eine derartige Handlung braucht nicht unbedingt aus unehrlichen Motiven zu entspringen, sondern in Fällen, wo sich der Mann dazu berechtigt glaubt, wenn er seinem vielleicht bedrängten Kollegen bei der Arbeit geholfen hat, kann dies eine Streitfrage werden.
Ich könnte Ihnen noch gar vieles vom Trinkgeld erzählen. Aber das würde langweilig werden. Um es ganz genau zu bezeichnen, kann man es nur mit einer ekelhaften orientalischen Krankheit oder mit einem Meisterwerk Satans vergleichen, das, mit allen Raffinessen satanischen Esprits ausgestattet, alle Schwächen der menschlichen Seele durch und durch kennt und darin herumwühlt. – Wir fassen daher unsere Anklage gegen das Trinkgeldsystem noch einmal in kurzen Worten zusammen und schleifen es vor das Tribunal vernünftig denkender Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts und des Fortschrittes: Das Trinkgeldsystem ist ein aus urdenklichen Zeiten hergebrachter Brauch, eine Dienstleistung nach eigenem Ermessen zu belohnen, ohne daß dabei derjenige, der die Dienste geleistet hat, etwas zu seinem Vorteil sagen darf. Es ist eine schäbige Reliquie aus der Sklavenzeit, der Zeit der tiefsten Erniedrigung der Menschheit, und hat sich mit großer Zähigkeit bis auf unsere Tage erhalten. Es steht im schroffen Widerspruch zu unseren modernen Ansichten von der Unabhängigkeit selbst des geringsten Arbeiters und verletzt die Würde einer modernen Geschäftsführung. Kein Mittel ist ihm zu gemein und zu niedrig, seine fluchwürdige Existenz zu erhalten, und es hat sich folgender Verbrechen gegen die Menschheit schuldig gemacht, die wir durch unumstößliche Dokumente und die Zeugnisse von Hunderttausenden ruinierter Leben, zertrümmerter Jugendhoffnungen beweisen und bei einem Meer von Tränen eidlich bekräftigen können:
1. Degradation unschuldiger Menschen. 2. Demoralisation unschuldiger Seelen. 3. Verführung zum Leichtsinn und Förderung desselben. 4. Vernichtung des Selbstbewußtseins des Empfängers. 5. Verleitung zur Verschwendung. 6. Verleitung zur Unehrlichkeit. 7. Stiften von Unfrieden zwischen Kollegen. 8. Schüren der Leidenschaften des Neides und der Gemeinheit. 9. Untergrabung des Ansehens bei den Mitmenschen. 10. Foltern des guten Gebers. 11. Schädigung des Nichtgebers in moralischer und materieller Hinsicht. 12. Verleiten der Wirte zur Bequemlichkeit und Faulheit. 13. Tausende von indirekten schädlichen Folgen besagter Verbrechen und verdächtig vieler ihm nicht direkt nachweisbarer Verbrechen.
Ist das nicht ein stattliches Schuldkonto!? Könnten Sie mir etwas angeben, das zur Entlastung des Angeklagten beiträgt?! – Das seine Existenz irgendwie berechtigt? – Nein, nichts, gar nichts! Unser Urteil ist daher fertig. Es heißt, »Schuldig«. Schuldig, unwürdig der Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts. – Nach dem Kodex des Lebens steht darauf Ausstoßung aus dem Verbande der Menschheit, lebenslängliche Verbannung und Verlust sämtlicher bürgerlichen Ehrenrechte und Existenzrechte. –
Aber durch diese Aburteilung wird die Hydra noch lange nicht getötet. Der erste Kopf ist nur abgeschlagen. Es wachsen sogleich drei andere nach, wenn die Wunde nicht ausgebrannt wird. Das offene Geschwür muß behandelt und verbunden werden, die Wunde muß sich schließen und heilen. Es soll womöglich keine Narbe bleiben. Anfangs mag sie den Körper noch sehr peinigen, doch der Schmerz wird sich bei richtiger Behandlung bald legen. Die Zeit wird heilen.
Wer, meinen Sie wohl, würde am schlimmsten durch eine derartige Operation an unserem Geschäftskörper betroffen werden? – Nun, jedenfalls doch diejenigen Leute, die aus dem Trinkgelde Nutzen für sich selber zu ziehen suchen. Und diese sind, wie wir sahen: die Kellner, die Prinzipale und die Gäste. Eine Flut von erzürnten, erstaunten, wütenden, ängstlichen, feigen, dummen Fragen würde plötzlich mit einem Male brausend aufspringen. Das Wort Rousseaus wird sich wieder bewahrheiten:
»Die Sklaven verlieren in ihren Ketten alles, selbst endlich den Wunsch, ihrer los zu sein.«
Die Kellner würden fragen: ›Was wollen wir ohne Trinkgeld anfangen!?‹ – Sie würden besorgt auf den Prinzipal schauen und ungeduldig dessen Bewegungen abwarten. Der Prinzipal würde genau dieselbe Frage stellen, besorgt auf seine Angestellten schauen und ungeduldig abwarten, was diese machen. Die armen Gäste sind dann sogar in drei Lager geteilt. Die beiden ersteren Lager werden sich genau dieselbe bange Frage stellen, jedoch mit verschiedenen Hintergedanken. Lager Nr. 1 denkt mit Schrecken an die Preiserhöhung der guten Dinge; Nr. 2 ist in Verzweiflung, denn es weiß nicht, was es machen soll, wenn es kein Trinkgeld mehr geben kann. Das dritte Lager aber wird sich gar nichts fragen und auch nicht besorgt den Kopf hängen lassen, sondern es wird sich freuen, daß alles endlich ein Ende nahm. Und dieses Lager ist das weitaus größte.
Ah, Sie glauben also wirklich an die Unbesiegbarkeit des Trinkgeldes, an seinen endgültigen Triumph?! – Ich bewundere die Schärfe und Feinheit Ihres Gedankens, vor Ihrer Menschenkenntnis graut mir beinahe! – Ja, ich muß mein Haupt im Schmerz beugen und zugestehen: das Trinkgeld ist das Zauberwort, der große, wunderwirkende Sesam, vor dem die stärksten Tore in Staub zerfallen. Ein Trinkgeld verwirklicht das Unwirkliche, es ermöglicht das Unmögliche, es buchstabiert das Unaussprechliche. – – Wie ich mich selber zu betrügen versuche! Ich weiß ja genau, daß unser Almosen doch gerade das Gegenteil von dem ist, was es sein soll. Es wird doch niemand die Frechheit besitzen, zu behaupten, daß er mit der elenden Münze, die er dem schlotternden Bettel hinwirft, denselben aus seinem Jammer helfen will. Man gibt sie doch nur, um seines unliebsamen Anblicks oder seines Gedudels los zu werden. – Außerdem ist Geben seliger denn Nehmen. –
Ein Trinkgeld mag oft mehr sein, viel, viel mehr sein als eine vom Arbeiter verlangte Bezahlung für seine Leistung, aber es wird sich doch immer erhalten, denn die schmierige Vertraulichkeit im Verkehr untereinander, zu der es Berechtigung gibt, – welche es sanktioniert, scheint vielen Menschen zu behagen. Es ist die fette, lauwarme, schmierige Vertraulichkeit zwischen dem Gebieter und dem Sklaven und dem Sklaven mit dem Gebieter. Das moderne Trinkgeldsystem weist tatsächlich alle Symptome einer regelrechten Sklaverei auf. Durch die Aufhebung des Trinkgeldes würde jedenfalls der gleiche heillose Wirrwarr entstehen, der durch die Emanzipation der Negersklaven über Nordamerika hereinbrach. – Materialistisch genommen ist die Negerfrage und die Lage der Neger in Amerika selbst heute noch schlimmer, als sie vor dem Bürgerkriege, also vor der Aufhebung der Sklaverei war. Die wirtschaftliche Lage der Befreiten hat sich bisher in keiner Weise gebessert. Von vielen einzelnen Ausnahmefällen freilich abgesehen. Diese bergen allerdings schon die schöne, große Hoffnung auf allgemeine Besserung des Schicksals der befreiten Sklaven in sich. Das Verhältnis zwischen dem Sklavenhälter und dem Sklaven ist – oder besser war – in vielen Fällen ein durchaus kordiales, oft sogar sehr intimes. Das hing natürlich vom Charakter des Sklaven ab. Der Hälter war im völligen Besitz des Leibes und der Seele des mit Geld gekauften oder in seinem Besitze geborenen Menschen. Ungefähr so wie man ein wertvolles Stück Vieh besitzt. Und man behandelt sein Besitztum gewöhnlich gut, namentlich, wenn es sich um leicht verderbliches und sterbliches Menschen- oder Tiermaterial handelt.
Wie wahr das Wort Rousseaus ist und immer sein wird, geht aus der amerikanischen Geschichte deutlich hervor, wo die Negersklaven zuerst kaum die Freiheit annehmen wollten, die ihnen von den Nordstaaten geschenkt wurde. Niemand unter den bedrückten Schwarzen war sehr über das so teuer erkaufte Geschenk der Freiheit entzückt. Ja, die alten Neger behaupten heute noch, daß es ihnen zur Zeit der Knechtschaft besser ergangen wäre wie zur Zeit der Freiheit. Dies ist auch das beliebte Gejammer der ehemaligen Sklavenhälter der Südstaaten, die durch das Machtwort Lincolns Beträchtliches eingebüßt hatten. Die große Macht der Gewohnheit hat auch hier wieder gesprochen. Die Menschheit, die jahrtausendelang in Irrtum und Lüge gelebt hat, kann sich nicht so schnell an die Wahrheit gewöhnen. Ein Mensch, der aus der Dunkelheit tritt, wird durch das Licht geblendet.
