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Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil cover

Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil

Chapter 4: 3.
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Der zweite Teil verfolgt die Fortsetzung der Suche nach einer entführten Frau durch zwei junge Männer, die im Hafen von Rotterdam Spuren auswerten, Schiffleute befragen und einer Nachricht nach Antwerpen folgen. Zwischen lebhaften Hafenszenen, Begegnungen mit betrunkenen Matrosen und taktischen Überlegungen entstehen Hinweise und falsche Fährten, die die Verfolgung erschweren. Parallel erwacht die Gefangene in fremder Umgebung und muss sich in unsicheren Verhältnissen zurechtfinden. Die Erzählung verbindet maritime Atmosphäre, Abenteuer und romantische Verwicklungen zu einer spannungsgeladenen Fortsetzung.

3.

Der Kutter, den Capitän Jonas befehligte, hatte indessen, durch seine leichte Bauart und den besten Wind begünstigt, mit der Eile eines die Lüfte durchschneidenden Vogels, seine Fahrt durch das Hollands-Diep nach dem Kramer fortgesetzt. So sehr auch die zwei jungen Leute, die dem Professor Hazenbrook durch die Zurückführung der schönen Clelia die Aussicht auf den Besitz des Mumienkörpers von Heer Tobias van Vlieten sichern wollten, sich früher der Flüchtigkeit des lustigen Freiers von Rotterdam erfreut hatten, so lästig fiel sie ihnen jetzt, da eben sie es war, die sie immer weiter von dem Gegenstande ihres Forschens und ihres Verlangens entfernte. Sie sahen auch wenig Hoffnung vor sich, bald von ihrer unerwarteten Haft befreit zu werden. Capitän Jonas ging finster und schweigend auf dem Verdecke auf und nieder, würdigte sie keines Blickes und die Mannschaft folgte seinem Beispiele. Die schöne Juliane war auch, nachdem sie vernommen, daß die spanische Schebecke in die Luft geflogen und nach dieser Himmelfahrt, keine weitere Gefahr vorhanden sey, wieder erschienen und tanzte und sang leichtfertig am Bord umher. Dann und wann sah sie wohl nach den Gefangenen hin, aber in ihren Augen zeigte sich so viel Hohn und Schadenfreude, daß selbst La Paix, der bisher nur sich selbst Vorwürfe über seine vorschnelle Verliebtheit und die in dieser begangenen Thorheiten gemacht hatte, sich gestand, es müsse ein süßes Gefühl seyn, an dieser Sünderin Rache zu nehmen. Sie schien mit allen Personen der Mannschaft genau befreundet. Sie plauderte so vertraut mit dem Schiffsjungen und mit den Matrosen, wie mit dem Steuermann und dem Bootsführer. Alle nannten sie du und manche Freiheiten, welche sich die jungen Männer nahmen, wurden von ihr mehr muthwillig und auffordernd, als ernst und zurückweisend, abgelehnt.

»La Paix!« sagte Le Vaillant, indem er mit dem Freunde zur Seite trat und einen verächtlichen Blick auf das Mädchen warf. »Die hätte mich zu keinem dummen Streiche verleiten können! Cadédis! In dem Lande, wo die herrliche Garonne strömt, hätte sie, nach altem Gebrauche, einen gelben Kittel tragen müssen, um ein Abzeichen zu haben vor andern ehrbaren Frauen. Ich will ihr nur rathen, mir nicht zu nahe zu kommen, sie möchte sonst Dinge hören, die ihr nicht lieb wären und ich wollte ihr einen Spiegel vorhalten mit ihrem ganzen vortrefflichen Wesen und Wandel, vor dem sie zurückprallen sollte, als hätte sie einen Drachen erblickt.«

»Sey ruhig und verstelle dich!« ermahnte La Paix. »Ich habe wohl größere Ursache, sie zu hassen, als du, aber ich sehe ein, daß wir doch nur durch sie allein unsere Freiheit erlangen können. Wir dürfen es nicht noch mehr mit ihr verderben, als es schon geschehen ist. Sie ist listig und boshaft, aber sie ist auch habgierig. Gieb Acht! Sie kommt von selbst, um als eine gute Seelenverkäuferin mit uns zu handeln über unser Lösegeld. Sie sieht uns für Citronen an, die man so lange auspressen muß, als nur noch der Gewinn eines Tropfens zu erwarten ist.«

»Sandis!« fuhr der junge Gascogner fort, ohne seines Gefährten Rede zu beachten. »Der werthe Professor hat uns da in eine schöne Patsche gebracht, aus der wir uns nun selbst herausarbeiten können. Was hat der Mann auch für tolle Gedanken! Welcher Mensch, außer ihm, käme in der weiten Welt auf die wunderbare Idee, aus einem Rotterdammer Theekaufmann eine egyptische Mumie, einen Pharao und Sesostris zu machen? Morgué! Wenn ich die Geschichte einmal in meinen alten Tagen meinen Kindern und Kindeskindern erzähle, so werden sie behaupten, ich binde ihnen etwas auf oder der Professor sey wahnwitzig gewesen.«

»Ist er es denn etwa nicht?« entgegnete kaltblütig der andere. »Er ist sonst ein gescheidter und gelehrter Mann, von dem wir Mancherlei lernen können, aber er hat einen Tick und dieser Tick besteht eben in seinem unsinnigen Gelüst nach einem viertausendjährigen Bewohner der Nilufer, mit dem er sein Schooßkind, das Naturalienkabinet, putzen will. Hat es denn nicht Leute gegeben, mit denen man die anmuthigste Unterhaltung von der Welt führen konnte, die man als Wunder von Verstand anstaunte, bis zufällig die Rede auf Macedonien oder Jerusalem kam, und dann der eine ganz ernsthaft versicherte, er sey Alexander der Große und habe den Darius besiegt, oder der andere in aller Ruhe hinwarf, er, als der weise Salomo, müsse am Besten wissen, wie es beim Tempelbaue von Jerusalem hergegangen sey? Gerade ein solcher Thor ist unser Professor. Er ist belehrend, vernünftig, geistreich, bis ihm etwas aufstößt, das seine egyptische Narrheit aufrührt. Dann sind aber auch von ihr mit einemmale alle Dämme, die sein Verstand ihr entgegenstellen kann, überschwemmt, er wird fortgerissen zu den köstlichsten Tollheiten und wir — nun wir haben dann einen Gegenstand zum Lachen, wir sind seiner lästigen Aufsicht entledigt und können dann unserer Freiheit genießen — wie wir es zum Beispiel jetzt thun.«

»Eine schöne Freiheit, das!« brummte Le Vaillant. »Eingeschränkt auf das Verdeck eines kleinen Schiffes, ohne Waffen, bewacht von fünfzig Augen —«

»Du irrst!« wandte mit stoischer Ruhe La Paix ein. »Es sind neunundvierzig oder einundfünfzig, denn unser edler Capitän zählt nur eins. Ach, Le Vaillant, was mich weit mehr betrübt,« fuhr er in schwermüthigem Tone fort, »ist, daß auch wir zwei, jeder in seiner besonderen Weise, einen solchen wahnwitzigen Tick haben!«

»Corbleu!« fuhr sein Freund auf. »Ich ersuche dich, in solchen Ausdrücken von dir allein zu sprechen. Ich, Gottlob! habe mir meinen gesunden Verstand bewahrt und hoffe, daß ich dermaleinst in dem Schlosse meiner edeln Eltern, an dem die herrliche Garonne vorüberfließt, weder als Alexander der Große, noch als weiser Salomo auftreten werde.«

»In welchem schmählichen Irrthume lebst du doch, bester Freund!« sprach sehr sanft La Paix weiter. »Ist denn das nicht schon ein Tick, daß du dich für so ganz erstaunlich gescheidt hältst, und wie weit ist denn der Sprung von diesem Wahne der Gescheidtheit bis zum Wahne der Weisheit, der dich im nächsten Augenblicke in deinen eigenen Begriffen zum weisen Salomo erhebt? Und daß du mit deinen Gedanken nur immer in der Gascogne, deren Vorzüge ich übrigens nicht bestreiten will, lebst, daß du die Zwiebel von der Garonne höher schätzest, als die köstliche Ananas von Amboina, daß du gar nicht herauskommen kannst aus den Kraftwörtern, die in deiner Heimath beliebt sind, ist denn das nicht ein arger Tick? Und ich? Ach, theuerer Le Vaillant, mit mir steht es noch weit schlimmer! Ich sehe jedes hübsche Mädchen mit Blicken an, wie Hazenbrook die egyptischen Mumien. Habe ich nicht ein schauderhaftes Beispiel meines Wahnwitzes im Laufe des heutigen Tages gegeben? Hätte mir ein geringfügiges Mädchen, wie die Juliane, mein sämmtliches Geld, nebst der sonst so werthgehaltenen goldenen Kette, dem theueren Angedenken meiner Mutter, abnehmen können, wenn ich nicht von einem entsetzlichen Tick befallen wäre? Und noch einmal von dir zu sprechen, Liebster! Womit willst du deine Rauflust bei jeder unbedeutenden Gelegenheit, die Wuth, dein Blut oder das eines andern zu vergießen, dein Leben um einer Lumperei willen auf’s Spiel zu setzen, anders entschuldigen, als mit dem Wahnwitze, der heimlich in deinem Innern wohnt, den aber die geringste Kleinigkeit ins Daseyn ruft? Glaube mir, Bester! Wir sind sehr zu beklagen.«

»Du magst wohl recht haben!« versetzte im Tone einer bei ihm seltenen Niedergeschlagenheit Le Vaillant, auf den die schwermüthige Stimmung, in die sich sein Freund hineingeredet, ansteckend gewirkt hatte. »Wir sind übel dran! Wir treiben wahnwitziges Zeug, ergo: sind wir wahnwitzig.«

Sie gingen schweigend und in sich gekehrt auf dem Verdecke hin und her. Ihre Blicke waren zur Erde gerichtet, in ihren Zügen lag der Ausdruck eines Kummers, der schwer auf ihrem Herzen zu lasten schien. Aller Muth war, ihrem Aeußern nach, von ihnen gewichen. Was würden ihre Mitschüler in Leyden gesagt haben, wenn sie die zwei sonst so lebensfrohen Franzosen, den kecken Le Vaillant, der mit den verwegenen Blicken die Welt erobern zu wollen schien, den milden La Paix, dessen immerwährende Freundlichkeit sprüchwörtlich geworden war, in diesem Zustande erblickt hätten?

