»Cornelius, seyd Ihr es?« sagte in dem halblauten Tone einer eben Erwachten Clelia. »Habt Ihr den Ausgang gefunden, bringt Ihr Hülfe?«
Sie erhielt keine Antwort, aber, indem sie sich völlig ermunterte, vernahm sie das Flüstern mehrerer Menschen untereinander, sie hörte ihren Namen nennen von Stimmen, die ihr unbekannt waren. Endlich konnte sie den Glanz des Lichtes ertragen. Sie blickte auf, sie sah sich und Philippintje von mehreren fremden Männern umgeben, die sie mit dem Ausdrucke freudiger Ueberraschung in ihren Mienen betrachteten. Sie konnte sich nicht gleich fassen. Erst, als sie bei dem Glanze der brennenden Fackeln, mit denen einige von den Männern versehen waren, das weite, weiße Gewölbe über ihrem Haupte, die hochaufstrebenden Steinpfeiler zu beiden Seiten erkannte, kehrte die Erinnerung der vergangenen Ereignisse zurück. Jetzt nahm sie die Fremden näher in’s Auge. Zwei von diesen, junge wohlgekleidete Leute, traten ihr mit ehrerbietigem Anstande näher. Die übrigen blieben in einiger Entfernung stehen und schienen den Jünglingen untergeben.
»Ihr kennt uns nicht,« nahm einer von diesen mit sanfter, fast mädchenhafter Stimme das Wort: »aber wir kennen Euch wohl. Das wunderlichste Verhängniß führt uns in diesen unterirdischen Irrgängen zusammen und gewährt mir und meinem Freunde das Glück, Euch vielleicht einen Dienst zu leisten, indem wir zugleich eine Pflicht erfüllen, die uns gegen Eueren Vater, Heern Tobias van Vlieten, obliegt.«
»Ihr kommt von Heern Tobias?« rief Philippintje in halber Verwirrung. »Er schickt Euch, uns aus diesem höllischen Abgrunde zu erlösen? Der brave Mann! Das wird ihm nicht unvergolten bleiben in seinem Liebsten: im Handel und Wandel.«
Clelia war aufgestanden. Sie fühlte sich sehr ermattet, ihre Glieder zitterten. Mit Erstaunen vernahm sie die Worte des fremden Jünglings. Der Glanz weiblicher Würde, der ihr ganzes Wesen umgab, machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf die jungen Männer. Wäre sie eine Königin gewesen, so hätte sie ihnen keine tiefere Ehrerbietung einflösen können. Die zwei Leydener Studenten — wer von unsern Lesern hätte sie nicht schon erkannt? — waren mit dem Vorsatze den Flüchtlingen gefolgt, ihr Unternehmen, wenn sich die Gelegenheit böte, mit jener Leichtigkeit und jenem Uebermuthe auszuführen, zu dem sie sich durch den leichtsinnigen Schritt, der Clelien aus dem väterlichen Hause entfernt, berechtigt glaubten. Vielleicht hatte der entzündliche La Paix sogar eine leise Hoffnung gehegt, dem bevorstehenden Abentheuer noch einen süßern Lohn abzugewinnen! Als sie aber jetzt das schöne bleiche Mädchen vor sich sahen, mit der Hoheit der Unschuld in Blick und Miene, waren ihre Gesinnungen plötzlich umgewandelt. Beide nahmen sich, ohne ein Wort darüber zu wechseln, vor, dem Versprechen, das sie dem Professor gegeben, zwar getreu zu bleiben, Clelien aber in der aufmerksamsten und achtungsvollsten Weise zurückzubegleiten.
Diese hatte indessen, während sie sich leicht auf Philippintje’s Schulter stützte, über die Erscheinung der Fremden nachgedacht. Die Begebenheit in dem einsam gelegenen Gehöf kam ihr in den Sinn und eine Ahnung der Wahrheit, daß sie dieselben Verfolger vor sich sehe, denen sie damals glücklich entgangen, drang sich ihr auf. Ihr Kopf schmerzte sie sehr. Der zartgebaute Körper empfand die Folgen der Anstrengungen und Entbehrungen, der Schrecken und Besorgnisse, welche der vergangene Tag und der noch stürmischere Abend im Geleite gehabt hatten.
»Mein Vater?« hob sie nach einer Pause mit schwacher Stimme an: »Er sollte Euch senden? Ihr hättet Pflichten gegen ihn? Unbegreiflich!« fuhr sie kopfschüttelnd fort. »Ich sah Euch noch nie. Unter den Freunden und Bekannten meines Vaters, welche unser Haus besuchten, erinnere ich mich nicht, jemals Euch begegnet zu haben.«
»Cadédis!« erwiederte Le Vaillant in einem minder lauten Tone, als gewöhnlich. »Wir sind auch nicht von den ordinären guten Freunden, die immer da sind, wo es einen Löffel Suppe oder eine Schale Thee giebt. Wir sind von der besten Sorte: Freunde in der Noth, und ich glaube, daß Ihr, edle Jungfrau, in diesem Augenblicke Gelegenheit hättet, dieses zu bemerken, wenn Ihr nur bedenken wolltet, daß ohne unsere Ankunft die Zeit Euch noch unendlich lang hätte werden können in diesem labyrinthischen Souterain, in das wir uns nur mit dem Beistande kundiger Führer gewagt.«
»Verzeihet, Jungfrau van Vlieten!« unterbrach La Paix seinen Gefährten, der noch weiter sprechen wollte: »mein Freund meint es sehr gut, aber er fehlt oft in der Wahl der Ausdrücke und es könnte dann scheinen, als vergesse er der Achtung, die er Euch schuldig ist. Hört mich an! Ich will Euch Alles aufrichtig und unumwunden erzählen, wie es sich verhält. Wir haben Euerem Vater versprochen, Euch zurückzubringen, wir verfolgten Euch auf dem Kutter, der bei der Barke eintraf, als gerade das spanische Schiff in die Luft flog, wir verfehlten Euch dann immer, bis wir gestern Nachmittags Euch in jener ländlichen Wohnung anlangen sahen, aus der ihr uns wiederum auf eine fast unerklärliche Weise entkamet. Wir mußten auf’s Neue unsere Verfolgung beginnen. Vor dem Petersberge langten wir gerade an, um einige Minuten lang in die allgemeine Flucht der zurückgeschlagenen Stürmenden fortgerissen zu werden. Als es uns gelungen war, uns dem Gedränge zu entziehen, ließ uns ein glücklicher Zufall Euer Gepäck, Kleidungsstücke, die mit Euerem Namen bezeichnet waren, finden. Indem wir bei’m Scheine der Leuchtkugeln beschäftigt waren, es näher zu untersuchen, sprangen einige französische Marodeurs auf uns ein, behaupteten, diese Beute gehöre mit Recht ihnen, da sie die beiden Frauen nebst ihrem Begleiter, der das Gepäck abgeworfen, bis zu dem kleineren Eingange des Petersberges verfolgt, sich aber aus Vorsicht nicht in diesen, den Flüchtlingen nach, gewagt hätten. Ihr mußtet gerade hier angekommen seyn, als der erste Angriff statt gefunden hatte. Nichts dünkte uns wahrscheinlicher, als daß Ihr, abgedrängt von der Stadt, verfolgt von den habgierigen Marodeurs, Schutz in diesen unterirdischen Gängen, deren Gefahren Euch unbekannt waren, gesucht haben möchtet! Ich gestehe es Euch, edle Jungfrau, daß wir von der tödlichsten Besorgniß um Euer Schicksal ergriffen wurden. Erst als es ein wenig ruhiger geworden war in den Umgebungen des Berges, als der Tag anfing zu grauen, glückte es uns Leute zu finden, die mit den unzählichen Höhlenwindungen dieses unterirdischen Gebietes vertraut sind. Früher, als wir es hofften, hat uns ein günstiger Zufall in Euere Nähe geführt und es bleibt uns nur die Bitte übrig, daß Euch gefallen möge, Euch sogleich mit uns auf den Weg in Euere Heimath zu begeben. So ist es nicht allein mein Wunsch, so ist es der Wille Eueres Vaters, wie ihn diese Zeilen aussprechen.«
»O fort, fort!« rief Philippintje, die noch immer von Grauen erfüllt wurde, sobald sie in den dunkeln Hintergrund der Gänge blickte. »Fort aus der Hölle in’s Paradies, aus diesem öden Grabe zu den Fleischtöpfen des Heern van Vlieten! Laßt uns nicht zaudern, die Fackeln brennen herab und wenn noch einmal die entsetzliche Dunkelheit einbricht, so ist es um mein Leben geschehen!«
Cleliens Schwäche hatte unter der Rede des Studenten zugenommen. Sie vernahm seine Worte nur halb laut, sie begriff nur weniges von dem, was er sagte. Ein unerträglicher Druck lag ihr im Kopfe. Sie hielt den Zettel, den er ihr überreicht hatte, fast besinnungslos in der Rechten. Mit einer letzten, äußersten Anstrengung führte sie ihn vor die Augen. Sie erkannte die Hand ihres Vaters, sie verstand in einem flüchtigen Aufglimmen ihrer geistigen Kräfte seinen Inhalt, dann ließ sie ihn matt zur Erde fallen und sank selbst ohnmächtig zurück auf den Steinsitz.
