»Der Satan hat Genossen!« stammelte er. »Der Rückzug ist uns abgeschnitten.«
Aber Herr Jan wurde in diesem Augenblicke bleicher, als Tobias. Seine Augen starrten mit Blicken des Schreckens und der ängstlichsten Erwartung den Hereintretenden an. Jeder Zug des heimlichen Spottes, jedes Lächeln war aus seinem Antlitze verschwunden. Angst, Verzweiflung und Entsetzen sprachen aus seinem ganzen Aeußeren. Er hatte den sogenannten Genossen des Satans erkannt: es war sein alter Buchhalter, Jeremias Hoontschoten, der mit dem kläglichsten Jammergesichte von der Welt vor ihm stand.
»Ich bin da, gestrenger Patron!« wimmerte Jeremias. »Aber meine werthe Person und die wenigen Fetzen, welche ich auf dem Leibe trage, sind auch Alles, was ich mitbringe aus Mexiko. Die reichste Silberflotte, die je über den Ocean gekommen, ist gekapert worden im Haven von Vigos und zweimalhunderttausend Stück Dukaten, die meinem hochedeln Heern angehört, sind in die schmutzigen Hände der Matrosen gefallen. Sie fanden ebenso guten Cours bei den Engländern, wie bei unsern eigenen Leuten und wenn ich diesen versicherte, sie seyen das Eigenthum meines wohlmögenden Prinzipals, des Herrn Jan van Daalen in Rotterdam, so behaupteten sie dagegen mit einem wahrhaft teuflischen Gelächter: das sey erlogen, die Dukaten gehörten ihnen und wenn der Herr van Daalen sie haben wolle, so solle er sie nur von ihnen abfordern. O, mein hochedler Patron, ich habe mich ihnen zu Füßen geworfen, ich habe geheult, wie ein altes Weib, für die Dukaten! Aber die Tigerherzen waren nicht zu rühren. Sie spotteten meiner und schimpften mich einen spanischen Holländer, den man von Rechtswegen aufknüpfen müsse.«
Herr Jan blieb stumm. Er konnte die Größe der Schreckenspost, die ihm gebracht wurde, nicht fassen. Tobias war dagegen ganz Ohr geworden. Bei dem Blicke, den er mit einemmale in das Handelsgeheimniß des Herrn van Daalen warf, hatte er den Domine, den Götzen sammt dem Gottseybeiuns vergessen. So war denn endlich entschleiert, was der geheimnißvolle Patron im Stillen getrieben, so wußte man denn nun, nach so vielem vergeblichen Sinnen und Rathen, wodurch er Geld und Gut gewonnen! Er war, wie viele andere niederländische Kaufleute, bei den spanischen Gold- und Silberflotten interessirt gewesen, indessen war der Krieg zwischen Spanien und Holland ausgebrochen, die vereinigten Holländer und Engländer nahmen die spanischen Schiffe, wo sie sie fanden, und durch einen besonders glücklichen Zufall gerieth ihnen auch die im Haven von Vigos liegende reich beladene Flotte in die Hände.
»Also von dort her erwartetet Ihr die zweimalhunderttausend Dukaten, welche die Differenz in der Mitgift ausgleichen sollten?« sagte jetzt mit finsterem Angesichte und in einem sehr gedehnten Tone Herr van Vlieten. »Und sie sind nun hin und fort und werden eingehen am Nimmerstage, wo alle insolvente Gläubiger ihre Wechsel bezahlen? Lasset zu Euch reden, Myn Heer van Daalen, wie es mir ums Herz ist in dieser Sache! Euere ganze Handelschaft ist eitel Schwindelwesen und Ihr habt mehr Glück als Verstand gehabt, daß Ihr nicht schon längst zu Grunde gegangen seyd. Zucker und Kaffee, das ist solid, aber Schmuggelei mit dem spanischen Erbfeinde kann nicht Segen haben auf die Dauer! Freilich ist es Euch noch gut genug gegangen, daß Ihr durch die Kriegsjahre und Kriegstroublen glücklich hindurch gesegelt seyd mit Euern Silberschiffen; allein der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht, und Ihr gemahnt mich jetzt gerade, wie so ein zerbrochener Krug, der keinen Henkel mehr hat, an dem ihn unsereins anfassen mag, und dem der Boden ausgefallen ist, auf dem der Inhalt geruhet.«
Der Handelsherr, an welchen diese Worte gerichtet waren, hatte indessen einigermaßen die verlorene Fassung wiedergewonnen. Er sah ein, daß er noch ohne die zweimalhunderttausend Stück Dukaten ein reicher Mann blieb, er ahnete aber auch zugleich, daß diese unausgefüllte Lücke in seiner Casse eine Kluft bilden könnte, welche sich störend zwischen die Verbindung der Häuser van Vlieten und van Daalen drängen dürfte. In dieser schlimmen Ahnung wurde er durch die Reden des Herrn Tobias noch bestärkt. Er warf einen zornigen Blick auf den Buchhalter:
»Hoontschoten, Er ist ein Esel!« sagte er ingrimmig. »Wäre Er nicht so alt, daß Ihm die Natur bald den Abschied aus dem Leben geben dürfte, so gäb ich Ihm den Abschied aus dem Dienste.«
»Mein Gott und Heer!« versetzte bebend Jeremias: »worin habe ich denn gefehlt? Gebot es nicht Pflicht und Gewissen, meinen wohlmögenden Patron sogleich in Kenntniß zu setzen von einem solchen Unglücksfalle? Und darin habe ich nicht gesäumt, nach den schwachen Kräften, welche mir mein Alter vergönnt. Ich habe Euch gesucht wie eine Stecknadel, im Hause und am Haven, im Prinzencollegium und am Boompjes, bis mich endlich ein scharmanter Herr, ein Professor aus Leyden, dem ich Euere und Herrn van Vlietens Personen weitläuftig beschreiben mußte, hierher verwieß.«
»Verdammter Hazenbrook!« schalt Herr Tobias für sich hin, und die große Ader auf seiner Stirn schwoll in zorniger Erinnerung höher an: »Das Gespenst des verruchten Professors verfolgt mich allenthalben und wenn ich mir ihn einmal aus dem Sinne geschlagen habe, so bringt ihn mir ein verwünschter Zufall wieder in den Wurf.«
»Ich hätte Ihn nicht für so dumm gehalten, Hoontschoten!« zürnte indessen der alte van Daalen zu seinem Untergebenen. »Er meint noch Wunder wie gut er’s gemacht hat und wäre am Ende im Stande gewesen, die Sache auf dem großen Markte auszuschreien! Myn Heer van Vlieten,« wandte er sich jetzt gänzlich umgewandelt, mit sanfter Stimme und lächelndem Angesichte, zu diesem: »der Verlust einer solchen Kleinigkeit wird keinen Einfluß auf Euere gütigen Gesinnungen für mich und meinen Cornelius haben, wir bleiben die besten Freunde, wie bisher, und Clötje wird meine Tochter und Cornel Euer Sohn.«
»Prosit!« versetzte mit einem herben Gesichte Herr Tobias. »Aus der Heirath kann ein für allemal nichts werden, wenn die Gelder nicht bis auf einen Deut al pari stehen, und dazu ist, unter den gegenwärtigen Auspicien, auf lange hin kein Anschein. Lebt wohl, Myn Heer van Daalen! Siebenmalhunderttausend ist das Wort. Ohne das geht die Braut nicht fort. Da habt Ihr in Reimen meine Meinung. Gott befohlen, Heer Jan! Ich kann meinen Thee allein trinken. Besucht mich über’s Jahr wieder!«
»Wie?« rief der Fortgewiesene mit einer Miene, in der sich Staunen und Unwille aussprachen: »Ihr wollt das alte Freundschaftsband zerreißen; Ihr könntet um des lumpigen Geldes Willen die edlern Gefühle des Herzens verleugnen? Thut das nicht, Myn Heer Tobias! Fürchtet die Rache Schiwa’s, unter dessen Augen Ihr diesen Frevel begeht!«
In seiner Herzensangst griff Herr van Daalen zu diesem letzten Mittel, die Furcht des Widerwilligen auf’s Neue zu erregen und sie zum Hülfsweg bei dem Sturme auf Tobias Herz anzuwenden. Dieser aber hatte, unter den neu eingetretenen Umständen, das Entsetzen, welches ihm der Götze früher eingeflößt, rein vergessen und rief im Fortgehen:
»Was Schiwa, was Brama! Geld ist die Bank. Morgen brennt der Schiwa im Ofen und auf dem Herde und der Kaffee, der an dem Satan gekocht wird, soll mir wohl schmecken. Trag den Thee in mein Zimmer, Clötje!« herrschte er der entgegentretenden Tochter zu, die mit großem Schrecken den Zorn des Vaters wahrnahm und im ersten Augenblicke sich und den Geliebten verrathen glaubte. »Herr van Daalen wird uns ein anderes Mal die Ehre schenken, heute trinke ich allein.«
Er schritt so rasch nach seinem Zimmer, daß ihm die gehorchende Clelia kaum folgen konnte. Herrn van Daalens Geduld war nun auch erschöpft. Ohne weiter des Sohnes im Schiwa zu gedenken, stürmte er die Treppe hinab und zum Hause hinaus. Aengstlich und sehr gedrückt trippelte der Buchhalter hinter ihm her.
