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Die Ratten: Berliner Tragikomödie cover

Die Ratten: Berliner Tragikomödie

Chapter 4: Zweiter Akt
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About This Book

The drama interweaves the lives of residents of a dilapidated building where an aging theatrical director keeps his costume fund and a poor family shares cramped rooms. Crises arise around a young servant woman facing pregnancy and social humiliation, a brooding young man prone to violent gestures, and an ex-director clinging to past glory. Episodes move between comic futility and grim desperation, exposing compromises, maternal longing, petty scheming, and social indifference. Staged as a sequence of domestic scenes, the work balances tragic and comic tones to probe illusion versus reality, generational friction, and survival amid urban decay.

Zweiter Akt

Die Wohnung der Frau John im zweiten Stock des gleichen Hauses, in dessen Dachgeschoß der Fundus des Direktors Hassenreuter untergebracht ist: ein weitläufiges, ziemlich hohes, graugetünchtes Zimmer, das seine frühere Bestimmung als Kasernenraum verrät. Die Hinterwand enthält eine zweiflügelige Tür nach dem Flur. Über ihr ist eine Schelle angebracht, die von außen an einem Draht gezogen werden kann. Rechts von der Tür beginnt eine etwas mehr als mannshohe Tapetenwand, die geradlinig nach vorn geht, hier einen rechten Winkel macht und wiederum geradlinig mit der rechten Seitenwand verbunden ist. So ist eine Art von Verschlag abgeteilt, über den einige Schrankgesimse hervorragen, und der das Schlafzimmer der Familie ist.

Tritt man durch die Flurtüre ein, so hat man zur Linken ein Sofa, überzogen mit Wachsleinwand. Es ist mit der Rücklehne an die Tapetenwand geschoben. Diese ist über dem Sofa mit kleinen Familienbildchen geschmückt. Maurerpolier John als Soldat, John und Frau als Brautpaar usw. Vor dem Sofa steht ein ovaler Tisch, mit einer verblichenen Baumwolldecke. Man muß von der Tür aus an Tisch und Sofa vorübergehen, um den Zugang zum Schlafraum zu erreichen. Dieser ist mit dem Sofa an einer Wand und mit einem Vorhang aus buntem Kattun verschlossen.

An der nach vorn gekehrten Schmalwand des Verschlages steht ein freundlich ausgestatteter Küchenschrank. Rechts davon, an der wirklichen Wand, der Herd. Wie denn der hier verfügbare kleine Raum vornehmlich zu Küchen- und Wirtschaftszwecken dienen muß.

Ein etwa auf dem Sofa Sitzender blickt gerade gegen die linke Zimmerwand und zu den beiden großen Fenstern hinaus. Am vorderen Fenster ist ein saubergehobeltes Brett als eine Art Arbeitstisch angebracht. Hier liegen zusammengerollte Kartons (Baupläne), Pausen, Zollstock, Zirkel, Winkelmaß usw. Am hinteren Fenster ein Fenstertritt, darauf ein Stuhl und ein Tischchen mit Gläsern. Die Fenster haben keine Gardinen, sind aber einige Fuß hoch mit buntem Kattun bespannt.

Das ganze Gelaß, dessen dürftige Einrichtung ein alter Lehnstuhl aus Rohr und eine Anzahl von Holzstühlen vervollständigt, macht übrigens einen sauberen und gepflegten Eindruck, wie man es bei kinderlosen Ehepaaren des öfteren trifft.

Es ist gegen fünf Uhr am Nachmittag, Ende Mai. Die warme Sonne scheint durch die Fenster.

Maurerpolier John, ein vierzigjähriger, bärtiger, gutmütig aussehender Mann, steht behaglich am vorderen Fenstertisch und macht sich Notizen aus den Bauplänen.

Frau John sitzt mit einer Näharbeit auf dem Fenstertritt des anderen Fensters. Sie ist sehr bleich, hat etwas Weiches und Leidendes an sich, zugleich aber einen Ausdruck tiefer Zufriedenheit, der nur zuweilen von einem flüchtigen Blick der Unruhe und der lauernden Angst unterbrochen wird. An ihrer Seite steht ein Kinderwagen (sauber, neu und nett), darin ein Säugling gebettet ist.

John
bescheiden.

Mutter, wie wär det, wenn ick det Fenster ’n Ritzen ufmachen däte und ick machte mir dann ’n bißken de Pipe an?

Frau John

Mußte denn rauchen? sonst laß et man lieber.

John

I, ick muß ja nich, Mutter! Ick mechte bloß jern! Aber laß man! ’N Priem, Mutter, tut et am Ende in selbijenjleichen och.

Er präpariert sich mit behaglicher Umständlichkeit einen neuen Priem.

Frau John
nach einigem Stillschweigen.

Wat? Du mußt noch ma hin uft Standesamt?

John

Det hat er jesacht, det ick noch ma hin müßte und janz jenau anjeben ... det ick det müßte janz jenau anjeben Ort und Stunde, wo det Kindchen jeboren is.

Frau John
Nadel am Mund.

Warum haste denn det nich anjejeben?

John

Weeß ick et denn? Ick weeß et doch nich.

Frau John

Det weeßte nich?

John

Bin ick dabei jewesen?

Frau John

Na, wenn de mir hier in meine Berliner Wohnung sitzen läßt und lichst det janze jeschlagene Jahr in Altona, kommst hechstens ma monatlich mir besuchen: wat wiste denn wissen, wat in deine Behausung vorjehn dut.

John

Wo soll ick nich jehn, wo der Meester de mehrschte Arbeet hat? Ick jeh dorthin, wo ick schen verdiene.

Frau John

Ick ha et dir doch in Briefe jeschrieben, det unser Jungeken hier in de Wohnung jeboren is.

John

Det weeß ick. Det hab ick ihm och jesacht! Det is doch janz natierlich, hab ick jesacht, det et in meine Wohnung jeboren is. Da hat er jesacht: det is jar nich natierlich! Na denn, sach ick, mag et meinswegen uf’n Oberboden bei de Ratten und Mäuse jewesen sind! So kreppte ick mir, weil er doch sachte, det et womeglich jar nich sollte in meine eijene Wohnung sind jewesen. Denn schrie er: wat sind det for Redensarten! Wat? sag ick: ick bin for Lohn un Brot! for Redensarten Herr Standesbeamter bin ick nich! un nu sollte ick Tag und Stunde anjeben ...

Frau John

Ick hab et dir doch sojar jenau uf’n Zettel jeschrieben, Paul.