Juliane, die sie heimlich, aber sehr aufmerksam beobachtete, holte ihre Laute hervor, ließ ein Paar Griffe durch die Saiten rauschen und sang ein munteres französisches Liedchen, das zu Freude und Frohsinn aufforderte. Die Studenten hatten das Ansehen, es nicht zu hören. Die Falten von ihrer Stirn wichen nicht, der Ausdruck tiefen Grams beharrte in ihren Mienen. Da legte Juliane das Instrument weg und näherte sich ihnen mit theilnehmender Gebehrde. Sie glaubte den Augenblick günstig, wieder eine Art von Vertraulichkeit mit ihnen anzuknüpfen, die ihr zur Ausführung ihrer still entworfenen Plane behülflich seyn sollte. Der Schwermüthige ist nicht grob, dachte sie, er giebt im schlimmsten Falle keine Antwort und darauf hin kann ich’s wagen.

»Verbannt Euern Kummer, Messieurs!« sagte sie, indem sie den Studenten in den Weg trat. »Heute mir, morgen dir! sagt das Sprüchwort, und alle Dinge in der Welt sind veränderlich, wie Ihr wißt. Was habt Ihr auch groß zu klagen? Ihr seyd hier in so guter Gesellschaft, als sich nur auf irgend einem holländischen Schiffe findet, Ihr werdet anständig behandelt, als Kriegsgefangene, und Ihr dürft nur wollen, so werde ich selbst gern mich bemühen, Euch die Zeit auf eine angenehme Weise zu verkürzen. Habt Ihr noch sonst ein Begehren? Entdeckt Euch mir. Juliane ist gewiß Euere Freundin und wird Alles thun, Euere Wünsche zu befriedigen. Sprecht! Fehlt Euch etwas?«

»Eine Kleinigkeit, Mademoiselle,« versetzte, nachdem er einen langen starren Blick auf sie gerichtet hatte, in dumpfem Tone La Paix. »Wir sind wahnwitzig: weiter nichts!«

Juliane bebte zurück. Die beiden jungen Leute hatten in der That Etwas in ihrem Wesen, das den Worten desjenigen, der zu ihr gesprochen hatte, Bestätigung zu verleihen schien. Sie sah sich furchtsam um, ob auch Leute in der Nähe seyen, die ihr im Falle der Noth Beistand leisten könnten. Zu ihrem Troste stand ihr Vater nicht weit und einige Matrosen, die ihr Ruf sogleich erreichen konnte, waren in der Nähe beschäftigt.

Ihre Bestürzung wurde sogleich von La Paix bemerkt. Er trat rasch auf sie zu, ergriff stark die Hand der sich Sträubenden und hielt sie, trotz aller Versuche von ihrer Seite, sie ihm zu entziehen, fest in der seinigen.

»Ja, Mademoiselle, wir sind wahnwitzig und ich sage dieses, nicht etwa um Euch zu täuschen, sondern im vollen Ernste,« fuhr La Paix in einem noch hohleren Tone, als er vorher angenommen hatte, fort. »Es ist ein Familienfehler bei meinem Freunde und mir. Wenn unser Uebel zum Ausbruche kommt, kann uns niemand widerstehen. Menschenhände sind nicht fähig uns zu greifen, Menschenkraft vermag nicht uns zu bewältigen. Wir zertrümmern Alles, wir vernichten Alles, was sich in unserer Nähe befindet. Nichts was nied- und nagelfest, ist vor uns sicher und — ich muß das Aergste gestehen! — wir sehen in unserer Verblendung Alle, die dem weiblichen Geschlechte angehören, für Raubthiere an, die wir von der Erde vertilgen müssen und kostete es unser eigenes Leben. So ist es, unvergleichliche Juliane! Einem solchen Ausbruche geht dann immer ein Zustand der Schwermuth, der Beängstigung, einer kaum zu ertragenden Niedergeschlagenheit voran, wie ungefähr Derjenige, in dem wir uns jetzt befinden. Wir sehen dann allerlei Phantome, ganz gewöhnliche Dinge und Menschen erscheinen uns wunderbar und seltsam, ganz anders, wie sie in der Wirklichkeit sich verhalten. So kommt Ihr zum Beispiel, treffliche Mademoiselle, mir in diesem Augenblicke einigermaßen wie die heidnische Zauberin Circe vor. Es ist mir, als hättet Ihr wie jene gewaltige Dame des Alterthums die Passion, Menschen in Thiere zu verwandeln, und es fehlte Euch nichts dazu, als die Macht. Aber meine Einbildungskraft stürmt dann, ohne daß ich sie zu zügeln vermag, immer weiter. Ihr verwandelt Euch vor meinen sichtlichen Augen. Jetzt, Mademoiselle, sehe ich Euch mit einemmale ganz anders, als vorher. Bei allen Stürmen des Hollands-Diep und des Biesbosches, Ihr seyd der Drache, der das goldene Vließ bewacht, und ich bin Jason, der Held der Argo, der gekommen ist, Euch zu ermorden! Medea, die Hexe, steht mir bei, ich vergifte Euch, ich verbrenne Euch in feueriger Lohe — Beruhigt Euch, holdselige Juliane!« sprach er weiter und verwandelte den wilden schreienden Ton, durch den er sie entsetzt und fast zu dem Entschlusse, nach Hülfe zu rufen, gebracht hatte, in den Laut sanfter Schwermuth. »Seyd ohne Furcht, Allerliebenswürdigste! Dergleichen Anwandlungen sind nur vorübergehend, wie Wetterleuchten vor dem Ausbruche des Gewitters. Für heute habt Ihr nichts zu besorgen. Le Vaillant und ich, wir halten uns noch bis morgen. Es können noch einzelne Zufälle sich zeigen, aber die sind unschädlich. Ihr werdet uns in eine immer tiefer werdende Schwermuth versinken, vielleicht Ströme von Thränen vergießen sehen, eine seltsame Einbildung wird die andere jagen — das darf Euch nicht kümmern, das ist nur noch der leichte unschuldige Zeitvertreib des Wahnwitzes. Aber morgen, morgen —« setzte er, mit einem tiefen Seufzer, bedeutungsvoll hinzu, »morgen erscheint der Tag des Kampfes, der Vernichtung, des blutigen Verderbens. Dann stehe ich für nichts. Dann vermögen keine Stricke, keine Banden, keine Ketten uns zu halten!«

»Ihr wollt nur scherzen!« sagte Juliane mit einem erzwungenen Lächeln, indem sie sich fort und fort bemühete, ihre Hand aus des jungen Mannes pressender Rechten loszuwinden. »Ihr und Euer Freund habt zwar ein betrübtes Ansehen, aber keineswegs das von tollen Leuten. Der Rosoli meines Oheims spukt Euch wohl noch im Kopfe und wenn der verflogen ist, werden auch wohl die Wahnbilder aus Eurem Gehirne entweichen.«

»O daß es so wäre!« erwiederte La Paix mit gedämpfter Stimme und zum Himmel gerichteten Blicken. »Aber ich kenne uns: den schrecklichen Le Vaillant, wenn sein Unstern über ihn aufgeht, und mich, der sich selbst in den Augenblicken der Wuth verschlingen möchte. In Leyden, der herrlichen Universitätsstadt, nennt man uns nur den Löwen und den Tiger; denn man hat uns gesehen in dem furchtbaren Zustande, der die Welt zu vernichten droht, man verschloß alle Thore, man ließ Regimenter gegen uns marschiren — Alles vergebens! Die Wuth mußte sich in sich selbst verzehren. Dann waren wir wieder die besten Bursche von der Welt und tranken Brüderschaft mit den Soldaten und den Commilitonen, die wir vorher angefallen hatten wie reißende Thiere. Ihr wißt nun Alles. Ihr seyd gewarnt. Laßt jetzt ab von mir, denn ich fühle, daß meine Einbildungskraft wieder anfängt sich zu regen! Es könnten sich Gestalten zeigen, ich könnte Dinge sprechen — Ja, ja, trefflichste Juliane! Es ist besser, wir brechen jetzt ab. Erwägt Alles wohl, was ich Euch entdeckt habe. Morgen, morgen wird Blut fließen in Strömen, vielleicht das Euerige, das noch heute Euere Wangen röthet, das noch heute Euer edles Herz hebt zu gefühlvollen Schlägen für die halbe Menschheit!«

Juliane wußte noch immer nicht, ob das was sie hörte, Scherz oder Ernst sey. Dennoch ließ ihre natürliche Furchtsamkeit, die sie auch jetzt, nach ihrer sonstigen Gewohnheit, unter muthig klingenden Worten zu verstecken strebte, sie das Schlimmste erwarten.