Philippintje schrie laut auf, aber La Paix, der in der That bemerkt, daß das Niederbrennen der Fackeln jeden längeren Aufenthalt gefährlich machte, bemächtigte sich, ohne weiteres Besinnen, der schönen Ohnmächtigen und trug sie in seinen Armen nach der Richtung fort, die dem von Cornelius eingeschlagenen Wege entgegengesetzt war. Die Führer eilten mit flüchtigen Schritten voraus. Zum erstenmale dachte Philippintje jetzt an den Junker, der während ihres Schlafes abhanden gekommen war. Ihr Mitleid erwachte. Sollte er denn Hungers sterben in der grauenvollen Dunkelheit, während sie und Clelia gerettet der Heimath zueilten? Sie fing an laut zu jammern, sie rief seinen Namen; da aber gebot ihr Le Vaillant in einem so herrischen Tone zu schweigen, daß sie eingeschüchtert verstummte. Keuchend folgte sie den voraneilenden Männern. Bald war es still geworden an der Stelle, wo noch Cornelius Faden an dem Tropfsteingebild hing. Nur der fallende Tropfen wiederholte eintönig und abgemessen seinen tausendjährigen Klang.
7.
Herr Cornelius van Daalen war in heftiger Unruhe fortgeschritten, als er die Frauen verließ, um einen Ausgang oder Beistand zu suchen. Der Drang, recht bald wieder zu Clelien zurückzukehren, spornte ihn zur Eile. In dieser vergaß er oft der nöthigen Vorsicht, stieß an die Ecken der Wände, strauchelte über kleine Unebenheiten im Boden und war manchmal nahe daran, den wichtigen Faden seiner Hand entschlüpfen zu lassen. Noch nie hatte er eine so stürmische Bewegung seines Inneren empfunden, wie jetzt. Ein inneres Feuer drohete ihn zu verzehren. Seine Stirn war glühend, seine Zunge brannte am Gaumen. Oft kam es ihm vor, als blickten häßliche Larven mit teuflischem Grinsen aus der Finsterniß hervor, lächelten ihn höhnisch an und die tollen Bilder wurden sprechend und riefen ihm ihr entsetzliches Willkommen zu und sagten: fliehe nur immerhin, du entgehst uns doch nicht, du nicht und die schöne Clelia! Wir sind die Dämonen des Hungers und werden bald nagen an der Gestalt des lieblichen Mädchens und wie wir uns ihrer reizenden Glieder bemächtigen, so zerstören wir sie auch, denn in der Vernichtung besteht unser Daseyn. Und du hast sie uns zugeführt, du bist unser Genosse, aber wir zerstören auch dich, wir reißen auch dich in die martervolle Vernichtung, denn wir kennen keine Dankbarkeit. Wandere hin, wandere her! du bleibst uns verfallen. Unser Reich ist groß, aber es ist ein Kerker, aus dem kein Entrinnen!
Dennoch sah er ein, daß diese Gestalten, die er außen zu sehen und zu hören wähnte, nur in seinem Inneren lebten. Er preßte die Hand an die brennende Stirne:
»Mein Kopf, mein Kopf!« ächzte er. »O Himmel, erhalte mir noch meinen Verstand!«
Er ward über den Klang seiner eigenen Worte betroffen. Einige Augenblicke schwebte er in der Täuschung, ein anderer habe gesprochen. Er blieb stehen, hielt den Odem an und horchte, aber er vernahm nichts, als das Hammern der Pulse in seinem Haupte, als das Klopfen seines Herzens. Er stürmte weiter. Die teuflischen Larven erschienen wieder in den finsteren Räumen, manchmal schien es den gereizten Augen, als zeige sich dazwischen ein ferner Lichtschimmer, er sandte einen Freudeblick in die Seele des Jünglings, der aber gleich wieder durch die Erkenntniß der Täuschung in herben Schmerz überging. Die höhnenden Bilder waren es nicht allein, die aus dem Gewirre der rastlos arbeitenden, ungezügelten Phantasie aufstiegen. Es gab Augenblicke, in denen schöne Erinnerungen, in einem schneidenden Gegensatze zu der Wirklichkeit, hervorbrachen. Er stand wieder am Bord der Syrene und sah in den blauen, heiteren Himmel und in die grünlichen Wogen. Clelia befand sich an seiner Seite, sie hatte seine Hand ergriffen, sie sprach süße Worte von Vergebung und künftigem Glücke. Die Schebecke fuhr heran, der kühnste Gedanke, von Vaterlands- und Frauenliebe erzeugt, keimte in seiner Seele, er warf Feuer in das feindliche Schiff, dem Vaterlande zum Ruhme, der Geliebten zum Schutze. Tollheit, nutzlose Verwegenheit! höhneten dann die Teufelslarven, selbst Wahnbilder, diese Täuschung hinweg. Wir haben sie doch, sie und dich! Gegen uns hilft kein Muth, nicht Schwerdt, nicht Geschütz, uns unterliegt der Held, wie das schwache Weib. »Nein, nein!« schrie von entsetzlicher Qual ergriffen, Cornelius laut in die Nacht hinaus. »Sie ist nicht Euer. Ihr seyd die Geister der Lüge! Ihr habt keinen Theil an ihr!«
Seine Erschöpfung nöthigte ihn zu einer kurzen Rast. Er lehnte sich an die Wand des Gewölbes, er preßte den heißen Kopf an den kühlenden Stein. Er suchte sich zu sammeln. Er bemühete sich seine Gedanken zu ordnen und die Ueberzeugung recht stark in sich werden zu lassen, daß nur Ruhe und Besonnenheit helfen könne, wenn Hülfe möglich sey. Die körperliche Ruhe that ihm wohl. Indem er das erkannte, theilte sie sich unbemerkt, freilich nur in einem geringen Grade dem Gemüthe mit. Unwillkürlich richteten sich seine Gedanken nun ernster und milder auf den Gegenstand, der bisher seine Phantasie zu den peinigendsten Vorstellungen fortgerissen hatte: auf Clelien. Ihr blühendes, lebensfrisches Wesen, der Friede, der in diesem waltete, trat vor seine Seele. Welcher Liebe, welcher Verehrung war sie nicht würdig, würdig geworden im Laufe weniger erfahrungsreicher Tage? Sie steht unter einem höheren Schutze, als dem deinigen! sprach es überzeugungsvoll in seinem Inneren. Zur Rettung dieses Engels kannst du nur ein schwaches Werkzeug seyn, wenn du überhaupt dazu erkoren bist!
Er ging weiter, nicht mehr in jener wilden Hast, die bisher seine Schritte beflügelt hatte, rasch zwar, aber auch aufmerksam und besonnen. Er hemmte jetzt von Zeit zu Zeit seinen Schritt und lauschte, ob irgend ein ferner Ton, ein Hoffnung erregendes Geräusch sich vernehmen lasse, er achtete sehr auf den Faden, den seine Finger hielten, auf das einzige Mittel, das ihn zu Clelien zurückführen konnte. Aber wie sich das Schicksal oft darin zu gefallen scheint, aller Vorsicht der Sterblichen gerade dann zu trotzen, wenn diese sich am Sichersten mit ihr geschirmt zu haben glauben, so geschah es auch hier. Eben wollte Cornelius um eine Windung des Ganges biegen, als er plötzlich über einen am Boden liegenden Stein strauchelte und fiel. Der Faden entglitt seiner Hand, sie haschte ängstlich in das Leere, Entsetzen ergriff ihn und durchströmte in eisigen Schauern sein ganzes Wesen.
Er warf sich lang hin auf den Boden. Seine bebenden Finger gruben sich in den Sand, sie durchwühlten diesen, so weit er reichen konnte. Vergebens! Der Faden war nicht zu finden. Er kroch auf der Erde fort und suchte weiter. Angstschweiß bedeckte seine Stirn. Das entsetzliche Hammern im Kopfe, das beklemmende Pochen des Herzens begann auf’s Neue. Die teuflischen Larven grins’ten ihn wieder an, er hörte ihre höhnenden Stimmen, aber die Phantasie hatte ihre Gewalt vor der schrecklichern Wirklichkeit verloren. »Der Faden, der Faden!« Er dachte nichts anderes, über seine Lippen bebte unaufhörlich dieses Wort. Die Unbesonnenheit, den Leichtsinn, der ihn zu Cleliens Entführer gemacht, büßte er im Uebermaße. Er fühlte, daß nicht viel fehle, ihn zum Wahnsinne zu bringen. Schon wurde seine Besinnung schwächer, er wühlte lange an einer und derselben Stelle nur mechanisch im Staube, immer ferner und unklarer wurde ihm der Gegenstand, nach dem er suchte. Stundenlang kroch er im Kreise umher und tastete und forschte und fand nichts. Die Qualen, die er empfand, vermag keine Feder zu schildern. Bitter, aber dennoch beruhigend drang sich ihm endlich die Ueberzeugung auf, daß jede fernere Bemühung eitel sey.
