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Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen cover

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen

Chapter 25: II
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About This Book

A collection of short narratives depicts ordinary lives in small communities, tracing moments of longing, regret, and quiet revelation. Each story concentrates on intimate encounters and moral tensions born of social expectation and personal desire. The tone moves between wistful lyricism and restrained irony while vivid domestic and natural imagery grounds the scenes. Varied in form and length, the pieces emphasize interior psychology and the subtleties of human feeling. Together they offer compact, emotionally rich sketches that probe compassion, loneliness, and the compromises of everyday existence.

DIE FLUSSTREPPE

WENN du von vergangenen Zeiten hören willst, setze dich hier auf diese meine Stufe und lausche dem Murmeln und Plätschern des Wassers.

Es war Anfang September. Der Fluß war hoch geschwollen, nur vier von meinen Stufen sahen aus dem Wasser hervor. Seine Wellen überspülten die tiefer liegenden Teile des Ufers, wo die Katschupflanzen in dichten Massen unter den Zweigen der Mangobäume wuchsen. An einer Biegung des Flusses ragten drei alte Steinhaufen aus dem Wasser hervor. Die Fischerboote, die an die Stämme der Akazienbäume am Ufer festgebunden waren, schaukelten sich am frühen Morgen auf den schwellenden Fluten. Die langen Gräser auf der Sandbank wurden gerade von der eben aufgehenden Sonne berührt; sie waren noch nicht voll erblüht, sondern hatten erst zu blühen begonnen.

Die kleinen Boote blähten ihre winzigen Segel auf dem sonnenbeschienenen Fluß. Der Brahmanenpriester kam mit seinen heiligen Gefäßen, um zu baden. Die Frauen kamen zu zweien und dreien, um Wasser zu holen. Ich wußte, dies war die Zeit, wo Kusum zur Badetreppe kam.

Aber an jenem Morgen vermißte ich sie. Bhuban und Swarno kamen und klagten um sie. Sie sprachen darüber, daß man ihre Freundin fortgebracht habe zu dem Hause ihres Gatten, an einen Ort weitab von dem Fluß, mit fremden Menschen und fremden Häusern und fremden Straßen.

Mit der Zeit verblaßte ihr Bild fast ganz in meiner Erinnerung. Ein Jahr verging. Die Frauen auf den Badestufen sprachen selten von Kusum. Aber eines Morgens schrak ich zusammen bei der altvertrauten Berührung ihrer Füße. Ach ja, es waren ihre Füße, aber sie waren ohne Spangen und hatten ihre alte Musik verloren.

Kusum war Witwe geworden. Die Leute sagten, daß ihr Gatte an einem fernen Ort gearbeitet und sie ihn nur ein paar Mal gesehen hätte. Ein Brief hatte ihr die Nachricht von seinem Tode gebracht. So war sie mit acht Jahren Witwe geworden, hatte das rote Frauenmal von ihrer Stirn entfernt, ihren Schmuck abgelegt und war in ihr altes Heim am Ganges zurückgekehrt. Aber sie fand nur noch wenige ihrer alten Spielgefährtinnen. Bhuban, Swarno und Amala waren verheiratet und fortgezogen; nur Sarat war noch da, aber auch sie, hieß es, würde nächsten Dezember heiraten.

Wie der Ganges, sobald die Regenzeit kommt, schnell zu seiner ganzen, herrlichen Fülle anschwillt, so entfaltete sich auch Kusum von Tag zu Tag zu der ganzen Fülle jugendlicher Schönheit. Aber ihr dunkles Gewand, ihr ernstes Gesicht und stilles Wesen warfen einen Schleier über ihre Jugend und verbargen sie den Augen der Menschen wie hinter einem Nebel. Zehn Jahre glitten dahin, und niemand schien bemerkt zu haben, daß Kusum zum Weibe herangereift war.

Vor langen Jahren, an einem Septembermorgen wie heute, kam ein großer, schlanker, junger Sannjasin von heller Hautfarbe des Weges daher und nahm Herberge in dem Schivatempel mir gegenüber. Das Gerücht von seiner Ankunft verbreitete sich im Dorfe. Die Frauen ließen ihre Krüge stehen und drängten sich in den Tempel, um dem heiligen Mann ihre Ehrfurcht zu erweisen.

Die Menge wuchs mit jedem Tage. Der Ruhm des Sannjasin verbreitete sich schnell unter den Frauen. Einmal trug er ihnen aus dem Bhāgavata-Purāna vor, ein andermal erklärte er ihnen die Gītā oder predigte im Tempel über ein heiliges Buch. Einige suchten Rat bei ihm, einige Zaubermittel und einige Arznei.

So vergingen Monate. Im April, zur Zeit der Sonnenfinsternis, kamen ungeheure Scharen hierher, um im Ganges zu baden. Unter den Akazienbäumen wurde ein Jahrmarkt abgehalten. Viele von den Pilgern suchten den Sannjasin auf, und unter ihnen waren einige Frauen aus dem Dorfe, wo Kusum verheiratet gewesen war.

Es war an einem Morgen. Der Sannjasin saß auf meinen Stufen und sprach seine Gebete, als plötzlich eine der Pilgerinnen ihre Nachbarin anstieß und sagte: „Ei sieh doch! Es ist ja der Gatte unserer Kusum!“ Die andere hielt vorsichtig mit zwei Fingern ihren Schleier ein klein wenig auseinander und rief aus: „O Himmel, er ist es wirklich! Es ist der jüngste Sohn der Familie Tschattergu aus unserm Dorfe!“ Und eine dritte, die ihren Schleier nicht so geflissentlich zur Schau trug, rief: „Ja gewiß muß er es sein! Er hat genau dieselbe Stirn und Nase und Augen!“ Doch eine andere Frau sagte seufzend, indem sie ihren Krug ins Wasser tauchte und sich nicht weiter nach dem Sannjasin umsah: „Ach nein! Der junge Mann lebt nicht mehr; er kommt nicht zurück. Die arme Kusum!“

„Er hatte auch keinen so großen Bart,“ wandte eine andere ein. „Und so mager war er auch nicht.“ „Und auch nicht so groß,“ meinten noch andere. Damit war die Frage erledigt, und man sprach nicht mehr darüber.

Eines Abends, als der Vollmond aufging, kam Kusum und setzte sich auf meine unterste Stufe dicht über dem Wasser, und ihr Schatten fiel auf mich.

Es war sonst niemand an dem Badeplatz. Die Heimchen zirpten um mich her. Das Geläute der Tempelglocken hatte aufgehört, die letzte Tonwelle verebbte langsam, bis sie sich allmählich im verdämmernden Hain des andern Ufers verlor. Auf dem dunklen Wasser des Ganges lag ein Streifen glitzernden Mondlichts. Am Uferrand, in den Büschen und Hecken, unter dem Tempelportal, in den Ruinen verfallener Häuser, am Rand des Teiches, im Palmenhain, überall stiegen Schatten auf von phantastischer Gestalt. Die Fledermäuse hingen an den Zweigen der Tschatimbäume und schwangen leise hin und her. In der Nähe erhob sich das laute Geheul der Schakale und verstummte dann wieder.

Langsam trat der Sannjasin aus dem Tempel. Als er die Badetreppe herabsteigen wollte, sah er eine Frau allein dort sitzen und war schon im Begriff umzukehren, als Kusum plötzlich den Kopf hob und sich umsah. Ihr Schleier glitt herab, und das Mondlicht fiel voll auf ihr Gesicht, als sie ihn anblickte.

Eine Eule flog schreiend über die beiden hinweg. Kusum schrak zusammen bei dem Laut, kam zu sich und zog den Schleier über den Kopf. Dann neigte sie sich tief vor dem Sannjasin.

Er segnete sie und fragte: „Wer bist du?“

„Ich heiße Kusum“, erwiderte sie.

Weiter wurde an jenem Abend kein Wort gesprochen. Kusum ging langsam zu ihrem Hause zurück, das ganz in der Nähe war. Aber der Sannjasin blieb in jener Nacht noch stundenlang auf meinen Stufen sitzen. Endlich, als der Mond seinen Weg von Osten nach Westen zurückgelegt hatte und der Schatten des Sannjasin von hinten nach vorn gerückt war, stand er auf und ging in den Tempel.

