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Die Räuber: Ein Schauspiel cover

Die Räuber: Ein Schauspiel

Chapter 21: Erste Scene.
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About This Book

The drama follows two brothers whose rivalry, fueled by deception and ambition, fractures their family: one is driven into exile and becomes leader of a band of outlaws whose early idealism against social injustice descends into brutality, while the other seizes inheritance and manipulates a woman devoted to the exiled sibling. Conflicting notions of freedom, justice, honor, and revenge drive escalating violence and tragic ruin, exposing moral ambiguity and the corrosive effects of pride, duplicity, and fanatic loyalty.

Stehlen, morden, huren, balgen
Heißt bey uns nur die Zeit zerstreu'n.
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum laßt uns heute lustig seyn.
Ein freyes Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne.
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bey Sturm und Wind handthieren wir,
Der Mond ist unsre Sonne,
Merkurius ist unser Mann,
Der's Prakticiren treflich kann.
Heut laden wir bey Pfaffen uns ein,
Bey masten Pächtern morgen,
Was drüber ist, da lassen wir fein
Den lieben Herrgott sorgen.
Und haben wir im Traubensaft
Die Gurgel ausgebadet,
So machen wir uns Muth und Kraft
Und mit dem Schwarzen Brüderschaft,
Der in der Hölle bratet.
Das Wehgeheul geschlagner Väter,
Der bangen Mütter Klaggezetter,
Das Winseln der verlaßnen Braut
Ist Schmauß für unsre Trommelhaut!
Ha! wenn sie euch unter dem Beile so zucken,
Ausbrüllen wie Kälber, umfallen wie Mucken,
Das kitzelt unsern Augenstern,
Das schmeichelt unsern Ohren gern.
Und wenn mein Stündlein kommen nun,
Der Henker soll es holen,
So haben wir halt unsern Lohn,
Und schmieren unsre Sohlen,
Ein Schlückchen auf den Weg vom heissen Traubensohn,
Und hura rax dax! gehts, als flögen wir davon.

Schweizer. Es wird Nacht, und der Hauptmann noch nicht da!

Razmann. Und versprach doch Schlag acht Uhr wieder bey uns einzutreffen.

Schweizer. Wenn ihm Leides geschehen wäre — Kameraden! wir zünden an und morden den Säugling.

Spiegelberg (nimmt Razmann beyseite.) Auf ein Wort Razmann.

Schwarz (zu Grimm.) Wollen wir nicht Spionen ausstellen?

Grimm. Laß du ihn! Er wird einen Fang thun, daß wir uns schämen müssen.

Schweizer. Da brennst du dich, beym Henker! Er gieng nicht von uns wie einer, der einen Schelmenstreich im Schild führt. Hast du vergessen, was er gesagt hat, als er uns über die Haide führte? — »Wer nur eine Rübe vom Acker stiehlt, daß ich's erfahre, läßt seinen Kopf hier, so wahr ich Moor heiße.« — Wir dörfen nicht rauben.

Razmann (leise zu Spiegelberg.) Wo will das hinaus — rede deutscher.

Spiegelberg. Pst! Pst! — Ich weiß nicht, was du oder ich für Begriffe von Freyheit haben, daß wir an einem Karrn ziehen, wie Stiere, und dabey wunderviel von Independenz deklamiren — Es gefällt mir nicht.

Schweizer (zu Grimm.) Was wohl dieser Windkopf hier an der Kunkel hat?

Razmann (leise zu Spiegelberg.) Du sprichst vom Hauptmann? —

Spiegelberg. Pst doch! Pst! — Er hat so seine Ohren unter uns herumlaufen — Hauptmann sagst du? wer hat ihn zum Hauptmann über uns gesetzt, oder hat er nicht diesen Titel usurpirt, der von rechtswegen mein ist? — Wie? legen wir darum unser Leben auf Würfel — baden darum alle Milzsuchten des Schicksals aus, daß wir am End' noch von Glück sagen, die Leibeigenen eines Sklaven zu seyn? — Leibeigene, da wir Fürsten seyn könnten? — Bey Gott! Razmann — das hat mir niemals gefallen.

Schweizer (Zu den andern.) Ja — du bist mir der rechte Held, Frösche mit Steinen breit zu schmeissen — Schon der Klang seiner Nase, wenn er sich schneuzte, könnte dich durch ein Nadelöhr jagen —

Spiegelberg (zu Razmann.) Ja — Und Jahre schon dicht' ich darauf: Es soll anders werden. Razmann — wenn du bist, wofür ich dich immer hielt — Razmann! — Man vermißt ihn — gibt ihn halb verloren — Razmann, mich deucht, seine schwarze Stunde schlägt — wie? Nicht einmal röther wirst du, da dir die Glocke zur Freyheit läutet? Hast nicht einmal so viel Muth, einen kühnen Wink zu verstehen?

Razmann. Ha Satan! worinn verstrickst du meine Seele?

Spiegelberg. Hats gefangen? — Gut! so folge. Ich hab' mir's gemerkt, wo er hinschlich — Komm! Zwey Pistolen fehlen selten, und dann — so sind wir die ersten, die den Säugling erdrosseln. (Er will ihn fortreissen.)

Schweizer (Zieht wüthend sein Messer.) Ha Bestie! Eben recht erinnerst du mich an die böhmischen Wälder! — Warst du nicht die Memme, die anhub zu schnadern, als sie riefen: Der Feind kommt? Ich hab' damals bey meiner Seele geflucht — fahr hin Meuchelmörder (Er sticht ihn todt.)

Räuber (In Bewegung.) Mordjo! Mordjo! — — Schweizer — Spiegelberg — Reißt sie auseinander —

Schweizer (Wirft das Messer über ihn.) Da! — Und so krepir du — Ruhig Kameraden — Laßt euch den Bettel nicht unterbrechen — Die Bestie ist dem Hauptmann immer giftig gewesen, und hat keine Narbe auf ihrer ganzen Haut — Noch einmal, gebt euch zufrieden — ha! über den Racker — von hinten her will er Männer zu schanden schmeissen? Männer von hinten her! — Ist uns darum der helle Schweiß über die Backen gelaufen, daß wir aus der Welt schleichen wie Hundsvötter? Bestie du! Haben wir uns darum unter Feuer und Rauch gebettet, daß wir zuletzt wie Ratten verrecken?

Grimm. Aber zum Teufel — Kamerad — was hattet ihr mit einander? — Der Hauptmann wird rasend werden.

Schweizer. Dafür laß mich sorgen — Und du Heilloser (zu Razmann), du warst sein Helfershelfer, du! — Pack dich aus meinen Augen — der Schufterle hat's auch so gemacht, aber dafür hängt er itzt auch in der Schweiz, wie's ihm mein Hauptmann prophezeyt hat — (Man schießt.)

Schwarz (aufspringend.) Horch! ein Pistolenschuß! (Man schießt wieder.) Noch einer! Holla! Der Hauptmann!

Grimm. Nur Geduld! Er muß zum drittenmal schiessen. (Man hört noch einen Schuß.)

Schwarz. Er ist's! — Ist's — Salvier dich, Schweizer — laßt uns ihm antworten.

(Sie schiessen.)

Moor. Kosinsky (treten auf.)