In dieser Wahrnehmung nöthigte ihn ein seltsames Gefühl, laut auf zu lachen. Die weiten Gänge nahmen den wunderlichen Schall vervielfältigend auf und gaben ihn so zurück. Er erbebte. Was er gethan hatte, kam ihm wie ein Frevel vor. Er lag jetzt unbeweglich an der Erde, den Kopf in die Hand gestützt. Seine Stimmung war weich geworden.
»Wir wären zusammen gestorben, wenn ich bei ihr geblieben wäre!« sagte er zu sich selbst. »Jetzt ist es anders. Ich werde nicht den Schmerz haben, ihren letzten Odemzug zu hören oder ihr ist es erspart, neben meiner Leiche zu sterben.«
In den entsetzlichsten Lagen, die das Geschick dem Menschen bereiten kann, führt der Gedanke an den Tod immer etwas Beruhigendes und Tröstliches mit sich. Er ist der letzte Freund, nach dem wir reichen, aber auch der sicherste, der die gewünschte Erlösung bringt. Cornelius erfuhr das in diesen Stunden. Er fand eine solche Wonne in der Hoffnung auf den Tod, daß er bald ganz sich der schönen Aussicht auf die Wiedervereinigung mit Clelien, wenn sie gestorben seyn würden, hingab. Er dachte nicht an Krankheit, Schmerz und Qualen, die dazwischen lagen. Ein himmlischer Glanz umgab ihn und in dem Himmelsglanze standen er und Clelia und waren nun verbunden, schöner und besser, als sie es je auf Erden werden konnten. Aber seltsam war es dennoch, daß in diesen herrlichen Traum sich immer eine bittere Empfindung drängte, weil er sie nun nicht mehr auf Erden sehen, nie mehr einen Laut von ihren Lippen vernehmen werde. Auch diese Empfindung verstummte, als nun ein Zustand geistiger und körperlicher Abspannung eintrat, als Alles vor seinen Augen in ein Lichtmeer verschwamm und er halb wachend, halb schlafend, nur Seligkeit und Himmelswonne dachte. So hätte er hinüberschlummern mögen in das Jenseits, das schon seine Pforten ihm aufgethan hatte.
Welche wunderbare Töne rauschten da mit einemmale zu ihm her aus nicht großer Entfernung, durch die weiten Hallen, mächtig, feierlich, wie Kirchengesang? Waren es die Stimmen der Engel, die ihn und Clelien im Voraus willkommen heißen wollten? Er erhob sich, er lauschte. Das reizende Traumbild verschwand in die öde Finsterniß, aber die Töne blieben, sie rauschten gewaltiger; die Mauerwand, an der er sich hielt, schien von ihnen zu erbeben. Er verließ seine Stelle, langsam, horchend ging er dem Gesange nach. Er tönte oft näher, oft ferner. Selbst von ihm geleitet, konnte Cornelius nicht vermeiden, manchmal vom Wege abzuirren. Endlich war er so nahe, daß er einzelne Worte des Gesanges unterscheiden konnte.
Es waren Stellen aus einem geistlichen Liede zum Lobe und Preise Gottes, das erquickenden Balsam in seine Brust goß. Er blieb stehen und schöpfte tiefer Odem. »Menschen, Menschen!« jubelte es in seiner Seele. Er hätte aber noch nicht sprechen können, wenn er jetzt schon unter ihnen gestanden hätte. Die Freude wirkte erlahmender auf ihn, wie das Entsetzen. Er vermochte nur mit Mühe sich fortzubewegen. Er schwankte, wie ein Kind bei den ersten Versuchen zu gehen.
Da stand er plötzlich am Eingange eines hohen Domes. Zahllose Lichter flammten vor ihm auf, viele Menschen zeigten sich seinem Blicke, zu Andacht, zur Ehre des Allmächtigen vereinigt. Er mußte die geblendeten Augen wieder schließen. Aber entzückend ergriff der Gedanke, daß nun Clelia gerettet, daß der Ort, wo er sie verlassen, leicht zu bezeichnen und von kundigen Führern zu finden sey, sein ganzes Wesen. Von einem seit lange nicht empfundenen Gefühle bewältigt, stimmte er leise, ohne das Dunkel, das ihn noch verbarg, zu verlassen, in die letzten Worte des Liedes, das eben zu Ende ging, ein. Indem er auf diese Weise Theil an der andächtigen Handlung nahm, fühlte er sich wunderbar gestärkt.
Er trat vor. Einige Frauen flohen bei seinem Anblicke laut schreiend und zitternd hinter die Männer zurück. Er sah Degen gezückt, Musketen gehoben. Als man aber nur den einzigen Fremdling gewahrte, dessen Antlitz Leichenblässe bedeckte, als man beim Lichte der näher herbeigebrachten Fackeln unter dem zerrissenen Kittel die Farbe Oraniens erkannte, da kamen viele der Versammelten theilnehmend und neugierig näher. Bald sah er sich als den Mittelpunkt einer Menschenmenge, die mit Fragen auf ihn einstürmte. Er mußte schweigen, er mußte sich erst noch sammeln, um zusammenhängend zu antworten. Aus den Reden der Leute um ihn, erfuhr er, daß sie Einwohner von Mastricht seyen, die aus Furcht vor dem erwarteten Angriffe mit den Ihrigen und ihrer besten Habe in den Petersberg geflüchtet waren, wie das in kriegerischen Zeiten oft geschah. Vertrauete Männer hatten ihnen jetzt von Außen die Nachricht gebracht, daß das Unternehmen der Feinde vereitelt worden, und sie wollten eben, nachdem sie dem Höchsten ihren Dank dargebracht, ihren Zufluchtsort verlassen, um zu dem verwais’ten Heerdte zurückzukehren, als Cornelius unter ihnen erschien.
Endlich vermochte er zu reden. Seine Stimme war schwach, heiser und erschöpft. Die mitleidigen Menschen, die seinen Zustand erkannten, reichten ihm eine Erquickung. Er genoß sie, ohne zu wissen, was er that. Aber er konnte doch nun verständlicher sprechen, er konnte erzählen, wie er durch die verfolgenden Feinde mit seinen Begleiterinnen in den Berg gedrängt worden sey, er konnte den Ort beschreiben, wo er diese verlassen hatte.
»Das ist bei dem versteinerten Baume!« riefen sogleich mehrere Stimmen. Einige Männer traten vor und erboten sich, ihn dahin zu begleiten. Sie schienen ihm Boten des Himmels. Die anwesenden Frauen beklagten laut das arme Mädchen, das sie nicht kannten und das, den schrecklichsten Zweifeln überlassen, zurückgeblieben war. Sie gaben den Männern Lebensmittel und Arzneien mit auf den Weg; sie empfahlen ihnen Eile, aber bei dieser auch Vorsicht, damit sie den nächsten Weg nicht verfehlen möchten.