»O ich habe ganz andere Dinge gesehen!« versetzte sie, aber nicht in jenem muthwilligen Tone, wie sie dieselbe Redensart bei dem übereilten Zweikampfe zwischen den beiden Studenten vorgebracht hatte. »Ich fürchte mich nicht. Mein Vater ist da, der Bootsmann ist ein starker Mann und von den übrigen Leuten steht einer immer für zwei.«

La Paix antwortete nichts. Mit einem großen, bedauernden Blicke betrachtete er das Mädchen von oben bis unten, schüttelte traurig den Kopf und preßte aus tiefer Brust einen so klagenden Seufzer, daß er Julianen durch Mark und Bein ging.

»Schade um das reizende Wesen!« sprach er dann, sie mit gläsernen Augen anstarrend, dumpf in sich hinein. »Heute noch so schön und morgen — Tod — Blut — Asche!«

Er wandte sich mit seinem Freunde ab und ging nach einer andern Seite. Juliane sah ihnen zitternd nach. Ein Frösteln zog durch ihre Glieder. Sie versuchte zu lächeln; sie mußte mit den Zähnen klappern und Thränen traten ihr in die Augen. Es war bereits dämmerig geworden. Die Düsterheit, die auf den Wellen und auf dem Schiffe lag, erhöhete das unheimliche Gefühl, von dem sie sich ergriffen fand, um Vieles.

»Es ist Alles Lüge, es ist Alles lächerlich!« sagte sie sich selbst. »Wie können denn zwei Menschen den vereinten Anstrengungen so vieler andern widerstehen, wenn diese sich ihnen entgegenwerfen im Ausbruche ihrer Tollheit, um sie zu bändigen und zu knebeln? Pah! ich glaube nichts von dem ganzen Geschwätz. Das ist Prahlerei, blauer Dunst!« Aber in ihrem Innern sprach eine Stimme, die den gewaltsam aufgebotenen Muth zu Schanden machte. Sie war in früheren Jahren einmal bei einer Verwandten in Friesland zu Besuch gewesen. Dort brachte es die Sitte mit sich, daß Frauen und Jungfrauen sich öfters zu Abendversammlungen zusammenfanden, in denen alte seltsame Geschichten erzählt wurden, deren Inhalt gewöhnlich die Herzen mit Schauder erfüllte, und die Gemüther zu Bangigkeit und Zagen stimmte. Dort war auch von den ehemaligen friesischen Königen erzählt worden, von gewaltigen Seehelden, die weit vom Norden herabgekommen waren und Wunder der Kraft und der Tapferkeit verrichteten. Wenn diese nun in Zorn geriethen, so waren sie in eine Wuth verfallen, deren Aeußerungen keine Gewalt, keine Uebermacht zu hemmen vermocht. Es war über sie gekommen, wie eine Krankheit. Nicht alle waren ihr unterworfen gewesen, nur einzelne, und man hatte dieses Uebel die Berserkerwuth genannt. Juliane dachte in ihrer Aufregung nicht daran, daß die zwei jungen Leute nichts weniger, als Nordlands-Reken seyen. Die Stimme aus ihrem Innern rief ihr nur immer zu: »Juliane, Juliane, dein letztes Stündlein ist nahe! Du hast dich des Lebens erfreuet, aber du wirst nun bald starr, blutig und kalt daliegen.« Sie konnte mit allem Aufgebote ihrer Besonnenheit diese Stimme nicht zum Schweigen bringen. In diesem Kampfe widriger Zweifel zog sie sich an das Steuerruder neben ihren Vater zurück und verfiel hier in ein tiefes Nachdenken. Von Zeit zu Zeit warf sie aber doch einen und den andern verstohlenen Blick auf die beiden Studenten, deren dunkele Gestalten sich in der Dämmerung schattenartig am Vordertheile des Fahrzeuges hin und her bewegten.

»Cadédis!« sagte Le Vaillant, als er sich mit seinem Freunde allein und unbelauscht sah, zu diesem. »Du treibst es zu weit. Einen kleinen Tick ließ ich mir schon gefallen, aber du machst uns ganz und gar zu Narren und ich will es loben, wenn man nicht hinterrücks über uns herfällt, um uns gebunden an einen sicheren Ort zu bringen.«

»Der Spaß war köstlich!« versetzte leise der Angeredete. »Er hat mich aus meiner trübseligen Stimmung herausgerissen, er hat mir meine Ruhe wiedergegeben. Wie die schöne Sünderin zitterte um das Bischen Leben, das sie so übel anwendet, wie sie ihre Hand so gern losgerungen hätte, aus der des Wahnwitzigen, wie ihre Seele gepeinigt und geprickelt wurde zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Grauen und dem lächerlichsten Wahne! Le Vaillant, du thust mir leid, denn bei deiner Denkart, bei deinen Gefühlen, die nur rasch und heftig, aber nicht tief und ergreifend sind, konntest du unmöglich den Genuß haben, den mir die Folterqual der listigen Gaunerin gewährte. Deine Besorgniß ist thöricht. Sie wagt nichts gegen uns, sie fürchtet den Alles vernichtenden Ausbruch unserer Wuth zu beschleunigen. Ich ahne, daß noch ganz andere Dinge sich aus meinem glücklichen Einfalle entspinnen werden. Halte dich nur immer hübsch ruhig an meiner Seite. Schlage die Arme unter, wie ich, hefte die Blicke auf den Boden, nimm einen langsamen abgemessenen Schritt an, bleibe stehen, wenn ich stehen bleibe, stöhne kläglich, wenn ich es thue, genug, folge in Allem meinem Beispiele und du wirst sehen — es ist unser Schade nicht!«

Trotz der einbrechenden Nacht schwebte der Kutter noch immer mit ausgespannten Segeln über die Wellenfläche hin. Laternen waren ausgehängt worden, die Strahlen des Mondes zitterten auf dem bewegten Wasser und ließen nach der linken Seite hin einen dunkeln Streif sehen, der das Uferland bezeichnete. Bei der milden Luft, welche Abends der frischen Kühle des Tages gefolgt war, blieben die meisten der Leute auf dem Verdecke, wo sie sich mit Segelflicken, Netzausbessern und dergleichen beschäftigten. Nur Capitän Jonas, der den Abend gern ruhig in seiner Cajüte bei der Madeiraflasche zubrachte und diejenigen der Matrosen, denen die heutige Nachtwache zufiel, hatten sich zurückgezogen. Juliane saß noch immer in Sinnen verloren an einer Stelle, wo sie durch die arbeitenden Matrosen von den Gefahr drohenden Gefangenen geschieden war. Diese beharrten in ihrer Theilnahmlosigkeit, in ihrem düstern Hinbrüten. Mit untergeschlagenen Armen wandelten sie auf und nieder, kein Wort ging über ihre Lippen, nur tiefe, lauthallende Seufzer, die selbst bis zu der fernen Juliane herüberdrangen, entquollen von Zeit zu Zeit ihrer Brust.

Es mochte gegen die zehente Abendstunde seyn, als auf des Steuermanns Geheiß, der im Auftrage seines Capitäns befehligte, nicht weit vom Lande die Anker ausgeworfen wurden. Einige Matrosen lagen schon schlafend auf den Bänken des Verdeckes, andere rüsteten sich, ebenfalls zur Ruhe zu gehen. Niemand schien sich um die Kriegsgefangenen zu kümmern.

»Kannst du schwimmen, La Paix?« raunte diesem sein Freund zu. »Was mich betrifft, so getraue ich mich wohl, diese Handvoll Wasser zu durchschneiden, wie ein Delphin, und in zehn Minuten spätestens am Lande zu seyn. Morgué! ich habe dir ganz andere Kunststücke gemacht in dieser Gattung. Die Garonne ist Zeuge meiner Thaten gewesen und man gab mir wegen meiner Schwimmfertigkeit den Namen des Fisches, wie jenem Sizilianer, der einen goldenen Becher aus dem Schlunde der Charybdis holte.«

»Ich kann nicht schwimmen!« gab La Paix trocken zur Antwort. »Es ist auch gar nicht nöthig, daß du deine Fischnatur zu besonderen Anstrengungen in diesen Gewässern aufbietest, die vielleicht nicht so freundlich seyn dürften, wie deine heimathliche Garonne. Gedulde dich nur eine ganz kurze Zeit und ich verspreche dir, man wird uns auf die höflichste Weise einladen, ein Boot zu besteigen, das uns frei und ledig an’s Land bringt, die vortreffliche Juliane selbst wird sich alle Mühe geben, uns — vielleicht noch mit einiger Berücksichtigung ihres zeitlichen Vortheils — von dem lustigen Freier von Rotterdam wegzuschaffen und dann — nun dann können wir ja, wenn es uns beliebt, die Barke des Sire Jansen erwarten und unsern Plan auf die schöne Clelia verfolgen.«

Früher, als La Paix selbst erwartet hatte, ging seine Prophezeiung in Erfüllung. Das letzte Wort war kaum seinen Lippen entschwebt, so fühlte er sich an seinem Kleide gezupft. Um nicht aus seiner Rolle zu fallen, wandte er sich mit einem schweren Seufzer um. Einer der Schiffsjungen stand vor ihm, aber mit so gerader und argloser Miene, daß der Student wohl einsah, diesem ahne nichts von den entsetzlichen Dingen, welche Juliane befürchtete.