Die ehemaligen Sklavenhälter, denen im Bürgerkriege die Freiheit ihrer Unterdrückten blutig abgenommen werden mußte, hegen statt der alten eigennützigen Liebe für die ehemaligen Sklaven nun einen wilden Haß gegen die Befreiten und suchen selbst heute noch, nach beinahe einem halben Jahrhundert, die Lebenswege derselben auf alle erdenkliche Weise zu erschweren. Im günstigsten Falle besteht zwischen dem ehemaligen Hälter und dem befreiten Sklaven ein frostiges, unerquickliches Verhältnis, eine arktische Indifferenz, eine starre Kälte, die kein grünes Hoffnungshälmchen aufsprießen läßt. Die ehemaligen Sklaven sind sich und ihrem Schicksal überlassen, und in ihrer Not, in ihrer elenden Freiheit wünschen sie sich die fetten Tage der Unterdrückung zurück.
Ähnlich würde es dem Kellner nach der Aufhebung des Trinkgeldsystems von seiten derjenigen Menschen ergehen, die heute das Trinkgeldsystem zu ihrem eigenen Vorteile ausnützen, nämlich viele Gäste und Prinzipale, die ihren Zorn über das Verschwinden der guten alten Zeiten an dem Kellner auslassen wollen. Andererseits werden selbst auch viele Kellner sich das alte Trinkgeldsystem wieder zurückwünschen. Ja, sie werden gegen die Aufhebung desselben auftreten, wie viele Neger sich teils direkt, teils indirekt gegen die Aufhebung der Sklaverei gewehrt haben. Die meisten bestellten und hüteten die Häuser ihrer Hälter treu, als diese, Vater und Söhne, alle im Pulverrauch standen, um die Schwarzen in der Sklaverei zu erhalten. Es waren meistens nur entflohene Sklaven, die ihren Befreiern ernstlich beigestanden haben, teils aus Rachsucht, teils aus Furcht vor einer Niederlage ihrer Beschützer. Ein solches Ereignis wäre auch für sie, die Entflohenen, verhängnisvoll geworden. Wieder andere Kellner werden sich durch die Aufhebung des Trinkgeldes aller besonderen Pflichten dem Gaste und dem Hause gegenüber enthoben fühlen, zu deren Ausführung das Trinkgeld heute ein wahrer Sporn ist, – Pflichten, die nur die Wunderkraft eines fetten Trinkgeldes auszuführen vermag. Beobachten Sie nur, wie die befreiten Sklaven von einem Extrem ins andere fielen! Manche glaubten nach der erhaltenen Freiheit so fest an ihre Persönlichkeit, daß sie es für ihrer unwürdig hielten, die Pflicht als Angestellte zu tun, ja überhaupt irgendeine körperliche Arbeit zu verrichten. Sie hatten also nicht ihre frühere schmachvolle Lage erkannt, sondern hielten die Arbeit an sich für schmachvoll. Dadurch entstand vielfach der heutige Jammer der Befreiten. Sie dachten sich vom Gesetze vor der Arbeit geschützt und zum Dolcefarniente geboren. – Ähnliche oder die gleichen Schwierigkeiten würden auch nach der Entfernung des Trinkgeldes auftreten.
Wird unsere Theorie und Moral aber sklavische Verhältnisse dulden, die im praktischen Leben ganz annehmbar und unter Umständen sogar sehr nutzbringend sind und deren Aufhebung voraussichtlich großen Tumult und Schaden für alle Beteiligten anrichten würde? – Es hieße sich doch nur vor den Schmerzen einer Operation fürchten, welche aber durch ein verhärtetes Geschwür an unserem gesellschaftlichen Körper notwendig gemacht wird. So sollten wir auch dem Trinkgeldungeheuer furchtlos zu Leibe rücken, denn wir haben die ganze Verwerflichkeit desselben eingesehen. Die Operation ist unumgänglich notwendig geworden, wenn der Körper gesund bleiben soll.
Vom moralischen und theoretischen Standpunkt aus kann das Trinkgeldsystem unter keinen Umständen mehr in unserer Mitte geduldet werden, selbst nicht, wenn die Hotelangestellten, die Prinzipale und gar eine gewisse Sorte von Gästen durch die Aufhebung des Trinkgeldes finanziell benachteiligt werden, was aber in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Die Operation wird sich am Ende als heilsam und wohltuend erweisen. – Die amerikanischen Nordstaaten kämpften eigentlich nicht direkt für die Besserung der materiellen Lage der Negersklaven, sondern sie verfochten ein hohes Prinzip, welches sie sich gebildet hatten. – Dieses Prinzip – oder Erkenntnis war, daß die Sklaverei eine für zivilisierte Völker unwürdige Einrichtung sei. Ob und wann durch die Durchsetzung des Prinzips eine materielle Besserung oder gar Verschlechterung eintreten wird, sind andere Fragen, die uns nicht beschäftigen sollten, wenn wir eine Glaubenssache, ein Ideal im Auge haben.
Ganz genau derselbe Statusquo herrscht auch bei der Bekämpfung des Trinkgeldes. Dadurch, daß wir im Trinkgeld einen formidablen Gegner haben, erkennen wir erst, was es ist. Aber die Opposition wird immer den Kämpfer reizen. Denn sonst wäre seine Handlung ja kein Kampf, sondern nur eine Arbeit. Ein träger, widerstandsloser Misthaufen läßt sich mit einiger Überwindung entfernen. Das lebendige Böse aber läßt, wenn es einen festen Fuß gefaßt hat, nicht ohne Widerstand los von den beherrschten Gebieten. Und seine Hartnäckigkeit bietet die Garantie zu einem regelrechten heißen Ringen. Erst diese Aussichten sticheln den Kämpfer zum Angriff an.
Der Feldzugsplan gegen das Trinkgeld? – Ich kann nur die allereinfachsten, natürlichsten Vorschläge machen, die jedermann weiß, die jedermann fühlt, die notwendig sind, um den Kampf erfolgreich durchzuführen. Diese sind, indem die Kellner ein ihren Fähigkeiten, Kenntnissen, Arbeit und Arbeitsstunden angemessenes Gehalt bekommen, das ihnen die Achtung der Kundschaft und ihrer Mitarbeiter erzwingt. Demzufolge würde er an die Seite eines jeden anderen Angestellten auf der ganzen Welt treten. – Die Prinzipale können sehr gut ohne das Trinkgeld existieren, indem sie die durch die Gehaltserhöhungen in ihrer Kasse entstandenen Lücken durch entsprechende Preiserhöhungen ihrer Waren ausgleichen. Eine ganz geringe Erhöhung von vielleicht zehn Pfennig pro Platte würde schon das Gehalt des Kellners bestreiten können. Man soll nicht zur Entschuldigung des Trinkgelds sagen, daß der Kellner nur mit Aussichten auf ein fettes Geldstück seine Pflicht tun wird. Ein gut bezahlter Mann wird sich immer anstrengen, seine Pflicht zu tun und seinen Posten zu halten. Man könnte das Interesse der Angestellten am Geschäfte noch steigern, indem man den Kellner mit einem gewissen Prozentsatz an seinem täglichen Verkaufe teilnehmen läßt. Ohne sehr hohe Gehälter zahlen zu müssen, würde dann der Wirt den Umsatz seiner Ware fördern und den Verkäufer seinen Fähigkeiten angemessen entlohnen. Es wäre auch nicht richtig, allen Kellnern ein gleich hohes Gehalt zu zahlen, denn die Dienste des einen mögen für ein Haus unschätzbar sein, während der andere weniger Talent zu diesem eigenartigen Berufe hat. Man müßte jedoch einen gewissen Lohnsatz festsetzen, den die Prinzipale in den einzelnen Fällen nach Belieben und Gutdünken steigern könnten, um sich Ausnahmekräfte für ihr Geschäft zu sichern.
Der freigiebige Gast, der nicht mit seinem Trinkgeld kargt, wird nichts gegen die Preiserhöhung der Waren zugunsten seines Kellners einzuwenden haben. Im Gegenteil, er wird erleichtert aufatmen, ja in den meisten Fällen noch dabei profitieren. Denn sein Trinkgeld ist gewöhnlich größer als die Preiserhöhung ausmachen würde. Denjenigen Gästen aber, die mit Schrecken an die Erhöhung der Preise denken, weil sie gerne auf Kosten der armen Angestellten bedient sein wollen, können wir raten, sich dorthin zu begeben, wo sie etwas für nichts bekommen. Aber sie sollen mit solchen Hoffnungen ein Geschäftshaus verschonen. Und den Blattläusen am Rosenstock des Lebens raten wir, sich durch keinerlei Streicheleien mehr bewegen zu lassen, irgendwelchen »süßen, blinkenden Stoff« auszuschwitzen.
Sie sehen also, mit einigen »antiseptischen« Mitteln wäre das grausame Ungeheuer des Trinkgeldes, die orientalische Pest, auf immer ausgerottet. Damit wird auch die große Wendung zum Bessern im Leben von vielen Tausenden eintreten. Das betrügerische und bakschischheischende Element unter ihnen wird sich alsdann andere Gefilde für sein Dasein suchen. Das ist der Tag der großen Reinigung. Der Augiasstall ist vollständig ausgemistet. Die Prinzipale, die Angestellten und die Kunden können einander freundlich die Hände reichen und sich gegenseitig beglückwünschen.
Sollte diese Wendung zum Besseren nicht eintreten, dann haben die drei beteiligten Parteien das Urteil über sich selber ausgesprochen. Selbst wenn sie dazu schweigen, sprechen sie es aus. Die Trinkgeldnehmer wollen dann heute und für alle Zeiten alles verlieren, selbst endlich den Wunsch, von ihren Ketten befreit zu sein. Dann sind die Prinzipale heute und für alle Zeiten einverstanden mit den menschenunwürdigen Zuständen, die unter ihren Dächern herrschen, dann wollen sie sich heute und für alle Zeiten auf unsaubere Weise bereichern, und dann wollen die Blattläuse heute und für alle Zeiten Blattläuse bleiben, bis der große Gärtner mit der großen Spritze kommt. –
Aber das hoffen wir nicht! Wir haben noch etwas Glauben an die Menschheit ...
