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Die Ratten: Berliner Tragikomödie cover

Die Ratten: Berliner Tragikomödie

Chapter 6: Vierter Akt
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About This Book

The drama interweaves the lives of residents of a dilapidated building where an aging theatrical director keeps his costume fund and a poor family shares cramped rooms. Crises arise around a young servant woman facing pregnancy and social humiliation, a brooding young man prone to violent gestures, and an ex-director clinging to past glory. Episodes move between comic futility and grim desperation, exposing compromises, maternal longing, petty scheming, and social indifference. Staged as a sequence of domestic scenes, the work balances tragic and comic tones to probe illusion versus reality, generational friction, and survival amid urban decay.

Die Piperkarcka
versteht nicht.

Wat jiebt denn?

Schierke

Ruhe! — Komm Sie mit.

Frau Knobbe scheint die Sprache verloren zu haben. Sie steckt ihr Taschentuch in den Mund. Tief in ihrer Brust röchelt es. Schierke, die Kielbacke mit dem toten Kinde, gefolgt von Frau Knobbe und der Piperkarcka ab. Man hört Gemurmel auf dem Flur.

Der Direktor kommt wieder, nachdem er hinter den Abgehenden die Tür verschlossen hat.

Direktor Hassenreuter

Sic eunt fata hominum. Erfinden Sie so was mal, guter Spitta.

Vierter Akt

Die Wohnung des Maurerpoliers John, wie im zweiten Akt. Es ist früh gegen acht Uhr Sonntags.

Maurerpolier John befindet sich unsichtbar hinter dem Verschlage. Man kann aus seinem Planschen und Prusten entnehmen, daß er bei der Morgenwäsche ist. Quaquaro ist eben eingetreten und hat die Klinke der Flurtür in der Hand.

Quaquaro

Sache ma, is deine Frau zu Hause, Paul?

John
hinterm Verschlag.

Noch nich, Emil. Meine Frau is mit den Jungen bei meine verheirate Schwester in Hangelsberg. Will aber heut morchen noch wiederkomm. — (John erscheint, sich abtrocknend, in der Tür des Verschlages.) Schen juten Morchen, Emil.

Quaquaro

Morchen, Paul.

John

Na wat jibt et Neies? Ick bin vor ’ne halbe Stunde erst von de Bahn aus Hamburch jekomm.

Quaquaro

Ick sah dir ins Haus jehn un Treppe rufsteichen.

John
aufgeräumt.

Na ja, Emil, du bist eben so ’n richticher Zerberus.

Quaquaro

Sache ma, Paul: wie lange is deine Frau mit det Kleene in Hangelsberg?

John

I, det muß so um die acht Dache so rum sind, Emil. Wiste wat von ehr? Miete hat se doch woll richtich abjeführt. Ibrigens kann ick jleich kindigen, Emil. Denn et is nu so weit: wir ziehn an erschten Oktober. Ick ha Muttern nu endlich breit jekricht, det wir aus det olle wacklige Staatsjebäude raus und in ’ne beßre Jejend ziehn.

Quaquaro

Nach Altona wiste nu nich mehr zurick?

John

Nee! bleibe in Lande und nähre dir redlich! Ick jeh nich mehr auswärts! Nich in die Hand! — Schon erstlich: immer uf Schlafstelle rumdricken! und denn och: jinger wird eener nich! De Mächens wolln och all nich mehr recht mehr so anbeißen ... Nee nee, et is jut so, det ma det ewiche Wanderleben zu Ende is.

Quaquaro

Deine Frau hat et jut anjeschlachen, Paul.

John
gut gelaunt.

Na, junge Ehe, wo ebent erst Kindchen jekomm is!? Ick ha zum Meester jesacht: ick bin jung verheirat! Denn hat er jefracht, ob meine erschte Frau jestorben is? O konträr! Janz in’t Jejenteil, hab’ ick jeantwort: die is so lebendig und quietschfidel, die hat sojar noch ’ne quietschfidelen kleenen Berliner zujekricht! — Wie ick heute Morchen, Berlin—Hamburg—Stendal—Ültzen zum letztenmal uf’n Lehrter Bahnhof mit mein janzes Zeug aus de vierte Klasse jestiegen bin, hab’ ick ’n lieben Jott, der Deibel hol mir! so alt wie ick bin, mit een Seufzer jedankt. Er wird ihm wohl bei den Lärm uf’n Lehrter nich jehert haben.