»Er ist an Allem schuld, Tölpel!« schrie ihn noch auf der Straße Herr Jan an. »Warum hat Er erstlich die entsetzliche Dummheit begangen, sich die zweimalhunderttausend Dukaten nehmen zu lassen, warum begeht Er zweitens die noch entsetzlichere, die ganze Geschichte im Beiseyn des unersättlichen van Vlieten auszuplaudern?«
Jetzt erst ging dem armen Jeremias Hoontschoten ein Licht auf. Er hatte bisher nicht einmal geahnt, warum sein hochedler Prinzipal ihm zürne. Nun sah er es ein und es kam auch zugleich eine solche Reue über ihn, daß er anfing zu weinen und laut zu schluchzen. Er machte sich selbst im jämmerlichsten Tone die heftigsten Vorwürfe über seine unzeitige Schwatzhaftigkeit. Er gerieth nach und nach in eine so verzweiflungsvolle Stimmung, daß Herr van Daalen, der im Grunde ein sehr gutes Herz besaß, bald sehr gerührt wurde und in der Furcht, der alte Mann könne sich ein Leid thun, ihn zu trösten begann. Es fruchtete aber Alles nichts. Jeremias gebehrdete sich immer kläglicher, das mitfühlende Herz seines Patrons wurde immer weicher, er mußte am Ende auch weinen und als Beiden der Hausknecht die Thüre des van Daalenschen Hauses auf ihr Klopfen öffnete, war dieser nicht wenig erstaunt, seinen Gebieter und den alten Buchhalter in Thränen auf der Straße zu finden.
3.
Clelia van Vlieten war ein Mädchen von einigem Verstand und einiger Ueberlegungskraft, aber nur für die gewöhnlichen Fälle ihrer sehr beschränkten Lebensweise. Wenn Junker Cornelius ihr darüber etwas Schmeichelhaftes sagte, so lag der Grund dazu theils in seiner eigenen, einem liebenden Herzen entsprossenen Ueberzeugung, theils in dem allgemeinen Glauben der Rotterdammer, des reichen van Vlietens Clötje müsse, so wie ein Wunder an Schönheit, auch eins an Verstand seyn. Clelia hatte selbst, da man sie sehr oft in dieser Beziehung ins Gesicht gelobt und niemand in ihrem Hause und in dem Kreise ihrer Bekanntinnen ihr entgegenstand, den sie übersehen hätte, eine nicht geringe Meinung von ihren geistigen Fähigkeiten in sich aufgenommen. Diese reichten auch völlig für die häuslichen Geschäfte, für den Umgang mit dem Vater und den Freundinnen aus; trug sich aber etwas Außerordentliches zu, wurde sie von einem unerwarteten Ereignisse beängstigender oder erschreckender Art überrascht, so war es in einem Augenblicke vorbei mit ihrer Gedankenfähigkeit, sie war dann willenlos, Alles wurde ihr zu einem Gegenstande unklarer Besorgniß und sie folgte dann, ohne nachsinnen, ohne überlegen zu können, jedem Rathe, der ihr eben gegeben wurde und den sie vielleicht in einer andern ruhigen Stunde unbedingt verworfen haben würde. Die Ursache dieses Mangels an Selbstständigkeit war ohne Zweifel ihre beschränkte Erziehung und der einförmige Gang ihres Lebens, in dem ein Tag wie der andere, ohne die mindeste Abweichung von der einmal eingeführten Ordnung, verstrich. Der lebhafte Cornelius zeichnete sich durch seine körperlichen Vorzüge und durch die Gewandtheit seines Betragens zu sehr von den wenigen übrigen jungen Männern ihrer Bekanntschaft aus, um nicht, da er ihr auch sonst in Hinsicht auf die Glücksumstände seines Vaters am Nächsten stand, von ihr mit günstigen Blicken betrachtet zu werden. Die kecke Art und Weise, mit der er sich ihr näherte, seine heitere Laune und die leichte, aber doch zarte Anknüpfung eines innigeren Verhältnisses von seiner Seite, hatten ihr ganz und gar nicht mißfallen. Nur als er nach und nach anfing sich zu vergessen, als er länger bei ihr auf der Straße und in der Kirchthüre verweilte, als früher, und sein trauliches Flüstern zu van Vlietens Clötje’n die Aufmerksamkeit der Leute erregte, da begann das Mädchen nachzudenken und zu überlegen, und kam zu jenem Resultate, das den leichtgestimmten und auch ziemlich leichtsinnigen Cornelius in die chinesische Stube ihres Vaterhauses, in den Leib des Schiwa führte und sie selbst in eine Bestürzung brachte, die von dem eben beschriebenen Zustande der Gedankenunfähigkeit begleitet war.
Sie saß wie auf Kohlen ihrem Vater gegenüber im kleinen Gemache, das fern von dem Zimmer war, in dem sie den Geliebten zurückgelassen hatte. Ihre Hand zitterte, als sie dem alten Herrn den Thee kredenzte. Sie hatte den Zucker vergessen und er trank in seiner Aufgeregtheit den Thee hinunter, ohne das zu bemerken. Clelia sah bei aller Betretenheit wohl ein, daß ihr Vater einen gewaltigen Groll gegen die van Daalen im Herzen berge, aber sie wußte die Ursache nicht und vermochte jetzt auch nicht darüber nachzusinnen. Einzelne Ausrufungen, die er unter dem Theetrinken ausstieß, gaben ebensowenig einen weitern Aufschluß. Dieser Ausrufungen waren ohnehin nur drei, und so kräftig sie sich vernehmen ließen, so wenig klärten sie die Sache selbst auf. Als Herr Tobias die erste Tasse getrunken hatte, stieß er die chinesische Porzellanschale klirrend auf den Tisch und sagte im Tone heftiger Erbitterung: »Der Windmacher!« Bei der zweiten rief er ingrimmig: »Der Schwindelkrämer!« Die dritte ließ er unberührt stehn, indem er wild schrie: »Der Lump!« und dann hastig, ohne Clelia die gewöhnliche gute Nacht zu wünschen, in sein Schlafzimmer eilte, das er hinter sich verschloß.
In dumpfer, unklarer Erstarrung sah die Tochter ihm nach. Das hatte sie noch nie erlebt. Um zweier Tassen Thee willen, hatte es ihr Vater noch nie der Mühe werth gefunden, sich niederzusetzen; nur wenn er sein volles Dutzend genossen, bedurfte es einiger Ueberredung, ihn noch zu etlichen Schalen zu bewegen. Selten aber widerstand er einer solchen Ueberredung, oft wartete er sie kaum ab. Heute war das nun ganz anders gewesen, heute hatte Herr van Vlieten, zum erstenmale seit der Tochter Gedenken, das Prinzencollegium versäumt, nur wenigen Thee getrunken und seiner Clötje keine gute Nacht gegeben! Schreckliche Dinge mußten vorgegangen seyn, die den pünktlichen Mann aus seinem gewöhnlichen Lebensgleise rissen! Schreckliches erwartete gewiß die Tochter, wenn Tobias erst zur Besonnenheit, zu einem Entschlusse gekommen war!
Sie schlich schwankend aus dem Zimmer, wo die unterbrochene Theepartie statt gefunden hatte. In den Gängen des Hauses war es still und einsam. Das Gesinde befand sich in den Gemächern des Erdgeschosses. Wenn Herr Tobias sich einmal in seine Zimmer zurückgezogen hatte, so durften in der Regel die Diener keine Störung von seiner Seite mehr erwarten. Clelia war in einer Sinnenbetäubung, in der sie nur mit Mühe einen Gedanken, den an den versteckten Cornelius, festhalten konnte. Das Licht, das sie in der Hand trug, erschien ihr wie ein ferner, dämmernder Schein. Die Schläge ihres Herzens waren so stark, daß sie ihre Brust beengten und das geängstigte Mädchen einigemale stehen bleiben mußte, um Odem zu schöpfen. Endlich hatte sie die Thüre des großen Gemaches, das mit dem Schiwa und den chinesischen Wackelköpfen auch den gewesenen Kriegshauptmann Cornelius mit seinem unbesonnenen Feuerkopfe beherrbergte, erreicht. Ihre Hand fiel mechanisch auf den Griff der Thüre und diese öffnete sich.
Da zeigte sich ihrem ersten Blicke, der besorgt in das kerzenerhellte Zimmer fiel, der stillgeliebte Freund ihrer Seele. Er saß in einer sehr tiefsinnigen Haltung auf dem Postamente des Götzenbildes, mit untergeschlagenen Armen, mit niedergesenktem Haupte. Bei dem Eintritte Clelia’s machte er eine geringe Bewegung, die aber nur andeutete, daß er sie bemerkt habe. Er ließ die Zitternde auf sich losschreiten, er sagte kein Wort und verließ seinen Platz nicht. Als sie endlich mit dem blaßen, zerstörten Antlitze vor ihm stand, sah er die schweigende Jungfrau ebenfalls schweigend einige Augenblicke lang an, schüttelte dann mit dem Haupte und ließ aus tiefster Brust einen laut durch das Gemach klagenden Seufzer vernehmen. Sein Angesicht war dabei in ernste Falten verzogen, eine Wolke des Unmuths schwebte auf seiner Stirne, seine Augen, seine ganze Gebehrde, strebten Kummer und Wehmuth auszusprechen; allein ein anderer, der nicht so befangen und fassungslos, wie Clelia, gewesen wäre, hätte dieses ganze Aeußere als eine Larve und den Schalk hinter ihr erkannt.