John

Wenn eener jekreppt is, denn is er verjeßlich. Ick jloobe, wenn er mir hätte jefracht: sind Sie Paul John, der Mauerpolier? ick hätte jeantwort: ick weeß et nich. Na, nu war ick doch ’n bißken verjnügt jewesen un hatte mit Fritzen eenen jekippt! denn war noch Schubert und Schindlerkarl zujekomm! denn hieß et: ick muß nun ’ne Lage jeben, weil ick doch Vater jeworden bin! — Na! un die Brieder wollten mir och nich loslassen un warteten unten an de Tür von’t Standesamt. Un nu dachte ick, det se unten stehen! und wo er mir frachte an welchen Dache det meine Frau entbunden is, denn wußte ick nischt un mußte laut loslachen.

Frau John

Häste man nachher jetrunken, Paul, un häste vorher besorcht, wat netig is.

John

Det sachste so? Aber wenn du uf deine ollen Dache noch so ’ne Zicken machst! denn wa ick verjnügt! denn freut ick mir, Mutter.

Frau John

Nu jehste und sachst bein Standesamt, det dein Kindeken an fünfundzwanzigsten Mai von deine Ehefrau in deine Wohnung jeboren is.

John

War et denn nich an sechsundzwanzigsten? Ick ha nämlich schlankweg dem sechsundzwanzigsten Mai jesacht! denn hieß et, weil er doch merkte, det ick an Ende nich so janz sicher war: stimmt’s denn is jut! sonst komm Se wieder.

Frau John

I, denn laß et man wie et is.

Die Tür wird geöffnet und Selma Knobbe schiebt einen elenden Kinderwagen herein, der im traurigsten Gegensatz zu dem der Frau John steht, darin liegt, in jämmerlichsten Lumpen, ebenfalls ein Säugling.

Frau John

Nee nee Selma, mit det kranke Kind bei uns in de Stube rieber, det jing woll vordem, nu jeht det nich.

Selma

Et keucht so ville mit sein Husten. Drieben bei uns wird zu ville jeroocht, Frau John.

Frau John

Ick ha dir jesacht, Selma, du kannst immer komm, ma Milch un ma Brot holen. Aber wo hier mein Adelbertchen womechlich mit Auszehrung oder derjleichen anfliejen dut, laß du det arme Wurm drieben bei seine feine Mama drieben.

Selma
weinerlich.

Mutter is jestern und heut nich zu Hause jekomm. Ick kann nachts nich schlafen mit det Kind. Helfjottchen quarrt de janze Nacht iber. Ick muß doch ma schlafen. Ick spring zum Fenster ’raus, oder ick laß Helfjottchen mitten uf de Straße und nehme Reißaus, det mir keen Polizist nich mehr finden kann.

John
betrachtet das fremde Kind.

Sieht bese aus! Mutter nimm dich ma mit det Häufchen Unglick ’n bißken an.

Frau John
resolut, drängt Selma mit dem Kinderwagen hinaus.

Marsch, fort aus der Stube. Det jeht nich, Paul. Wer Eegnet hat, kann sich mit Fremde nich abjeben. Soll de Knobben sehn, wo se bleiben dut. Wat anders is Selma! Du kannst immer rieber komm. Du kannst dir hier och hernach ’n bißken uf’s Ohr lechen.

Selma mit dem Kinderwagen ab. Frau John verschließt die Tür hinter ihr.

John

Hast dir doch frieher mit die Knobbeschen Rotznäsen immer bekümmert!

Frau John

Det vastehste nich. Det sich Adelbertchen womechlich mit schlimme Ochen un Krämpfe von een andret anstecken dut.

John

Det mag sind. Bloß nenn ihm nich Adelbertchen, Mutter. Det dut nich jut, ’n Kind ’n selbichten Namen zu jeben, wie een andret, det mit acht Dache, unjedoft, mit Dot abjejang’n is. Det laß man! davon ha’ ick Manschetten, Mutter.

Es wird an die Tür geklopft. John will öffnen.

Frau John

Wat denn?

John

Na, Jette, ’t will eener rin.

Frau John
dreht hastig den Schlüssel herum.

Ick wer’ mir woll, wo ick marode bin, von alle Welt ieberlofen lassen. — (Sie horcht und ruft dann): — Ick kann nich ufmachen: wat wollen Se denn?

Eine Frauenstimme
aber tief und männlich.

Ich bin Frau Direktor Hassenreuter.

Frau John
überrascht.

Ach Jott nee! — (Sie öffnet die Tür.) — Nehm Se ’t nich iebel, Frau Direkter! Ick ha ja nich ma jewußt, wer ’t is.

Frau Direktor Hassenreuter ist nun, gefolgt von Walburga, eingetreten. Sie ist eine kolossale, asthmatische Dame, älter als fünfzig. Walburga ist ein wenig unscheinbarer gekleidet als im ersten Akt. Sie trägt ein ziemlich umfangreiches Paket.

Frau Direktor Hassenreuter

Guten Tag, Frau John! Ich wollte doch nun — obgleich mir das Treppensteigen schwer wird ... wollte doch nun mal sehen, wie’s nach dem frohen Ereignis ... ja ... Ereignis mit Ihnen beschaffen ist.

Frau John

Et jeht mir, Jott sei Dank, wieder so hallweche, Frau Direkter.

Frau Direktor Hassenreuter

— Das ist doch wahrscheinlich Ihr Mann, Frau John? Das muß man sagen ... muß man sagen — daß Ihre liebe Frau — sich in der langen Wartezeit niemals beklagt und immer ... immer fröhlich und guter Dinge — ihre Arbeit oben bei meinem Mann im Theatermagazin verrichtet hat.

John

Det is och. Se hat ihr mächtig jefreit, Frau Direkter.

Frau Direktor Hassenreuter

Nun, da wird man wohl auch ... da wird Ihre Frau wohl die Freude haben — Sie öfters ... öfters als wie bisher — zu Hause zu sehn.

Frau John

Ick ha’n juten Mann, Frau Direkter, wo sorjen dut und solide is. Und deshalb, weil Paul auswärts uf Arbeet jeht, denn hat er mir längst nich sitzen lassen. Aber for so ’n Mann, wo ’n Bruder schon ’n Jungen von zwölf in de Unteroffiziersschule hat ... det is och keen Leben, ohne Kinder! denn kricht er Jedanken! denn macht er in Hamburg schenet Jeld! denn is alle Dache Jelejenheet, un denn will er fort nach Amerika auswandern.

John

I, Jette, det war ja man bloß so ’n Jedanke.

Frau John

Sehn Se, det is mit uns kleene Leite ... det is ’n sauer verdientes Durchkommen, wo unsereens hat, aber jedennoch ... — (Sie fährt John schnell mit der Hand durchs Haar.) — Wenn och eener mehr is un Sorchen mehr sin — sehn Se, det Wasser läuft ihm de Backen runter! — denn freut er sich.