Seitdem sah ich Kusum täglich zu ihm kommen und ihm ihre Ehrfurcht bezeugen. Wenn er die heiligen Schriften erklärte, stand sie in einer Ecke und hörte ihm zu. Wenn er seinen Morgengottesdienst beendet hatte, pflegte er sie zu sich zu rufen und zu ihr über Religion zu sprechen. Sie konnte wohl nicht alles verstehen, aber sie hörte ihm aufmerksam und schweigend zu und versuchte, es zu verstehen. Seinen Weisungen folgte sie blindlings. Täglich kam sie zum Tempel, immer zum Dienst des Gottes bereit, sei es, daß sie Blumen zum Morgen- und Abendopfer pflückte oder Wasser vom Ganges holte, um die Tempelfliesen zu waschen.

Der Winter nahte sich seinem Ende. Kalte Winde wehten. Aber dann kam am Abend ganz unerwartet die warme Frühlingsbrise vom Süden her; der Himmel verlor sein frostiges Aussehen; nach langem Schweigen ertönte wieder Musik und Flötenspiel im Dorfe. Die Schiffer zogen die Ruder ein, ließen ihre Fahrzeuge mit dem Strom treiben und begannen die alten Lieder von Krischna zu singen. Der Frühling war da.

Damals fing ich an, Kusum zu vermissen. Seit einiger Zeit war sie weder zum Fluß noch zum Tempel oder zum Sannjasin gekommen.

Was dazwischen geschah, weiß ich nicht, aber nach einiger Zeit trafen die beiden sich eines Abends auf meinen Stufen.

Mit gesenktem Blick fragte Kusum: „Herr, hast du mich rufen lassen?“

„Ja, warum sehe ich dich nicht mehr? Warum hast du in letzter Zeit angefangen, den Dienst der Götter zu vernachlässigen?“

Sie schwieg.

„Sage mir deine Gedanken ganz offen.“

Mit halbabgewandtem Gesicht erwiderte sie: „Ich bin ein sündiges Weib, Herr, und so diene ich den Göttern nur schlecht.“

Der Sannjasin sagte: „Kusum, ich weiß, dich quält etwas.“

Sie zuckte leicht zusammen. Dann verhüllte sie ihr Gesicht in ihrem Sari und setzte sich weinend auf die Stufe zu Füßen des Sannjasin.

Er trat etwas zurück. Dann sagte er: „Sag' mir, was du auf dem Herzen hast, damit ich dir den Weg zum Frieden zeige.“

Sie erwiderte in einem Ton unerschütterlichen Vertrauens, indem sie ab und zu nach Worten rang: „Wenn du befiehlst, so muß ich dir alles sagen. Aber es ist so schwer, ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll. Du, Herr, mußt es ja erraten haben. Ich verehrte Einen wie einen Gott, ich betete ihn an, und mein Herz war ganz erfüllt von der Seligkeit dieser Hingebung. Aber eines Nachts hatte ich einen Traum. Mir träumte, der Herr meines Herzens saß neben mir in einem Garten; er hielt meine rechte Hand in seiner Linken und flüsterte mir Worte der Liebe zu. Alles schien mir vertraut und als müsse es so sein. Der Traum verschwand, aber seine Wirkung blieb. Als ich ihn am nächsten Tage wiedersah, erschien er mir im andern Licht als vorher. Jenes Traumbild verfolgte mich. Ich floh in meiner Angst und hielt mich fern von ihm, aber das Bild wich nicht. Seitdem hat mein Herz keinen Frieden gekannt, – alles in mir ist dunkel geworden!“

Während sie unter Tränen ihre Geschichte erzählte, fühlte ich, wie der Sannjasin den rechten Fuß fest auf meine Steinstufe preßte.

Als sie geendet hatte, sagte er: „Du mußt mir sagen, wen du im Traum sahst.“

Mit gefalteten Händen flehte sie: „Ich kann nicht.“

Er beharrte: „Du mußt mir sagen, wer es war.“

Sie rang die Hände. „Muß ich es dir sagen?“ fragte sie. „Ja,“ erwiderte er. „Du bist es, Herr!“ stieß sie hervor. Dann brach sie schluchzend zusammen und barg ihr Antlitz an meinem steinernen Busen.

Als sie wieder zu sich kam und sich aufrichtete, sagte der Sannjasin langsam: „Ich verlasse diesen Ort noch heute abend, damit du mich nicht wiedersiehst. Bedenke, daß ich ein Sannjasin bin, der nicht dieser Welt gehört. Du mußt mich vergessen.“

Kusum erwiderte mit leiser Stimme: „Wie du befiehlst, Herr.“

„Leb denn wohl“, sagte der Sannjasin. Kusum neigte sich stumm vor ihm und berührte ehrfurchtsvoll seine Füße. Dann ging er.

Der Mond stieg herab; die Nacht wurde dunkel. Ich hörte ein Platschen im Wasser. Der Sturm raste durch die dunkle Nacht, als ob er alle Sterne am Himmel auslöschen wollte.


DER AUSGESTOSSENE

GEGEN Abend hatte das Gewitter den Höhepunkt erreicht. Der Regen kam wütend herabgestürzt, wild krachte der Donner, und unaufhörlich zuckten die Blitze über den Himmel hin; es war, als ob in den Lüften eine Schlacht zwischen Göttern und Dämonen rase. Schwarze Wolken flatterten daher wie die Fahnen des Verderbens. Der Ganges war zu wilder Wut aufgepeitscht, und die Bäume an seinen Ufern schwankten seufzend und stöhnend hin und her.

In einem der Häuser am Fluß, in Tschandernagur, saß bei geschlossenen Türen und Fenstern ein Mann neben seiner Frau auf dem Bett und redete eindringlich auf sie ein. Eine irdene Lampe brannte neben ihnen.

Scharat, der Mann, sagte: „Ich wollte, du bliebst noch ein paar Tage hier, bis du ganz wiederhergestellt bist, dann könntest du frisch und gesund nach Hause zurückkehren.“

Kiran erwiderte: „Ich bin schon ganz wiederhergestellt. Es kann mir unmöglich schaden, wenn ich jetzt reise.“

Jeder Verheiratete wird sofort begreifen, daß die Unterhaltung nicht ganz so kurz war, wie ich sie berichtet habe. Die Sache selbst war nicht schwierig, aber die Gründe für und wider wollten sie zu keiner Entscheidung kommen lassen. Wie ein steuerloses Boot drehte sich die Diskussion immer um denselben Punkt, bis sie zuletzt in Gefahr kam, von einem Tränenstrom überflutet zu werden.

Scharat sagte: „Der Doktor meint, du solltest noch ein paar Tage hier bleiben.“

„Dein Doktor weiß natürlich alles“, erwiderte Kiran.

„Aber du weißt doch auch, daß gerade jetzt überall so viel Krankheiten sind!“ sagte Scharat. „Du tätest gut, noch ein paar Monate hierzubleiben.“

„Als ob hier alle Welt gesund wäre!“

Die Sache war die: Kiran war der allgemeine Liebling ihrer Verwandten und Freunde, so daß, als sie ernstlich erkrankte, alle in großer Sorge um sie waren. Die Besserwisser im Dorfe zwar fanden es lächerlich von ihrem Gatten, daß er sich um eine Frau so anstellte und sogar Luftveränderung für sie für nötig hielt. Als ob noch niemals eine Frau krank gewesen wäre! Und meinte er denn, daß an dem Ort, wohin er sie bringen wollte, die Leute unsterblich seien? Aber Scharat und seine Mutter hatten für solche Reden taube Ohren, ihnen war das Leben ihres Lieblings wichtiger als alle Weisheit eines Dorfes. Denn in solchen Fällen haben die Menschen immer ihren eigenen Maßstab. So waren sie also nach Tschandernagur gereist und Kiran war genesen, wenn sie auch noch sehr schwach war. Ihr Gesichtchen war so schmal und blaß, daß der Gatte, wenn er sie ansah, von Mitleid erfüllt war, und der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen war, ihm zu entgleiten, machte sein Herz erzittern.