Quaquaro

Haste jehert, Paul, det drieben de Knobbe ihr Jüngstes och wieder mit Dot abjejang is?

John

Nee! Wie soll ick da von wat jehert haben. Aber wenn et dot is, denn is et doch jut, Emil. Als ick det Wurm vor acht Dache jesehn habe, wo Krämpfe hatte und Selma jekomm is und ick und Mutter haben ihm noch’n Löffel Zuckerwasser injejossen, da war et doch schon reichlich reif for’t Himmelreich.

Quaquaro

Sache ma, haste denn von die Umstände jar nich jehert, wie und wo det Kindchen zu Dode jekomm is?

John

Nee! — (Er zieht eine lange Tabakspfeife hinter dem Sofa hervor.) — Wart ma! ick brenne mir erst ma ’ne Pipe an. Nee! wo soll ick da von wat jehert haben.

Quaquaro

Ick verwunder mir aber doch, det deine Frau dir nischt von jeschrieben hat.

John

I, mit Jette und mit die Knobbekinder is det, seit det mir ’n eegnet Kind haben, bei Muttern uf eema wie abjeschnappt.

Quaquaro
lauernd.

Deine Frau wollte ja doch immer brennend jerne ’n Sohn haben.

John

Na det is och! Meenste woll etwa, ick nich? For wat rackert eens denn? For wat schind ick mir denn? Det is doch wat anders, wenn ’n scheenet rundet Stück Jeld for’n eijnen Sohn oder for Schwesterkinder ufjespart bleiben dut.

Quaquaro

Weeste denn nich, det ’n fremdet Mächen jekomm is, Paul, und hat behauptet, det det Kind von de Knobbe jar nich ihr eechnet, sondern det Kind von det fremde Mächen jewesen is?

John

Nanu? De Knobben und Kinderstehlen? Wenn’t Mutter wär! aber de Knobben doch nich. Sach ma, Emil, wat is denn det for ’ne Jeschichte.

Quaquaro

Na, nu, d’r eene sagt so, d’r andre sagt so. De Knobben sagt, det von een Komplott mit Detektivs aus jewisse Kreise det kleene Balch nachjestellt worden is. Un det is nu ja och richtig janz festjestellt: et war det Kind von de Knobben jewesen! — Kannst du mich irgendeenen Wink jeben, wo de letzten Dache dein Schwager is?

John

Meenste dem Schlachtermeester in Hangelsberg?

Quaquaro

I nee, durchaus nich wat der Mann von deine Schwester, sondern von deine Frau der Bruder is.

John

Da meenst du Brunon?

Quaquaro

Jewiß doch.

John

Na, noch wat, da kimmere ick mir noch wat eher drum, ob de Hunde noch immer bei Prellsteine jehn. Von Brunon will ick weiter nischt wissen.

Quaquaro

Her mich ma zu, Paul. Ärjer dir nich. Nämlich uf Polizeistelle is bekannt, det Bruno mit det polnische Mächen, wo uf det Kindeken Anspruch machen wollte, jleich neulich hier vor de Haustür und dann och an eene jewisse Stelle von de Uferstraße, wo de Jerber de Felle wegschwimmen, jemeinsam jesichtet is. Nu is det Mächen janz jänzlich verschwunden. Weiter wat Näheres weeß ick nu freilich nich! Bloß det se von Polizei wechen det Mächen suchen.

John
stellt entschlossen die lange Pfeife weg, die er sich angesteckt hatte.

Ick weeß nich, ick ha keen Justo heut morchen! — Ick weeß nich, wat in mir jefahren hat, ick war so verjnügt wie’n Eckensteher. Uf eemal is mich so kodderig zumut, det ick an liebsten jleich wieder nach Hamburg mechte un jar nischt weiter heren und sehn! — Wat kommst de denn mir, Emil, mit so ’ne Jeschichten?

Quaquaro

Ick wollte dir man bloß bißken ufklären, wat inzwischen, wo ja du un wohl ja och deine Frau auswärts jewesen is, in deine Behausung jeschehn is.

John

In meine Behausung?

Quaquaro

Det is ja! Jawoll! Selma hatte ja, heeßt et, det Knobbesche Jungchen in Kinderwachen hier rieberjeschoben, wo et det fremde Frauenzimmer mit ihre Begleitung aus deine Wohnung jenommen und wechjetragen hat. Oben bei de Kammedienspieler is se ja dann noch jlicklich jestellt worden.