VII.
Ach, gnädige Frau, das ist doch wirklich eine traurige Geschichte! – Ja, ein Stiefkind in der Familie sollte man besonders schonend behandeln. Stiefkinder sind äußerst zartfühlend und mißtrauisch. Die Unsicherheit ihrer Stellung, ihr Verhältnis zur Familie, das Gefühl der Nichtzugehörigkeit bestimmen ihren Charakter. Die geringste Kleinigkeit kann sie bitter kränken. Gewöhnlich aber ist immer jemand in der Familie, der dem Stiefkind gram ist. Vielleicht ist's ein hartherziger Stiefvater oder eine keifende, zänkische Stiefmutter; die Geschwister sind auch nicht immer liebevoll. Das Stiefkind muß es eben leiden; es ist nicht vollwertig.
Sprechen Sie daher niemals zum Kellner wegen des Trinkgeldes. Sie können ihn tödlich verletzen, denn der Kellner ist das Stiefkind unserer Zivilisation. Sehen Sie nur, wie schwierig es ihm gemacht wird, auf ehrliche, menschenwürdige Weise ein Stück Brot zu verdienen. Warum müssen ihm denn noch andere Schwierigkeiten und Nachteile in den Lebensweg gelegt werden, die ihm sein Dasein vollends versauern!?
Die geschäftlichen Nachteile, woran der Kellner sein Leben lang zu schleppen hat, stehen natürlich im Vordergrunde. Es ist kaum möglich, einen anderen Beruf anzugeben, der mehr geschäftliche Unannehmlichkeiten aufzuweisen hat. Die obligatorische Einquartierung und Verpflegung im Hause, die langen Geschäftsstunden, die vielen Reisen, das alles schließt ein gesittetes Familienleben aus und verdammt den Kellner zum Zölibat, während ein Heim und geliebtes Weib den jungen Menschen vor Verschwendung, Unstetigkeit, ja Verderben retten und die Beschwerden des Berufes ihm erleichtern könnte. Wir alle kennen die langen Sitzungen, die sich bis in den frühen Morgen hinein ausdehnen. Wir kennen die Festlichkeiten, Banketts und Bälle. Für uns heißen sie Vergnügen, für den Kellner Verlängerung seiner Arbeitszeit und Verlust seiner Ruhe. Zur grauen Morgenstunde, wenn die letzten Nachzügler über die verlassenen Straßen wanken und sich über die Heimatlosen lallend lustig machen, die auf den Rosten über warm dünstenden Kellerlöchern zusammengekauert dem neuen Tag entgegendämmern, dann kramt auch verschlafen der Kellner seine Siebensachen zusammen, zählt sein Trinkgeld, flucht ein wenig und schleicht sich in sein Lager.
Ich habe einmal gesagt, daß der Kellner keinen Sonn- und Feiertag kenne. Das ist unrichtig. Er kennt die Tage sehr genau. Denn dann hat er gewöhnlich doppelte Arbeit. Der Anblick der schön geputzten, fest- und sonntäglich gestimmten Menge macht keinen erhebenden, freudigen Eindruck auf sein schwarzes Gemüt. Die Sonntagsmenschen sehen ihn nicht. Sie leben in einem schönen Traum und schwatzen, schwatzen, lachen, lachen, schauen, schauen. Der Sonntag ist das Ereignis. Der gute Rock tritt in seine Rechte. Die Barschaft erlaubt, daß man wenigstens einmal in der Woche über die Stränge schlagen darf, daß man seinen Neigungen zur Verschwendung wenigstens einmal Raum läßt. Die Sonntagsmenschen sind sehr gemischt. Sie wissen es aber nicht. Sie lachen und schwatzen. Nur der Kellner weiß es und fühlt es.
Wenn der erste leichte Morgenreif gefallen ist und das dürre, bunte Laub an den Bäumen zittert, wenn die frische, klare Luft vom Schrei der südwärts ziehenden Zugvögel durchbebt wird, dann schnürt auch der Kellner sein Bündel und rüstet sich wieder einmal zur Wanderschaft. Der Wirt hat sein Etablissement geschlossen oder die Zahl der Angestellten vermindert, denn die bunten, wimmelnden Sommermenschen, die schönen Frauen mit den dünnen Blusen, lachenden Augen und fliegenden Haaren, die smarten Herren mit den Negligéhemden, weißen Flanellhosen, seidenen Strümpfen und farbigen Schuhen, mit dem malerischen Panamahut, der feinen Stummelpfeife und dem Tennisracket, alle die geschmückten, glücklichen Kinder des Sommers, alle sind sie verschwunden. Wohin? – Das weiß man nicht. Sie sind fort. Das ist alles. Aber darum gähnen auch die Hotelzimmer in öder Langweiligkeit, und man erklärt die Saison wieder einmal für tot. In den schwarzen Bahnhofshallen der Großstädte aber stehen Berge von Koffern und Gepäck. Die frohen Sommermenschen schauen schon wieder winterlich aus. Hin und wieder hat ein ankommender Kellner auch das Vergnügen, für einen Sommermenschen gehalten zu werden, und der Dienstmann berechnet ihm etwas mehr als Taxe für das Kofferschleppen. Der Kellner zahlt es gern: er gibt noch ein Trinkgeld obendrein. Dann aber wird's bald anders. Es heißt nun Stelle suchen. Manchmal glückt's gleich, manchmal nicht. Schnee fällt, und die Barschaft auch. Der Kellner macht Offerten, geht von Geschäft zu Geschäft. Immer begegnet ihm das gleiche indifferente Achselzucken. Alles besetzt! Die Trottoirs, die Eingänge vor den schmutzigen, verrauchten Kneipen der Plazierungsbureaus sind bereits in aller Frühe von bleichen, fröstelnden jungen Männern belagert. Endlich gegen zehn, elf Uhr kommt ein dicker Herr im Pelz. Man macht ehrfurchtsvoll Platz. Schnaufend setzt sich der Gewaltige an seinen Schreibtisch in der elenden, stinkenden Bude. Er öffnet die Lade, und die fetten Finger, mit Brillanten geschmückt, nehmen die lange Liste heraus. Der erste, blasse Jüngling, der am längsten gewartet hat, tritt heran. Die listigen Schweinsaugen des dicken Herrn gleiten halb an ihm auf und ab, prüfen das Bleichgesicht auf eine Möglichkeit hin, die nicht möglich ist, während eine große, dicke Havanna mit feinem Bändchen zwischen den saftigen Mundwinkeln hin und her wandert. Ein Augenblick Totenstille, dann stummes Verneinen, Kopfschütteln, ein zager Einwand seitens des Bleichen, eine gebieterische Handbewegung, die Brillanten blitzen: adieu! – Der Nächste. – Diese Pantomime wiederholt sich hundertmal mit tödlicher Präzision, bis die Sonne von dem grauen Bilde sich langsam abwendet. –
Der hungrige Kellner pumpt nun schon bei seinen arbeitenden Kollegen. Die jungen Leute sind untereinander von einem wunderbaren Gefühl von Zugehörigkeit und Freundschaft beseelt. Ein Kellner gibt für den anderen das letzte Hemd her, teilt mit ihm den letzten Groschen. Aus Mitleid wird er für den stellenlosen Kameraden gern ein halbes Dutzend Hühnerbeinchen oder Hammelkoteletts »abservieren« und die Beute des Abends aus dem Geschäft herausschmuggeln, um den Hungrigen damit zu füttern. Vielleicht hat der stellenlose Kellner während des Winters einige Banketts mitgemacht und sich ... Wie? – Nein, nicht als Gast, sondern als Aushilfskellner selbstverständlich. Ein Bankett in der Woche kann ihn über Wasser halten. Er kann sich dort von den Überresten jedesmal so anfressen, daß er für die nächstfolgenden Tage nicht zu sorgen braucht. Der Hungrige hat auch verschiedentlich Gelegenheit, zu sehen, wie die reichen Leute tanzen und Hochzeit machen und wie alle die Wohltätigkeitsbasare zugunsten der Stellenlosen abgehalten werden. Er sieht, wie die mildtätigen Herren den reizenden, dekolletierten Damen Goldstücke für Küßchen geben und wie diese Goldstückchen überall hingesteckt werden, nur dort nicht, wohin sie gehören. Was Wunder daher, wenn das Gold oft so versteckt ist, daß man es nicht wiederfinden kann und die Stellenlosen infolgedessen noch immer den ganzen Winter hungrig umherlaufen, bis der Frühling wiederkommt.
Das alles, geschäftliche Unannehmlichkeiten, Sonntagsarbeit, Nachtarbeit, Stellenlosigkeit, Zölibat, Plazierungsunwesen, Ausbeutungen, die Gefahren, die dem Stande durch »Überläufer« drohen, das alles drückt die soziale Stellung des Kellners in unseren Augen sehr herunter; die Unkenntnis der Menschen von seiner Lage, seine Popularität in der Karikatur, die Gedankenlosigkeit und Ungerechtigkeit des Publikums machen ihn zum Stiefkind der Zivilisation, lassen seinen Stand, sein Leben, sein Los mit dem anderer Berufe und Geschäfte als minderwertig, verächtlich erscheinen. Der Kellner darf es nicht wagen, sich mit dem geringsten Arbeiter auf gleiche Höhe zu stellen. Warum? Hat er nicht genug geschäftliche Schwierigkeiten zu überwinden? Muß man ihn auch noch bei seiner Ehre als Arbeiter angreifen und ihn als die minderwertigste aller Kreaturen hinstellen?