Kiran liebte fröhliche Geselligkeit; das einsame Leben in der Villa am Fluß war gar nicht nach ihrem Geschmack. Es gab nichts zu tun, keine interessanten Nachbarn, und sie haßte es, sich den ganzen Tag mit Medizin und Krankenkost zu beschäftigen. Sie hatte genug von dem ewigen Aufwärmen und Einlöffeln. Dies war der Gegenstand, über den die Gatten sich unterhielten, als sie an diesem stürmischen Abend zusammen im Schlafzimmer saßen.

Solange Kiran sich zu Erörterungen herbeiließ, war ein ehrlicher Kampf möglich. Aber als sie nun aufhörte, ihm zu antworten, den Kopf zurückwarf und verzweifelt nach der andern Seite starrte, war der arme Mann entwaffnet. Er war schon im Begriff, sich bedingungslos zu ergeben, als ein Diener etwas durch die geschlossene Tür rief.

Scharat stand auf und öffnete die Tür. Der Diener berichtete, daß ein Boot im Sturm gekentert, und daß es einem der Insassen, einem jungen Brahmanenknaben, gelungen sei, ans Ufer zu schwimmen und in ihrem Garten zu landen.

Kiran war mit einem Male wieder sie selbst mit all ihrer liebreichen Hilfsbereitschaft. Sie machte sich sofort daran, trockenes Zeug für den Knaben herauszusuchen. Dann wärmte sie eine Tasse Milch und ließ ihn in ihr Zimmer kommen.

Der Knabe hatte langes, lockiges Haar, große ausdrucksvolle Augen, und noch keine Spur von Flaum auf dem Gesicht. Nachdem Kiran ihn genötigt hatte, etwas Milch zu trinken, mußte er ihr alles von sich erzählen. Er sagte ihr, daß er Nilkanta hieße und zu einer Schauspielertruppe gehöre. Sie waren unterwegs nach einer benachbarten Villa, um dort zu spielen, als das Boot plötzlich im Sturm gekentert war. Er hatte keine Ahnung, was aus seinen Gefährten geworden war. Er war ein guter Schwimmer, und seine Kräfte hatten gerade noch gereicht, um ans andere Ufer zu gelangen.

Der Knabe blieb bei ihnen. Daß er so mit genauer Not einem schrecklichen Tode entronnen war, erweckte Kirans warme Teilnahme für ihn. Scharat fand, daß die Ankunft des Knaben gerade in diesem Augenblick sich sehr glücklich traf, da seine Frau Unterhaltung haben und sich vielleicht bewegen lassen würde, noch eine Zeitlang zu bleiben. Auch ihre Schwiegermutter freute sich über die Aussicht, sich dem brahmanischen Gast wohltätig erweisen zu können. Und Nilkanta selbst war entzückt, daß er sowohl seinem Prinzipal wie dem Jenseits entronnen war und zugleich in dieser reichen Familie eine Heimat gefunden hatte.

Aber in kurzer Zeit wurden Scharat und seine Mutter andern Sinnes und sehnten sich danach, ihn wieder loszuwerden. Der Knabe fand ein geheimes Vergnügen daran, Scharats Pfeifen zu rauchen; er ging mit größter Seelenruhe im strömenden Regen mit Scharats seidenem Regenschirm davon, um einen Spaziergang durchs Dorf zu machen, und freundete sich mit jedem, den er traf, an. Dazu kam noch, daß er aus dem Dorf einen Bastardköter mitbrachte, den er so rücksichtslos verzog, daß er mit schmutzigen Pfoten hereinkam und Spuren seines Besuchs auf Scharats reiner Bettdecke zurückließ. Dann sammelte er eine treu ergebene Schar von Jungen jeden Standes und Alters um sich, und die Folge war, daß in der ganzen Nachbarschaft kein einziger Mango in dem Sommer mehr zur Reife kam.

Es war kein Zweifel, daß Kiran den Knaben verzog. Scharat machte ihr oft Vorstellungen deswegen, aber sie hörte nicht auf ihn. Sie putzte ihn geckenhaft heraus mit Scharats abgelegten Kleidern oder mit neuen, die sie ihm schenkte. Und weil sie sich zu ihm hingezogen fühlte und auch neugierig war, mehr über ihn zu erfahren, ließ sie ihn beständig in ihr Zimmer rufen. Wenn sie gebadet und zu Mittag gegessen hatte, pflegte sie auf ihrem Bett zu sitzen, ihre silberne Betelbüchse neben sich, und während das Mädchen ihr das Haar kämmte und trocknete, stand Nilkanta vor ihr und deklamierte Stücke aus seinen alten Rollen, wobei er durch Gesang und Gesten das Spiel belebte, während seine Koboldlocken ihn wild umflatterten. So gingen die langen Nachmittagstunden fröhlich hin. Kiran versuchte oft, Scharat zu überreden, sich als Zuhörer zu ihnen zu setzen, aber Scharat, der den Jungen von Herzen verabscheute, lehnte ab. Auch konnte Nilkanta seine Rolle nicht halb so gut spielen, wenn Scharat da war. Seine Mutter ließ sich mitunter bewegen zu kommen, in der Hoffnung, in den Vorträgen heilige Namen zu hören; aber die Neigung zu ihrem Mittagsschläfchen erwies sich stärker als ihre Andacht; sie nickte jedesmal bald ein.

Der Knabe bekam oft Knüffe und Ohrfeigen von Scharat, aber da das nichts war im Vergleich zu dem, was er bei der Schauspielertruppe gewohnt gewesen war, machte er sich nicht das geringste daraus. Er hatte aus den Erfahrungen, die er in seinem kurzen Leben gemacht hatte, den Schluß gezogen, daß das menschliche Leben aus Essen und Schlägen besteht, und daß die Schläge bei weitem überwiegen.

Es war schwer, Nilkantas Alter zu bestimmen. Für 14 oder 15 war sein Gesicht zu alt; für 17 oder 18 zu jung. Er war entweder ein frühreifer Knabe oder ein knabenhafter Jüngling. Die Sache war die, daß er, als er als ganz kleiner Junge zu der Schauspielertruppe kam, die Rollen der Radhika, der Damajanti, der Sita und der Gefährtin Bidjas gespielt hatte. Die Vorsehung war rücksichtsvoll genug gewesen, ihn genau so groß wachsen zu lassen, wie sein Direktor ihn brauchte, und dann sein Wachstum anzuhalten. Da jeder sah, wie klein er war, und er selbst sich auch sehr klein vorkam, wurde ihm nicht die seinem Alter gebührende Achtung zuteil. Alles dies kam zusammen, um ihn mitunter als einen unreifen Siebzehnjährigen erscheinen zu lassen, und dann wieder als einen Vierzehnjährigen, der aber selbst für einen Siebzehnjährigen schon zu viel wußte. Und als keine Spur von Flaum auf seinem Gesicht sich zeigen wollte, wurde die Frage noch schwieriger. Entweder infolge des Rauchens oder weil er sich gewöhnt hatte, altklug zu reden, zogen sich Falten um seinen Mund, die ihn alt und hart erscheinen ließen, aber aus seinen großen Augen leuchtete Unschuld und Jugend. Ich glaube, sein Herz war jung geblieben, nur seine äußere Erscheinung war zu früh gereift in der Treibhausatmosphäre, die das grelle Licht der Öffentlichkeit um ihn geschaffen hatte.

