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Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen cover

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen

Chapter 14: I
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About This Book

A collection of short narratives depicts ordinary lives in small communities, tracing moments of longing, regret, and quiet revelation. Each story concentrates on intimate encounters and moral tensions born of social expectation and personal desire. The tone moves between wistful lyricism and restrained irony while vivid domestic and natural imagery grounds the scenes. Varied in form and length, the pieces emphasize interior psychology and the subtleties of human feeling. Together they offer compact, emotionally rich sketches that probe compassion, loneliness, and the compromises of everyday existence.

DIE ÄLTERE SCHWESTER

I

NACHDEM Tara den andern Frauen des Dorfes ausführlich berichtet, welch bösen, tyrannischen Gatten ihre unglückliche Nachbarin habe, und alle seine Missetaten aufgezählt hatte, sprach sie ihm kurz und bündig das Urteil: „Möge Feuer solchem Manne die Zunge verbrennen!“

Diese Worte verletzten Dschoygopal Babus Frau; es geziemte einem Weibe unter keinen Umständen, ein anderes Feuer als das einer Zigarre in eines Gatten Mund zu wünschen.

Als sie daher jenem Urteil sanft widersprach, rief die hartherzige Tara mit doppelter Heftigkeit: „Ich wollte lieber in sieben Leben nacheinander Witwe werden als die Frau eines solchen Mannes.“ Und damit hob sie die Versammlung auf und ging fort.

Sasi dachte bei sich: Ich kann mir keine Kränkung von seiten eines Gatten vorstellen, die das Herz so verhärten könnte. Und wie sie darüber nachdachte, wallte all die Zärtlichkeit ihres liebenden Herzens für ihren eigenen Gatten, der jetzt fern war, in ihr auf. Sie warf sich mit ausgestreckten Armen auf die Seite des Bettes, wo ihr Gatte zu liegen pflegte, sie küßte das leere Kissen und sog den Duft seines Hauptes ein. Dann schloß sie die Tür, holte aus einem hölzernen Kästchen eine alte, fast ganz verblichene Photographie mit seinen Schriftzügen und saß lange da, in Anschaun versunken. So verbrachte sie die stille Mittagszeit, allein in ihrem Zimmer, alten Erinnerungen hingegeben, und manch heiße Sehnsuchtsträne rann über ihr Antlitz.

Die Ehe zwischen Sasikala und Dschoygopal war nicht mehr jung. Sie waren früh verheiratet und hatten Kinder. Die lange Gewohnheit des Umgangs hatte ihr Leben in gemächlicher Alltäglichkeit dahinfließen lassen. Auf keiner Seite hatte sich je eine Spur großer Leidenschaft gezeigt. Sie hatten sechzehn Jahre ununterbrochen zusammen gelebt, als ihr Gatte plötzlich aus geschäftlichen Gründen von Hause abgerufen wurde, und nun erwachte ein starkes Liebesbedürfnis in Sasis Herzen. Da die Trennung das Band zwischen ihnen straffer spannte, zog sich der Knoten noch fester, und die Leidenschaft, die Sasi bisher gar nicht in sich gespürt hatte, preßte ihr das Herz jetzt schmerzhaft zusammen.

So geschah es, daß Sasi nach so vielen langen Jahren, in ihrem Alter und obgleich sie längst Mutter von Kindern war, an diesem Frühlingsmittag auf ihrem vereinsamten Ehebett liegend, den süßen Traum bräutlicher Jugend zu träumen begann; die Musik jener Liebe, die sie bisher nie vernommen hatte, drang plötzlich an ihr Ohr und spann sie in ihren Zauber ein wie der murmelnde Sang eines Flusses. Sie wanderte den Fluß hinauf und sah an beiden Ufern manch goldenen Palast und manchen schattigen Hain; aber ihr Fuß fand unter den entschwundenen Glückshoffnungen keinen Halt mehr. Da sagte sie sich, daß, wenn ihr Gatte erst zurückkäme, ihr Leben nicht wieder so leer dahinrinnen, daß der Frühling nicht wieder vergeblich an ihre Tür klopfen sollte. Wie oft hatte sie mit müßigem Streit und kleinlichem Zank ihren Gatten gequält! Mit der ganzen Einfalt eines reuigen Herzens gelobte sie sich, ihm nie wieder Ungeduld zu zeigen, niemals sich seinen Wünschen zu widersetzen, alle seine Befehle gehorsam hinzunehmen und in allem, im Guten wie im Bösen, mit liebevollem Herzen seinen Willen zu tun; denn für sie war der Gatte das Ein und Alles, der höchste Gegenstand der Liebe, ja, ein Gott.

Sasikala war die einzige Tochter und das Schoßkind ihrer Eltern. Darum machte Dschoygopal, der selbst nur ein kleines Vermögen hatte, sich keine Sorgen um die Zukunft. Sein Schwiegervater hatte genug, daß sie in einem Dorfe mit fürstlichem Aufwand leben konnten.

Da wurde Sasikalas Vater noch in seinem Alter ein Sohn geboren. Man muß gestehen, daß Sasi von diesem unerwarteten unschicklichen und ungerechten Benehmen ihrer Eltern sehr schmerzlich berührt war, und auch Dschoygopal war nicht gerade erfreut darüber.

Die ganze Liebe der Eltern richtete sich jetzt auf diese späte Frucht ihres Alters, und als der neuangekommene, winzige, schläfrige Schwager mit seinen beiden schwachen kleinen Fäustchen alle Hoffnungen und Erwartungen Dschoygopals an sich riß, da nahm dieser eine Stelle in einem Teegarten in Assam an.

Seine Freunde rieten ihm dringend, doch mehr in der Nähe Beschäftigung zu suchen, aber sei es nun aus einem allgemeinen Gefühl des Grolls oder weil er die guten Aussichten auf schnelles Emporkommen in einem Teegarten kannte, Dschoygopal wollte auf niemanden hören. Er schickte Frau und Kinder zu seinem Schwiegervater und reiste nach Assam. Es war die erste Trennung der Gatten, seit sie verheiratet waren.

Dies Ereignis machte Sasikala sehr zornig auf ihren kleinen Bruder. Der Groll, der nicht über die Lippen kommen darf, frißt um so mehr am Herzen. Wenn der kleine Bursche nach Herzenslust sog und schlief, fand seine große Schwester hundert Gründe zur Unzufriedenheit. Bald war der Reis kalt, oder die Knaben kamen zu spät zur Schule, oder was es sonst war. Tag und Nacht plagte sie sich und andere mit ihren ärgerlichen Launen.

Aber nach kurzer Zeit starb die Mutter des Kindes. Vor ihrem Tode übergab sie den kleinen Sohn der Sorge ihrer Tochter.

Da eroberte das mutterlose Kind schnell das Herz seiner Schwester. Laut schreiend streckte er seine Ärmchen nach ihr aus und versuchte mit aller Anstrengung ihren Mund, Nase und Augen in sein eigenes kleines Mäulchen zu bekommen; er packte mit seinen kleinen Fäustchen ihr Haar und wollte es nicht wieder loslassen; wenn er vor Tagesanbruch erwachte, wälzte er sich zu ihr hinüber, und sie fühlte die wohlige Wärme seines Körperchens und hörte seinem Lallen wie dem Plätschern eines Bächleins zu; später nannte er sie Dschidschi und Dschidschima und tyrannisierte sie ganz regelrecht, indem er bald verbotene Dinge tat, bald von verbotenen Speisen naschte, bald an verbotene Orte lief. Da konnte Sasi ihm nicht länger widerstehen. Sie ergab sich bedingungslos diesem eigenwilligen kleinen Tyrannen. Seit das Kind keine Mutter mehr hatte, hatte es Macht über sie bekommen.

II

DER Name des Knaben war Nilmani. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein Vater ernstlich krank. Dschoygopal erhielt einen Brief mit der Bitte, so schnell wie möglich zu kommen. Als er mit viel Mühe Urlaub erhalten hatte und ankam, lag Kaliprasanna schon im Sterben.

Vor seinem Tode übergab er seinen Sohn der Sorge Dschoygopals und vermachte seiner Tochter den vierten Teil seines Besitzes.

Nun gab Dschoygopal seine Stellung auf und kam nach Hause, um nach seinem Eigentum zu sehen.

Nach langer Trennung sahen sich die Gatten wieder. Wenn irgendein Ding zerbricht, so kann man die Teile wieder zusammenfügen. Aber wenn zwei Menschen getrennt werden, so fügen sie sich nach langer Trennung nie wieder an derselben Stelle und zur gleichen Zeit zusammen; denn die Seele ist ein lebendes Wesen und wächst und wandelt sich jeden Augenblick.

In Sasi weckte die Wiedervereinigung neue Gefühle. Die Erstarrung jahrelanger Gewohnheit in der früheren Zeit ihrer Ehe war durch die Sehnsucht der Trennungszeit gänzlich gelöst, und es war ihr jetzt, als ob ihr der Gatte enger als je wieder verbunden würde. Hatte sie sich doch im Herzen gelobt: was für Tage auch kommen und wie lange sie auch dauern möchten, nie sollte der Glanz dieser Liebe zu ihrem Gatten sich trüben.

Dschoygopal jedoch empfand anders bei dieser Wiedervereinigung. Als sie früher beständig zusammengewesen waren, hatten ihn seine Interessen und Eigenheiten an sein Weib gebunden. Sie war damals eine lebendige Wahrheit in seinem Leben, und das Gewebe seiner täglichen Gewohnheiten hätte einen großen Riß bekommen, wenn sie plötzlich gefehlt hätte. Daher fühlte er sich, als er zuerst sein Heim verließ, ganz verloren. Aber mit der Zeit wurde dieser Riß in seiner Gewohnheit durch eine neue Gewohnheit wieder zugeflickt.