John

Wat is se?

Quaquaro

Und da haben sich och de Knobbe un det fremde Mächen ieber det dote Kind bei de Haare jekricht.

John

Wenn ick man wißte, wat mir det soll, Emil, wo doch alle Ochenblicke hier mit Frauenzimmer een Jewürge is. Laß se man kampeln! Mir is det jleichjiltig! Nämlich, Emil, wenn da nich sonst wat dahinter is!?

Quaquaro

Deshalb komm ick ja, Paul! Et is wat dahinter! Det Mächen hat nämlich mehrmals vor Zeuchen ausjesacht: erstlich, det Wurm von de Knobbe, det wär ihr Kind und det hätt’ se ausdricklich bei deine Frau, Paul, in de Flege jejeben.

John
stutzt, lacht befreit.

Der pickt et! der is woll ma nich janz unwohl jeworden!

Erich Spitta kommt.

Spitta

Guten Morgen, Herr John.

John

Juten Morchen, Herr Spitta. — (Zu Quaquaro, der noch in der geöffneten Tür steht.) — ’S jut, Emil! Ick wer mir wissen zu richten nach.

Quaquaro ab.

John
fährt fort.

Nu sehn Se ma so ’n Männeken, Herr Spitta! Mit een Fuß steht er in’t Jefängnis, mit ’n andern is er Liebkind beim Bezirkskommissar uf’t Polizeibüro! un denn jeht er bei ehrliche Leute rumschnüffeln.

Spitta

Hat Fräulein Walburga Hassenreuter nach mir gefragt, Herr John?

John

Bis jetzt noch nich. Nee, det ick nich wißte! — (Er öffnet die Flurtür.) — Selma! — Entschuldjen Se mir ma ’n Ojenblick. — Selma! — Ick muß ma det Mächen wat aushorchen.

Selma Knobbe kommt.

Selma
noch in der Tür.

Wat is?

John

Mach ma de Tir zu, komm ma ’n bißken ’rin! Un nu sach mal, Mächen, wat det hier in de Stube mit dein kleenet verstorbenet Briderchen und mit det fremde Weibsbild jewesen is.

Selma
die, mit merkbar schlechtem Gewissen, lauernd näher getreten ist, jetzt sehr wortgewandt.

Ick hatte den Kinderwachen hier rieber jeschoben. Ihre Frau war nicht da und da dacht ick, det hier drieben, wo doch det Briderken sowieso krank war und immer schrie, det hier drieben bei Sie mehr Ruhe is. Nu kam een Herr un kam eene Dame un noch ’ne Frau kam uf eemal hier rin. Und denn ha’m se det Kindeken hier aus ’n Wachen raus, frische Wäsche jewickelt un mit fortjenomm.

John

Und denn hat die Dame jesacht, et wär ihr Kind und se hätt’ et bei Muttern, als wie det meine Olle is, hätt’ se’s, sagt se, in Flege jejeben?

Selma
lügt.

I, jar keene Ahnung, da wißt ick wat von.

John
schlägt auf den Tisch.

Na zum Kreuzdonnerwetter, det wär ja och bledsinnig.

Spitta

Erlauben Sie mal, das hat sie gesagt: wenn nämlich von dem Vorfall zwischen den beiden Frauen oben bei Direktor Hassenreuter die Rede ist.

John

Det haben Se mit anjesehn, Herr Spitta, wo de Knobben und de andere um det Würmchen jezerjelt hat?

Spitta

Allerdings. Das hab’ ich mit angesehn.

Selma

Weiter kann ick nischt sachen, und wenn mir och Schutzmann Schierke und meinswechen der lange Polizeileitnam janzem zwee Stunden und länger verhören dut. Ick weeß eben nischt. Ick kann eben nischt sachen.

John

’N Polizeileitnam hat dir ausjefracht?

Selma
knutscht.

Se wollen doch Maman in Kasten bringen, weil et Leute anjezeicht un jelogen haben, det unser Kindeken vahungert is.

John

Ach! so! — Na Selma, jeh, laß ma ’n Kaffee durchlofen.

Selma begibt sich an den Herd, wo sie den Kaffee für John zubereitet. John selbst geht an den Arbeitstisch, nimmt den Zirkel und zieht dann mit der Schiene einige Linien.

Spitta
mit Überwindung.

Eigentlich hoffte ich Ihre Frau hier zu treffen, Herr John. Mir hat jemand gesagt, Ihre Frau hätte gegen Sicherheit mitunter kleine Beträge an Studenten geliehen. Ich bin nämlich in Verlegenheit.

John

Det mag sind. Aber det is Mutterns Sache, Herr Spitta.

Spitta

Ganz offen gesagt, wenn ich bis heute abend kein Geld schaffe, werden meine paar Bücher und Habseligkeiten von meiner Zimmerwirtin mit Beschlag belegt und man setzt mich eigentlich auf die Straße.

John

Ick denke Ihr Vater ist Paster, Herr Spitta.

Spitta

Das ist er. Aber gerade deshalb, und weil ich selber nicht Pastor werden mag, habe ich gestern abend einen furchtbaren Krach mit meinem Vater gehabt. Ich werde von ihm keinen Pfennig mehr annehmen.

John
arbeitend.

Det jeschieht Vatern recht, wenn ick verhungern tu oder ’n Hals breche.

Spitta

Ein Mensch wie ich, wird nicht verhungern, Herr John. Geh ich aber zugrunde, so ist mir’s auch gleichgültig.

John

Det jlobt eener nich, wat unter euch Studenten for ausjehungerte arme Ludersch sind. Aber keener will wat Reelles anfassen. — (Ferner Donner. John blickt durchs Fenster.) — Heute wird schwule. Et donnert schon.

Spitta

Von mir dürfen Sie das nicht sagen, Herr John, daß ich etwas Reelles nicht anfassen möchte: Stunden geben! für Geschäfte Adressen schreiben! Ich habe das alles schon durchgemacht und damit, wie mit manchem anderen Versuch, nicht nur Tage sondern auch Nächte um die Ohren geschlagen. Dabei hab’ ich gebüffelt und Bücher gewälzt.

John

Mensch, jeh nach Hamburg und laß dir als Maurer instellen! Wie ick so alt war wie Sie, ha ick in Altona in Akkord schon bis zwelf Mark täglich verdient.

Spitta

Das mag sein. Aber ich bin Geistesarbeiter.

John

Det kennt man.

Spitta

So?! Mir scheint nicht, daß Sie das kennen, Herr John. Vergessen Sie aber bitte nicht: Ihre Herrn Bebel und Liebknecht sind auch Geistesarbeiter.

John

Na jut! Denn komm Se! denn wollen wir man wenigstens frühstücken. Allens sieht sich janz andersch an, wenn det eener ’n Happenpappen jefrühstückt hat. Se haben woll noch nich jefrühstückt, Herr Spitta?

Spitta

Nein, offen gestanden, heute noch nicht.

John

Na denn machen Se man det Se wat Warmes in Leib kriechen.

Spitta

Das hat Zeit.

John

I nee, Se sehen sehr vakatert aus. Und ick ha och die Nacht uf de Bahn jelejen. — (Zu Selma, die ein Leinwandsäckchen mit Semmeln hereingeholt hat.) — Bring ma schnell noch ’ne Tasse ran.

Er hat breit auf dem Sofa Platz genommen, tunkt Semmel ein und trinkt Kaffee.

Spitta
der noch nicht Platz nimmt.

Eine Sommernacht bringt man doch lieber im Freien zu, wenn man im übrigen doch nicht schlafen kann. Und ich habe nicht eine Minute geschlafen.

John

Dem wollt ick ma sehn, der in Dalles is und jut schlafen kann! Wer in Dalles is, hat och in Freien de meeste Jesellschaft. — (Er vergißt plötzlich zu kauen.) — Komm ma her, Selma, sache nochma janz jenau, wie det mit det fremde Mächen und det fremde Kind, det se hier aus de Stube jeholt hat, jewesen is.

Selma

Ick weeß nich, det frächt mich ’n jeder, frächt mir Mama jetzt ’n lieben langen Dach! ob ick Brunon Mechelke jesehn habe! ob ick wissen soll, wer oben uf’n Boden bei de Kammedienspieler Kleider jestohlen hat! Wenn det so fortjeht ...

John
energisch.

Mächen, wat haste nich Lärm jeschlagen, wie der Herr und det Freilein dir dein Brüderken aus’n Wachen jenommen hat?

Selma

Jeschieht ihm ja nischt, dacht ick! krist ma reene Wäsche.