In dem stillen Schutz von Scharats Haus und Garten in Tschandernagur hatte die Natur Muße, ungehindert ihr Werk zu tun. Er hatte unnatürlich lange im Zustande der Kindheit verharrt, jetzt glitt er unbemerkt und schnell aus diesem Stadium heraus und seine siebzehn oder achtzehn Jahre kamen zu ihrem Recht. Niemand bemerkte die Veränderung; sie zeigte sich zuerst darin, daß er sich schämte, wenn Kiran ihn wie einen Knaben behandelte. Als die lustige Kiran ihm eines Tages vorschlug, er solle die Rolle einer Gesellschafterin spielen, verletzte ihn der Gedanke, daß er Frauenkleider anziehen solle, obgleich er selbst nicht wußte, warum. Und als sie ihn rief, damit er ihr seine alten Rollen vorspiele, verschwand er. Es kam ihm nie der Gedanke, daß er auch jetzt noch nicht etwas viel Besseres war als ein Bursche für alles bei einer herumziehenden Truppe. Er entschloß sich sogar, bei Scharats Geschäftsführer etwas Unterricht zu nehmen. Aber da Nilkanta der verzogene Liebling seiner Herrin war, konnte der Geschäftsführer ihn nicht ausstehen. Auch machte es die Gewohnheit seines unsteten Lebens ihm unmöglich, seine Gedanken längere Zeit auf eine Sache zu richten; bald begann das Alphabet einen verworrenen Tanz vor seinen Augen aufzuführen. Er pflegte lange Zeit am Fluß zu sitzen, den Rücken an einen Tschampabaum gelehnt und das geöffnete Buch auf dem Schoß. Die Wellen seufzten zu seinen Füßen, Boote trieben an ihm vorüber, und Vögel zwitscherten um ihn herum und schwirrten rastlos über ihn hin. Welche Gedanken ihn bewegten, wenn er so dasaß und in sein Buch starrte, das wußte nur er, und vielleicht wußte er selbst es auch nicht. Er kam nie von einem Wort zum andern, aber der erhebende Gedanke, daß er tatsächlich ein Buch las, füllte seine Seele mit stolzer Freude. Immer, wenn ein Boot vorbeikam, hob er sein Buch hoch und tat so, als ob er eifrig läse, indem er mit lauter Stimme deklamierte. Aber sobald die Zuhörer vorüber waren, ließ sein Eifer nach. Früher sang er seine Lieder mechanisch, aber jetzt erregten ihre Melodien seine Seele. Der Text war unbedeutend und voll von spielerischen Stabreimen. Und das Wenige, was an Sinn darin lag, ging über sein Verständnis. Doch wenn er sang:

Zweigeborener Vogel, ach, welch Unheil hat dich hergetragen?
Was tat dir unsre Königin, daß du sie willst im Wald erschlagen?

so fühlte er sich in eine andere Welt versetzt, zu Wesen anderer Art. Diese vertraute Erde und sein eigenes armes Leben wurden zu Musik, und er selbst wurde ein anderer. Jenes Märchen von der Gans und der Königstochter warf ein Bild von unendlicher Schönheit auf den Spiegel seiner Seele. Es ist unmöglich zu sagen, welche Rolle er selbst in seiner Phantasie spielte, aber der arme und verlassene kleine Sklave der Schauspielertruppe war ganz vergessen.

Wenn ein armes verwahrlostes Kind sich am Abend hungrig und schmutzig in seinem elenden Heim schlafen legt und von Prinzen und Prinzessinnen und Märchenschätzen träumt, dann befreit sich in der dunklen Hütte mit ihrer trübe flackernden Kerze die Seele von den Banden der Armut und des Elends und schreitet in jugendlicher Schönheit und mit strahlendem Gewande kühn durch das Märchenreich, wo nichts unmöglich ist.

So schuf auch dieser herumgestoßene, heimatlose Knabe sich und seine Welt neu, wenn er durch die Melodien seiner Lieder schritt. Das plätschernde Wasser, die rauschenden Blätter, die zwitschernden Vögel; die Göttin, die ihm, dem Hilflosen, Verlassenen Obdach gegeben hatte, ihr Gesicht voller Anmut und Liebreiz, ihre wundervollen Arme mit den glänzenden Spangen, ihre rosigen Füße, zart wie Blumenknospen, alles dies wurde wie durch einen Zauber eins mit der Musik seines Liedes. Aber wenn das Lied zu Ende war, so schwand das Zauberbild, und er war wieder der Nilkanta der kleinen Wanderbühne mit seinen wilden Koboldlocken. Und dann kam Scharat herein, noch ganz erregt über die Klagen seines Nachbarn, dessen Mangobäume geplündert waren, und ohrfeigte und knuffte ihn. Und der Bursche Nilkanta, der Verführer der Dorfjugend, ging hinaus, um neues Unheil anzustiften zu Lande und zu Wasser und in der Luft, auf den Zweigen der Bäume.

Bald nach der Ankunft Nilkantas kam Scharats jüngerer Bruder Satisch, um seine Ferien in Tschandernagur zuzubringen. Kiran war entzückt, eine neue Unterhaltung zu finden. Sie und Satisch waren im gleichen Alter, und die Zeit verging ihnen angenehm mit Spiel und Streit und Verkleidungen und Lachen und selbst Weinen. Sie schlich sich von hinten an ihn heran und hielt ihm plötzlich die Augen zu, mit Scharlachpaste an den Fingern, sie schrieb „Affe“ auf seinen Rücken, oder schloß ihn unter schallendem Gelächter in sein Zimmer ein. Satisch seinerseits gab ihr nichts nach; er nahm ihr ihre Schlüssel und Ringe weg, mischte Pfeffer unter ihren Betel und band sie unbemerkt am Bettpfosten fest.

Gott mag wissen, was inzwischen in den armen Nilkanta gefahren war. Er war plötzlich so voll Bitterkeit, daß er sie an irgend jemandem oder irgend etwas auslassen mußte. Er verprügelte seine treu ergebenen Anhänger, so daß sie laut weinend davonliefen. Er stieß seinen Lieblingsköter, bis der Himmel von seinem Heulen widerhallte. Wenn er spazieren ging, bestreute er seinen Weg mit Zweigen und Blättern, die er mit seinem Stock von den Sträuchern am Wege hieb.

Kiran mochte den Menschen gern etwas Gutes zu essen vorsetzen. Nilkanta konnte im Essen Unglaubliches leisten und wies nie einen guten Bissen zurück, wie oft man ihn ihm auch bot. Daher ließ Kiran ihn gern zu sich rufen, damit er bei ihr aß; es machte ihr die größte Freude zuzusehen, wie dieser Brahmanenknabe sich ordentlich satt aß, und sie überhäufte ihn mit Leckerbissen. Nachdem Satisch gekommen war, hatte sie viel weniger Zeit für Nilkanta übrig und war selten dabei, wenn er sein Essen bekam. Sonst hatte ihre Abwesenheit seinen Appetit nicht beeinträchtigt, und er stand nicht auf, bis er seine Milch bis auf den letzten Tropfen getrunken und die Tasse noch gründlich mit Wasser nachgespült hatte. Aber jetzt war er unglücklich, wenn Kiran nicht dabei war, um ihn zu diesem oder jenem Gericht zu nötigen, und nichts wollte ihm schmecken. Er stand auf, ohne viel gegessen zu haben, und sagte gepreßt: „Ich bin nicht hungrig.“ Er bildete sich ein, daß Kiran von seiner dauernden Appetitlosigkeit hören würde; er malte sich ihre Besorgnis aus und hoffte, sie würde ihn rufen lassen und ihn zum Essen drängen. Aber nichts dergleichen geschah. Kiran erfuhr nie davon und ließ ihn nicht rufen, und das Mädchen aß alles auf, was er übrigließ. Dann löschte er die Lampe in seinem Zimmer aus, warf sich in der Dunkelheit aufs Bett und drückte krampfhaft schluchzend das Gesicht in die Kissen. Was war sein Kummer? Wer hatte ihm etwas getan? Und wer sollte ihm helfen? Endlich, wenn niemand kam, neigte sich der Schlaf mütterlich über ihn und besänftigte liebkosend das wehe Herz des mutterlosen Knaben.