Und dies war nicht alles. Früher hatte er ganz sorglos und träge dahingelebt. In den letzten beiden Jahren war der Trieb, seine Lage zu verbessern, in ihm so mächtig geworden, daß er an nichts anders dachte. In der Heftigkeit dieser neuen Leidenschaft schien ihm sein früheres Leben wie ein wesenloser Schatten. In der Natur der Frau werden die größten Veränderungen durch die Liebe bewirkt, in der des Mannes durch den Ehrgeiz.

Als Dschoygopal nach zwei Jahren zurückkehrte, fand er, daß seine Frau nicht ganz dieselbe geblieben war. Ihr Leben hatte durch seinen kleinen Schwager an Umfang gewonnen. Dieser Teil ihres Lebens war ihm ganz fremd – hier hatte er keine Gemeinschaft mit seinem Weibe. Sie gab sich alle Mühe, ihn an ihrer Liebe für das Kind teilnehmen zu lassen, aber man kann nicht sagen, daß es ihr gelang. Sasi kam wohl mit dem Kinde auf dem Arm zu ihm und hielt es ihm lächelnd entgegen – aber Nilmani umklammerte Sasis Nacken und verbarg sein Gesicht an ihrer Schulter und wollte von der andern Verwandtschaft nichts wissen. Sasi wollte, daß ihr kleiner Bruder Dschoygopal all die Künste vormachte, womit er die Herzen zu gewinnen pflegte. Aber Dschoygopal lag gar nichts daran. Wie konnte das Kind dann Lust dazu haben? Dschoygopal konnte gar nicht begreifen, was an diesem dickköpfigen Kinde mit dem ernsten, bräunlichen Gesicht sei, daß man so viel Liebe an ihn verschwenden solle.

Frauen verstehen solche Dinge schnell. Sasi verstand sofort, daß Dschoygopal Nilmani nicht leiden mochte. Und von nun an hielt sie ihren Bruder sorgfältig im Hintergrund, um ihn vor dem lieblosen, abweisenden Blick ihres Mannes zu schützen. So wurde das Kind für sie ein heimlich gehüteter Schatz, der Gegenstand ihrer einsamen Liebe.

Dschoygopal war sehr ärgerlich, wenn Nilmani schrie; daher suchte Sasi das Kind immer schnell zu beruhigen, indem sie es zärtlich an sich drückte und ihm liebkosend zusprach. Und wenn Nilmanis Schreien des Nachts Dschoygopal einmal im Schlafe störte und Dschoygopal gefoltert aufbegehrte und über das Kind schalt, so zitterte Sasi innerlich und fühlte sich gedemütigt und schuldig. Dann nahm sie das Kind auf ihren Schoß und setzte sich mit ihm in die entfernteste Ecke und schmeichelte es mit tausend zärtlich geflüsterten Liebesworten wie: „mein goldiger Schatz, mein Augenlicht, mein holdes Kleinod“ wieder in Schlaf.

Kinder zanken sich um hundert Kleinigkeiten. Sonst pflegte Sasi in solchen Fällen ihre Kinder zu bestrafen und ihres Bruders Partei zu nehmen, da er ja keine Mutter hatte. Jetzt veränderte sich mit dem Richter auch das Gesetz. Nilmani mußte oft unschuldig schwere Strafe erleiden, ohne daß Dschoygopal untersuchte, wer der Schuldige war. Dies Unrecht traf Sasi wie ein Dolch ins Herz; sie nahm ihren bestraften Bruder in ihr Zimmer und suchte, so gut sie konnte, mit Süßigkeiten und Spielsachen und durch Küsse und Liebkosungen sein gekränktes Herz zu trösten.

Je mehr Sasi Nilmani liebte, desto mehr ärgerte sich Dschoygopal über ihn. Und wiederum, je mehr Dschoygopal seine Abneigung gegen Nilmani zeigte, desto mehr badete Sasi das Kind in dem Nektar ihrer Liebe.

Und wenn Dschoygopal seine Frau rauh behandelte, so diente sie ihm mit schweigender Sanftmut und liebevoller Güte. Aber innerlich verletzten sie sich jeden Augenblick Nilmanis wegen.

Dies heimliche Aneinanderreiben bei einem solchen Konflikt ist viel schwerer zu ertragen als ein offener Zusammenstoß.

III

NILMANIS Kopf war das Größte an ihm. Es war, als ob der Schöpfer eine große Blase durch ein dünnes Rohr aufgeblasen hätte. Die Ärzte fürchteten zuweilen, daß das Kind auch einmal schnell wie eine Blase dahinschwinden könnte. Es lernte sehr spät sprechen und gehen. Wenn man sein ernstes, trauriges Gesicht sah, so hätte man denken können, daß seine Eltern die ganze traurige Last ihres Alters auf das Haupt dieses kleinen Kindes abgeladen hätten.

Dank der sorgfältigen Pflege seiner Schwester überstand Nilmani die gefährliche Periode der Kinderkrankheiten und war nun schon fünf Jahre alt.

Im Monat Kartik[13] am Bhaiphoto-Tag[14] hatte Sasi Nilmani wie einen kleinen Babu herausgeputzt mit Rock und Tschadar[15] und rotumsäumtem Lendentuch und war dabei, das Bruderzeichen auf seine Stirn zu malen, als ihre freimütige Nachbarin Tara hereinkam und anfing, mit ihr zu zanken.

„Es hat keinen Zweck,“ rief sie, „dem Bruder mit so viel Prunk und Staat das Bruderzeichen zu geben, wenn man ihn im geheimen seines Eigentums beraubt.“

Sasi war wie vom Donner gerührt. Staunen, Wut und Schmerz kämpften in ihr. Tara wiederholte ihr das Gerücht, Sasi und ihr Mann hätten sich den Plan ausgeheckt, das Besitztum des minderjährigen Nilmani wegen rückständiger Pacht zum Verkauf zu stellen und es durch einen Vetter Dschoygopals für sich ankaufen zu lassen. Als Sasi dies hörte, stieß sie den Fluch aus, daß denen, die eine so schreckliche Lüge verbreiteten, die Zunge gelähmt werden möge. Dann ging sie weinend zu ihrem Manne und erzählte ihm von der Klatscherei. Dschoygopal sagte: „Man kann heutzutage doch niemandem trauen. Upen ist der Sohn meiner Tante, und ich fühlte mich ganz sicher, als ich ihm die Sorge für das Besitztum überließ. Wenn ich nur den geringsten Verdacht gehabt hätte, so hätte es nicht geschehen können, daß er das Gut Hasilpur in Zahlungsrückstand geraten ließ und es nachher heimlich für sich ankaufte.“

„Willst du ihn denn nicht verklagen?“ fragte Sasi erstaunt.

„Den eigenen Vetter verklagen!“ rief Dschoygopal. „Außerdem würde es gar nichts nützen, es wäre bloße Geldverschwendung.“

Es war Sasis vornehmste Pflicht, den Worten ihres Gatten zu glauben, aber sie konnte es nicht. Ihr glückliches Heim, ihr liebendes Wirken im Hause wurde ihr verhaßt. Das Familienleben, das einst ihre höchste Zuflucht gewesen war, war für sie jetzt nichts mehr als ein grausames Netz von Selbstsucht, das Bruder und Schwester von allen Seiten umstrickte. Sie war eine Frau und stand allein, wie sollte sie den hilflosen Nilmani retten? Je mehr sie grübelte, je mehr füllte sich ihr Herz mit Abscheu gegen ihren Gatten und mit unendlicher Liebe für ihren gefährdeten kleinen Bruder. Wenn sie nur gewußt hätte, wie sie es machen sollte, so wäre sie gern zum Lat Saheb[16] gegangen, ja sie hätte der Maharani[17] selbst geschrieben, daß sie das Eigentum ihres Bruders rettete. Die Maharani hätte sicher nicht geduldet, daß Nilmanis Gut Hasilpur mit einem jährlichen Einkommen von 758 Rupien verkauft würde.

Als Sasi so bei sich überlegte, wie sie ihres Mannes Vetter zur Rechenschaft ziehen könnte, indem sie sich an die Maharani selbst wandte, wurde Nilmani plötzlich von Fieber und Krämpfen ergriffen.

Dschoygopal rief den Dorfarzt. Als Sasi ihn bat, einen besseren Arzt zu holen, sagte Dschoygopal: „Ach was, Matilal versteht seine Sache ganz gut.“

Sasi fiel ihm zu Füßen und beschwor ihn bei ihrem Leben, worauf Dschoygopal sagte: „Gut, ich werde den Arzt aus der Stadt schicken.“

Sasi kauerte auf dem Bette mit Nilmani im Schoß; er wollte sie auch keinen Augenblick aus den Augen lassen; er klammerte sich an sie, damit sie ihm nicht unter irgendeinem Vorwand entschlüpfte, selbst im Schlaf ließ er ihr Kleid nicht los.

So verging der ganze Tag, und abends kam Dschoygopal und sagte, daß der Doktor nicht zu Hause sei, er sei fort zu einem entfernten Kranken. Er fügte hinzu, er selbst müsse noch am selben Abend wegen eines Prozesses fortreisen und habe Matilal Bescheid gesagt, der sich regelmäßig nach dem Kranken umsehen wolle.