John

Det is, wir haben schon vor drei Jahre ’n Jungchen jehabt, und det is mit acht Dache einjejang.

Frau Direktor Hassenreuter

Das hat mir mein Mann ... mein Mann bereits ... hat mir mein Mann bereits gesagt — wie sehr Sie sich — um den Sohn gegrämt haben. Sie wissen ja ... wissen ja, wie mein braver Mann — Aug’ und Herz ... Herz und Auge für alles hat. Und wenn es sich gar ... gar um Leute handelt — die um ihn sind und ihm Dienste leisten — da ist alles Gute ... und Schlimme ... alles Gute und Schlimme ... was ihnen zustößt ... zustößt, so, als wär’ es ihm selbst passiert.

Frau John
klopft John auf die Schulter.

Ick seh ihm noch, wie er mit det kleene Kindersärgiken uf beede Knie dazumal in Kinderleichenwachen jesessen hat. Det durfte d’r Dotenjräber nich anrihren.

John
wischt sich Wasser aus den Augen.

Det war och so. Det jing och nich.

Frau Direktor Hassenreuter

Denken Sie ... denken Sie, heute mittag bei Tisch — mußten wir ... mußten wir plötzlich Wein trinken. Wein! wo Leitungswasser in den letzten Jahren ... Karaffen mit Leitungswasser — unser einziges ... einziges Getränk bei Tische ist. Liebe Kinder, sagte mein Mann. — Er ist, wie Sie wissen, elf oder zwölf Tage in den Elsaß verreist gewesen! ... Also ich trinke, sagte mein Mann, auf meine gute, brave Frau John, weil ... rief er mit seiner schönen Stimme! ... weil sie ein sichtbares Zeichen dafür ist, daß unserem Herrgott ... Herrgott der Schrei eines Mutterherzens nicht gleichgültig ist. — Und da haben wir auf Sie angestoßen! — So! — und nun bringe ich ... bringe ich Ihnen hier im ganz besonderen ... ganz besonderen Auftrage meines Mannes einen sogenannten Soxhlet-Kinder-Milchapparat. — Walburga, du magst den Kessel mal auspacken.

Direktor Hassenreuter tritt ohne Umstände durch die nur angelehnte Flurtür herein. Er trägt Zylinder, Sommerpaletot, Handschuhe, spanisches Rohr mit Silbergriff, im ganzen die etwas abgeschabte Garnitur des Wochentags. Er spricht hastig und fast ohne Pausen.

Direktor Hassenreuter
sich den Schweiß von der Stirn wischend.

Heiß! Berlin macht heiß, meine Herrschaften! In Petersburg ist die Cholera! Sie haben meinen Schülern Spitta und Käferstein gegenüber geklagt, daß Ihr Kindchen nicht zunehmen will, Frau John. Eigentlich ist es ja ein Verfallssymptom unserer Zeit, daß die meisten Mütter ihre Kinder selber zu nähren nicht mehr fähig oder nicht willens sind. Sie haben schon einmal einen Jungen am Brechdurchfall eingebüßt, Mutter John. Hilft alles nichts: wir müssen hier deutsch reden! Damit Sie nun diesmal nicht wieder Pech haben und nicht etwa gar in die Scheren von allerlei alten Basen fallen, deren gute Ratschläge meistens für Säuglinge tödlich sind, hat Ihnen meine Frau auf meine Veranlassung diesen Milchkochapparat mitgebracht. Ich habe damit meine ganze kleine Gesellschaft, auch die Walburga, großgezogen ... Sapristi! da sieht man ja auch mal wieder den Herrn John! Bravo! der Kaiser braucht Soldaten! und Sie hatten einen Stammhalter nötig, Herr John! Gratuliere Ihnen von ganzem Herzen.

Er schüttelt John kräftig die Hand.

Frau Direktor Hassenreuter
am Kinderwagen.

Wieviel ... wieviel hat es gewogen bei der Geburt?

Frau John

Et hat jenau acht Pfund und zehn Jramm jewogen.

Direktor Hassenreuter
jovial, laut und lärmig.

Ha ha ha, strammes Produkt! Acht Pfund zehn Gramm frisches deutschnationales Menschenfleisch.

Frau Direktor Hassenreuter

Die Augen! das Näschen! der ganze Vater! — Das Kerlchen ist Ihnen wirklich ... wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten, Herr John.

Direktor Hassenreuter

Sie werden den Bengel doch hoffentlich in die Gemeinschaft der christlichen Kirche aufnehmen lassen.

Frau John
glücklich und gewichtig.

Det wird richtig in de Parochialkirche, richtig am Taufstein, richtig von Jeistlichen wird et jetauft.

Direktor Hassenreuter

Sessa! Und welche sind seine Taufnamen?

Frau John

Det hat natierlich, wie Männer nu eemal sind, ’n langet Jerede abjesetzt. Ick dachte „Bruno“! Det will er nich.

Direktor Hassenreuter

Aber Bruno ist doch kein übler Name.

John

Det mag immer sind, det Bruno weiter keen iebler Name is. Da will ick mir weiter drieber nich ausdricken.

Frau John

Wat sachste nich, det ick ’n Bruder habe, wo Bruno heest und wo zwölf Jahre jinger is: und jeht manchmal ’n bißken uf leichte Weche. Det is bloß de Verführung! Der Junge is jut! Det jloobste nich!

John
bekommt einen roten Kopf.

Jette ... Du weeßt, wat det mit Brunon for ’n Kreuz jewesen is! — Wat wiste?! Soll unser Jungeken so ’n Patron krichen? — Et is ’n Patron! Aber eener, ick kann et nich ändern ... eener, wo unter polizeiliche Ufsicht is.

Direktor Hassenreuter
lachend.

Um’s Himmels willen, dann suchen Sie ihm einen anderen Patron!

John

Jott soll mir bewahren ... ick ha mir bei Brunon anjenommen, in de Maschinschlosserei Stellung verschafft, nischt davon jehat, als Ärjer un Schande! Jott soll bewahren, det er womeglich kommt un mein Jungeken anfassen dut! — (Er krampft die Faust.) — denn Jette ... denn kennt ick nich for mir jut sachen.

Frau John

Immerzu doch, Paul. Bruno kommt ja nich! — So viel kann ick dir aber jewißlich sachen, det mein Bruder mich in die schweren Stunden redlich beiseite jewesen is.

John

Warum haste mir nich lassen kommen, Jette?

Frau John

So ’n Mann, wo Angst hat, mocht ick nich.

Direktor Hassenreuter

Sind Sie nicht Bismarckverehrer, John?

John
kratzt sich hinter den Ohren.