»Die Schiffsjungfer läßt Euch grüßen!« sagte vertraulich und leise der Knabe, so daß es nur die beiden Jünglinge hören konnten. »Sie hat Mitleid mit Euch und sähe es nicht gern, wenn Ihr in’s Unglück geriethet. Sie will suchen, einige Matrosen zu gewinnen, die Euch heimlich, während der Capitän bei’m Weine sitzt, an’s Ufer bugsiren. Aber dazu braucht sie Geld oder Geldeswerth. Sie meint, der Ring, den der Junker am Finger trägt, wäre wie dazu gemacht, die Leute zu verblenden. Er soll ihr ein Zeichen seyn, daß Ihr den Vorschlag annehmt. Gebt ihn! Im Augenblicke hat ihn die Schiffsjungfer, in einer Viertelstunde seyd Ihr am Lande!«

»Sandis! Wenn es nur daran liegt!« fuhr Le Vaillant heraus und gab ihm den Ring. »Jetzt geh, schaffe die Leute und das Boot. Ich wußte doch, daß die listige Hexe mich noch um den Ring bringen würde! Aber es geht nichts über die Freiheit und lieber frei bei einem Stücke Haferbrot und einem Glase Wasser, als gefangen bei Rehbraten und Champagnerwein.«

»Unbesonnener!« zürnte La Paix halblaut zu ihm hin. »Wir wären auch ohne dieses Opfer zum Ziele gekommen! Geh, mein Sohn,« wandte er sich dann in einem hohlen dumpfen Tone, der den Knaben wirklich stutzen machte, zu diesem: »sage deiner Jungfer, wir sendeten ihr den Ring, weil in unserem Zustande nichts Irdisches mehr einen Werth für uns hätte. Im Uebrigen möge sie thun was sie wolle, sie möge uns an Bord behalten oder ans Land bringen lassen: morgen breche der Tag der Schrecken an, die sie kenne, die keine Gewalt der Erde abzuwenden vermöge!«

Verblüfft schlich sich der Junge fort. Während Le Vaillant seinen Gefährten noch mit Vorwürfen bestürmte, daß er Julianen eine Antwort ertheilt, die sie leicht in ihren günstigen Gesinnungen schwankend machen könne, hörten sie plötzlich zu ihrer Seite ein Plätschern im Wasser. Ein Blick über den Schiffsrand belehrte sie, daß ein Boot schon losgemacht sey, daß mehrere Matrosen im Begriffe waren, leise hinabzusteigen, daß Juliane auf diese Weise ihr Wort lösen und, wie La Paix einsah, sich von den Gegenständen ihrer Furcht befreien wollte.

»Kommt mit mir!« flüsterte ihnen der Junge zu, der vom Steuerborde zurückgekehrt war. In wenigen Augenblicken saßen sie in dem Boote, die Ruderer rührten emsig die Arme, weder über ihre Lippen, noch über die der jungen Leute ging eine Silbe. Der dunkle Streif, der vor ihren Blicken lag, kam ihnen immer näher, die höher gehenden Wellen, die sich an den Faschinendämmen des Ufers brachen, erhielten das kleine Fahrzeug in heftiger schaukelnder Bewegung. Fern herüber leuchteten die Laternen des Kutters. In ängstlicher Spannung sahen die Studenten auf diesen. Bald schien es ihnen, als erblickten sie viele dunkle Gestalten, die sich in unruhigem Treiben vor den Lichtern hin und her bewegten, es war ihnen, als vernähmen sie verworrene Stimmen vom Schiffe herüber, sie glaubten ihre Flucht entdeckt, vielleicht von der treulosen Juliane selbst verrathen; dann dünkte sie es gar, der Kutter rücke von seiner Stelle, ihnen nach und seine Gestalt vergrößerte an dem Dämmerglanze des Horizonts sich zu einem furchtbaren, gigantischen Schiffsungeheuer. Aber sie erkannten leicht die Bilder des Wahns, welche die erregte Phantasie ihnen vorführte. Keine Verfolgung bedrohete sie mit neuer Gefangenschaft, kein Hinderniß trat ihnen in den Weg. Die kundigen Matrosen fanden einen Platz, welcher zum Landen geeignet war. La Paix und Le Vaillant sprangen, ohne eine Einladung hiezu abzuwarten, an’s Ufer. Sie vernahmen, daß man ihnen etwas nachwarf. Es waren ihre Degen, die sie freudig aufrafften, um sich sogleich damit zu umgürten. Das Boot stieß ab. Sie standen allein an einer flachen öden Küste, in einem unbekannten Lande, ohne Freund, ohne Führer. Nirgends war ein Strauch oder ein Baum zu erblicken, kein gastliches Obdach zeigte sich, wohin sie die Augen auch richteten.

»Was nun?« sagte La Paix, indem er sich vergebens nach einem betretenen Pfade umsah. »In diesem verwünschten Sumpflande, zwischen den labyrinthisch verschlungenen Canälen ist es gefährlich, Nachts umherzuirren. Hier am Ufer in der Nähe des Kutters den Tag abzuwarten, möchte ich ebensowenig rathen —«

»Alberne Bedenklichkeiten!« rief sein Freund. »Vorwärts, immer vorwärts, das ist der Wahlspruch meines Hauses, seitdem einer meiner Ahnherrn die eisernen Reihen der Schweizer in der Schlacht bei Marignano durchbrach! Cadédis! Wir wollen dieses Land im Sturm erobern, du und ich, und wenn es von unzählichen Morästen und Canälen geschützt wäre. Vorwärts, La Paix! Unser gutes Glück wird uns führen.«

»Meinetwegen!« antwortete sein Gefährte. Ihre Leitung dem Zufalle überlassend, schritten sie rasch am Ufer hin in die von Mond- und Sternenlicht sanft erhellte Nacht.


4.

Der Professor Eobanus Hazenbrook, den wir vielleicht schon zu lange aus den Augen verloren, hatte, nachdem er die kleine Schenke, dem van Vlietenschen Hause gegenüber bezogen, den ganzen Tag über, wie ein Fuchs vor dem verschlossenen Taubenschlage, hinter dem Schiebfensterchen seines Zimmers sehnsuchtsvoll geharrt, ob nicht wenigstens ein Theil von dem Gegenstande seiner wissenschaftlichen Liebe, das hoch gehaltene Antlitz des Herrn Tobias, sich zeigen werde. Vergebliche Hoffnung! Alle Vorhänge hinter den Fenstern waren niedergelassen, die Hausthüre öffnete sich selten und dann war es immer nur eine untergeordnete Person, eine Magd, oder ein Knecht, die schnell heraushuschte und bei der Rückkehr ebenso rasch wieder durch den Eingang verschwand. Eobanus befand sich in einer Unruhe, wie er sie noch nie empfunden hatte. Dem lange nachgerungenen Ziele seiner Wünsche, das ihn so oft getäuscht, stand er jetzt so nahe und dennoch — so fern. Konnte der reiche Handelsherr, wenn er malitiös war, sich nicht in der Verzweiflung all zu stark aufs Trinken legen, vielleicht gar auf den Genuß nährenden Bieres, das dann gedeihlich auf seine Fettzellen wirkte, indem es alle schöne Hoffnungen Hazenbrooks untergrub? Konnte er nicht — quälte sich der Professor weiter — überdrüßig der gegenwärtigen Einsamkeit seines Hauses, sich in Zerstreuungen stürzen, die sonst der Holländer nur vor dem dreißigsten Jahre sich gestattet, und, wie der Beispiele ja so viele vorkamen, eben durch diese Zerstreuungen, indem sie nur unbedeutend an seinen gewaltigen Geldsäcken zehrten, jugendlich wieder aufblühen und — was bei allen Vermuthungen, denen sich Eobanus überließ, ihm als das Aergste erschien — wiederum Fett ansetzen?