Von Hoffnung belebt, vermochte Cornelius mit den Führern gleichen Schritt zu halten. Alles was er ertragen hatte, war vergessen. Nur der Gedanke, Clelien in kurzer Zeit wiederzusehen, sie dem Leben zurückzugeben, erfüllte seine ganze Seele. Die mächtigen Gewölbe, die ihm wie eine ungeheuere Todtengruft vorgekommen waren, dünkten ihm jetzt ein Tempel des allgegenwärtigen Wesens, das sich da am Mächtigsten zeigt, wo die Noth am Größten ist. Wenn er seitwärts in die weiteinlaufenden, sich nach allen Richtungen durchschneidenden Gänge blickte, dann konnte er kaum begreifen, daß gerade er glücklich genug seyn mußte, nicht abzuirren in entlegenere Schluchten, wo ein gewisser Tod sein Loos gewesen wäre. Die Männer, die ihn begleiteten, deuteten auf einzelne schwarze Kreuze, welche die glatte, weiße Oberfläche der Steinwand zeigte. Es waren Denkmale von Todten, die hier, jedes Trostes und Beistandes von Ihresgleichen entbehrend, das Loos der Sterblichen ereilt hatte. Sie gingen nachdenklich daran vorüber. Cornelius verbannte die trübe Erinnerung aus seiner Seele. Er sah nur Leben und Freude vor sich, warum sollte er sich die reizende Aussicht verderben lassen? Er hatte nun auch Sinn und Gefühl für das collossale Wunderwerk, das seit einem Jahrtausende vielleicht der Ameisenfleiß des Menschen in den Berg hineingebaut. Welche mächtige Bogen, deren Decke der Glanz der Fackeln nicht erreichte, welche unzähliche Menge von Gängen deren einer, nach Versicherung der Führer, mehrere Stunden weit in gerader Richtung unter der Erde fortlief! Was war aus den Menschen geworden, die hier, dem Bedürfniß anderer fröhnend, der Natur den Reichthum abgerungen, den sie ewig wiedergebährt? Wer wußte noch ihre Namen, während ihr Werk ihr einstiges Daseyn verkündigte? Was galten die Namen anderer, die Neugierde und nicht Thatkraft hergetrieben, die zur lächerlichen Verewigung ihrer flüchtigen Anwesenheit sich, die Stunde und den Tag, wo sie, von erfahrenen Führern begleitet, den Besuch des Petersberges gewagt, an die Wände der riesigen Bergsäulen geschrieben hatten? Der Odem der Zeit verweht sie und den Laut, mit dem man sie nannte. Die Natur steht, wie eine immer lächelnde Riesin, über dem Grabe alles dessen, was einst lebte! —
»Hört Ihr den fallenden Tropfen?« unterbrach einer der Männer das herrschende Schweigen, indem alle einige Augenblicke stehen blieben und lauschten. »Gleich sind wir da. Es ist eine wunderliche Sache um diesen einzigen Ton in den sonst stillen und todten Gewölben. Ich habe oft lange, wenn ich von der schweren Steinhauerarbeit ausruhte, an dieser Stelle gesessen und konnte nicht müde werden, dem lieblichen Klange zuzuhören.«
Cornelius beschleunigte seine Schritte. Auch jetzt klopfte sein Herz, aber vor freudiger Hoffnung.
»Clelia!« rief er laut, ehe sie noch um den Pfeiler getreten waren, der die Stelle verbarg. Sein Ruf verhallte in dem Gewölbe, es kam keine Antwort. Beunruhigt schritt er vor. Da standen sie an dem Orte, den er suchte, er sah das Tropfsteingebild, von dem noch sein Faden herabhing, er erkannte die Sitze in der Wand, aber Clelia und ihre Gefährtin waren verschwunden.
»Clelia, Clelia!« wiederholte er schreiend. Alles blieb stumm. Mit tödtlichem Schreck ergriff ihn der Gedanke, sie habe in der Besorgniß um ihn, in der Ungeduld des Erwartens sich entfernt, um ihn aufzusuchen, und irre jetzt umher, wie er früher gethan. Die Männer sahen sich bedenklich an. Da bemerkte einer von Ihnen den Zettel, den La Paix dem Mädchen übergeben und den sie, ihrer Schwäche erliegend, zur Erde hatte fallen lassen. Er hob ihn auf und reichte ihn dem Junker.
Cornelius kannte die Hand. Sein Inhalt, der Name Hazenbrook machte ihm Alles klar. Seine entsetzliche Furcht war gewichen, aber das bittere Gefühl, überlistet und der Geliebten beraubt worden zu seyn, nahm ihre Stelle ein.
»Sie ist gerettet!« sagte er mit zusammengekniffenen Lippen zu seinen Begleitern. »Andere haben sie befreit und ins Leben zurückgeführt. Es ist nun gut so. Ich habe nur noch eine Bitte an Euch. Führt mich so schnell aus dem Berge, wie möglich, daß ich ihnen folge und sie auch von der Furcht um meinetwillen befreie.«
Er knitterte das Papier zusammen und steckte es zu sich. Es war ihm klar, daß Clelia mit Gewalt müsse fortgebracht worden seyn, denn, wenn sie auch als ein folgsames Kind sich dem Willen ihres Vaters unterworfen hätte, so würde sie sicher darauf gedrungen haben, seine Rückkehr zu erwarten, damit auch er an der Rettung Theil nähme. Schweigend ging er mit den Männern. Diese Wendung seines abentheuerlichen Unternehmens brachte ihn in seine gewöhnliche Gemüthsstimmung zurück. Es galt nun neues Handeln, neues Ringen nach dem Besitz der Geliebten. Der unbekannte Hazenbrook, dem Herr van Vlieten seine väterliche Gewalt über Clelien übertragen und der diese wieder durch andere üben lassen, konnte, wie er glaubte, nur ein vom Vater begünstigter Nebenbuhler seyn. Es schien ihm einleuchtend, daß der Knoten, zu dem sich sein Schicksal verschlungen hatte, jetzt nur in Rotterdam gelös’t werden könne. An Cleliens Treue zweifelte er keinen Augenblick. In dem Vertrauen auf diese sah er immer noch, wenn auch wie durch Nebel, einer glücklichen Zukunft, seiner Vereinigung mit dem theueren Mädchen entgegen.
Sie hatten den Ausgang erreicht: nicht jene enge Höhlenöffnung, durch welche Cornelius am Abende zuvor mit seinen Reisegefährtinnen das Labyrinth des Petersberges zum erstenmale betreten, nein! sie standen unter einem hohen, weiten Schwibbogen, unter einem mächtigen Portal, dessen Seitenwände entfernt genug von einander waren, um einem bespannten Wagen Einlaß zu gestatten. So sehr auch Cornelius sich zur Eile bewogen fühlte, so mußte er doch einige Augenblicke verweilen und der Scene, die sich vor ihm eröffnete, seine Aufmerksamkeit schenken. Da lag Mastricht mit seinen weißen Häusern und glänzenden Thürmen. Glocken und Glockenspiele ließen sich von diesen vernehmen, das Te Deum rauschte im heiligen Gesange aus den Kirchen zum Himmel auf, und die Sonne lächelte so mild vom sanft blauen Gewölke hernieder, daß es ihm war, als müsse sie selbst ihre Freude an der Dankbarkeit der Sterblichen haben, die diese im frommen Gesange zum Himmel trugen. Eine laue Luft wehete, wie Frühlingsodem. Die weiße Hülle, die noch gestern die Erde bedeckte, war verschwunden und von den Hügeln jenseits der Maas grüßte ein verspätetes Grün, wie ein verhallender, letzter Abschiedsruf des schon geschiedenen Sommers. Drüben am anderen Ufer des Flußes sah man umgestürzte Kanonen, zerbrochene Pulverkarren und ähnliche Werkzeuge, welche die Wahlstatt eines Gefechtes, nach seinem Ausgange, bezeichnen. Viele Leute waren um diese Gegenstände versammelt. Ganz und gar aber hatte sich das Land zwischen der Stadt und dem Petersberge in seiner äußeren Gestalt verändert. Hier stand Alles unter Wasser. Jener Hohlweg, in welchem unter dem Schutze der Dunkelheit, die Feinde gegen die Petersschanze gezogen waren, der niedere Grund, durch den Cornelius und die Frauen ihre Flucht nach der aufsteigenden Anhöhe und der düsteren Vertiefung gerichtet hatten, sie lagen unter einem Wasserspiegel, der noch immer zu steigen schien und dessen Wellchen nicht weit von Cornelius Füßen den Berg bespülten. Viele Boote und Kähne, alle mit den Orangewimpeln lustig prangend, fuhren hin und her. Man vernahm den munteren Zuruf der Schiffenden, wo vor einigen Stunden der Donner des Geschützes, das Getöse der Kämpfenden, das Wimmern der Verwundeten und Sterbenden in wilder Verwirrung die Lüfte durchdrungen hatte. Einzelne Kähne hielten an verschiedenen Stellen und die darin Befindlichen hatten große Netze und Haken ausgeworfen, um nach verlorenen Waffen und anderen Beutestücken zu suchen.
Die Männer, welche den Junker van Daalen begleiteten, ließen ihre Freude über diesen Anblick laut werden. Einer von ihnen sagte lachend:
»Das wird ihnen eine gute Lehre seyn und sie werden so bald nicht wieder versuchen, die feste Stadt Mastricht zu nehmen, wie ein offenes Dorf, das weder Wälle noch Kanonen hat. Aber der Jeker hat doch auch diesesmal das Beste gethan! Das Wasser hat dem Feuer geholfen und als die in der Stadt die Schleußen geöffnet, ist der Jeker über die Feinde gekommen, wie die Sündfluth über die bösen Menschen, die von der Erde vertilgt werden sollten.«
Auf sein näheres Befragen erfuhr Cornelius, daß der Jeker ein nicht unbedeutender Fluß sey, der sich innerhalb der Stadt in die größere Maas ergieße und durch Schleußen auf das flache Land nächst dem Petersberge geleitet werden könne, was bei früheren Belagerungen der Stadt schon zum größten Vortheile gereicht sey. Jetzt erkannte er deutlich in der nothgedrungenen Flucht in die Irrgänge des Berges die Leitung einer höheren Macht, die ihm und Clelien wohlwollte. Wäre es ihnen auch geglückt, einen Versteck in den Niederungen am Fuße des Berges zu finden: jetzt würden sie wahrscheinlich, mit so vielen anderen Verunglückten, ein Grab unter den immer höher andrängenden Wogen gefunden haben!