Nilkanta kam zu der festen Überzeugung, daß Satisch Kiran gegen ihn einnahm. Wenn Kiran zerstreut war und ihm nicht wie sonst freundlich zunickte, zog er sofort daraus den Schluß, daß Satisch ihn bei ihr verleumdet hätte. Er betete jeden Tag zu den Göttern mit der ganzen Inbrunst seines Hasses, sie möchten ihn in seinem nächsten Leben als Satisch und Satisch als Nilkanta geboren werden lassen. Er glaubte, daß der Zorn eines Brahmanen nicht wirkungslos sei, und je mehr er Satisch mit dem Feuer seiner Flüche zu verzehren suchte, je mehr verzehrte sich sein eigenes Herz. Und dabei hörte er, wie Satisch oben mit seiner Schwägerin scherzte und lachte.

Nilkanta wagte es nie, Satisch seine Feindschaft offen zu zeigen. Aber er fand hundert kleine Gelegenheiten, ihn zu ärgern. Wenn Satisch beim Baden auf den Fluß hinausschwamm und seine Seife auf den Stufen des Badeplatzes liegen ließ, so war sie, wenn er zurückkam, allemal verschwunden. Einmal schwamm ihm sein schöner gestreifter Lieblingskittel davon, und er glaubte, der Wind habe ihn ins Wasser geweht.

Eines Tages wollte Kiran Satisch eine Unterhaltung verschaffen und ließ Nilkanta rufen, daß er wie sonst seine Rollen vordeklamierte. Aber er stand in finsterem Schweigen da. Ganz überrascht fragte ihn Kiran, was ihm fehle. Nilkanta gab keine Antwort. Und als sie ihn noch einmal drängte, er solle ein besonderes Lieblingsstück von ihr vortragen, sagte er: „Ich habe es vergessen“ und ging hinaus.

Endlich kam die Zeit ihrer Rückkehr nach Hause. Jeder war mit Packen beschäftigt. Satisch sollte mit ihnen reisen. Aber zu Nilkanta sagte niemand ein Wort. Die Frage, ob er mitgehen solle oder nicht, schien niemandem eingefallen zu sein.

Natürlich war diese Frage von Kiran aufgeworfen worden, und sie hatte den Vorschlag gemacht, ihn mitzunehmen. Aber sowohl ihr Gatte wie seine Mutter und sein Bruder waren so energisch dagegen gewesen, daß sie die Sache aufgab. Ein paar Tage vor der Abreise ließ sie den Knaben rufen und riet ihm mit freundlichen Worten, wieder zu den Seinen zurückzukehren.

Er hatte sich solange von ihr vernachlässigt gefühlt, daß ihr gütiger Ton ihn jetzt überwältigte; er brach in Tränen aus. Auch Kirans Augen füllten sich mit Tränen. Ihr Gewissen sagte ihr, daß sie hier gedankenlos und selbstsüchtig ein Band geknüpft hatte, das nicht dauern konnte.

Aber Satisch wurde unwillig, als er diesen großen Jungen weinen sah. „Was steht der Narr da und heult, statt zu sprechen?“ sagte er. Und als Kiran ihn ein gefühlloses Geschöpf schalt, erwiderte er: „Liebe Schwester, das verstehst du nicht. Du bist zu gut und vertrauensvoll. Dieser Bursche kommt von Gott weiß wo hergelaufen und wird wie ein König behandelt. Natürlich hat der Tiger nicht Lust, wieder in eine Maus verwandelt zu werden.[33] Und augenscheinlich hat er sich gemerkt, daß dein Herz mit ein paar Tränen leicht zu rühren ist.“

Nilkanta eilte hinaus. Er hätte ein Messer sein mögen, um Satisch zu zerfleischen, eine Nadel, um ihn durch und durch zu stechen, ein Feuer, um ihn zu Asche zu verbrennen. Aber Satisch trug nicht einmal eine Schramme davon. Nur sein eigenes Herz blutete unaufhörlich.

Satisch hatte ein großes Tintenfaß von Kalkutta mitgebracht. Der Tintenbehälter steckte in einem Perlmutter-Boot, das von einer neusilbernen Gans gezogen wurde, die einen Federhalter trug. Er liebte es sehr und reinigte es jeden Tag sorgfältig mit einem alten seidenen Taschentuch. Kiran pflegte dem Vogel lachend auf seinen silbernen Schnabel zu klopfen und zu singen:

„Zweigeborner Vogel, ach, welch Unglück hat dich hergetragen?“

und dann begannen die beiden sich wie gewöhnlich zu necken.

Am Tage vor ihrer Abreise fehlte das Tintenfaß und war nirgends zu finden. Kiran sagte lachend: „Schwager, deine Gans ist weggeflogen, um deine Damajanti zu suchen[34].“

Aber Satisch war in großer Wut. Er war fest überzeugt, daß Nilkanta es gestohlen hätte, denn man hatte ihn am Abend vorher um das Zimmer herumlungern sehen. Er ließ den Angeschuldigten rufen. Kiran war auch da. „Du hast mein Tintenfaß gestohlen, du Dieb!“ brach er los. „Bring es sogleich her!“ Nilkanta hatte von Scharat alle Strafen und Züchtigungen, ob sie nun verdient waren oder unverdient, mit vollkommenem Gleichmut hingenommen. Aber als man ihn in Kirans Gegenwart einen Dieb schalt, flammten seine Augen in wildem Zorn auf, seine Brust wogte, und seine Kehle war wie zugeschnürt. Wenn Satisch noch ein Wort gesagt hätte, so hätte er sich wie eine wilde Katze auf ihn gestürzt und seine Nägel als Krallen gebraucht.

Kiran war sehr unglücklich über diese Szene. Sie führte den Knaben hinaus in ein anderes Zimmer und sagte in ihrem liebevollen, gütigen Ton: „Nilu, wenn du das Tintenfaß wirklich genommen hast, gib es mir ganz still zurück; dann will ich schon dafür sorgen, daß dir niemand ein Wort darüber sagt.“ Große Tränen rannen über die Wangen des Knaben, bis er endlich bitterlich weinend sein Gesicht in den Händen verbarg. Kiran ging zu den andern zurück und sagte: „Ich bin sicher, daß Nilkanta das Tintenfaß nicht genommen hat.“ Aber Scharat und Satisch waren ebenso fest überzeugt, daß kein anderer als Nilkanta es getan hätte. „Ganz gewiß nicht!“ versicherte Kiran. Scharat wollte mit dem Jungen ein Kreuzverhör anstellen, aber seine Frau ließ es nicht zu.

Dann machte Satisch den Vorschlag, sein Zimmer und seinen Koffer zu untersuchen. „Wenn ihr das zu tun wagt,“ sagte Kiran, „so werde ich euch nie in meinem Leben verzeihen. Ihr sollt diesem armen unschuldigen Knaben nicht nachspionieren.“ Und dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen. Das entschied die Sache und bewirkte, daß man Nilkanta in Ruhe ließ.

Kirans Herz quoll über von Mitleid mit dem armen heimatlosen Jungen, den man so hatte kränken wollen. Sie kaufte zwei neue Anzüge und ein Paar Schuhe, und mit diesen Sachen und mit einer Banknote ging sie am Abend leise in Nilkantas Zimmer. Sie wollte ihm diese Abschiedsgeschenke als Überraschung in den Koffer legen. Der Koffer selbst war auch ein Geschenk von ihr.

Aus ihrem Schlüsselbund suchte sie einen aus, der paßte, und öffnete geräuschlos den Koffer. Er war so vollgestopft mit verschiedenen Dingen, daß die neuen Kleidungsstücke nicht mehr Platz darin hatten. Daher schien es ihr besser, alles herauszunehmen und den Koffer für ihn zu packen. Zuerst kamen Messer, Kreisel, Rollen mit Drachenschnur, Bambuszweige, polierte Muscheln zum Schälen von unreifen Mangos, Böden von zerbrochenen Gläsern, kurz all solche Dinge, woran ein Knabenherz hängt. Dann kam eine Schicht Wäsche, rein und schmutzig durcheinander. Und ganz unten, unter der Wäsche, lag das vermißte Tintenfaß mit Gans und allem!

Kiran stieg das Blut heiß in die Wangen, sie sank wie betäubt neben dem Koffer nieder, das Tintenfaß in der Hand, ganz verwirrt und ratlos.