In der Nacht begann Nilmani im Schlaf zu phantasieren. Sobald der Morgen dämmerte, nahm Sasi, ohne sich im geringsten zu bedenken, ein Boot und fuhr mit ihrem kranken Bruder zum Arzt. Der Arzt war zu Hause – er war gar nicht aus der Stadt fortgewesen.

Er fand schnell ein Unterkommen für sie, und nachdem er sie der Fürsorge einer ältlichen Witwe übergeben hatte, unternahm er die Behandlung des Knaben.

Am nächsten Tage kam Dschoygopal. Kochend vor Wut gebot er seiner Frau, sofort mit ihm nach Hause zurückzukehren.

„Und wenn du mich kurz und klein schlägst, so kehre ich doch nicht zurück“, erwiderte sie. „Ihr alle wollt meinen Nilmani umbringen, der nicht Vater noch Mutter, der niemand als mich hat, aber ich will ihn retten.“

„Dann bleibst du hier und kommst nicht wieder in mein Haus zurück“, rief Dschoygopal zornig.

Da fuhr Sasi endlich auf. „Dein Haus! Das Haus gehört meinem Bruder!“

„Gut, wir werden sehen“, sagte Dschoygopal. Die Nachbarn erhoben einen großen Lärm über diesen Vorfall. „Wenn du mit deinem Mann zanken willst,“ sagte Tara, „so tu es zu Hause. Wozu mußt du ihm davonlaufen? Er ist doch immer dein Gatte.“

Es gelang Sasi, indem sie alles Geld, was sie bei sich hatte, ausgab und ihre Schmucksachen verkaufte, ihren Bruder aus dem Rachen des Todes zu retten. Da hörte sie, daß ihr großes Besitztum Dwarigram, auf dem ihr Wohnhaus stand und dessen jährliche Einkünfte mehr als 1500 Rupien betrugen, mit Hilfe des Zemindars[18] von Dschoygopal auf seinen eigenen Namen umgeschrieben worden war. Jetzt gehörte also das ganze Besitztum nicht mehr ihrem Bruder, sondern ihnen.

Als Nilmani sich von seiner Krankheit erholt hatte, bat er immer wieder kläglich: „Laß uns nach Hause gehen, Schwester.“ Er hatte Heimweh nach seinen Neffen und Nichten, seinen Gespielen. Daher sagte er immer wieder: „Laß uns heimgehen, Schwester, in unser altes Haus zurück.“ Sasi weinte, wenn er so bat. Wo war ihr Heim?

Aber das Weinen nützte nichts. Ihr Bruder hatte niemanden auf der Welt als sie. Das sagte sich Sasi. So wischte sie denn ihre Tränen ab, ging in das Haus des stellvertretenden Friedensrichters, Tarini Babu, und bat seine Gattin, ihr zu helfen. Der stellvertretende Friedensrichter kannte Dschoygopal. Daß eine Frau ihr Haus verließ und wegen Eigentumssachen mit ihrem Manne Streit anfing, brachte ihn sehr gegen Sasi auf. Doch ließ er sich nichts merken, er schrieb sofort an Dschoygopal und hielt Sasi eine Zeitlang hin. Dschoygopal kam, setzte seine Frau und seinen Schwager mit Gewalt in ein Boot und brachte sie nach Hause.

So waren die Gatten nach einer zweiten Trennung zum zweitenmal wieder vereint. So wollte es Pradschapati[19].

Nilmani war vollkommen glücklich, daß er nach langer Abwesenheit seine alten Gespielen wieder hatte. Wie Sasi seine ahnungslose Freude sah, war es ihr, als ob ihr das Herz brechen wollte.

IV

DER Friedensrichter bereiste während der kühlen Jahreszeit das Land und schlug sein Zelt im Dorf auf, um zu jagen. Auf der Dorfwiese traf der Sahib Nilmani. Die andern Knaben gingen dem großen Herrn wie einem gefährlichen Untier weit aus dem Wege. Aber Nilmani blieb unerschrocken stehen und starrte den Sahib ernsthaft und neugierig an.

Der Sahib ging belustigt auf ihn zu und fragte auf Bengalisch: „Du gehst in die Dorfschule?“

Der Knabe nickte stumm. „Was für pustaks[20] liest du?“ fragte der Sahib.

Da Nilmani das Wort pustak nicht verstand, starrte er den Friedensrichter nur weiter schweigend an. Zu Hause erzählte Nilmani seiner Schwester mit großer Begeisterung von dieser Begegnung.

Am Mittag ging Dschoygopal, mit Beinkleidern, langem Rock und Turban angetan, um dem Sahib seine Aufwartung zu machen. Ein Schwarm von Bittstellern, Dienern und Polizisten standen um ihn herum. Da der Sahib die Hitze fürchtete, hatte er sich draußen vor dem Zelt an einem kühlen schattigen Platz an den Gerichtstisch gesetzt, und nachdem er Dschoygopal einen Stuhl hatte bringen lassen, fragte er ihn, wie alles im Dorfe stände. Als Dschoygopal so vor aller Augen auf dem Ehrensitz Platz nahm, schwoll sein Selbstgefühl gewaltig, und er dachte, wie schön es wäre, wenn jetzt einer von den Tschakrabartis oder Nandis käme und ihn da sähe.

In diesem Augenblick kam eine Frau, das Antlitz dicht verhüllt und Nilmani an der Hand führend, geradewegs auf den Friedensrichter zu. „Sahib,“ sagte sie, „Ihrem Schutz übergebe ich meinen hilflosen Bruder. Retten Sie ihn.“ Der Sahib, der den ernsten Knaben mit dem großen Kopfe sogleich wiedererkannte und sich sagte, daß die Frau sicher einer angesehenen Familie angehörte, stand sogleich auf und bat sie, in sein Zelt einzutreten.

Doch die Frau sagte: „Was ich zu sagen habe, will ich hier sagen.“

Dschoygopal erbleichte. Für die neugierigen Dorfbewohner war die Geschichte ein Hauptspaß, und sie drängten sich heran. Aber sobald der Sahib seinen Stock erhob, machten sie sich davon.

Noch immer die Hand des Bruders haltend, erzählte Sasi die Geschichte dieses Waisenkindes von Anfang an. Sobald Dschoygopal versuchte, sie zu unterbrechen, donnerte ihn der Friedensrichter mit zornrotem Gesicht an: „Schweig!“ und machte ihm mit dem Stock ein Zeichen, sich zu erheben und stehenzubleiben.

Dschoygopal, der innerlich vor Wut schäumte, stand stumm da. Nilmani schmiegte sich an seine Schwester und hörte scheu und furchtsam zu.

Als Sasi ihre Erzählung beendet hatte, richtete der Sahib ein paar Fragen an Dschoygopal, und nachdem er seine Antworten gehört hatte, schwieg er eine ganze Weile. Dann wandte er sich an Sasi: „Gute Frau,“ sagte er, „wenn auch diese Angelegenheit eigentlich nicht vor mein Gericht gehört, so können Sie doch gewiß sein, daß ich die nötigen Schritte tun werde, um Ihnen zu helfen. Sie können ohne Sorge mit Ihrem Bruder nach Hause gehen.“

Doch Sasi erwiderte: „Sahib, solange das Haus nicht ihm gehört, wage ich nicht, ihn dahin zu bringen. Wenn Sie selbst nicht Nilmani bei sich behalten, wird niemand anders ihn retten können.“

„Und was soll aus Ihnen werden?“ fragte der Sahib.

„Ich werde in meines Gatten Haus zurückkehren“, sagte Sasi; „für mich ist nichts zu fürchten.“

Der Sahib lächelte ein wenig zweifelnd, und da ihm nichts anderes übrigblieb, so willigte er ein, diesen mageren, dunklen, ernsten, gesetzten vornehmen bengalischen Knaben, dessen Hals dicht mit Amuletten behängt war, in seine Obhut zu nehmen.

Als Sasi fortgehen wollte, klammerte der Knabe sich an ihr Kleid. „Hab' keine Angst, baba, – komm“, sagte der Sahib. Während die Tränen hinter ihrem Schleier flossen, sagte Sasi: „Ja, geh, mein Bruder, mein geliebter Bruder – du wirst deine Schwester wiedersehen!“

Damit umarmte sie ihn, strich ihm noch einmal liebkosend über Kopf und Rücken und riß sich dann eilig los, während der Sahib seinen linken Arm um ihn legte. Das Kind schrie auf: „Schwester, o meine Schwester!“ Sasi wandte sich jäh um und streckte noch einmal stumm den Arm nach ihm aus, als wollte sie ihn trösten, dann eilte sie mit brechendem Herzen davon.

Und wieder trafen die Gatten in dem altvertrauten Hause zusammen. So wollte es Pradschapati!

Aber diese Vereinigung dauerte nicht lange. Denn bald darauf hörten die Dorfbewohner eines Morgens, daß Sasi in der Nacht an der Cholera gestorben und sofort eingeäschert sei.

Niemand äußerte ein Wort darüber. Nur die Nachbarin Tara wollte mitunter mit etwas herausplatzen, aber die Leute brachten sie schnell mit erschrockenem „Pst“ zum Schweigen.

Sasi hatte beim Abschied ihrem Bruder versprochen, daß sie sich wiedersehen würden. Wo das Versprechen erfüllt wurde, kann niemand sagen.