John
faßt Selma beim Handgelenk.

Na nu komm ma mit, wollen ma rieber bei deine Mutter jehn.

John mit Selma an der Hand ab.

Sobald John verschwunden ist, fällt Spitta über das Frühstück her. Bald darauf erscheint Walburga. Sie ist in großer Eile und sehr aufgeregt.

Walburga

Bist du allein?

Spitta

Augenblicklich ja. Guten Morgen, Walburga.

Walburga

Komm ich zu spät? Ich habe mich ja nur mit der allergrößten Schlauheit, mit der allergrößten Entschlossenheit, mit der allergrößten Rücksichtslosigkeit, komme was wolle, von Hause losgemacht. Meine jüngere Schwester hat mir die Tür vertreten. Das Dienstmädchen! Ich sagte aber zu Mama, wenn sie mich nicht durch das Entree hinausließen, so möchten sie nur die Fenster vergittern: sonst würde ich drei Stock hoch durchs Fenster direkt auf die Straße gehn. Ich fliege. Ich bin mehr tot wie lebendig. Aber ich bin zum letzten bereit. Wie war es mit deinem Vater, Erich?

Spitta

Wir sind auseinander. Er meinte, ich würde Treber fressen wie weiland der verlorene Sohn, und ich möchte mir ja nicht einfallen lassen, als Luftspringer oder Kunstreiter, wie er sich auszudrücken beliebt, jemals wieder die Schwelle des Vaterhauses betreten zu wollen. Für Gesindel öffne sich seine Haustür nicht. Ich werd’s verwinden! Nur meine arme gute Mutter bedaure ich. — Du kannst dir nicht denken, mit welchem abgrundtiefen Haß ein solcher Mann gegen alles und alles, was mit dem Theater zusammenhängt, geladen ist! Der schrecklichste Fluch ist ihm nicht stark genug. Ein Schauspieler ist in seinen Augen von vornherein der allerverächtlichste, schlechteste Lumpenhund, der sich denken läßt.

Walburga

Ich habe auch nun herausgekriegt, wie Papa dahintergekommen ist.

Spitta

Mein Vater hat ihm dein Bild gegeben.

Walburga

Erich, Erich, wenn du wüßtest, mit welchen schrecklichen, mit welchen grauenvollen Ausdrücken mich Papa in der Wut überschüttet hat, und ich mußte zu allem stillschweigen. Ich hätte ihm etwas sagen können, das hätte ihn vielleicht mit seinen Tiraden von hoher Moral stumm und hilflos vor mir gemacht. Beinahe wollt’ ich es auch: doch ich schämte mich so entsetzlich für ihn! Meine Zunge versagte! Ich konnte nicht, Erich! Mama mußte schließlich dazwischentreten. Er hat mich geschlagen. Er hat mich acht oder neun Stunden lang in den finsteren Alkoven eingesperrt, um meinen Trotz zu brechen, wie er sagt, Erich. Nun, das gelingt ihm nicht, Erich! Er bricht ihn nicht.

Spitta
nimmt Walburga in den Arm.

Du Brave! du Tapfere! Siehst du, jetzt weiß ich erst, was ich an dir besitze! weiß ich erst, was für ein Schatz du eigentlich bist. — (heiß) — Und wie schön du aussiehst, Walburga.

Walburga

Nicht! Nicht! — Ich vertraue dir, Erich, weiter ist es doch nichts.

Spitta

Und du sollst dich nicht täuschen, süße Walburga. Sieh mal, ein Mensch wie ich, in dem es gärt und der was Besonderes, Dunkles, Großes will, was er einstweilen noch nicht recht deutlich machen kann, hat mit zwanzig Jahren die ganze Welt gegen sich und ist aller Welt lästig und lächerlich. Aber glaub’ mir: einst wird das anders werden. In uns liegen die Keime. Der Boden lockert sich schon! Wir sind, wenn auch noch unterirdisch, die künftige Ernte! Wir sind die Zukunft! Die Zeit muß kommen, da wird die ganze weite, schöne Welt unser sein.

Walburga

Sprich weiter, Erich, das ist mir so wohltätig.