Inzwischen war Nilkanta von hinten ins Zimmer gekommen, ohne daß Kiran ihn bemerkte. Er hatte alles gesehen und glaubte, daß Kiran sich bei ihm eingeschlichen habe, um ihn als Dieb zu entlarven, und daß seine Tat nun entdeckt sei. Wie konnte er je hoffen, sie zu überzeugen, daß er kein Dieb sei und daß nur Rachsucht ihn bewogen hatte, das Tintenfaß wegzunehmen mit der Absicht, es bei nächster Gelegenheit in den Fluß zu werfen? In einem schwachen Augenblick hatte er es statt dessen in seinem Koffer versteckt. „Ich bin kein Dieb!“ rief es in ihm; „ein Dieb bin ich nicht!“ Was war er denn? Was hätte er sagen können? Er hatte gestohlen und war doch kein Dieb! Er würde Kiran nie begreiflich machen können, welch schweres Unrecht sie ihm tat, wenn sie ihn für einen Dieb hielt! Und wie konnte er es je vergessen, daß sie versucht hatte, ihm nachzuspionieren?

Endlich legte Kiran mit einem tiefen Seufzer das Tintenfaß in den Koffer zurück, und als sei sie selbst der Dieb, verbarg sie es wieder unter der Wäsche und den anderen Dingen, und obenauf legte sie die Geschenke und die Banknote, die sie mitgebracht hatte.

Am nächsten Tage war der Knabe nirgends zu finden. Die Leute im Dorf hatten ihn nicht gesehen, die Polizei konnte keine Spur von ihm entdecken. „Nun laßt uns doch einmal unsere Neugierde befriedigen und seinen Koffer ansehen“, meinte Scharat. Aber Kiran ließ es nicht zu.

Sie ließ den Koffer auf ihr Zimmer bringen, und nachdem sie das Tintenfaß herausgenommen hatte, warf sie es in den Fluß.

Die ganze Familie kehrte nach Hause zurück. Am nächsten Tage lag der Garten verlassen da. Nur Nilkantas hungriger kleiner Köter lief suchend am Flußufer auf und ab und heulte und heulte, als ob ihm das Herz brechen wollte.


DAS KARTENKÖNIGREICH

I

ES war einmal ein Kartenkönigreich auf einer einsamen Insel im fernen Meer. Dort lebten die Könige und die Königinnen, die Asse und die Buben. Die Zehne und Neune mit den Zweien und Dreien und all den andern Ständen hatten sich auch schon vor langer Zeit dort niedergelassen. Aber diese gehörten nicht zu den zwiegebornen[35] Kasten wie die erlauchten Hofkarten.

As, König und Bube waren die drei höchsten Kasten. Die vierte Kaste war aus einer Vermischung mit den niedrigeren Karten entstanden. Die Zweie und Dreie aber waren die niedrigsten von allen. Diese niedrigeren Karten durften niemals in derselben Reihe mit den großen Hofkarten sitzen.

Die Satzungen und Regeln dieses Inselkönigreichs waren wirklich wunderbar. Der besondere Rang jedes Einzelnen war seit unvordenklichen Zeiten festgesetzt. Jeder hatte seine ihm zugewiesene Arbeit und tat nie etwas anderes. Eine unsichtbare Hand schien sie bei jedem ihrer Schritte zu leiten – den Regeln gemäß.

Niemand hatte im Kartenkönigreich je Veranlassung zu denken; niemand brauchte zu irgendeinem Entschluß zu kommen; niemand kam je in den Fall, über irgendeine neue Sache eine Meinung zu vertreten. Die Bürger bewegten sich stumm und teilnahmlos auf dem vorgeschriebenen Wege dahin. Wenn sie umfielen, geschah es ganz geräuschlos. Sie legten sich auf den Rücken, die Augen nach oben gerichtet, mit korrektem Ausdruck in jedem Zuge ihres Gesichts, der ihm nun für immer eingeprägt war.

Es herrschte eine merkwürdige Stille im Königreich der Karten. Sattheit und Zufriedenheit waren vollkommen in ihrer runden Fülle. Niemals gab es Aufruhr oder Gewalttat, niemals Aufregung oder Begeisterung.

Der große Ozean lullte mit seiner ewig gleichen Melodie die Insel in Schlaf, während die weißen Hände seiner Wellen sanft und weich über ihre Stirn strichen. Der weite Himmel breitete sein azurnes, flaumiges Gefieder schützend über die Insel wie die Schwingen einer brütenden Vogelmutter. Denn am fernen Horizont bezeichnete eine tiefblaue Linie ein anderes Ufer. Aber kein Laut von Kampf und Streit konnte bis zu der Insel der Karten dringen und ihre tiefe Ruhe stören.

II

IN jenem fernen, fremden Lande jenseits des Meeres lebte ein junger Prinz, dessen Mutter eine kummervolle Königin war. Diese Königin war in Ungnade gefallen und lebte mit ihrem einzigen Sohn an der Meeresküste. Der Prinz verlebte seine Kindheit allein und verlassen; er saß bei seiner verlassenen Mutter und wob das Netz seiner ungeheuren Wünsche. Er sehnte sich auf die Suche zu gehen nach dem fliegenden Roß, nach dem Edelstein in der Haube der Kobraschlange, nach der Himmelsrose, nach dem Zauberstab oder nach dem Orte jenseits der dreizehn Flüsse und sieben Seen, wo die Prinzessin Tausendschön im Schloß des Ungeheuers schlief.

Vom Sohn des Kaufmanns lernte der junge Prinz in der Schule die Geschichten von fremden Königreichen. Vom Sohne des Amtmanns hörte er das Märchen von Alladin und der Wunderlampe. Und wenn der Regen herniederrauschte und die Wolken den Himmel bedeckten, saß er auf der Schwelle, und auf die See hinausblickend sagte er zu seiner kummervollen Mutter: „Mutter, erzähle mir eine Geschichte von einem ganz fernen Lande.“

Und dann erzählte ihm seine Mutter eine endlos lange Geschichte, die sie in ihrer Kindheit gehört hatte, von einem Wunderlande jenseits des Meeres, wo die Prinzessin Tausendschön lebte. Und das Herz des jungen Prinzen wurde krank vor Sehnsucht, wenn er da auf der Scholle saß und hinausblickte auf den Ozean und der Wundergeschichte seiner Mutter lauschte, während draußen der Regen herniederrauschte und die grauen Wolken den Himmel bedeckten.

Eines Tages kam der Sohn des Kaufmanns zum Prinzen und sagte kühn: „Kamerad, meine Studien sind zu Ende. Jetzt will ich auf Reisen gehen und auf dem Meere mein Glück versuchen. Ich komme, dir Lebewohl zu sagen.“

Der Prinz sagte: „Ich will mit dir gehen.“

Und der Sohn des Amtmanns sagte auch: „Kameraden, ihr habt immer treu und redlich an mir gehandelt, ihr werdet mich nicht zurücklassen. Auch ich will euer Gefährte sein.“

Da sagte der junge Prinz zu seiner kummervollen Mutter: „Mutter, ich will jetzt auf die Reise gehen und mein Glück suchen. Wenn ich wieder zurückkomme, werde ich ein Mittel gefunden haben, all deinen Kummer zu bannen.“

So machten sich denn die drei Gefährten zusammen auf die Reise. Im Hafen lagen die zwölf Schiffe des Kaufmanns vor Anker, und die drei Gefährten gingen an Bord. Der Südwind blies, die zwölf Schiffe segelten fort, und die Wünsche des Prinzen flatterten ihnen voran.

An der Muschelinsel füllten sie ein Schiff mit Muscheln. An der Sandelbauminsel füllten sie ein zweites Schiff mit Sandelholz, und an der Koralleninsel füllten sie ein drittes Schiff mit Korallen.

Vier Jahre gingen dahin, und sie füllten noch vier Schiffe, eins mit Elfenbein, eins mit Moschus, eins mit Gewürznelken und eins mit Muskatnüssen.