Det kann ick nu so jenau nich sachen: aber, wat meine Jenossen in’t Mauerjewerbe sind, die sind et nich.

Direktor Hassenreuter

Dann habt Ihr kein deutsches Herz im Leibe! Ich habe meinen ältesten Sohn, der bei der Kaiserlichen Marine ist, Otto genannt! Und glauben Sie mir, — (er weist auf das Kindchen) — diese neue künftige Generation wird wissen, was sie dem Schmiede der deutschen Einheit, dem gewaltigen Heros, schuldig ist. — (Er nimmt den Blechkessel des Milchapparates, den Walburga ausgepackt hat, in die Hände und hebt ihn hoch.) — Also, die ganze Geschichte mit diesem Milchapparat ist kinderleicht: das ganze Gestell mit sämtlichen Flaschen — jede Flasche zunächst ein Drittel mit Milch und zwei Drittel mit Wasser gefüllt! — wird in diesen Kessel mit kochendem Wasser gestellt. Auf diese Weise, wenn man das Wasser im Kessel anderthalb Stunde lang auf dem Siedegrade hält, wird der Inhalt der Flaschen keimfrei gemacht: die Chemiker nennen das sterilisieren.

John

Jette, bei de Frau Mauermeester ihre Milch, womit sie die Zwillinge ufziehen dut, wird et och sterilililililisiert.

Die Schüler des Direktors Hassenreuter, Käferstein und Dr. Kegel, zwei junge Leute im Alter zwischen zwanzig und fünfundzwanzig, haben angeklopft und die Tür geöffnet.

Direktor Hassenreuter
der seine Schüler bemerkt hat.

Geduld, meine Herren, ich komme gleich. Ich arbeite hier einstweilen noch im Fache der Säuglingsernährung und Kinderfürsorge.

Käferstein
ausgesprochener Kopf, große Nase, bleich, ernster Gesichtsausdruck, bartlos, ein immer schalkhafter Zug um den Mund. Mit Grabesstimme, weich, zurückhaltend.

Wir sind nämlich die drei Könige aus dem Morgenlande.

Direktor Hassenreuter
der noch immer den Milchkochapparat hoch in den Händen hält.

Was sind Sie?

Käferstein
wie vorher.

Wir wollen das Kindelein grüßen.

Direktor Hassenreuter

Ha ha ha ha! Wenn Sie schon Könige aus dem Morgenlande sind, meine Herren, dann fehlt doch, soweit ich sehn kann, der dritte.

Käferstein

Der dritte ist unser neuer Mitschüler auf dem Felde dramaturgischer Tätigkeit, Kandidat der Theologie Erich Spitta, der durch einen gesellschaftspsychologischen Zwischenfall einstweilen noch Ecke Blumen- und Wallnertheaterstraße festgehalten ist.

Dr. Kegel

Wir machten uns eiligst aus dem Staube.

Direktor Hassenreuter

Sehen Sie, es steht ein Stern über Ihrem Hause, Frau John! — Aber sagen Sie mal, hat sich etwa unser braver Kurpfuscher Spitta wieder mal öffentlich an die Heilung sogenannter sozialer Schäden gemacht? Ha ha ha ha! Semper idem! das ist ja ein wahres Kreuz mit dem Menschen.

Käferstein

Es war ein Auflauf, und da hat er wohl, wie es scheint, in der Volksmenge eine Freundin wieder erkannt.

Direktor Hassenreuter

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde der junge Spitta viel besser zum Sanitätsgehilfen oder zum Heilsarmeeoffizier geeignet sein. Aber so ist es: der Mensch wird Schauspieler.

Frau Direktor Hassenreuter

Der Lehrer der Kinder, Herr Spitta, wird Schauspieler?

Direktor Hassenreuter

Wenn du erlaubst, Mama, hat er mir die Eröffnung gemacht. — Aber nun, wenn Sie Weihrauch und Myrrhen bringen, packen Sie aus, lieber Käferstein. Sie sehen, Ihr Direktor ist vielseitig. Bald verhelfe ich meinen Schülern, die ihr nach dem Inhalt der Brüste der Musen durstig seid, zu geistiger Nahrung, nutrimentum spiritus! bald ...

Käferstein
klappert mit einer Sparkasse.

Nun, ich stelle also das Ding, es ist eine feuersichere Sparkasse, hier neben die Equipage des jungen Herrn Maurerpolier, mit dem Wunsche, daß er es mindestens mal bis zum Regierungsbaumeister bringen möge.

John
hat Schnapsgläschen auf den Tisch gestellt, nimmt und entkorkt eine unangebrochene Likörflasche.

Na, nu muß ick det Danziger Joldwasser ufmachen.

Direktor Hassenreuter

Wer da hat, Sie sehen, dem wird gegeben, Frau John.

John
während er eingießt.

Det is nich jesacht, det for Mauerpolier John sein Kind nich jesorcht wäre, meine Herrn! Aber ick rechen et mir an, meine Herrn. — (Frau Direktor und Walburga ausgenommen, ergreifen alle die Gläser.) — Wohlsein! — Mutter, nu komm, wir wolln och ma anstoßen.

Es geschieht, sie trinken.

Direktor Hassenreuter
im Ton der Rüge.

Mama, du mußt selbstverständlich mittrinken.

John
nachdem er getrunken hat, aufgeräumt.

Ick jeh nu och nich mehr nach Hamburg hin. D’r Meester mag ma ’n andern hinschicken. Ick zerjle mir schonn mit ’n Meester deswechen drei Dache rum. Ick muß mir nu wieder jleich mein Hut nehmen, hat mir wieder ma jejen sechs uf’s Büro bestellt! Wenn er nich will, denn laßt er’t bleiben: det jeht nich, det ’n Familienvater immer un ewich wech von seine Familie is. Ick ha ’n Kollegen ... et kost mir een Wort, da wer’ ick, wo se de Fundamente lechen, bei’t neue Reichstagsjebäude einjestellt. Zwölf Jahre bin ick bei meinen Meester! Et kann ja och ma wo anders sind.

Direktor Hassenreuter
klopft John ebenfalls auf die Schulter.

Sessa! ganz Ihrer Ansicht, Herr Maurerpolier. Unser Familienleben ist eine Sache, die man uns mit Geld und guten Worten nicht abkaufen kann.

Kandidat Erich Spitta tritt ein. Sein Hut ist beschmutzt, sein Anzug trägt Schmutzflecken. Er ist ohne Schlips. Er sieht bleich und erregt aus und säubert mit dem Taschentuch seine Hände.

Spitta

Verzeihung. Könnte ich mich bei Ihnen mal eben ’n bißchen säubern, Frau John?

Direktor Hassenreuter

Ha ha ha! Um Gottes willen, was haben Sie denn angebahnt, guter Spitta?