Schweizer (ihnen entgegen.) Sey willkommen, mein Hauptmann — Ich bin ein bischen vorlaut gewesen, seit du weg bist. (Er führt ihn an die Leiche.) Sey du Richter zwischen mir und diesem — von hinten hat er dich ermorden wollen.

Räuber (mit Bestürzung.) Was? Den Hauptmann?

Moor. (In den Anblick versunken, bricht heftig aus.) O unbegreiflicher Finger der rachekundigen Nemesis! — Wars nicht dieser, der mir das Sirenenlied trillerte? — Weihe diß Messer der dunklen Vergelterinn! — das hast Du nicht gethan, Schweizer.

Schweizer. Bei Gott! ich habs wahrlich gethan, und es ist beim Teufel nicht das schlechtste, was ich in meinem Leben gethan habe. (geht unwillig ab.)

Moor (Nachdenkend.) Ich verstehe — Lenker im Himmel — ich verstehe — die Blätter fallen von den Bäumen — und mein Herbst ist kommen — Schafft mir diesen aus den Augen. (Spiegelbergs Leiche wird hinweg getragen.)

Grimm. Gib uns Ordre, Hauptmann — was sollen wir weiter thun?

Moor. Bald — bald ist alles erfüllet — Gebt mir meine Laute — Ich habe mich selbst verloren, seit ich dort war — Meine Laute sag ich — Ich muß mich zurück lullen in meine Kraft — verlaßt mich.

Räuber. Es ist Mitternacht, Hauptmann.

Moor. Doch warens nur die Thränen im Schauspielhaus — den Römergesang muß ich hören, daß mein schlafender Genius wieder aufwacht — Meine Laute her — Mitternacht, sagt ihr?

Schwarz. Wohl bald vorüber. Wie Bley liegt der Schlaf in uns. Seit drei Tagen kein Auge zu.

Moor. Sinkt denn der balsamische Schlaf auch auf die Augen der Schelmen? Warum fliehet er mich? Ich bin nie ein Feiger gewesen, oder ein schlechter Kerl — Legt euch schlafen — Morgen am Tag gehen wir weiter.

Räuber. Gute Nacht, Hauptmann (Sie lagern sich auf der Erde und schlafen ein.)

Tiefe Stille.

Moor. (Nimmt die Laute und spielt.)

Brutus.
Sey willkommen friedliches Gefilde,
Nimm den Letzten aller Römer auf!
Von Philippi, wo die Mordschlacht brüllte
Schleicht mein Gram-gebeugter Lauf.
Kassius wo bist du? — Rom verloren!
Hingewürgt mein brüderliches Heer!
Meine Zuflucht zu des Todes Thoren!
Keine Welt für Brutus mehr!
Cäsar.
Wer, mit Schritten eines Niebesiegten,
Wandert dort vom Felsenhang? —
Ha! wenn meine Augen mir nicht lügten!
Das ist eines Römers Gang. —
Tybersohn — von wannen deine Reise?
Dauert noch die Siebenhügelstadt?
Oft geweinet hab ich um die Waise,
Daß sie nimmer einen Cäsar hat.
Brutus.
Ha! du mit der drei und zwanzigfachen Wunde!
Wer rief Todter dich an's Licht?
Schaudre rückwärts, zu des Orkus Schlunde,
Stolzer Weiner! Triumphire nicht!
Auf Philippi's eisernem Altare
Raucht der Freiheit letztes Opferblut;
Rom verröchelt über Brutus Bahre,
Brutus geht zu Minos — Kreuch in deine Flut.
Cäsar.
O ein Todesstoß von Brutus Schwerte!
Auch du — Brutus — du?
Sohn — es war dein Vater — Sohn — die Erde
Wär gefallen dir als Erbe zu!
Geh — du bist der gröste Römer worden,
Da in Vaters Brust dein Eisen drang,
Geh — und heul es bis zu jenen Pforten:
Brutus ist der gröste Römer worden,
Da in Vaters Brust sein Eisen drang.
Geh — du weißts nun, was an Lethes Strande
Mich noch bannte —
Schwarzer Schiffer, stoß vom Lande!
Brutus.
Vater halt! — Im ganzen Sonnenreiche
Hab ich Einen nur gekannt,
Der dem großen Cäsar gleiche:
Diesen Einen hast du Sohn genannt.
Nur ein Cäsar mochte Rom verderben,
Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn,
Wo ein Brutus lebt, muß Cäsar sterben;
Geh du linkwärts, laß mich rechtwärts gehn.

(Er legt die Laute hin, geht tiefdenkend auf und nieder.)

Wer mir Bürge wäre? — — Es ist alles so finster — verworrene Labyrinthe — kein Ausgang — kein leitendes Gestirn — wenns aus wäre mit diesem letzten Othemzug — Aus wie ein schaales Marionettenspiel — Aber wofür der heiße Hunger nach Glückseligkeit? Wofür das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit? Das Hinausschieben unvollendeter Plane? — wenn der armselige Druck dieses armseligen Dings (die Pistolen vors Gesicht haltend) den Weisen dem Thoren — den Feigen dem Tapfern — den Edlen dem Schelmen gleich macht? — Es ist doch eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der vernünftigen seyn? — Nein! Nein! es ist etwas mehr, denn ich bin noch nicht glücklich gewesen.

Glaubt ihr, ich werde zittern? Geister meiner Erwürgten! ich werde nicht zittern. (Heftig zitternd.) — Euer banges Sterbegewinsel — euer schwarzgewürgtes Gesicht — eure fürchterlich klaffenden Wunden sind ja nur Glieder einer unzerbrechlichen Kette des Schicksals, und hängen zuletzt an meinen Feyerabenden, an den Launen meiner Ammen und Hofmeister, am Temperament meines Vaters, am Blut meiner Mutter. — (von Schauer geschüttelt) Warum hat mein Perillus einen Ochsen aus mir gemacht, daß die Menschheit in meinem glühenden Bauche bratet?

(Er setzt die Pistolen an.) Zeit und Ewigkeit — gekettet an einander durch ein einzig Moment! — Grauser Schlüssel, der das Gefängniß des Lebens hinter mir schließt, und vor mir aufriegelt die Behausung der ewigen Nacht — sage mir — o sage mir — wohinwohin wirst du mich führen? — Fremdes, nie umsegeltes Land! — Siehe, die Menschheit erschlafft unter diesem Bilde, die Spannkraft des Endlichen läßt nach, und die Phantasey, der muthwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor — Nein! Nein! Ein Mann muß nicht straucheln — Sey wie du willst, namenloses Jenseits — bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu — Sey wie du willst, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme — Außendinge sind nur der Anstrich des Manns — Ich bin mein Himmel und meine Hölle.

Wenn du mir irgend einen eingeäscherten Weltkreis allein ließest, den du aus deinen Augen verbannt hast, wo die einsame Nacht, und die ewige Wüste meine Aussichten sind? — Ich würde dann die schweigende Oede mit meinen Phantasien bevölkern, und hätte die Ewigkeit zur Musse, das verworrene Bild des allgemeinen Elends zu zergliedern. — Oder willst du mich durch immer neue Geburten und immer neue Schauplätze des Elends von Stufe zu Stufe — zur Vernichtung — führen? Kann ich nicht die Lebensfäden, die mir jenseits gewoben sind, so leicht zerreissen, wie diesen? — Du kannst mich zu nichts machen — Diese Freyheit kannst du mir nicht nehmen. (Er ladet die Pistole. Plötzlich hält er inne.) Und soll ich für Furcht eines qualvollen Lebens sterben? — Soll ich dem Elend den Sieg über mich einräumen? — Nein! ich wills dulden. (Er wirft die Pistole weg.) Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich wills vollenden. (Es wird immer finstrer.)