Aber als diese Schiffe alle beladen waren, erhob sich ein furchtbarer Sturm. Alle Schiffe gingen unter mit ihren Nelken und Muskatnüssen und Moschus und Elfenbein und Korallen und Sandelholz und Muscheln. Aber das Schiff mit den drei Gefährten schlug gegen das Felsenriff einer Insel, warf sie wohlbehalten ans Ufer und brach selbst in Stücke.

Dies war die berühmte Karteninsel, wo As und König und Königin und Bube mit den Neunen und Zehnen und all den anderen Ständen nach den festgesetzten Regeln lebten.

III

BIS dahin hatte nie etwas jene Inselstille gestört. Nie hatte sich etwas Neues ereignet. Nie war man über irgendeine Sache verschiedener Meinung gewesen.

Und nun erschienen plötzlich die drei Gefährten, die das Meer ans Land geworfen hatte, – und die große Debatte begann. Da waren drei Hauptstreitpunkte.

Erstens: zu welcher Kaste sollten diese klassenlosen Fremden gehören? Sollten sie denselben Rang einnehmen wie die Hofkarten? Oder waren es bloß Leute einer niederen Kaste, denen man den Platz der Neune und Zehne zuwies? Es lag kein Präzedenzfall vor, nach dem man diese wichtige Frage hätte entscheiden können.

Zweitens: Zu welcher Rasse gehörten sie? Hatten sie die hellere und zartere Hautfarbe der Herzen oder die dunklere der Treffs? Über diese Frage wurde endlos disputiert. Das ganze Heiratssystem der Insel mit seinen verwickelten Satzungen hing von ihrer richtigen Entscheidung ab.

Drittens: Was für Nahrung sollten sie erhalten? Bei wem sollten sie wohnen und schlafen? Und sollten sie mit dem Kopf nach Südwesten hin liegen oder nach Nordwesten, oder nur nach Nordosten? Im ganzen Kartenkönigreiche war nie über eine Reihe so wichtiger und höchst kritischer Fragen verhandelt worden.

Aber inzwischen wurden die drei Gefährten verzweifelt hungrig. Sie mußten sich irgendwie etwas zu essen verschaffen. Und während die große Beratung noch vor sich ging mit ihren endlosen Pausen und während die Asse für sich eine Versammlung einberiefen und einen Ausschuß bildeten, der irgendeinen alten Fall aufstöbern sollte, nach dem man entscheiden könnte, aßen die drei Gefährten selbst alles, was sie finden konnten, und tranken aus jedem Gefäß und brachen alle Regeln.

Selbst die Zweie und Dreie waren über dies unerhörte Betragen entsetzt. Die Dreie sagten: „Brüder Zwei, diese Leute sind einfach schamlos.“ Und die Zweie sagten: „Brüder Drei, sie gehören augenscheinlich zu einer noch niedrigeren Kaste als wir.“

Nachdem die drei Gefährten ihr Mahl beendet hatten, machten sie einen Spaziergang durch die Stadt.

Als sie sahen, wie die Leute gewichtig durch die Straßen schritten, in düster feierlichem Zuge, mit ängstlich korrekten Mienen, da wandte sich der Prinz nach dem Sohn des Kaufmanns und dem Sohn des Amtmanns um, warf den Kopf zurück und brach in unbändiges Gelächter aus.

Die Königsstraße hinab über den Asplatz und am Bubenkai entlang erscholl dies seltsame, unerhörte Gelächter, bis es wie über sich selbst erschrocken im großen leeren Raum des Schweigens hinstarb.

Den Sohn des Amtmanns und den Sohn des Kaufmanns überlief es eiskalt bei dem geisterhaften Schweigen rings um sie her. Sie wandten sich zum Prinzen und sagten: „Kamerad, laß uns von hier fortgehen. Laß uns keinen Augenblick länger in diesem unheimlichen Gespensterlande bleiben.“

Aber der Prinz sagte: „Kameraden, diese Leute sehen aus wie Menschen; ich will sie einmal gehörig durch und durch und um und um schütteln, um zu sehen, ob denn nicht noch ein einziger Tropfen warmen Lebensblutes in ihren Adern übrig ist!“

IV

EIN Tag nach dem andern verging, und das Leben der Insel rann still und gelassen dahin, fast ohne das leiseste Wellengekräusel. Die drei Gefährten aber kehrten sich an keine Regeln und Satzungen. Sie taten nie etwas nach vorgeschriebener Weise, mochten sie nun stehen oder sitzen oder sich umwenden oder auf dem Rücken liegen. Im Gegenteil, wo immer sie sahen, daß man diese Dinge genau nach den Regeln tat, brachen sie in ein zügelloses Gelächter aus. Auf sie machte der heilige Ernst dieser geheiligten Regeln durchaus keinen Eindruck.

Eines Tages kamen die großen Hofkarten zu dem Prinzen und dem Sohn des Amtmanns und dem Sohn des Kaufmanns.

„Warum“, fragten sie langsam, „bewegt ihr euch nicht nach den Regeln?“

Die drei Gefährten antworteten: „Weil unsere Itscha (= Wunsch) es so will.“

Die großen Hofkarten sagten alle zusammen mit hohler Grabesstimme, als wenn sie langsam aus einem jahrtausendelangen Schlaf erwachten: „Itscha? Und dürfen wir fragen, wer Itscha ist?“

Sie ahnten damals noch nicht, wer Itscha war, aber die ganze Insel sollte es bald erfahren.

Zuerst fing es an, leise in ihrem Geist zu dämmern, als sie das Tun des Prinzen beobachteten und dadurch zu der Erkenntnis kamen, daß sie geradeaus gehen konnten in einer Richtung, die der gewohnten entgegengesetzt war. Dann machten sie noch eine überraschende Entdeckung: sie bemerkten, daß die Karten noch eine andere Seite hatten, die sie nicht beachtet hatten. Dies war der Anfang der Wandlung.

Nun aber, da die Wandlung einmal begonnen hatte, konnten die Gefährten die Inselbewohner immer tiefer in die Geheimnisse der Itscha einweihen. Den Karten wurde es allmählich klar, daß das Leben nicht an Regeln gebunden ist. Sie fingen an, eine geheime Befriedigung zu empfinden, daß sie die königliche Macht, für sich selbst zu wählen, ausüben konnten.

Aber bei diesem ersten Anstoß der Itscha geriet der ganze Kartenhaufe ins Schwanken und fiel zu Boden. Es war, wie wenn eine ungeheure Riesenschlange aus langem Schlaf erwacht und langsam ihre zahllosen Windungen aufrollt, während ein Zittern durch ihren ganzen Körper läuft.

V

BIS dahin hatten die Königinnen der Piks und Treffs und Karos und Herzen immer hinter einem Vorhang gesessen und ins Leere gestarrt oder den Blick zu Boden gesenkt.

Und jetzt geschah es plötzlich an einem Frühlingsnachmittag, daß Herzkönigin einen Augenblick die dunklen Wimpern hob und verstohlen vom Balkon aus einen schnellen Blick auf den Prinzen warf.

„Großer Gott,“ rief der Prinz, „ich dachte, das wären alles nur gemalte Figuren. Aber ich habe mich geirrt. Es sind doch Frauen.“

Nun rief der junge Prinz seine beiden Gefährten zu sich und sagte in nachdenklichem Ton: „Meine Kameraden! Diese Damen haben einen Zauber, den ich nie zuvor bemerkt habe. Als ich den Blick aus den dunklen Augen der Königin sah, wie sie in einem neuen Gefühl aufleuchteten, da erschien er mir wie der erste leise Dämmerstrahl in einer neu erschaffenen Welt.“

Die beiden Gefährten tauschten ein vielsagendes Lächeln und sagten: „Wirklich, Prinz?“

Mit der armen Herzkönigin aber wurde es von diesem Tag an immer schlimmer. Sie fing an, alle Regeln zu vergessen, so daß es wirklich eine Schande war. Wenn sie zum Beispiel ihren Platz in der Reihe neben dem Buben hatte, so befand sie sich plötzlich statt dessen ganz zufällig an der Seite des Prinzen. Dann sagte der Bube mit unbeweglicher Miene und in feierlichem Ton: „Königin, Ihr habt Euch geirrt.“

Und die roten Wangen der armen Herzkönigin röteten sich noch tiefer. Aber der Prinz kam ihr ritterlich zu Hilfe und sagte: „Nein, es ist kein Irrtum. Von heute ab bin ich Bube.“

Nun geschah es aber, daß die andern, während jeder versuchte, die Unschicklichkeiten der schuldigen Herzkönigin zu verbessern, selbst anfingen, Fehler zu machen. Die Asse sahen sich von den Königen beiseite gedrängt. Die Buben gerieten unter die Könige. Die Neune und Zehne gaben sich ein Ansehen, als ob sie zu den großen Hofkarten gehörten. Die Zweie und Dreie wurden dabei ertappt, wie sie heimlich die Plätze einnahmen, die für die Viere und Fünfe reserviert waren. Es hatte nie vorher solch ein wirres Durcheinander gegeben.