Die Männer verließen ihn, um sich zu den zurückgebliebenen Ihrigen in den Berg zurückzubegeben. Er belohnte sie reichlich. Dann ging er am Rande des Wassers hin, um einen Nachen aufzusuchen, der ihn zur Stadt brächte. In einem anliegenden Boote sah er einen Mann stehen, der ihm den Rücken zukehrte. Auf seinen Ruf wandte sich dieser um. Eine Wolke von Rauch, die aus seinem Munde strömte, zertheilte sich und ein bekanntes Gesicht, von einem Ende bis zum anderen von einer mächtigen Schmarre durchzogen, grinsete ihn an.
»Herrmanneke, du?« rief Cornelius im lebhaften Erstaunen. »Nassau und Oranien! Wie kommst du hierher? Wo ist dein Herr, wo die Syrene?«
Der Bootsmann lachte dumpf aus dem dichten Rauch, der aufs Neue sein Antlitz verbarg, bot seinem alten Gefährten bei dem Angriffe auf die Schebecke, treuherzig die Hand und erwiederte:
»In Antwerpen war unseres Bleibens nicht lange. Wir bekamen schon am ersten Tage Fracht nach Mastricht, lichteten und hatten kaum den Anker geworfen und ausgeladen, als der Spaß mit den Franzmännern losging. Die Syrene liegt unten, mitten im Fluße, und hat die Nachtgäste nach beiden Seiten hin gut bedient mit eisernen Pillen, die manchem von ihnen Kopfweh gemacht haben mögen. Was den Capitän angeht, so hat der seine Fahrt auf die Schanze dort oben gerichtet und bringt Munition ein. Harrt nur einen Augenblick, Junker Cornelius! Er muß gleich zurückkommen. Dann geht’s auf die Barke und bei dem guten Winde werden noch in dieser Stunde die Anker gehoben zur lustigen Fahrt nach Rotterdam.«
»Nach Rotterdam?« rief Cornelius froh überrascht. »Beim Waffenruhme Marlborough’s! das heißt Glück im Unglück. Ich fahre mit Euch. Wir wollen es noch einmal zu Wasser mit einander versuchen, alter Camerad!«
Herrmanneke ließ die Hand mit der Pfeife aus dem Munde sinken. Er blickte schüchtern umher, dann sah er bedenklich den Junker an.
»Wo ist denn Euer Frauenvolk?« sagte er mit einem Ausdrucke von Unruhe und Besorgniß in seinen Zügen, der diesen bisher fremd gewesen war. »Die Junge meine ich nicht, sondern die Alte, mit der ich nicht gern wieder auf einem Ankerplatze zusammenkommen möchte, da sie den Tabak doch nimmermehr vertragen lernt.«
Cornelius konnte sich eines Lächelns über die Furcht, welche der Bootsmann vor dem allzugroßen Eindrucke von Philippintje’s Reizen auf sein empfängliches Herz zu hegen schien, nicht erwehren.
»Sey unbesorgt, Herrmanneke!« antwortete er in launigem Tone. »Ich bin ganz allein und diejenige, deren Anblick dein Liebesfeuer wieder anzuschüren vermöchte, wandelt jetzt auf Pfaden, wo wir ihr schwerlich begegnen. Ueberdem hat sie dir auch das Goldstück zurückgeschickt, das du ihr auf die Treue gegeben, und das ist der deutlichste Beweis, daß sie ihr Herz ganz und gar von dir abgewendet hat und als Jungfrau leben und sterben will.«
Der Bootsmann erwiederte nichts, aber indem er die süßen Erinnerungen an Philippintje zu bekämpfen suchte, dampfte er stärker, als bisher. Jansen kam jetzt den Berg herab und rief schon aus der Ferne dem Freunde ein herzliches Willkommen zu. Er war nicht sehr erstaunt, ihn hier zu finden, da er ja aus seinem Munde wußte, daß Mastricht das Ziel seiner Reise sey. Während Herrmanneke die beiden Freunde nach der Stelle hinruderte, wo die Syrene vor Anker lag, erfuhr Jansen von Cornelius Alles, was diesem seit ihrer Trennung begegnet war. Er sah seine Vermuthung über die nur vorgebliche Verwandtschaft Cleliens mit dem Junker bestätigt. Als dieser von den beiden Studenten sprach und ihre Personen beschrieb, rief Jansen wild aus:
»Bramsegel und Backbord! Die beiden Schelme habe ich auf der Syrene gehabt und dir selbst sie nachgeführt bis Antwerpen. Hätte ich damals gewußt, was ich jetzt weiß, wie hätte ich sie anführen und abführen wollen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Laß uns nur erst wieder in Rotterdam seyn! Da stehe ich dir bei als ein dankbarer Freund, und die Jungfrau Clelia muß dafür Frau van Daalen werden, daß du den Spagnol, wie einen feuerigen Drachen, zum Himmel fahren machtest. Ein Dienst ist des andern werth. Eine Frau für einen Drachen — umgekehrt findet sich das oft in der Welt!«
Sie langten bei der Barke an. Frau Beckje empfing den Freund ihres Mannes mit ihren gewöhnlichen Neckereien. In der nächsten Viertelstunde schon wurden die Anker aufgewunden und, von günstigen Winden fortbewegt, schwebte die Syrene, zwischen den Häuserreihen der Stadt Mastricht und der Vorstadt Wyk, die Maas hinab ihrer Heimath zu.
8.
Niemand verlebte indessen eine trostlosere Zeit, als der Professor Eobanus Hazenbrook. Täglich mußte er aus dem Fenster der unbequemen Wohnung, in die er sich der Wissenschaft zu Liebe einquartirt hatte, die köstlichen Gerichte vorübertragen sehen, welche der Doctor Mauritius seinem Patienten schickte. Dieser aber selbst blieb ihm unsichtbar und schien für ihn ein Gegenstand unerreichbarer Wünsche geworden zu seyn. Hoffen und Harren macht Manchen zum Narren! Dieser Spruch lag ihm immer im Kopfe und ob es ihm auch dünkte, daß er nahe daran sey, den Verstand zu verlieren, so konnte er doch nicht ablassen, nach dem verhängten Fenster sehnsüchtig hinaufzuäugeln und eine Zukunft zu ahnen, die ihm alle Entbehrungen, alle Leiden des Körpers und des Geistes reichlich vergelten würde.
Eobanus hatte das Bedürfniß oft in Gesellschaft zu seyn. Vor der Mumienangelegenheit aber mußte alles Andere zurückstehen. Er beschloß, sich in die Umstände zu schicken und nur eine Morgenstunde unter den Leuten, die sich in der Schenkstube des Hauses um diese Zeit versammelten, hinzubringen. Freilich fand er Anfangs die Unterhaltung der Matrosen und Lastträger nicht ganz nach seinem Geschmacke, als er aber erfuhr, daß Peter Trip, dessen sich der gütige Leser wohl noch als eines immerdurstigen Untergebenen des Capitän Jansen erinnert, in früheren Jahren in Alexandrien gewesen sey und von da mit einem gelehrten Reisenden eine Wanderung in das Innere Egyptens unternommen habe, rechnete er diese Stunden zu den köstlichsten seines Lebens. Er nahm nun seinen Platz immer neben Peter ein, der sehr in seiner Achtung gestiegen war, bewirthete ihn täglich und notirte, was dieser zum schuldigen Danke über die Pyramiden und ihre Katakomben berichtete, sorgfältig in sein Gedächtnißbuch. So geschah es, daß beide herzinnige Freunde wurden: der Professor aus Begeisterung für das Land, das der Nil bewässert, Peter Trip aus reiner Liebe zum Wachholder.
Am Meisten kränkte es den Professor, seinen wohlbeleibten Gegner, den Doctor Mauritius, immer mit einer Miene aus dem Hause des Herrn Tobias zurückkehren zu sehen, in der sich Vergnügen und Selbstzufriedenheit malten. Was konnte diese anders erzeugen, als das Gelingen, der glückliche Fortgang seiner entsetzlichen Cur? In den triumphirenden Blicken, in dem breiten Lächeln, das auf den vollen Wangen des Leichendoctors lag, glaubte Eobanus das Vernichtungsurtheil seiner letzten, ohnehin nur schwachen Hoffnung zu lesen. Gewiß war Herr van Vlieten schon auf dem besten Wege, ebenso corpulent, ebenso fett und nutzlos für die Kunst der leiblichen Verewigung zu werden, wie Mauritius selbst. Des Professors Phantasie, die sich freilich nur für einen Gegenstand, aber für diesen grenzenlos entflammte, malte dann in’s Große. Tobias trat auf ihn zu in dem allbekannten zimmetfarbenen Ueberrocke, aber er war ihm an allen Ecken und Enden zu eng geworden. Mit großer Mühe schien der Rock über dem gerundeten Bauch zusammengeknöpft und mit einemmale sprangen mit lautem Geräusche die Knöpfe und der Rundbauch in der schwarzen Sammetweste trat weit über die zurückfahrenden Schöße des kaneelfarbigen Kleides hervor. Ansehnliche Waden strotzten unter dem Kniebande gleichsam höhnisch nach Hazenbrook hin, die Farbe der Wangen war weiß und glänzend geworden, die sonst nadelfeine Spitznase hatte sich zwischen den herausquellenden Pausbacken in ein angenehmes Stumpfnäschen verwandelt und das Stumpfnäschen rümpfte sich, als das abscheuliche Bild lebenslustige Blicke auf Eobanus warf, als der schwellende Mund sich zu einem malitiösen Lächeln verzog, und die Mißgeburt seiner Phantasie nun in jenem dicken, gedämpften Tone, der auch den Fettansatz in Brust und Hals verrieth, zu sprechen begann: »So du lange lebest auf Erden, so du vergnügt bist! Der Heer Eobanus Hazenbrook, Professor vielberühmter Lugduner Academie, wie auch Custos theatri anatomici, ist in einen tiefen Irrthum versunken, wenn er sich schmeichelt, mich einzuschlachten für seine egyptische Vorzeit. Jetzt erst fängt mir’s an, recht wohl zu werden auf der lieben Welt, ich will mir Gutes thun und gedeihen, und ich hoffe unter dem Beistande des würdigen Doctor Mauritius, der die rechte Behandlungsart getroffen, meine hundert Jährchen herauszubringen. Ja, Myn Heer Professor, es ist mir selbst gar nicht bange dafür, die Nachricht von Euerem zeitlichen Hintritt noch lange vor dem meinigen zu vernehmen und zum Danke für Euere guten Absichten mit mir sinne ich schon darauf, einen Bleikeller, gleich dem in der guten Stadt Bremen erbauen zu lassen, in welchem dann Euer Balg verwahrt werden soll, bis zum Stündlein des jüngsten Gerichtes!« — So ungefähr redete Hazenbrook sich selbst im Namen des Herrn van Vlieten an. Nichts aber war dem Professor verhaßter, als jene Bleimumien, die sich in dem gedachten Keller und in einigen Kirchengewölben finden. Sie existirten weder für, noch durch die Wissenschaft. Sie äfften das Leben nach, aber nur das gegenwärtige bedeutungslose, nicht ein altvergangenes, klassisches, das geheimnißvoll durch Jahrtausende gehegt worden war und, wenn man ihm nachspürte, schon in seinen Nebendingen eine Quelle von Bereicherungen für die Wissenschaft ward. Er rief Trip, den er über die Straße gehen sah, herauf, um sich von ihm die häßlichen Bilder ausreden zu lassen. Trip kam gern und bald befand sich Hazenbrook durch seine Erzählungen wieder seelenfroh an die Ufer des Nils versetzt. Er lauschte und lächelte. Er war ganz Ohr: warum besaß er nicht das Wünschhütlein des Fortunatus, um im nächsten Augenblicke im Innern einer der wunderbaren Pyramiden von Sakhara oder Ghizeh zu sitzen und in den Grabmälern längst entschlafener Könige, als ein wissenschaftlicher Leichenwurm, herumzustöbern? —
Uebrigens befand sich Herr van Vlieten keinesweges in einem so behaglichen und gedeihlichen Zustande, wie Eobanus fürchtete. Die veränderte Lebensweise wirkte nachtheilig, statt günstig auf ihn. Die reichlichen, nahrhaften Mahlzeiten erschöpften seine Kräfte, indem sie diese für Augenblicke erhoben, denen dann wieder Stunden der tiefsten Abspannung folgten. Mauritius versicherte zwar täglich, es gehe besser, der Puls sey lebenskräftiger und frischer geworden und es unterliege keinem Zweifel, daß, wenn Herr Tobias fortfahre, Rindfleisch und Kartoffeln zu speisen, die vollständige Genesung bald erfolgen werde; allein der Patient selbst empfand eine fortschreitende Abnahme der Kräfte, Kopfschmerz und Fieber plagten ihn unaufhörlich, keine Nacht wollte ihm den ersehnten Schlaf bringen. Wenn er das dem Doctor klagte, so lachte dieser und sprach: »Habt auch Ihr den thörigten Glauben, daß der Schlaf das Zeichen einer gesunden Natur sey? Thorheit! Unsinn! der kraftlose, erschlaffte Körper unterwirft sich diesem sklavischen Zwange; der starke, genesende weiset ihn zurück. Es ist lächerlich, wenn man von einem alten Menschen behauptet, er habe siebenzig oder achtzig Jahre gelebt, da er, wenn er sich dem gewöhnlichen Mißbrauche des Schlafes hingegeben, doch nur fünfunddreißig oder vierzig Jahre gelebt, indem er die übrige Zeit verträumt und verschlafen hat. Schlaft nicht und seyd gesund, das ist besser, als wenn Ihr, wie ein Murmelthier in seine Höhle, Euch in das Federbett verkriecht, um jedesmal, wann es Nacht wird, bis zum andern Morgen einen todten Menschen vorzustellen.«
So wußte der Doctor Mauritius Alles zum Besten zu erklären und Tobias glaubte ihm gern, wenn er’s auch anders fühlte. Der Doctor mußte es ja besser verstehen, als er, dafür hatte er studirt, strich zu Neujahr sein gutes Honorar ein und der Kranke dachte schon mit Grauen an die ungeheuere Rechnung, die jener für gelieferte Rindsbraten, Kapaunen, Welsche und Rheinweine aufstellen würde! Er war sehr vergnügt über die Besserung, die, nach Mauritius Aussage, von Stunde zu Stunde selbstständiger und offenkundiger wurde. Der Druck im Kopfe schmerzte ihn sehr, Hitze wechselte mit Frost, aber er lachte unter Zähneklappern und sagte seinem alten Geschäftsführer, der ihn täglich zu Abend besuchte, die Mittel des Doctors schlügen trefflich an, er fühle schon, daß er bald anfangen werde, sich wie ein Fisch im Wasser zu befinden und der Frost, der sich von Zeit zu Zeit melde, sey ein erfreuliches Vorzeichen dazu. Der alte treue Diener des Hauses sah ihn bedenklich an. Es wollte ihm vorkommen, als belebe eine ungewöhnliche Aufregung seinen wohlmögenden Patron, der nicht aufhören konnte, von den angenehmen Gefühlen des Frostes und der Hitze, von dem Nutzen der Schlaflosigkeit, von den vortrefflichen Heilkräften im Rindsbraten und in den Kartoffeln zu sprechen.
»Er liegt im Fieber, er phantasirt!« war das Resultat der Betrachtungen, die der Geschäftsführer über Herrn Tobias anstellte. »Sein Stündlein kann kommen, ehe er es selbst erwartet, und ich als ein christlicher Handlungsdiener muß dafür sorgen, daß er nicht hinfährt in seinen Sünden an den Ort der ewigen Fieberschauer, des Heulens und des Zähneklapperns. Ich will den Domine rufen. Er muß ihn vorbereiten, er muß die Seele reinigen vom sündigen Profit, den er an Caffee und Zucker, an Tabak und Indigo genommen.«
Der alte Mann schlich, während Herr van Vlieten noch im besten Zuge war, die Curmethode des Doctors Mauritius zu preisen, unbemerkt und leise zur Thüre hinaus. Der Patient bemerkte seine Abwesenheit nicht. Er sah den Schlafrock, der über einer Stuhllehne hing, für den Geschäftsführer an. Bei dem düsteren Lichte, das die sehr verdeckte Lampe verbreitete, konnte dieses um so leichter geschehen, da es in der Weise des Dieners lag, bei solchen Reden des wohlmögenden Patrons, die nicht bestimmte Fragen über Handlungsgegenstände enthielten, in ehrerbietiger Stille zu verharren. Nach einiger Zeit aber mußte Tobias verstummen. Der Reiz des Fiebers begann nachzulassen, er fühlte sich schwach, er griff nach der Weinflasche, die ihm, als ein vorzügliches Mittel die Kräfte wiederzubeleben, der Doctor vor das Bett gestellt hatte. Eben war er im Begriff, einen tüchtigen Schluck den übrigen, die diesem schon vorangegangen waren, folgen zu lassen, als die Thüre sich langsam öffnete und mit feierlichen Schritten der Domine hereintrat.
Ohne ein Wort zu sprechen, schritt er auf das Lager des Kranken los und nahm den Sessel ein, der zu dessen Füßen stand. Jetzt erst erblickte Herr Tobias die ganz schwarz gekleidete Gestalt. Er erkannte den Domine und verbarg die halb geleerte Flasche schnell unter sein Kopfkissen.