Früher, als die Zeiten einfacher waren, hatte jeder seine Werkzeuge, arbeitete bei sich und für sich in seiner Werkstatt und verkaufte seine Produkte. Dieser kleine, fleißige Mann von damals ist heute fast ganz ausgerottet worden. Nur in kleinen, abgelegenen Städtchen taucht er noch vereinzelt auf und fristet ein kümmerliches Dasein. – Die zahllosen Massen verkaufen heutzutage ihre Körper- und Geisteskräfte an die Fabriken, die die Produkte im großen hervorbringen und auf den Markt tragen. Die Fabriken stellen dem Handwerker die Aufgaben und zur Ausführung derselben Werkstatt, Werkzeuge und Maschinen. Gleichzeitig beanspruchen sie natürlicherweise die besten Stunden des Tages und die besten Lebensjahre des Arbeiters. Eine Arbeiterfamilie braucht weder dem lieben Herrgott noch dem lieben Fabrikherrn zu danken, wenn ihr Ernährer Arbeit und Verdienst hat. Der Arbeiter glaubt auch nicht, daß seine Arbeitgeber ihn anstellen und bezahlen, damit er und seine Familie etwas zu essen und eine Schlafstätte habe. Er kennt seine Lage genau. Der Arbeitgeber stellt seine Leute an, weil er in den Kräften derselben einen Nutzen für sich selber erblickt. Er kann dem Arbeiter nicht so viel zahlen, als wie dessen Körper- und Geisteskräfte für ihn, den Arbeitgeber, wert sind. Und wenn der Arbeiter noch so guten Lohn erhält, – seine Kräfte sind dem Fabrikherrn mehr wert.
Diese Wahrheit muß natürlich auch der Kellner in seiner Arbeit erfahren. Denn auch er gehört zu den großen, unermeßlichen Kolonnen, die mit Sonnenaufgang zur Fabrik pilgern und sie mit Sonnenuntergang verlassen. Ja, er tut noch mehr. Er arbeitet noch lange nach Sonnenuntergang weiter, er arbeitet fast ununterbrochen.
Für den alten, trotzigen, stolzen Handwerksmeister der vergangenen Jahrhunderte muß die Arbeit eine unendliche Freude gewesen sein, eine Quelle der Wonne und der Stärke. Ich kann nicht glauben, daß die strammen Gesellen, die flinken Lehrlinge, die bärtigen, ernsten Meister jemals müde geworden sind. Aus ihrer Werkstatt heraus drang schmetternder Gesang lebensfroher Menschen, und die Bürger draußen hielten am Fenster an, die werdenden Meisterwerke zu bewundern. –
Anders ist es heute. Die Maschinen surren, die Motoren heulen: wilde, gebändigte, unterirdische Geister seufzen darin vor Wut und wollen sich von dem Joche der Menschen befreien, die es vermochten, die geheimen Mächte des Erdinnern zu bändigen und ihrem Willen untertänig zu machen, ohne sie auch nur im entferntesten zu kennen. Doch die Geister sind wild und bleiben es. Und sie haben sich an der Menschheit gerächt, haben ihr Hammer und Säge aus der Hand genommen und schmieden nun Maschinenwerke mit der Schärfe und Genauigkeit, die der Schöpfer sie aus dem Wandel der Sterne gelehrt hat. – Die Werke der Maschinen sind nicht mehr die Werke der Menschen. Ihnen fehlt die schöne Spur der menschlichen Hand, das Tasten und Suchen des Meisters, der die Vorbilder der Schöpfung nachzuahmen versucht. Die gefesselten Elemente haben sich gerächt, das Leben der Maschinen hat die Menschen, welche sie bedienen, selber zu Maschinenmenschen gemacht.
Das ist die Rache der furchtbaren Elemente. Die Maschinenmenschen des zwanzigsten Jahrhunderts haben das Herz des Schöpfers nicht mehr in sich. Aber dafür sind sie ganz mit der dämonischen Kraft gefesselter Elemente erfüllt. Sie wühlen und arbeiten mit heißer, fiebernder Wut, fauchen und keuchen wie die Maschinen, fluchen und stoßen unheilige Worte aus. Der Gesang der Werkstatt tönt nicht mehr. Er ist auf immer verstummt. Die unersättlichen, selbsttätigen Maschinenmenschen aber hasten stumpfsinnig, betäubt und rasten nicht, bis sie eines Tages die innere Kraft verläßt. Die Feder bricht, sie fallen zusammen, werden auf den Schutthaufen geworfen und später umgeschmolzen. Schauderhaft groß ist dieser menschliche Schutthaufen unseres Jahrhunderts. Und stumm ziehen daran vorüber die Armeen des Morgens und die Armeen des Abends, stumm, gefühllos, apathisch, ohne einen Gott im Herzen. Was nützt es, daß der eine oder der andere frivol und zynisch auflacht, wenn er einsieht, daß auch er bald zum Schutthaufen gehört? Wer gedenkt derer, die schweigend den Kampf aufgeben und in der stummen Finsternis verschwinden? – Wer steht jenen bei, die sich wild gegen die unterdrückenden Kräfte aufbäumen und am Rande des Weges ihr Blut verröcheln? – Die großen Armeen marschieren weiter, schnell werden die Lücken der unterbrochenen Linien von hinten ausgefüllt.
Wir leben im Zeitalter des industriellen Faustrechts. Ungestraft darf der starke Maschinenmensch über die Trümmerhaufen, über die Leichen hinweghasten. Wenn er mit größerer Kraft erfüllt ist als seine schwächeren Brüder, so preist man ihn, man jubelt ihm zu, wenn er niedertritt, was schwächer und zarter ist. Da sich aber die menschliche Natur nicht mit dem Faustrechte verständigt, da sie ihm flucht, so nennt man die rohe Kraft, welche Tausende und Abertausende verdrängen und niedermetzeln darf, »Energie«. Wiederum nur einer der vielen schönen Namen, die sich die Menschheit erfindet, um ihre größten Laster und Sünden zu verdecken. Ich habe Ihnen bereits gesagt, welch schöne Namen man dem Trinkgelde gegeben hat. Ich habe Ihnen auch gesagt, daß das meiste Unglück auf der Welt durch die Tatsache hervorgerufen wird, daß der einzelne Mensch seiner eigenen Persönlichkeit viel zu viel Wichtigkeit zuschreibt. Dies war zu allen Zeiten der Fall. Napoleon zum Beispiel war so von der Wichtigkeit seiner eigenen Person überzeugt, daß er sich gar nicht lange bedachte, seine Pläne durchzusetzen, selbst wenn es galt, Gewalt zu gebrauchen und wenn sie Hunderttausende von Menschenleben kosteten, wenn Hunderttausende von friedlichen Menschenhäusern dabei in Flammen und Asche aufgehen mußten. Aber er wurde gepriesen. Er war »energisch«. Man ahmt ihm nach. Indes, was ist aus ihm und seinem Reiche geworden? – Was ist aus den Reichen aller großen Menschenschlachter geworden? – Das Reich eines Christus wird weiterbestehen. Zum bleichen, dornengekrönten Haupte auf Golgatha wird die Welt immer die Blicke in Ehrfurcht erheben müssen.
Der Napoleone großen und kleinen Stils gab es und gibt es viele und zu allen Zeiten. Der öffentlichen Sicherheit und des Friedens wegen sollten sie eingesperrt werden. Geistig sind sie gewöhnlich nur mittelmäßig begabt, Feinheiten gehen ihnen ganz ab. Aber man preist sie! Man weicht mit Schrecken und Ehrfurcht vor ihnen zurück, denn die Maschinenmenschen sind feige in ihren Herzen. Sie haben nicht mehr den Geist des Schöpfers in sich, sie haben ihren Gott verloren. Es ist nicht ihre Schuld! – Wir wollen sie nicht schmähen. Die Sklavenarbeit der Maschine hat ihnen alles geraubt, was einst heilig war.
Und doch steht die Arbeit, so schwer sie auch heute auf den Gemütern und Körpern der Menschen lasten mag, als solche der Arbeit vergangener Jahrhunderte nicht nach. Ihr Geist ist innerlich der gleiche geblieben. Der Geist der ehrlichen Arbeit erfüllt unsere Herzen heute genau mit derselben Freude, die er vor Jahrhunderten verteilte. Man muß sich weit von den Menschen entfernen, um sie zu erkennen. Und wer dann von ferne die Arbeit unserer heutigen Tage betrachtet, wird nicht die Irrtümer und Schwächen der Menschen sehen, er wird nicht sehen, wie sie sich einander morden und verdrängen, wie die entfesselten Geister der Elemente Tausende schlachten, er hört nur einen gewaltigen, brausenden Gesang aus dem Getöse der Zeit heraus, wie einst der Gesang der frischen Gesellen aus der Werkstatt drang. Und aus dem Gewühl vernimmt er schon, wie sich allmählich eine wunderbare Harmonie bildet, wie der Gesang der arbeitenden Völker einträchtlicher, harmonischer wird, wenn sich alle Stimmen verständigt haben. Und in diesem göttlich schönen Gebrause ahmt die arbeitende Menschheit die Harmonien der Schöpfung, den donnernden Gang der Gestirne nach, wie der einzelne menschliche Schöpfer dem einzelnen Vorbilde der Natur zustrebt.
Wie nun der moderne Durchschnittsmensch selber nichts mehr produziert, sondern wie sich die Menschen zusammentun, um als ein einziger, großer, machtvoller Körper etwas zu produzieren, und wie jeder einzelne Mensch seine Kräfte dem großen Körper, dem er angehört, verkaufen muß, so folgt auch der Kellner dem Beispiel seiner Mitmenschen. So entsteht aus der Zusammensetzung von den verschiedensten Kräften und Begabungen einzelner das große moderne Hotel, welches oft die Kräfte von tausend bis zweitausend Menschen beansprucht. Und dieser große Hotelkörper produziert. Er produziert Essen und Trinken und Unterkommen für Menschen, wie eine Schuhfabrik Schuhe und eine Kleiderfabrik Kleider für Menschen produziert. Somit nimmt der Kellner eine Stellung als Arbeiter in der Hotelfabrik ein.
In unserer menschlichen Gemeinschaft hat man meistens die Gewohnheit, den einzelnen Menschen nach seiner Arbeit oder seiner Stellung in dieser Gemeinschaft zu schätzen und zu bemessen. Diese Art und Weise, einen Menschen zu berechnen, ist die einfachste, denn man braucht nicht viel dabei zu denken. Man macht sich gewöhnlich nicht gern viel Gedanken, und demnach hält man einen Schuster gewöhnlich für einen Schuster. Und einen Priester oder einen Premierminister gewöhnlich für einen Geistlichen oder einen Staatsmann. Aber natürlicherweise ist nichts falscher als dies. Indessen wie man den Menschen gewöhnlich nach seiner Arbeit bemißt, so bemißt man seine Arbeit auch nach dem Lohne, den er dafür erhält. Das ist natürlich ebenso falsch. Es ist sonderbar, wie falsch die Menschheit denkt und urteilt und immer wieder die gleichen Irrtümer begeht. Wer der Wahrheit auf den Grund kommen will, der stelle eine von der Menschheit als wahr akzeptierte Sache einfach auf den Kopf, und in neunundneunzig von hundert Fällen wird er die Wahrheit erkennen.
Sie glauben dies nicht? – Sie werden mir doch wohl nicht sagen wollen, daß die beste, edelste Arbeit stets am besten bezahlt oder gar nur als solche anerkannt wird!? Und daß die schlechteste Arbeit am schlechtesten belohnt wird! Nein, so verkommen kann ich mir keinen Menschen denken, daß er solches zu behaupten wagt.
Da man nun aber einmal die Arbeit nach ihrem Lohne abschätzt, so finden wir auch erklärlich, warum der Kellner allgemein mißachtet wird. Wir haben die Lösung des Rätsels, warum der junge Arbeiter in unseren Tagen der großen Industrie- und Arbeiterbewegungen abseits dastehen muß, wie wenn er ein Nichthinzugehöriger wäre. Aus diesem Grunde erkennt man ihn im Rate der großen Arbeiterschaften nicht an. Da er sehr geringen Lohn für seine Arbeit empfängt, so ist diese auch in den Augen des Volkes gering. Wo er gar keinen Lohn erhält, ist seine Mühe und sein Schweiß gleich Null. Ich sehe hier natürlich vom Trinkgelde ab, dessen Verwerflichkeit und Illegitimität ich erwiesen habe. Weil die Arbeit des Kellners nun so schlecht bezahlt wird, weil sie von der Gnade und der Barmherzigkeit und der unrichtigen Wertschätzung derer abhängig ist, denen er sie liefert, so fühlt sich auch selbst der geringste Taglöhner mehr als der intelligenteste Kellner und läßt dem letzteren diese seine liebevolle Meinung bei jeder Gelegenheit fühlen. Nicht einmal der niedrigste Arbeiter hält den Kellner aus diesem Grunde für einen vollwertigen Genossen. Er hat eine unbestimmte Vorstellung von ihm, er hält ihn für etwas, aber nicht für seinesgleichen, für einen Arbeiter.
Ja selbst die Gesetze der verschiedenen Länder scheinen tatsächlich noch nicht zu wissen, was sie mit dem Kellner anfangen sollen, wohin sie ihn stecken sollen, in welche Kategorie er gehört. Und doch ist er da! Er ist doch etwas, er will doch auch ein Mensch sein, zur menschlichen Gesellschaft gehören und nicht mit schelen, zweiflerischen Blicken betrachtet werden. Das ist der größte Schmerz, den unser Ganymed, der Kellner, hat. Das ist die größte von allen Ungerechtigkeiten, die wir gedankenlosen Menschen ihm antun. Traurig, gekränkt wendet er sich von uns ab, mit aller Charakteristik eines verfemten und verhaßten Volkes hält er zu seiner Art und sucht sich unter seinesgleichen zu trösten. Er hat keine Freunde außer den Seinigen, er will keine. Diese internationalen Menschen, ohne Heimat, ohne Vaterland und doch überall zu Hause, die überall Bekannten und doch Fremden, die Namenlosen, sie nennen sich bescheiden »Zugvögel«.
Wir haben aber gesehen, daß sie Arbeiter sind! Daß sie schwere, intelligente Arbeiter sind, die mit den Körperkräften eines Bullen hohes geschäftliches Wissen und die Finessen eines Diplomaten verbinden müssen, wenn sie nicht vor Hunger sterben wollen. Wir haben erkannt, welche wichtige Rolle der Kellner in dem großen Verbande der Gastwirtsindustrie spielt. Warum soll er nicht gleichberechtigt sein mit den Arbeitern, die die Maschinen beaufsichtigen und bedienen? Bedient der Kellner keine Maschinen? Ja, und was für gefährliche! Soll er noch länger von fern stehen und uns fremd sein müssen!? – Ein Arbeiter sein müssen und nicht einstimmen dürfen in das Summen der Maschinen, in das Singen der Motoren, in das Dröhnen der Hämmer, in das brausende Hohelied der Arbeit!! – Das ist schrecklich! Das ist die schlimmste Beleidigung, die man einem Arbeiter ins Gesicht schleudern kann. – Ein Krieger opfert uns alles auf, Gut, Blut und Leben. Aber wir dürfen ihm nicht wehren, in den Gesang der Schlacht miteinzustimmen.
Das ist der Kern in der Handlung der Tragödie vom Kellnerfrack. – – – – –
Zu all diesem tritt aber noch mehr hinzu, um das Dasein des anständigen Kellners unerträglich zu machen, um seine geschäftliche Existenz zu bedrohen und sein Ansehen in unseren Augen herabzudrücken. Ich will Sie, meine Freunde, nur noch auf eins aufmerksam machen, das ich soeben bemerkte. Zu diesem Zwecke muß ich unseren Kellner mit ins Gespräch ziehen. –
Sagen Sie mal, Kellner, was ist denn das für ein entsetzlich ungeschickter Mensch da drüben? – Ich habe ihn seit einiger Zeit beobachtet; er scheint sich nicht ein noch aus zu kennen. – Wie? noch nicht lange im Geschäft? Er ist doch schon verhältnismäßig alt! – – Aha! Er war früher »etwas anderes«! Was denn? Doktor? Oder ist er ein Adeliger? – So, man weiß nicht recht. – Der arme Teufel! Sieht sonst ganz anständig aus! – Aus diesem Grunde hat man ihn wahrscheinlich auch nur engagiert. Kommt es häufiger vor, daß sich diese mysteriösen Gestalten in die Kellnerei hineinflüchten? – So! Ja, leider, sehen Sie, Kellner, das scheint auch noch ein Krebsschaden an Ihrem Stande zu sein. Es sieht aus, als ob er die letzte Zuflucht aller verkrachten Existenzen sei. Nicht wahr? So eine Art Abladeplatz für die Scherben der Gesellschaft, für die verschimmelte Jeunesse dorée. Was sagen denn die Prinzipale dazu? Sind die denn damit einverstanden? – Ja, aber können Sie denn als Fachmann nichts dagegen tun? – Aha, also da steckt's! Keine Organisation! – Gewiß, ganz richtig! Viele werden durch die Gerüchte von dem großartigen Verdienst angelockt, nicht wahr? – Schließlich ist es ja auch ganz natürlich, wenn sich ein heruntergekommener Jüngling der »Gesellschaft« oder ein verkrachter Lebemann den schönen Stätten seines früheren Genusses und Glücks wieder zuwendet. Solche Tage sind unvergeßlich. Verbrecher kehren ja auch immer wieder an der Ort der Tat zurück. Und dann scheinen verkrachte Edelleute, Leutnants a. D. usw. sich durch ihre früheren Erfahrungen auf kulinarischem Gebiete genügend Vorkenntnisse erworben zu haben, um, gestützt auf ihre feinen Manieren und angeborene Gewandtheit, ganz passable Kandidaten für den Kellnerstand zu werden, wenn sie noch kein allzu hohes Alter erreicht haben und ihre Beine noch nicht zu schlotterig geworden sind. – Sie kennen doch die Geschichte aus New York? – Nicht? Sie ist doch der beste Beweis für diese Behauptung. Erst kürzlich bot ein hervorragender Restaurateur in New York einem Grafen in Paris per Kabel eine Stellung als Maître d'Hôtel mit unglaublich hohem Gehalt an, da die empörte Frau Gräfin – eine amerikanische Millionenerbin – ihrer Ehekomödie müde, den Seigneur aus ihrem üppigen Nestchen am Bois de Boulogne an die frische, rauhe Luft setzen ließ, so daß der Ärmste, plötzlich aller Mittel entblößt, nicht nur keine Champagnerbäder mit anderen Freundinnen mehr nehmen konnte, sondern über Nacht seinen ganzen Kredit verlor, was bekanntlich das Schlimmste ist, das einem Sterblichen zustoßen kann. Selbst ein Aristokrat weiß den plebejischen Kredit zu würdigen. Kurz, die Geschichte ist weltberühmt. Der Gedanke des Restaurateurs wurde seinerzeit als famoser Witz applaudiert, und nicht nur er, sondern die ganze Stadt hat die ablehnende Haltung des Edlen in Paris unendlich bedauert. Eigentlich war es ein sehr billiger, schäbiger Witz. Aber es ist eine gute Illustration für das, was wir soeben besprachen. Daß derartige Fälle selbst bei Wirten vorkommen können, die von Sensationshascherei dazu angetrieben werden, ist nicht nur bedauerlich für den Kellner und seinen Stand, nein, es ist geradezu entmutigend. Der betreffende Restaurateur aber hat sich aufs Glatteis begeben. Denn wenn sein Etablissement von verrotteten, verschuldeten, ausgemergelten, moralisch und intellektuell auf der niedrigsten Stufe stehenden Aristokraten geleitet werden kann, so stellt der Inhaber des Geschäftes sich damit selber ein Zeugnis aus, das einem bürgerlichen Totenschein verzweifelt ähnlich sieht. – Wiederum ein schrecklicher und zugleich interessanter Beweis, wie gedankenlos die meisten Menschen vorgehen und dadurch sich immer und immer wieder verraten und sich kompromittieren.