Schon viele Lenze waren über die Karteninsel hingezogen. Der Kokil, der Frühlingsvogel, hatte Jahr für Jahr seinen Sang ertönen lassen. Aber er hatte nie wie jetzt das Blut in Erregung gebracht. In vergangenen Tagen hatte das Meer unermüdlich sein Lied gesungen. Aber da hatte es ihnen nur das ewige Einerlei der Regel wiederholt. Nun aber verkündeten seine Wellen plötzlich mit glitzerndem Licht und leuchtenden Schatten und Tausenden von Stimmen das tiefste Sehnen des liebenden Herzens.

VI

WOHIN sind nun plötzlich die korrekten, runden, regelmäßigen, selbstzufriedenen Gesichter? Hier ist ein Antlitz, blaß vor Liebessehnsucht. Hier ist ein Herz, das in wilder Qual pocht. Hier ist ein Geist, der sich in Zweifeln zermürbt. Musik und Seufzer, Lächeln und Tränen füllen die Luft. Das Leben pulsiert, Herzen brechen, Leidenschaften flackern auf.

Jeder denkt jetzt an sein eigenes Aussehen und vergleicht sich mit andern. Treff-As überlegt bei sich, daß Pik-König wohl ganz passabel aussieht. „Aber,“ meint er, „man braucht nur zu sehen, wie sich alle Blicke auf mich richten, wenn ich die Straße entlang gehe.“ Pik-König sagt: „Was in aller Welt hat Treff-As sich immer den Hals zu verrenken und wie ein Pfau einherzustolzieren? Er bildet sich ein, daß alle Königinnen vor Liebe zu ihm sterben, während in Wahrheit – –“ Hier schweigt er und wirft einen prüfenden Blick in den Spiegel.

Aber die Königinnen waren die schlimmsten von allen. Sie fingen an, ihre ganze Zeit damit hinzubringen, daß sie sich auffällig herausputzten. Und die boshaften Bemerkungen, die sie übereinander machten, waren wahrhaft skandalös.

Die Jünglinge saßen teilnahmlos im Laube unter den Bäumen und streckten sich im Waldesschatten aus. Und die jungen Mädchen in hellblauen Kleidern kamen wie zufällig zu denselben Schatten derselben Bäume desselben Waldes und taten, als ob sie niemanden dort sähen, und sahen möglichst unschuldig aus, als ob sie weiter nichts suchten. Und dann wagte ein junger Mann, der dreister war als die andern, in einem Anfall von Tollheit, sich einem Mädchen in Blau zu nähern. Aber als er näher kam, versagte ihm die Sprache. Er stand da, stumm und verwirrt, und der günstige Augenblick ging vorüber.

Die Kokils sangen oben in den Zweigen. Der boshafte Südwind blies; er zerzauste ihnen das Haar und machte ihr Blut schneller kreisen. Das Laub der Bäume rauschte in Entzücken. Und der nie verstummende Gesang des Meeres schaukelte all das heimliche Sehnen der jungen Herzen auf der Springflut der Liebe hin und her.

Die drei Gefährten hatten in die ausgetrockneten Kanäle des Kartenkönigreichs die volle Hochflut eines neuen Lebens gebracht.

VII

UND nun trat, obgleich die Flut hoch ging, eine Pause ein, als ob die steigenden Wogen nicht in Schaum zerfallen, sondern immer geschwellt bleiben wollten. Man sprach sich nicht in Worten aus, man ging nur vorsichtig einen Schritt vorwärts und wich dann zwei zurück. Alle schienen damit beschäftigt, ihre unerfüllten Wünsche wie Luftschlösser oder Sandburgen aufzutürmen. Sie waren blaß und stumm, ihre Augen brannten, ihre Lippen zitterten von unausgesprochenen Geheimnissen.

Der Prinz sah, was ihnen fehlte. Er rief alle Inselbewohner zusammen und sagte: „Bringt die Flöten und die Zimbeln, die Pfeifen und die Trommeln. Laßt sie allesamt ertönen und erhebt lautes Freudengeschrei. Denn Herz-Königin wird noch heute abend ihren Gemahl wählen.“

Und die Zehne und Neune begannen ihre Flöten und Pfeifen zu blasen; die Achte und Siebene bliesen ihre Posaunen und spielten ihre Bratschen, und selbst die Zweie und Dreie begannen wild ihre Trommeln zu schlagen.

Als dieser lärmende Sturm von Musik sich erhob, fegte er mit einem Stoß alles Seufzen und allen Trübsinn hinweg. Und nun, welch ein Strom von Lachen und Reden! Es gab kühnes Werben und spottendes Weigern und Plaudern und Schwatzen und Spaß und Fröhlichkeit. Es war wie das Zittern und Schwanken und Rauschen und Brausen von Millionen von Blättern und Zweigen tief drinnen im Urwald, wenn der Sommersturm hindurchfährt.

Aber Herz-Königin im rosenroten Gewande saß still im Schatten ihrer verschwiegenen Laube und horchte auf den tobenden Lärm der Musik und der Fröhlichkeit, der immer näher kam. Sie schloß die Augen und träumte ihren Liebestraum. Und als sie sie wieder öffnete, sah sie den Prinzen zu ihren Füßen sitzen und zu ihr aufblicken. Da bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen und wich zurück, in dem freudigen Aufruhr ihres Innern erzitternd.

Und der Prinz verbrachte den ganzen Tag allein, an der Küste des wogenden Meeres hinwandelnd. Er sah immer diesen erschreckten Blick, dieses Zurückbeben der Königin, und in seinem Herzen pochte die Hoffnung laut.

Am Abend warteten die buntgekleideten Reihen der Jünglinge und Mädchen dicht gedrängt und mit lächelnden Gesichtern vor den Toren des Palastes. Die Halle war feenhaft erleuchtet und mit Girlanden von Frühlingsblumen geschmückt. Langsam trat Herz-Königin ein, und die ganze Versammlung erhob sich, sie zu begrüßen. Einen Jasminkranz in der Hand, stand sie gesenkten Blickes vor dem Prinzen. In ihrer demütigen Schüchternheit konnte sie den Kranz kaum zu dem Nacken des Bräutigams, den sie gewählt hatte, erheben. Aber der Prinz neigte sein Haupt, und der Kranz glitt an seinen Platz. Die Versammlung der Jünglinge und Mädchen hatte in lautloser Spannung ihre Wahl erwartet. Und als sie gewählt hatte, brach ein Sturm toller Freude los und brauste durch die Halle und tönte über die ganze Insel hin bis hinaus zu den Schiffen weit draußen auf dem Meere. Niemals hatte es im Kartenkönigreich je solchen Jubel gegeben.

Und sie hoben den Prinzen und seine Braut auf ihre Schultern und setzten sie auf den Thron und krönten sie auf der Stelle – auf der alten Karteninsel.

Und die kummervolle Königin-Mutter auf der fernen Insel jenseits des Meeres kam in einem goldgeschmückten Schiffe zu dem neuen Königreich ihres Sohnes gefahren.

Und die Bürger werden nicht mehr von Regeln geleitet, sondern sind gut oder schlecht oder beides, je nach ihrer Itscha.


Fußnoten: