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Die Ratten: Berliner Tragikomödie cover

Die Ratten: Berliner Tragikomödie

Chapter 7: Fünfter Akt
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About This Book

The drama interweaves the lives of residents of a dilapidated building where an aging theatrical director keeps his costume fund and a poor family shares cramped rooms. Crises arise around a young servant woman facing pregnancy and social humiliation, a brooding young man prone to violent gestures, and an ex-director clinging to past glory. Episodes move between comic futility and grim desperation, exposing compromises, maternal longing, petty scheming, and social indifference. Staged as a sequence of domestic scenes, the work balances tragic and comic tones to probe illusion versus reality, generational friction, and survival amid urban decay.

„Er blickt hinauf in Himmels Aun

wo Heldenväter niederschaun:

zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!“ ...

Nu ha ick so’n Kerlchen, und nu bin ick wahrhaftig jar nich so wilde druf, det ick ihm mechte womeglich als Kanonenfutter in Krieg schicken.

Er geht mit dem Kindchen in den Verschlag.

Frau John
wie vorher.

Paulicken, Paulicken, det allens is hundert Jahre her!

John
kommt, ohne das Kind, wieder aus dem Verschlag.

Janz so lange woll doch nich, Jette.

Frau John

Sach ma, wie wär det? du nähmst mir mit und jingst mit mich und mein Kindeken jingst du fort nach Amerika?

John

Na nu her ma, Jette: wat is mit dich? Wat is det? Bin ick denn hier von Jespenster umjeben? Du weeßt, det ick uf’n Bau, und wenn de Arbeeter mit Klamotten ibereinander her sind, ieberhaupt mir nich ufrege und, wat se mir nennen, Paul is immer jemitlich, bin! Aber nu: wat is det? De Sonne scheint! et is hellichter Tag! ick weeß nich: sehen kann ick et nich! Det kichert, det wispert, det kommt jeschlichen! und wenn ick nach jreife, denn is et nischt. Nu will ick ma wissen, wat an die Jeschichte mit det fremde Mächen hier in de Stube Wahret is.

Frau John

Paul, du hast jehert, det Freilein is ieberhaupt jar nich mehr wiederjekomm. Da draus kannst de sehn ...

John

Det sachst de zu mich mit blaue Lippen und machst Augen, wie wennste jerädert bist.

Frau John
verändert.

Jawoll! Wat läßte mir jahrelang alleene, Paul? wo ick in mein Käfiche sitzen muß und keen Mensch nich is, mir ma auszusprechen. Manch liebet Mal hab’ ick hier jesessen und jefracht, warum det ick immer rackern du? warum det mir abdarbe, Jroschens mühsam zusammenscharre, dein Verdienst jut anleche und wie ick uf jede Art wat zuzuverdien mir abjrübeln du. Warum denn? Det soll allens for fremde Leite sind? Paul, du hast mir zujrunde jerichtet!

Sie legt den Kopf auf den Tisch und bricht in Schluchzen aus.

In diesem Augenblick ist, katzenartig leise, Bruno Mechelke eingetreten. Er hat seine Sonntagskluft an, hat Flieder an der Mütze und einen großen Fliederzweig in der Hand. John trommelt ans Fenster und bemerkt ihn nicht.

Frau John
hat Bruno wie eine Geistererscheinung nach und nach ins Auge gefaßt.

Bruno, bist du’s?

Bruno
der blitzschnell den Maurerpolier erkannt hat, leise.

Na jewiß doch, Jette.

Frau John

Wo kommst de denn her? Wat wiste denn?

Bruno

Na, ick habe de Nacht durchjescherbelt, Jette. Det siehste doch, det ick bei jute Laune bin.

John
hat Bruno bis jetzt unverwandt angesehen, wobei eine gefährliche Blässe sein Gesicht überzogen hat. Jetzt geht er langsam zu einem kleinen Schrank und zieht einen alten Kommißrevolver hervor, den er ladet. Dies wird von Frau John nicht beobachtet.

Du! — Hör ma! — Nu will ick dir ma wat sachen! — Wat, wat de vielleicht verjessen hast — det de weiter nu keene Ausrede hast, wenn ick det Dinges hier uf dir abdricke! — Du Lump! Unter Menschen jeherst du nich! Ick ha dir jesacht, det ick dir niederknalle, det war vorichten Herbst, wo du mich jemals wieder uf meine Schwelle unter de Auchen trittst — Nu jeh! sonst kracht et! — Hast de verstanden?

Bruno

Vor deine Musspritze furcht ick mir nich.

Frau John
die bemerkt, daß John, seiner selbst nicht mächtig, den Revolver langsam gegen Bruno erhebt.

Denn mach mir dot, Paul! Et is mein Bruder!

Sie ist John in den Arm gefallen, so daß sein Revolver gegen sie gerichtet ist.

John
sieht sie lange an, scheint zu erwachen, wird anderen Sinnes.

Jut! — (Er legt den Revolver wieder sorgfältig in das Schränkchen.) — Hast och recht, Jette! — Pfui Deibel, Jette, det dein Name och in de Fresse von so ’n Schubiack is! — Jut! — Det Pulver wär och zu schade! — Det Dinges hat Blut von zwee franzesche Reiter jekost! Zwee Helden! — Nu soll et am Ende Dreck saufen.

Bruno

Det kann immer sind, det Dreck ... in dein Schädel ist! Und wenn du nich jerade, det de bei meine Schwester uf Schlafstelle wärscht, denn hätt’ ick dir woll ma wat Luft jemacht, Rotzjunge, det de häst vierzehn Dache ’t Loofen jekricht.

John
gewaltsam ruhig.

Sach noch ma, Jette, det det dein Bruder is.

Frau John

Paul, jeh man, ick wer’ ihm schon wieder fortschaffen! Det weeßt de doch, det ick et nu ma doch nich ändern kann, det Bruno von mich der Bruder is.

John

Na, denn bin ick hier iebrig, denn schnäbelt euch man. — (Er ist fertig gekleidet und schickt sich zum Gehen an. Dicht bei Bruno steht er still.) — Schuft! du hast deinem Vater im Jrabe jeärgert! Deine Schwester hätte dir sollen hinterm Zaune in Jraben verhungern lassen, statt jroßjezogen, und det eenen Lumpenkanaille mehr uf de Erde is. In eene halbe Stunde komm ick zurück! aber nich alleene! Ick komm mit’n Wachmeester!

John geht durch die Flurtür ab, seinen Kalabreser aufstülpend.

Bruno wendet sich, sowie John hinaus ist, und spuckt ihm nach, gegen die Eingangstür.

Bruno

Wenn ick dir ma in de Wuhlheide hätte.

Frau John

Woso kommste nu, Bruno? Sache, wat is!

Bruno

Pinke mußte mich jeben, sonst jeh ick verschütt, Jette.

Frau John
verschließt und verriegelt die Flurtür.

Wacht ma, ick schließe die Diere zu! — Nanu, wat is? — Wo kommste her? Wo biste jewesen?

Bruno

Jetanzt ha ick, Jette, de halbe Nacht, und denn wa’ ick ’n bißken jejen Morchenjrauen in’t Jrüne jejang.

Frau John

Hat dir Quaquaro sehn reinkomm, Bruno? Denn nimm dir in Obacht, det de nich in de Falle sitzt.

Bruno

I Jott bewahre. Ick bin ieber’n Hof, denn bei mein Freind durch’n Knochenkeller und hernach ieber’n Oberboden rinjekomm.

Frau John

Na? Und wat is nu jewesen, Bruno?

Bruno

Wuddel nich, Jette. Jieb Reisejeld! Ick jeh verschütt, oder ick muß abtippeln.

Frau John

Und wat haste nu mit det Mächen jemacht?

Bruno

I, et hat Rat jejeben, Jette!

Frau John

Wat heeßt det?

Bruno

Ick ha ihr soweit wenigstens bißken jefiege jemacht.

Frau John

Und det se nich wiederkommt is nu sicher!

Bruno

Jawoll! Det se nu nochma kommt, jlob ick nich! Aber det wa keen leichtet Stick Arbeet, Jette. Du hast mich mit deine verdammte Pillenkrajerei — ick ha Durscht, Jette, jieb mich zu saufen, Jette! ... hast du mir kochend heeß jemacht.

Er trinkt eine Wasserflasche leer.

Frau John

Se haben dir vor de Diere jesehn mit det Mächen.

Bruno

Ick ha mir mit Artur verabred, Jette. Von mich wollt se nischt wissen. Denn is Artur in feine Kluft anjetänzelt jekomm und hat ihr och richtig verschleppt in Bolljongeller. Det hat se jejlobt, uf dem Leim is se jekrochen, det ihr Breitjam dort warten tut!

Er trällert und tänzelt krampfhaft.

Unser janzet Leben lang

von det eene Ristorang

in det andre Ristorang

Frau John

Na und denn?

Bruno

Denn wollt se fort, weil Adolf jesacht hat, det ihr Breitjam jejangen is! Denn ha ick wollen ihr noch ’n Stickchen bejleiten, Artur und Adolf sind mitjejang. Denn sind wir bei Kalinich in de Hinterstube injefallen, und denn is se ja och von den vielen Nippen an Groch und Schnäpse molum jeworn. Und denn hat se in’n Bullenwinkel bei eene jenächtigt, wo Arturn seine Jeliebte is. Den nächsten Dach sind wir immer zwee drei Jungs hinterher jewesen, nich losjelassen, immer von frischen Quinten jemacht, und in de Schublade is et ja nu och lustig zujejang.

Die Kirchenglocken des Sonntagmorgens beginnen zu läuten.

Bruno
fährt fort.

Aber ’t Jeld is futsch. Ick brauche Märker und Pfenniche, Jette.

Frau John
kramt nach Geld.

Wieviel mußte haben?

Bruno
lauscht den Glocken.

Wat denn?

Frau John

Jeld!

Bruno

Der olle Verkümmler unten in Knochenkeller meent, det ick an liebsten muß ieber de russische Jrenze jehn! — Her ma, Jette, de Jlocken läuten.

Frau John

Weshalb mußte denn ieber de Jrenze jehn?

Bruno

Nimm ma ’n nasses Handtuch, Jette, un du och ’n bißken Essig druf. Ick weeß nich, wat mich det Nasenbluten janze Nacht schon jeärjert hat.

Er drückt sein Taschentuch an die Nase.

Frau John
holt ein Handtuch, atmet krampfhaft.

Wer hat dir an Handjelenk so ’ne Striemen jekratzt, Bruno?

Bruno
lauscht den Glocken.

Heute morchen halb viere hätt’ se det Jlockenläuten noch heren jekonnt.

Frau John

O Jesus, mein Heiland, det is ja nich wahr! det kann ja nich menschenmeglich sein! Det ha ick dir nich jeheeßen, Bruno! Bruno! ick muß mir setzen, Bruno. — (Sie tut es.) — Det hat ja Vater noch uf’n Sterbebette zu mich vorausjesacht.

Bruno

Mit Brunon is nich zu spaßen, Jette. Wenn de zu Minnan hinjehst, denn sache, det ick ma och uf sowat vastehe und det mit Karln und Fritzen det Jehänsel ’n Ende hat.

Frau John

Bruno, wenn se dir aber festsetzen.

Bruno

Na jut, denn mache ick Bammelmann, und denn ha’m se uf Charité wieder ma wat zum Sezieren.

Frau John
gibt ihm Geld.

Det is ja nich wahr! Wat hast du jetan, Bruno?

Bruno

Du bist ’ne olle vadrehte Person, Jette. — (Er faßt sie nicht ohne Gemütsanwandlung.) — Ihr sagt immer, det ick zu jar nischt nitze bin, aber wenn’t jar nich mehr jeht, denn braucht ihr mir, Jette.

Frau John

Na und wie denn? Haste den Mächen jedroht, det se soll nich mehr blicken lassen? — Det haste jesollt, Bruno. Haste det nich?

Bruno

De halbe Nacht hab’ ick mit ihr jetanzt. Nu sind wir uf de Straße jejang. Denn war ’n Herr mitjekomm, vastehste! Und wie det ick jesacht habe, det ick von meinswechen mit die Dame ’n Hihnchen zu pflicken habe und ’n Schneiderring aus de Bucksen jezogen, hat er natierlich Reißaus jenomm. — Nu ha ick zu ihr jesacht: ängsten sich nich, Freilein! wo jutwillig sind und wo keen Lärm schlachen, und nie nich mehr bei meine Schwester nachfrachen nach ihr Kind, soll allet janz jitlich in juten vereinigt sind! und denn is se mit mich jejondelt ’n Sticksken.

Frau John

Na und?

Bruno

Na und? — Und da wollte se nich! — Und da fuhr se mit eemal nach meine Jurjel, det ick denke ... wie ’n Beller, der toll jeworden is! und hat noch Saft in de Knochen jehabt ... det ick jleich denke, det ick soll alle werden! Na, und da ... da war ick nu och ’n bißken frisch — und denn war et — denn war et halt so jekomm.

Frau John
in Grauen versunken.

Um welche Zeit war et?

Bruno

So ’rum zwischen vier und drei. Der Mond hat ’n jroßen Hof jehat. Uf’n Zimmerplatz hinter de Planken is een Luder von Hund immer rufjesprung und anjeschlagen. Denn dreppelte et und denn is ’n Jewitter niederjejang.

Frau John
verändert, gefaßt.

’S jut! Nu jeh! Die verdient et nich besser.

Bruno

Atje! Na nu sehn wa uns ville Jahre nich.

Frau John

Wo wiste denn hin?

Bruno

Erst muß ick ma Stunde zweee längelang uf’n Ricken liechen. Ick och! Ick jeh zu Fritzen, wo eene Kammer in’t olle Polizeijefängnis jejenieber de Fischerbrücke zu Miete hat. Dort bin ick sicher. Wo Ufstoß is, kannste mich Nachrich zukomm lassen.

Frau John

Wiste det Kindeken nochma ankieken?

Bruno
zittert.

Nee.

Frau John

Warum nich?

Bruno

Nee Jette, in diesen Leben nich! Atje Jette! — Wacht ma Jette: hier is noch ’n Hufeisen! — (Er legt ein Hufeisen auf den Tisch.) — Det ha ick jefunden! Det bringt Glick! Ick brauche ihm nich.

Bruno Mechelke, katzenartig, wie er gekommen, ab. Frau John blickt mit entsetzt aufgerissenen Augen nach der Stelle, wo er verschwunden ist, wankt dann einige Schritte zurück, preßt die wie zum Gebet verkrampften Hände gegen den Mund und sinkt in sich zusammen, immer mit dem vergeblichen Versuch, Gebetsworte gegen den Himmel zu richten.

Frau John

Ick bin keen Merder! ick bin keen Merder! det wollt ick nich!

Fünfter Akt

Zimmer bei Johns. Frau John liegt schlafend auf dem Sofa. Walburga und Spitta treten vom Flur her ein. Man vernimmt von der Straße herauf laute Militärmusik.

Spitta

Es ist niemand hier.

Walburga

Frau John! Doch Erich! Hier liegt ja Frau John.

Spitta
mit Walburga an das Sofa tretend.

Schläft sie? Wahrhaftig. Das begreife einer, wie man bei diesem Lärm schlafen kann. —

Die Militärmusik ist verklungen.

Walburga

Ach Erich, pst! diese Frau ist mir grausenvoll. Verstehst du denn übrigens, weshalb unten am Eingang Polizeiposten stehn und weshalb sie uns nicht auf die Straße lassen? Ich hab’ eine solche furchtbare Angst, daß man womöglich arretiert wird und mit zur Wache muß.

Spitta

Aber gar keine Idee! Du siehst ja Gespenster, Walburga.

Walburga

Als der Mann in Zivil auf dich zutrat und uns anblickte und du ihn fragtest, wer er sei und er seine Legitimationsmarke aus der Tasche nahm, wahrhaftig, da fing sich Treppe und Flur auf einmal um mich im Kreise zu drehen an.

Spitta

Sie suchen einen Verbrecher, Walburga. Das ist eben eine sogenannte Razzia, eine Art Kesseltreiben auf Menschen, wie die Kriminalpolizei sie zuweilen veranstalten muß.

Walburga

Und außerdem kannst du mir glauben, Erich, ich habe Papa’ns Stimme gehört, der laut mit jemand geredet hat.

Spitta

Du bist nervös. Du kannst dich getäuscht haben.

Walburga
die John spricht im Schlaf, Walburga erschrickt.

Horch mal, die John.

Spitta

Große Schweißtropfen stehen ihr auf der Stirn. Komm mal, sieh mal das alte rostige Hufeisen, das sie mit beiden Händen umklammert hat.

Walburga
horcht und erschrickt wieder.

Papa!

Spitta

Ich verstehe dich nicht. Laß ihn doch kommen, Walburga. Die Hauptsache ist, daß man weiß, was man will und daß man ein reines Gewissen hat. Ich bin bereit. Ich ersehne die Aussprache.

Es wird laut an die Tür geklopft.

Spitta
fest.

Herein!

Frau Direktor Hassenreuter erscheint, mehr als sonst außer Atem. Über ihr Gesicht geht ein Ausdruck der Befreiung, als sie ihrer Tochter ansichtig wird.

Frau Direktor Hassenreuter

Gott sei gelobt! Da seid ihr ja, Kinder. — (Walburga fliegt zitternd in ihre Arme.) — Mädel, wie du deine alte Mutter geängstet hast! —

Längeres Atmen und Stillschweigen.

Walburga

Verzeih, Mama: ich konnte nicht anders.

Frau Direktor Hassenreuter

Nein! Solche Briefe mit solchen Gedanken schreibt man an eine Mutter nicht. Besonders an eine Mutter wie mich nicht, Walburga! Hast du Seelensnöte, so weißt du auch, daß du mich noch immer mit Rat und Tat dir zur Seite hast. Ich bin kein Unmensch und auch früher mal jung gewesen. Aber ins Wasser springen ... ins Wasser springen und so dergleichen, mit solchen Drohungen spielt man nicht. Ich habe doch hoffentlich recht, Herr Spitta. Und nun auf der Stelle ... wie seht ihr denn aus? — auf der Stelle kommt mit mir beide nach Hause mit! — Was hat denn Frau John?

Walburga

Ja hilf uns! steh uns bei! nimm uns mit, Mama! Ich bin so froh, daß du da bist. Ich hab’ plötzlich eine so lähmende Angst gehabt.

Frau Direktor Hassenreuter

Also kommt, das wäre noch schöner, daß man sich von Ihnen, Herr Spitta, und diesem Kinde solcher verzweifelter Torheiten zu gewärtigen hat. Man hat Mut in Ihren Jahren! Man verfällt nicht auf Ausflüchte, wenn alles nicht gleich nach dem Schnürchen geht, bei denen man nur — man lebt ja nur einmal! — zu verlieren und nichts zu gewinnen hat.

Spitta

O ich habe Mut! Ich denke auch nicht daran, etwa als Lebensmüder feige zu endigen! außer wenn mir Walburga verweigert wird. Dann freilich ist mein Entschluß gefaßt! Daß ich vorläufig arm bin und meine Suppe hie und da in der Volksküche essen muß, untergräbt meinen Glauben an mich und eine bessere Zukunft nicht. Auch Walburga ist sicherlich überzeugt, es muß ein Tag kommen, der uns für alle trüben und schweren Stunden entschädigt.

Frau Direktor Hassenreuter

Das Leben ist lang. Und ihr seid heut noch Kinder. Es ist vielleicht nicht so schlimm, wenn ein Student oder Kandidat in der Volksküche essen muß. Für Walburga als Ehefrau wäre das ärger. Und ich möchte doch für euch beide hoffen, daß da erst etwas vorher wie ein eigner Herd mit dem nötigen Holz und der nötigen Kohle und so weiter geschaffen wird. Im übrigen habe ich bei Papa eine Art Waffenstillstand für euch ausgewirkt. Es war nicht leicht und wäre vielleicht unmöglich gewesen, wenn nicht die Morgenpost seine definitive Ernennung und Wahl zum Direktor in Straßburg gebracht hätte.

Walburga
freudig.

Mama! ach Mama! das ist ja ein Sonnenblick.

Frau John
hat sich mit einem Ruck emporgerichtet.

Bruno!

Frau Direktor Hassenreuter
entschuldigend.

Wir haben Sie aufgeweckt, Frau John.

Frau John

Is Bruno wech?

Frau Direktor Hassenreuter

Wer? Welcher Bruno?

Frau John

Na Bruno! Kenn Se denn Brunon nich?

Frau Direktor Hassenreuter

Richtig, so heißt ja Ihr jüngerer Bruder.

Frau John

Ha ick jeschlafen?

Spitta

Fest! Aber Sie haben eben im Schlaf laut aufgeschrien, Frau John.

Frau John

Ham Se jesehn, Herr Spitta, wo Jungs in Hof ... ham Se jesehn, wo Jungs in Hof Adelbertchen sein Jräbken jesteenicht ham? Aber ick war zwischen, wat? und ha rechts und links jar nich schlecht Maulschellen ausjeteilt.

Frau Direktor Hassenreuter

Demnach haben Sie also von Ihrem ersten verstorbenen Kindchen geträumt, Frau John?

Frau John

Nee nee, det war wahr, ick ha nich jetraumt, Frau Direktor. Und denn jing ick mit Adelbertchen, jing ick bein Standesbeamten hin.

Frau Direktor Hassenreuter

Aber wenn Adelbertchen nicht mehr am Leben ist ... wie können Sie denn ...

Frau John

I, wenn een Kindchen meinswechen jeboren is, denn is et jedennoch noch in de Mutter, und wenn es meinswechen jestorben is, denn is et immer noch in de Mutter. Ham Se den Hund jehert hintern Plankenzaun? Der Mond hat’n jroßen Hof jehat! Bruno, du jehst uf schlechte Weche.

Frau Direktor Hassenreuter
rüttelt Frau John.

Wachen Sie auf, gute Frau! Frau John! Frau John! Sie sind krank! Ihr Mann soll mit Ihnen zum Arzte gehen.

Frau John

Bruno, du jehst uf schlechte Weche. — (Die Glocken beginnen wieder zu läuten.) — Sind det de Jlocken? —

Frau Direktor Hassenreuter

Der Gottesdienst ist zu Ende, Frau John.

Frau John
erwacht völlig, starrt um sich.

Warum wach ick denn uf? Warum habt ihr mir denn in Schlaf nich mit de Axt iebern Kopp jehaut? — — — — — — Wat ha ick jesacht? Pst! Bloß zu niemand een Sterbenswort, Frau Direktor. —

Sie ist aufgesprungen und ordnet ihr Haar mit vielen Haarnadeln.

Der Direktor erscheint durch die Flurtür.

Direktor Hassenreuter
stutzt beim Anblick der Seinigen.

Sieh da, sieh da Timotheus, die Kraniche des Ibikus! — Sagten Sie nicht, es wohne hier ganz in der Nähe ein Spediteur, Frau John? — (zu Walburga.) — Jawohl, mein Kind: während du in deinem jugendlichen Leichtsinn auf dein Vergnügen und wieder auf dein Vergnügen denkst, ist dein Papa schon wieder drei Stunden lang in Geschäften herumgelaufen. — (zu Spitta.) — Sie würden es nicht so eilig haben, junger Mann, eine Familie zu begründen, wenn Sie auch nur die geringste Ahnung davon hätten, wie schwer es ist, es durchzusetzen, von Tag zu Tag mit Weib und Kind wenigstens nicht ohne das elende und verschimmelte bißchen täglichen Brotes dazustehn. Möge das Schicksal jeden davor bewahren, sich eines Tages mittellos in die Suburra Berlins geschleudert zu finden, um mit andern Verzweifelten, Brust an Brust, in unterirdischen Löchern und Röhren, um das nackte Leben für sich und die Seinen zu ringen. Gratuliert mir! In acht Tagen sind wir in Straßburg. — (Frau Direktor, Walburga und Spitta drücken ihm die Hand.) — Alles übrige findet sich.

Frau Direktor Hassenreuter

Papa, du hast wirklich für uns, und zwar ohne dir etwas zu vergeben, die Jahre einen heroischen Kampf gekämpft.

Direktor Hassenreuter

Wie bei Schiffbruch, wenn der Kampf um die Balken im Wasser beginnt. Meine edlen Kostüme, gemacht, um die Träume der Dichter zu veranschaulichen, in welchen Lasterhöhlen, auf welchen schwitzenden Leibern haben sie nicht, odi profanum vulgus! damit nur der Groschen Leihgebühr im Kasten klang, ihre Nächte zugebracht. Sessa! Wenden wir uns zu heiteren Bildern. Der Rollwagen, alias Thespiskarren ist schon angeschirrt, um den Transport unsrer Penaten in hoffentlich glücklichere Gefilde zu bewerkstelligen. — (plötzlich zu Spitta.) — Und daß ihr beide nicht etwa aus sogenannter Verzweiflung irreparable Dummheiten macht, darauf verlang ich Ihr Ehrenwort, werter Herr Spitta. Zur Kompensation verspreche ich Ihnen jeder wirklich vernünftigen Äußerung Ihrerseits gegenüber nicht taub zu sein. — Im übrigen komme ich zu Frau John: erstlich weil Schutzleute in den Eingängen niemanden auf die Straße lassen, ferner, weil ich gerne von Ihnen wissen will, weshalb ein Mann wie ich, gerade in diesem Augenblick, wo seine Wimpel wieder flattern, Gegenstand einer niederträchtigen Zeitungskampagne geworden ist.

Frau Direktor Hassenreuter

Lieber Harro, Frau John versteht dich nicht.

Direktor Hassenreuter

Dann wollen wir also ab ovo anfangen. Hier habe ich Briefe, — (er zeigt einen Stoß Briefschaften) — eins, zwei, drei, fünf, zirka ein Dutzend Stück! Darin wird mir in boshafter Weise von Unbekannten zu einem Ereignis gratuliert, das angeblich oben auf meinem Magazinboden vor sich gegangen ist. Ich würde die Sache nicht beachten, wenn nicht gleichzeitig diese Lokalnotiz, wonach in der Bodenkammer eines Maskenverleihers, sic! ... eines Maskenverleihers in der Vorstadt ein neugeborenes Kindchen gefunden worden ist! ... Ich sage, wenn diese Lokalnotiz mich nicht stutzig machte. Zweifellos handelt sich’s hier um eine Verwechselung. Dennoch mag ich die Sache nicht auf mir sitzen lassen. Besonders da dieser Lümmel von einem Reporter von dem Herrn Maskenverleiher auch noch als einem verkrachten Schmierendirektor spricht. Lies Mama: Adebar beim Maskenverleiher. Der Kerl bekommt Ohrfeigen! Heut abend soll meine Ernennung in Straßburg durch die Zeitungen gehn und gleichzeitig werde ich urbi et orbi als humoristischer Bissen ausgeliefert. Als ob man nicht wüßte, daß von allen Flüchen der Fluch der Lächerlichkeit der schlimmste ist.

Frau John

An Hauseingang stehn Schutzleute, Herr Direktor?

Direktor Hassenreuter

Ja! Und zwar so, daß sogar das Kinderbegräbnis der Witfrau Knobbe ins Stocken gekommen ist. Man läßt sogar den kleinen Sarg mit dem greulichen Kerl von der Pietät, der ihn trägt, nicht in den Wagen hinaus.

Frau John

Wat wär’ denn det for’n Kinderbejängnis?

Direktor Hassenreuter

Wissen Sie das nicht? Das Söhnchen der Knobbe, das auf eine mysteriöse Weise von zwei fremden Weibsbildern zu mir heraufgebracht wurde und förmlich unter meinen Augen, wahrscheinlich an Entkräftung gestorben ist. A propos ...

Frau John

Det Kind von de Knobbe is jestorben?

Direktor Hassenreuter

A propos, Frau John, wollt’ ich sagen, Sie sollten doch eigentlich wissen, wie die Sache mit den beiden übergeschnappten Frauenspersonen, die sich des Kindchens bemächtigt hatten, schließlich verlaufen ist?

Frau John

Nu sachen Se, is det nich Jottes Finger, det se womöglich nich Adelbertchen erwischt haben und det nich mein Adelbertchen mit Dot abjejang is?

Direktor Hassenreuter

Wieso? Diese Logik verstehe ich nicht. Dagegen habe ich mich schon gefragt, ob nicht die wirren Reden des polnischen Mädchens, der Kleiderdiebstahl auf meinem Boden und das Milchfläschchen, das Quaquaro im Stiefel herunterbrachte, irgendwie mit der Zeitungsnotiz zusammenzubringen sind.

Frau John

Da mang, Herr Direkter, is jar keen Zusammenhang. Haben Se Pauln jesehn, Herr Direkter?

Direktor Hassenreuter

Paul? Ach so: Ihren Mann! jawohl! und zwar, wenn ich recht gesehen habe, im Gespräch mit dem fetten Kriminalinspektor Puppe, der wegen des Diebstahls auch schon mal bei mir gewesen ist.

Maurerpolier John tritt ein.

John

Na Jette, ha ick nu recht? Det is schnell jekomm.

Frau John

Wat denn?

John

Soll ick mich tausend Marcht verdien, wo mit Anschläche von Polizeipräsidium an de Litfaßsäulen als Belohnung for Denungsiation is bekannt jejeben?

Frau John

Woso denn?

John

Weeßte denn nich, det det janze Manöver mit Schutzleute und Jeheimpolizisten Brunos wechen in Jange is?

Frau John

Wie denn? Wo denn? Wat denn? Warum denn in Jange?

John

Det Kinderbejängnis is sistiert und zwee Burschen von de Leidtrajenden, wat richtig dufte Kunden sind, festjenomm! jawoll! Det is nu so weit, Herr Direktor! Ick bin nu’n Mann, wo mit eene Frau verkuppelt is, wo een Bruder hat, wo hinterher sind, mit Rejierungsräte und Mordkommission, weil er draußen, nich weit von de Spree unter een Fliederstrauch eene hat umjebracht.

Direktor Hassenreuter

Aber werter Herr John: das mag Gott verhüten.

Frau John

Det is jelochen! Mein Bruder tut so wat nich.

John

I, det is det Neieste, Jette. Herr Direkter, ick ha neilich schonn jesacht, wat det for’ne Sorte Bruder is. — (Er bemerkt und nimmt einen Fliederstrauch vom Tisch.) — Sehen Se ma det hier! Det Unjeheuer is hier jewesen. Wo wiederkommt, bin ick der erschte, wo ihm, Hände und Füße jebunden, an der Jerechtigkeet ausliefern dut.

Er sucht den Raum ab.

Frau John

Mach du Rotznäsen wat weeß von Jerechtigkeet. Jerechtigkeet is noch nich ma oben in Himmel. Keen Mensch nich war hier! Und det bisken Flieder ha ick von Hangelsberg mitjebracht, wo’n jroßer Strauch hinter’n Hause bei deine Schwester is.

John

Du warst ja jar nich bei meine Schwester, Jette. Det hat mich Quaquaro ja ebent jesacht! det ham se uf Polizei ja festjestellt. Se ham dir jesehn bei de Spree in de Anlachen ...

Frau John

Lieche!

John

Und och in de Laubenkolonie wo du in ’ne Laube jenächtigt hast.

Frau John

Wat? Kommst du in dein eechnet Haus allens kurz und kleen demolieren?

John

Jut so! recht so! det so weit jekommen is. Nu is det mit uns weiter keen Verstecken! Det ha ick allens vorausjewußt.

Direktor Hassenreuter
mit Spannung.

Hat sich das polnische Mädchen wieder gezeigt, das neulich wie eine Löwin um das Knobbesche Kindchen gestritten hat?

John

Eben det is et. Det ham se heut morchen dot jefunden. Und det sach ick so hin, ohne det mir de Zunge in Maule absterben dut: det Mächen hat Bruno Mechelke ums Leben jebracht.

Direktor Hassenreuter
schnell.

Dann ist es wohl seine Geliebte gewesen.

John

Fragen Se Muttern! Det weeß ick nich! Det war meine Angst, deshalb bin ick schonn lieber jar nich zu Hause jekomm, det mein eechnet Weib mit so’ne Jesellschaft behaftet is und hat keene Kraft nich abzuschütteln.

Direktor Hassenreuter

Kommt Kinder!

John

Warum denn? Immer bleiben Se man.

Frau John

De brauchst nich jehn und Fenster ufreißen und alle Welt uf de Jasse schrein! Det is schlimm jenug, wenn uns Schicksal mit so’n Unjlück jetroffen hat. Plärr! aber dann siehste mir bald nich mehr wieder.

John

Jerade! Nu jerade! Ick rufe wer’t wissen will von de Jasse, von Flur, dem Tischler vom Hof, de Jungs, de Mächens, wo in de Konfirmationsstunde jehn, die ruf ick rin und erzähle, wie weit eene Frau mit ihre Affenliebe zu ihren Lump von Bruder jekommen is.

Direktor Hassenreuter

Diese hübsche junge Person, die das Kind beanspruchte, ist heute tatsächlich tot, Herr John?

John

Kann sind, det se hibsch is, ick weeß et nich, ob se hibsch oder häßlich jewesen is. Aber det se in Schauhaus liecht, det is sicher.

Frau John

Ick weeß et, wat se jewesen is! Een schlechtet jemeinet Weibstick is et jewesen! Wo mit Kerle hat abjejeben und von een Tiroler, der nischt hat von wissen jewollt, hat Kind jehat! Det hat se an liebsten in Mutterleibe schon umjebracht. Denn is se ’t holen jekomm mit de Kielbacke, wo als Engelmachersche schon ma anderthalb Jahre Plötzensee abjesessen hat. Ob se mit Brunon och wat jehabt hat, wo soll ick det wissen? Kann sind, kann och nich sind! Und wat soll mir det allens ieberhaupt anjehn, wat Bruno meinswechen verbrochen hat.

Direktor Hassenreuter

Also haben Sie doch das Mädchen gekannt, Frau John.

Frau John

Woso? ick ha jar nich jekannt, Herr Direkter! Ick sache bloß, wat’n jeder, wie’n jeder von det Mächen jeäußert hat.

Direktor Hassenreuter

Sie sind eine ehrenhafte Frau, Sie ein ehrenhafter Mann, Herr John. Die Sache mit Ihrem mißratenen Schwager und Bruder ist schließlich etwas, was meinethalben eine furchtbare Tatsache ist, aber Ihr Familienleben doch im Grunde nicht ernstlich erschüttert ... aber bleiben Sie ehrlich ...

John

Nich in de Hand! In so’ne Nähe, bei solchet Jesindel bleib ick nich. — (Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, klopft an die Wände, stampft auf den Fußboden.) — Horchen Se ma, wie det knackt, wie Putz hinter de Tapete runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch! Allens faulet Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer, von Ratten und Mäuse zerfressen! — (Er wippt auf der Diele.) — Allens schwankt! Allens kann jeden Ojenblick bis in Keller durchbrechen. — (Er öffnet die Tür.) — Selma! Selma! — Hier mach ick mir fort, eh’ det allens een Schutthaufen drunter und drieber zusammenbricht.

Frau John

Wat wißte mit Selma?

John

Selma nimmt det Kind und ick reise mit Selman und det Kind und bringe mein Kind zu meine Schwester.

Frau John

Denn soßte Bescheid kriechen! Versuch det man!

John

Soll mein Kind in so’ne Umjebung jroßwachsen, womeglich det ma wie Bruno ieber Dächer jehetzt und det och ma womeglich in Zuchthaus endet?

Frau John
schreit ihn an.

Det is jar nich dein Kind! Vastehste mich?

John

So? Det wolln wir ma sehn, ob een rechtlicher Mann nich Herr sollte sind ieber sein eechnet Kind, wo Mutter nich bei Verstande is und in de Hände von Mordjesindel. Det will ick ma sehn, wer in Rechte is un wer stärker is! Selma!

Frau John

Ick schrei! ick reiße det Fenster uf! Frau Direkter, se wollen eene Mutter ihr Kind rauben! Det is mein Recht, det ick Mutter von mein Kindeken bin! Det is doch mein Recht? Ha ick nich recht, Frau Direkter? Se umzingeln mir! Se wollen mir mein Recht versetzen! Soll mir det nich jeheren, wat ick vor Wegwurf ufjelesen, wo vor Tod in Lumpen jelechen hat und wo ick ha mihsam erscht missen reiben und kneten, bis bisken Atem jeholt und langsam lebendig geworden is? Wo ick nich war, det wäre schonn vor drei Wochen längst in de Erde verscharrt jewesen.

Direktor Hassenreuter

Herr John, zwischen Eheleuten den Schiedsmann spielen ist meine Sache im allgemeinen nicht. Dazu ist dies Geschäft zu undankbar und man macht dabei meistens böse Erfahrungen. Sie sollten aber in Ihrem zweifellos mit Recht verwundeten Ehrgefühl sich nicht zu Übereilungen hinreißen lassen. Denn schließlich ist doch Ihre Frau für die Tat ihres Bruders nicht verantwortlich. Lassen Sie ihr das Kind! Machen Sie nicht das Unglück schlimmer durch eine überflüssige Härte, die Ihre Frau aufs empfindlichste kränken muß.

Frau John

Paul, det Kind is aus meinen Leibe jeschnitten! Det Kind is mit meinen Blute erkoft. Nich jenug, alle Welt is hinter mich her und will et mich abjagen! Nu kommst och du noch und machst et nich anders, det is der Dank! als wenn det ick ringsum von hungrige Welfe umjeben bin. Mir kannste dot machen! mein Kindeken soßte nich anfassen.

John

Ick komme zu Hause, Herr Direkter! Ick bin heut morchen erst mit mein ganzes Zeug quietschverjnügt von de Bahn jekomm! Hamburg, Altona, allens abjebrochen. Wenn och Verdienst jeringer is, dachte ick, wißt lieber bei deine Familie sind! Bißken Kind uf’n Arm nehmen! Bißken Kind uf’n Knie nehmen! Det war unjefähr so meine Inbildung ...

Frau John

Paul! Hier Paul! — (Sie tritt ihm ganz nahe.) — Reiß mir det Herz aus’n Leibe! —

Sie starrt ihn lange an, dann läuft sie in den Verschlag, wo man sie laut weinen hört.

Selma kommt vom Flur. Sie trägt Trauerkleidung und einen kleinen Grabkranz in der Hand.

Selma

Wat soll ick? Se ham mir jeruft, Herr John.

John

Zieh dir an, Selma. Frach deine Mutter, ob det de kannst mit mir jehn zu meine Schwester nach Hangelsberg. Kannst dir’n Jroschen Jeld bei verdienen. Nimmst mein Kindeken uf’n Arm und bejleitest mir.

Selma

Nee! det Kind faß ick nu nich mehr an, Herr John.

John

Woso nich?

Selma

Nee, ick furcht mir, Herr John. Ick ha so’ne Angst, so hat mir Mama und Polizeileutnam anjeschrien.

Frau John
erscheint.

I, weshalb ham se dir anjeschrien?

Selma
heult los.

Schutzmann Schierke hat mich sojar eene runterjehaut.

Frau John

I, dem wer’ ick nochma ... det soll der nochma versuchen.

Selma

Wat soll ick denn wissen, warum mich det polsche Mächen hat mein Brüderken wegjenomm. Hätt ick jewußt, det mein Brüderken sterben soll, ick hätt’ ihr ja lieber an Hals jesprung. Nu steht Jundofriedchen in Särjiken uf de Treppe. Ick jlobe, Mama hat Krämpfe jekricht und liecht bei Quaquaron hinten in Alkoven. Mir wolln se in Firsorche schaffen, Frau John. —

Sie flennt.

Frau John

Denn freu’ dir! Schlimmer kann et nich komm, als et bei dich zu Hause is.

Selma

Ick komm vor Jericht! womeglich wer’ Moabit jeschafft.

Frau John

Woso det?

Selma

Weil ick soll haben det Kindeken, wat det polsche Freilein jeboren hat, von Oberboden runter bei Sie, Frau John, in de Wohnung jetrachen.

Direktor Hassenreuter

Also ist tatsächlich oben ein Kindchen geboren worden?

Selma

Jewiß.

Direktor Hassenreuter

Auf welchem Boden?

Selma

Na, bei de Kamedienspieler doch! Wat jeht det mich an? Wat soll ick von wissen? Ick kann bloß sachen ...

Frau John

Nu mach det de fortkommst! Selma, du hast’n reenet Jewissen! Wat de Leute quasseln, kimmert dir nich.

Selma

Ick will ja och nischt verraten, Frau John.

John
packt Selma, die fortlaufen will, und hält sie fest.

Et wird nich jejang! et wird herjekomm! — Wahrheet! Ick verrate nischt, hast du jesacht: det ham Se doch och jehert, Frau Direkter? Hat Herr Spitta und hat det Freilein jehert! — Wahrheet! — Bevor ick nich weeß, wat mit Bruno und seine Jeliebte is und wo ihr womeglich det Kindchen habt wechjeschafft, det is mich ejal, kommst du nich von de Stelle!

Frau John

Paul, ick schwere vor Jott, wechjeschafft ha ick et nich.

John

Na, und? ... Raus wat du weeßt, Mächen! Det ha ick schon lange jemerkt, det zwischen dich und meine Frau een jeheimet Jestecke is. Det Zwinkern und Anplinkern is jetzt verjebliche Mihe. Is det Kind tot oder lebt et noch?

Selma

Nee, det Kind is lebendich, Herr John.

Direktor Hassenreuter

Was du unter deine Schürze oder sonstwie hier hast heruntergebracht?

John

Wenn et dot is, denn rechne druf, denn wirst du wie Bruno een Kopp kürzer jemacht.

Selma

Ick sach’t ja: det Kindeken is lebendich.

Direktor Hassenreuter

Ich denke, du hast gar kein Kind vom Boden heruntergebracht?

John

Und von die janze Jeschichte, Mutter, wißt du nischt wissen? — (Frau John sieht ihn starr an, Selma blickt hilflos und verwirrt auf Frau John.) — Mutter, du hast det Kindchen von Brunon und die polsche Person beiseite jeschafft und denn wo se jekomm is, haste det Würmiken von de Knobbe unterjeschoben.

Walburga
sehr bleich, mit Überwindung.

Sagen Sie mal, Frau John, was ist denn an jenem Tage geschehen, wo ich dummerweise, als Papa kam, mit Ihnen auf den Boden geflüchtet bin? Ich will dir das später erklären, Papa. Damals habe ich, wie mir nach und nach deutlich geworden ist, das polnische Mädchen und zwar erst mit Frau John und dann mit ihrem Bruder zusammengesehn.

Direktor Hassenreuter

Du, Walburga?

Walburga

Ja, Papa. Bei dir war damals Alice Rütterbusch und ich hatte mich mit Erich verabredet, der dann auch, aber ohne mich zu treffen, denn ich blieb versteckt, zu dir gekommen ist.

Direktor Hassenreuter

Ich kann mich dessen nicht mehr erinnern.

Frau Direktor Hassenreuter
zum Direktor.

Das Mädel hat um dieser Sache willen, Papa, wirklich schon schlaflose Nächte gehabt.

Direktor Hassenreuter

Wenn Ihnen an dem Rate eines ehemaligen Juristen, der durchs Referendarexamen gepurzelt und dann erst zur Kunst abgesprungen ist ... wenn Ihnen an dem Rat eines solchen Mannes irgendwie etwas liegt, so lassen Sie sich jetzt sagen, Frau John, daß in Ihrem Fall ganz rücksichtslose Offenheit die beste Verteidigung ist.

John

Jette, wo habt ihr dem Kindeken hinjeschafft? Kriminalinspektor hat mich jesacht, det fällt mir jetzt in, det se nach det Kind von de dote Person suchen. Jette, um Jottet Himmelswillen! mag sind wat will, bloß det du dir nich in Verdacht kommen dust, det du um Folchen von Liederlichkeit von dein Bruder womeglich aus de Welt zu schaffen, dir an det Neujeborne vergriffen hast.

Frau John
lacht.

Ick? und mir an Adelbertchen vergreifen, Paul.

John

Hier redet keener von Adelbertchen — (zu Selma) — Ick dreh dir den Hals um oder du sachst, wo det Kleene von Brunon und det polsche Mächen — uf de Stelle! — jeblieben is.

Selma

Et is doch bei Sie in Verschlage, Herr John.

John

Wo is et, Jette?

Frau John

Det sach ick nich. —

Das Kind beginnt zu schreien.

John
zu Selma.

Wahrheet! oder ick iberliefer dir uf de Polizei, vastehst de! siehste dem Strick! an Hände und Fieße zusammenjebunden.

Selma
in höchster Angst, unwillkürlich.

Et schreit doch! Se kenn doch det Kindeken janz jut, Herr John.

John

Ick? —

Er sieht verständnislos erst Selma, dann den Direktor an. Ihn durchblitzt eine Ahnung, als er seine Frau ins Auge faßt. Er glaubt zu begreifen und gerät ins Wanken.

Frau John

Laß dir von so’ne niederträchtiche Lieche nich umjarnen, Paul. Det is allens von ihre feine Mutter aus Rache bloß mit det Mächen anjestellt! Paul, wat dust du mir denn so ankieken?

Selma

Det is Jemeenheet, det Se mich nu och noch wolln schlecht machen, Mutter John. Dann wer’ ick mir hieten, noch Blatt vorn Mund nehmen. Wissen janz jut, det ick ha det Kindchen von det Freilein runterjetragen und ha bei Ihn hier in frisch jemachte Bettchen jelegt. Det kann ick beschwören! det will ick beeidigen!

Frau John

Lieche! Du sagst, det mein Kind nich mein Kindeken is?

Selma

Sie haben iberhaupt jar keen Kind nich jehat, Frau John.

Frau John
umklammert Johns Knie.

Det is ja nich wahr.

John

Laß mich in Ruh! beschmutze mir nich, Henerjette.

Frau John

Paul, ick konnte nich anders, ick mußte det tun. Ick war selber betrochen, denn hat ick dir in Brief nach Hamburg Bescheed jesacht. Denn warste vajnügt, und denn mocht ick nich mehr zurick und denn dacht ick, et muß sind! Et kann och uf andere Weise sind, und denn ...

John
unheimlich ruhig.

Laß mir man iberlechen, Jette. — (Er geht an eine Kommode, zieht einen Schub auf und schleudert allerlei Kinderwäsche und Kinderkleidungsstücke, die er daraus nimmt, mitten in die Stube.) — Versteht eener det, wat se Woche um Woche, Monat um Monat, janze Tage und halbe Nächte lang mit blutige Finger jestichelt hat?

Frau John
sammelt in wahnsinniger Hast die Wäsche und Kleidungsstücke auf und versteckt sie sorgfältig im Tischschub oder wo sonst.

Paul det nich! Allens kannste dun! aber reiß mich nich Fetzen von nackten Leibe!

John
hält inne, faßt sich an die Stirn, sinkt auf einen Stuhl.

Wenn det wahr is, Mutter, da schäm ick mir ja in Abjrund rin. —

Er kriecht in sich zusammen, legt die Arme über den Kopf und verbirgt sein Gesicht. Es tritt eine Stille ein.

Direktor Hassenreuter

Wie konnten Sie sich nur auf einen solchen Weg des Irrtums und des Betruges drängen lassen, Frau John? Sie haben sich ja verstrickt auf das allerfurchtbarste! Kommt Kinder! Wir können hier leider nichts weiter tun.

John
steht auf.

Nehm Se mir man mit, Herr Direkter.

Frau John

Jeh! immer jeh! ick brauche dir nich!

John
wendet sich, kalt.

Also det Kind haste dich beschafft und wie Mutter hat wieder haben jewollt, hast se lassen von Brunon umbringen?

Frau John

Du bist nich mein Mann! Wat soll det heeßen? Du bist von de Polizei jekoft! Du hast Jeld jekricht, mir an’t Messer zu liefern! Jeh Paul! du bist jar keen Mensch! Du bist eener wo Jift in de Ochen, und Hauer wie Welfe hat! Immer pfeif, det se kommen und det se mir festnehmen! Immer zu doch! Nu seh’ ick dir, wie det du bist! Ick verachte dir bis zun Jüngsten Dache.

Frau John will durch die Tür davonlaufen. Da erscheinen Schutzmann Schierke und Quaquaro.

Schierke

Halt! Aus die Stube raus kommt keener nich.

John

Immer komm rin, Emil! Herr Schutzmann, immer komm Se ruhig rin. Et is allens in Ordnung! Allens is richtich.

Quaquaro

Reg dir nich uf, Paul, dir betrifft et ja nich.

John
mit aufsteigendem Jähzorn.

Hast du jelacht, Emil?

Quaquaro

I, Menschenskind! Herr Schierke soll bloß det Kleene per Droschke in’t Waisenhaus wechschaffen.

Schierke

Jawoll. So is et. Wo steckt det Kind?

John

Soll ick wissen, wo jedet ausgestoppte Balch von Lumpenspeicher, womit olle Hexen mit Besen Fets treiben, an Ende hinjekomm is? Paßt ma uf Schornstein uf, det se nich oben rausfliechen.

Frau John

Paul!! — Nu soll et nich leben! Nu jerade! Nu och nich! Nu brauch et nich leben! Nu muß et mit mich mit unter de Erde komm.

Frau John war blitzschnell hinter den Verschlag gelaufen. Sie kommt mit dem Kinde wieder und will mit ihm zur Tür hinaus. Der Direktor und Spitta werfen sich der Verzweifelten entgegen, in der Absicht, das Kind zu retten.

Direktor Hassenreuter

Halt! Hier greife ich ein! Hier bin ich zuständig! Wem das Knäblein hier auch immer gehören mag — um so schlimmer, wenn seine Mutter ermordet ist! — es ist in meinem Fundus geboren! Vorwärts, Spitta! Kämpfen Sie, Spitta! Hier sind Ihre Eigenschaften am Platz! Vorwärts! Vorsicht! So! Bravo! Als wär’ es das Jesuskind! Bravo! Sie selber sind frei, Frau John! Wir halten Sie nicht. Sie brauchen uns nur das Jungchen hier lassen.

Frau John stürzt hinaus.

Schierke

Hier jeblieben!

Frau Direktor Hassenreuter

Die Frau ist verzweifelt! Aufhalten! Festhalten!

John
plötzlich verändert.

Jebt uf Muttern acht! Mutter! Ufhalten! Festhalten! — Mutter! Mutter!

Selma, Schierke und John eilen Frau John nach. Spitta, der Direktor, Frau Direktor und Walburga sind um das Kind bemüht, das auf den Tisch gebettet wird.

Direktor Hassenreuter
der das Kind sorgfältig auf den Tisch bettet.

Meinethalben mag diese entsetzliche Frau doch verzweifelt sein! Deshalb braucht sie das Kind nicht zugrunde richten.

Frau Direktor Hassenreuter

Aber liebster Papa, das merkt man doch, daß diese Frau ihre Liebe, närrisch bis zum Wahnsinn, gerade an diesen Säugling geheftet hat. Unbedachtsame harte Worte, Papa, können die unglückselige Person in den Tod treiben.

Direktor Hassenreuter

Harte Worte habe ich nicht gebraucht, Mama.

Spitta

Mir sagt ein ganz bestimmtes Gefühl: erst jetzt hat das Kind seine Mutter verloren.

Quaquaro

Det stimmt. Vater is nich, will nischt von wissen, hat jestern in de Hasenheide mit eene Karussellbesitzerswitwe Hochzeit jemacht! Mutter war liederlich! Und bei de Kielbacken, wo Kinder in Fleje hat, sterben von’s Dutzend mehrschtens zehn. Nu is et so weit: det jeht jetzt och zujrunde.

Direktor Hassenreuter

Sofern es nämlich bei dem Vater dort oben, der alles sieht, nicht anders beschlossen ist.

Quaquaro

Meen Se Pauln? den Mauerpolier! Nu nicht mehr! dem kenn’ ick! wo der uf’n Ehrenpunkt kitzlich is.

Frau Direktor Hassenreuter

Wie das Kindchen da liegt! es ist unbegreiflich. Feine Leinwand! Spitzen sogar! Schmuck und frisch wie ein Püppchen. Es wendet sich einem das Herz um, zu denken, wie es so plötzlich zu einer von aller Welt verlassenen Waise geworden ist.

Spitta