Spitta

Ich habe nur eine Dame nach Hause begleitet, Herr Direktor, weiter nichts.

Direktor Hassenreuter
der an einem allgemeinen Lachausbruch ob der Worte Spittas teilgenommen hat.

Na hören Sie mal an! Und da setzen Sie noch hinzu: weiter nichts? Und verkünden es offen vor allen Leuten?

Spitta
verblüfft.

Wieso nicht? Es handelte sich um eine gutgekleidete Dame, die ich hier im Hause auf der Treppe schon öfters gesehen hatte, und die leider auf der Straße verunglückt ist.

Direktor Hassenreuter

Ach, was Sie sagen: erzählen Sie mal, bester Spitta. Augenscheinlich hat die Dame Ihnen Flecke auf den Anzug und Schrammen auf die Hände gemacht.

Spitta

Ach nein. Das war wohl höchstens der Janhagel. Die Dame erlitt einen Anfall. Ein Schutzmann griff sie dabei so ungeschickt, daß sie auf den Straßendamm, und zwar dicht vor einem Paar Omnibuspferde niederfiel. Ich konnte das absolut nicht mit ansehen, obgleich der Samariterdienst auf der Straße im allgemeinen, wie ich zugebe, unter der Würde gutgekleideter Leute ist.

Frau John schiebt den Kinderwagen hinter den Verschlag und kommt wieder mit einem Waschbecken voll Wasser, das sie auf einen Stuhl setzt.

Direktor Hassenreuter

Gehörte die Dame vielleicht jener internationalen guten Gesellschaft an, die man je nachdem nur reglementiert oder auch kaserniert.

Spitta

Das war mir in diesem Falle ebenso gleichgültig, wie ich sagen muß, Herr Direktor, wie dem Omnibusgaul, der seinen linken Vorderhuf geschlagene fünf, sechs oder acht Minuten lang, um die Frau nicht zu treten, die unter ihm lag, in der Schwebe gehalten hat. — (Spitta erhält eine Lachsalve zur Antwort.) — Sie lachen! Für mich ist das Verhalten des Gauls nicht lächerlich. Ich konnte ganz gut verstehen, daß einige Leute ihm Bravo zuriefen, Beifall klatschten, andre eine Bäckerei stürmten und Semmeln herausholten, womit sie ihn fütterten.

Frau John
fanatisch.

I, hätt’ er man feste zujetreten! — (Die Bemerkung der John löst wieder allgemeines Gelächter aus.) — Und ieberhaupt, wat die Knobben is: die jehört öffentlich uf ’n Schandarmenmarkt, öffentlich uf de Bank jeschnallt und jehörig mit Riemen durchjefuchtelt! Stockhiebe det det Blut man so spritzt.

Spitta

Ich habe mir niemals eingebildet, daß das sogenannte Mittelalter eine überwundene Sache ist. Es ist noch nicht lange her. Man hat eine Witwe Mayer noch im Jahre achtzehnhundertundsiebenunddreißig hier in Berlin, auf dem Hausvogteiplatz, von untenherauf geradebrecht. — (Er zieht Scherben einer Brille hervor.) — Übrigens muß ich sofort zum Optiker.

John
zu Spitta.

Entschuldijen Se man. Se haben die feine Dame doch hier am Flur jejenieber rinjebracht? Na ja! Det hat Mutter ja jleich jemerkt, det det keen andrer Mensch wie de Knobben jewesen is, wo bekannt for is, det se Mädel mit zwölf uf de Jasse schickt, selber fortbleibt, trinkt und allerhand Kundschaft hat, um Kinder nich kümmert und wo berauscht is und ufwachen dut, allens mit Fäuste und Schirme durchprijelt.

Direktor Hassenreuter
sich raffend und besinnend.

Allons, meine Herren, wir müssen zum Unterricht. Es fehlt uns schon eine Viertelstunde. Meine Zeit ist gemessen. Unser Stundenschluß muß leider heute ganz pünktlich sein. Komm Mama. Auf Wiedersehn, meine Herrschaften.

Der Direktor gibt seiner Frau den Arm und geht, gefolgt von Käferstein, und Dr. Kegel ab. Auch John nimmt seinen Kalabreser.

John
zu seiner Frau.

Adje, ick muß och zum Meester hin.

Auch John geht.

Spitta

Könnten Sie mir mal einen Schlips leihen?

Frau John

Ick will mal sehn, wat sich bei Paul in de Schublade vorfinden duht. — (Sie öffnet den Tischschub und verfärbt sich.) — Jesus! — (Sie nimmt ein durch ein buntes Band zusammengehaltenes Büschelchen Kinderhaar aus der Schublade.) — Da hab ick ja ’n Büschelschen Haar jefunden, wo mein Jungeken, wo mein Adelbertchen schon in Sarch mit Vaters Papierschere abjeschnitten is. — (Tiefe, kummervolle Traurigkeit zieht plötzlich über ihr Gesicht, das sich aber ebenso plötzlich wieder aufhellt.) — Un nu liecht et doch wieder in Kinderwagen! — (Sie geht mit eigentümlicher Fröhlichkeit, das Haarbüschel in der Hand, den jungen Leuten vorweisend, zur Tür des Verschlages, wo der Kinderwagen, zwei Drittel sichtbar, sich befindet. Dort angelangt, hält sie das Haarbüschel an das Kinderköpfchen.) — Na nu kommt mal, kommt mal! — (Sie winkt mit seltsamer Heimlichkeit Walburga und Spitta, die auch neben sie an den Kinderwagen treten.) — Seht mal det Häarchen und det! —? ob det nich detselbiche ... ob det nich janz und jänzlich een und datselbiche Häarchen is.

Spitta

Richtig! Bis auf die kleinste Nuance, Frau John.

Frau John

Jut so! jut so! mehr wollt ick nich!

Sie, mit dem Kinde, verschwindet hinter dem Verschlag.

Walburga

Findest du nicht, Erich, daß das Betragen der John eigentümlich ist?

Spitta
faßt Walburgas Hände und küßt sie scheu und inbrünstig.

Ich weiß nicht, weiß nicht — ... oder ich zähle heut nicht mit, weil ich alles von vornherein subjektiv düster gefärbt sehe. Hast du den Brief bekommen?

Walburga

Jawohl. Aber ich konnte nicht herausfinden, warum du so lange nicht bei uns gewesen bist.

Spitta

Verzeih, Walburga, ich konnte nicht kommen.

Walburga

Warum nicht?

Spitta

Weil ich innerlich zu zerrissen bin.

Walburga

Du willst Schauspieler werden? Ist’s wahr? Du willst umsatteln?