Spitta

Walburga, ich habe gestern abend meinem Vater auch von der Leber weg die Anklage des Verbrechens an meiner Schwester ins Gesicht geschleudert. Das hat den Bruch unheilbar gemacht. Er sagte verstockt: von einer Tochter, wie der von mir geschilderten, wisse er nichts. Sie existiere in seiner Seele nicht und, wie es den Anschein habe, werde auch bald sein Sohn dort nicht mehr existieren. O diese Christen! O diese Diener des guten Hirten, der das verlorene Schaf doppelt zärtlich in seine Arme nahm! O du lieber Heiland, wie sind deine Worte verkehrt, deine ewigen Lehren in ihr Gegenteil umgefälscht worden. Aber als ich heut nacht bei Donnerrollen und Wetterleuchten auf einer Bank im Tiergarten saß und gewisse Berliner Hyänen um mich herumschlichen, da fühlte ich die ruhelose und zertretene Seele meiner Schwester neben mir. Wie oft mag sie selbst im Leben Nächte hindurch obdachlos auf solchen Bänken und vielleicht auf derselben Tiergartenbank gesessen haben, um in ihrer Verlassenheit, Ausgestoßenheit und Entwürdigung darüber nachzudenken, wie triefend von Menschenliebe, triefend von Christentum zweitausend Jahre nach Christi Geburt diese allerchristlichste Welt sich manifestiert. Aber was sie auch dachte, ich denke so: Die arme Dirne, die Sünderin, die vor neunundneunzig Gerechten geht, die von dem Drucke der Sünde der Welt belastet ist, die arme Aussätzige und ihre fürchterliche Anklage soll in meinem Inneren lebendig sein! Und alles Elend, allen Jammer der Gemißhandelten und Entrechteten werfen wir mit in die Flamme hinein! Und so soll die Schwester leben, Walburga, und soll Herrlicheres wirken vor Gott durch das Ethos, das meine Seele beflügelt, als die ganze kalte, herzlos böse Moralpfafferei der Welt nicht vermag.

Walburga

Du warst die Nacht im Tiergarten, Erich? Deshalb sind deine Finger noch so eiskalt, und du siehst so entsetzlich müde aus. Erich, du mußt mein Portemonnaie nehmen! Erich! nein bitte, du mußt! Ich versichere dich! Was mein ist, ist dein! Sonst liebst du mich nicht, Erich! Erich, du darbst! Wenn du meine paar Groschen nicht nimmst, verweigere ich zu Hause jede Nahrung! bei Gott, ich tu’s! bis du vernünftig wirst.

Spitta
würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen.

Ich bin nur nervös. Ich bin abgespannt.

Walburga
steckt ihr Portemonnaie in seine Hosentasche.

Nun sieh mal, Erich, deshalb habe ich dich eigentlich hier zu Frau John bestellt. Zu allem Unglück bekomme ich gestern noch hier diese gerichtliche Vorladung.

Spitta
betrachtet ein Schriftstück, das sie ihm gereicht hat.

Du? Und weshalb denn das, sag’ mal, Walburga.

Walburga

Ich bin mir sicher, daß es mit den gestohlenen Sachen auf dem Oberboden zusammenhängt. Aber es macht mich furchtbar unruhig. Wenn Papa das erfährt ... ja, was tu ich dann?

Frau John, das Kind auf dem Arm, straßenmäßig angezogen, sehr gehetzt, sehr verstaubt, kommt herein.

Frau John
erschrocken, mißtrauisch, halblaut.

Nu? Wat wollt ihr hier? Is Paul schon zu Hause? Ick war eben ma ’n bißken mit det Kindken uf de Jasse jejangn.

Sie trägt das Kind hinter den Verschlag.

Walburga

Bitte, Erich, sprich doch mal über meine Vorladung mit Frau John.

Frau John

Paul is ja zu Hause, da liejen ja seine Sachen.

Spitta

Fräulein Hassenreuter wollte Sie gern mal sprechen. Sie hat nämlich, wahrscheinlich wegen der gestohlenen Sachen, Sie wissen ja, auf dem Oberboden, eine gerichtliche Vorladung.

Frau John
tritt aus dem Verschlage.

Wat? Eene Vorladung ham Sie jekricht, Freulein Walburga? Na, denn nehm sich in Obacht! Ick spaße nich! un phantasieren Se womeglich von schwarzen Mann.

Spitta

Was Sie da sagen, Frau John, ist unverständlich.

Frau John
zur häuslichen Beschäftigung übergehend.

Habt ihr jehert, det draußen in eene Laubenkolonie vor’t Hallesche Tor der Blitz heute morchen Mann, Frau und ’n Mächen von sieben unter eene hohe Pappel erschlagen hat?