SUBHA

ALS man dem Mädchen den Namen Subhaschini[21] gab, wer hätte da ahnen können, daß sie stumm sein würde? Ihre beiden älteren Schwestern hießen Sukeschini[22] und Suhasini[23], und um der Gleichförmigkeit willen nannte der Vater seine jüngste Tochter Subhaschini. Sie wurde der Kürze wegen Subha genannt.

Die beiden älteren Schwestern waren mit den gewöhnlichen Unkosten und Schwierigkeiten verheiratet, und nun lag die jüngste Tochter wie eine stille Last auf dem Herzen der Eltern. Alle Menschen schienen zu meinen, daß sie, da sie nicht sprach, auch nicht fühlte; sie sprachen in ihrer Gegenwart ganz offen über ihre Zukunft und ihre eigenen Sorgen darüber. Sie hatte schon in ihrer frühesten Kindheit verstanden, daß sie ein Fluch für ihr Vaterhaus war, daher zog sie sich von den andern zurück und versuchte, abseits zu leben. Wenn sie sie nur alle vergessen wollten! Sie fühlte, daß sie es dann hätte ertragen können. Aber wer kann seinen Schmerz vergessen? Tag und Nacht quälte der Gedanke an sie die Eltern. Besonders die Mutter empfand sie als ein körperliches Gebrechen an sich selbst. Für die Mutter ist die Tochter noch mehr ein Teil ihrer selbst als der Sohn es sein kann; und ein Fehler an ihr ist für sie eine Quelle persönlicher Schmach. Banikantha, Subhas Vater, liebte sie eigentlich noch mehr als seine andern Töchter; aber die Mutter betrachtete sie mit Abneigung als einen Schandfleck am eigenen Leibe.

Wenn Subha auch keine Sprache hatte, so hatte sie doch ein paar große, dunkle, von langen Wimpern beschattete Augen; und ihre Lippen bebten leise wie ein Blatt bei jedem Gedanken, der sie bewegte.

Wenn wir unsere Gedanken in Worten ausdrücken wollen, so ist die Vermittlung gar nicht leicht zu finden. Es bedarf erst der Übersetzung, die oft ungenau ist, und dann werden wir mißverstanden. Aber ein Paar dunkle Augen brauchen nicht übersetzt zu werden, aus ihnen spricht die Seele unmittelbar. In ihnen eröffnet oder verschließt sich uns der Gedanke, leuchtet uns klar entgegen oder tritt düster hervor, steht ruhig und gelassen da wie der untergehende Mond oder schießt wie der Blitz hervor und erhellt einen Augenblick alles um sich her. Sie, die von ihrer Geburt an keine andere Sprache gekannt haben als das Zittern ihrer Lippen, lernen eine Sprache der Augen, die unendlich ausdrucksvoll ist; sie ist tief wie das Meer, klar wie der Himmel, in ihr spielen Licht und Schatten, Morgen- und Abendröte. Die Stummen haben etwas von der einsamen Größe der Natur selbst. Daher war es fast, als ob die andern Kinder Subha fürchteten; sie spielten fast nie mit ihr. Sie war schweigend und ohne Gefährten wie der stille Mittag.

Das Dorf, wo sie lebte, hieß Tschandipur. Sein Fluß, der für einen Fluß Bengalens klein war, hielt sich in seinen engen Grenzen, wie ein Mädchen aus dem Mittelstande. Dieser geschäftige Streifen Wasser floß nie über seine Ufer, sondern erfüllte gewissenhaft seine Pflichten, als ob er ein Glied jeder Familie gewesen wäre, die an seinen Ufern wohnte. Zu beiden Seiten waren Häuser und Bäume, die die Ufer beschatteten. So wurde die Göttin des Flusses, wenn sie von ihrem Königsthron herabstieg, zur Gartengottheit jedes Heims und eilte, sich selbst vergessend, leichtfüßig und heiter von einer Aufgabe zur andern, unendlichen Segen spendend.

Banikanthas Gehöft lag dicht am Fluß. Die vorüberfahrenden Schiffer konnten jede Hütte und jeden Schuppen desselben sehen. Ich weiß nicht, ob irgend jemand unter diesen Anzeichen von Wohlstand das kleine Mädchen bemerkte, die, wenn ihre Arbeit getan war, sich nach dem Flußufer schlich und dort saß. Denn hier vermißte sie die Gabe der Sprache nicht, hier sprach die Natur für sie. Das Murmeln des Baches, die Stimmen der Dorfleute, die Lieder der Schiffer, das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume, alles floß zu einer Sprache zusammen und wurde eins mit dem Zittern ihres Herzens. Es wurde zu einer großen Woge von Schall, die an ihr sehnsüchtiges Herz schlug. Dies Rauschen und Raunen in der Natur war die Sprache der armen Stummen, und in ihren dunklen Augen fand die Sprache der Welt um sie her ihren Ausdruck. Von den kleinen Heimchen, die im Gebüsch zirpten, bis zu den stillen Sternen über ihr war nichts, was nicht zu ihr sprach mit Zeichen und Gebärden, Weinen und Seufzen. Und in der tiefen Stille des Mittags, wenn die Schiffer und Fischerleute zum Essen gegangen waren, wenn die Dorfbewohner schliefen und die Vögel verstummt waren, wenn die Fährboote müßig am Ufer lagen, wenn die große, geschäftige Welt mit ihrer Arbeit haltmachte und plötzlich schweigend dastand wie ein einsamer, furchtbarer Riese, dann saßen unter dem weiten Himmelsdom, in der feierlichen Mittagsstille, die beiden allein und schweigend da: die stumme Natur und das stumme Mädchen – die eine überströmt vom Sonnenlichte, die andere von einem kleinen Baum beschattet.

Aber Subha war nicht ganz ohne Freunde. Im Stall waren zwei Kühe, Sarbaschi und Panguli. Sie hatten nie von ihren Lippen ihren Namen gehört, aber sie kannten ihren Schritt. Wenn sie auch keine Worte hatte, so hatte sie doch ein liebevolles Murmeln für sie, und sie verstanden ihr sanftes Gemurmel besser als alle Worte. Wenn sie sie liebkoste oder schalt oder sich zärtlich an sie schmiegte, so verstanden diese Tiere sie besser, als Menschen es hätten tun können. Subha kam zu ihnen in den Stall und schlang ihren Arm um Sarbaschis Nacken; sie rieb ihre Wange an der ihrer Freundin, und Panguli sah sie mit ihren großen gütigen Augen an und leckte ihr Gesicht. Das Mädchen kam dreimal am Tage regelmäßig zur bestimmten Zeit zu ihnen, aber auch dazwischen besuchte sie sie noch oft. Immer wenn sie Worte gehört hatte, die sie verletzten und ihr wehe taten, so kam sie zu diesen stummen Freunden. Es war, als ob sie in ihrem stillen, traurigen Blick ihre innere Not läsen. Sie drängten sich dicht an sie und rieben ihre Hörner sanft an ihren Armen und versuchten, sie in ihrer stummen, hilflosen Art zu trösten. Außer diesen beiden waren da noch ein paar Ziegen und ein Kätzchen, aber so nahe standen sie Subha doch nicht, wenn sie sich auch ebenso anhänglich zeigten. Das Kätzchen sprang bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot, auf ihren Schoß, um dort sein Schläfchen zu halten, und schnurrte behaglich und dankbar, wenn Subhas weiche Finger ihm über Hals und Rücken strichen.

Subha hatte aber auch unter der höheren Tiergattung einen Kameraden, und es ist schwer zu sagen, wie ihre Beziehungen zueinander waren, denn er konnte sprechen, und diese Gabe nahm ihnen die Möglichkeit, sich miteinander in der allgemeinen Natursprache zu verständigen. Er war der Jüngste von den Gosains, namens Pratap, ein träger Bursche. Nach langer vergeblicher Mühe hatten seine Eltern die Hoffnung aufgegeben, daß je etwas aus ihm werden und er es lernen würde, sich selbst durchzuschlagen. Nun haben Taugenichtse den Vorteil, daß sie, wenn auch ihre eigenen Verwandten nichts von ihnen wissen wollen, gewöhnlich bei allen andern sehr beliebt sind. Da sie durch keine Arbeit gebunden sind, werden sie öffentliches Eigentum. Wie jede Stadt ihren freien Platz braucht, wo alle atmen können, so braucht jedes Dorf zwei bis drei solche Freiherren von Müßiggang, die Zeit für alle haben, so daß, wenn wir ein wenig faulenzen möchten und einen Gefährten brauchen, gleich einer zur Hand ist.

Prataps Hauptehrgeiz richtete sich auf den Fischfang. Damit wußte er eine Menge Zeit zu verbringen, und fast jeden Nachmittag konnte man ihn in dieser Beschäftigung finden. So kam es, daß er häufig mit Subha zusammentraf. Bei allem, was er tat, hatte er gern einen Kameraden, und beim Fischfang ist ein stummer Kamerad der beste. Pratap schätzte Subha wegen ihrer Schweigsamkeit, und da alle andern sie Subha nannten, zeigte er ihr seine Zuneigung, indem er sie Su nannte.