Herrmann. (Der durch den Wald kommt.)

Horch! Horch! grausig heulet der Kauz — zwölf schlägts drüben im Dorf — wohl, wohl — das Bubenstück schläft — in dieser Wilde kein Lauscher. (Tritt an das Schloß und pocht.) Komm heraus, Jammermann, Thurmbewohner! — Deine Mahlzeit ist bereitet.

Moor. (Sachte zurücktretend.) Was soll das bedeuten?

Eine Stimme. (aus dem Schloß.) Wer pocht da? He? Bist du's, Herrmann, mein Rabe?

Herrmann. Bin's, Herrmann, dein Rabe. Steig herauf ans Gitter und iß. (Eulen schreyen.) Fürchterlich trillern deine Schlafkameraden, Alter — dir schmeckt?

Die Stimme. Hungerte mich sehr. Habe Dank, Rabensender, fürs Brod in der Wüste! — Und wie gehts meinem lieben Kind, Herrmann?

Herrmann. Stille — Horch — Geräusch wie von Schnarchenden! hörst du nicht was?

Stimme. Wie? hörst du etwas?

Herrmann. Den seufzenden Windlaut durch die Rizen des Thurms — Eine Nachtmusik, davon einem die Zähne klappern und die Nägel blau werden — Horch, noch einmal — Immer ist mir, als hört' ich ein Schnarchen. — Du hast Gesellschaft, Alter — Hu! hu! hu!

Stimme. Siehst du etwas?

Herrmann. Leb wohl — leb wohl — Grausig ist diese Stätte — Steig ab ins Loch — droben dein Helfer, dein Rächer — verfluchter Sohn! — (Will fliehen.)

Moor. (Mit Entsetzen hervortretend.) Steh!

Herrmann. (Schreyend.) Oh mir!

Moor. Steh, sag ich!

Herrmann. Weh! Weh! Weh! Nun ist alles verrathen!

Moor. Steh! Rede! Wer bist du? Was hast du hier zu thun? Rede!

Herrmann. Erbarmen, o Erbarmen, gestrenger Herr! — Nur Ein Wort höret an, eh ihr mich umbringt.

Moor. (Indem er den Degen zieht.) Was werd' ich hören?

Herrmann. Wohl habt ihr mirs beym Leben verboten — Ich konnt' nicht anders — durft' nicht anders — im Himmel ein Gott — euer leiblicher Vater dort — mich jammerte sein — Stecht mich nieder.

Moor. Hier steckt ein Geheimniß — Heraus! Sprich! Ich will alles wissen.

Die Stimme. (Aus dem Schloß.) Weh! Weh! Bist du's, Herrmann, der da redet? Mit wem redst du, Herrmann?

Moor. Drunten noch jemand — Was geht hier vor? (Läuft dem Thurme zu.) Ist's ein Gefangener, den die Menschen abschüttelten? — Ich will seine Ketten lösen. — Stimme! noch einmal! wo ist die Thüre?

Herrmann. O habt Barmherzigkeit, Herr — dringt nicht weiter, Herr — geht aus Erbarmen vorüber! (Verrennt ihm den Weg.)

Moor. Vierfach geschlossen! Weg da — Es muß heraus — Itzt zum erstenmal komm mir zu Hülfe, Dieberey! (Er nimmt Brechinstrumente, und öffnet das Gitterthor. Aus dem Grunde steigt ein Alter, ausgemergelt wie ein Gerippe.)

Der Alte. Erbarmen einem Elenden! Erbarmen!

Moor. (Springt erschrocken zurück.) Das ist meines Vaters Stimme!

D. a. Moor. Habe Dank, o Gott! Erschienen ist die Stunde der Erlösung.

Moor. Geist des alten Moors! Was hat dich beunruhigt in deinem Grabe? Hast du eine Sünde in jene Welt geschleppt, die dir den Eingang in die Pforten des Paradieses verrammelt? Ich will Messen lesen lassen, den irrenden Geist in seine Heymath zu senden. Hast du das Gold der Wittwen und Waisen unter die Erde vergraben, das dich zu dieser mitternächtlichen Stunde heulend herumtreibt, ich will den unterirdischen Schatz aus den Klauen des Zauberdrachen reissen, und wenn er tausend rothe Flammen auf mich speyt, und seine spitzen Zähne gegen meinen Degen blöckt, oder kommst du, auf meine Fragen die Räthsel der Ewigkeit zu entfalten? Rede, rede! ich bin der Mann der bleichen Furcht nicht.

D. a. Moor. Ich bin kein Geist. Taste mich an, ich lebe, o ein elendes, erbärmliches Leben!

Moor. Was? Du bist nicht begraben worden?

D. a. Moor. Ich bin begraben worden — das heißt: ein todter Hund liegt in meiner Väter Gruft; und ich — drey volle Monde schmacht' ich schon in diesem finstern unterirdischen Gewölbe, von keinem Strahle beschienen, von keinem warmen Lüftchen angeweht, von keinem Freunde besucht, wo wilde Raben krächzen, und mitternächtliche Uhu's heulen. —

Moor. Himmel und Erde! Wer hat das gethan?

D. a. Moor. Verfluch ihn nicht! — Das hat mein Sohn Franz gethan.

Moor. Franz? Franz? — O ewiges Chaos!

D. a. Moor. Wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast, Erlöser, den ich nicht kenne, o so höre den Jammer eines Vaters, den ihm seine Söhne bereitet haben — drey Monden schon hab' ich's tauben Felsenwänden zugewinselt, aber ein hohler Wiederhall äffte meine Klagen nur nach. Darum, wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast —

Moor. Diese Aufforderung könnte die wilden Bestien aus ihren Löchern hervorrufen!

D. a. Moor. Ich lag eben auf dem Siechbett, hatte kaum angefangen, aus einer schweren Krankheit etwas Kräfte zu sammeln, so führte man einen Mann zu mir, der vorgab, mein Erstgebohrner sey gestorben in der Schlacht, und mit sich brachte ein Schwerdt, gefärbt mit seinem Blut, und sein letztes Lebewohl, und daß ihn mein Fluch gejagt hätte in Kampf und Tod und Verzweiflung.

Moor. (Heftig von ihm abgewandt.) Es ist offenbar!

D. a. Moor. Höre weiter! ich ward unmächtig bey der Botschaft. Man muß mich für todt gehalten haben, denn als ich wieder zu mir selber kam, lag ich schon in der Bahre, und ins Leichentuch gewickelt wie ein Todter. Ich krazte an dem Deckel der Bahre. Er ward aufgethan. Es war finstere Nacht, mein Sohn Franz stand vor mir. — Was? rief er mit entsetzlicher Stimme, willst du dann ewig leben? — und gleich flog der Sargdeckel wieder zu. Der Donner dieser Worte hatte mich meiner Sinne beraubt; als ich wieder erwachte, fühlt' ich den Sarg erhoben und fortgeführt in einem Wagen eine halbe Stunde lang. Endlich ward er geöffnet — ich stand am Eingang dieses Gewölbes, mein Sohn vor mir, und der Mann, der mir das blutige Schwerdt von Karln gebracht hatte — zehnmal umfaßt' ich seine Kniee, und bat und flehte, und umfaßte sie und beschwur — das Flehen seines Vaters reichte nicht an sein Herz — hinab mit dem Balg! donnerte es von seinem Munde, er hat genug gelebt, — und hinab ward ich gestossen ohn' Erbarmen, und mein Sohn Franz schloß hinter mir zu.

