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Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen cover

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen

Chapter 11: I
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About This Book

A collection of short narratives depicts ordinary lives in small communities, tracing moments of longing, regret, and quiet revelation. Each story concentrates on intimate encounters and moral tensions born of social expectation and personal desire. The tone moves between wistful lyricism and restrained irony while vivid domestic and natural imagery grounds the scenes. Varied in form and length, the pieces emphasize interior psychology and the subtleties of human feeling. Together they offer compact, emotionally rich sketches that probe compassion, loneliness, and the compromises of everyday existence.

O mein Herz, du erwachtest nicht, als der Mann
deiner Liebe an deine Tür kam.
Erst beim Schall seiner scheidenden Schritte erwachtest du.
O, du erwachtest im Dunkel!

„Maschi, wie spät ist es jetzt?“

„Gegen neun.“

„Noch so früh! Und ich glaubte, es müßte wenigstens schon zwei oder drei sein. Meine Mitternacht beginnt ja schon, wenn die Sonne untergegangen ist. Aber warum wolltest du denn, daß ich schlafe?“

„Nun, du weißt, wie lange du gestern wach lagst, als du immerfort sprachst. Daher mußt du heute früh einschlafen.“

„Schläft Mani schon?“

„O nein, sie ist dabei, dir etwas Suppe zu kochen.“

„Das ist doch nicht dein Ernst, Maschi? Tut sie das wirklich?“

„Gewiß! Sie kocht ja alles für dich, die fleißige kleine Frau.“

„Ich dachte, daß Mani überhaupt nicht –“

„Eine Frau braucht nicht lange, um solche Dinge zu lernen. Wenn's not tut, lernt man sie von selbst.“

„Die Fischsuppe, die ich heute morgen aß, hatte einen so besonders köstlichen Geschmack; ich dachte, du hättest sie gekocht?“

„Ach, du meine Güte, nein! Du denkst doch nicht etwa, Mani würde mich etwas für dich tun lassen? Sie besorgt ja deine ganze Wäsche selbst; sie weiß, wie eigen du damit bist. Wenn du nur deine Wohnzimmer sehen könntest, wie blitzblank sie alles hält! – Wenn ich sie häufig in dein Krankenzimmer kommen ließe, so würde sie sich ganz aufreiben. Aber das will sie ja auch gerade.“

„Ist denn Manis Gesundheit –?“

„Der Arzt meint, wir sollten sie nicht zu oft ins Krankenzimmer lassen. Sie ist zu weichherzig.“

„Aber Maschi, wie kannst du sie daran hindern, hereinzukommen?“

„Weil sie mir blind gehorcht. Aber ich muß ihr beständig sagen, wie es dir geht.“


Die Sterne glitzerten am Himmel wie Tränentropfen. Dschotin neigte sein Haupt dankbar seinem Leben, das im Begriff war zu scheiden, und als der Tod durch das Dunkel seine Rechte nach ihm ausstreckte, faßte er sie vertrauensvoll.

Nach einer Weile seufzte Dschotin und sagte mit einer Bewegung leiser Ungeduld:

„Maschi, wenn Mani doch noch wacht, könnte ich da nicht – wenn auch nur eine –?“

„Ja gewiß! Ich will sie rufen.“

„Ich werde sie nicht lange festhalten, nur fünf Minuten. Ich habe ihr etwas Besonderes zu sagen.“

Maschi ging seufzend hinaus, um Mani zu holen. Inzwischen fing Dschotins Puls an, schnell zu schlagen. Er wußte nur zu gut, daß es ihm nie gelungen war, ein vertrauliches Gespräch mit Mani zu haben. Die beiden Instrumente waren verschieden gestimmt, und es war nicht leicht, sie zusammen zu spielen. Immer wieder hatte Dschotin ein plötzliches Gefühl von Eifersucht überkommen, wenn er Mani mit ihren Freundinnen lustig schwatzen und lachen hörte. Dschotin tadelte nur sich, – warum konnte er nicht über oberflächliche Dinge plaudern so wie sie? Nicht daß er es nicht gekonnt hätte; mit seinen männlichen Freunden plauderte er oft über allerlei alltägliche Dinge. Aber das Geplauder, das für Männer paßt, paßt nicht für Frauen. Man kann ein philosophisches Gespräch als Monolog halten und seinen unaufmerksamen Zuhörer gar nicht beachten, aber beim leichten Geplauder müssen mindestens zwei zusammenwirken. Man kann auf einer Sackpfeife spielen, aber nicht mit einer Zymbel. Wie oft hatte Dschotin, wenn er am Abend mit Mani draußen auf der Veranda saß, gewaltsame Anstrengungen gemacht, eine Unterhaltung mit ihr in Gang zu bringen, aber immer wieder riß gleich der Faden ab. Und es war, als ob der Abend sich seines Schweigens schämte. Dschotin war sicher, daß Mani sich von ihm fortsehnte. Dann hatte er selbst ernstlich gewünscht, ein Dritter möchte dazu kommen. Denn eine Unterhaltung zu dreien ist leicht, wenn sie zu zweien schwer fällt.

Jetzt fing er an darüber nachzudenken, was er sagen wollte, wenn Mani käme. Aber so ein künstlich zurechtgelegtes Gespräch wollte ihn nicht befriedigen. Dschotin fürchtete, daß diese fünf Minuten heute abend verloren sein würden. Und doch blieben ihm nur so wenige Augenblicke zu vertraulichem Gespräch.

III

„WAS ist denn das, Kind, du willst doch nicht irgendwohin?“

„Doch, ich will nach Sitarampur.“

„Was denkst du dir denn? Wer soll dich denn begleiten?“

„Anath.“

„Nicht heute, mein Kind, ein andermal.“

„Aber die Kajüte ist schon belegt.“

„Was macht das? Der Verlust läßt sich leicht tragen. Reise morgen, morgen früh.“

„Maschi, ich glaube nicht an die Unglückstage des Kalenders. Was kann es schaden, wenn ich heute reise?“

„Dschotin möchte mit dir sprechen.“

„Schön, ich habe noch etwas Zeit. Ich will noch schnell einmal nach ihm sehen.“

„Aber du mußt ihm nicht sagen, daß du verreisen willst.“

„Gut, ich will ihm nichts sagen. Aber ich kann nicht lange bei ihm bleiben. Morgen ist das Annapraschan-Fest meiner Schwester, und ich muß heute reisen.“

„O mein Kind, ich bitte dich, höre doch dies eine Mal auf mich! Versuch, dich eine Weile ganz still zu fassen und setze dich zu ihm. Laß ihn nicht merken, daß du es eilig hast.“

„Was kann ich tun? Der Zug wartet nicht auf mich. Anath kommt in zehn Minuten zurück. Bis dahin kann ich bei ihm bleiben.“

„Nein, das geht nicht. In dieser seelischen Verfassung werde ich dich nie zu ihm lassen ... O du erbärmliches Geschöpf, der Mann, den du so quälst, wird bald diese Welt verlassen; aber ich warne dich: du wirst diesen Tag zeitlebens nicht vergessen. Daß es einen Gott gibt, daß es einen Gott gibt, das wirst du eines Tages erfahren.“

„Maschi, du mußt mich nicht so verwünschen.“

„O mein armer Junge, mein Liebling! Warum lebst du noch länger? Diese Sünde hat kein Ende, und ich kann nichts tun, sie zu hindern.“


Maschi zögerte noch eine Weile, dann ging sie ins Krankenzimmer zurück in der Hoffnung, daß Dschotin inzwischen eingeschlafen sei. Aber Dschotin bewegte sich im Bett, als sie eintrat. Maschi rief aus:

„Sieh einmal an, was sie nun gemacht hat!“

„Was ist geschehen? Kommt Mani nicht? Warum bist du so lange fortgeblieben, Maschi?“

„Ich fand sie bitterlich weinend, weil sie die Milch für deine Suppe hatte verbrennen lassen. Ich versuchte sie zu trösten und sagte, es gäbe ja noch mehr Milch. Aber daß sie bei der Zubereitung deiner Suppe so nachlässig hatte sein können, der Gedanke brachte sie ganz in Verzweiflung. Mit großer Mühe gelang es mir, sie etwas zu beruhigen und ins Bett zu bringen. Daher habe ich sie heute nicht mitgebracht. Laß sie ihren Kummer verschlafen.“

Obgleich es Dschotin schmerzlich war, daß Mani nicht kam, fühlte er sich doch in gewisser Weise erleichtert. Er hatte so halb und halb gefürchtet, daß die wirkliche Mani das Bild, das er von ihr im Herzen trug, trüben könnte. Das war schon früher geschehen. Und der Gedanke, daß Mani unglücklich war, weil sie seine Milch verbrannt hatte, füllte sein Herz mit überströmender Freude.