Was wird aber aus den anständigen Arbeitern, unter welche sich solch zweifelhafte Elemente ungestört mischen dürfen? Kann man gar unter diesen Umständen verhindern, daß uneingeweihte nachteilig über den Stand urteilen? – Gewiß nicht! – Ich will Ihnen nur ein einziges, aber ein klassisches Beispiel erzählen, wie und was man in der »höheren« Gesellschaft unter den Einflüssen genannter Art von dem freundlichen, hart arbeitenden jungen Mann denkt, der uns am Tische aufwartet. Er ist der bekannte Ausspruch, den der damalige Direktor der Königlichen Kunstakademie in Berlin, Herrn Anton von Werner, gelegentlich einer Kritik über das Gemälde von Max Klinger, »Christus im Olymp«, sich erlaubte. Das genannte Bild erregte bei seinem Erscheinen vor etlichen Jahren als das Werk eines »Modernen« großes Aufsehen. Herr von Werner, der auch ein ganz tüchtiger Maler ist, sich aber bekanntlich zur »alten« Schule bekennt, ließ sich zu heftigen Worten gegen den »Modernen« hinreißen. Das Bild, welches sich jetzt in Wien befindet, stellt den Erlöser dar, wie er in Begleitung von christlichen Büßerinnen die Götter des heidnischen Altertums von ihren Höhen verdrängt. In den Augen des Herrn von Werner stellte das klingersche Gemälde jedoch Christus in Gesellschaft von pariser Kellnern und Freudenmädchen dar. So drückte er sich wenigstens aus. Man hat ihm natürlich dies vorübel genommen, und er mußte öffentlich bedauern, daß er sich getäuscht hätte. Die Geschichte ist ja genugsam bekannt.
Ich habe mich aber oft gefragt, warum der brave Herr von Werner gerade den Kellner zur Zielscheibe seines geistarmen Spottes machte. Haben pariser Kellner etwa mehr mit pariser Freudenmädchen zu tun als – na! – sagen wir – pariser Maler? – Oder berliner Kellner und berliner Mädchen und berliner Maler? – Oder die Kellner, Mädchen und Maler irgendeiner Stadt auf der Welt? – Man braucht wirklich nicht in Paris gewesen zu sein, um zu wissen, was ein Quartier Latin, Monmartre oder Porte St. Martin ist, oder wie sonst die Stadtviertel heißen mögen, wo Pseudokünstler mit Pseudojungfrauen ein Pseudodasein, ein Dämmerleben und -treiben führen, das nichts ist als ein tatenloses, selbstverherrlichendes, langsames Verglimmen. In jeder Großstadt sind solche »Quartiers« zu finden. Doch das Thema ist bis zum Überdruß verherrlicht, behandelt, abgeleiert und abgedroschen worden; es wirkt nachgerade uninteressant.
Der gute Herr von Werner war sehr erregt, als er die Wörter »Kellner« und »Freudenmädchen« in einem Atem aussprach. Er muß sehr erregt, fieberhaft erregt gewesen sein. Der Arme! Darum hätten die Kellner sich damals nicht aufzuregen brauchen. Darum hätten sie ihm stillschweigend verzeihen müssen und ohne seine öffentliche Erklärung zu verlangen. – –
Sie haben einesteils recht, gnädige Frau, wenn Sie sagen, daß die ganze Geschichte für uns Mitglieder der Gesellschaft von sehr geringer Bedeutung sei. Aber gestatten Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache, welche Bedeutung sie für die Kunstgeschichte hat. Uns Kunstkennern liefert sie nämlich ein Freibillett zu einer Arena, wo ästhetische Gladiatoren sich auf Tod und Leben ans Fell gingen. Die bösen Worte, die Herr von Werner in der Hitze des Gefechtes ausstieß, bilden für uns den höchst interessanten, für ihn aber verhängnisvollen Kulminationspunkt in einem erschütternden Drama vom Kampfe des Alten gegen den Ansturm des Jungen. Dieser Schauspiele in mannigfaltiger Gewandung erleben wir viele gerade in unserer Zeit. Ja, jeder von uns wird eins auskämpfen müssen. Das Drama mag verschieden sein, aber der Kern der Handlung ist meistens der gleiche.
Der alte Maler, der seit Jahr und Tag in Berlin Militärstiefel gemalt hatte und sich im Strahle allerhöchster mediceischer Gunst sonnte und so der deutschen Kunst, welche ohnehin in den damaligen Jahren ein schwächliches Blümchen war, vollständig die Sonne wegnahm, er mußte in dem Kampfe weichen, denn er hatte sich zu sehr entblößt. Er hat das Gift eines alten Geiferers gegen die frische Jugend ausschleudern wollen, statt sie lächelnd und freudig zu begrüßen, statt sich an ihrem übermütigen Streben als Philosoph zu ergötzen und, wenn er auch selbst kein großer Maler sein kann, so doch zu versuchen, ein großer Mann an Herz und Gemüt zu sein, was noch etwas mehr ist als pur geniales Pinseln.
Aber Herr Anton von Werner war kein großer Mann an Herz und Gemüt, und darum hat die Zeit ihn auch schon vor seinem leiblichen Tode gerichtet. – Hu, mit einer ganz unheimlichen Sicherheit richtet die Zeit! Und namentlich den Eiferer und Geiferer. Wie schmerzlich muß es für einen Menschen sein, der sich sein Lebtag lang auf den Höhen des Lebens wähnte, wenn er eines Tages erwacht und sieht, daß er Ruck für Ruck hinabgezerrt wird. So arbeitet die Zeit. Ruck für Ruck. Niemals heftig und plötzlich, sondern wie das knappe, abgerissene Zucken des Pendels.
Es klopft die Jugend an unsere Tür und ruft: »Platz, Platz!« Dann muß man zuschauen, wie die Zeit einem das Lebenswerk in die Rumpelkammern unserer Kultur steckt, in die dumpfen Kellerräume, wo an den feuchten Gewölben ein muffiger Grabgeruch wie von verfaultem Sonnenlicht und welkem Lorbeer klebt. – –
Aber wie alles Böse, so birgt auch das gehässige Wort des Herrn von Werners etwas Gutes in sich. Es läßt einen herrlichen Gedanken in sich aufdämmern, an dem freilich der Urheber unschuldig ist, nämlich den Gedanken, daß in Wirklichkeit einmal ein Christus unter Kellnern und auch wieder unter Freudenmädchen segnend und tröstend einherwandeln möge ....
Indes, ein solches Bild könnte kein Künstler malen, der sein Lebtag lang nur Stiefel und Sporen und Schlachtenbilder mit mangelhafter Perspektive malt, der Bilder malt, worauf die großen Generale an den gefährlichsten Stellen stehen, wo rings um die kühn und unerschrocken dreinblickenden Fürstlichkeiten Schrapnells, Pferde, Gemeine und Unteroffiziere vom Feldwebel abwärts in Mengen krepieren und wo brechende Blicke dankbar verklärt an der hehren Gestalt des Landesvaters auf und ab wandern. – Nein, ich glaube nicht, daß die Kellner sich für Bilder interessieren, die allerhöchsten Geschmack irreleiten und einer braven patriotischen Partei der eiserne Bestand an Rührseligkeit sind. Die Kellner interessieren sich für solche Schlachtenbilder nicht. Gegen Romantik sind sie stumpf. Gegen Militärtrompeten sind sie taub. Auch danken sie für Orden. Sie kriegen sowieso keine. Die Kellner steckt man ja doch nur immer ins Offizierskasino. Für die Front sind sie der Plattfüße wegen untauglich. – Thackeray meint an einer Stelle einmal, daß die Menschheit die militärische Tüchtigkeit so fürchterlich hochschätze, weil sie – die Menschheit – im Herzen feige sei. Ich weiß nicht, wie Schlachtenmaler darüber denken. Ich weiß nur, die Kellner wollen nicht feige sein. Sie haben Mut, ihr Leben zu ertragen. Also keine Schlachtenbilder, bitte, und mögen sie noch so schön und glatt und glänzend sein. – Aber wenn wirklich einmal ein Christus unter Kellnern erscheinen sollte, so bin ich gewiß, daß sie sich bei einem Uhde ein Bild bestellen werden. – –
Diese Geschichte ist also ein typisches Beispiel, wie man über den Kellner denkt. Aber wie dunkel muß es in den Köpfen sein, die so denken! Denn sie denken nicht, sie machen sich nur Vorstellungen – nach ihnen selber. Sie sehen nicht, sie haben nur Ansichten. Darum hat der Kellner keinen Platz unter uns: er hat nur eine Stellung. Darum bekommt er keine Anerkennung für seine Arbeit, nur Wohlwollen. Er hat darum keine Ziele, nur Aussichten. Keine Ideale, nur Idole. Keinen Gott, nur Götzen. Kein Einkommen, nur ein Auskommen. Kein Heim, nur ein Unterkommen, ein Obdach. Keine Heimat, nur einen Geburtsort. – Solange er jung ist, läßt sich dies leicht ertragen; aber was wird aus ihm, wenn er in Jahren vorrückt? Als junger Mensch hat er Gelegenheit, viel Geld zu verdienen, mehr wie manch ein anderer seiner Gesellschaftsschichte. Aber seine Unkosten sind auch groß. Und nach dem dreißigsten bis fünfunddreißigsten Jahre lassen seine physischen Kräfte schon nach. Sein Aussehen hat schon nicht mehr die nötige Frische der Jugend, welche verlangt wird. Was wird nun aus ihm, nachdem er seine Jugend weggegeben hat? Nicht jeder kann im Geschäfte fortkommen und höher steigen. Von einem Tausend erreichen nur wenige einen höheren Posten. Aus hundert dieser Glücklichen wird vielleicht nur einer Geschäftsinhaber. Und es tritt noch der merkwürdige Umstand hinzu, daß ein Kellner außerhalb seines gelernten Geschäftes in einer anderen Beschäftigung oder Beruf trotz oder wegen seiner Welterfahrung und Weltgewandtheit selten oder fast nie erfolgreich ist. Vielleicht kann er sich nicht einschränken. Er fühlt sich nicht wohl in der Enge, in welche so viele Berufe die Menschen zwängen. Er kann kaum das zustande bringen, was ein bescheidener, ungebildeter, beschränkter Mann vermag. Er ist zu sehr an großartiges Leben, gutes Essen, Luxus, Geldverschwendung, Frivolität gewöhnt; er kann nicht haushälterisch mit seinen Mitteln umgehen, er kann schlecht rechnen.