Moor. Es ist nicht möglich, nicht möglich! Ihr müßt euch geirrt haben.

D. a. Moor. Ich kann mich geirrt haben. Höre weiter, aber zürne doch nicht! So lag ich zwanzig Stunden, und kein Mensch gedachte meiner Noth. Auch hat keines Menschen Fußtritt je diese Einöde betreten, denn die allgemeine Sage geht, daß die Gespenster meiner Väter in diesen Ruinen rasselnde Ketten schleifen, und in mitternächtlicher Stunde ihr Todtenlied raunen. Endlich hört' ich die Thür wieder aufgehen, dieser Mann brachte mir Brod und Wasser, und entdeckte mir, wie ich zum Tod des Hungers verurtheilt gewesen, und wie er sein Leben in Gefahr setze, wenn es herauskäme, daß er mich speise. So ward ich kümmerlich erhalten diese lange Zeit, aber der unaufhörliche Frost — die faule Luft meines Unraths, — der grenzenlose Kummer — meine Kräfte wichen, mein Leib schwand, tausendmal bat ich Gott mit Thränen um den Tod, aber das Maas meiner Strafe muß noch nicht gefüllet seyn — oder muß noch irgend eine Freude meiner warten, daß ich so wunderbarlich erhalten bin. Aber ich leide gerecht — Mein Karl! mein Karl! — und er hatte noch keine graue Haare.

Moor. Es ist genug. Auf! ihr Klötze, ihr Eisklumpen! Ihr träge fühllose Schläfer! Auf! will keiner erwachen? (Er thut einen Pistolenschuß über die schlafenden Räuber.)

Die Räuber. (aufgejagt) He, holla! holla! was giebts da?

Moor. Hat euch die Geschichte nicht aus dem Schlummer gerüttelt? der ewige Schlaf würde wach worden seyn! Schaut her, schaut her! die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band der Natur ist entzwey, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen.

Die Räuber. Was sagt der Hauptmann?

Moor. Nein, nicht erschlagen! das Wort ist Beschönigung! — der Sohn hat den Vater tausendmal gerädert, gespießt, gefoltert, geschunden! die Worte sind mir zu menschlich — worüber die Sünde roth wird, worüber der Kannibale schaudert, worauf seit Aeonen kein Teufel gekommen ist. — Der Sohn hat seinen eigenen Vater — o seht her, seht her! er ist in Unmacht gesunken, — in dieses Gewölbe hat der Sohn seinen Vater — Frost, Blöse, — Hunger, — Durst — o seht doch, seht doch! — es ist mein eigner Vater, ich wills nur gestehn.

Die Räuber (springen herbey und umringen den Alten.) Dein Vater? dein Vater?

Schweizer (tritt ehrerbietig näher, fällt vor ihm nieder.) Vater meines Hauptmanns! Ich küsse dir die Füsse! du hast über meinen Dolch zu befehlen.

Moor. Rache, Rache, Rache dir! grimmig beleidigter, entheiligter Greis! So zerreiß ich von nun an auf ewig das brüderliche Band. (er zerreißt sein Kleid von oben an bis unten.) So verfluch ich jeden Tropfen brüderlichen Bluts im Antlitz des offenen Himmels! Höre mich, Mond und Gestirne! Höre mich, mitternächtlicher Himmel! der du auf die Schandthat herunterblicktest! Höre mich, dreymal schröcklicher Gott, der da oben über dem Monde waltet, und rächt und verdammt über den Sternen, und feuerflammt über der Nacht! Hier kniee ich — hier streck ich empor die drey Finger in die Schauer der Nacht — hier schwör ich, und so speye die Natur mich aus ihren Grenzen wie eine bösartige Bestie aus, wenn ich diesen Schwur verletze, schwör ich das Licht des Tages nicht mehr zu grüssen, bis des Vater-Mörders Blut, vor diesem Steine verschüttet, gegen die Sonne dampft. (Er steht auf.)

Die Räuber. Es ist ein Belials-Streich! Sag einer, wir seyen Schelmen! Nein bey allen Drachen! So bunt haben wirs nie gemacht!

Moor. Ja! und bey allen schröcklichen Seufzern derer, die jemals durch eure Dolche starben, derer, die meine Flamme fraß, und mein fallender Thurm zermalmte, eh' soll kein Gedanke von Mord oder Raub Platz finden in eurer Brust, bis euer aller Kleider von des Verruchten Blute scharlachroth gezeichnet sind — das hat euch wohl niemals geträumet, daß ihr der Arm höherer Majestäten seyd? Der verworrene Knäuel unsers Schicksals ist aufgelöst! Heute, heute hat eine unsichtbare Macht unser Handwerk geadelt! Betet an vor dem, der euch dies erhabene Loos gesprochen, der euch hieher geführt, der euch gewürdiget hat, die schröcklichen Engel seines finstern Gerichts zu seyn! Entblöset eure Häupter! Knieet hin in den Staub, und stehet geheiliget auf! (sie knieen.)

Schweizer. Gebeut, Hauptmann! was sollen wir thun?

Moor. Steh auf, Schweizer! Und rühre diese heilige Locken an! (Er führt ihn zu seinem Vater, und giebt ihm eine Locke in die Hand.) Du weißt noch, wie du einsmals jenem böhmischen Reuter den Kopf spaltetest, da er eben den Säbel über mich zuckte, und ich athemlos und erschöpft von der Arbeit in die Kniee gesunken war? dazumal verhieß ich dir eine Belohnung, die königlich wäre, ich konnte diese Schuld bisher niemals bezahlen. —

Schweizer. Das schwurst du mir, es ist wahr, aber laß mich dich ewig meinen Schuldner nennen!

Moor. Nein, itzt will ich bezahlen. Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden wie du! — Räche meinen Vater! (Schweizer steht auf.)

Schweizer. Großer Hauptmann! heute hast du mich zum erstenmal stolz gemacht! — Gebeut, wo, wie, wann soll ich ihn schlagen?

Moor. Die Minuten sind geweiht, du must eilends gehn — lies dir die Würdigsten aus der Bande, und führe sie gerade nach des Edelmanns Schloß! zerr ihn aus dem Bette, wenn er schläft, oder in den Armen der Wollust liegt, schlepp ihn vom Mahle weg, wenn er besoffen ist, reiß ihn vom Kruzifix, wenn er betend vor ihm auf den Knieen liegt! Aber ich sage dir, ich schärf es dir hart ein, liefr' ihn mir nicht todt! dessen Fleisch will ich in Stücken reissen, und hungrigen Geiern zur Speise geben, der ihm nur die Haut ritzt, oder ein Haar kränkt! Ganz muß ich ihn haben, und wenn du ihn ganz und lebendig bringst, so sollst du eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem Könige mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frey ausgehn, wie die weite Luft — hast du mich verstanden, so eile davon!

Schweizer. Genug, Hauptmann — hier hast du meine Hand darauf: Entweder, du siehst zwey zurückkommen, oder gar keinen. Schweizers Würgengel kommt! (ab mit einem Geschwader.)

Moor. Ihr Uebrigen zerstreut euch im Wald — Ich bleibe.


Fünfter Akt.

Erste Scene.

Aussicht von vielen Zimmern.

Finstre Nacht.

Daniel (kommt mit einer Laterne und einem Reisebündel.)

Lebe wohl, theures Mutterhaus — Hab so manch Guts und Liebs in dir genossen, da der Herr seeliger noch lebete — Thränen auf deine Gebeine, du lange Verfaulter! das verlangt er von einem alten Knecht — es war das Obdach der Waisen, und der Port der Verlassenen, und dieser Sohn hats gemacht zur Mördergrube — Lebe wohl, du guter Boden! wie oft hat der alte Daniel dich abgefegt — Lebe wohl, du lieber Ofen, der alte Daniel nimmt schweren Abschied von dir — es war dir alles so vertraut worden — wird dir weh thun, alter Elieser — Aber Gott bewahre mich in Gnaden vor dem Trug und List des Argen — Leer kam ich hieher — leer zieh ich wieder hin — aber meine Seele ist gerettet. (wie er gehen will, kömmt)

Franz (im Schlafrock hereingestürzt.)

Daniel. Gott steh mir bey! Mein Herr! (Löscht die Laterne aus.)

Franz. Verrathen! Verrathen! Geister ausgespieen aus Gräbern — Losgerüttelt das Todtenreich aus dem ewigen Schlaf brüllt wider mich, Mörder! Mörder! — wer regt sich da?

Daniel (ängstlich.) Hilf, heilige Mutter Gottes! seyd ihr's, gestrenger Herre, der so gräßlich durch die Gewölbe schreit, daß alle Schläfer auffahren?

Franz. Schläfer? Wer heißt euch schlafen? Fort, zünde Licht an. (Daniel ab, es kommt ein andrer Bedienter.) Es soll niemand schlafen in dieser Stunde. Hörst du? Alles soll auf seyn — in Waffen — alle Gewehre geladen — Sahst du sie dort den Bogengang hinschweben?

Bedienter. Wen, gnädiger Herr?

Franz. Wen, Dummkopf, wen? So kalt, so leer fragst du, wen? hat mich's doch angepackt, wie der Schwindel! wen, Eselskopf! wen? Geister und Teufel! wie weit ist's in der Nacht?

Bedienter. Eben itzt ruft der Nachtwächter zwey an.

Franz. Was? will diese Nacht währen bis an den jüngsten Tag? hörtest du keinen Tumult in der Nähe? Kein Siegsgeschrey? Kein Geräusch galoppirender Pferde? wo ist Kar — der Graf, will ich sagen?

Bedienter. Ich weiß nicht, mein Gebieter!

Franz. Du weißt's nicht? Du bist auch unter der Rotte? Ich will dir das Herz aus den Rippen stampfen! mit deinem verfluchten: ich weiß nicht! Fort, hole den Pastor!

Bedienter. Gnädiger Herr!

Franz. Murrst du? zögerst du? (Erster Bedienter eilend ab.) Was? auch Bettler wider mich verschworen? Himmel, Hölle! alles wider mich verschworen?

Daniel (kommt mit dem Licht.) Mein Gebieter —

Franz. Nein! ich zittere nicht! Es war ledig ein Traum. Die Todten stehen noch nicht auf — wer sagt, daß ich zittere und bleich bin? Es ist mir ja so leicht, so wohl.

Daniel. Ihr seyd todtenbleich, eure Stimme ist bang und lallet.

Franz. Ich habe das Fieber. Sage du nur, wenn der Pastor kommt, ich habe das Fieber. Ich will morgen zur Ader lassen, sage dem Pastor.

Daniel. Befehlt ihr, daß ich euch Lebensbalsam auf Zucker tröpfle?

Franz. Tröpfle mir auf Zucker! der Pastor wird nicht sogleich da seyn. Meine Stimme ist bang und lallet, gib Lebensbalsam auf Zucker!

Daniel. Gebt mir erst die Schlüssel, ich will drunten holen im Schrank —

Franz. Nein, nein, nein! Bleib! oder ich will mit dir geh'n. Du siehst, ich kann nicht allein seyn! wie leicht könnt' ich, du siehst ja — unmächtig — wenn ich allein bin. Laß nur, laß nur! Es wird vorübergehen, du bleibst.

Daniel. Oh ihr seyd ernstlich krank.

Franz. Ja freylich, freylich! das ists alles. — Und Krankheit verstöret das Gehirn, und brütet tolle und wunderliche Träume aus. — Träume bedeuten nichts — nicht wahr, Daniel? Träume kommen ja aus dem Bauch, und Träume bedeuten nichts — ich hatte so eben einen lustigen Traum. (er sinkt unmächtig nieder)

Daniel. Jesus Christus! was ist das? Georg! Conrad! Bastian! Martin! so gebt doch nur eine Urkund von euch! (Rüttelt ihn.) Maria, Magdalena und Joseph! so nimmt doch nur Vernunft an! So wirds heissen, ich hab ihn todt gemacht, Gott erbarme sich meiner!

Franz (verwirrt.) Weg — weg! was rüttelst du mich so, scheußliches Todtengeripp? — die Todten stehen noch nicht auf —

Daniel. O du ewige Güte! Er hat den Verstand verloren.

Franz. (richtet sich matt auf) Wo bin ich? — du Daniel? was hab ich gesagt? merke nicht drauf! ich hab eine Lüge gesagt, es sey was es wolle — komm! hilf mir auf! — es ist nur ein Anstoß von Schwindel — weil ich — weil ich — nicht ausgeschlafen habe.

Daniel. Wär' nur der Johann da! ich will Hülfe rufen, ich will nach Aerzten rufen.

Franz. Bleib! sez dich neben mich auf diesen Sopha! — so — du bist ein gescheuter Mann, ein guter Mann. Laß dir erzählen!

Daniel. Itzt nicht, ein andermal! ich will euch zu Bette bringen, Ruhe ist euch besser.

Franz. Nein, ich bitte dich, laß dir erzählen, und lache mich derb aus! — Siehe, mir däuchte, ich hätte ein königlich Mahl gehalten, und mein Herz wär' guter Dinge, und ich läge berauscht im Rasen des Schloßgartens, und plözlich — es war zur Stunde des Mittags — plözlich, aber ich sage dir, lache mich derb aus! —

Daniel. Plözlich?

Franz. Plözlich traf ein ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr, ich taumelte bebend auf, und siehe da war mir's, als säh' ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger Lohe, und Berge und Städte und Wälder wie Wachs im Ofen zerschmolzen, und eine heulende Windsbraut fegte von hinnen Meer, Himmel und Erde — da erscholl's wie aus ehernen Posaunen: Erde gib deine Todten, gib deine Todten, Meer, und das nakte Gefild begann zu kreisen, und aufzuwerfen Schädel und Rippen und Kinnbacken und Beine, die sich zusammenzogen in menschliche Leiber, und daherströmten unübersehlich, ein lebendiger Sturm. Damals sah ich aufwärts, und siehe, ich stand am Fuß des donnernden Sina, und über mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Höhe des Bergs auf drey rauchenden Stühlen drey Männer, vor deren Blick flohe die Kreatur —

Daniel. Das ist ja das leibhafte Konterfey vom jüngsten Tage.

Franz. Nicht wahr? das ist tolles Gezeuge? Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: Ewig, heilig, gerecht, unverfälschbar! Es ist nur Eine Wahrheit, es ist nur Eine Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelnden Wurme! — Da trat hervor ein Zweyter, der hatte in seiner Hand einen blitzenden Spiegel, den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang, und sprach: Dieser Spiegel ist Wahrheit; Heucheley und Larven bestehen nicht — da erschrack ich und alles Volk, denn wir sahen Schlangen- und Tieger- und Leoparden-Gesichter zurückgeworfen aus dem entsetzlichen Spiegel. — Da trat hervor ein Dritter, der hatte in seiner Hand eine eherne Wage, die hielt er zwischen Aufgang und Niedergang, und sprach: tretet herzu, ihr Kinder von Adam — ich wäge die Gedanken in der Schaale meines Zornes! und die Werke mit dem Gewicht meines Grimms! —

Daniel. Gott erbarme sich meiner!

Franz. Schneebleich stunden alle, ängstlich klopfte die Erwartung in jeglicher Brust. Da war mir's, als hört' ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und mein innerstes Mark gefror in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell begonn die Waage zu klingen, zu donnern der Fels, und die Stunden zogen vorüber, eine nach der andern an der links hangenden Schaale, und eine nach der andern warf eine Todsünde hinein —

Daniel. O, Gott vergeb euch!

Franz. Das that er nicht! — die Schaale wuchs zu einem Gebirge, aber die andere voll von Blut der Versöhnung hielt sie noch immer hoch in den Lüften — zuletzt kam ein alter Mann, schwer gebeuget von Gram, angebissen den Arm von wüthendem Hunger, aller Augen wandten sich scheu vor dem Mann, ich kannte den Mann, er schnitt eine Locke von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in die Schaale der Sünden, und siehe, sie sank, sank plötzlich zum Abgrund, und die Schaale der Versöhnung flatterte hoch auf! — Da hört' ich eine Stimme schallen aus dem Rauche des Felsen: Gnade, Gnade jedem Sünder der Erde und des Abgrunds! du allein bist verworfen! — (Tiefe Pause.) Nun, warum lachst du nicht?

Daniel. Kann ich lachen, wenn mir die Haut schaudert? Träume kommen von Gott.

Franz. Pfui doch, pfui doch! sage das nicht! Heiß mich einen Narren, einen aberwitzigen, abgeschmackten Narren! Thu das, lieber Daniel, ich bitte dich drum, spotte mich tüchtig aus!

Daniel. Träume kommen von Gott. Ich will für euch beten.

Franz. Du lügst, sag ich — geh den Augenblick, lauf, spring, sieh, wo der Pastor bleibt, heiß ihn eilen, eilen, aber ich sage dir, du lügst.

Daniel (im Abgehen.) Gott sey euch gnädig!

Franz.

Pöbel-Weisheit, Pöbel-Furcht! — Es ist ja noch nicht ausgemacht, ob das Vergangene nicht vergangen ist, oder ein Auge findet über den Sternen — hum, hum! wer raunte mir das ein? Rächet denn droben über den Sternen einer? — Nein, nein! Ja, ja! Fürchterlich zischelts um mich: Richtet droben einer über den Sternen! Entgegen gehen dem Rächer über den Sternen diese Nacht noch! Nein! sag ich. — Elender Schlupfwinkel, hinter den sich deine Feigheit verstecken will — öd, einsam, taub ist's droben über den Sternen — Wenn's aber doch etwas mehr wäre? Nein, nein, es ist nicht! Ich befehle, es ist nicht! Wenn's aber doch wäre? Weh dir, wenn's nachgezählt worden wäre! wenn's dir vorgezählt würde diese Nacht noch! — Warum schaudert mir so durch die Knochen? — Sterben! warum packt mich das Wort so? Rechenschaft geben dem Rächer droben über den Sternen — und wenn er gerecht ist, Waisen und Witwen, Unterdrückte, Geplagte heulen zu ihm auf, und wenn er gerecht ist? — warum haben sie gelitten, warum hast du über sie triumphiret? —

Pastor Moser (tritt auf.)

Moser. Ihr ließt mich holen, gnädiger Herr! Ich erstaune. Das erstemal in meinem Leben! Habt ihr im Sinn, über die Religion zu spotten, oder fangt ihr an vor ihr zu zittern?

Franz. Spotten oder zittern, je nachdem du mir antwortest. — Höre, Moser, ich will dir zeigen, daß du ein Narr bist, oder die Welt für'n Narren halten willst, und du sollst mir antworten. Hörst du? Auf dein Leben sollst du mir antworten.

Moser. Ihr fordert einen Höheren vor euren Richterstuhl. Der Höhere wird euch dermaleins antworten.

Franz. Itzt will ichs wissen, itzt, diesen Augenblick, damit ich nicht die schändliche Thorheit begehe, und im Drange der Noth den Götzen des Pöbels anrufe. Ich habs dir oft mit Hohnlachen bey Burgunder zugesoffen: Es ist kein Gott! — Itzt red' ich im Ernste mit dir, ich sage dir: es ist keiner! Du sollst mich mit allen Waffen widerlegen, die du in deiner Gewalt hast, aber ich blase sie weg mit dem Hauch meines Mundes.

Moser. Wenn du auch eben so leicht den Donner wegblasen könntest, der mit zehntausendfachem Centner-Gewicht auf deine stolze Seele fallen wird! Dieser allwissende Gott, den du Thor und Bösewicht mitten aus seiner Schöpfung zernichtest, braucht sich nicht durch den Mund des Staubes zu rechtfertigen. Er ist eben so groß in deinen Tyranneien, als irgend in einem Lächeln der siegenden Tugend.

Franz. Ungemein gut, Pfaffe! So gefällst du mir.

Moser. Ich stehe hier in den Angelegenheiten eines gröseren Herrn, und rede mit einem, der Wurm ist wie ich, dem ich nicht gefallen will. Freylich müßt' ich Wunder thun können, wenn ich deiner halsstarrigen Bosheit das Geständniß abzwingen könnte, — aber wenn deine Ueberzeugung so fest ist, warum ließest du mich rufen? Sage mir doch, warum ließest du mich in der Mitternacht rufen?

Franz. Weil ich lange Weile hab, und eben am Schachbret keinen Geschmack finde. Ich will mir einen Spaß machen, mich mit Pfaffen herumzubeißen. Mit dem leeren Schrecken wirst du meinen Muth nicht entmannen. Ich weiß wohl, daß derjenige auf Ewigkeit hofft, der hier zu kurz gekommen ist: aber er wird garstig betrogen. Ich hab's immer gelesen, daß unser Wesen nichts ist, als Sprung des Geblüts, und mit dem letzten Blutstropfen zerrinnt auch Geist und Gedanke. Er macht alle Schwachheiten des Körpers mit, wird er nicht auch aufhören bey seiner Zerstörung? nicht bey seiner Fäulung verdampfen? Laß einen Wassertropfen in deinem Gehirne verirren, und dein Leben macht eine plötzliche Pause, die zunächst an das Nichtseyn gränzt, und ihre Fortdauer ist der Tod. Empfindung ist Schwingung einiger Saiten, und das zerschlagene Klavier tönet nicht mehr. Wenn ich meine sieben Schlösser schleifen lasse, wenn ich diese Venus zerschlage, so ist's Symmetrie und Schönheit gewesen. Siehe da! das ist eure unsterbliche Seele!