Die Nachrichten und Familienurkunden, welche uns zur Quelle unserer, will’s Gott! dem Leser wohlgefälligen Erzählung dienen, enthalten keine nähere Mittheilung über die Unterredung des Domine mit Herrn van Vlieten. So viel aber ist gewiß, daß der Geistliche weit vergnügter fortging, als er gekommen war, daß er dem Geschäftsführer, der ihn draußen erwartete, die Versicherung gab, er habe den Leidenden in der allerchristlichsten Gemüthsstimmung verlassen und, daß gleich darauf die Schelle im Krankenzimmer den Hausknecht beschied, welchem Herr van Vlieten mit schwacher, aber ruhiger Stimme anempfahl, dem Doctor Mauritius fernerhin unter keinerlei Vorwand den Eintritt zu gestatten und noch in dieser Stunde das gotteslästerliche Bild des Schiwa den Flammen zu übergeben. Dann ließ er den alten Diener wieder eintreten. Er redete ihn sehr sanft, fast wehmüthig an. Er bat den hoch Erstaunten, ihm einige Capitel aus einem Erbauungsbuche vorzulesen. Nachdem dieses geschehen war, beurlaubte er ihn und fiel zum erstenmale, seit langer Zeit, in einen ruhigen, fieberlosen Schlummer.
Hazenbrook hatte das Kommen und Gehen des Domine wohl erlauert. Er ahnete die Wahrheit, es schien ihm auch ganz natürlich, daß Herr Tobias durch die unsinnige Cur des Doctor Mauritius hingeopfert werde vor der Zeit, wenn nicht etwa schlummernde Kräfte in seinem Körper zum siegreichen Widerstande erwachten, alle Angriffe der nahrhaften Speisen und geistigen Getränke zurück und in ihre entfernteste Zufluchtsstätte, in das Zellgewebe, verwiesen, damit sie dort unseliges, verabscheuungswürdiges Fett ansetzten. Das Letztere sollte nun freilich nicht erfolgen. Aber war Eobanus deshalb besser daran? Fett oder todt vor dem ausgesetzten Selbstlegate, das war für ihn die nämliche Sache: das eine wie das andere raubte ihm die hoffnungsvolle Aussicht, seinem Schooß- und Herzenskinde, dem Leydenschen Naturalienkabinet, mit einem jungen Egyptier, dem seine zwei, bis dreitausend Jährchen recht wohl anstanden, ein Geschenk zu machen.
Er lag noch spät im Fenster seiner Wohnung. Die Glockenspiele von den Thürmen kündigten eben die eilfte Stunde Abends an, als er einen letzten Seufzer zu dem dämmerigen Fenster des Herrn van Vlieten hinaufschickte und sich nun in sein Zimmer zurückziehen wollte. Da wurden seine Blicke von einer dunkeln Wolke, die gerade hinter der gegenüberliegenden Häuserreihe aufstieg, angezogen. Die Wolke breitete sich rasch aus, sie drängte sich unglückdeutend über dem Hause des reichsten Mannes von Rotterdam empor, rothe züngelnde Flammen folgten ihr in wenigen Augenblicken.
»Feuer! Feuer!« wollte der Professor schreien, aber das Wort erstarb ihm auf der Zunge. Er stand bewegungslos, stumm und starr, als schon das Getöse in den Straßen sich wild heranwälzte zu der Brandstätte, als die Melodieen der Glockenspiele in schaueriges Sturmgeläute übergegangen waren, als zahllose Menschen nach den Hintergebäuden des van Vlietenschen Hauses strömten, wo das Feuer ausgebrochen war. Die rothe Gluth am nächtlichen Himmel wirkte auf ihn, wie der Blick der Klapperschlange auf Thiere, die sie sich zum Opfer erkoren hat. Er konnte seine Augen nicht abwenden von den aufzischenden Flammen, er war nicht Herr seiner Bewegungen, seiner Sprache, er stand wie gebannt, obgleich ihm ein dunkeles Gefühl sagte: du mußt hinüber, aus diesem Brande kann dein Glück, wie der Phönix aus der Asche, erstehen, du mußt handeln und retten, du rettest dein besseres Selbst, du gewinnst der wissenschaftlichen Idee, für die du kämpfest und ringest, endlich ein Leben! —
Schiwa’s Rache lag schrecklich auf den Gewölben und Speichern des Handelsherrn. Er war es, der noch im Untergange einen Triumph feierte, der im Sterben das befreundete Element, das so manches ihm einst dargebrachte Opfer verherrlichte, das nun zu seiner Vernichtung gebraucht wurde, aufgerufen hatte, seine Rache zu übernehmen. Noch einmal erschien seine alte Macht. Sie strebte in Gluthen zum Himmel und schien gegen diesen zu wüthen, daß er nicht hier die Tempel des Götzen dulde, wie in dem schöneren Hindostan. Darum also hatte man ihn gehegt und gepflegt viele Jahre hindurch im Prunkzimmer des van Vlietenschen Hauses, um seine geheiligten Glieder unter der Axt des Hausknechtes zu brechen, um sie in schnöde, unscheinbare Asche zu verwandeln, die vom Winde verwehet würde? Zündet nur! Brennt nur! In knisternden Funken flog der tückische Geist des Götzen empor in das Sparrwerk des weiten Waarenhauses, in dessen Nähe man ihm den Untergang in den Flammen bereitete, er nistete sich dort still ein und erst als die Nacht gekommen war, als der Friede sich in Sternenglanz und Himmelsdunkel zu der Erde neigte, da brach die verhaltene Wuth des Ergrimmten los und warf sich zerstörend auf die Schätze seines Vaterlandes, die hier die Gewinnsucht aufgespeichert hatte.
Des Professors Bezauberung war noch nicht gelös’t. Die Gebäude, die zu dem Hause des Herrn Tobias gehörten, besaßen einen ansehnlichen Umfang, sie nahmen fast ein ganzes Stadtviertel ein. Der Brand wüthete jenseits, noch war es in der Straße, nach welcher die Vorderseite des Wohnhauses ging, still geblieben. Als aber auch hier jetzt mehrere Leute heranstürmten, die verschlossene Thüre gewaltsam erbrachen und in das Innere drangen, fühlte Hazenbrook plötzlich seine Besinnung und seine Kraft zurückkehren. In unruhiger Hast flog er die Treppe hinab, aus dem Hause, über die Straße, jenen Leuten nach. Er sah sie im Hintergrunde des Hausganges, nach den vom Scheine des Feuers erhellten Höfen verschwinden. Das war sein Weg nicht. Er stieg die wohlbekannte Treppe hinauf. Hier war es still und dunkel. Tastend suchte er nach der Thüre, die in das Krankenzimmer führte. Er fand lange die rechte nicht, die Eingänge, auf die er traf, waren verschlossen. Da blieb er stehen und lauschte mit zurückgehaltenem Odem. Das Geschrei der Löschenden, der Klang der Sturmglocke drang dumpf zu seinen Ohren, aber dazwischen auch ein matter Seufzer, ein Geräusch, wie es die Bemühungen eines Kraftlosen hervorbringen können, der sich liegend auf dem Boden fortzubewegen sucht. Jetzt flammete ein neuer Feuerstrahl empor und sandte seinen rothen Schein durch ein Fenster, das bisher in Dunkelheit verborgen gewesen. Der Gang war erhellt, wie am Tage. Hazenbrook erkannte die Umgebungen. In einem Winkel, weit von ihm ab, lag die Thüre, die er suchte. Ebenso rasch, wie der Feuerstrahl aufgeschossen war, erlosch er wieder und die alte Finsterniß trat auf’s Neue ein; aber Eobanus kannte nun einmal die Richtung, die er zu nehmen hatte, ging eilig vorwärts und stieß die nur angelehnte Thüre, hinter der noch einmal jenes Aechzen erklang, mit einer hastigen Bewegung auf.
Welcher Anblick bot sich ihm hier in dem durch die Nachtlampe nur spärlich erleuchteten Gemach! Der Kranke war allein, man hatte ihn wahrscheinlich, da die in den entlegenen Gebäuden wüthende Feuersbrunst die Thätigkeit Aller erheischte, vergessen. Diese Ueberzeugung schien sich ihm selbst mit der Furcht, hier verlassen und hülflos zuletzt ein Opfer des weiter um sich greifenden Brandes zu werden, aufgedrängt zu haben. Das Geschrei in den Straßen hatte sein Ohr erreicht, es hatte ihm das Unglück verkündet, das sein Eigenthum, seine ost- und westindischen Vorräthe getroffen. Der erste Schreck wirkte wie ein Blitzstrahl auf ihn. Es war ihm, als sey er mit einer unzerreißbaren Kette an sein Lager gefesselt. Dann aber gab ihm der entsetzliche Gedanke, bei lebendigem Leibe zu verbrennen, der mächtige Drang nach Selbsterhaltung einige Kräfte zurück. Er versuchte aufzustehen, er ergriff die nächsten Kleidungsstücke, in die er sich mühesam hüllte, er warf den dicken pohlnischen Schlafpelz um sich. Jetzt versuchte er sich der Thüre zu nähern, allein dieser Anstrengung war seine Kraft nicht gewachsen. Er sank zu Boden, er bewegte sich kriechend noch ein Wenig vorwärts, dann konnte er nicht mehr, er wurde ohnmächtig und ein schwaches Aechzen war das einzige Lebenszeichen, das er noch von sich gab.