Subha saß dann unter einem Tamarindenbaum, und Pratap warf nicht weit davon seine Angel aus. Er hatte immer etwas Betel mitgebracht, und Subha bereitete ihn ihm zu. Und wenn sie so dasaß und ihm lange zusah, stieg wohl in ihr der heiße Wunsch auf, ihm helfen, etwas Großes für ihn tun zu können, um zu beweisen, daß sie keine nutzlose Last in dieser Welt sei. Aber was sollte sie tun? Dann wandte sie sich in stillem Gebet an den Schöpfer, er möchte ihr plötzlich eine wunderbare Gabe verleihen, so daß Pratap erstaunt ausrufen müßte: „Potztausend, ich hätte mir nie träumen lassen, daß unsre Su so etwas könnte!“

Man denke nur! Wenn Subha eine Wassernymphe gewesen wäre, so wäre sie langsam aus dem Fluß emporgetaucht und hätte ihm den Edelstein aus einer Schlangenkrone ans Ufer gebracht. Dann hätte Pratap sein armseliges Fischen lassen und in die Unterwelt hinabtauchen können, und dort hätte er in einem silbernen Palaste auf einem goldenen Bett – nun, wen gesehen? Wen sonst als die stumme kleine Su, Banikanthas Kind? Ja, unsre Su, die einzige Tochter der glänzenden Juwelenstadt! – Aber das würde nie geschehen, es war unmöglich. Nicht daß irgend etwas wirklich unmöglich war, aber Su war nicht im königlichen Palast von Patalpur[24], sondern im Hause Banikanthas geboren, und so wußte sie kein Mittel, Pratap in Erstaunen zu setzen.

Allmählich wuchs sie heran. Allmählich begann sie, sich selbst zu finden. Ein nie gekanntes, unbestimmtes Gefühl durchwogte sie, wie die Flut des Meeres, wenn der Vollmond aufsteigt. Sie stand vor sich selbst wie vor etwas ganz Neuem, das sie sich nicht erklären konnte.

Einmal, es war spät in einer Vollmondnacht, öffnete sie langsam ihre Tür und blickte schüchtern hinaus. Die Natur, die selbst auch in ihrem Vollmond war wie die einsame Subha, sah auf die schlafende Erde herab. Auch in ihr pulsierte starkes junges Leben; Freude und Traurigkeit füllte ihr Wesen zum Überquellen, sie war an den Grenzen ihrer grenzenlosen Einsamkeit angelangt, ja, sie war über sie hinausgekommen. Das Herz war ihr schwer, und die Sprache war ihr versagt! An das Gewand dieser stummen geängsteten Mutter klammerte sich ein stummes geängstetes Kind.

Der Gedanke an Subhas Heirat erfüllte die Eltern mit steter Sorge. Die Leute machten ihnen Vorwürfe und sprachen sogar davon, daß sie sie aus der Kaste ausstoßen würden. Banikantha war wohlhabend, sie aßen zweimal am Tage Fisch-Ragout, und infolgedessen fehlte es ihnen nicht an Feinden. Da nahmen die Frauen die Sache in die Hand, und Bani verreiste auf ein paar Tage. Bald kehrte er zurück und sagte: „Wir müssen nach Kalkutta reisen.“

So wurde denn die Reise in dieses fremde Land vorbereitet. Subhas Herz war schwer von Tränen wie ein nebelumhüllter Morgen. Eine unbestimmte Angst hatte sich schon seit Tagen in ihr gesammelt, und sie ging ihren Eltern auf Schritt und Tritt nach wie ein stummes Tier. Mit angstvoll geöffneten Augen forschte sie in ihrem Gesicht, als ob sie ihr Schicksal in ihren Zügen lesen wollte. Aber sie würdigten sie keines Wortes. Eines Nachmittags, während dies alles vor sich ging und als Subha einmal wie sonst Pratap beim Fischen zusah, rief er lachend: „Nun, Su, jetzt haben sie also glücklich einen Bräutigam für dich eingefangen und du wirst heiraten. Vergiß mich nur nicht ganz!“ Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den Fischen zu. Wie ein verwundetes Wild den Jäger in stummer Todesangst anblickt, als fragte es ihn: Was habe ich dir getan? so blickte Subha Pratap an. An dem Tage saß sie nicht mehr unter dem Baum. Als Banikantha seinen Mittagsschlaf beendet hatte und in seinem Schlafzimmer saß und rauchte, stürzte Subha ihm plötzlich laut aufschluchzend zu Füßen und sah ihn flehend an. Banikantha versuchte, sie zu trösten, und auch seine Wange wurde feucht von Tränen.

Die Reise nach Kalkutta war auf den folgenden Tag festgesetzt. Subha ging in den Kuhstall, um den Gefährten ihrer Kindheit Lebewohl zu sagen. Sie ließ sie aus der Hand fressen; sie umklammerte ihren Hals, sie sah ihnen ins Gesicht, und Tränen strömten unaufhörlich aus ihren Augen und kündeten den stummen Freunden ihr ganzes Leid. Es war die zehnte Nacht des neuen Mondes. Subha ging hinaus und warf sich auf ihr Rasenlager neben dem geliebten Fluß. Es war, als ob sie ihren Arm um die Erde, ihre starke, schweigende Mutter, schlang und ihr sagen wollte: ‚Laß mich nicht fort, Mutter. Leg deine Arme um mich, wie ich sie um dich lege, und halte mich fest.‘

Sie waren in Kalkutta angelangt. In einem fremden Hause putzte die Mutter Subha sorgfältig heraus. Sie steckte ihr Haar, das sonst frei um ihre Schultern gehangen hatte, in festen Flechten hoch, behing sie über und über mit Schmucksachen und tat ihr Bestes, ihre natürliche Schönheit zu ersticken. Subhas Augen füllten sich mit Tränen. Die Mutter schalt sie rauh, denn sie fürchtete, die Augen könnten vom Weinen geschwollen werden, aber die Tränen wollten auf kein Schelten hören. Der Bräutigam kam mit einem Freunde, um sich die Braut anzusehen. Den Eltern war ganz schwindlig vor Angst, als sie den Gott nahen sahen, der sich das Tier zu seinem Opfer erwählen sollte. Hinter den Kulissen gab die Mutter der Tochter noch eindringlich ihre Verhaltungsmaßregeln und rief dadurch einen erneuten Tränenausbruch hervor, bevor sie sie zur Musterung entließ. Der große Mann sah sie eine lange Weile forschend an, dann sagte er: „Gar nicht so übel.“

Er nahm besonders Notiz von ihren Tränen und meinte, sie müsse ein weiches Herz haben. Dadurch gewann sie in seinen Augen an Wert, denn er sagte sich, daß ein Mädchen, welches unglücklich sei, weil es seine Eltern verlassen sollte, auch eine treue und zärtliche Gattin werden würde. Und so dienten die Tränen des armen Kindes wie die Perlen der Muschel nur dazu, sie begehrenswerter zu machen.

Der Kalender wurde befragt, und die Hochzeit fand an einem glückverheißenden Tage statt. Nachdem Subhas Eltern ihre stumme Tochter den Händen eines andern übergeben hatten, kehrten sie nach Hause zurück. Gott sei Dank! Ihre Kaste war gerettet, und sie waren gerechtfertigt in dieser und der zukünftigen Welt! Der Bräutigam hatte seine Arbeit im westlichen Teil des Landes, und bald nach der Hochzeit nahm er sein Weib mit sich dorthin.

Es waren noch nicht zehn Tage vergangen, als schon jeder wußte, daß die junge Frau stumm war! Wenigstens war es nicht ihre Schuld, wenn irgend jemand es noch nicht wußte, denn sie versuchte niemand zu täuschen. Ihre Augen erzählten ihre ganze Geschichte, wenn auch niemand sie verstand. Sie sah auf jede Hand, sie fand nirgends eine Sprache; sie vermißte die Gesichter, die ihr von ihrer Geburt an vertraut waren und die die Sprache eines stummen Kindes verstanden hatten. In ihrem schweigenden Herzen tönte ein endloses stummes Weinen, das nur der Erforscher der Herzen hören konnte.

Ihr Gebieter aber hielt noch einmal sorgfältig Umschau, diesmal brauchte er sowohl seine Ohren wie seine Augen und heiratete eine zweite Frau, die sprechen konnte.


DIE GLÜCKVERHEISSENDE SCHAU

KANTITSCHANDRA war noch jung, doch nachdem ihm seine Gattin gestorben war, suchte er keine zweite Gefährtin, sondern gab sich ganz seiner Leidenschaft für die Jagd hin. Sein Körper war lang und schlank, zäh und behende, sein Blick scharf, seine Hand verfehlte nie das Ziel. Er ging wie ein Landmann gekleidet, und seine Gefährten waren der Wettkämpfer Hira Singh, der Sänger Khan Saheb, Mian Saheb, Tschakkanlal und viele andere. An müßigen Begleitern fehlte es ihm nicht.

Im Monat Agrahayan[25] jagte Kanti mit einigen Jagdgefährten im Sumpfgebiet von Naidighi. Sie waren in Booten, und ein ganzes Heer von Dienern, gleichfalls in Booten, füllte die Badestufen. Die Dorffrauen fanden es fast unmöglich, zu baden oder Wasser zu holen. Den ganzen Tag lang erzitterten Land und Wasser von den Schüssen ihrer Flinten, und Abend für Abend scheuchte ihre Musik den Schlaf hinweg.

Eines Morgens, als Kanti in seinem Boot saß und seine Lieblingsflinte reinigte, wurde er plötzlich durch einen Schrei wie von einer wilden Ente aufgeschreckt. Als er aufsah, erblickte er ein Dorfmädchen, das zwei weiße junge Enten im Arm hielt und sich dem Wasser näherte. Der kleine Fluß stand fast ganz still, da viele Schlingpflanzen seinen Lauf hemmten. Das Mädchen setzte die Vögel ins Wasser und bewachte sie ängstlich. Augenscheinlich war die Nähe der Jäger die Ursache ihrer Unruhe und nicht die Wildheit der Enten.