Moser. Das ist die Philosophie eurer Verzweiflung. Aber euer eigenes Herz, das bey diesen Beweisen ängstlich bebend wider eure Rippen schlägt, straft euch Lügen. Diese Spinnweben von Systemen zerreißt das einzige Wort: du mußt sterben! — Ich fordere euch auf, das soll die Probe seyn, wenn ihr im Tode annoch feste steht, wenn euch eure Grundsätze auch da nicht im Stiche lassen, so sollt ihr gewonnen haben; wenn euch im Tode nur der mindeste Schauer anwandelt, weh euch dann! ihr habt euch betrogen.

Franz (verwirrt.) Wenn mich im Tode ein Schauer anwandelt?

Moser. Ich habe wohl mehr solche Elende geseh'n, die bis hieher der Wahrheit Riesentrotz boten, aber im Tode selbst flattert die Täuschung dahin. Ich will an eurem Bette steh'n, wenn ihr sterbet — ich möchte so gar gern einen Tyrannen sehen dahinfahren — ich will dabey steh'n, und euch starr ins Auge fassen, wenn der Arzt eure kalte nasse Hand ergreift, und den verloren schleichenden Puls kaum mehr finden kann, und aufschaut, und mit jenem schröcklichen Achselzucken zu euch spricht: menschliche Hülfe ist umsonst! Hütet euch dann, o hütet euch ja, daß ihr da ausseh't, wie Richard und Nero!

Franz. Nein, nein!

Moser. Auch dieses Nein wird dann zu einem heulenden Ja — ein inneres Tribunal, das ihr nimmermehr durch skeptische Grübeleyen bestechen könnt, wird itzo erwachen, und Gericht über euch halten. Aber es wird ein Erwachen seyn, wie des Lebendigbegrabenen im Bauche des Kirchhof's, es wird ein Unwille seyn, wie des Selbstmörders, wenn er den tödlichen Streich schon gethan hat und bereut, es wird ein Blitz seyn, der die Mitternacht eures Lebens zumal überflammt, es wird Ein Blick seyn, und wenn ihr da noch feste steh't, so sollt ihr gewonnen haben!

Franz. (unruhig im Zimmer auf- und abgehend) Pfaffengewäsche, Pfaffengewäsche!

Moser. Itzt zum erstenmal werden die Schwerter einer Ewigkeit durch eure Seele schneiden, und itzt zum erstenmal zu spät. — Der Gedanke Gott weckt einen fürchterlichen Nachbar auf, sein Name heißt Richter. Sehet Moor, ihr habt das Leben von Tausenden an der Spitze eures Fingers, und von diesen Tausenden habt ihr neunhundert neun und neunzig elend gemacht. Euch fehlt zu einem Nero nur das römische Reich, und nur Peru zu einem Pizarro. Nun glaubt ihr wohl, Gott werde es zugeben, daß ein einziger Mensch in seiner Welt wie ein Wüthrich hause, und das Oberste zu unterst kehre? Glaubt ihr wohl, diese neunhundert und neun und neunzig seyen nur zum Verderben, nur zu Puppen eures satanischen Spieles da? O glaubt das nicht! Er wird jede Minute, die ihr ihnen getödtet, jede Freude, die ihr ihnen vergiftet, jede Vollkommenheit, die ihr ihnen versperret habt, von euch fordern dereinst, und wenn ihr darauf antwortet, Moor, so sollt ihr gewonnen haben.

Franz. Nichts mehr, kein Wort mehr! willst du, daß ich deinen schwarzlebrigen Grillen zu Gebote steh'?

Moser. Sehet zu, das Schicksal der Menschen stehet unter sich in fürchterlich schönem Gleichgewicht. Die Waagschale dieses Lebens sinkend wird hochsteigen in jenem, steigend in diesem, wird in jenem zu Boden fallen. Aber was hier zeitliches Leiden war, wird dort ewiger Triumph, was hier endlicher Triumph war, wird dort ewige unendliche Verzweiflung.

Franz. (wild auf ihn losgehend) Daß dich der Donner stumm mache, Lügengeist, du! Ich will dir die verfluchte Zunge aus dem Munde reißen!

Moser. Fühlt ihr die Last der Wahrheit so früh? Ich habe ja noch nichts von Beweisen gesagt. Laßt mich nur erst zu den Beweisen —

Franz. Schweig, geh in die Hölle mit deinen Beweisen! zernichtet wird die Seele, sag ich dir, und sollst mir nicht darauf antworten!

Moser. Darum winseln auch die Geister des Abgrunds, aber der im Himmel schüttelt das Haupt. Meynt ihr dem Arm des Vergelters im öden Reich des Nichts zu entlaufen? Und führet ihr gen Himmel, so ist er da! und bettetet ihr euch in der Hölle, so ist er wieder da! und sprächet ihr zu der Nacht: verhülle mich! und zu der Finsterniß: birg mich! so muß die Finsterniß leuchten um euch, und um den Verdammten die Mitternacht tagen — aber euer unsterblicher Geist sträubt sich unter dem Wort, und siegt über den blinden Gedanken.

Franz. Ich will aber nicht unsterblich seyn — sey es, wer da will, ich will's nicht hindern. Ich will ihn zwingen, daß er mich zernichte, ich will ihn zur Wuth reizen, daß er mich in der Wuth zernichte. Sag mir, was ist die gröste Sünde, und die ihn am grimmigsten aufbringt?

Moser. Ich kenne nur zwo. Aber sie werden nicht von Menschen begangen, auch ahnden sie Menschen nicht.

Franz. Diese zwo! —

Moser (sehr bedeutend.) Vatermord heißt die eine, Brudermord die andere — Was macht euch auf einmal so bleich?

Franz. Was Alter? Stehst du mit dem Himmel oder mit der Hölle im Bündniß? Wer hat dir das gesagt?

Moser. Wehe dem, der sie beyde auf dem Herzen hat! Ihm wäre besser, daß er nie geboren wäre! Aber seyd ruhig, ihr habt weder Vater noch Bruder mehr!

Franz. Ha! — was, du kennst keine drüber? Besinne dich nochmals — Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammniß schwebt auf dem Laut deines Mundes — keine einzige drüber?

Moser. Keine einzige drüber.

Franz (fällt in einen Stuhl.) Zernichtung! Zernichtung!

Moser. Freut euch, freut euch doch! preißt euch doch glücklich! — Bey allen euren Greueln seyd ihr noch ein Heiliger gegen den Vatermörder. Der Fluch, der euch trift, ist gegen den, der auf diesen lauert, ein Gesang der Liebe — die Vergeltung —

Franz (aufgesprungen.) Geh in tausend Grüfte, du Eule! wer hieß dich hieher kommen? Geh, sag ich, oder ich stoß dich durch und durch!