Spitta

Nein, Frau John.

Frau John

Et pladdert schon wieder.

Man hört, wie ein Regenschauer niedergeht.

Walburga
ängstlich.

Komm Erich, wir wollen trotzdem ins Freie gehn.

Frau John
lauter und lauter werdend.

Und wissen Se wat: ick habe die Frau kurz vorher noch jesprochen, wo nachher von Blitze erschlachen is. Die hat jesacht — nu hern Se ma zu, Herr Spitta .... een dotet Kindeken, det man in Kinderwachen legt und raus in die warme Sonne rickt — det muß aber Sommersonne und Mittagssonne sind, Herr Spitta! — det zieht Atem! det schreit! det is wieder lebendig! — Det jloben Se nich? wat? det ha ick mit meine Ochen jesehn.

Sie geht in eigentümlicher Weise im Kreise herum, ohne scheinbar mehr etwas von der Gegenwart der beiden jungen Leute zu wissen.

Walburga

Du, die John ist unheimlich, komm!

Frau John
noch lauter.

Det jloben Se nich, det det wieder lebendig is? Denn kann Mutter kommen und nehmen. Denn muß et jleich Brust kriejen.

Spitta

Adieu, Frau John.

Frau John
noch lauter.

Bringt, seltsam aufgeregt, die beiden jungen Leute bis zur Tür.

Sie jloben det nich! Det is aber heilig so, Herr Spitta.

Spitta und Walburga ab.

Frau John
hält die Tür in der Hand, ruft noch auf den Flur hinaus.

Wer det nich jlobt, der weeß von det janze Jeheimnis, wo ick entdeckt habe, nischt.

Maurerpolier John steht in der Tür und tritt gleich darauf ein.

John

I, da bist du ja, Mutter! Schen willkomm! Von wat for’n Jeheimnis sprichst du denn?

Frau John
wie aufwachend, faßt sich an den Kopf.

Ick? — Ha ick denn von ’n Jeheimnis jesprochen?

John

Na ick denke doch, wenn ick nich schwerherig bin. Biste nu ’n Jeist oder bistes wirklich?

Frau John
befremdet, ängstlich.

Woso soll ick ’n Jeist sind?

John
schlägt seine Frau gutmütig auf den Rücken.

Jette, beiß mir man nich. Ick freu mir ja reichlich deswechen, det de nu wieder mit dein Patenjeschenk bei mich bist! — (Er geht hinter den Verschlag.) — Et sieht aber ’n bißken miserich aus, Jette.

Frau John

Et vertrug de Milch nich. Det kommt, weil draußen uf’n Lande de Kühe schon jrienet Futter kriejen. Hier von de vereinichte Molkerei ha ick wieder welche, wo trocken jefüttert is.

John
erscheint wieder.

Ick sag’s ja, was biste erst mit det Kind uf de Bahn und raus aus de Stadt jeturnt! Ick spreche, die Stadt is an allerjesindsten.

Frau John

Nu bleib ick och wieder zu Hause, Paul.

John

In Altona, Jette, is och nu allet in’t reene jebracht. Jejen Mittag treff’ ick mit Karln zusamm, und denn will er mir sachen, wenn ick beim neuen Meester antreten kann! — Hör ma: ick ha och wat mitjebracht.

Er schüttelt eine kleine Kinderklapper, die er aus der Hosentasche nimmt.

Frau John

Wat denn?

John

Det Leben wird in de Kinderstube, weil et doch in Berlin manchma immer ’n bißken zu stille is! — Horch ma, wie’t kräht. — (Man hört das Kindchen allerlei vergnügte Geräusche machen.) — Nee Mutter, wenn so ’n Kindeken kräht, dafor jeb ick Amerika.

Frau John

Haste schonn jemand jesprochen, Paul?

John

Nee! — Ick ha hechstens heut morchen Quaquaron jesprochen.

Frau John
scheu, gespannt.

Nu? und?

John

I, laß man, jar nischt, et war weiter nischt.

Frau John
wie vorher.

Wat hat er jesacht?

John

Wat soll er jesacht haben? — Na, wenn de schon keene Ruhe jeben dust — wat soll det nitzen an Sonntag morchen? — er hat mir ma wieder nach Brunon jefracht.

Frau John
hastig, bleich.

Wat soll denn Bruno wieder jemacht haben?

John

Jar nischt! — Hier, komm und trink ’n Schluck Kaffee, Jette, und ärjer dir nich! — Wat kannst de dafür, wenn eener so ’n sauberet Brüderken hat? — Wat brauchen wir uns um andre bekimmern?

Frau John

Det mecht ick wissen, wat so ’ne olle dußliche Dromlade, wo ’n janzen Tag spionieren dut, immer von Brunon zu quasseln hat.

John

Jette, mit Brunon laß mir in Frieden! — — — Sieh ma ... i wat denn? ... lieber nich! ... Aber wenn ick da wieder wat sollte von sachen: det soll mir nich wundern, wo mit Bruno ma jelejentlich in Jefängnishof, haste nich jesehn! ma’n schnellet Ende is. — (Frau John läßt sich am Tisch nieder, wird grau im Gesicht, stützt sich auf beide Ellenbogen und atmet schwer.) — Vielleicht och nich! nimm et dir man nich jleich so zu Herzen! — — Wat macht denn de Schwester?

Frau John

Ick weeß et nich.

John

Na ick denke, de bist bei se draußen jewesen.

Frau John
sieht ihn geistesabwesend an.

Wo bin ick jewesen?

John

Siehste woll, Jette, det is mit euch Weiber! de schudderst ja! bein Arzt und bein Doktor wiste nich hinjehn! womeglich det de noch nachträglich zum Liechen kommst. Det is wenn eens die Natur vernachlässigt.

Frau John
fällt ihrem Mann um den Hals.

Paul, du wist mir verlassen! Jott in Himmel, Paul, sach et! sach et bloß, tu mir nich hinters Licht fihren! Sach et! Fihr mir nich hinters Licht.

John

Wat is mit dich heute los, Henerjette?

Frau John
plötzlich verändert.

Hör man nich druf, Paul, wat ick so herschwatze. Ick ha wieder die Nacht keene Ruhe jehat! Und denn war ick früh uf, und denn is et nich anders, als wie det ick ’n bißken von Kräfte bin.

John

Denn leg dir man lang und ruh dir ’n bißken. — (Frau John wirft sich lang auf das Sofa und starrt gegen die Decke.) — Kannst dir dann och ma ’n bißken kämmen, Jette! — — Uf de Bahn war et wohl sehr staubig jewesen, det de so ieber und ieber mit Sand injepulvert bist? — — — (Frau John antwortet nicht, sie starrt gegen die Decke.) — Ick muß ma det Bengelchen ’n bißken an’t Licht holen.

Er begibt sich hinter den Verschlag.

Frau John

Wie lange sind wir verheirat, Paul?

John
Die Kinderklapper geht hinterm Verschlag, dann:

Det war achtzehnhundertundzweeundsiebzig, jleich wie ick bin aus’n Kriege jekomm.

Frau John

Nich, denn kamst de zu Vater hin? — und denn hast de in Positur jestanden? — und denn hast de’t eiserne Kreuz an de linke Brust jehat.

John
erscheint, das Kind im Steckkissen auf dem Arme, die Kinderklapper schwingend. Er sagt lustig:

Jawoll! det ha ick och heute noch, Mutter! Und wenn de’t sehn willst, denn stech ick’s mir an.

Frau John
noch immer lang ausgestreckt.

Und denn kamst de zu mich, und denn hast de jesacht: ick sollte nich immer so fleißig ... nich immer so hin und her, treppuf, treppab ... ick sollte ma ’n bißken pomadich sind.

John

Det sach ick so jut och heute noch, Jette.

Frau John

Und denn haste mir mit dein Schnurrbart jekitzelt und hast mir links hinter’t Ohr jeküßt! — Und denn ...

John

Denn sind wir wohl einig jeworden? —

Frau John

Denn ha ick jelacht und ha mir nach und nach, apee apee von oben bis unten in alle Uniformknöppe abjespiejelt. Und da ha ick noch anders ausjesehn! — Und denn haste jesacht ...

John

I Mutter, de kannst dir wahrhaftig sehn lassen, det jlobt eener nich, wat du for’n Jedächtnis hast.

Frau John

Und denn haste jesacht: wenn ick nu bald ’n Jungen krieje, der soll och ma „mit Jott für Kenig und Vaterland“ und „Wacht am Rhein“ hinter de Fahne her zu Felde ziehn.

John
singt, über das Kindchen, zur Klapper.