So fand ihn der Professor. Die wissenschaftlichen Absichten, welche dieser mit Tobias hatte, wichen in den ersten Augenblicken den Gefühlen der Menschlichkeit, aber ganz konnte er doch eine angenehme Empfindung darüber nicht unterdrücken, daß er Herrn van Vlietens Angesicht und Gestalt wo möglich noch hagerer und ausgedörrter wieder fand, als damals, da er ihn zum erstenmale am Haven erblickt. Er beugte sich zu ihm nieder, er rief ihn laut bei Namen. Keine Antwort! Nur ein brechender Blick heftete sich auf ihn. Er fühlte nach dem Herzen. Es schlug noch, aber sehr schwach; ebenso der Puls. Das Geschrei von Außen ertönte lärmender und näher. Die Glocken stürmten heftiger. Da ergriff ein großer Gedanke den Professor.
»Ich will ihn dem Leben wiedergeben oder er soll, dem Mauritius und sich selbst zum Trotz, doch mein seyn im Tode. Aut Cesar, aut nihil. Ueber den Rubicon führt nur Kühnheit.«
So rief er pathetisch und sein Entschluß war gefaßt. Eobanus war ein großer Mann von gewaltigem Knochenbau und besaß eine ungewöhnliche Stärke. Wie eine Feder schwang er den leichten Tobias auf seinen Arm, wie eine Geliebte drückte er ihn an seine Brust. Ein süßes Gefühl kam über ihn. Endlich hatte er ihn, nach dem er so lange vergebens geschmachtet, endlich ruhete er an seinem Herzen. Er glaubte schon die köstlichste Mumie zu halten, mit geheimnißvollen Hieroglyphen bedeckt, die Sphinx, die in Zukunft allen Besuchern seines Museums ein unauflösliches Räthsel, zu dem er nur allein den Schlüßel besaß, bieten würde. Dennoch stand der Vorsatz fest in ihm, kein Mittel der Kunst unversucht zu lassen, das Leben des Hülflosen zu erhalten. Ganz im Hintergrunde seiner Seele keimte auch wohl die Hoffnung, daß in diesem Falle Dankbarkeit thun würde, was er im entgegengesetzten von seiner Geistesgegenwart und Verwegenheit zu erwarten hatte. Aber nur unter der Hülle des tiefsten Geheimnisses konnte er einen, wie den anderen Plan ausführen, kein Mauritius, kein Freund oder Bekannter des Herrn van Vlieten durfte ihn nur ahnen.
Ohne noch über die Art der Ausführung seines kühnen Anschlages mit sich einig zu seyn, verließ Hazenbrook das Gemach. Er trug seine theuere Last sehr vorsichtig, er nahm sich in Acht, mit ihr irgendwo anzustoßen. Plötzlich war die Furcht über ihn gekommen, man könne ihn überraschen und ernstlichen Einspruch thun. Jeder Augenblick längeren Verweilens schien ihm gefährlich, er betrat eilig den dunkelen Gang. Das Dämmerlicht, das aus dem Krankenzimmer hinter ihm herleuchtete, fiel auf eine offene Thüre gerade gegenüber. Ein kühler Luftzug strömte durch diese ein. Vielleicht bot sich ihm hier ein Ausgang, abgelegen und verborgen, wo er nicht fürchten durfte, Menschen zu begegnen. In der That führte hier eine schmale Treppe abwärts, dieselbe, über welche einst Clelia und Cornelius ihre Flucht bewerkstelligt hatten. Auf gutes Glück stieg Eobanus hinab. Nur schwach und selten ließen sich noch die Seufzer des Kranken vernehmen, desto lauter tobte draußen die Menschenmenge und die Sturmglocke.
Odemlos stand er endlich am Fuße der Treppe. Seine Rechte griff untersuchend an der Thüre hin und her, die ihm hier den Weg versperrte. Sie war nur durch einen Riegel von Innen verschlossen. Leicht schob er diesen zurück. Die schwere Pforte wich und er sah sich unter freiem Himmel, in einer Nebenstraße, nahe bei einem Canal, der diese durchschnitt. Aber dieser tröstliche Anblick war es nicht allein, der sich ihm bot. Zu seinem Entsetzen bemerkte er dicht vor sich zwei dunkele Mannsgestalten, die, wie es ihm schien, eben bemüht gewesen, die Thüre, durch welche er trat, von Außen zu öffnen.
»Wer da?« rief er mit der ängstlichen Heftigkeit eines trotzigen Sünders, der sich auf der That ertappt sieht.
»Peter Trip!« war die Antwort, die ihm wie Musik klang.
»Trip — du!« entgegnete freudig Hazenbrook. »Dich führt mein guter Genius, mein Spiritus familiaris, her. Sprich! Was schaffst du, was treibst du hier?«
»Nun,« erwiederte Peter mit verlegener Stimme, »mein Camerad und ich, wir stehen hier und mein Boot liegt dicht an im Canale. Wir sind da, um zu retten, Geld und Gut, Kostbarkeiten und Geräth —«
»Ich verstehe!« unterbrach ihn, den Stand der Sache überschauend, schmunzelnd Eobanus. »Ihr wollt in Euere Säcke retten, was hier in der entfernteren Wohnung die Flamme nicht erreichen kann. Aber ich weiß Euch einen sicherern und dabei ehrlichern Verdienst. Euer Boot ist da. Getrauet Ihr Euch wohl, mich mit dem Kranken, den ich hier in meinen Armen halte — einen meiner jungen Leute, welcher bei Herrn van Vlieten Tisch und Wohnung gehabt — unbemerkt und still zu Wasser aus der Stadt fort und dann weiter nach meinem Aufenthaltsorte Leyden zu schaffen? Ich habe meine Ursachen, daß Alles verborgen und heimlich betrieben wird. Zehn Dukaten für jeden, wenn wir an Ort und Stelle sind! Was sagt Ihr dazu?«
Peter zögerte einige Augenblicke, ehe er eine Antwort gab. Dann sagte er in bedenklichem Tone:
»Ein großes Kunststück wäre es nicht, Euch unbemerkt fort zu boogsiren! Wir haben das zu Nacht hundertmal getrieben, um das Havengeld zu sparen. Aber es ist so eine Sache — geradeheraus, Euere Ladung kommt mir verdächtig vor.«
»Dummes Zeug!« versetzte mit erzwungenem Lachen Hazenbrook. Zugleich schritt er ohne Weiteres mit dem Ohnmächtigen, dem er die Nachtmütze tief in’s Gesicht gezogen hatte, rasch nach dem Boote hin. Während er dieses betrat und seine Last sanft auf die Bank niederließ, rief er nach den langsam folgenden Männern zurück: »Vorwärts, Ihr Leute! Sparet Euere unnützen Bedenklichkeiten! Außer der versprochenen Belohnung erhält noch jeder freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr.«
»Freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr!« wiederholte Trip in seligem Staunen. »Topp! Wir sind die Eueren mit Leib und Seele, mögt Ihr nun ein Schelmenstück oder ein ehrliches Werk vorhaben! das habt Ihr zu verantworten.«
Sie sprangen in das Fahrzeug und ihre kräftigen Arme brachten es rasch aus der Nähe des van Vlietenschen Hauses. Geräuschlos zog es über die schmale Wasserfläche der Canäle, zwischen den hohen Häuserreihen hin. Bald befand er sich in einer entlegenen Gegend der Stadt, wo man nur wenig mehr von dem Feuerlärm vernahm. Der röthliche Schein am Himmel wurde schwächer. Besorgt hatte Eobanus den kraftlos ächzenden Kranken in seinen Pelz gehüllt. Er lauschte auf seine Odemzüge, er hatte die Rechte auf sein Herz gelegt. Ihm selbst gingen tausend verwirrte Gedanken im Kopfe herum. Zunächst aber stand der Vorsatz in ihm fest, so bald sie glücklich die Stadt verlassen haben und sich im Canale von Leyden befinden würden, aus dem ersten Hause ein Bett herbeizuschaffen, um die Lage des Leidenden zu verbessern. Er war noch von ängstlichen Zweifeln über das Gelingen seines Unternehmens beunruhigt. Er blickte argwöhnisch nach den beiden Ruderern. Diesen aber schien es ganz gleichgültig zu seyn, welche Ladung ihr Fahrzeug enthielt. Ihre Gedanken schwelgten schon im Vorgenusse der reizenden Zukunft, die ihnen das Versprechen Hazenbrooks eröffnet hatte.