Die Schönheit des Mädchens war von einer seltenen Frische und Unberührtheit, als ob sie eben erst aus der Werkstatt Wischwakarmans[26] hervorgegangen wäre. Es war schwer, ihr Alter zu erraten. Ihre Gestalt war fast die eines Weibes, aber ihr Antlitz hatte einen Ausdruck von so kindlicher Reinheit, daß man sah, die Eindrücke der Welt hatten in ihrer Seele noch keine Spur hinterlassen. Sie schien selbst nicht zu wissen, daß sie die Schwelle des Jungfrauentums erreicht hatte.

Kanti hatte mit dem Reinigen seiner Flinte aufgehört. Er saß da, wie von einem Zauber gebannt. Solch Antlitz hätte er nie an solchem Ort zu finden erwartet. Und doch paßte seine Schönheit besser in diese Umgebung hinein als in die Pracht eines Palastes. Eine Knospe ist lieblicher am Zweig als in einer goldenen Vase. Das blühende Schilf glänzte im Herbsttau und in der Morgensonne, und in diesem Rahmen erschien das frische, jugendreine Antlitz dem entzückten Auge Kantis wie ein heiliges Tempelbild. Kalidasa hat vergessen zu besingen, wie Schivas Gattin, die Bergkönigin selbst, zuweilen zum jungen Ganges herabstieg mit ebensolchen jungen Entlein im Arm. Während er noch in ihren Anblick versunken war, fuhr das Mädchen erschrocken zusammen, und einen halbartikulierten Schmerzensschrei ausstoßend, ergriff sie hastig die Enten und barg sie an ihrer Brust. Im nächsten Augenblick hatte sie das Flußufer verlassen und war in dem nahen Bambusdickicht verschwunden. Als Kanti sich umsah, erblickte er einen seiner Leute, der mit einer ungeladenen Flinte auf die Enten zielte. Er sprang sofort auf ihn zu und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Der verblüffte Spaßmacher beendete seinen Spaß am Boden. Kanti fuhr mit dem Reinigen seiner Flinte fort.

Aber die Neugier ließ ihm doch keine Ruhe und trieb ihn zu dem Dickicht, in dem er das Mädchen hatte verschwinden sehen. Als er sich hindurchgearbeitet hatte, befand er sich auf einem Bauernhofe, der von der Wohlhabenheit des Besitzers Zeugnis gab. An einer Seite war eine Reihe Scheunen mit kegelförmigen Strohdächern, an der andern ein reinlich gehaltener Kuhstall, an dessen Ende ein Jujubenstrauch wuchs. Unter dem Strauch saß das Mädchen, das er am Morgen gesehen hatte, und schluchzte über eine verwundete Taube, in deren gelben Schnabel sie aus dem feuchten Zipfel ihres Gewandes etwas Wasser zu tropfen versuchte. Eine graue Katze hatte die Vorderpfoten auf ihr Knie gestemmt und sah verlangend nach dem Vogel, und hin und wieder, wenn sie sich zu weit vordrängte, wies das Mädchen sie durch einen warnenden Schlag auf die Nase wieder an ihren Platz.

Dies kleine Bild, im Rahmen des in der Mittagsstille friedlich daliegenden Bauernhofes, verfehlte nicht seinen Eindruck auf Kantis empfängliches Herz. Unter dem zarten Laub des Jujubenstrauches huschten die Lichtkringelchen hin und her und spielten auf dem Schoße des Mädchens. Nicht weit davon lag eine Kuh behaglich wiederkäuend und wehrte mit trägen Bewegungen ihres Kopfes und Schwanzes die Fliegen ab. Der Nordwind flüsterte leise im nahen Bambusdickicht. Und sie, die ihm in der Morgenfrühe am Flußufer wie die Waldkönigin erschienen war, erschien ihm jetzt im Schweigen des Mittags wie die Gottheit des Hauses, die sich voll Erbarmen über ein leidendes Geschöpf neigte. Kanti, der mit seiner Flinte in ihr Bereich eingedrungen war, überkam ein Gefühl der Schuld. Er fühlte sich wie ein Dieb, der auf frischer Tat ertappt war. Es drängte ihn, ihr zu sagen, daß nicht er es war, der die Taube verletzt hatte. Als er noch so dastand und nicht wußte, wie er beginnen sollte, rief jemand vom Hause her: „Sudha!“ Das Mädchen sprang auf. „Sudha!“ rief die Stimme noch einmal. Sie nahm ihre Taube und lief hinein. „Sudha!,“ dachte Kanti, „welch ein passender Name!“[27]

Er kehrte zu seinem Boot zurück, gab seine Flinte einem seiner Leute und ging zu der vorderen Tür des Hauses. Dort fand er einen Brahmanen von mittleren Jahren, mit einem friedlichen, glattrasierten Gesicht, der auf einer Bank vor dem Hause saß und in seinem Erbauungsbuch las. Kanti fand auf seinem gütigen ernsten Antlitz etwas von der Mildherzigkeit wieder, die aus dem des Mädchens leuchtete.

Kanti trat grüßend näher und sagte: „Darf ich um etwas Wasser bitten, Herr? Ich bin sehr durstig.“ Der Brahmane hieß ihn mit eifriger Gastfreundlichkeit willkommen, und nachdem er ihn zum Niedersitzen auf die Bank genötigt, ging er hinein und brachte eigenhändig einen kleinen Zinnteller mit Zuckerwaffeln und einem zinnernen Krug mit Wasser.

Nachdem Kanti gegessen und getrunken hatte, bat der Brahmane ihn, ihm seinen Namen zu sagen. Kanti nannte seinen und seines Vaters Namen und seinen Wohnort. „Wenn ich Ihnen irgendwie zu Diensten sein kann, Herr,“ fügte er in der üblichen Weise hinzu, „so werde ich mich glücklich schätzen.“

„Sie können mir nicht zu Diensten sein, mein Sohn,“ sagte Nabin Banerdschi, „ich habe augenblicklich nur eine einzige Sorge.“

„Und was für eine Sorge ist das?“ fragte Kanti.

„Die Sorge um meine Tochter Sudha, die herangewachsen ist“ (Kanti lächelte, als er an ihr Kindergesicht dachte) „und für die ich noch keinen würdigen Bräutigam habe finden können. Wenn ich sie nur gut verheiratet hätte, so würde ich der Welt meine Schuld abgetragen haben. Aber hier am Ort ist kein passender Bräutigam für sie, und ich kann den Dienst meines Gottes hier nicht im Stich lassen, um anderswo für sie einen Gatten zu suchen.“

„Wenn Sie mich in meinem Boot aufsuchen möchten, Herr, so könnten wir über die Heirat Ihrer Tochter sprechen.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Kanti und kehrte zu seinem Boot zurück. Dann sandte er einige von seinen Leuten ins Dorf, um sich nach der Tochter des Brahmanen zu erkundigen. Die Antwort war ein einstimmiges Lob ihrer Schönheit und Tugenden.

Als am nächsten Tage der alte Mann zu dem Boot kam, um seinen versprochenen Besuch zu machen, begrüßte ihn Kanti mit tiefer Ehrfurcht und bat ihn um die Hand seiner Tochter für sich selbst. Der Brahmane war so überwältigt von diesem ungehofften Glück, – denn Kanti gehörte nicht nur einer wohlbekannten Brahmanenfamilie an, sondern war auch ein reicher und angesehener Gutsbesitzer –, daß er zuerst kaum ein Wort erwidern konnte. Er dachte, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Endlich wiederholte er mechanisch: „Sie selbst wollen meine Tochter heiraten?“

„Wenn Sie mich ihrer für würdig halten“, sagte Kanti.

„Sie meinen Sudha?“ fragte der Alte noch einmal.

„Ja“, war die Antwort.

„Aber wollen Sie sie nicht erst sehen und mit ihr sprechen?“

Kanti verschwieg, daß er sie schon gesehen hatte, und sagte: „O, das wird bei der Hochzeit geschehen, im Augenblick der glückverheißenden Schau[28].“

Mit vor innerer Erregung zitternder Stimme sagte der Alte: „Meine Sudha ist wirklich ein gutes Mädchen, in allen häuslichen Dingen geschickt. Da Sie sie so großmütig auf Treu und Glauben nehmen, so möge sie Ihnen nie einen Augenblick Kummer bereiten. Dies ist mein Segen!“

Man mietete das große Backsteingebäude des Archivars für die Hochzeitsfeierlichkeit, die auf den nächsten Magh[29] festgesetzt wurde, da Kanti nicht gern länger warten wollte. Zur bestimmten Zeit erschien der Bräutigam auf seinem Elefanten mit Trommeln und Musik und einem Fackelzuge, und die Feierlichkeit begann.

Als der Augenblick der glückverheißenden Schau gekommen und der Scharlachschleier über das Brautpaar geworfen war, sah Kanti zu seiner Braut auf. In dem schüchternen, verwirrten Antlitz, das sich unter der Brautkrone neigte und ganz mit Sandelpaste bedeckt war, konnte er kaum das Dorfmädchen, dessen Bild seiner Phantasie vorschwebte, wiedererkennen, und seine Erregung war so groß, daß es sich wie ein Nebel über seine Augen legte.