»O Fett, Fett!« rief der Professor, indem er wie verzweifelt durch sein kleines, von einer Lampe nur düster beleuchtetes Gemach hinstürmte. »Du nagst an meinem Leben, du nagst an der Blüthe der Wissenschaft, die sich eben entfalten will und gedeihen zur köstlichen reifen Frucht. Deine feindselige Gegenwart droht der hieroglyphischen Vorwelt, ihrer Wiedergeburt in reizender Mumiengestalt, schmähliches Verderben. Wie oft hast du, ob ich dich gleich immer in Ehren gehalten und nicht ein elendes halbes Pfund deines Eigenthums dir für meinen Leib entwandt, nicht schon meine trefflichsten Plane, meine herrlichsten Werke, Meisterstücke, die für eine tausendjährige Dauer bestimmt waren, boshaft zerstört in einer warmen Frühlingsnacht? Ja, Schändliches, das hast du gethan und gerade in der schönen jugendlichen Zeit des Jahres, wo in dem Wurme, wie im Nilpferde, in der Kröte, wie im Crocodille, in der Rose, wie in der Camillenblume, sich frische Lebenskräfte regen, in dieser von der Natur geheiligten Zeit hast du heimtückisch gemordet, was ich mit unsäglicher Mühe und einer Kunst, die nirgends ihres Gleichen hat, in’s wissenschaftliche Leben gerufen! Ich sehe sie noch vor mir, alle die Geliebten, die ich mir selbst bereitet und die ich großmüthig als Eigenthum der erlauchten Lugduner Akademie überlassen wollte. Glaubst du, ich hätte dich vergessen, schalkhafte Artemisia, mit dem Grübchen in der goldbelegten Wange, mit der sanftgewölbten Brust, im Glanze deiner dunkelbraunen Schönheit? Und du, majestätischer Memnon, einst ein stattlicher Grenadier im Leibregimente König Wilhelms, du, dessen Mumienhülle sieben Fuß maß und dessen Adlernase sich erhaben aufdrängte unter der sinnvollsten Hieroglyphenschrift, mußtest auch du zu einem jammervollen Nichts werden im flüchtigen Laufe eines warmen Lenzmorgens? Vanitas Vanitatum, omnia Vanitas! Alles ist vergänglich auf dieser Erde!«

Hazenbrook war nahe daran Thränen zu vergießen. Er warf sich trostlos in einen Sessel, die schmerzlichen Erinnerungen, welche er wieder aufgefrischt hatte, nagten an seinem Herzen. Unten in der Schenke ertönte Musik. Sie schien ihm ein schreiender Mißlaut in seinen Kummer. Er hörte das Geräusch der Tanzenden, er vernahm einzelne jubelnde Stimmen. »Das ist dämonischer Hohn,« dachte er, »der dich neckt und deiner spottet in deiner Verzweiflung.« Um Mitternacht war es still geworden im Hause; auf den Straßen aber wisperte und regte es sich seltsam. Dieses Geräusch und Geraschel beachtete der Professor nicht, nur der nahe Lärm hatte ihn in seinen schwermüthigen Betrachtungen gestört. Er war nicht zu Bette gegangen. Noch unberührt stand sein Abendbrot auf dem Tische. Das Blut kochte in seinen Adern, sein Herz klopfte ungestüm, sein Kopf brannte fieberhaft. Er sprang auf und trat an’s Fenster. Gegenüber in van Vlietens Hause dämmerte ein mattes Licht, wie dem Erlöschen nahe, hinter einem der Vorhänge. Er öffnete das Fenster. Seine sehnsüchtigen Blicke hingen an dem flackernden Lichte. Das wunderliche Gewisper und Rauschen in den Straßen drang vernehmlicher herauf, aber wie hätte Eobanus jetzt für etwas Anderes Sinn gehabt, als für seinen Tobias, der ohne Zweifel hinter dem matt glänzenden Vorhange weilte?

»O wer jetzt ein Rabe wäre oder ein Engelein!« seufzte Eobanus. »Wer sich nur so hoch zu schwingen vermöchte, wie der fabelhafte Icarus! Die Strahlen der Sonne könnten mir nicht schaden in dieser Stunde und Luna ist ja Verliebten günstig. Nur einen Blick möchte ich werfen durch die Spalte des Vorhangs, nur ein Weniges sehen von den lieblichen Knochenspitzen seines Antlitzes, von den langgereckten Gliedern seiner holdseligen Hände. Grausames Schicksal, das mich ihm nicht näher gestellt, das mich nicht zu seiner Tochter oder seiner Schwester gemacht hat! Wie wollte ich mich stets seines Anblicks erfreuen, wie ihn schützen und bewahren vor Allem, was in das Zellgewebe häßliche fette Massen werfen könnte? Und wenn ein plötzlicher, schneller Tod — das glücklichste was nach einem Ausspruche des delphischen Gottes dem Menschen begegnen kann — ihn träfe, wenn ein schmerzloser Schlagfluß dem kummervollen sublunaren Leben ein Ende machte, wenn ich dann in dem reizenden Cadaver den Erben des pharaonischen Königsthrones vor meinen leiblichen Augen sähe, wie wollte ich dann erst ihn lieben, wie alle Mittel der Kunst aufbieten auch die irdische Gestalt zu erhalten mir zur Erquickung und in usum der Musen! Er erkennt meine Liebe nicht, er versteht nicht sie zu würdigen, er duldet sie blos gegen schnöde Vergeltung. Aber Ihr, meine wackern famuli, La Paix und Le Vaillant, Ihr werdet die geraubte Helena zurückbringen, mir verschreibt sich der Liebliche im Testamente als Legat und dann, Tobias, dann wird auch die glückliche Zeit nicht fern seyn, in der du mir als Eigenthum heimfällst.«

Er hatte in hoffnungsvoller Verzückung die Arme zum Fenster hinausgebreitet, das glühende Antlitz war nach dem erleuchteten Fenster im van Vlietenschen Hause aufgerichtet, seine Augen hingen mit dem Vorgefühle süßer Wonne an dem Dämmerlichte hinter dem Vorhange: da bewegte es sich lauter dicht unter ihm in der Straße, da schoß es rauschend empor und ein mächtiger Wasserstrahl, der heftig und kältend ihm gerade ins Gesicht fuhr, warf ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf den Boden des Zimmers nieder. Ehe er sich besinnen konnte, drang noch ein Strom von Wasser nach, durchnäßte ihn gänzlich und überschwemmte den Boden. Sein wissenschaftliches Liebesfeuer war in einem Augenblicke abgekühlt. Er sprang auf und verschloß instinktmäßig das Fenster. Aber wohin sollte er sich flüchten in dieser unerwarteten Noth? Er selbst durchnäßt, keine trockene Stelle am Boden, wohin er seinen Fuß setzen konnte! Und immer rauschte und strömte es draußen fort an den Wänden und Fenstern des Hauses, als wenn eine Sündfluth einbräche, als ob Wasserfluthen gegen ein brennendes Haus geschleudert würden, und es war doch Alles dunkel draußen und friedlich, wie in einer gewöhnlichen Nacht! Aber Eobanus sah schon klar den Grund seines Mißgeschicks, er erkannte, daß seine eigene Vergessenheit ihn in die unangenehme Lage gebracht hatte, in der er sich befand. War denn der vergangene Tag nicht ein Sonnabend gewesen und war es denn in den gesammten Generalstaaten nicht löblicher Gebrauch, daß in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag die Außenseite aller Häuser, vermittelst gewöhnlicher Feuerspritzen, von oben bis unten mit Wasser gereinigt wurde? Daran hatte, von seiner Leidenschaft verblendet, Hazenbrook nicht gedacht, er hatte das Geräusch in den Straßen nicht vernommen und also auch nicht gedeutet, er hatte die Gefahr, in der er schwebte, erst erkannt, als sie wirklich einbrach und plötzlich seinen süßen Schwärmereien ein schmähliches Ende machte.

Er war auf einen Stuhl gesprungen. Zähneklappernd stand er hier und bemühete sich, von einem Nagel in der Wand einen alten Pelz herbeizulangen, den er als Schlafrock zu benutzen pflegte. Das Unternehmen war mißlich, er konnte einen gefährlichen Fall auf den nassen Boden thun. Aber er brachte es glücklich zu Stande, schnell kleidete er sich um und erreichte dann mit einem verwegenen Sprunge das Bett, unter dessen thurmhoher Federdecke er seine bebenden Glieder vergrub. Früher, als er gehofft hatte, fand sich der Schlummer zu ihm. Die Natur übte ihr Recht und die erschöpften Kräfte des Professors ließen, nach dem überstandenen kalten Bade, sich leicht von der Macht des Schlafes bezwingen, ohne wieder durch erregende Phantasiegebilde zu neuen Anstrengungen veranlaßt werden zu können.

Wie dieser Tag dem unglücklichen, sehnsüchtigen Hazenbrook langsam verstrichen war, so gingen noch mehrere vorüber. Auch die Nächte glichen jener ersten Nacht, die er in dürstender, wehmüthiger Leidenschaft am Fenster verweilt; nur war er jetzt auf acht Tage hinaus gegen jeden Angriff von unten gesichert und konnte seine Mondscheinklagen ungestört gegen den erleuchteten Fenstervorhang, die Lichthülle des Gegenstandes seiner Liebe, wie er ihn nannte, ausströmen. Er wurde von Stunde zu Stunde melancholischer. Speise und Trank, welche er sonst eben nicht verachtete, waren ihm jetzt gleichgültig. Die reizendsten Mädchen aus der Stadt und vom Lande, an denen er in früheren Zeiten so gern die Muskellehre studirt hatte, konnten jetzt dicht unter seinem Fenster vorübergehen und er würdigte sie keines Blickes. Immer nur hing sein Auge an dem geheimnißvollen Vorhange, dem Isisschleier, der sich für ihn nicht heben wollte. Nur Abends betrat er auf ein flüchtiges Stündchen die Straße, aber nicht um etwa lustzuwandeln und sich zu entschädigen für die selbst auferlegte Gefangenschaft im engen Zimmerchen; nein! er nahm dann einen Platz im Schatten eines Baumes, dicht neben der Thüre des van Vlietenschen Hauses ein. Hier lauschte er in ängstlicher Spannung auf jedes Geräusch, auf jeden Laut, der sich im Innern vernehmen ließ, er hoffte einen Aufschluß, eine Kunde von seinem Tobias zu erhorchen, aber Alles, was er vernahm, beschränkte sich auf fern her tönendes Geklapper mit Töpfen und Schüsseln aus der Küche, auf ein zärtliches Gespräch des Hausknechtes mit der Stubenjungfer hinter der Thüre. Er war untröstlich. Verließ in dieser Abendstunde einer von den Leuten des Herrn van Vlieten das Haus, so befand er sich mit einem mächtigen Sprunge sogleich an dessen Seite, suchte mit ungemeiner Höflichkeit eine Unterhaltung anzuspinnen und eine oder die andere Mittheilung über des Patrons Wohlbefinden und seinen Gemüthszustand herauszulocken; die Dienerschaft des dicksten Mannes war aber so wortkarg und wurde bald so grob gegen den zudringlichen Fremden, daß Eobanus gänzlich von diesen Entdeckungsversuchen abstand. Seine Leidenschaft quälte ihn unsäglich.

»Ich muß etwas Außerordentliches wagen;« sagte er eines Abends zu sich selbst, als er wiederum vergebens den trotzigen Hausknecht auf einem Gange über die Straße angeredet hatte. »Aut Cesar aut nihil! Wie jener Römer dem Staate zu Liebe, stürze ich mich zur Ehre der Wissenschaft und des erlauchten Lugdunum in den feuerigen Schlund. Wagen gewinnt. Der Lohn ist der That werth.«

Er stand zum Sprunge gerüstet auf seiner Stelle. Da kam der Diener von seinem Gange zurück, schloß arglos die Thüre auf und trat in’s Haus. Ihm auf dem Fuße sprang Hazenbrook nach. Aber auch dieses kühne Unternehmen fiel zu seinem Unheile aus. Ehe er noch durch die Thüre gelangte, schlug der Hausknecht diese so gewaltig zu, daß des Professors Fuß entsetzlich gequetscht wurde und er selbst mit einem Wehelaute auf das Pflaster niedersank. Unter den heftigsten Schmerzen und mit der größten Anstrengung hinkte er in seine Wohnung zurück. Der Seelenqual hatte sich nun auch körperliches Leiden gesellt; er mußte mehrere Tage das Zimmer hüten.

Es war ein heiterer Morgen, als er zum erstenmale wieder die im Erdgeschoße liegende Schenkstube betrat, um hier sein Frühstück einzunehmen. Er war sehr trauerig gestimmt. Er hoffte das laute Treiben, das hier um diese Stunde herrschte, werde ihn zerstreuen. Neben seiner Hauptsorge um die Erhaltung des Herrn van Vlieten, bis die rechte Zeit gekommen, um dessen mögliche Hinneigung zu etwaiger Corpulenz, hatten sich nun auch Bedenklichkeiten über das Schicksal der zwei jungen Leute in ihm erhoben, die er zur Verfolgung des Herrn Cornelius van Daalen und der schönen Clelia abgesendet. Er hörte und sah nichts von ihnen. Täglich hatte er in’s Wappen von Rotterdam geschickt und nach Briefen fragen lassen, aber immer war der Bote leer zurückgekommen. In welche tödtliche Verlegenheit brachte nicht seine unglückliche Liebe den Professor? Wo war sein frischer Lebensmuth, wo war seine Freude an der Wissenschaft, die ihm sonst in so vielfacher Gestalt willkommen gewesen, hin? Ach, Alles weilte hinter dem neidischen Vorhange des Herrn van Vlieten! Sein besseres geistiges Selbst war dort und er mußte, getrennt von diesem, in einer schnöden Kneipe hausen, gemeinen Wachholder trinken und mit einem Heringe seinen geschwächten Appetit zu reizen suchen. Und die jungen Leute? Waren sie nicht seiner väterlichen Aufsicht anvertraut worden von den Eltern? Hatte er sich nicht verpflichtet, sie in literis et moribus zu bilden und wie hatte er dieser Verpflichtung Genüge geleistet, indem er sie von seiner Person, in deren Umgang ihnen die Wissenschaften beigebracht werden sollten, entfernt und indem er sie auf’s Geradewohl zu Jungfernraub und Entführung ermuntert? Nur der Gedanke an Tobias, an die Zukunft, die seinen lang gehegten, so oft verfehlten Wunsch endlich erfüllen werde, konnte ihn einigermaßen erheben. Er rief den schönen Augenblick wieder in seine Erinnerung zurück, wo er zum Erstenmale den würdigen Handelsherrn am Haven von Rotterdam erblickt, wo er trunken vor Entzücken sogleich alle Keime einer trefflichen Mumie, die seine Kunst zur Entwicklung und Reife bringen könne, in ihm erkannt, wo das süße Feuer der jugendlichen Liebe ihn wonniglich durchströmt und er selbst sich gleich mit hoher Betheuerung gelobt: »Den mußt du haben, um jeden Preis, der muß dein Amenophis, dein Sesostris werden, der muß die Ehre deines Kunst- und Naturalienkabinets retten und behaupten vor aller Welt!«

Begeistert von diesem reizenden Bilde der Vergangenheit, genoß Eobanus etwas mehr Wachholder, als gewöhnlich. Im Stillen trank er auf das Wohl seines theueren Tobias, aber er war besonnen genug, diesen Wunsch nicht weiter, als bis zu der Zeit auszudehnen, wo La Paix und Le Vaillant die entflohene Clelia zurückgebracht haben und die Testamentsclauseln, zu denen sich der Vater anheischig gemacht, fest und unwiderruflich niedergeschrieben seyn würden. »Der Himmel schenke ihm ein langes Leben bis dahin und behüte ihn vor Fett!« setzte er vergnügt hinzu.

An den übrigen Tischen wurde indessen sehr lebhaft gesprochen. Die Gesellschaft bestand hier aus Matrosen, aus Lastträgern und andern Leuten, die in großen Handelsstädten ihren Erwerb auf freier Straße finden. Man unterhielt sich über die neuesten Kriegs- und Welthändel, über den Untergang der spanischen Silberflotte im Haven von Vigo, über die jüngsten Waffenthaten des Herzogs von Marlborough.

Hazenbrook hatte bis jetzt auf das Gespräch dieser Leute, das von manchem derben Schiffmannsfluche, von mancher kräftigen Bemerkung der Lastträger gewürzt wurde, nicht geachtet. Erst als der Name Cornelius van Daalen genannt wurde, horchte er hoch auf und näherte sich auf eine unscheinbare Weise den Lärmenden.

»Die Landratze!« fuhr einer von den Matrosen im Tone der Verwunderung auf. »Wer hätte ihr das zugetrauet? Der Bursche ging immer so steif und vornehm in seinem Tressenrock an unser einem vorüber, daß man ihn eher für eine geputzte Segelstange, als für einen kühnen Jungen, der seinen Hals einmal an ein Wagstück setzt, gehalten hätte. Und er selbst hat die Schebecke in Brand gesteckt, eigenhändig sagst du?«

»So wahr ich Peter Trip heiße und ihr mich frei haltet am heutigen Morgen!« erwiederte mit schwerer Zunge der Angeredete und leerte ein großes Glas. »Freilich, müßte ich nicht immer wichtiger Geschäfte halber im Haven bleiben, hätte ich können auf der Syrene seyn, als es drunter und drüber ging mit dem überlegenen Spagnol, so hätte es eines solchen Naseweis von Landjunker nicht bedurft, um den Feind in die Luft zu sprengen!«

»Wenn sich das mit Saufen thun ließe, so wärest du gewiß der erste gewesen!« bemerkte, unter dem schallenden Gelächter seiner Genossen, ein Anderer. »Das ist dein wichtigstes Geschäft zu Land und zur See.«

»Laßt ihn weiter erzählen!« rief der erste. »Ihr werdet ihn böse machen mit Eueren aufgewärmten Witzen und dann erfahren wir nichts. Daß Peter Trip gern trinkt ist eine alte Geschichte hier in Rotterdam und wir wollen Neues hören von Draußen herein!«

»Er möchte nur gern allen Wachholder in der Welt für sich allein haben,« sagte Trip mit einem giftigen Blick auf den Spötter. »Aber ich lasse mich nicht irre machen, der Ruhm des Schiffes, dem ich angehöre, soll so laut werden, wie ihn Peters Mund nur auszubringen vermag und ihr alle da, die ihr auf Linienschiffen und Fregatten dient, sollt Respect bekommen vor der Barke Syrene, Capitän Jansen

»Erzähle nur, lieber Trip!« bat sein Freund. »Trink erst noch einmal! Das macht die Zunge geläufig.«

Weder zu dem einen, noch zu dem andern ließ sich Peter lange nöthigen. Der lauschende Hazenbrook erfuhr nun das kriegerische Abentheuer im Biesbosch, das unsern Lesern bereits bekannt ist. Der Erzählende selbst war von dem Bootsmanne eines Schiffes, welches der Syrene am Tage nach dem Gefechte begegnete, davon unterrichtet worden. Aber Eobanus erfuhr noch mehr. Er hörte, daß eine wunderschöne Jungfer mit Cornelius an Bord der Barke gewesen, daß beide schon am Abende des ersten Tages die Syrene verlassen, um ihre Reise nach Mastricht zu Lande fortzusetzen, er vernahm auch von zwei jungen Leuten, die auf dem nachfolgenden lustigen Freier von Rotterdam sich eingeschifft hatten und, der genauen Beschreibung zu Folge keine andern seyn konnten, als die Leydener Studenten Le Vaillant und La Paix.

Er sah seine Angelegenheit in schönster Blüthe stehen, der gedeihlichen Frucht entgegenreifend. Nichts schien ihm gewisser, als daß die zwei Jünglinge die Spur der Entflohenen gefunden haben mußten, daß entweder La Paix durch List oder Le Vaillant, der ein vortrefflicher Fechter war, durch Gewalt sich in den Besitz der Jungfrau van Vlieten setzen würde, um sie ihm zurückzubringen, als Pfand für des Vaters testamentarische Verfügung. Er war seelenvergnügt und stimmte, ohne an den Ort zu denken, wo er sich befand, zum Erstaunen aller Anwesenden das lateinische Lied an:

Ecce quam bonum,
Bonum et jucundum etc.

Das tobende Gelächter der Matrosen riß ihn aus seiner Zerstreuung empor. Von ihren Spottreden verfolgt, floh er auf sein Zimmer, aber indem er die Treppe zu diesem hinaufrannte, kam ihm noch ein sehr glücklicher Gedanke in den Sinn. Konnte er denn die Nachrichten, die er aus dem Munde des wachholderdurstigen Peter Trip gesammelt, nicht zum Vorwande eines Besuchs bei Herrn van Vlieten benutzen? Gab ihm nicht der glücklichste Zufall Mittel und Wege an die Hand, den Isisschleier, der sich vor ihm nicht lüften wollte, zu umgehen und hinter ihn zu blicken nach demjenigen, der seiner Sinne und Gefühle Meister geworden? Er kleidete sich rasch an. Der beste Rock und die Sonntagsweste wurden hervorgeholt, ein kleiner zierlicher Stahldegen an die Seite gesteckt und das Seidenhütchen mit der rothen Besetzung, das seine akademische Würde bezeichnete, unter den Arm genommen. Er betrachtete sich, nachdem Alles zu Stande gebracht, wohlgefällig im Spiegel.

»Du siehst ja aus, wie ein Bräutigam, Eobanus?« schmunzelte er sich selbst an. »Und bin ich es denn etwa nicht?« erwiederte er. »Bin ich nicht ein Bräutigam der Musen und will eben hingehen, ein neues Verlöbniß mit ihnen zu feiern per procurationem durch einen ihrer Stellvertreter?«

Er mußte, um das Haus zu verlassen, seinen Weg durch die Schenkstube nehmen. Hier war es indessen still geworden. Die Leute waren ihren Geschäften nachgegangen und nur die aufräumende Wirthin erblickte zu ihrer nicht geringen Verwunderung ihren Miethsmann im Glanze eines Feiertagsstaates, wie ihn in der guten Stadt Rotterdam nur die hochmögenden Herrn Bürgermeister bei festlichen Gelegenheiten zu tragen pflegten. Hazenbrook grüßte mit einem gnädigen Lächeln. Zufällig warf er einen Blick durch’s Fenster nach dem gegenüberliegenden van Vlietenschen Hause. Eben schritt, von dem Hausknechte, dessen Derbheit Eobanus zum Oeftern empfunden hatte, begleitet, ein ansehnlicher, sehr wohlbeleibter Mann, den großen Klappenhut tief auf die borstigen Augenbrauen gedrückt, die starkgliederige Gestalt in einen schwarzen Talar gehüllt, auf den Eingang los. Hazenbrook wurde bei dem Anblicke des Mannes — er wußte nicht warum, — von einem unangenehmen Gefühle ergriffen.

»O weh!« rief die Wirthin, indem sie ihrer Geschäftigkeit Einhalt that. »Es muß ein gefährlicher Kranker drüben im Hause seyn. Das ist der Doctor Mauritius, den man gewöhnlich nur den Leichendoctor nennt, da er immer erst gerufen wird, wenn die Kranken schon dem Tode nahe sind und die meisten ihm dann wegsterben unter der Hand. Er ist der geschickteste in der Stadt, aber er ist auch so reich, wie geschickt, und geht deshalb nur zu solchen, die von den andern Doctoren schon aufgegeben worden sind. Gewißlich ist Heer van Vlieten selbst der Kranke, denn man hat ihn schon seit vielen Tagen nicht außer dem Hause gesehen und von Jungfer Clötje und Philippintje wird Allerlei gemunkelt, das dem Alten wohl schwer aufs Herz und in die Glieder gefallen seyn mag. Aber nun ist’s vorbei mit Reichthum und Herrlichkeit — ich gebe keine Caffeebohne dafür, daß der Myn Heer nicht in einer halben Stunde kalt und todt auf seinem Damastbette liegt; der Doctor Mauritius läßt nicht mit sich spaßen!«

»Da muß ich auch dabei seyn!« rief Hazenbrook, dem der kalte Angstschweiß in dicken Tropfen auf Stirn und Wange getreten war. Wie ein Pfeil, schoß er aus dem Zimmer, über die Straße hinter dem Doctor her. Er fand die Thüre nur angelehnt, man hatte in der dringenden Eile und in der Besorgniß um den Kranken, der in der That den Besuch des verrufenen Leichendoctors veranlaßt, vergessen sie zu verschließen. Eobanus flog, ohne einem der Hausbewohner zu begegnen, die Treppe hinauf, nach dem Zimmer, in welchem er jene merkwürdige Uebereinkunft mit Herrn Tobias geschlossen. Es war leer. Nur das Fratzenbild des Schiwa grins’te ihn grauenvoll an, und die Pagoden wackelten, wie zum Gruße, mit den widrigen Kahlköpfen. Er fuhr zurück. Er lauschte ängstlich in den Gängen, ob er nicht irgendwo ein Geräusch vernähme, das ihm den Aufenthalt des Ersehnten anzeige. Da hörte er in seiner Nähe Stimmen: eine schwache, klagende, eine andere, die sich laut und ermahnend erhob. Nur eine Thüre trennte ihn von dem Gemache, in dem gesprochen wurde. Er legte das Ohr an und horchte. Kein Zweifel! Das war Herrn van Vlietens, ihm so lieblich klingender, heiserer Ton und die andere Stimme konnte keinem anderen angehören, als dem Leichendoctor. Tobias sprach so leise, daß Hazenbrook sich vergeblich bemühete, die Worte zu unterscheiden. Bald aber wurde jener von dem Doctor Mauritius unterbrochen, der sich sehr verständlich in folgender Weise vernehmen ließ:

»Ihr selbst tragt die Schuld Eueres Uebels, Myn Heer van Vlieten! Das heiße Clima Indiens hat Euere besten Kräfte aufgezehrt und Ihr thut nichts, sie zu ersetzen, Euch wieder ein Wenig in’s Fleisch zu werfen, das Euch, wie Figura zeigt, an allen Orten und Enden abgeht. Sehet mich an, Myn Heer! Ich bin gesund, weil ich wohl beleibt bin, ich bin wohlbeleibt, weil ich kräftige, nahrhafte Speisen genieße. Was soll aus Euch werden, wenn Ihr hier fortlebt in derselben Art, wie Ihr in Batavia existirt? Die scharfen Gewürze, die Liköre, das leider allgemein gewordene Theetrinken, werden Euch nach und nach ganz aufzehren von innen heraus, so daß Ihr vergeht, wie eine Lampe, der das Oel fehlt. Von dieser Stunde an müßt Ihr Euere Diät ändern oder Ihr seyd in den nächsten acht Tagen dem Schooße der Erde wiedergegeben. Ich werde zuvörderst für Euer Mittagsmahl sorgen. Ich schicke Euch Rindfleisch und Kartoffeln, eine Schöpsenkeule mit Gurken, einen Puterbraten mit Reis und einen Mehlbrei, der Euch, wenn Ihr ihn ein viertel Jahr lang täglich genossen habt, gewißlich das Zellgewebe ausfüllen soll mit schöner, spiegelblanker Corpulenz. Dazu eine Flasche alten Rheinwein, die Ihr leeren müßt bis auf den letzten Tropfen. Ladet Euch heitere theilnehmende Gäste ein. Auch ich werde zum Oeftern an Euerer Tafel erscheinen, um darauf zu sehen, daß Ihr mir tüchtig esset. Die häßliche Zimmetfarbe Eueres Antlitzes, das Gelb in Eurem Auge — sie müssen fort, denn sie sind widerwärtige Zeichen innerlicher Destruction. Essen müßt Ihr, essen — so viel als möglich, damit Ihr fett, das heißt gesund und glücklich werdet. Sagt es denn nicht schon die Stimme des Volks, die einen reichen, glücklichen Mann dick nennt, daß nur in der Corpulenz das einzige irdische Heil liegt? Und vox populi vox Dei: das lasse ich mir nicht wegläugnen!«

Dem lauschenden Hazenbrook sträubte sich das Haupthaar bei diesen entsetzlichen Rathschlägen, die seinen theuersten Hoffnungen Verderben droheten. Er konnte nicht länger ein gleichgültiger, unthätiger Zuhörer bleiben. Doch besaß er Geistesgegenwart genug, um einzusehen, daß es gerathen seyn dürfte, den innerlich kochenden Zorn unter äußere Milde und Freundlichkeit zu verbergen. Er öffnete leise die Thüre und trat ein. Das Zimmer war nicht groß, er stand gleich vor dem Lager, auf welchem der Kranke ruhete, zwischen diesem und dem Doctor Mauritius.