Spitta

Was schließlich noch mal aus mir wird, steht bei Gott! Nur niemals ein Pastor! niemals ein Landpfarrer!

Walburga

Du, ich habe mir lassen die Karten legen.

Spitta

Das ist Unsinn, Walburga. Das sollst du nicht.

Walburga

Ich schwöre dir, Erich, es ist kein Unsinn. Sie hat mir gesagt, ich hätte einen heimlichen Bräutigam, und der sei Schauspieler. Natürlich hab’ ich sie ausgelacht und gleich darauf sagt Mama, du wirst Schauspieler.

Spitta

Tatsächlich?

Walburga

Tatsächlich! Und dann hat mir die Kartenlegerin noch gesagt, wir würden durch einen Besuch viel Not haben.

Spitta

Mein Vater kommt nach Berlin, Walburga, und das ist allerdings wahr, daß uns der alte Herr etwas zu schaffen machen wird. — Vater weiß das nicht, aber ich bin mit ihm innerlich längst zerfallen, auch ohne diese Briefe, die mir hier in der Tasche brennen und mit denen er meine Beichte beantwortet hat.

Walburga

Über unserm verunglückten Rendezvous hat wirklich ein böser, neidischer, giftiger Stern geschwebt. Wie habe ich meinen Papa bewundert! Aber seit jenem Sonntag werde ich aller Augenblick rot für ihn, und so sehr ich mir Mühe gebe, ich kann ihm seitdem nicht mehr gerade und frei ins Auge sehn.

Spitta

Hast du mit deinem Papa auch Differenzen gehabt?

Walburga

Ach, wenn es bloß das wäre! Ich war stolz auf Papa! Und jetzt muß ich zittern, wenn du es wüßtest, ob du uns überhaupt noch achten kannst.

Spitta

Ich und verachten! Ich wüßte nicht, was mir weniger zukäme, gutes Kind. Sieh mal: ich will mit Offenheit gleich mal vorangehn. Eine sechs Jahr ältere Schwester von mir war Erzieherin, und zwar in einem adligen Hause. Da ist etwas passiert ... und als sie im Elternhaus Zuflucht suchte, stieß mein christlicher Vater sie vor die Tür. Er dachte wohl: Jesus hätte nicht anders gehandelt! Da ist meine Schwester allmählich gesunken, und nächstens werden wir beide mal nach dem kleinen sogenannten Selbstmörderfriedhof bei Schildhorn gehn, wo sie schließlich gelandet ist.

Walburga
umarmt Spitta.

Armer Erich, davon hast du ja nie ein Wort gesagt.

Spitta

Das ist eben nun anders: ich spreche davon. Ich werde auch hier mit Papa davon sprechen und wenn es darüber zum Bruche kommt. — Du wunderst dich immer, wenn ich erregt werde, und wenn ich mich manchmal nicht halten kann, wo ich sehe, wie irgendein armer Schlucker mit Füßen gestoßen wird, oder wenn der Mob etwa eine arme Dirne mißhandelt. Ich habe dann manchmal Halluzinationen und glaube am hellichten Tage Gespenster, ja meine leibhaftige Schwester wiederzusehn.

Pauline Piperkarcka, ebenso wie früher gekleidet, tritt ein. Ihr Gesichtchen erscheint bleicher und hübscher geworden.

Die Piperkarcka

Jun Morchen.

Frau John
hinter dem Verschlage.

Wer ist denn da?

Die Piperkarcka

Pauline, Frau John.

Frau John

Pauline? — Ick kenne keene Pauline.

Die Piperkarcka

Pauline Piperkarcka, Frau John.

Frau John

Wer? — Denn wachten Se man ’ne Minute, Pauline.

Walburga

Adieu, Frau John.

Frau John
erscheint vor dem Verschlage, schließt sorgfältig den Vorhang hinter sich.

Jawoll! Ick ha mit det Freilein wat zu verabreden. Seht ma, det ihr ’naus uf de Straße kommt.

Spitta und Walburga schnell ab. Frau John schließt die Tür hinter beiden.

Frau John

Sie sind et, Pauline? Wat wollen Se denn?

Die Piperkarcka

Wat werde wollen? Et hat mir herjetrieben. Habe nich länger warten können. Muß sehn, wie steht.

Frau John

Wat denn? Wat soll denn stehn, Pauline?

Die Piperkarcka
mit etwas schlechtem Gewissen.

Na, ob jesund is, ob jut in Stand.

Frau John

Wat soll denn jesund? wat soll denn in Stande sind?

Die Piperkarcka

Dat sollen woll wissen von janz alleine.

Frau John

Wat soll ick denn von alleene wissen?

Die Piperkarcka

Ob Kind auch nich zujestoßen is.

Frau John

Wat for’n Kind? un wat zujestoßen? Reden Se deitsch! Se blubbern ja man keen eenziget richtiget deitsches Wort aus de Fresse raus.

Die Piperkarcka

Wenn ick nur sagen, was wahr is, Frau John.

Frau John

Na wat denn?

Die Piperkarcka

Mein Kind ...

Frau John
haut ihr eine gewaltige Backpfeife.

... Det sache nochmal, un denn kriste so lange den Schuh um de Ohren, bis et dir vorkommt, det du ’ne Mutter von Drillinge bist. Nu raus! Un nu laß dir nich wieder blicken!

Die Piperkarcka
will fort. Rüttelt an der Tür, die aber verschlossen ist.

Hat mir jeschlagen, zu Hilfe, zu Hilfe! Brauche mir nich jefallen zu lassen! — (weinend) — Aufmachen! Hat mir mißhandelt, Frau John!

Frau John
vollkommen umgewandelt, umarmt Pauline, sie so zurückhaltend.

Pauline, um Jottet willen, Pauline! Ick weeß nich, wat in mir jefahren hat! Sein Se man jut, ick leiste ja Abbitte! Wat soll ick tun? Pauline, soll ick fußfällig uf de Knie, Pauline, Pauline! Abbitte tun?

Die Piperkarcka

Was haben mir ins Jesicht jeschlagen? Ick jehe zu Wache und zeigen an, det mir hier ins Jesicht jeschlagen hat. Ick zeigen an, ick gehen zu Wache.

Frau John
hält ihr Gesicht hin.

Da! hauste mir wieder in’t Jesicht! denn is et jut! denn is er verjlichen.

Die Piperkarcka

Ick jehe zu Wache ...

Frau John

Denn is et verjlichen. Ick sache, Mächen, denn is et, Mächen, sag ick, akkurat mit de Wage verjlichen! Wat wiste nu, Mächen? Nu jeradezu.

Die Piperkarcka

Wat soll mich nützen, wenn Backe jeschwollen is.

Frau John
haut sich selbst ein Backenstreich.