Als die Hochzeitsfeierlichkeiten vorüber waren und die Frauen sich im Zimmer der Braut versammelten, bestand eine alte Dame aus dem Dorf darauf, Kanti solle selbst seinem Weibe den Brautschleier abnehmen. Als er es tat, fuhr er zurück. Es war nicht dasselbe Mädchen.

Es war ihm, als ob etwas in ihm aufstiege und sein Gehirn durchstäche. Als ob die Lichter der Lampen sich verdüsterten und Dunkelheit das Gesicht der Braut selbst schwarz färbte.

Im ersten Augenblick war er zornig auf seinen Schwiegervater. Der alte Halunke hatte ihm das eine Mädchen gezeigt und das andere verheiratet. Aber bei ruhiger Überlegung erinnerte er sich, daß ihm der alte Mann überhaupt keine Tochter gezeigt hatte, – daß alles seine eigene Schuld war. Er hielt es für das beste, seine heillose Dummheit den Menschen nicht zu verraten, und nahm mit scheinbarer Ruhe wieder seinen Platz ein.

Er brachte die Pille glücklich herunter, aber ihren Geschmack konnte er nicht loswerden. Die ausgelassene Fröhlichkeit der Hochzeitsgesellschaft war ihm unerträglich. Er war wütend auf sich selbst und auf alle anderen.

Plötzlich merkte er, wie seine Braut, die neben ihm saß, zusammenschrak und einen Schrei unterdrückte; ein junger Hase war ins Zimmer gesprungen und über ihre Füße gehuscht. Dicht hinter ihm kam das Mädchen, das er vorher gesehen hatte. Sie ergriff das Häschen, nahm es in ihren Arm und begann, ihm liebkosend etwas zuzumurmeln. „Ach, das verrückte Mädchen!“ riefen die Frauen und machten ihr Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Aber sie beachtete es nicht, sondern kam herein und setzte sich ganz unbekümmert dem Brautpaar gegenüber, das sie mit kindlicher Neugierde anstarrte. Als ein Dienstmädchen kam und sie am Arm nahm, um sie hinauszubringen, wehrte Kanti ihr hastig und sagte: „Laß sie in Ruh.“

„Wie heißt du?“ wandte er sich dann an das Mädchen.

Diese wiegte mit dem Körper hin und her, aber gab keine Antwort. Alle Frauen im Zimmer begannen zu kichern.

Kanti stellte eine andere Frage: „Wie geht es deinen kleinen Enten?“

Das Mädchen fuhr fort, ihn unbekümmert anzustarren.

Der ganz verwirrte Kanti raffte seinen Mut noch einmal zusammen und erkundigte sich teilnahmsvoll nach der verwundeten Taube, aber es half ihm nichts. Das zunehmende Gelächter im Zimmer zeigte, daß irgend etwas bei der Sache sehr komisch war.

Endlich erfuhr Kanti, daß das Mädchen taubstumm und die Gefährtin aller Tiere im Dorfe sei. Es war nur Zufall gewesen, als sie sich damals bei dem Ruf Sudha erhoben hatte.

Jetzt traf es Kanti zum zweitenmal wie ein Schlag. Der dunkle Vorhang zerriß, der sich vor seine Augen gesenkt hatte. Mit einem aus tiefster Seele kommenden Seufzer der Erleichterung, wie aus einer furchtbaren Gefahr befreit, blickte er noch einmal in das Antlitz seiner Braut. Dann kam in Wahrheit die glückverheißende Schau. Das Licht, das aus seinem Herzen und von den hell leuchtenden Lampen strahlte, fiel auf ihr liebliches Antlitz, und er sah es in seinem wahren Glanz und wußte, daß Nabins Segen sich erfüllen würde.


DER POSTMEISTER

DER Postmeister begann seine Laufbahn im Dorfe Ulanur. Zwar war das Dorf nur klein, aber in seiner Nähe lag eine Indigofabrik, und der Besitzer, ein Engländer, hatte es durchgesetzt, daß das Dorf ein Postamt bekam.

Unser Postmeister stammte aus Kalkutta. Er fühlte sich in diesem abgelegenen Dorfe wie ein Fisch auf dem Trocknen. Seine Amtsstube, die zugleich als Wohnraum diente, war in einem dunklen Strohschuppen, nicht weit von einem grünen, schlammigen Teiche, der an allen Seiten von dichtem Buschwerk umgeben war.

Die Männer, die in der Indigofabrik beschäftigt waren, hatten keine Zeit; sie waren auch wohl kaum wünschenswerte Gesellschaft für Leute seines Standes. Dazu kommt noch, daß ein junger Kalkuttaer sich schwer an andre anschließt. Unter Fremden macht er immer den Eindruck, als ob er stolz sei oder sich nicht wohl unter ihnen fühle. So war der Postmeister recht einsam; zu tun hatte er auch nicht viel.

Zuweilen versuchte er sich in Versen. Er versuchte zum Ausdruck zu bringen, daß das Rauschen der Blätter und das Wandern der Wolken am Himmel genug seien, um das Leben mit Freude zu füllen. Aber Gott weiß, daß der arme Bursche sich wie neugeboren gefühlt hätte, wenn irgendein Geist aus Tausendundeiner Nacht plötzlich Bäume, Blätter und alles hinweggefegt und sie durch eine gutgepflasterte Straße ersetzt hätte, deren hohe Häuserreihen ihm die Wolken verdeckten.

Des Postmeisters Gehalt war gering. Er mußte sich seine Mahlzeiten selbst zubereiten und teilte sie mit Ratan, einem Waisenmädchen aus dem Dorf, die allerlei kleine Dienste für ihn verrichtete.

Wenn am Abend der Rauch aus den Kuhställen aufzusteigen begann[30] und in jedem Busch die Heimchen zirpten; wenn die Fakire der Baul-Sekte an ihren täglichen Versammlungsorten ihre schrillen Lieder sangen, wenn einem Dichter, der etwa versucht hätte, auf das Rauschen der Blätter im Bambusdickicht zu horchen, ein eiskalter Schauer über den Rücken gelaufen wäre – dann zündete der Postmeister seine kleine Lampe an und rief: „Ratan!“

Ratan saß draußen und wartete auf diesen Ruf, aber statt sogleich hereinzukommen, antwortete sie erst: „Haben Sie mich gerufen, Herr?“

„Was tust du?“ fragte dann der Postmeister.

„Ich muß jetzt wohl das Küchenfeuer anzünden“, kam als Antwort zurück.

Und dann sagte der Postmeister: „Ach, laß das Feuer noch eine Weile, zünde mir erst meine Pfeife an.“

Nach einem Augenblick kam Ratan herein, mit aufgeblasenen Backen, denn sie blies aus Leibeskräften in ein Stück brennende Kohle, womit sie den Tabak anzündete. Dies gab dem Postmeister dann eine Gelegenheit zur Unterhaltung. „Nun, Ratan,“ begann er dann wohl, „hast du noch irgendwelche Erinnerungen an deine Mutter?“

Das war ein ergiebiges Thema. Ratan hatte nicht mehr viel Erinnerungen an sie. Ihr Vater hatte mehr von ihr gehalten als ihre Mutter, an ihn erinnerte sie sich noch viel lebhafter. Er pflegte am Abend nach der Arbeit heimzukommen, und ein paar solcher Abende hatten sich ihrem Gedächtnis wie deutliche Bilder eingegraben. Ratan hockte auf dem Boden, während sie sich in diesen Erinnerungen erging. Sie gedachte eines kleinen Bruders, und wie sie einmal an einem trüben Tag am Teich mit ihm Fischen gespielt hatte, mit einem Zweig als Angelrute. Solche kleinen Erlebnisse wurden in der Erinnerung groß und bedeutungsvoll und verdrängten die größeren. Während sie so plauderten, wurde es oft sehr spät, und der Postmeister fühlte sich zu schläfrig, um noch irgend etwas zu kochen. Dann machte Ratan eilig ein Feuer an und röstete etwas ungesäuertes Brot, das ihnen, zusammen mit den kalten Resten der Mittagsmahlzeit, als Abendessen genügte.

An manchen Abenden, wenn der Postmeister so an seinem Pult in der Ecke des großen, leeren Strohschuppens saß, rief auch er die Erinnerungen an sein Heim wach, an seine Mutter und Geschwister, an die, nach denen sich sein Herz in seiner Verbannung sehnte – an die er immer dachte, aber von denen er mit den Fabrikleuten nicht sprechen konnte, obgleich es ihm ganz natürlich war, in Gegenwart des einfachen kleinen Mädchens ihrer zu gedenken. Und so kam es, daß das Mädchen, wenn sie von den Seinen sprach, sie als Mutter, Bruder und Schwester[31] bezeichnete, als ob sie sie ihr Leben lang gekannt hätte. Sie hatte ja auch in ihrem kleinen Herzen ein deutliches Bild von jedem einzelnen.

Es war in der Regenzeit, an einem Mittage. Der Regen hatte gerade aufgehört, und es wehte eine leise, kühle Brise. Der Duft des feuchten Grases und Laubes in der heißen Sonne berührte den Körper wie der warme Atem der ermüdeten Erde. Ein Vogel wiederholte den ganzen Nachmittag unermüdlich den Kehrreim seines Klageliedes im Audienzraum der Natur.