»Um Gott, was fehlt Euch, Junker Cornelius?« fragte zitternd und zagend das Mädchen. »Wenn unsereins seufzt, so geschieht es gar vielemale nur zum Zeitvertreibe, wenn Ihr aber anfangt, so jämmerlich zu thun und zu stöhnen, so muß der Welt Untergang nahe seyn!«
»Er ist nahe;« versetzte dumpf und eintönig der junge Mann. »Ist unsere Liebe nicht unsere Welt? Bei dem Marschallsstabe des Prinzen Eugenius! so ist es und man hat unserer Liebe den Untergang geschworen. Ohne Liebe kann die Welt nicht bestehen. Sie geht unter: die Sonne erlischt, die Sterne sind ausgebrannt, die Erde fällt in Stücken.«
Er hatte diese letzten Worte mit einem mächtigen Pathos ausgesprochen und beobachtete nun die Wirkung, welche sie auf Clelia hervorbrachten. Sie war noch bleicher geworden, sie zitterte noch mehr. Cornelius sah ein, daß sie sich jetzt in jenem Zustand befand, wo sie keiner Ueberlegung fähig sey und den er zur Ausführung eines unbesonnen und leichtsinnig von ihm entworfenen Planes gerade geeignet fand.
»Ja, theuere Clelia,« fuhr er in einem Tone der Rührung und Weichheit fort, der ihm sehr schwer fiel, »man will uns trennen. Nicht für Tage, für Monden, für Jahre, nein! für das ganze Leben. Und um welcher nichtswürdigen Ursachen willen? Um welches elenden Dinges willen, das nicht einmal wagt, sich am Lichte des Tages zu zeigen, das mit Gewalt erst aus seiner dunkeln Verborgenheit hervorgerissen, gewaschen und geschlagen, zur Ehrlichkeit geprägt und gestempelt werden muß, damit es in der honetten Welt erscheinen kann? O, Gold, Gold, wie kann doch deine Macht die edelsten Herzen tirannisch und hart machen, die trefflichsten Gemüther, wahre Lammesnaturen, in grausame Tigerseelen verwandeln! Ja, Clelia, wir sollen getrennt werden. Als ich verborgen stand im Leibe des Schiwa, als ich durch seine großen Glasaugen, wie durch Fenster hinabsah in dieses Gemach, als ich unsere Väter hier erblickte, als der alte würdige Jeremias Hoontschoten zu ihnen getreten war, um ihnen eine Hiobspost zu verkündigen, als da im Ueberdrange der Leidenschaften ihre Seelen auf ihre Lippen traten — da, Clelia, liebwertheste Jungfrau — da habe ich schauderhafte Dinge gehört!«
Hier machte Cornelius wiederum eine Effectpause, die ganz seiner Absicht entsprach. Clelia sank wie erschöpft in einen Sessel. Dumpf lag es in ihrem Kopfe, ihre Erkenntniß war unklar, sie glaubte jetzt Alles, womit Cornelius drohen konnte, sie empfand nur die Furcht vor den schrecklichen Eröffnungen, die sie von ihrem Freunde zu erwarten hatte.
»Sagt mir Alles!« bebte es endlich über ihre Lippen. »Wenn der Vater sich von mir oder gar gegen mich wendet, so habe ich ja keinen andern Beistand auf der Welt, als Euch!«
»Leider ist es so;« versetzte mit großem Ernste, zu dem der schalkhafte Ausdruck der Augen gar nicht einstimmen wollte, der junge van Daalen. »Aber was auch geschehe, was auch Euch Schweres auferlegt werde, verlaßt Euch auf meine Hülfe, auf meine Liebe! Ja, wenn es selbst Euer grausamer Vater so weit triebe, seine entsetzliche Drohung wahr zu machen, Euch von der Gemeinschaft derjenigen zu entfernen, mit denen Ihr einen und denselben beruhigenden Glauben getheilt, wenn er Euch hinter Mauern, hinter Riegel, hinter Eisenstäbe verwahrt hielte, selbst dann soll mein Beistand Euch nicht fern bleiben. Ich werde Eueren Kerker aufzufinden wissen, und wäre er in der ödesten Einsamkeit, wohin nie eines Menschenfuß sich verirrt, ich werde die Mauern stürzen, die Riegel zertrümmern, die Eisenstäbe brechen und Euch als Preis, als überschwenglichen Lohn meiner thätigen, unerschrocknen Liebe davon tragen!«
»Aber, mein Gott!« fragte in der höchsten Beängstigung, und die schreckenvollen Blicke auf Cornelius heftend, das Mädchen: »Trägt denn der Vater wirklich so Arges gegen mich im Sinne? Will er mich einsperren in ein gräßliches Gefängniß, wo ich verlassen und ganz allein bin mit meinem Jammer und meiner Verzweiflung? Was habe ich denn verbrochen, das eine so entsetzliche Strafe verdiente?«
»Fragt danach die Tirannei?« deklamirte pathetisch Cornelius. Dann stieg er von seinem erhabenen Platze herab, setzte sich neben Clelia nieder und fuhr im zärtlichsten Tone fort. »Theure Clelia! der einzige Freund, den Du auf Erden besitzest, spricht jetzt zu Dir und wird Dir ein Geheimniß entdecken, das Dich geistig und leiblich mit einem Verderben bedroht, dem Du nur durch ein Mittel, auf einem Wege entgehn kannst. Du liebst Deinen Vater, Du achtest ihn, aber — erschrick nicht — er ist ein geheimer Catholik.«
»Entsetzlich!« rief van Vlietens Tochter, die in diesen Augenblicken die Leichtgläubigkeit selbst war. »Und davon habe ich nie etwas bemerkt, nie etwas geahnt.«
»Er wußte es klug zu verbergen;« sagte Cornelius mit einiger Verlegenheit. »Aber oft, meine Geliebte, warest Du doch Zeuge, wenn der ehrwürdige Domine unserer Gemeinde ihn ermahnte, nicht von der rechten Lehre abzuweichen, wenn er in leichtverständlichen Andeutungen ihm Lauheit und Gleichgültigkeit vorwarf. Glaube mir: der Mann hat einen scharfen Blick und sah durch das Geheimniß. Ich weiß es erst seit diesem Abende. Während seines Aufenthaltes in Indien muß Dein Vater in irgend einer portugiesischen Niederlassung, vielleicht in Goa, seinen Uebertritt bewerkstelligt haben. Er verrieth sich, als Hoontschoten die Unglücksnachricht brachte, daß mein Vater ein Paar tausend Dukaten weniger in seiner Casse zähle, als Heer Tobias. Zum größten Unglück schien er auch mich in meinem Verstecke wahrzunehmen. Da brach er los in unbändiger Wuth. Er schwur, daß Du nimmer die Meinige werden solltest, daß er Mittel in Händen habe, unsere Hoffnungen für immer zu vereiteln, daß er beim heiligen Franz von Assisi — merke wohl auf, Theuerste, er schwor bei einem katholischen Heiligen — Dich nach Brabant bringen, dort Dich zwingen wolle, ebenfalls katholisch zu werden, damit er Dich in ein Kloster stecken könne, wo Du dann in einem langen, einsamen und von allen Weltfreuden abgeschlossenen Leben von meinen Zudringlichkeiten nichts mehr zu befürchten haben würdest. So sprach der Schreckliche! Eine Nonne sollst Du werden, Holdseligste. Eine Nonne! Bedenke wohl, was alles Entsetzliches in der Bedeutung dieses Wortes liegt!«
»Es ist nicht möglich!« stöhnte Clelia, starr vor sich hin brütend. »O mein Kopf, mein armer Kopf! Das ist Alles so wild und verwirrt auf mich eingestürmt, daß ich ganz betäubt, ganz wüst im Gehirn bin. Ich kann nicht bedenken, warum diese Dinge so sind, ich höre nur das Entsetzliche und ich muß es glauben, ich muß es in mich aufnehmen, ich muß es schrecklich empfinden, ohne es prüfen, ohne ihm einen Widerstand entgegensetzen zu können. Verlaßt mich nicht, Junker Cornelius! Gebt mir Rath, leistet mir Beistand. Eher den Tod, als von meinem Glauben lassen! Meinem Vater habe ich Pflichten, aber meinem Schöpfer auch, und, wo es das bessere himmlische Theil gilt, da muß das irdische nachstehn.«