Da! Meine Backe is och jeschwollen. Mächen, hau zu, und jeniere dir nich. — Un denn komm, denn raus, watte uf ’n Herzen hast. Ick will mittlerweile ... ick koche inzwischen for Sie und for mir, Freilein Pauline, ’n rechten juten Bohnenkaffee, Jott weeß et, und keene Zichorientunke.

Die Piperkarcka
weicher.

Warum sin denn auf einmal so niederträchtig und jrob zu mich armes Mächen, Frau John?

Frau John

Det is et! det mecht ick alleene wissen! Komm Se, Pauline, setzen sich. So! Scheenecken sag ick! Setzen sich! Scheen, det Se mich ma besuchen komm! Wat ha ick von meine Mutter deswechen schon for Schmisse jekricht, ick bin doch aus Brickenberch jebürtig! weil ick mir manchmal ja nich jekannt habe. Die hat mehr wie eemal zu mich jesacht: Mädel paß uf: du machst dir ma unglücklich. Det kann och sin, det se recht haben dut. Wie jeht’s, Pauline, wat machen Se denn?

Die Piperkarcka
legt Scheine und Silbergeld, die Handvoll, ohne zu zählen, auf den Tisch.

Hier is det Jeld: ick brauchen ihm nicht.

Frau John

Ick weeß doch von keenen Jelde, Pauline.

Die Piperkarcka

Oh, werden woll janz jut wissen von Jeld! Et hat mir jebrannt. Et war mich wie Schlange unter Kopfkissen ...

Frau John

I wo denn ...?

Die Piperkarcka

Is vorjekrochen, wo ick müde bin einjeschlafen. Hat mir jepeinigt, hat mir umringt! hat mir jequetscht, wo ick habe laut aufjeschrien und meine Wirtin hat mir jefunden, wo ick fast abjestorben, längelang auf Diele jelegen bin.

Frau John

Lassen Se det man jut sind, Pauline! — Trinken Se erst ma ’n kleenen Schnaps! — (Sie gießt ihr Kognak ein.) — Un dann essen Se erst ma ’n Happen-Pappen: mein Mann hat jestern Jeburtstag jehat.

Sie holt einen Streußelkuchen, von dem sie Streifen schneidet.

Die Piperkarcka

I wo denn, ick mag nich essen, Frau John.

Frau John

Det stärkt, det dut jut, det mussen Se essen! Aber ick muß mir doch freuen, Pauline, det Se doch wieder mit Ihre jute Natur bei Ihre Kräfte jekommen sin.

Die Piperkarcka

Nu will ick et aber mal sehn, Frau John.

Frau John

Wat denn, Pauline? Wat woll’n Se denn sehn?

Die Piperkarcka

Hätt’ ick laufen jekonnt, wär’ ick früher jekomm. Das will jetzt sehn, warum jekommen bin.

Frau John, deren fast kriechende Freundlichkeiten von angstvoll bebenden Lippen gekommen sind, erbleicht auf eine unheilverkündende Weise und schweigt. Sie geht nach dem Küchenschrank, reißt die Kaffeemühle heraus und schüttet heftig Kaffeebohnen hinein. Sie setzt sich, quetscht die Kaffeemühle energisch zwischen die Knie, faßt die Kurbel und starrt mit einem verzehrenden Ausdruck namenlosen Hasses zur Piperkarcka hinüber.

Frau John

So? — Ach! — Wat wißte sehen? — Wat wißte nu jetzt uf eemal sehn? — Det, det wat te hast mit deine zwee Hände erwürchen jewollt.

Die Piperkarcka

Ick? —

Frau John

Wißte noch liechen? Ick werde dir anzeigen.

Die Piperkarcka

Nu haben mir aber jenug jequält und bis auf’t Blut jemartert, Frau John. Mir nachjestellt! mir Schritt und Tritt nich Ruhe jelassen. Bis haben Kind auf Oberboden auf Haufen alter Lumpen zu Welt jebracht. Mich Hoffnung jemacht, mich schlechten Spitzbubenjungen Angst jemacht. Mich Karten jelegt von wegen mein Bräutigam un weiterjehetzt, bis bin wie verrückt jeworden.

Frau John

Det bist du och noch! Jawoll: du bist janz und jar verrückt! Wat, ick hab dir jequält? Wat hab ick? Ick habe dir aus ’n Rinnstein jelesen! Ick hab dir jeholt bei Schneejestöber, bei de Normaluhr, wo de hast mit verzweifelte Ochen — un wie de hast ausjesehen! — hintern Lanternanzünder herjestarrt. Jawoll: denn ha ick dir nachjestellt, det dir der Schutzmann, det dir der jrüne Wagen, det dir der Deibel nich hat holen jekonnt! Ick habe dir keene Ruhe jelassen, ick ha dir jemartert, bis det de nich sollst mit dein Kind unterm Herzen in’t Wasser jehn. — (Äfft ihr nach.) — Ick jeh im Landwehrkanal, Mutter John! Ick erwürche det Kind! Ick ersteche det Wurm mit meine Hutnadel! Ick jeh, ick lauf, wo der Lump von Vater sitzen un Zither spielen dut, mitten in’t Lokal, und schmeiß ihn det tote Kind vor die Fiße. Det haße jesacht, so haste jesprochen, so jing et den lieben langen Dach, un manchmal de halbe Nacht noch dazu, bis ick dir hab hier ins Bette jebracht un so lange jestreichelt, det de bist endlich einjeschlafen un bist mittags um zwölf, wie die Glocken von alle Kirchen jeläut’t haben, an andern Dache erst wieder ufjewacht. Jawoll, so ha ick dir angst jemacht, wieder Hoffnung jemacht, so ha ick dir keene Ruhe jelassen! Haste det allens verjessen! wat?

Die Piperkarcka

Aber et is doch mein Kind, Mutter John ...

Frau John
schreit.

Denn hol et dir aus’n Landwehrkanale!

Sie springt auf, läuft umher und nimmt bald diesen, bald jenen Gegenstand in die Hand, um ihn sogleich wieder wegzuwerfen.

Die Piperkarcka

Soll ick mein Kind nich ma sehen dürfen?

Frau John

Spring in’t Wasser un such et! denn haste et! Weeß Jott, ick halte dir nu weiter nich.

Die Piperkarcka

Jut! Mejen mich schlajen, mejen mir prügeln, mejen mir schmeißen Wasserflasche an Kopp: eh’ nich weiß wo Kind is, eh’ nich haben mit Augen jesehn, bringen mich keiner und niemand von Stelle fort.

Frau John
einlenkend.

Pauline, ick ha et in Flege jejeben!