Der Postmeister hatte nichts zu tun. Der Glanz des frischgewaschenen Laubes und die aufgetürmten Wolkenmassen am Himmel waren ein herrlicher Anblick, und der Postmeister sah den abziehenden Regenwolken nach und dachte bei sich: „Ach, wenn ich nur eine verwandte Seele hier hätte, ein liebendes Wesen, das ich an mein Herz schließen könnte!“ Genau dasselbe, so dachte er weiter, versuchte auch jener Vogel zu sagen, genau dasselbe seufzte das Laub des alten Baumes, an dessen Stamm er müßig seinen Rücken lehnte. Aber das wußte und glaubte niemand, daß auch in einem schlecht bezahlten Dorfpostmeister in der tiefen Stille der Mittagspause solche Gefühle aufsteigen könnten.

Der Postmeister seufzte und rief: „Ratan!“ Ratan lag ausgestreckt unter dem Guajavabaum und war eifrig damit beschäftigt, unreife Guajavafrüchte zu essen. Sobald sie die Stimme ihres Herrn hörte, kam sie atemlos angelaufen und fragte: „Haben Sie mich gerufen, Dada[32]?“ – „Ich dachte eben,“ sagte der Postmeister, „ich könnte dich eigentlich lesen lehren.“ Und er brachte den Rest des Tages damit zu, ihr das Alphabet beizubringen.

Auf diese Weise kam Ratan in ganz kurzer Zeit schon bis zu den Doppelkonsonanten.

Es schien, als ob die Regenzeit nicht enden wollte. Kanäle, Gräben und Gruben strömten über von Wasser. Tag und Nacht hörte man das Prasseln des Regens und das Quaken der Frösche. Die Dorfstraßen wurden unpassierbar, und man mußte seine Einkäufe in flachen Booten machen.

Eines Morgens, als der Himmel wieder schwer von Wolken war, hatte die kleine Schülerin des Postmeisters schon lange vor der Tür auf seinen Ruf gewartet. Als sie immer noch nichts hörte, nahm sie endlich ihr arg zerlesenes Buch und ging leise hinein. Sie fand ihren Herrn auf seiner Matratze ausgestreckt, und in dem Glauben, er schliefe noch, wollte sie schon auf den Zehen wieder hinausschleichen, als sie plötzlich ihren Namen hörte: „Ratan!“ Sie wandte sich sogleich um und fragte: „Schliefen Sie, Dada?“ Der Postmeister sagte in klagendem Ton: „Ich bin nicht wohl. Fühl' einmal meinen Kopf, ist er nicht ganz heiß?“

In der Einsamkeit seiner Verbannung und in dem trüben Dunkel der Regenzeit brauchte sein schmerzender Körper etwas zarte und liebevolle Pflege. Er gedachte mit Sehnsucht der Zeit, wo eine weiche Hand mit leise klirrendem Armband sanft über seine Stirn gestrichen hatte, und er versuchte sich vorzustellen, daß Frauenliebe an seinem Lager saß in Gestalt von Mutter und Schwester. Und er wurde nicht enttäuscht. Ratan hörte auf, ein kleines Mädchen zu sein. Sie trat sofort an die Stelle der Mutter, rief den Dorfarzt, gab dem Patienten zu den vorgeschriebenen Zeiten seine Pillen, wachte die ganze Nacht an seinem Lager, kochte ihm seine Hafersuppe und fragte von Zeit zu Zeit: „Fühlen Sie sich ein wenig besser, Dada?“

Es dauerte einige Zeit, bis der Postmeister mit sehr geschwächtem Körper sein Krankenlager verlassen konnte. „Dies geht nicht so weiter“, sagte er entschlossen. „Ich muß um Versetzung einkommen.“ Er schrieb sofort in diesem Sinne ein Gesuch nach Kalkutta mit der Begründung, daß der Ort zu ungesund sei.

Nachdem Ratan ihrer Pflichten als Krankenpflegerin enthoben war, nahm sie wieder ihren alten Platz draußen vor der Tür ein. Aber sie wartete vergebens auf den altgewohnten Ruf. Mitunter blickte sie verstohlen hinein; dann sah sie den Postmeister auf seinem Stuhl sitzen oder auf seiner Matratze ausgestreckt und geistesabwesend in die Luft starren. Während Ratan auf ihren Ruf wartete, wartete der Postmeister auf eine Antwort auf sein Gesuch. Die Kleine las ihre alten Aufgaben immer wieder durch; ihre größte Angst war, daß sie, wenn sie gerufen würde, die Doppelkonsonanten nicht richtig lesen könnte. Endlich, nach einer Woche, kam eines Abends wirklich der Ruf. Mit überquellendem Herzen stürzte Ratan ins Zimmer: „Haben Sie mich gerufen, Dada?“

Der Postmeister sagte: „Ich reise morgen fort, Ratan.“

„Wohin reisen Sie, Dada?“

„Ich reise nach Hause.“

„Wann kommen Sie zurück?“

„Ich komme nicht zurück.“

Ratan fragte nicht weiter. Der Postmeister erzählte ihr von selbst, daß sein Gesuch um Versetzung abschlägig beschieden sei, und daß er nun seinen Posten aufgegeben habe und nach Hause wolle.

Lange sprach keiner von beiden ein Wort. Die Lampe brannte trübe weiter, und durch ein Loch in einer Ecke des Daches tropfte das Wasser gleichmäßig in ein irdenes Gefäß, das darunter auf dem Boden stand.

Nach einer Weile stand Ratan auf und ging in die Küche, um das Abendessen zu bereiten; aber sie wurde nicht so schnell damit fertig wie sonst. Viele neue Gedanken stürmten auf ihr kleines Hirn ein. Als der Postmeister sein Abendessen beendet hatte, fragte das Mädchen ihn plötzlich: „Dada, werden Sie mich mit nach Hause nehmen?“

Der Postmeister lachte. „Was für ein Einfall!“ sagte er; aber es schien ihm überflüssig, dem Mädchen zu erklären, was denn so Lächerliches dabei sei.

Die ganze Nacht, im Wachen und im Traum, verfolgte sie des Postmeisters lachende Antwort: „Was für ein Einfall!“

Als der Postmeister am andern Morgen aufstand, fand er sein Bad bereit. Er hatte an seiner Kalkuttaer Gewohnheit festgehalten, im Hause zu baden, statt, wie man es sonst im Dorfe tat, sein Bad im Fluß zu nehmen. Das Mädchen hatte ihn nicht fragen können, um welche Zeit er abreisen wolle, daher hatte sie schon lange vor Sonnenaufgang das Wasser vom Fluß geholt, damit er es bereit fände, sobald er es brauchte. Nach dem Bade hörte sie ihn rufen. Sie trat leise ein und sah ihrem Herrn schweigend ins Gesicht, seine Befehle erwartend. „Du brauchst dir keine Sorge zu machen wegen meines Fortgehens, Ratan,“ sagte er zu ihr, „ich werde meinem Nachfolger sagen, daß er sich um dich kümmert.“ Diese Worte waren ohne Zweifel freundlich gemeint, aber ein Frauenherz ist unberechenbar.

Ratan hatte, ohne zu klagen, manche Schelte von ihrem Herrn hingenommen, aber diese freundlichen Worte konnte sie nicht ertragen. „Nein, nein!“ rief sie, in Tränen ausbrechend, „Sie brauchen niemandem irgend etwas über mich zu sagen; ich will hier nicht länger bleiben.“

Der Postmeister war sprachlos. So hatte er Ratan nie gesehen. –

Pünktlich kam der Nachfolger an, und nachdem der Postmeister ihm das Amt übergeben hatte, schickte er sich an, abzureisen. Bevor er aufbrach, rief er Ratan und sagte: „Hier ist etwas für dich; ich hoffe, damit kommst du eine kleine Zeitlang aus.“ Und damit zog er aus seiner Tasche sein ganzes Monatsgehalt und behielt nur eine geringfügige Summe für seine Reiseausgaben zurück. Doch Ratan fiel ihm zu Füßen und rief: „Ach nein, Dada, bitte geben Sie mir nichts, kümmern Sie sich überhaupt gar nicht um mich!“ Dann lief sie hinaus.

Der Postmeister seufzte, nahm seine Reisetasche, hängte seinen Regenschirm über die Schulter, und begleitet von einem Manne, der seinen bunten, mit Eisenblech beschlagenen Koffer trug, ging er langsam nach dem Schiff.

Als er einstieg und das Schiff abfuhr und die vom Regen geschwollenen Wasser des Flusses schweigend seinen Bug umsprudelten wie Tränenströme, die von der Erde aufstiegen, da wurde ihm eigentümlich weh ums Herz. Das gramerfüllte Antlitz des Dorfmädchens schien ihm ein Abbild zu sein von dem großen, unausgesprochenen, unermeßlich tiefen Leid der Mutter Erde selbst. Schon spürte er den Drang, umzukehren und das einsame, von der Welt verlassene Geschöpf mitzunehmen. Aber der Wind hatte gerade die Segel gebläht, das Schiff war mitten in der heftigen Strömung, das Dorf lag schon hinter ihm, und der weit außerhalb des Dorfes liegende Verbrennungsplatz wurde bereits sichtbar.

So ließ sich denn der Reisende auf den Wogen des schnell strömenden Flusses dahintragen und tröstete sich mit philosophischen Betrachtungen über die zahllosen Trennungen in der Welt und über den Tod, die letzte große Trennung.

Aber Ratan hatte keine Philosophie. Sie wanderte ruhelos im Postamt umher, und ihre Tränen flossen unaufhaltsam. Vielleicht hegte sie noch in irgendeinem Winkel ihres Herzens eine leise Hoffnung, daß ihr Dada zurückkehren werde, und dies war der Grund, weshalb sie sich nicht losreißen konnte. Ach, um das törichte Menschenherz!