Nach einer eingehenden Betrachtung des Werdens, Seins und Vergehens des Kellners kommt man zögernd aber sicher zu dem hoffnungslosen Fazit, daß sein Los eines der undankbarsten, unangenehmsten ist, die unsere Zivilisation zu verteilen hat. Höchstens pekuniär scheint sein Beruf den gewöhnlichen Gewerben gegenüber einige Vorzüge aufzuweisen, aber auf die Dauer hält er seine Versprechungen nicht und hintergeht den, der mit vielen Freuden und Hoffnungen begonnen hat, meistens so schnöde, daß sein Opfer jeder weiteren Hoffnung beraubt wird und sein Leben in noch verhältnismäßig jungen Jahren schon als ein verfehltes verflucht. –
Ein ganz Schnodderiger wird daher nur die Achsel zucken und sagen, daß überhaupt kein anständiger, sich selber respektierender junger Mann die Hotellaufbahn als Lebensweg erwählen wird. – Aber der erfahrene Kellner lächelt bitter darüber. Er weiß, wie wenig gewöhnlich die Kinder sagen und zu sagen haben, wenn sie am Scheidewege stehen, wo alle vier Straßen in das große Leben, in die weite Welt hinausführen. Hier sind die Eltern genau so hilflos wie ihre Kinder. Man wählt den großen, breiten Weg am liebsten. Eltern haben meistens nur vage Begriffe von den Berufen, die sie für ihre Sprößlinge in engere Wahl ziehen; und wie immer sehen sie nur die glänzende Seite derselben.
Der Kellner, der von Jugend an in seinem Berufe tätig war und ihn allmählich mehr hassen statt lieben gelernt hat, muß oft schmerzlich einsehen, wie schwer es ihm gemacht wird, denselben gegen eine andere, seiner Natur und seinen Kenntnissen passendere Beschäftigung umzutauschen. Immer und immer wieder wird er abgewiesen werden, obgleich er noch jung sein mag. Und wer in den zwanziger Jahren steht und ein Geschäft gründlich kennt, will auch in einem fremden nicht gerne mehr Lehrling sein. So verbleibt die größte Anzahl der Kellner in ihrem Berufe, oder man kehrt nach einigen fruchtlosen Versuchen auf anderen Feldern dorthin zurück, obgleich derselbe durch seine vielen Nachteile und Mängel verleidet worden ist und auf die Dauer sogar unerträglich werden muß.
Das Hauptproblem unseres jungen Mannes besteht also in der einen Frage, wie ein intelligenter, vielgereister junger Weltmensch sich aus den verschiedenen Dilemmen und Hindernissen seines Berufes herauszieht und das Beste aus dem Leben machen kann. Diese schwierige Aufgabe lösen nur einzelne, allerdings dann oft in ganz bewunderungswürdiger Weise. Und aus ihnen entstehen die vielen erfolgreichen Hoteliers, welche durch andauernde strenge Selbstzucht sich vom Kellnerstande emporgerafft haben und – um den gebräuchlichen Ausdruck anzuwenden – »zu etwas gekommen« sind.
Wie zu jedem Leben, so gehört eine gewisse, nicht zu unterschätzende Philosophie zum Leben des Kellners, die natürlich nicht jedem gegeben ist, die sich aber mit einigem Willen, Fleiß und Studium mehr oder weniger aneignen und bemeistern läßt. Wenn Sie mir aufmerksam zugehört haben, so werden Sie auch gesehen haben, wie ich mich bemühte, die notwendige Philosophie an den einzelnen kritischen Punkten zur Geltung kommen zu lassen. Ein feiner Zug von Selbstironie ist auch oft in dem Leben dieser Leute zu finden und bildet einen beträchtlichen Lehrsatz in ihrer Lebensweisheit, deren Basis natürlich auf den großen Grundregeln des Umgangs mit Menschen beruht. Ohne vielleicht jemals mit den Weisheiten der großen Klassiker des Altertums bekannt geworden zu sein, lebt der wirkliche gute Kellner doch ganz nach diesen herrlichen Vorbildern. In seinem Leben bestätigt sich auf die wundervollste Weise die reine, einfache Wahrheit der alten Lehren, was um so erstaunlicher ist, je mehr die in einer ganz einfachen, von Dampfkraft und Elektrizität ungestörten Zeit entstandene Wahrheit in unserer komplizierten Zivilisation Anwendung findet und sich mit ihrer süßen, mahnenden, sanft drängenden Gewalt immer und immer wieder Recht verschafft.
Ja, meine Freunde, welche Leidensgeschichte habe ich Ihnen da erzählt! Nichts Großes, nichts Blutiges, nichts Erhaben-Schreckliches, aber immerhin Leiden. Und nur Leiden! – Glauben Sie jedoch, das Leben sei so grausam, daß es einen Menschen nur peinigt und ihm nichts, gar nichts als Entgelt für seine Leiden bietet? Niemals! – Es ist gerecht, es tröstet die Schmerzensreichen. Es gewährt ihnen hohe Freuden, die den unwissenden Glücklichen nicht bekannt sind. Das Leben stärkt auch seinen Kämpfer. Es stellt keinen Schwachen an die gefährliche Stelle, ohne ihm die Mittel in die Hand zu geben, mit denen er sich decken kann. Es hängt ganz vom Menschen ab, ob er sie weise benutzt oder übersieht.
Wie sich dies überall und auch hier bewahrheitet, will ich Ihnen noch kurz beweisen. Ein altes Volkslied beginnt mit den Worten: »Wem Gott will eine rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt ...« Alte Volkslieder sind oft nicht nur schön, sie sind auch wahr, ja berauschend wie alter Wein. Und je älter sie werden, um so würziger, wahrer werden sie. – Freilich, in unserer alles umwälzenden und umwertenden Zeit, wo auch ein gottverlassenes Benzinfatzkentum mit neugierigen Nüstern an alten Wahrheiten herumschnüffelt und sie als wunderliche Kuriositäten bemäckert, da verblaßt vieles – da werden oft die zarten Geister einstiger Freude verscheucht, und sie schleichen sich mit herzbrechendem Schluchzen von dannen, verkriechen sich wimmernd in das dunkle Innere der Vergangenheit. Sie prostituieren sich nicht. Sie lassen sich auch nicht begaffen. Sie hassen aber dennoch die Gegenwart nicht, denn sie sind unsterblich. Und wer sie aus ihrem Versteck hervorlocken will, der muß mit gutem Willen und reinem Herzen kommen und darf nicht nach Benzin stinken. Dann wagen sie sich heraus und umarmen ihren Liebling. Scherzend verbinden sie ihm die Augen und führen ihn kichernd und wichtig tuend bei der Hand durch weite, unendliche Irrgänge, wo die Luft mit süßer, jugendlicher Ungeduld angefüllt ist, bis vor die zarten Schleier, mit denen ihre Geheimnisse behangen sind. Endlich reißen sie ihm jubelnd die Binde von den Augen, der Vorhang fällt, – das erstaunte Menschenkind findet sich lächelnd in einer fremden, niegeschauten blühenden Märchenflur. Wuchtige, silberweiße Wolken hängen an dem klaren Azur, farbenreiche Gebirge mit würdigen Schneehäuptern wälzen sich am Horizont entlang hinab bis in das ewige, purpurblaue Meer. Und alles schenken die guten, freigiebigen Geister ihrem Liebling, alles. Sie lachen dabei, krönen ihn mit Blumen und tanzen Reigen um ihn.
Die Jünglinge, die als Kellner in die Welt hinausziehen, stinken noch nicht nach Benzin. Sie kommen mit dem reinen, unverdorbenen, durstigen Herzen der Jugend. Ihnen gilt daher noch der ganze Wert des alten Liedes; ihnen schenkt Gott daher noch seine ganze Gunst, legt vor ihren großen Augen seine Wunderwelten dar. Sie sind zwar arm an Gütern, die Jünglinge, aber ihr Beruf führt sie überall hin. Er gibt ihnen einen freien Passepartout zu allen Wundern der Erde, den andere teuer erkaufen müssen, ja, der den meisten unerschwinglich teuer ist. Was andere unbemittelte Menschen in einsamen Nächten sehnsüchtig aus mangelhaften, unvollständigen, von Menschen verfertigten Büchern und Bildern schlürfen, das legt die Gunst Gottes dem jungen Kellner in Natur, in Wirklichkeit, in königlicher, erhabener Größe vor seine jugendfrischen Augen. Was ist ein Abdruck gegen das Originalbild! Was ein Bild erst gegen den Glanz der Wirklichkeit! – Wie viele Menschen würden unseren Ganymed als den Glücklichsten der Sterblichen beneiden, wenn sie wüßten, welche Genüsse das große Leben ihm, seinem Günstling, lächelnd reicht.