»Das ist auch meine Meinung;« stimmte der junge Mann in einem unsichern Tone ein. Er fühlte sich durch Clelias Zustand gerührt. Er machte sich Vorwürfe über den Leichtsinn, mit dem er an ein in der That strafbares Unternehmen gegangen war, er war nahe daran, sich zu verrathen. Da aber führte die Einbildungskraft ihm ein lockendes Gemälde der Zukunft vor: er sah sich als den Gatten des geliebten Mädchens im beglückten Hausstande, in dem Fluge eines Augenblickes gingen alle Reize, alles Wünschenswerthe des Gattenlebens mit Clelia an seiner Seele vorüber, und — jetzt sank mit einemmale dieses schöne Bild, das allein der wohlausgesonnene Plan verwirklichen konnte, in seine Nichtigkeit zurück, wie ein grausam täuschender Traum, und er mußte des geldgierigen Tobias gedenken, der dem minder Reichen nimmer die Tochter vergönnen, sie vielleicht dem ersten besten Bewindhebber aus Amsterdam oder einem nach Indien gehenden Rathe hingeboten würde! Alle Zweifel, alle Bedenklichkeiten verschwanden. Er beschloß, das einmal begonnene Unternehmen standhaft zu Ende zu bringen und fuhr nun, indem er die Larve des Mitleidens und der liebevollen Theilnahme fester vornahm, zu Clelia herabgebeugt fort: »Du befindest Dich in einer entsetzlichen Lage, Theuerste, aber sie ist doch nicht so verzweifelt, daß wir ringsum forschten und kein Rettungsmittel erspähen könnten. Bei dem Seeruhme Ruyter’s und de Tromp’s! Cornelius van Daalen ist der Mann, der hier zu helfen weiß und helfen wird. Im Hause Deines Vaters darfst Du nicht bleiben. Er selbst hat Dir Thüre und Thore geöffnet mit seinem Abfalle vom rechten Glauben, mit seiner mehr als schrecklichen Drohung, Dich zu einer Nonne zu machen. Deine Pflicht erfordert, daß Du Dein Seelenheil rettest. Hier ist nichts zu bedenken, nichts zu überlegen. Nur eins thut noth: Entziehung aus tyrannischer Gewalt. Höre meinen Plan, Geliebte! Höre was Dein Cornelius ersonnen hat, Dir zu helfen! Nahe bei der guten Stadt Mastricht wohnt die einzige noch lebende Verwandte Deines Vaters, Deine Muhme, die ehrenwerthe Jungfrau Jacobea van Vlieten. Ich lag bei ihr im Quartiere in Kriegszeiten. Sie ist ein vortreffliches Frauenzimmer, von den festesten Religionsbegriffen, und wie sehr sie Dich liebt, wie sehr sie wünscht, Dich zum Besuche bei sich zu sehen, das weißt Du am Besten aus ihren Briefen. Zu ihr lasse Dich führen von mir. Hier droht Dir geistiges und leibliches Verderben, dort wartet Dein himmlischer und irdischer Friede. Die Barke eines meiner Freunde liegt gerüstet und segelfertig im Haven. Mit dem ersten Strahle der Sonne ist sie bestimmt, nach Antwerpen abzugehn. Er nimmt uns freudig auf, ein günstiger Wind führt uns an ein Ufer, wo Du nichts mehr von der Grausamkeit eines Mannes zu befürchten hast, der den von seinen Vätern ererbten heiligen Glauben verleugnen konnte und auch Dir die Seligkeit rauben will, die er für sich selbst nicht mehr hoffen darf.«
Clelia begriff von Allem, was Cornelius sagte, Nichts, als daß die Reise zu der Muhme sie von dem schrecklichen, gefürchteten Abfalle von der rechten Lehre erretten, vor dem ihr durch tausend schauderhafte Erzählungen furchtbar gemachten Klosterzwange schützen solle. Sie dachte nicht an Cornelius, nicht an ihre Liebe. Sie war in der strengsten Gottesfurcht, in der beschränktesten Ansicht der Religion, wie sie damals in den Niederlanden nach den schärfsten Grundsätzen der reformirten Lehre geübt wurde, auferzogen. Ihr Glaube galt ihr mehr, als ihr Leben, mehr als Vater und Geliebter.
»Ja, ich muß fort, ich muß zu der Muhme!« stammelte sie, indem sie beide Hände des jungen Mannes, wie ein Schiffbrüchiger das letzte Rettungswerkzeug, ergriff. »Ich will Euch für meinen guten Engel ansehen, wenn Ihr mich dorthin führt, Junker Cornelius. Aber allein — nein! ich darf nicht allein gehn. Philippintje, die Hausjungfer, muß mit. Sie ist eine gute, gottesfürchtige Person und ging mir zu Liebe, wer weiß, wohin! Kommt, lieber Junker! Wir wollen Philippintje aufsuchen.«
Das war nun freilich eine Aenderung in dem Plane des jungen Mannes, auf die er nicht gerechnet hatte. Dennoch hoffte er, daß auch die Verflechtung dieser dritten Person in das unbesonnene Unternehmen glücklich von statten gehen werde. Philippintje war eine alte Jungfer, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte. Jedesmal wenn sie in das Zimmer trat, wo das Götzenbild stand, gerieth sie in einen heiligen Eifer. Sie disputirte heftig mit Herrn Tobias, sie verlangte, daß das unchristliche Bild fortgeschafft würde aus dem christlichen Hause, aber Herr Tobias steigerte dann gewöhnlich noch ihren Zorn, indem er sie auslachte und um, wie es früher seine Lust war, sich recht aufgeklärt zu zeigen, die Meinung aussprach: alle Religionen seyen gut und der Anbeter des Brama wie der des Mahomet, käme so gut in seinen Himmel, wie der Christ in den seinigen, wenn er es anders verdiene. Diese oft aufgestellte Behauptung hatte zuletzt die starkgläubige Wallonin erbittert, sie sagte gar nichts mehr über den Schiwa, aber sie lebte nun in der festen Ueberzeugung, daß, was Religionsangelegenheiten betreffe, Herr van Vlieten, zu Allem fähig sey.
Clelia zog den etwas bedenklich gewordenen Cornelius mit sich nach dem Schlafzimmer Philippintje’s fort. Der Weg führte sie durch das Gemach, wo früher Clelia ihrem Vater den Thee kredenzt hatte, wo noch dessen dritte Tasse unberührt auf dem Tische stand. Das Mädchen riß sich mit einem Seufzer von ihrem Führer los. Sie schwankte an die Thüre des väterlichen Schlafzimmers, sie lauschte, sie vernahm die Odemzüge des Schlafenden.
»Er kann schlafen und trägt so arge Gedanken im Herzen!« stöhnte Clelia.
Da erklang des Vaters Stimme im Nebengemache und er sprach mit dumpfem Tone im Traume:
»Ja, ja, er soll und muß verbrannt werden, der Störer meines Hausfriedens! Wie will ich mich ergötzen, wenn ich ihn aufflammen sehe in lichter Lohe!«
»Im Traume ist Wahrheit;« flüsterte Cornelius, der hinter Clelia getreten war, dieser zu. »Er spricht von mir. Mir gilt die Drohung mit dem entsetzlichen Autodafé. Er möchte gern die Inquisition in unserm Lande eingeführt wissen. Das muß Euch die Wahrheit meiner Behauptung verbürgen.«
Der junge Mann hielt für gut die Sprache der Leidenschaft, in der er bisher die betäubte Clelia bestürmt, jetzt, da er sie für seine Absicht gewonnen, herabzustimmen und zugleich das vertrauliche Du wieder in das ehrerbietigere Ihr zu verwandeln. Er fürchtete Philippintje’s Scharfblick. Sie hätte leicht entdecken können, daß die Liebe mehr Theil an seinen Rathschlägen und seinem Verfahren habe, als Noth thue, und dann wäre sie wohl auch ebenso leicht auf die Vermuthung gekommen, das Ganze sey nur eine eitle Vorspieglung gewesen, um ihre jugendliche Gebieterin dem väterlichen Hause zu entführen. Zeigte er sich aber immer innerhalb den Schranken der Ehrerbietung, brachte er nur seinen Abscheu vor der schrecklichen Glaubensverläugnung, vor der beabsichtigten Gewaltthat des Vaters gegen die Tochter in Anschlag; so konnte er überzeugt seyn, in Philippintje eine ebenso treue Helferin zu finden, als sie ein gutes und strengrechtgläubiges Mitglied der reformirten Kirche war.
Philippintje hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben, als ihr liebes Clötje, bleich und mit allen Zeichen großer Beängstigung, zu ihr in das Schlafgemach trat. Vor der Thüre harrte Cornelius mit pochendem Herzen auf den Erfolg der gewiß überraschenden Mittheilung. Von diesem Augenblicke hing Alles ab. Sah Philippintje hell genug, um sein dreistes Lügengewebe zu durchdringen, wurde sie nicht gleich Anfangs durch die Entdeckung, daß sie bisher einem heimlichen Katholiken ihre Dienste gewidmet, in ihren reizbarsten Empfindungen berührt und mit Blindheit geschlagen, so war nicht allein Alles vergebens gewesen, so mußte Cornelius selbst fürchten, seiner unbesonnenen Täuschung wegen, Clelia’s Gunst für immer verscherzt zu haben und nie wieder auf eine Hand Anspruch machen zu dürfen, deren Besitz, hätte sie auch nicht einen Goldschatz von siebenmalhunderttausend Dukaten gehalten, ihm den höchsten Zweck seines Lebens galt.
»Bei dem letzten Kanonenschusse, der einst in der Welt gethan werden wird!« sagte er, indem er sein Ohr zum Schlüßelloche neigte. »Ich will lieber vor einer geöffneten Batterie stehen, als in einer solchen Lage vor der Schlafkammerthüre einer alten Jungfer. Was ist es doch für eine schöne Sache um ein gutes Gewissen! Stehe ich nicht hier, wie ein armer Sünder, der den Beilschlag von Meister Kopfab erwartet auf dem Hochgerichte? Und woher kommt das ganze Unglück? Vom Denken, vom verwünschten bösartigen Denken! Da vergeß ich unglücklicherweise nur einen Augenblick meiner guten Gewohnheit, auch wenn ich allein bin, mir nur vorzuschwatzen, und das fatale Denken erwischt mich beim Kragen und flüstert mir tolles Zeug ein und treibt es zur Ausführung, ich mag wollen oder nicht. Und nun steht mir eben das Denken wieder als mein schlimmster Feind gegenüber, denn wenn die holdselige Philippintje anfängt zu denken, so ist’s aus mit meinen schönen Entwürfen, und meine blühenden Hoffnungen sterben ab im Nachtfroste.«
Aber in diesem Augenblicke erhob sich im Innern des Schlafgemachs heftig und schneidend die Stimme der Hausjungfer:
»Der Nebukadnezar, der Antichrist, der Rebell gegen Gottes Wort! O ich habe es längst gewußt, daß er den rechten Glauben abgeschworen hat, denn er zählt Sonntags lieber die Zuckerhüte, die im Gewölbe liegen, als die Zuckersprüche, die der hochwürdige Domine spendet! Hast Du es je erlebt, daß er zur Kirche gegangen wäre, meine Clötje? Hält er christliche Betstunde Abends im Hause, wie es sich geziemt für einen rechtgläubigen Patron und Handelsmann? Aber ich glaubte immer, er sey nur ein Heide, ein Götzenanbeter, so ein Chinese oder Kamschadale, nun ist er gar das Allerschlimmste, ein Römischer, ein Belialskind, der Antichrist selbst! Keinen Augenblick bleibe ich länger in dem verruchten Hause. Und du, Clötje, du bist sein Kind nicht mehr. Er hat sich losgesagt von dir, als er sich der entsetzlichen Babel hingegeben, er ist dein ärgster Feind geworden, da er im Sinne trägt, dich zu verderben an deinem himmlischen Seelenheil. Eine Nonne! Kind, weißt du, was das sagen will? Nein, du kannst es nicht wissen, aber ich sage dir, die Qualen, welche die Verdammten in der Hölle leiden, sind köstlich, wie Zucker und Milchcaffee, gegen das Leben im Kloster.«
Jetzt sprach wieder Clelia mit ihrer furchtsamen und weichen Stimme. Cornelius konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber es dauerte nicht lange, so wurde Philippintje’s Redeton wieder hörbar, und der Lauscher vernahm Alles so deutlich, als wenn er der ehrbaren Jungfrau gegenüberstünde:
»Wie, verbrennen will er den Junker Cornelius, den schmucken, braven Menschen, der mir jeden Sonntag in der Kirchthüre den freundlichsten und höflichsten Gruß bietet, wie ihn ein sittsames Mädchen annehmen darf? Dafür wollen wir thun. Gewiß trägt der Pontius Pilatus im Sinn, ihn in das hintere Magazin zu verlocken, wo Pech und Schwefel in Haufen liegt, dann heimlich die ganze Geschichte in Brand zu setzen und den lieben Jungen, der an nichts Arges denkt, einzusperren und so seinem Höllenglauben zum Opfer zu bringen! Ja, mein Clötje, du hast an Junker Cornelius einen wahren Freund! Er hat dir gut, er hat dir recht gerathen. Wir wollen fort, wir wollen zur frommen Muhme in die Fremde! Besser, daß der sterbliche Leib in Gefahren und Beschwerden komme, als die unsterbliche Seele! Gehe, mein Clötje, mit dem guten Junker! Ich will indessen das Nothwendigste einpacken: Erbstücke von deiner Mutter selig und meine geringe Habe. Am Haven finde ich euch wieder. Der Judas Ischarioth soll dich nicht verrathen, mein Herzenskind, und den schmucken Cornelius! Wir wollen auch nichts mitnehmen von seinem Eigenthum. Es soll ihm Alles verbleiben — dem Belial!«
Cornelius richtete sich schnell auf aus seiner lauschenden Stellung, denn in jedem Augenblicke konnte jetzt die ehrbare Jungfrau Philippintje hervortreten. Er hörte weinen. Clelia war es, der die Trennung aus dem väterlichen Hause Thränen erpreßte. Sie hatte ihr Angesicht an die Brust der treuen Alten gelegt, die sie noch als Kind gekannt und liebevoll verpflegt. Philippintje aber tröstete sie mit frommen Bibelsprüchen, meinte, es sey einmal nicht anders und sie müsse nun den lieben Gott als Vater annehmen, da Herr Tobias sich dem Bösen verschrieben habe. Sie trieb dann das geängstigte Mädchen zum Fortgehen und öffnete selbst rasch die Thüre, vor der, mit einer tiefen Verbeugung ihr zugewandt, der junge van Daalen stand.
»Da habt Ihr sie, hochedler Junker!« redete ihn Philippintje an. »Gott hat Euch wunderbar zu ihrem Schutzengel erwählt. Führet sie aus dem Hause der Sünde an Bord der Arche Noah, welche die Auserwählten trägt. In wenigen Augenblicken folge ich Euch nach. Mein Himmel, wer hätte das gedacht, daß wir einmal bei Nacht und Nebel aus dem väterlichen Hause, aus der guten Stadt Rotterdam entfliehen müßten!«
Nachdem Philippintje noch ein Weilchen mit Jammern und Schelten ihr Herz erleichtert hatte, hüllte sie ihr liebes Clötje in einen warmen Mantel und brachte die beiden jungen Leute vorsichtig und leise an eine Hinterthüre des Hauses, die sie mit dem Hauptschlüssel öffnete. Hier wurden die nöthigen Verabredungen genommen, Philippintje erfuhr den Namen des Schiffes und Cornelius erklärte ihr auf’s Genaueste, wo es liege.
»Ich will Euch schon finden!« sagte sie. »Hat sich doch Alles so wunderbar und sichtlich unter der Führung des Himmels gefügt, daß wir in kleinen Dingen nicht furchtsam seyn dürfen. Wir ziehen aus Egypten in’s Land Gosen. Unser Pharao aber ist mit Blindheit geschlagen und es bedarf der Zeichen und Wunder nicht, ihn zu bändigen. Sei getrost, mein Clötje! hebe dein Haupt empor, mit dem lieblichen Antlitze, dessen du dich nicht zu schämen brauchst. Es wird Alles gut gehen. Die wohledle Jacobea ist fromm und gottesfürchtig. Sie ist deine nahe Blutsverwandte, ihr Haus und ihre Arme stehen dir offen. Weine nicht, zittre nicht und suche dich zu erheitern. Da, hochverehrter Junker, leihet Ihr Euern Arm, unterstützt sie hülfreich, damit ihr in ihrer gegenwärtigen Schwäche der Rettungsgang nicht so schwer falle.«
»Ach, Philippintje,« seufzte Clelia, »ich vermag jetzt nichts zu denken und über nichts nachzusinnen! Aber wenn auch meine Religion mich forttreibt aus der Heimathsstätte und es fest in mir steht, daß ich meinem Herrgott nicht untreu werden darf in irgend einer Weise, so schießt oft wie ein Blitz ein Gefühl in mein Herz, als begehe ich ein großes Unrecht in dieser Stunde!«
»Behüte, behüte!« versicherte, zu des betroffenen Cornelius großer Beruhigung, Philippintje. »Tritt in Frieden und Ruhe den Weg zur Rettung deiner Seele an. Du weißt, Herzenskind, wie gut ich’s mit dir meine. Sind wir erst bei der Muhme, dann wollen wir dem Baalspriester schon die Bedingungen stellen, unter denen wir wieder zurückkehren. Dann muß der Schiwa aus dem Hause und der Domine muß jeden Mittag mit uns essen und christliche Gebete halten zur Besserung des alten Heiden. Fort, nur fort, mein Kind! Die Bösen haben keine Ruhe im Gewissen, Tag und Nacht. Wer weiß, ob ihn nicht der innere Unfriede hertreibt und dann ist die Nonnenschaft gewiß und das Brandopfer in Pech und Schwefel.«
Cornelius war in seinem Leichtsinne nahe daran, sich durch ein kaum unterdrücktes Kichern zu verrathen. Fast mit Gewalt von Philippintje fortgedrängt, die sogleich die Hausthüre hinter den Beiden verschloß, schwankte Clelia, auf den Arm des Geliebten gestützt, durch die einsame, dunkle Straße. Das Glockenspiel vom nahen Thurme zeigte die Mitternachtsstunde an. Ein Schauer ergriff das Mädchen und sie schloß sich näher an ihren Begleiter, der so rasch als möglich sie mit sich fortführte. Vom Himmel leuchteten weder Mond noch Sterne. Ein dichter Nebel, wie diese in Holland häufig sind, umgab die nächtlichen Wanderer. Cornelius hielt sich immer nah an den Häusern, denn auf der andern Seite befand sich der Canal, der dem Unvorsichtigen gefährlich werden konnte. Als er vernahm, wie Clelia leise weinte und mehreremale das Wort: »Vater,« in wehmüthigem, bebenden Tone über ihre Lippen ging, da wollte sich Reue in seiner Seele regen und er mußte sich wieder alle Bedrängniß der Gegenwart, alle süßen Träume der Zukunft verlebendigen, um standhaft zu bleiben und nicht in die offenbarenden Worte auszubrechen: »Es ist Alles nicht wahr, Geliebte, sondern erdichtet und erlogen. Ich habe eine tolle, unsinnige Geschichte erfunden, um dich in Furcht zu setzen und aus dem Vaterhause zu locken in meine Gewalt und du hast sie geglaubt, weil du sehr betreten und deiner Sinne nicht mächtig warest. Kehre wieder zurück in die alte Wohnung. Dein Vater ist gegen nichts aufgebracht, als gegen den Manco von zweimalhunderttausend Dukaten und gegen den Schiwa, an dem er Caffee kochen will, aber nicht an mir, deinem Cornelius, Theuere!« So ungefähr würde der ehemalige Kriegsheld gesprochen haben, wenn er dem augenblicklichen Sturme der Empfindungen erlegen wäre. Er wußte sich aber gegen diesen Sturm zu vertheidigen und als er sich nun am Ausgange des Canals im Haven befand und das Licht der befreundeten Barke durch den Nebel herüberschimmern sah, da erwachte sein ganzer Muth und der letzte Versuch, den die heranstürmenden Gefühle machten, wurde ganz und gar zurückgeschlagen.
Er gab mit leisem, zischendem Pfeifen ein Zeichen nach der Barke hin, das nach einigen Augenblicken beantwortet wurde. Der Capitän der Barke war einer seiner Jugendfreunde, der seinen Besuch zu jeder Stunde des Tages und der Nacht erwarten konnte und mit dem er für einen solchen Fall ein besonderes Zeichen verabredet hatte. Clelia sah in ängstlicher Erwartung nach dem Lichte, das am Bord des Fahrzeuges schimmerte. Sie standen hart am Canale, in dessen Mitte die Barke lag. Jetzt wurde von dieser herüber ein Brett auf das Ufer geschoben und durch den Nebel bewegte sich rasch eine Mannsgestalt heran, mit einer Leuchte in der Hand zur Erhellung des schmalen Steges, den die Nachtwanderer zu betreten hatten.
»Ich werde Euch für meine Schwester ausgeben!« flüsterte Cornelius dem Mädchen zu. »Die Muhme Jacobea kann für unsere beiderseitige Verwandte gelten, zu der wir reisen, um ihrer dringenden Einladung zu genügen. In der Frau des Capitäns, meines wackern Freundes Jansen von Harlem, werdet Ihr ein gutmüthiges, heiteres Wesen kennen lernen, das Euch sicherlich gefällt.«
Clelia konnte nichts antworten. Sie war zu sehr in den Schmerz vertieft, den die grausame Täuschung, in der sie sich befand, mit sich führen mußte. Sie starrte den Geliebten an, ohne ihn zu sehen, sie machte eine bejahende Bewegung, ohne es zu wissen. Der Mann von der Barke war indessen näher getreten und erwartete Cornelius Befehle. Mit seiner Hülfe brachte der unbesonnene Jüngling, der jetzt bei der zunehmenden Schwäche, die sich in Clelia’s ganzem Wesen an den Tag legte, von der größten Besorgniß ergriffen wurde, die fast Besinnungslose an Bord. Sie hatten kaum die abgesonderte Cajüte erreicht, in der Capitän Jansens Frau den unerwarteten Besuch mit einiger Befremdung empfing, als Clelia, von Allem, was ihr am Abende und in der Nacht begegnet war, im tief Innersten bedrängt und gedrückt, auf ein Ruhebett niedersank und von einer schweren Ohnmacht ergriffen, alles Bewußtseyn verlor.
4.
Es war sieben Uhr Morgens. Von allen Kirchthürmen der reichen Havenstadt Rotterdam vereinigten sich die Glockenspiele zu einem musikalischen Durcheinander, das in der That nur für die Ohren der damit vertrauten Einwohner nicht beleidigend seyn konnte. Der Nebel, welcher während der Nacht auf Stadt und Haven gelegen hatte, war verschwunden und die Morgensonne spiegelte sich freundlich im Fluße, in den Canälen und an den glänzenden Fensterscheiben der Häuser. Die Reinlichkeit, die allenthalben herrschte, an den Außenseiten der Gebäude, in den Straßen und an den Fahrzeugen, welche in den Canälen lagen, machte das freundliche Bild noch freundlicher und das jetzt sich entspinnende rege Leben auf den Schiffen, Barken und Booten, auf den Plätzen und Straßen, gab ihm erst seine Bedeutung, indem es die Handelswichtigkeit des Ortes, den Reichthum und die Thätigkeit seiner Einwohner an das Licht stellte. Hier wurden Schiffe, die am vorigen Abende noch spät eingelaufen waren, ausgeladen, die Matrosen lachten, lärmten und schimpften, während sie die Fässer und Ballen in die geöffneten Gewölbe schleppten, in deren Eingang mit hochwichtiger Miene der Handelsherr stand, der den Gegenstand so vieler Sorgen, die Ursache so mancher schlaflosen Nächte nun endlich glücklich in seinem Besitze sah. Dort wurden andere Schiffe zum Auslaufen gerüstet. Die lebendigste Thätigkeit zeigte sich auf den Verdecken. Ein günstiger Wind erhob sich, das »Halli, halloh!« der Bootsleute ertönte, in einem Augenblicke waren die Taue mit kletternden Jungen und Matrosen angefüllt, die Segel wurden aufgehißt, sie schwollen an und das Schiff zog stolz, wie ein Besieger der Wogen, über die Wasserfläche hin, seiner unbekannten Bestimmung entgegen. An einem andern Orte lagen zierliche, offene Barken, in denen reinlich gekleidete und oft auch recht anmuthig gebildete Landmädchen die Gartenerzeugnisse des Landes feil hielten, die damals in der reichen Ueppigkeit, wie sie hier den Augen begegnete, nur von der kunstverständigen Betriebsamkeit der holländischen Gärtner hervorgebracht werden konnte. Aehnliche Fahrzeuge schwebten, im bunten Gewühle mit andern, über die Spiegelfläche der Canäle hin, gelenkt von den gewandten Mädchen, die an den Hausthüren ihrer täglichen Kunden den bestellten Bedarf absetzten. Näher am Haven befanden sich die Marktboote der aus der Ferne zurückkehrenden Schiffe, mit glänzenden Südfrüchten, Orangen und Sina-Aepfeln, beladen; ihnen gegenüber die flachen Fahrzeuge mit gedörrten und gesalzenen Fischen.
Auf dieses regsame Treiben sah aus einem Fenster des berühmten Gasthofes zum Wappen von Rotterdam, mit einem sehr ernsthaften Gesichte, der Professor Eobanus Hazenbrook herab. Es hatte ihm vom gestrigen, reich aufgetragenen und köstlichen Nachtessen kein Bissen munden wollen, die ganze Nacht hindurch hatte der Schlaf sein Lager gemieden und das treffliche Frühstück, aus Fleischschnitten, gedörrtem Lachse, Edamer Käse und dunkelbraunem Thee bestehend, war noch unberührt auf dem Tische an seiner Seite zu erblicken. Er hatte keinen andern Gedanken, als nur an den halsstarrigen Tobias van Vlieten, der, allen Sinn für die Erweiterung der Kunst und Wissenschaft, für den Ruhm seines Vaterlandes verleugnend, sich nicht zur Mumie machen lassen wollte. Immer stand die hagere, ausgedörrte Gestalt des Handelsherrn, die für ihn alle ersinnlichen Reize besaß, vor seinen Augen. Je mehr seine Phantasie sich damit beschäftigte, von um so höherer Sehnsucht nach dem geliebten Gegenstande wurde er ergriffen. Er hatte mehrere vergebliche Versuche gemacht, die Sache, die ja doch unerreichbar schien, sich aus dem Sinne zu schlagen. Er war schon in aller Frühe zu einem Antiquarius gegangen, um bei diesem durch den Anblick von allerlei Curiositäten zerstreut zu werden; aber eine elfenbeinerne, zum Stockknopfe sehr zierlich gearbeitete Sphinx, welche ihm der Mann zum Verkaufe antrug, führte seine Gedanken sogleich wieder nach Egypten, zu den Pyramiden und dem unseligen Gegenstande seiner hoffnungslosen Liebe, zu der Mumie. Er entfernte sich seufzend aus dem Laden des kopfschüttelnden Antiquarius, der da bei sich selbst meinte: der Professor Eobanus Hazenbrook sey nun endlich wirklich übergeschnappt, was man seiner tiefsinnigen Studien wegen schon längst befürchtet. Eobanus schritt indessen trauerig weiter dem Haven zu. Er mochte sonst wohl sein Auge gern ergötzen an den füllereichen Gestalten der Obstverkäuferinnen, die in den anliegenden Nachen aus dem rothwangigen Antlitze mit schalkhaften Blicken die Vorübergehenden zum Kaufe anlockten. Er stellte sich auch heute in gespreizter Haltung vor die Reihe der untereinander kichernden Mädchen, er richtete seine Augen auf sie, aber er sah nicht die apfelrunden Gesichter, die blitzenden Augen, die wohlgefälligen Gestalten; denn immer schwebte, von dem sehnsüchtigen Gemüthe hervorgerufen, vor seinen Blicken das unter den Sonnenstrahlen Indiens zusammengedörrte Antlitz des Herrn Tobias van Vlieten und dessen eckige Knochengestalt, dem Professor jetzt anlockender und reizender erscheinend, als der vatikanische Apoll oder die Mediceische Venus, von denen ihm reisende Künstler so vieles erzählt. An sich und seinem Glückssterne verzweifelnd floh Eobanus in das Gasthaus zurück. Er bestellte das beste Frühstück von der Welt. Die alten Wunderkräfte aber hatten ihren Zauber auf ihn verloren. Wir fanden ihn, noch immer grübelnd, noch immer sehnend neben dem unberührten Frühstücke.
Jetzt tobten seine Begleiter, die zwei jungen Franzosen herein. Sie hatten kaum den wohlbesetzten Tisch erblickt, als sie sich daran niederwarfen und mit einem wahren Löwenhunger über die aufgetragenen Speisen herfielen. Die Fleischschnitten verschwanden bald bis auf wenige, der Edammer drohete in’s Nichts zurückzukehren. Dieser Anblick brach die harte Rinde der Verzweiflung, die sich um das Herz des Professors gelegt hatte. Wie ein Strom, der gewaltsam zurückgehalten, endlich seine Dämme niederstürzt, so schleuderte jetzt der mächtig erwachende Appetit die Gestalt des Herrn van Vlieten aus der Erinnerung des Eobanus hinweg, und nur die Gegenwart behauptete ihr Recht durch die zauberische Gewalt des Edammer und der Fleischschnitten. Eine Bärin stürzt zur Vertheidigung ihrer Jungen nicht so wüthend herbei, wie Eobanus, um sich die Ueberbleibsel des Frühmahls zu sichern. Die jungen Leute sahen ihn erstaunt an. Er aber sprach mit vollen Backen und arbeitenden Kinnladen:
»Entartete Musenkindlein! Muß das Euer ehrwürdiger Lehrer, der weltberühmte Hazenbrook, an Euch erleben, daß Ihr seinen gerechten Schmerz mißbraucht, um ihn Hungers sterben zu lassen? Habe ich nicht Euch ernähret mit dem Honig der Kunst, mit der Kraftbrühe der Wissenschaft? O, Ihr Undankbaren! Wer erschloß Euch das Mysterium der Natur, wer ließ Euch in die Tiefen der Schöpfung blicken, wer führte Euch in das Innere des menschlichen Leibes, daß Ihr Euch dort lustiglich umschautet, und fröhlicher Dinge die Wunder seines Baues erkanntet? Ist das nun das Honorarium, welches Ihr mir spendet, daß Ihr mir Alles wegspeiset vor dem Munde und einen meuchelmörderischen Anschlag schmiedet auf mein Leben durch die grausamste Todesart?«
Während der Professor auf diese Weise, halb im Scherze, halb im Ernste zürnte und ganz entsetzlich drauf loskauete, verschwanden unter seiner Thätigkeit sämtliche Reste von Speisen, die sich noch auf dem Tische vorgefunden hatten, so wunderbar geschwind, als wenn sie der geschickteste Taschenspieler hinweggezaubert hätte. Dann nahm er ruhig einen Platz zwischen den beiden Jünglingen ein und fuhr, indem er nach der japanischen Theekanne griff, mit milder Stimme fort:
»Wo kommt man her? Wie hat man die Morgenstunden zugebracht? Ist das Sprüchlein: aurora musis amica, nicht gänzlich außer Acht gelassen worden? Die Pflicht gebeut mir, auf Euere Handlungen und Gänge ein wachsames Auge zu haben, damit Ihr mir in moribus nicht dahinten bleibt, während Ihr in literis vorschreitet.«
»Wir suchten Euch bei den schönen Obstverkäuferinnen,« versetzte mit einem schalkhaften Lächeln der eine der beiden jungen Leute. »Wir wissen, daß Ihr Euch ein Lieblingsgeschäft daraus macht, an diesen wohlgebaueten Demoisellen die Muskellehre zu studiren.«
»Recte dixisti!« erwiederte der Professor, indem er das rechte Auge schloß und mit dem linken blinzelnd nach dem Studenten hinsah. »Dem Reinen ist Alles rein!« fuhr er fort. »Und Euch, mein lieber Monsieur, wäre zu wünschen, daß Ihr immer auch nur in einer solchen wissenschaftlichen Absicht das weibliche Geschlecht anschauen möchtet.«
»Ich lege mich stark drauf,« versicherte der junge Mann. »Euer Beispiel spornt mich an.«
»Das kann ich ihm bezeugen;« fügte der andere hinzu. »Morgué! Er hat auch hier schon in dieser Beziehung das Terrain recognoscirt, wie es uns Franzosen im Feindeslande geziemt —«
»Still, still!« unterbrach ihn bedeutungsvoll der Professor, indem er auf die übrigen, im Hintergrunde des Theezimmers versammelten Gäste deutete. »In diesen bedenklichen Kriegszeiten werdet Ihr wohlthun, Euch nicht allzulaut als Feinde der hochmögenden Heern Generalstaaten zu bekennen. Was Franzosen? Ihr seyd wallonische Musenkindlein und als solche inscribirt in das große Buch der Academie.«
»Ich bin ein Franzos und sage es laut!« rief jener und schlug, kühn um sich schauend, mit der geballten Faust auf den Tisch, daß das japanische Porcellan zusammenklirrte. »Meint Ihr, ich heiße umsonst Le Vaillant und sey aus der herrlichen Gascogne in Euer miserables Land gekommen, um mein Vaterland und meinen Namen zu verleugnen? Cadédis! Se. Majestät, der allerchristlichste König, wird dieses Krämervolk nach seiner Pfeife tanzen lehren, wie es ihm gefällt!«
Er warf einen trotzigen Blick auf die Bürgersleute und Seemänner, die nur durch das laute Wesen des vorwitzigen Jünglings aufmerksam gemacht wurden, aber zu seinem Glücke seine Sprache nicht verstanden. Man war gewohnt, an öffentlichen Orten französisch reden zu hören, ohne gleich deshalb die Anwesenheit von Franzosen anzunehmen, da ja auch die befreundeten Flammländer, Brabançons und Wallonen sich meistens dieser Sprache bedienten.
»Wenn du deinen kriegerischen Namen Le Vaillant geltend machen willst,« nahm jetzt der andere Student das Wort, »so werde ich nicht minder das Ansehen des meinigen zu behaupten suchen. La Paix klingt wenigstens eben so gut wie Le Vaillant, und ist sicher im Allgemeinen mehr beliebt. Ich bin der Balsam auf die Wunden, die Du schlägst. Du bist der Dorn und ich die Rose, und wenn ich meine Stimme gebieterisch erhebe, so müssen deinesgleichen schweigen und vom Schauplatze abtreten. Doch genug der Scherze! Ich sehe Du willst dich ereifern, mein theuerer Le Vaillant, und aller Eifer ist meiner friedfertigen Natur zuwider. Wir haben wichtigere Dinge zu machen, als läppische Namenwitze. Wir haben die wissenschaftlichen Anstrengungen unseres ehrwürdigen Lehrers zu unterstützen, als Söhne der erlauchten Lugduner Academia müssen wir der herrlichen Mutter zu Allem behülflich seyn, was ihren Glanz erheben kann?«
Der Professor war ganz Ohr geworden. Er vernahm nur die lieblich lautenden Worte, er sah nicht den Schalk, der in dem Auge des muthwilligen La Paix lauerte.