»Der Herr Collega verzeihen,« redete er mit sanfter einschmeichelnder Stimme, die sich aber bald in den Ton der gereizten Leidenschaftlichkeit verwandelte, den Doctor an, »aber ich kann unmöglich, was die Diät des Patienten betrifft, der gleichen Meinung seyn, die ich zufällig vor der Thüre vernommen! Was ist Gesundheit? Körperliches Wohlbefinden: der Körper mag nun dick oder dünn seyn! Im Gegentheil ist eine edle Hagerkeit, welche die ursprünglichen Formen der menschlichen Leibesgestalt rein hervortreten läßt, weit vorzuziehen jener schwammigen Beleibtheit, die allenthalben, statt schöner, wohl und weise von dem Schöpfer berechneter Form, nur monströse Auswüchse, häßliche Balggeschwulste zeigt. Nichts ist auch dem irdischen Leben nachtheiliger, als wenn die besten Kräfte sich im unseligen Fette, dieser Schmachgeburt der Schlemmerei und Völlerei, verlieren. Wie kann das Blut belebend die Adern durchströmen, wenn immer der Schwamm des Zellgewebes an ihm saugt? Wohin kann die Spannkraft der Nerven noch wirken, wenn Alles erschlafft ist unter gemeinen sinnlichen Reizen? Habt Ihr je vernommen, bester Heer Collega, daß Methusalem Corpulenz besessen habe? Ist nicht Fettleibigkeit der sichere Vorbote der Schlag- und Steckflüsse, der Gicht und Wassersucht? Hinweg mit ihr! Hager, fettlos muß die Welt werden, um sich einer dauerhaften Gesundheit zu erfreuen.«

Herr Tobias sah ängstlich zu dem Doctor hinauf. Er bemerkte, daß sich auf dessen Stirn eine dunkele Wolke zusammenzog, er wollte sie durch einige entschuldigende Worte zerstreuen, aber ehe er zum Sprechen kommen konnte, brach das drohende Wetter schon los.

»Wer sagt das, wer wagt mir zu opponiren?« donnerte Mauritius im Tone der höchsten Erbitterung, den der Angriff auf seine eigene Persönlichkeit mit sich brachte, den Professor an. »Ich habe noch nie eine Disputationem über die Kunst des Hypocrates und Galenus ausgeschlagen, aber, ehe ich mich darauf einlasse, muß ich erst wissen, ob ich mit einem Manne vom Fache oder einem Ignoranten zu thun habe, als welchen Euch Euere bisher ausgesprochenen Grundsätze darstellen. Sagt Euern Namen, ich bin der Doctor Mauritius, wohlbekannt in den gesammten Generalstaaten!«

»Und ich bin Eobanus Hazenbrook,« erwiederte mit Würde der Aufgeforderte, »Professor ordinarius der weltberühmten Lugduner Academie, Custos theatri anatomici daselbst und ein Freund und College des großen Boerhaave

»Des großen Boerhaave!« spottete Mauritius. »O, ich habe ihn noch sehr klein gesehen, diesen großen Boerhaave, ehe er das theologische Barett gegen den medicinischen Doctorhut vertauscht. Damals schrieb er Predigten statt Recepte und es wäre gut, wenn er dabei geblieben wäre, denn seine tolle Neuerungssucht wird die edle Kunst bald in einen blauen Dunst verwandeln. Ihr also, Myn Heer,« fuhr der Doctor mit grinsendem Hohne fort, »seyd der Professor Hazenbrook, von dem ich schon so vieles Merkwürdige gehört? Nun es ist mir in Wahrheit eine unerwartete Annehmlichkeit, ein so seltsames Exemplar wissenschaftlicher Monstruosität, wie Ihr dem Rufe nach seyn sollt, in dieser Stunde kennen zu lernen.«

»Ein seltsames Exemplar — eine wissenschaftliche Monstruosität?« fragte erstaunt Eobanus. »Was wollt Ihr damit sagen?«

»Also den berüchtigten Mumienprofessor sehe ich vor mir, in wahrhafter leiblicher Gestalt!« sprach, ohne sich stören zu lassen, mit beißendem Spott der Doctor weiter. »Da wundert’s mich freilich nicht, daß Ihr die Hagerkeit in Schutz nehmt, denn Ihr möchtet gern die gesamte Menschheit zu einem Stockfische ausdörren und sie dann einbalsamiren für Euere Naturalienkammer. Der edelste, höchste Zweck der ärztlichen Wissenschaft, Menschenwohl zu erhalten und zu befördern, ist Euch fremd geblieben, da er keinen Werth für Euch hat und Ihr den Menschen erst anfangt hoch zu achten, wenn er im Begriff ist, seinen letzten Seufzer auszuhauchen. O, ich kenne Euch wohl und Euer Treiben! Man weiß, welche Versuche Ihr daheim angestellt, man weiß aber auch, wie sie Euch vereitelt worden sind durch die Natur selbst, der Ihr Gewalt anthun wolltet. Mit Euch consultire ich nicht! Einer von uns beiden ist zu viel hier,« wandte er sich jetzt zu Tobias, dem das ruhige Lager indessen zum glühenden Laurentiusroste geworden war: »soll er gehen oder ich

»Um Gotteswillen,« stöhnte van Vlieten, während Hazenbrook bei der unerwarteten Entdeckung seiner, wie er wähnte, im tiefsten Geheimnisse betriebenen Einbalsamirungs-Versuche, stumm und starr seinem Feinde gegenüber stand: »ich will ja gern Rindfleisch essen und Brei schlucken und fett werden, wenn es nur anschlägt! Aber verlaßt mich nicht, Myn Heer Doctor! Auf Euch setze ich meine einzige Hoffnung und in dieser Stunde schwöre ich den Gewürzen, dem Liköre und dem Thee ab. Schickt mir für heute Etwas aus Euerer vortrefflichen Küche, morgen will ich schon selbst sorgen und es soll braten, sieden und broddeln in meinem Hause, wohin man nur blickt.«

»So ist es recht!« sagte belobend Mauritius und trat auf die eine Seite des Bettes, um dem Kranken nochmals den Puls zu fühlen.

In seiner Verzweiflung stürzte Hazenbrook auf die andere und raunte dem Patienten in die Ohren:

»Gedenkt unseres Vertrags! Ich habe schon Nachricht von der Tochter. Sie hat den Weg nach Mastricht genommen, meine Leute setzen ihr nach.«

»Laßt mich in Frieden!« entgegnete unwillig Tobias. »Was habe ich von der Clötje und was hat sie von mir, wenn ich todt bin? Erst muß ich gesund werden, fett muß ich werden, um Vaterfreuden zu genießen, dann mag sie wieder kommen und dann mögt auch Ihr Euch wieder einfinden zu weiterer Besprechung. Bis dahin Gott befohlen!«

»Ihr habt es vernommen!« sagte Mauritius gebieterisch, indem er in triumphirender Haltung vor den Professor trat. »Euere Gegenwart ist dem Patienten lästig, sie kann ihm sogar zu großem Nachtheile gereichen. Wollt Ihr hartnäckig erwarten, daß man Euch mit Gewalt entferne? Wollt Ihr es auf Euer Gewissen laden, daß Ihr meinem Kranken durch Euern Trotz den Appetit verderbt und er dann weder Mehlbrei noch Puterbraten, noch Rheinwein zu sich nehmen mag, die ihn allein erretten können vom nahen Tode? Fort mit Euch, Heer Mumienprofessor, oder ich rufe das Hausgesinde!«

»Alles ist verloren!« jammerte aus dem Zimmer stürzend Eobanus. »Er wird fett oder er stirbt vor der Zeit. Ich bin geprellt, ich bin schändlich betrogen!«

Erst in der stillen Umgebung seines Zimmers fand er die verlorene Besinnung wieder, aber sein Leben schien ihm öde und werthlos. Er wünschte, er hoffte nichts mehr.