Die Piperkarcka

Lieche! Ick hör et doch schmatzen, wo et janz jenau hintern Vorhang is! — (Das Kind hinter dem Tapetenverschlag beginnt zu schreien. Die Piperkarcka eilt auf den Vorhang zu, dabei nicht ohne falsche Note, ein wenig pathetisch weinerlich rufend): — Weine nicht, armes, armes Jungchen, jutes Mutterchen kommen schon!

Frau John
fast von Sinnen, ist vor den Eingang gesprungen, den sie der Piperkarcka verstellt.

Die Piperkarcka
ohnmächtig wimmernd, mit geballten Fäusten.

Soll mir jetzt zu mein Kinde reinlassen.

Frau John
furchtbar verändert.

Sieh mir ma an, Mächen! Mächen, sieh mir ma in’t Jesicht! — Jlobst du, det mit eene, die aussieht wie ich ... det mit mir noch zu spaßen is? — (Die Piperkarcka hat wimmernd Platz genommen.) — Setz dir! flenne! wimmere! bis dir, ick weß nich wat ... jammere, bis det dir die Jurjel verschwollen is! det, wenn de hier rin willst — denn bist du tot oder ick bin tot — un denn is och det Jungchen nich mehr am Leben!

Die Piperkarcka
erhebt sich entschlossen.

Denn jeben acht, was jeschehen, Frau John.

Frau John
wiederum einlenkend.

Pauline, die Sache is zwischen uns richtig un abjemacht. Wat wollen Se sich mit det Kindchen behängen, wo jetzt mein Kindeken und in beste Hände jeborjen is? Wat wollen Se denn mit det Kindeken ufstellen? Jehn Se zu Ihren Breitijan! da sollen Se woll mit den Besseres zu tun haben als Kinderjeschrei, Kindersorchen und Kimmernis.

Die Piperkarcka

Erst recht! Nu jerade! Nu muß er mir heiraten! — Haben alle ... hat Frau Kielbacke, als ick mir mussen haben behandeln lassen, zu mich jesacht. Soll nich nachjeben! Muß mir heiraten. Auch Standesbeamte gab mich Rat. Hat jesacht, janz wütend, als ick haben erzählt, wohin jekrochen un habe Kind auf Dachboden Welt jebracht ... schreit janz wütend: ick muß nich nachlassen. Hat jesacht: arme jeschundene Kreatur zu mich, Tasche jejriffen, Taler zwei Jroschen Jeld jeschenkt. Jut! lasse mir weiter nich ein, Frau John. Adje! Bin bloß jekommen, sowieso, daß morjen nachmittag fünf zu Hause sind. Warum? weil morjen einjesetzter Pfleger von Jemeinde nachsehn kommt. Ick werde mir weiter hier noch rumärgern.

Frau John
starr, entgeistert.

Wat? du hast et jemeld uf’t Standesamt?

Die Piperkarcka

Etwa nich? Ick soll woll Jefängnis komm?

Frau John

Wat hast du jemeldet beim Standesbeamten?

Die Piperkarcka

Sonst janischt, als det mit Knaben niederjekommen bin. Ick hab mir jeschämt, o Jott! bin über un über rot jeworden! Mir is, ick sink jleich in de Erde rin.

Frau John

So! — Wenn de dir so jeschämt hast, Mächen, warum haste’s denn aber anjezeigt?

Die Piperkarcka

Weil mich meine Wirtin und och Frau Kielbacke, wo mich hinjeführt hat, mich partout nich Ruhe jejeben.

Frau John

So! — Denn wissen se’t also uf’t Standesamt?

Die Piperkarcka

Na ja, det mussen se wissen, Frau John.

Frau John

... Aber ha ick dir dat nich einjeschärft ...? ...

Die Piperkarcka

Det muß man melden! Soll ick denn abjeführt Untersuchung und Plötzensee gesteckt?

Frau John

Ick ha doch jesacht: ick jeh et anmelden.

Die Piperkarcka

Habe jleich bei Standesbeamte jefracht. Is keene jekommen hat anjemeldt.

Frau John

Un wat haste nu also anjejeben?

Die Piperkarcka

Daß Aloisius Theophil heißen soll un daß bei Sie, Frau John, in Pflege is.

Frau John

Un morjen will eener nachsehn komm?

Die Piperkarcka

Det is een Herr von de Vormundschaft. Was is denn weiter? Nun sin doch ruhig un sin vernünftig. Haben mich wirklich vorher Schrecken in alle Jlieder jejagt.

Frau John
abwesend.

Nu freilich: det is nu nich mehr zu ändern. Det is ja nu och in Jottesnamen nu jroß weiter nischt.

Die Piperkarcka

Gelt, un kann nu mein Kindchen auch sehn, Frau John.

Frau John

Heute nich! Morjen, morjen, Pauline.

Die Piperkarcka

Warum nich heut?

Frau John

Weil det det Beschreien nich jut dut, Pauline! Also morjen, um Uhre fünfen nachmittag?

Die Piperkarcka

Steht jeschrieben, sagt mir Wirtin, daß Herr von die Stadt, Uhren fünfen morjen nachsehn kommt.

Frau John
indem sie die Piperkarcka hinausschiebt und selbst mit hinausgeht, im Tone der Abwesenheit.

Jut so. Laß er man kommen, Mächen.

Frau John ist einen Augenblick auf den Flur hinausgetreten und kommt ohne die Piperkarcka wieder herein. Sie ist seltsam verändert und geistesabwesend. Sie tut einige hastige Schritte gegen die Verschlagstür, steht jedoch plötzlich wieder still mit einem Gesichtsausdruck vergeblichen Nachsinnens. Dieses Grübeln unterbricht sie, heftig gegen das Fenster zu eilend. Hier wendet sie sich und wieder erscheint der hilflose Ausdruck schwerer Bewußtlosigkeit. Langsam, wie eine Nachtwandlerin, tritt sie an den Tisch und läßt sich daran nieder, das Kinn in die Hand stützend. Nun erscheint Selma Knobbe in der Tür.

Selma

Mutter schläft, Frau John. Ick ha solchen Hunger. Kann ick ’n Happen Brot kriejen?

Frau John erhebt sich mechanisch und schneidet ein Stück von einem Laib Brot, wie unter dem Einfluß einer Suggestion.

Selma
der die Verfassung der Frau auffällt.

Ick bin’s! — Wat is denn? — Schneiden sich man bloß nich etwa mit Brotmesser.

Frau John
mit trockenem Röcheln, das sie mehr und mehr überwältigt, indem sie Brot und Brotmesser willenlos auf den Tisch gleiten läßt.

Angst! — Sorje! — Da wißt Ihr nischt von!

Sie zittert und sucht einen Halt, um nicht umzusinken.