Fragen Sie, meine Freunde, nur unseren jungen Mann hier. Vielleicht kann er es Ihnen sagen. Heute ist er hier, aber mit den Zugvögeln zieht er schon wieder im Spätherbst nach dem Süden, nach Italien, der Riviera, nach Ägypten, nach Algier. Wir finden ihn im Winter vielleicht in Indien oder auf den Kanarischen Inseln, in Florida oder auf Honolulu, in Athen oder Konstantinopel oder Monte Carlo. Den Frühling begrüßt er in den Bergen, den Alpen, Karpathen, in den Pyrenäen oder im Taunus am Rhein, im schottischen Hochland oder im amerikanischen Felsengebirge. Im heißen Hochsommer promeniert er vielleicht am Strand in Ostende, Scheveningen, Boulogne, Biarritz, Atlantic City oder Santa Cruz. – Überall ist er. Gefällt ihm heute Berlin nicht mehr, so sitzt er morgen im Expreß nach Paris. Wenn er will, vertauscht er London mit Rom, New York mit San Francisco, Buenos Aires mit Sydney, Yokohama mit Calcutta. Überall findet er Arbeit, überall ist er willkommen, überall zu Hause. Verordnet sein Arzt ihm Karlsbad, so zögert er nicht lange und packt seinen Koffer. Ist Aachen oder Nauheim seiner Gesundheit zuträglicher, so besinnt er sich nicht lange, sondern studiert den Fahrplan für diese Richtung. Zur Kur wählt er Wiesbaden oder Saratoga, Baden-Baden oder Aix-les-Bains, Virginia Hot Springs oder Marienbad – je nach Bedarf. Entfernungen spielen keine Rolle, Finanzen sind Nebensache, Nationalitäten gibt's keine – er ist der Weltbürger par excellence.
Mit einem wehmütigen Stolze blickt dieser Wanderer auf sein unstetes Leben zurück. Alle Himmelsrichtungen kennt er. Fällt ihm ein Buch in die Hand, das Beschreibungen von fernen Ländern oder Orten bringt, so greift er es auf und freut sich herzlich, wie wenn er einen lieben alten Bekannten sehe.
Wenn doch auch nur die anderen Menschen die gleiche Gelegenheit zum Wandern hätten, oder wenn sie nicht zu faul wären und nicht in ihren muffigen Nestern hocken blieben, so würde viel Engherzigkeit verschwinden, die Nationen würden dichter und inniger aneinander kommen und sich besser kennen lernen. Denn sie wissen trotz aller unendlicher Schreiberei, trotz aller Eisenbahnen und Dampfschiffe, trotz aller Kabel und drahtlosen Telegraphie, trotz aller Luftschiffe noch herzlich wenig oder so viel wie gar nichts voneinander. Wenigstens keine Wahrheiten. Und das Resultat ist, daß sie sich gegenseitig beständig scheel belauern, anknurren und womöglich sich die Köpfe blutig schlagen, wo sie sich nur begegnen. –
In seinen Reisen liegt die eine einzige, aber große Freude, die das Leben dem Kellner bietet. Hier liegt auch das Geheimnis seiner Friedfertigkeit, seiner Geschmeidigkeit und Duldsamkeit verborgen, welche sein Beruf erfordert. Und wie nur wenige andere Erdbewohner hat er Gelegenheit, in die Tiefen der Menschheit zu schauen. Er kann die edelste Beschäftigung, das interessanteste Studium betreiben: Menschen studieren. Er sieht sie. Alle Nationen, alle Rassen, alle Klassen kommen zu ihm. Könige, Fürsten, Edle, Geistes- und Geldgrößen und deren Frauen kommen als Gäste; die mittleren und armen Schichten arbeiten mit ihm als Kollegen und Helfer. Er sieht sie alle. Er sieht sie besser, als andere sie sehen können. Mitten in das glänzendste, summende Gewimmel, das unaufhörliche Getriebe und Gewühl der verschiedensten Charaktere, in das unendliche, willkürliche, unverantwortliche, rücksichtslose Treiben einer verwirrten Zivilisation wird er gedrängt. Und er sieht noch mehr, viel Wertvolleres: er sieht die verwundbarsten Stellen der Menschen – ihre Schwächen.
Manch ernstes Bild, manche unerwartete Überraschung, manchen grauenvollen Schrecken stellt das Leben vor seine Augen, indem es ihm offen sein tiefstes Geheimnis, den Menschen zeigt. Tagtäglich predigt es dem Kellner seine erhabenen, stumm mahnenden Predigten auf die mannigfaltigste Weise. Es führt ihn ernst lächelnd hinter den leeren Glanz des Reichtums, mit unerbittlicher Miene an die abscheulichen Tiefen der Armut heran. So kann das rätselhafte Gesicht des Lebens nur flüstern, stumm, aber es gibt keine eindringlichere Sprache. So spricht es zum Kellner. So legt es ihm einen immensen Reichtum an Gesehenem und Geschehenem zum Gebrauch fürs eigene Dasein vor die Füße. Und unerbittlich verlangt es Verwaltung und weise Verwertung dieser Schätze.
Doch wer verwertet sie wirklich? – Wer läuft nicht unachtsam, gedankenlos daran vorüber? – Ach, sie schauen nur, aber sie sehen nicht! Sie denken nur, aber sie wägen nicht! – Man kann zwar nicht erwarten, daß jeder Mensch ein großer Philosoph sei, aber man darf von jedem erwarten, daß er Schlüsse aus dem Leben ziehe, das ihn umgibt. Doch es braucht Gewalt, dies zu tun; und die Gewalt kann nur durch Übung erlangt werden.
Das Leben aber verzeiht weder dem Unwissenden noch dem Schwachen. Es versagt ihm seinen höchsten Genuß, sein schönstes Glück; und die Stimme des Gewissens, das Bedauern, die Reue über ein verschuldetes, verfehltes Dasein wird ihn bis zum Tode verfolgen.
Erst aus dem Kern der hehren Gewalt, aus der großen Selbstzucht entspringt das süße, überwältigende Bewußtsein der Kraft, und die einzige, die wahre dionysische Freude am Erdendasein loht daraus auf, sich zum Gottesdienste erhabensten Stils entfaltend.
Ei, gnädige Frau, auf diese Frage habe ich lange gewartet! – Woher ich mit dem Schicksal der Kellner so vertraut bin? – Hm – ich habe so viel – ja, natürlich als Gast in den großen internationalen Hotelpalästen – aber ich habe noch mehr getan: nämlich selber einmal als Kellner gearbeitet. Und nicht nur gearbeitet, sondern noch mehr: ich habe mich für das Leben dieser Menschen interessiert! Es gibt Tausende, die hier arbeiten, ohne aber zu wissen, was sie tun, ohne Anteil an dem eigenen oder an fremdem Leben zu nehmen. – Aber Sie sind ja ganz sprachlos, meine Gnädige! – Hat mein Bekenntnis Sie so entsetzt? – Wie? – Ob das Schreckliche wahr ist? – Ei, selbstverständlich! – Woher sollten wohl sonst alle meine fabelhaften Kenntnisse über dieses Leben stammen!? – – Nur Studien halber? – Hm, meistenteils ja! – Ich will aufrichtig sein ... Wie ungläubig Sie lachen, meine Freunde! – Warum? – Weil ich solch eine verzweifelt ehrliche Natur bin? – Oh, das sind alle normale Menschen. Und ich halte mich für einen solchen. Aber es gibt doch sehr wenig normale Menschen auf der Welt. Und meine Ehrlichkeit besteht hauptsächlich darin, daß ich nichts Überflüssiges sage. Es sei denn, ich werde danach gefragt, wie in diesem Falle.
Da so vieles, das ich Ihnen erzählte, auf eigener Erfahrung und Anschauung beruht, so kann ich Ihnen auch ohne Bedenken verraten, wie ich Kellner wurde und gleichzeitig ein Anekdötchen zur Illustration beigeben, wie man in meiner früheren Gesellschaft darüber – also folglich auch über den Wirt und seine Angestellten – denkt. Es ist eine ganz harmlose Geschichte, sie mag langweilig sein, aber sie ist wahr.
Nichts ist amüsanter als Maskerade. Sie wird aber auch zu hinterlistigen Zwecken benutzt. Der Wilde versucht in allerhand Verkleidung als Strauß, als Hirsch usw. seinem Jagdopfer beizukommen. Auch für den wirklichen, zivilisierten Jäger, den Sportsmann, für den Naturforscher gibt es kein größeres Vergnügen, als unter irgendeinem Schutze die Tiere des Feldes und des Waldes zu belauschen, wenn diese sich unbeobachtet glauben und den Menschen nicht wittern. Aber das ist gar nichts! Ich habe die perfide Angewohnheit, den Menschen auf alle möglichen Arten beizukommen und ihnen in die Karten zu gucken. Ich muß gestehen, kein Mittel ist mir zu schlecht, keine Maskerade zu verächtlich, um meinen Zweck zu erreichen. Ich kann wirklich nicht umhin und muß bekennen, daß mir das Beobachten der Menschen trotz aller ihrer Schlechtigkeit hundertmal mehr Genuß bereitet hat, wie meine schönsten Jagderfahrungen in den Bergen, auf den weiten Prärien oder in den Urwäldern. Und die Menschen, denen ich begegnet bin, waren so offenherzig gegen mich, daß ich viele Masken lächelnd beiseite legen konnte und ohne dieselben hinter ihre Schliche kam. – Ja, Gnädige, das sieht beinahe wie Vertrauensbruch aus. Aber es ist nicht so. Danke! – Ich habe auch nie durch Schlüssellöcher geguckt oder sonstige Dienstbotenmethoden angewandt. – Wie gesagt, es war unnötig. – Die Offenherzigkeit war nicht die schöne Tugend, das edle Vertrauen, welches jeder dem anderen entgegenbringen sollte, nein, es war gerade das Gegenteil davon. Es war eine unverzeihliche Bequemlichkeit, eine Gemütsfaulheit, eine Dummheit, beleidigend, wie nur sie sein kann; es war eine verletzende verallgemeinernde Stupidität, die die Menschen an anderen voraussetzten, weil sie selber damit behaftet waren. Darum soll man nie jemand mit dem eigenen Maßstabe messen, ebensowenig, wie man eine fremde Sprache sprechen soll, während man in der Muttersprache denkt.