»Was meinst du, Söhnlein?« schmunzelte er über den Tisch herüber. »Hast Du ein seltsames Thier aufgefunden, ein Curiosum, vielleicht gar irgend ein liebenswürdiges Monstrum, das noch in unserm museo rerum naturalium nicht vorhanden?«
»Noch weit mehr, als das;« erwiederte mit großer Ernsthaftigkeit La Paix. »Wir haben den Dicksten wiedergesehen, und haben seine Wohnung ausfindig gemacht.«
»Wie?« rief Eobanus in neu erwachender Begeisterung. »Meine Mumie, meinen Amenophis, den grausamen, unbeugsamen Pharao Egyptens —«
»Ihn selbst;« versetzte der junge Mann. »Man hat uns auch allerlei erzählt von ihm auf unsere Erkundigungen. Seine Tochter Clelia, die er schnöder Weise Clötje nennt, soll das schönste Mädchen in Rotterdam seyn. Er selbst mag wunderliche Grillen im Kopfe tragen, denn die Leute sagen, er spotte des Christenthums und verehrte ein heidnisches Götzenbild des Schiwa oder Brama, das in seinem Staatszimmer auf einem hohen Piedestal stehe.«
»Brama und Schiwa, Osiris und Serapis!« jauchzte der Professor, einer Verzückung nahe. »Welche Verwandtschaft, welche Analogie! O Gott! Der Mann ist zur Mumie geboren und hat den verbrecherischen Eigensinn, seine Bestimmung verleugnen zu wollen.«
»Sandis!« hob jetzt verdrießlich Le Vaillant an, und schlug bei diesen Worten ein Schnippchen. »Ich gebe nicht so Viel für das Mumientalent des dünnen Dicken. Aber die schöne Tochter entflammt mich, und ihr zu Gefallen habe ich Fensterwanderung gemacht vor seinem Hause.«
»Paix!« rief La Paix sich selbst aus und warf seinem Gefährten einen bedeutungsvollen, verweisenden Blick zu. »Ich leugne nicht, daß die Grazien auch für mich ihre Annehmlichkeit haben, allein wo die Uebermacht der Musen erscheint, da müssen sie billig in’s Dunkel treten. Wie können sich diese eines Zaubers rühmen, wie jene ihn geltend machen? Es ist keine Kunst schön zu erscheinen, wenn man es ist. Aber die Wundermacht der Wissenschaft verleiht auch solchen Körpern unwiderstehliche Reize, die deren gar keine besitzen. Sie kann eine Kreuzspinne zum Gegenstande inniger Liebe, eine Kröte zu dem der tiefsten Verehrung machen und in der That, ist denn nicht jene Sage von der Spinne, die sie nach hundert Jahren zu einem Demant verhärten läßt, nicht fast gleich mit dem egyptischen Glauben von der Lotosblume, hat nicht die tausendjährige Kröte, die im Innern eines Steins gefunden wird —«
Länger konnte sich der Professor nicht halten. Er fiel zur großen Befremdung aller Anwesenden dem Jüngling um den Hals und sagte:
»Herzenssöhnlein! Laß Dich küssen. Du mußt dermaleinst meinen Lehrstuhl besteigen, wenn ich diese hieroglyphische Unterwelt verlassen habe, aber dann mußt Du mir versprechen, mich einzubalsamiren, nach der Art und Kunst, die ich in meinem Testamente berichten werde. Aber fahre fort, Du mein successor in spe! Was hast Du Weiteres zu erzählen von unserer Mumie, die noch in der chaotischen Verwirrung des Lebens der Stunde ihrer Wiedergeburt, der beglückenden Rückkehr in die egyptische Vergangenheit harret?«
Der lebhafte Le Vaillant rückte ungeduldig auf seinem Sitze hin und her. La Paix aber gab ihm aufs Neue einen Wink, der ihn wiederum zur Uebung einiger Selbstbeherrschung veranlaßte. Dann befriedigte jener das Verlangen des Professors, indem er antwortete:
»Euer Gedanke, hochverehrter Lehrer, den dicksten Mann der guten Stadt Rotterdam für die Nachwelt einzumachen, indem ihr ihn zugleich der Vorwelt als eines ihrer wunderbarsten Geheimnisse in den Schooß legen wollt, hatte so viel Reizendes, ich kann sagen, Begeisterungsvolles für mich, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Schon in der ersten Frühe des Tages machte ich mich mit Le Vaillant auf den Weg, zog Erkundigungen über den wohlmögenden Herrn Tobias van Vlieten ein und ließ mir sein Haus zeigen. Dann begaben wir uns zu diesem. Noch war Alles verschlossen. Wir hatten aber nur wenige Minuten davor gestanden und das stattliche Gebäude aufmerksam betrachtet, als plötzlich dessen Thüre aufgerissen wurde und der Gegenstand Euerer Freude, Euerer Hoffnung und Euerer Sehnsucht darin erschien. Aber — Cadédis würde Le Vaillant ausrufen: wie war der Mann entstellt! das anmuthige Braun seines Angesichtes, das Euch so sehr entzückte, als Ihr ihn zum erstenmale sahet, hatte sich in ein dunkles Roth verwandelt, seine Blicke schossen Blitze, seine langen Arme fuhren wild in der Luft umher. Irgend etwas Ungeheures mußte ihm begegnet seyn! Er schrie und tobte mit dem hintenstehenden Hausgesinde, er that mit einemmale einen gewaltigen Sprung mitten in die Straße, sah sich nach allen Seiten forschend um, und fuhr eben so schnell wieder in’s Haus zurück. Die entsetzliche Alteration muß eine unglückliche Folge für ihn haben. Ich wette darauf: der Schlag rührt ihn noch heute und er fährt hin, ohne ein Testament gemacht zu haben.«
»Das kann, das darf er nicht!« rief entschlossen Hazenbrook und sprang von seinem Sitze auf. »Ich nehme die Obrigkeit zu Hülfe, ich appellire im Namen der Universität, er muß, will er nicht im Guten, mit Gewalt genöthigt werden, seinen schätzbaren Leichnam unserer Musenstätte zu testiren. Auf, Ihr Jünger der Wissenschaft! Wir wollen hin, wir wollen in das Innere seines Domicil’s dringen. Ich muß ihm noch einmal in’s Gewissen reden. Ist die schöne Hoffnung, daß er bald das Zeitliche mit dem Ewigen wechselt, keine grausame Täuschung, könnte ein schnell Ruhe bringender Schlagfluß der von ihm schmählich beleidigten Wissenschaft zu Hülfe kommen, dann soll und muß er vorher sein Testament machen, wie ich es wünsche, oder ich — halt! Was ich sonst im Sinne trage, will ich nicht verrathen. Erst Frieden, dann Krieg auf List und Gewalt!«
Die beiden jungen Leute hatten keine andere Absicht gehabt, als ihren Mentor zu einem neuen Versuche auf Herrn Tobias van Vlieten zu bewegen, indem sie hofften bei einem Besuche in dessen Hause, die gerühmte Schönheit der Tochter bewundern zu können. Während sie dem Professor auf die Straße folgten, gaben sie sich hinter seinem Rücken allerlei Zeichen, die ihre Zufriedenheit über die gelungene List aussprachen.
Eobanus ging mit großen Schritten vorwärts. Er trug seine amtliche Kleidung, die in einem weiten, schwarzen Talar und einem rothen Barette bestand. Die Bürger, welche ihm begegneten, grüßten ihn ehrerbietig. Es fiel ihm ein, daß es nicht wohl gethan seyn würde, den Herrn van Vlieten gleich wieder mit dem Verlangen zu bestürmen, das dieser gestern mit so großem Unwillen zurückgewiesen hatte. Er beschloß, auf Umwegen sich dem Ziele zu nähern, um so mehr, da dem Gegner in seiner eigenen Wohnung hinlängliche Mittel zu Gebote standen, die etwa überlästigen Gäste zu entfernen. Er legte sein Gesicht in die freundlichsten Falten, er besann sich auf anmuthige und gewinnende Redensarten, die den Handelsherrn kirren möchten, er rechnete Viel auf die Wirkung seiner Amtstracht, die ihm, wie er glaubte, ein ehrwürdigeres Ansehen gab, als das schlichte Reisekleid am gestrigen Abend. Als seine Begleiter ihm in der Ferne das van Vlietensche Haus zeigten, ermahnte er sie, in aller geziemenden Höflichkeit einzutreten und während des Besuches sich im Allgemeinen ganz nach seinem Beispiele zu richten. Je mehr er sich dem Hause näherte, desto heiterer wurde seine Miene, sein Schritt wurde hüpfend und mit höflich vorgebogenem Oberleibe stand er endlich vor dem Eingange.
Dieser war gegen die herrschende Sitte weit geöffnet. Man sah im Hintergrunde des geräumigen Vorplatzes mehrere Leute ängstlich hin- und herrennen. Die Thüren der Schreibstuben standen offen. Eine große Verwirrung schien zu herrschen. Aus dem obern Stocke herab vernahmen die drei Eintretenden eine scharfe belfernde Stimme, in der Hazenbrook die des Gegenstandes seiner Wünsche und seines Sehnens zu erkennen glaubte. Er schritt kühn die Treppe hinauf, ihm folgte, nach allen Seiten mit scharfen Blicken die schöne Clelia suchend, das Studentenpaar. Sie hatten ungefähr die Hälfte der Stufen zurückgelegt, als ihnen von oben herab ein Mann rasch entgegenkam, der eine Art Uniform trug und sich durch den weißen Stab in seiner Hand als einen Gerichtsdiener der guten Stadt Rotterdam auswies. Er warf argwöhnische Blicke auf die Besuchenden. Der Trotz aber, mit welchem Le Vaillant ihn ansah und ins Besondere die stattliche Professortracht Hazenbrooks flös’ten ihm Respect ein, so daß er ehrerbietig bei Seite trat und den Hut abzog.
Sie hatten jetzt einen Gang im obern Stocke des Hauses erreicht. Durch eine offenstehnde Thüre überblickten sie einen Theil des vor ihnen liegenden Zimmers. Da sahen sie das scheußliche Fratzenbild des Götzen und die wackelnden Pagoden; aus einem Winkel des Gemaches aber, der ihren Blicken verborgen lag, ertönte eine klagende Stimme:
»O Clötje, Clötje, warum hast du mir das gethan? Was hat dich herausgetrieben aus dem Hause des Ueberflusses in eine Welt der Entbehrung, wo du jedes Loth Thee unmäßig bezahlen, den Zucker dir sparsam zumessen, den kleinsten Zimmetstengel mit Gold aufwiegen mußt? Hattest du denn nicht den Schlüssel zu den Gewölben in jeder Stunde des Tages, daß du Rosinen und Mandeln naschen konntest nach Belieben? War dir der Keller, wo der kostbare Muscat- und Canariensect liegt, jemals verschlossen? O Clötje, du brichst mir das Herz und, ich glaube, ich sterbe noch in diesem Augenblicke!«
»Das wollen wir uns verbeten haben!« sprach Eobanus hastig in sich hinein und schritt mit Eil in das Zimmer. In diesem befand sich niemand als Herr Tobias van Vlieten. Er saß in einer Fenstervertiefung auf einem niedern Sessel, die Ellenbogen auf die Kniee, den Kopf in die Hände gestützt. Er schien das Geräusch gar nicht wahrzunehmen, das der Eintritt des Professors und seiner Begleiter verursachte. Wie diese gemeldet hatten, war in der That die dem Eobanus so wohlgefällige, braungelbe Farbe seines Angesichtes in ein dunkles Roth übergegangen, die Adern an der Stirn waren mächtig angeschwollen und sein Kopf war in einer beständigen zitternden Bewegung.
»Ja!« sagte Hazenbrook, als er ihn erblickte, leise für sich hin. »Er ist ein Candidatus mortis. Der Schlagfluß rückt heran. Wir müssen sanft und freundlich mit ihm zu Werke gehen, um den kritischen Moment hinzuhalten, bis er testirt hat.«