„Maschi!“

„Ja, mein Liebling?“

„Ich bin ganz gewiß, daß es mit mir zu Ende geht. Aber ich bin nicht traurig darum. Gräme dich nicht um mich!“

„Nein, mein Liebling, ich werde mich nicht grämen. Ich glaube nicht, daß nur das Leben gut ist, und der Tod nicht.“

„Maschi, du kannst mir glauben, der Tod ist süß.“

Dschotin lag still da und blickte hinaus in den dunklen Nachthimmel, und es war ihm, als ob es Mani selbst sei, die in Gestalt des Todes auf ihn zuschritt. Sie war in ewige Jugend gekleidet, und die Sterne waren Blumen, die die große Mutter der Welt segnend auf ihren dunklen Scheitel gestreut hatte. Es war ihm, als ob er sie jetzt wieder zum erstenmal unter dem Hochzeitsschleier sähe[3]. Die unendliche Nacht wurde ganz erfüllt von dem liebenden Blick aus Manis dunklen Augen. Mani, die Braut dieses Hauses, das kleine Mädchen, wurde zu dem Bild einer Gottheit, das auf dem Altar der Sterne thronte, wo Leben und Tod in einen Strom münden. Dschotin faltete die Hände und flüsterte leise: „Endlich hat sich der Schleier gehoben, die Hülle des tiefen Dunkels ist zerrissen. Ach, Geliebte! Wie oft hast du mein Herz gemartert, aber jetzt wirst du mich nicht mehr verlassen!“

IV

„ICH habe Schmerzen, Maschi, aber du mußt nicht denken, daß ich leide. Es ist, als ob meine Schmerzen sich allmählich von meinem Leben lösten. Bisher folgten sie ihm wie ein beladenes Boot im Schlepptau, jetzt aber ist das Seil zerrissen, und sie treiben dahin mit allem, was mich drückt. Ich sehe sie noch, aber sie gehören nicht mehr zu mir. – Aber Maschi, ich habe diese beiden letzten Tage Mani nicht ein einziges Mal gesehen!“

„Dschotin, ich will dir ein anderes Kissen geben.“

„Es scheint mir fast, Maschi, als ob Mani mich auch verlassen hat und von mir forttreibt wie das beladene Leidensboot.“

„Komm, trink ein Schlückchen von dem Granatapfelsaft, mein Liebling. Dir muß der Hals ganz trocken sein.“

„Ich schrieb gestern mein Testament; habe ich es dir gezeigt? Ich kann mich nicht mehr erinnern.“

„Du brauchst es mir nicht zu zeigen, Dschotin.“

„Als Mutter starb, besaß ich nichts. Du ernährtest mich und zogst mich auf. Daher meine ich – –“

„Unsinn, Kind. Ich hatte nur dies Haus und ein bißchen Vermögen. Das übrige hast du verdient.“

„Aber dies Haus –?“

„Das ist nichts. Du hast ja soviel hinzugebaut, daß es schwer ist zu sagen, wo mein Haus war!“

„Ich bin sicher, daß Manis Liebe zu dir wirklich –“

„Ja, ja, das weiß ich, Dschotin. Nun versuch' zu schlafen.“

„Wenn ich auch mein ganzes Eigentum Mani hinterlassen habe, so ist es praktisch doch deins, Maschi. Sie wird dir ja immer in allem gehorchen.“

„Warum quälst du dich deshalb so viel, mein Liebling?“

„Alles, was ich habe, verdanke ich dir. Wenn du mein Testament siehst, so denke keinen Augenblick, daß – –“

„Aber was fällt dir ein, Dschotin? Glaubst du denn, daß ich es auch nur einen Augenblick übelnehmen könnte, wenn du Mani gibst, was dir gehört? Ich bin doch nicht so kleinlich.“

„Aber du wirst auch – –“

„Nun höre einmal, Dschotin, jetzt werde ich böse. Du willst mich mit Geld trösten.“

„Ach, Maschi, wie gern möchte ich dir etwas geben, was besser ist als Geld!“

„Das hast du ja getan, Dschotin! mehr als genug. Hast du mir denn nicht mein einsames Leben ausgefüllt? Das war solch ein großes Glück, daß ich es mir in vielen früheren Leben verdient haben muß. Du hast mir soviel gegeben, daß ich jetzt, wo dies Leben mir nichts mehr zu geben hat, nicht klagen werde. Ja, ja, hinterlasse nur Mani alles: dein Haus, dein Geld, deinen Wagen und dein Land – mir sind solche Lasten jetzt zu schwer.“

„Ich weiß ja, daß du den Geschmack an den Freuden des Lebens verloren hast, aber Mani ist so jung, daß –“

„O nein, das mußt du nicht sagen. Wenn du ihr dein Eigentum hinterläßt, das ist schon recht, aber was die Freuden des Lebens anbetrifft –“

„Aber warum sollte sie sie auch nicht genießen, Maschi?“

„Nein, nein, das wird sie nicht können in ihrem großen Schmerz. Sie werden ihr wie Staub und Asche sein.“


Dschotin schwieg. Er konnte nicht entscheiden, ob es wahr war oder nicht und ob er es beklagen müsse, wenn Mani die Welt ohne ihn zuwider war.

Er seufzte und sagte: „Das, was wirklich des Gebens wert ist, können wir niemandem zurücklassen.“

„Es ist nichts Geringes, was du gibst, mein Liebling. Ich bete nur, daß sie den Wert dessen, was ihr gegeben wird, erkennen möge.“

„Gib mir noch etwas von dem Granatapfelsaft, Maschi, ich bin durstig. Kam Mani eigentlich gestern zu mir?“

„Ja, sie kam, aber du schliefst gerade. Sie saß lange Zeit am Kopfende deines Bettes und fächelte dich; dann ging sie weg, um deine Wäsche zu besorgen.“

„O wie wunderschön! Ich glaube, ich habe in demselben Augenblick geträumt, daß Mani versuchte, zu mir hereinzukommen. Die Tür war angelehnt, und sie stieß dagegen, aber sie wollte sich nicht öffnen. Aber Maschi, du gehst zu weit, du solltest sie wissen lassen, daß ich sterbe; sonst wird mein Tod ein so furchtbarer Schlag für sie sein.“

„Komm, mein Liebling, ich will dir diesen Schal über die Füße decken, sie werden ganz kalt.“

„Nein, Maschi, ich kann so etwas nicht auf den Füßen haben.“

„Weißt du, Dschotin, daß Mani dir diesen Schal gestrickt hat? Sie hat so fleißig daran gearbeitet, als sie eigentlich hätte schlafen sollen. Erst gestern ist sie damit fertig geworden.“

Dschotin nahm den Schal und streichelte ihn zärtlich. Er empfand die sanfte Weichheit der Wolle als hielte er Manis Hand in der seinen. Nacht für Nacht hatte sie ihre liebenden Gedanken hineingewoben. Er war nicht aus Wolle gemacht, sondern aus ihrer Berührung. Als daher Maschi den Schal über seine Füße legte, war es ihm, als ob Mani seine müden Glieder liebkoste.

„Aber Maschi, ich dachte, Mani könne gar nicht stricken, – jedenfalls mochte sie es nie.“

„So etwas lernt man schnell. Natürlich mußte ich es ihr zeigen. Auch sind allerlei Fehler darin.“

„Laß diese Fehler nur, wir wollen ihn ja nicht auf die Pariser Ausstellung schicken. Er wird trotz der Fehler meine Füße warm halten.“

Dschotin begann sich im Geiste Mani bei der Arbeit vorzustellen, wie sie Fehler machte und nicht damit zustande kommen konnte und doch Abend für Abend geduldig weiter daran arbeitete. Wie lieb und rührend war das doch! Und wieder strichen seine Finger zärtlich über den Schal.

„Maschi, ist der Doktor unten?“

„Ja, er will heute nacht hierbleiben.“

„Aber sag' ihm, es ist nutzlos, wenn er mir einen Schlaftrunk gibt. Der verschafft mir nicht wirklich Ruhe, und ich fühle mich nur schlechter danach. Laß mich richtig wach bleiben. – Weißt du, Maschi, daß unsre Hochzeit in der Vollmondnacht war im Monat Mai? Morgen ist der Tag, und die Sterne jener Nacht werden am Himmel scheinen. Mani denkt vielleicht nicht daran. Ich möchte sie heute daran erinnern; rufe sie doch auf ein paar Minuten her. – … Warum antwortest du nicht? Der Doktor hat dir wohl gesagt, ich sei so schwach, daß jede Aufregung – aber ich versichere dich, Maschi, wenn ich heute abend nur ein paar Minuten mit ihr sprechen kann, brauche ich gar keinen Schlaftrunk. – Maschi, weine doch nicht so! Ich fühle mich ganz wohl. Mein Herz ist heute so voll wie nie zuvor in meinem Leben. Darum möchte ich Mani sehen. – Nein, nein, Maschi, ich kann es nicht ertragen, wenn du so weinst. Du bist alle diese letzten Tage so ruhig gewesen. Was hast du denn nur heute abend?“

„Ach, Dschotin, ich glaubte, daß der Quell meiner Tränen versiegt wäre; aber sie fließen immer wieder von neuem. Ich kann es nicht ertragen.“

„Ruf' Mani! Ich will sie an unsern Hochzeitsabend erinnern, so daß sie morgen – –“

„Ich geh schon, mein Liebling. Schombhu wird an der Tür warten. Wenn du irgend etwas willst, ruf' ihn.“

Maschi ging in Manis Schlafzimmer und sank weinend auf den Fußboden nieder. „O komm, komm dies eine Mal, du herzloses Geschöpf! Erfülle die letzte Bitte dessen, der dir alles gegeben hat. Er stirbt ja schon, gib ihm doch nicht den Todesstoß!“


Als Dschotin draußen Schritte hörte, fuhr er auf und rief: „Mani!“

„Ich bin Schombhu. Hat der Herr mich gerufen?“

„Sage deiner Herrin, sie soll kommen.“

„Wer soll kommen?“

„Deine Herrin.“

„Sie ist noch nicht zurück.“

„Zurück? Von wo?“

„Von Sitarampur.“

„Wann reiste sie dahin?“

„Vor drei Tagen.“

Einen Augenblick war Dschotin ganz betäubt, und alles drehte sich vor seinen Augen. Er glitt von den Kissen herab, die ihn stützten, und stieß den wollenen Schal, der seine Füße bedeckte, auf den Boden.


Als Maschi nach einer langen Weile zurückkam, erwähnte Dschotin Manis Namen nicht, und Maschi dachte, daß er sie ganz vergessen hätte.

Plötzlich rief er: „Maschi, erzählte ich dir den Traum, den ich neulich nachts hatte?“

„Welchen Traum?“

„Wo Mani immer gegen die Tür stieß, und die Tür wollte sich nicht weiter als einen Zoll öffnen. Sie stand draußen und konnte nicht herein. Jetzt weiß ich, daß Mani bis zuletzt draußen vor meiner Tür bleiben muß.“

Maschi antwortete nicht. Sie sah, daß der Himmel, den sie aus Lügen für Dschotin aufgebaut hatte, nun doch eingestürzt war. Wenn das Leid kommt, so ist es am besten, es nicht zu verleugnen. Wenn Gott schlägt, können wir dem Schlag nicht ausweichen.

„Maschi, die Liebe, die du mir gegeben hast, wird durch all meine künftigen Leben dauern. Ich habe dies Leben ganz damit angefüllt und nehme sie mit fort. Ich bin gewiß, in unserm nächsten Leben wirst du als meine Tochter geboren werden, und ich werde dich mit meiner ganzen Liebe hüten und hegen.“

„Was sagst du da, Dschotin? Meinst du, ich soll wieder als Mädchen geboren werden? Kannst du nicht beten, daß ich als Sohn in deine Arme komme?“

„Nein, nein, nicht als Sohn. Du wirst in mein Haus kommen in jener wunderbaren Schönheit, die dich schmückte, als du jung warst. Ich kann mir sogar schon vorstellen, wie ich dich kleiden werde.“

„Sprich nicht so viel, Dschotin, versuch' zu schlafen.“

„Ich werde dich Lakschmi[4] nennen.“

„Aber das ist ein altmodischer Name, Dschotin.“

„Ja, aber du bist ja auch meine altmodische Maschi. Komm wieder in mein Haus mit deiner schönen altmodischen Art.“

„Ich kann doch nicht wünschen, deinem Hause die Enttäuschung zu bringen, daß ein Mädchen statt eines Knaben kommt.“

„Maschi, du hältst mich für schwach und willst mir alles Schwere ersparen.“

„Mein Kind, ich bin eine Frau und habe als solche meine Schwäche. Daher habe ich mein ganzes Leben versucht, dir alles mögliche Schwere zu ersparen, – aber es ist mir nicht gelungen.“

„Maschi, ich habe in diesem Leben nicht Zeit gehabt, die Lehren, die ich empfangen habe, anzuwenden. Aber sie werden mir in meinem nächsten Leben zugute kommen. Ich werde dann zeigen, was ein Mann leisten kann. Ich habe gelernt, wie verkehrt es ist, immer nur an sich zu denken.“

„Was du auch sagen magst, mein Liebling, du hast nie etwas für dich selbst erstrebt, sondern alles andern gegeben.“

„Eins darf ich jedenfalls von mir sagen: Ich bin im Glück nie tyrannisch gewesen, noch habe ich versucht, mein Recht mit Gewalt zu erzwingen. Weil ich mich nicht belügen konnte, habe ich lange warten müssen. Vielleicht wird die Wahrheit zuletzt doch gütig zu mir sein. – Wer ist da, Maschi, wer ist da?“

„Wo? Es ist niemand da, Dschotin.“

„Maschi, sieh doch einmal nebenan nach. Ich glaubte –“

„Nein, mein Liebling! Ich sehe niemanden.“

„Aber ich meinte ganz deutlich – –“

„Nein, Dschotin, es ist nichts. Also sei ruhig. Der Doktor kommt jetzt.“

Als der Doktor eintrat, sagte er:

„Hören Sie mal, Sie dürfen nicht so viel bei dem Kranken sein, Sie regen ihn auf. Gehn Sie zu Bett, mein Assistent bleibt bei ihm.“

„Nein, Maschi, ich kann dich nicht fortlassen.“

„Gut, mein Liebling, ich werde ruhig in der Ecke sitzen.“

„Nein, nein, du mußt dicht bei mir sitzen. Ich kann deine Hand nicht lassen, nicht bis zuletzt. Deine Hand hat mich geführt und aus deiner Hand soll Gott mich wieder empfangen.“

„Nun gut,“ sagte der Doktor, „Sie können dableiben. Aber Dschotin Babu, Sie dürfen nicht zu ihr sprechen. Es ist Zeit, daß Sie Ihre Medizin nehmen.“

„Zeit für Medizin? Unsinn! Die Zeit dafür ist vorbei. Jetzt Medizin geben heißt nur täuschen. Aber ich fürchte mich auch gar nicht vor dem Sterben. Maschi, der Tod bereitet mir schon seinen Trank, was soll der Doktor mich noch plagen! Schick' ihn fort! Dich nur brauch ich jetzt, niemanden sonst, niemanden! Keine Lüge mehr!“

„Ich muß hier als Arzt Einspruch tun, diese Aufregung schadet Ihnen!“

„Gehen Sie also fort, Doktor, regen Sie mich nicht mehr auf! – Ist er fort, Maschi? … das ist gut! Nun komm und nimm meinen Kopf in deinen Schoß.“

„Ja komm, mein Liebling. Und nun versuch' zu schlafen!“

„Nein, Maschi, sag' nicht, daß ich schlafen soll. Wenn ich einschlafe, wache ich nicht wieder auf. Ich muß mich noch etwas wach halten. – Hörst du nicht ein Geräusch? Es kommt jemand!“

V

„DSCHOTIN, mein Liebling, mach' deine Augen mal ein wenig auf. Sie ist gekommen. Schau einmal her und sieh!“

„Wer ist gekommen? Ein Traum?“

„Kein Traum, mein Liebling! Mani ist mit ihrem Vater gekommen.“

„Wer bist du?“

„Siehst du denn nicht? Es ist deine Mani!“

„Mani? Hat die Tür sich geöffnet?“

„Ja, mein Lieb, sie ist weit offen.“

„Nein, Maschi, nicht den Schal! nicht diesen Schal! Dieser Schal ist eine Lüge!“

„Es ist kein Schal, Dschotin. Es ist unsere Mani, die sich über deine Füße geworfen hat. Leg deine Hand auf ihren Kopf und segne sie. Weine nicht so, Mani! Du hast noch Zeit genug dazu. Nun sei ein Weilchen ganz still.“


DAS SKELETT

IN dem Zimmer, neben welchem wir Knaben zu schlafen pflegten, hing ein menschliches Skelett. In der Nacht pflegte die Brise, die durch das geöffnete Fenster hereinstrich, mit seinen Knochen zu rasseln. Am Tage rasselten wir mit diesen Knochen. Wir hatten Osteologie bei einem Studenten der Medizin, denn unser Vormund war entschlossen, uns in alle Wissenschaften einzuweihen. Wieweit es ihm gelang, brauchen wir denen, die uns kennen, nicht zu sagen, und den andern bleibt es besser ein Geheimnis.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen ist das Skelett aus dem Zimmer verschwunden und auch die Osteologie aus unserm Gehirn, ohne eine Spur zurückzulassen.

Neulich war das Haus voll von Gästen, und ich mußte die Nacht in demselben alten Zimmer zubringen. Der Schlaf wollte in dieser ungewohnten Umgebung nicht kommen, und während ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere warf, hörte ich die Kirchenuhr in der Nähe eine Stunde nach der andern schlagen. Das Licht der Nachtlampe in der Ecke wurde immer matter, endlich sprühte und flackerte es noch ein paarmal auf und ging dann ganz aus.

Wir hatten kürzlich mehrere Verluste in der Familie gehabt, so war es natürlich, daß das Erlöschen der Lampe mich auf Todesgedanken brachte. Ich stellte die Betrachtung an, daß es in der großen Arena der Natur doch eigentlich derselbe Vorgang sei, wenn eine Lampe erlischt, und wenn das Lichtlein eines Menschenlebens sich in ewiges Dunkel verliert.

Meine Gedanken riefen das Skelett wieder in meiner Erinnerung wach. Während ich versuchte mir vorzustellen, wie der Leib, der es einst umhüllt hatte, wohl ausgesehen haben könnte, war es mir plötzlich, als ob etwas immer um mein Bett herumginge, wobei es an den Wänden entlang tastete. Ich konnte sein rasches Atmen hören. Es schien nach etwas zu suchen, was es nicht finden konnte, und es ging mit immer hastigeren Schritten im Zimmer umher. Ich war ganz sicher, daß dies alles nur eine Einbildung meines schlaflosen, aufgeregten Hirns war und daß, was mir als laufende Tritte erschien, in Wahrheit das Pochen der Adern in meinen Schläfen war. Doch trotzdem überlief es mich kalt. Um diese Halluzination loszuwerden, rief ich laut: „Wer ist da?“ Die Tritte schienen neben meinem Bett anzuhalten, und jemand antwortete: „Ich bin es. Ich bin gekommen, um mich nach meinem Skelett umzusehen.“

Es wäre doch lächerlich gewesen, einem Geschöpf meiner Einbildung gegenüber Furcht zu zeigen; daher sagte ich – indem ich aber doch die Bettdecke etwas fester faßte – mit erheuchelter Ruhe: „Eine nette Beschäftigung zu dieser nächtlichen Stunde! Was wollen Sie denn mit dem Skelett anfangen?“

Die Antwort schien fast unmittelbar aus meinem Moskito-Vorhang zu kommen. „Welche Frage! In dem Skelett waren die Knochen, die mein Herz einschlossen; der jugendliche Reiz meiner sechsundzwanzig Jahre umblühte es. Sollte ich nicht den Wunsch haben, es noch einmal zu sehen?“

„Gewiß,“ sagte ich, „das ist ein ganz berechtigter Wunsch. Suchen Sie nur weiter, während ich versuche, etwas zu schlafen.“

Die Stimme sagte: „Aber ich glaube, Sie sind einsam. Nun, da werde ich mich ein Weilchen zu Ihnen setzen, und wir wollen ein wenig plaudern. Vor Jahren pflegte ich so bei Menschen zu sitzen und mich mit ihnen zu unterhalten. Aber während der letzten fünfunddreißig Jahre habe ich nur auf den Verbrennungsplätzen der Toten im Winde gestöhnt. Ich möchte gern einmal wie in früheren Zeiten mit einem Menschen plaudern.“

Ich fühlte, wie sich jemand ganz dicht bei meinem Vorhang niedersetzte. So ergab ich mich denn in diese Situation und erwiderte mit soviel Herzlichkeit, wie ich aufbringen konnte: „Ja, das wird sehr nett sein. Lassen Sie uns von etwas Lustigem reden.“

„Das Lustigste, was ich kenne, ist meine eigene Lebensgeschichte. Die will ich Ihnen erzählen.“

Die Kirchenuhr schlug die zweite Stunde.

„Als ich noch im Lande der Lebendigen und jung war, fürchtete ich eins wie den Tod selbst, und das war mein Gatte. Was ich fühlte, läßt sich nur mit dem vergleichen, was ein Fisch empfindet, der an einem Angelhaken gefangen ist. Denn es war, als hätte mich ein Fremder mit dem schärfsten aller Haken aus dem friedlich stillen Heim meiner Kindheit gerissen – und ich hatte kein Mittel, ihm zu entrinnen. Mein Gatte starb zwei Monate nach unsrer Heirat, und meine Freunde und Verwandten beklagten mich mit vielem Pathos. Der Vater meines Gatten aber, nachdem er mir lange forschend ins Gesicht geblickt hatte, sagte zu meiner Schwiegermutter: ‚Siehst du nicht, daß sie den bösen Blick hat?‘ – Nun, hören Sie auch zu? Ich hoffe, Sie finden die Geschichte unterhaltend?“

„Sehr unterhaltend“, sagte ich. „Der Anfang ist wirklich äußerst lustig.“

„Lassen Sie mich also fortfahren. Ich war sehr froh, als ich wieder in meines Vaters Haus zurückkam. Die Leute versuchten, es mich nicht merken zu lassen, aber ich wußte wohl, daß ich von der Natur mit einer seltenen, blendenden Schönheit ausgestattet war. Was meinen Sie?“

„Ich glaube es wohl“, murmelte ich. „Aber Sie müssen bedenken, daß ich Sie nie gesehen habe.“

„Was? Sie haben mich nicht gesehen? Und mein Skelett? Hahaha! Nun gut. Ich scherzte nur. Wie kann ich Sie je davon überzeugen, daß jene zwei höhlenartigen Löcher das strahlendste dunkle, schmachtende Augenpaar enthielten? Und daß die grinsenden Zähne, die Sie zu sehen pflegten, nichts ahnen ließen von dem Lächeln, das jene rubinroten Lippen umspielte? Wenn ich nur versuche, Ihnen eine Vorstellung zu geben von der Anmut, dem Reiz, der in der Fülle der Jugend in weichen, wundervoll geschwungenen Linien jene trocknen alten Knochen umwuchs und umblühte, so muß ich lächeln. Aber es macht mich auch zornig. Die hervorragendsten Ärzte meiner Zeit hätten sich nicht träumen lassen, daß meine Knochen dazu gut seien, um Osteologie daran zu lernen. Wissen Sie, daß ein junger Arzt, den ich kannte, mich tatsächlich mit einer goldenen Tschampakblüte verglich? Er meinte, daß die ganze übrige Welt nur der Kelch sei, der die Blüte meiner Schönheit umschloß. Denkt irgend jemand bei dem Skelett an eine Tschampakblüte?

Wenn ich ging, so hatte ich das Gefühl, daß, wie ein Diamant Glanz um sich verbreitet, jede meiner Bewegungen nach allen Seiten Wellen von Schönheit ausstrahlte. Ich konnte stundenlang meine Hände betrachten – Hände, die spielend leicht den unbändigsten aller Männer gezügelt hätten.

Aber jenes starre, starrende alte Gerippe hat falsch Zeugnis von mir abgelegt, während ich unfähig war, die schamlose Verleumdung zurückzuweisen. Darum hasse ich von allen Menschen Sie am meisten! Ich möchte durch ein Traumbild von meiner einstigen lebenswarmen Schönheit auf immer allen Schlaf aus Ihren Augen bannen und mit ihm den ganzen osteologischen Krimskrams, mit dem Ihr Hirn angefüllt ist.“

„Ich könnte bei Ihrem Leibe schwören, wenn Sie ihn noch hätten,“ rief ich aus, „daß auch keine Spur von Osteologie mehr in meinem Kopf ist, und daß das einzige, was ihn jetzt erfüllt, ein strahlendes Bild vollkommener Schönheit ist, das sich leuchtend vom schwarzen Hintergrund der Nacht abhebt. Das ist alles, was ich sagen kann.“

„Ich hatte keine weiblichen Gefährten“, fuhr die Stimme fort. „Mein einziger Bruder war entschlossen, nicht zu heiraten. Im Frauengemach war ich allein. Allein pflegte ich im Garten zu sitzen, im Schatten der Bäume, und zu träumen, daß die ganze Welt in mich verliebt sei; daß die Sterne schlaflos mit durstigen Blicken meine Schönheit tränken, daß der Wind schmachtende Seufzer ausstieße, wenn er unter irgendeinem Vorwande an mir vorbeistrich, und daß der Rasen, auf dem meine Füße ruhten, wenn er Bewußtsein gehabt, es bei ihrer Berührung wieder verloren hätte. Ich träumte, daß alle jungen Männer in der ganzen Welt wie Grashalme zu meinen Füßen lägen; und mein Herz wurde von einer unbestimmten Traurigkeit erfaßt.

Als meines Bruders Freund Schekhar seine medizinischen Studien beendet hatte, wurde er unser Hausarzt. Ich hatte ihn schon oft durch einen Spalt des Vorhangs gesehen. Mein Bruder war ein Sonderling und mochte die Welt nicht mit offenen Augen ansehen. Sie war ihm zu bunt und kraus. Und so rückte er allmählich immer mehr von ihr ab, bis er ganz allein in einer dunklen Ecke saß. Schekhar war sein einziger Freund und daher der einzige junge Mann, den ich je zu sehen bekam. Und wenn ich des Abends im Garten meinen Hof hielt, so war das ganze Heer von eingebildeten Anbetern, die zu meinen Füßen lagen, jeder ein Schekhar. – Hören Sie zu? Woran denken Sie?“

Ich erwiderte mit einem Seufzer: „Ich wünschte eben, ich wäre Schekhar.“

„Warten Sie ein Weilchen. Hören Sie erst die Geschichte zu Ende. Eines Tages, in der Regenzeit, bekam ich Fieber. Der Arzt kam, um nach mir zu sehen. Das war unsre erste Begegnung. Ich lag dem Fenster gegenüber, so daß der rosige Abglanz des Abendhimmels auf mein blasses Antlitz fallen mußte. Als der Doktor eintrat und mich anblickte, versetzte ich mich an seine Stelle und betrachtete mich selbst. Ich sah im herrlichen Abendlicht das zarte blasse Gesicht wie eine welke Blume auf dem weichen, weißen Kissen liegen, während die Locken lose um die Stirn fielen und die schüchtern gesenkten Lider dem ganzen Gesicht einen rührenden Ausdruck gaben.

Der Doktor fragte in zaghaft leisem Tone meinen Bruder: ‚Dürfte ich wohl ihren Puls fühlen?‘

Ich zog ein müdes, schön geformtes Handgelenk unter der Decke hervor. ‚Ach,‘ dachte ich, als ich darauf blickte, ‚könnte ich doch nur ein Saphirarmband daran haben[5].‘ Ich habe nie gesehen, daß ein Doktor sich so ungeschickt anstellte, wenn er den Puls eines Patienten fühlte. Seine Finger zitterten, als sie mein Handgelenk faßten. Er maß mein Fieber und ich seinen Herzschlag. – Glauben Sie mir das nicht?“

„Das glaube ich Ihnen gern,“ sagte ich, „der Herzschlag des Menschen ist verräterisch.“

„Nachdem ich mehrmals erkrankt und wiederhergestellt war, bemerkte ich, daß die Zahl der Höflinge, von denen ich des Abends im Garten träumte, bald auf einen einzigen zusammengeschmolzen war. Und zuletzt bestand meine kleine Welt nur noch aus einem Doktor und einem Patienten.

An solchen Abenden kleidete ich mich heimlich in einen goldgelben Sari, wand um den Knoten, in den ich mein Haar schlang, einen Kranz von weißen Jasminblüten und begab mich, mit einem kleinen Spiegel in der Hand, zu meinem gewohnten Platz unter den Bäumen.

Nun, glauben Sie etwa, daß man es bald müde wird, seine eigene Schönheit anzustaunen? Ach nein! Ich sah mich gar nicht mit meinen eigenen Augen. Ich war damals ein Doppelwesen. Ich sah mich, als ob ich der Doktor wäre; ich starrte mich an, war entzückt, verliebte mich zum Wahnsinn. Aber trotz all der Liebkosungen, mit denen ich mich überhäufte, irrte doch ein Seufzer in meinem Herzen umher, wie der ruhelose Nachtwind.

Jedenfalls war ich von dieser Zeit ab nie mehr allein. Wenn ich ging, beobachtete ich mit gesenkten Lidern das Spiel meiner zarten kleinen Zehen auf der Erde und fragte mich, was der Doktor wohl sagen würde, wenn er es sehen könnte. Am Mittag, wenn die Luft von Sonnenglut erfüllt war und nichts zu hören als hin und wieder der ferne Ruf einer Gabelweihe; wenn draußen an unsrer Gartenmauer der Händler vorüberging mit seinem singenden Ruf: ‚Kauft Ringe, kristallene Ringe!‘, dann breitete ich ein schneeweißes Tuch auf den Rasen und legte mich darauf, den Kopf auf den Arm gestützt. Mit gesuchter Nachlässigkeit ruhte der andere Arm leicht auf dem weichen Tuch, und dann stellte ich mir vor, jemand erblickte mich in dieser wundervollen Pose, ergriffe meine Hand mit beiden Händen ehrfürchtig, drückte einen Kuß auf ihre rosige Fläche und ginge dann langsam fort. – Wie wäre es wenn ich die Geschichte hier enden ließe? Wie würde sie Ihnen gefallen?“

„Das wäre kein schlechter Abschluß“, erwiderte ich nachdenklich. „Sie würde zwar nicht ganz vollständig sein, aber ich könnte ja leicht den Rest der Nacht damit zubringen, sie irgendwie abzurunden.“

„Aber auf diese Weise würde die Geschichte zu ernst. Wo bliebe das Lustige dabei? Und wo bliebe das Skelett mit seinen grinsenden Zähnen?

Lassen Sie mich daher fortfahren. Sobald der Doktor eine kleine Praxis hatte, mietete er im Erdgeschosse unseres Hauses ein Zimmer als Sprechzimmer. Ich befragte ihn damals mitunter im Scherz über Medizinen und Gifte, und wieviel von dieser oder jener Arznei dazu gehören würde, um einen Menschen zu töten. Dieser Gegenstand interessierte ihn, und er wurde beredt. Durch solche Gespräche wurde ich mit dem Gedanken an den Tod vertraut, und so waren Liebe und Tod die beiden Dinge, die meine kleine Welt ausfüllten. – Meine Geschichte ist jetzt bald zu Ende. Es ist nicht viel mehr übrig.“

„Von der Nacht ist auch nicht viel mehr übrig“, murmelte ich.

„Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß der Doktor merkwürdig zerstreut geworden war, und es schien, als ob er mir etwas zu verbergen suchte, dessen er sich schämte. Eines Tages kam er herein. Er war sorgfältiger als gewöhnlich gekleidet und lieh sich meines Bruders Wagen für den Abend.

Ich konnte meine Neugier nicht länger bezwingen und ging hinauf zu meinem Bruder, um zu erfahren, was der Doktor vorhatte. Nachdem ich erst über andere Dinge geredet hatte, fragte ich ihn endlich: ‚Übrigens, Dada[6], wohin will der Doktor heute abend in deinem Wagen?‘

‚In den Tod‘, antwortete mein Bruder kurz.

‚Ach, sag' es mir doch‘, drängte ich. ‚Wohin will er in Wirklichkeit?‘

‚Er will sich verheiraten‘, war die etwas deutlichere Antwort.

‚Ach, wirklich!‘ sagte ich und brach in ein langes, lautes Gelächter aus.

Ich erfuhr allmählich, daß die Braut eine reiche Erbin sei, die dem Doktor ein großes Vermögen mitbringen würde. Aber warum kränkte er mich, indem er mir dies alles verbarg? Hatte ich ihn je gefleht und gebeten, sich nicht zu verheiraten, weil es mir das Herz brechen würde? Man darf den Männern nie trauen. Ich hatte in meinem Leben nur einem einzigen Manne getraut, und nun machte ich diese Entdeckung.

Als der Doktor nach getaner Arbeit hereinkam und im Begriff war aufzubrechen, sagte ich lachend zu ihm: ‚Nun Doktor, Sie wollen sich heute abend verheiraten?‘

Meine Heiterkeit brachte ihn nicht nur aus der Fassung, sie verletzte ihn auch.

‚Aber wie kommt es denn,‘ fuhr ich fort, ‚daß wir keine Illumination und keine Musikkapelle haben?‘

Er erwiderte mit einem Seufzer: ‚Ist eine Hochzeit denn ein so froher Anlaß?‘

Ich brach in ein erneutes Gelächter aus. ‚Nein, nein,‘ rief ich, ‚dies geht wirklich nicht. Hat man je von einer Hochzeit ohne Lichter und Musik gehört?‘

Ich quälte meinen Bruder so sehr, daß er sofort alles bestellte, was zu einer vergnügten Hochzeit gehört.

Die ganze Zeit schwatzte ich in einem fort lustig von der Braut, von dem bevorstehenden Fest und was ich tun wollte, wenn die Braut ins Haus käme. ‚Und, Doktor,‘ fragte ich, ‚werden Sie nun noch fortfahren, den Leuten den Puls zu fühlen?‘ Hahaha! Wenn man auch nicht sehen kann, was in einem Menschen, besonders in einem Mann, vorgeht, so will ich doch darauf schwören, daß meine Worte den Doktor wie Dolchstöße ins Herz trafen.

Die Hochzeitsfeierlichkeit sollte spät am Abend stattfinden. Bevor der Doktor aufbrach, sollte er mit meinem Bruder draußen auf der Terrasse ein Glas Wein trinken, wie sie es alle Tage zu tun pflegten. Der Mond war gerade aufgegangen.

Ich kam lächelnd zu ihnen und sagte: ‚Haben Sie denn Ihre Hochzeit vergessen, Doktor? Es ist Zeit aufzubrechen.‘

Ich muß hier noch eine Kleinigkeit erwähnen. Ich war inzwischen in die Apotheke hinunter gegangen und hatte ein kleines Pulver geholt, das ich unbemerkt in des Doktors Glas geschüttet hatte.

Der Doktor leerte sein Glas auf einen Zug und sagte dann mit vor Erregung erstickter Stimme und mit einem Blick, der mir in die Seele schnitt: ‚Dann muß ich fort.‘

Die Musik begann zu spielen. Ich ging in mein Zimmer und kleidete mich in meine Brautgewänder von Seide und Gold. Ich nahm meine Juwelen und Schmucksachen aus dem verschlossenen Schrank und legte sie alle an; ich malte das rote Abzeichen meiner Frauenwürde auf den Scheitel meines Haares. Und dann bereitete ich mir unter dem Baum im Garten mein Lager.

Es war eine wundervolle Nacht. Der sanfte Südwind küßte die Müdigkeit der Welt hinweg. Der Duft des Jasmins und der Quittenblüten füllte den Garten mit berauschender Freude.

Als die Klänge der Musik leiser und leiser wurden und das Licht des Mondes blasser und blasser; als die Welt mit ihren altvertrauten Vorstellungen von Heim und Verwandten meinem Bewußtsein wie ein Traum zu entschwinden begann, – da schloß ich die Augen und lächelte.

Ich glaubte, daß, wenn die Leute kommen und mich finden würden, jenes Lächeln noch auf meinen Lippen weilen würde wie die Spur von rotem Wein, daß ich jenes Lächeln mit mir nehmen und daß es mein Antlitz verklären würde, wenn ich so hinüberschlummerte in mein ewiges Brautgemach. Aber ach, wo blieb das Brautgemach? Wo die Brautgewänder von Seide und Gold? Als ich von einem rasselnden Geräusch in mir erwachte, fand ich drei kleine Buben, die an meinem Skelett Osteologie lernten. Wo einst in meinem Busen Freude und Leid pochten und die Blütenknospen der Jugend sich eine nach der andern erschlossen, da war jetzt der Lehrer geschäftig mit seinem Zeigestock und zählte meine Knochen auf. Und jenes letzte Lächeln, das ich mir so sorgfältig einstudiert hatte, haben Sie davon eine Spur bemerkt?

Nun, sagen Sie mir, wie gefällt Ihnen die Geschichte?“

„Sie war wundervoll“, sagte ich.

In diesem Augenblick begann der Hahn zu krähen. „Sind Sie noch da?“ fragte ich. Niemand antwortete. Durchs Fenster dämmerte der Morgen.


DER HÜTER DES ERBES

I

BRINDABAN Kundu kam wütend zu seinem Vater und sagte: „Ich gehe jetzt auf der Stelle fort.“

„Du elendes, undankbares Geschöpf!“ rief der Vater, Dschagannath Kundu, verächtlich. „Wenn du mir alles bezahlt hast, was ich für deine Nahrung und Kleidung ausgegeben habe, dann ist es Zeit, so großartig zu tun.“

Die Nahrung und Kleidung, die es in Dschagannaths Hause zu geben pflegte, hatte nicht viel kosten können. Unsere alten Weisen wußten mit unglaublich wenig auszukommen. Dschagannaths Lebensweise zeigte, daß sein Ideal in dieser Beziehung dem ihren nicht nachgab. Wenn er es ihnen nicht ganz gleichtun konnte, so war zum Teil die Abhängigkeit von der entarteten Gesellschaft um ihn herum schuld daran, zum Teil waren es gewisse unvernünftige Forderungen der Natur, bei ihrem Bestreben, Leib und Seele zusammenzuhalten.

Solange Brindaban noch nicht verheiratet war, ging die Sache ganz gut, aber nach seiner Verheiratung fing er an, dem Ideal seines Vaters untreu zu werden. Es war klar, daß des Sohnes Begriffe von Wohlsein sich immer mehr vom Geistigen ab dem Materiellen zuwandten und in das Fahrwasser der verderbten Welt gerieten. Er wollte das Unbehagen, das ihm Hitze und Kälte, Hunger und Durst verursachten, nicht länger geduldig hinnehmen. Das Minimum, das er an Nahrung und Kleidung brauchte, wuchs zusehends.

Vater und Sohn gerieten immer häufiger aneinander. Endlich wurde Brindabans Frau ernstlich krank, und ein Landarzt wurde gerufen. Aber als der Doktor eine teure Medizin für die Kranke verordnete, nahm Dschagannath dies als einen offenbaren Beweis seiner Unfähigkeit und wies ihm ohne weiteres die Tür. Zuerst flehte Brindaban seinen Vater an, die Behandlung doch nicht abzubrechen, dann wurde er heftig und machte ihm Vorwürfe, aber es half alles nichts. Als seine Frau starb, schalt und schmähte er seinen Vater und nannte ihn einen Mörder.

„Unsinn!“ sagte der Vater. „Sterben die Menschen denn nicht auch, wenn sie alle möglichen Medizinen verschlucken? Wenn teure Medizinen das Leben retten können, wie kommt es da, daß Könige und Kaiser nicht unsterblich sind? Du erwartest doch wohl nicht, daß deine Frau mit mehr Pomp und Feierlichkeit sterben soll als deine Mutter und deine Großmutter?“

Wäre Brindaban nicht von Kummer überwältigt und zum Denken ganz unfähig gewesen, so hätten ihm diese Worte wirklich einigen Trost geben können. Weder seine Mutter noch seine Großmutter hatten Medizin genommen, bevor sie dieser Welt Valet sagten, und so war es altehrwürdige Gewohnheit in der Familie. Aber ach, die jüngere Generation wollte nicht mehr nach dieser alten Gewohnheit sterben! Die Engländer waren zu der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, erst ins Land gekommen. Die guten alten rechtgläubigen Leute waren damals entsetzt über die gottlose Art der neuen Generation; sie hockten stumm in ihrem Winkel und versuchten, aus ihren langen Wasserpfeifen Trost zu saugen.

Kurz und gut, der moderne Brindaban sagte zu seinem alten Kauz von Vater: „Ich gehe auf der Stelle.“

Der Vater war sogleich einverstanden und tat feierlich den Wunsch: Sollte er in Zukunft seinem Sohne je einen einzigen Heller geben, so möchten die Götter ihm diese Tat anrechnen, als ob er das heilige Blut von Kühen vergossen hätte. Brindaban wünschte gleicherweise: Sollte er je etwas von seinem Vater annehmen, so möchte ihm diese Tat wie ein Muttermord angerechnet werden.

Für die Leute im Dorf war diese kleine Revolution eine erlösende Abwechslung in dem ewigen Einerlei ihres Lebens. Und als Dschagannath seinen Sohn enterbte, tat jeder sein Bestes, um ihn zu trösten. Nur in einer so entarteten Zeit konnte es geschehen, daß jemand sich um eines Weibes willen mit seinem Vater entzweite – darin waren sich alle einig. Und sie gaben auch einen sehr einleuchtenden Grund für ihre Ansicht: „Wenn einem sein Weib stirbt,“ sagten sie, „so kann er sich gleich ein anderes suchen. Aber wenn ihm sein Vater stirbt, so kann er nicht für Geld oder gute Worte einen anderen bekommen, der an seine Stelle träte.“ Ihre Logik war zweifellos richtig, aber es ist zu vermuten, daß die gänzliche Aussichtslosigkeit, einen anderen Vater zu bekommen, den mißleiteten Sohn nicht sehr bekümmerte. Im Gegenteil.

Auch dem Alten wurde die Trennung von Brindaban nicht schwer. Zunächst einmal wurden die Haushaltsausgaben durch seine Abwesenheit geringer. Und dann wurde der Vater auch von einer großen Angst befreit, die ihn immer verfolgt hatte: von der Angst, sein Sohn und Erbe könne ihn eines Tages vergiften. Wenn er sein kärgliches Mahl aß, hatte er den Gedanken an Gift nie loswerden können. Nach dem Tode seiner Schwiegertochter hatte diese Angst sich etwas gemindert, und jetzt, da der Sohn fort war, verschwand sie ganz.

Aber es gab eine weiche Stelle im Herzen des alten Mannes. Brindaban hatte einen vierjährigen Sohn, Gokul Tschandra, mit sich genommen. Nun waren die Kosten für den Unterhalt des Kindes verhältnismäßig gering und konnten daher Dschagannaths Liebe zu ihm keinen Abbruch tun. Doch wenn sein Kummer, als Brindaban den Kleinen mit sich nahm, auch aufrichtig war, so mischte sich doch die Berechnung hinein, wieviel er monatlich durch die Abwesenheit der beiden sparen würde, wieviel das in einem Jahr ausmachte und welches Kapital dazu gehören würde, um die gleiche Summe an Zinsen einzubringen.

Aber es wurde dem Alten immer schwerer, in dem leeren Hause, in dem kein Gokul Tschandra mehr Unfug trieb, zu leben. Jetzt war niemand mehr da, der ihm Streiche spielte, während er seine Gebete sprach, niemand, der ihm sein Essen wegriß und es aufaß, niemand, der mit seinem Tintenfaß davonlief, wenn er seine Rechnungsabschlüsse machte. Der gewohnheitsmäßige Gang seines täglichen Lebens, der nun durch nichts mehr unterbrochen wurde, wurde ihm zur unerträglichen Last. Er fand, daß man solchen ungestörten Frieden nur in der künftigen Welt ertragen könnte. Wenn er die Löcher erblickte, die sein Enkel in seine Bettdecke gerissen hatte, oder die Tintenzeichnungen auf seiner Binsenmatte, die von demselben Künstler herrührten, so wurde ihm das Herz schwer vor Kummer. Einst hatte er dem Jungen bittere Vorwürfe gemacht, daß er sein Lendentuch in der kurzen Zeit von zwei Jahren zerrissen hatte; jetzt traten Dschagannath die Tränen in die Augen, als er da im Schlafzimmer stand und die schmutzigen Überreste anstarrte. Er verwahrte sie sorgfältig in seiner Lade und tat ein feierliches Gelübde: sollte Gokul je zurückkommen, so wollte er nicht schelten, und wenn er auch jedes Jahr ein Lendentuch aufbrauchte.

Aber Gokul kehrte nicht zurück, und der arme Dschagannath alterte sehr schnell. Sein leeres Haus erschien ihm mit jedem Tage leerer.

Der alte Mann hielt es nicht mehr still zu Hause aus. Selbst in der Mittagszeit, wenn alle ehrbaren Leute im Dorf ihre Mittagsruhe genossen, dann sah man Dschagannath durchs Dorf wandern, die lange Pfeife in der Hand. Die Knaben hörten auf zu spielen, wenn sie ihn sahen, sie zogen sich geschlossen in sichere Entfernung zurück und sangen einen Vers, den ein Dorfdichter verfaßt hatte und der die sparsamen Gewohnheiten des alten Herrn pries. Niemand wagte es, seinen wirklichen Namen zu nennen, aus Furcht, an dem Tage fasten zu müssen[7], und so legten die Leute ihm andere Namen bei. Die älteren Leute nannten ihn Dschagannasch[8], aber die jüngere Generation nannte ihn einen Vampyr. Vielleicht hatte die blutlose, vertrocknete Haut des Alten eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit der eines Vampyrs.

II

EINES Nachmittags, als Dschagannath wie gewöhnlich die von Mangobäumen überschatteten Dorfstraßen durchstreifte, sah er einen Knaben, augenscheinlich einen Fremden, der die Hauptmannschaft über die Dorfknaben an sich gerissen hatte und ihnen den Plan eines neuen Streiches auseinandersetzte. Durch die Energie seines Charakters und die verblüffende Neuheit seiner Ideen gewonnen, hatten die Knaben ihm alle als ihrem Oberhaupt gehuldigt. Im Gegensatz zu den andern lief er nicht vor dem alten Mann davon, sondern ging dicht zu ihm heran und schüttelte aus seinem Tschadar[9] eine lebendige Eidechse, die auf den Alten sprang, an seinem Rücken hinablief und schnell ins Gebüsch huschte. Der arme Mann zitterte vor Schreck am ganzen Leibe, zur großen Belustigung der andern Knaben, die vor Freude jubelten. Dschagannath ging scheltend und fluchend davon. Doch er war noch nicht weit gegangen, als der Gamtscha[10] plötzlich von seiner Schulter verschwand, und im nächsten Augenblick sah man ihn auf dem Kopf des fremden Jungen, in einen Turban verwandelt.

Die neuen Aufmerksamkeiten dieses Bürschchens wirkten befreiend auf Dschagannath. Es war lange her, seit irgendein Junge sich so etwas bei ihm herausgenommen hatte. Nach vielem guten Zureden und allerlei schönen Versprechungen gelang es ihm endlich, den Knaben zu bewegen, zu ihm heranzukommen, und nun entspann sich folgendes Gespräch zwischen ihnen:

„Wie heißt du, mein Junge?“

„Nitai Pal.“

„Wo wohnst du?“

„Das sage ich nicht.“

„Wer ist dein Vater?“

„Das sage ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil ich von Hause fortgelaufen bin.“

„Warum hast du das getan?“

„Mein Vater wollte mich zur Schule schicken.“

Es schien Dschagannath eine unnütze Geldverschwendung, solchen Knaben zur Schule zu schicken, und er sagte sich, der Vater müsse ein ganz unpraktischer Mann sein, daß er dies nicht eingesehen hatte.

„Hör' mal, mein Junge,“ sagte Dschagannath, „möchtest du wohl mit mir kommen und bei mir bleiben?“

„Meinetwegen“, sagte der Junge. Und sogleich richtete er sich bei Dschagannath häuslich ein, ohne die mindesten Bedenken, als ob das Haus der Schatten eines Baumes an der Straße gewesen wäre. Und nicht nur das. Er begann seine Wünsche in bezug auf Nahrung und Kleidung mit solcher kühlen Ruhe zu äußern, als ob er die Rechnung im voraus bezahlt hätte; und wenn irgend etwas nicht in Ordnung war, machte er sich gar kein Gewissen daraus, mit dem Alten zu zanken. Es war Dschagannath leicht genug gewesen, sein eigenes Kind im Zaum zu halten, aber jetzt, wo es sich um ein fremdes Kind handelte, mußte er die Waffen strecken.

III

DIE Leute im Dorf waren erstaunt, daß Dschagannath sich plötzlich so viel aus dem fremden Jungen machte. Sie waren sicher, daß das Ende des Alten nahe sei, und sie empfanden es schmerzlich, daß er sein ganzes Eigentum diesem hergelaufenen Schlingel vermachen würde. Wütend vor Neid hätten sie dem Knaben gern ein Leid angetan, aber der Alte hütete ihn wie seinen Augapfel.

Mitunter drohte der Junge, er wolle fortgehen, und dann suchte der Alte ihn mit dem Versprechen zu locken, er wolle ihm sein ganzes Eigentum hinterlassen. So klein der Knabe auch noch war, so verstand er doch schon vollkommen die Größe dieses Versprechens.

Nun begannen die Dorfbewohner nach dem Vater des Knaben zu forschen. Das Herz schmolz ihnen vor Mitleid mit den geängstigten Eltern, und sie erklärten, der Sohn müsse ein ganz gottloser Bube sein, daß er ihnen solch Leid zufügte. Sie häuften Schmähungen auf sein Haupt, aber die Wut, mit der sie es taten, verriet eher Neid als Gerechtigkeitssinn.

Eines Tages hörte der alte Mann von einem Wanderer, daß ein gewisser Damodar Pal seinen verlorenen Sohn suche und jetzt eben in diese Gegend komme. Als Nitai dies hörte, wurde er sehr unruhig; er wollte Reichtum Reichtum sein lassen und davonlaufen. Dschagannath beruhigte ihn: „Ich will dich verstecken, wo niemand dich finden kann, selbst die Leute im Dorfe nicht“, sagte er.

Dies reizte die Neugier des Knaben, und er fragte: „O, wo denn? Zeig mir schnell den Platz!“

„Wenn ich ihn dir jetzt zeige, merken es die Leute. Warte, bis es Nacht ist“, sagte Dschagannath.

Die Aussicht auf das geheimnisvolle Versteck entzückte den Knaben. Er malte sich aus, wie er, sobald sein Vater ohne ihn fortgegangen sein würde, mit seinen Kameraden Verstecken spielen und eine Wette machen wollte. Niemand würde ihn finden können. Wäre das nicht ein Spaß? Und daß auch sein Vater das ganze Dorf durchsuchen würde, ohne ihn zu finden – welch ein Hauptspaß!

Am Mittag schloß Dschagannath den Knaben in seinem Hause ein und verschwand auf einige Zeit. Als er wieder zurückkam, plagte ihn Nitai mit Fragen.

Sobald es dunkel war, sagte Nitai: „Großvater, gehen wir jetzt?“

„Erst muß es Nacht sein“, erwiderte Dschagannath.

Nach einer kleinen Weile rief der Knabe: „Jetzt ist es Nacht, Großvater; komm, laß uns gehen.“

„Die Leute im Dorf sind noch nicht zu Bett“, flüsterte Dschagannath.

Nitai wartete einen Augenblick, dann sagte er wieder: „Jetzt sind sie zu Bett, Großvater, ganz gewiß. Laß uns jetzt gehen!“

Die Nacht rückte vor. Der Schlaf legte sich schwer auf die Lider des armen Jungen, und er mußte gewaltige Anstrengungen machen, um wach zu bleiben. Um Mitternacht ergriff Dschagannath des Knaben Arm und verließ das Haus. Sie tasteten sich durch die dunklen Straßen des schlafenden Dorfes. Kein Laut unterbrach die Stille, nur ab und zu heulte irgendwo ein Hund, und dann stimmten alle Hunde ringsum im Chor ein; oder ein Nachtvogel, der durch den Laut von Menschentritten zu dieser ungewohnten Stunde aufgeschreckt war, flatterte dicht an ihnen vorbei. Nitai zitterte vor Angst und klammerte sich an Dschagannaths Arm.

Sie durchquerten manches Feld, und endlich kamen sie an ein Sumpfdickicht, wo ein verfallener leerer Tempel stand. „Ach, hier ist es!“ rief Nitai enttäuscht. Er hatte sich den Ort ganz anders gedacht. Hierbei war nichts besonders Geheimnisvolles. Wie oft hatte er, seit er von Hause fortgelaufen war, die Nacht in solchem verlassenen Tempel zugebracht. Es war zwar ein ganz guter Ort zum Versteckenspielen, aber es war doch leicht möglich, daß seine Kameraden ihn hier aufstöberten.

Dschagannath trat hinein und hob von der Mitte der Diele eine Steinfliese. Der erstaunte Knabe erblickte einen unterirdischen Raum, in dem eine Lampe brannte. Furcht und Neugierde kämpften in seinem kleinen Herzen. Dschagannath stieg auf einer Leiter hinab, und Nitai folgte ihm.

Als der Knabe sich umsah, sah er rings an den Wänden lauter eherne Krüge. In der Mitte lag ein Gebetteppich ausgebreitet, und davor waren Zinnober, Sandelpaste, Blumen und andere Dinge, die man zur Pudscha[11] brauchte, bereitgelegt. Um seine Neugier zu befriedigen, langte der Knabe in einen der Krüge und nahm etwas von dem Inhalt heraus. Es waren Rupien und Goldmünzen.

Dschagannath wandte sich zu dem Knaben. „Ich habe dir gesagt, Nitai, daß ich dir all mein Geld geben würde. Ich habe nicht viel, diese Krüge sind alles, was ich besitze. Diese will ich dir heute übergeben.“

Der Knabe sprang hoch vor Freude. „Alle?“ rief er. „Du nimmst mir aber auch keine einzige Rupie wieder davon weg, nicht wahr?“

„Wenn ich das tue,“ sagte der alte Mann in feierlichem Ton, „so möge meine Hand aussätzig werden. Aber ich stelle dir eine Bedingung. Wenn jemals mein Enkel, Gokul Tschandra, oder sein Sohn oder sein Enkel oder Urenkel oder irgendeiner seiner Nachkommen des Weges hierher kommen sollte, so mußt du ihm oder ihnen alles bis auf die letzte Rupie übergeben.“

Der Knabe dachte, der Alte rede irre. „Gut“, erwiderte er.

„So setze dich auf diesen Teppich“, sagte Dschagannath.

„Warum?“

„Weil dir Pudscha erwiesen werden muß.“

„Aber wozu?“ fragte der Knabe bestürzt.

„Das ist so die Vorschrift.“

Der Knabe hockte auf dem Teppich nieder, wie ihm gesagt war. Dschagannath bestrich seine Stirn mit Sandelpaste, machte ihm ein rotes Mal zwischen die Augenbrauen, legte ihm einen Blumenkranz um den Nacken und begann, Zaubersprüche herzusagen.

Dem armen Nitai war sehr bang zumute, als er so dasaß wie ein Gott und die Zaubersprüche anhörte. „Großvater“, flüsterte er.

Aber Dschagannath antwortete nicht, sondern fuhr fort, seine Zaubersprüche zu murmeln.

Zum Schluß schleppte er mit großer Mühe die Krüge, einen nach dem andern, vor den Knaben hin und ließ ihn das folgende Gelübde nachsprechen:

„Ich verspreche feierlich, daß ich diesen ganzen Schatz Gokul Tschandra Kundu, dem Sohn Brindaban Kundus, dem Enkel Dschagannath Kundus, übergeben werde, oder dem Sohn oder Enkel oder Urenkel des genannten Gokul Tschandra Kundu oder irgendeinem seiner Nachkommen oder rechtmäßigen Erben.“

Der Knabe wiederholte diese Worte immer wieder bei jedem Krug, bis er ganz betäubt und seine Zunge wie gelähmt war. Als die Zeremonie zu Ende war, war die Luft in der Höhle ganz dick von dem Rauch der irdenen Lampe und dem Atemgift der beiden. Dem Knaben war der Gaumen trocken wie Staub, und alle seine Glieder brannten ihm. Er erstickte fast.

Die Lampe wurde trüber und trüber und ging dann ganz aus. In der vollständigen Dunkelheit, die nun folgte, konnte Nitai hören, wie der Alte die Leiter hinaufkletterte. „Großvater, wohin gehst du?“ rief er angstvoll.

„Ich gehe jetzt fort,“ erwiderte Dschagannath, „du bleibst hier. Niemand wird dich finden. Vergiß nicht den Namen Gokul Tschandra, Sohn Brindabans und Enkel Dschagannaths.“

Dann zog er die Leiter fort. Mit angsterstickter Stimme flehte der Knabe: „Ich möchte zurück zu meinem Vater!“

Dschagannath legte die Steinplatte wieder an ihren Platz. Dann kniete er nieder und legte sein Ohr an den Stein. Er hörte noch einmal Nitais Stimme: „Vater“ – dann kam ein Geräusch, als ob ein schwerer Gegenstand zu Boden fiel – dann war alles still.

Nachdem Dschagannath so seinen Reichtum einem Yak[12] übergeben hatte, begann er, den Stein mit Erde zuzudecken. Dann häufte er zerbrochene Mauersteine und losen Mörtel darüber. Obenauf pflanzte er Grasbüschel und Waldgewächse. Die Nacht war fast vergangen, aber er konnte sich nicht von dem Orte losreißen. Immer wieder legte er sein Ohr an den Boden und horchte. Es war ihm, als ob von tief, tief unten – aus dem Innern der Erde herauf – ein Wehklagen ertönte. Es war ihm, als ob der Nachthimmel von diesem einen Laut überflutet wäre, als ob die ganze Menschheit, vom Schlummer aufgeschreckt, sich in ihrem Bett aufrichtete und horchte.

Der Alte häufte wie rasend Erde auf Erde auf den Stein. Er wollte jenen Ton irgendwie ersticken, aber immer kam es ihm vor, als hörte er „Vater!“

Er schlug mit aller Kraft auf den Boden und rief: „Sei still, sonst hören dich die Leute!“ Aber immer noch glaubte er den Ruf „Vater“ zu hören.

Die Sonne erleuchtete den östlichen Horizont. Da verließ Dschagannath den Tempel und kam hinaus aufs freie Feld.

Doch auch da rief plötzlich jemand: „Vater!“ Erschrocken wandte er sich um und sah seinen Sohn dicht hinter sich.

„Vater,“ sagte Brindaban, „ich höre, daß mein Junge sich in deinem Hause verbirgt. Ich muß ihn wiederhaben.“

Mit weitaufgerissenen Augen und verzerrtem Mund beugte der Alte sich vor und rief: „Dein Junge?“

„Ja, mein Gokul. Er heißt jetzt Nitai Pal, und ich selbst nenne mich Damodar Pal. Dein ‚Ruhm‘ hat sich in der Nachbarschaft so weit verbreitet, daß ich unsere Herkunft verbergen mußte, weil die Menschen sich sonst geweigert hätten, unseren Namen auszusprechen.“

Langsam hob der alte Mann beide Arme über den Kopf. Seine Finger begannen sich krampfartig zu bewegen, als ob er versuchte, nach irgend etwas in der Luft zu greifen. Dann fiel er zu Boden.

Als er wieder zur Besinnung kam, zog er seinen Sohn nach dem verlassenen Tempel. Als sie beide drinnen waren, sagte er: „Hörst du irgend etwas klagen?“

„Nein“, sagte Brindaban.

„Höre einmal scharf hin! Hörst du nicht jemanden ‚Vater‘ rufen?“

„Nein.“

Dies schien ihn sehr zu erleichtern.

Von diesem Tage an pflegte er umherzugehen und die Leute zu fragen: „Hört ihr nicht etwas klagen?“ Sie lachten über den kindischen Alten.

Etwa vier Jahre später lag Dschagannath im Sterben. Als das Licht der Welt allmählich seinen Augen entschwand und das Atmen ihm immer schwerer wurde, richtete er sich plötzlich wie im Fieberwahn auf. Er warf beide Hände in die Luft, als ob er nach etwas tastete, und murmelte: „Nitai, wer hat mir die Leiter weggenommen?“

Unfähig, die Leiter zu finden, um aus seinem furchtbaren Kerker herauszuklettern, wo kein Licht zu sehen und keine Luft zum Atmen war, fiel er auf sein Lager zurück und entschwand in jene Region, wo noch niemals jemand gefunden wurde im ewigen Versteckspiel der Welt.

Ereignisse, wie das in dieser Geschichte erzählte, die jetzt glücklicherweise der Vergangenheit angehören, waren früher in Bengalen durchaus nicht selten. Unser Dichter weicht jedoch etwas von den landläufigen Berichten ab. Geizige Menschen nahmen zu solchem abergläubischen Treiben ihre Zuflucht, um selbst in einer zukünftigen Existenz wieder in den Besitz des Schatzes zu kommen. „Wenn du mich in einer künftigen Existenz des Weges kommen siehst“, so lautete die gewöhnliche Formel des Auftrages, den man dem Opfer mitgab, bevor es zum „Yak“ wurde, „mußt du mir diesen ganzen Schatz übergeben. Bewahre ihn bis dahin und rühre dich nicht!“ In unserer Kindheit hörten wir viele „wahre“ Geschichten von Leuten, die plötzlich reich geworden waren durch die Begegnung mit solchen geisterhaften Wächtern ihres Reichtums aus einer früheren Existenz.