Moser. Kann das Pfaffengewäsche so einen Philosophen in Harnisch jagen? Blast es doch weg mit dem Hauch eures Mundes! (geht ab.)

Franz (wirft sich in seinem Sessel herum in schröcklichen Bewegungen, tiefe Pause.)

Ein Bedienter (eilig.)

Bedienter. Amalia ist entsprungen, der Graf ist plötzlich verschwunden.

Daniel (kommt ängstlich.)

Daniel. Gnädiger Herr, jagt ein Trupp feuriger Reuter die Staig herab, schreyen Mordjo, Mordjo — das ganze Dorf in Allarm.

Franz. Geh, laß alle Glocken zusammenläuten, alles soll in die Kirche — auf die Kniee fallen alles — beten für mich — alle Gefang'ne sollen los seyn und ledig, ich will den Armen alles doppelt und dreyfach wiedergeben, ich will — so geh doch — so ruf doch den Beichtvater, daß er mir meine Sünden hinwegsegne — Bist du noch nicht fort? (Das Getümmel wird hörbarer.)

Daniel. Gott verzeih mir meine schwere Sünde! Wie soll ich das wieder reimen? Ihr habt ja immer das liebe Gebet über alle Häuser hinausgeworfen, habt mir so manche Postill und Bibelbuch an den Kopf gejagt, wenn ihr mich ob dem Beten ertapptet —

Franz. Nichts mehr davon — Sterben! siehst du? Sterben! — Es wird zu spät (man hört Schweizern toben.) Bete doch! Bete!

Daniel. Ich sagt's euch immer — ihr verachtet das liebe Gebet so — aber gebt acht, gebt acht! wenn die Noth an Mann geht, wenn euch das Wasser an die Seele geht, ihr werdet alle Schätze der Welt um ein christliches Seufzerlein geben — Seht ihr's? Ihr verschimpftet mich! Da habt ihr's nun! Seht ihr's?

Franz (umarmt ihn ungestüm.) Verzeih, lieber, goldner Perlendaniel, verzeih — ich will dich kleiden von Fuß auf — so bet doch — ich will dich zum Hochzeiter machen — ich will — so bet doch — ich beschwöre dich — auf den Knieen beschwör ich dich — Ins T—ls Namen! so bet doch (Tumult auf den Strassen, Geschrey — Gepolter —)

Schweizer (auf der Gasse.) Stürmt! Schlagt todt! Brecht ein! Ich sehe Licht! dort muß er seyn.

Franz (auf den Knieen.) Höre mich beten, Gott im Himmel! — Es ist das erstemal — soll auch gewiß nimmer geschehen — Erhöre mich, Gott im Himmel!

Daniel. Mein doch! Was treibt ihr? Das ist ja gottlos gebetet.

Volksauflauf.

Volk. Diebe! Mörder! wer lärmt so gräßlich in dieser Mitternachtsstunde!

Schweizer (immer auf der Gasse.) Schlag sie zurück, Kamerad — der Teufel ists, und will euren Herrn holen — Wo ist der Schwarz mit seinen Haufen? — Postir dich ums Schloß, Grimm — Lauf Sturm wider die Ringmauer!

Grimm. Holt ihr Feuerbrände — wir hinauf oder er herunter — Ich will Feuer in seine Säle schmeißen.

Franz (betet.) Ich bin kein gemeiner Mörder gewesen, mein Herrgott — hab mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott —

Daniel. Gott sey uns gnädig! Auch seine Gebete werden zu Sünden. (Es fliegen Steine und Feuerbrände. Die Scheiben fallen. Das Schloß brennt.)

Franz. Ich kann nicht beten — hier, hier! (Auf Brust und Stirn schlagend.) Alles so öd — so verdorret (steht auf.) Nein, ich will auch nicht beten — diesen Sieg soll der Himmel nicht haben, diesen Spott mir nicht anthun die Hölle —

Daniel. Jesus Maria! helft — rettet — das ganze Schloß steht in Flammen!

Franz. Hier, nimm diesen Degen. Hurtig. Jag mir ihn hinterrücks in den Bauch, daß nicht diese Buben kommen und treiben ihren Spott mit mir. (Das Feuer nimmt überhand.)

Daniel. Bewahre! Bewahre! Ich mag niemand zu früh in den Himmel fördern, viel weniger zu früh. (er entrinnt.)

Franz (ihm graß nachstierend, nach einer Pause.)

In die Hölle wolltest du sagen — Wirklich! ich wittere so etwas — (wahnsinnig.) Sind das ihre hellen Triller? hör ich euch zischen, ihr Nattern des Abgrunds? — Sie dringen herauf — Belagern die Thüre — warum zag ich so vor dieser bohrenden Spitze? — die Thüre kracht — stürzt — unentrinnbar — Ha! so erbarm du dich meiner! (er reißt seine goldene Hutschnur ab, und erdrosselt sich.)

Schweizer (mit seinen Leuten.)

Schweizer. Mordkanaille, wo bist du? — Saht ihr, wie sie flohen? — hat er so wenig Freunde? — Wohin hat sich die Bestie verkrochen?

Grimm (stößt an die Leiche.) Halt! was liegt hier im Weg? Zündet hieher —

Schwarz. Er hat das Prevenire gespielt. Steckt eure Schwerter ein, hier liegt er wie eine Katze verreckt.

Schweizer. Todt! was? todt? ohne mich todt — Erlogen sag ich — Gebt acht, wie hurtig er auf die Beine springt! (rüttelt ihn.) Heh du! Es gibt einen Vater zu ermorden.

Grimm. Gib dir keine Müh. Er ist maustodt.

Schweizer (tritt von ihm weg.) Ja! Er freut sich nicht — Er ist maustodt — Gehet zurück, und saget meinem Hauptmann: Er ist maustodt — mich sieht er nicht wieder. (Schießt sich vor die Stirn.)

Zweyte Scene.

Der Schauplatz wie in der letzten Scene des vorigen Akts.

Der alte Moor (auf einem Stein sitzend.) Räuber Moor (gegenüber.) Räuber (hin und her im Wald.)

R. Moor. Er kommt nicht! (Schlägt mit dem Dolch auf einen Stein, daß es Funken gibt.)

D. a. Moor. Verzeihung sey seine Strafe — meine Rache verdoppelte Liebe.

R. Moor. Nein, bey meiner grimmigen Seele! das soll nicht seyn. Ich wills nicht haben. Die grose Schandthat soll er mit sich in die Ewigkeit hinüber schleppen! — Wofür hab ich ihn dann umgebracht?

D. a. Moor (in Thränen ausbrechend.) O mein Kind!

R. Moor. Was? — du weinst um ihn — an diesem Thurme?

D. a. Moor. Erbarmung! o Erbarmung! (Heftig die Hände ringend.) Itzt — itzt wird mein Kind gerichtet!

R. Moor (erschrocken.) Welches?

D. a. Moor. Ha! was ist das für eine Frage?

R. Moor. Nichts! Nichts!

D. a. Moor. Bist du kommen, Hohngelächter anzustimmen über meinem Jammer?

R. Moor. Verrätherisches Gewissen! — Merket nicht auf meine Rede!

D. a. Moor. Ja, ich hab einen Sohn gequält, und ein Sohn mußte mich wieder quälen, das ist Gottes Finger. — O mein Karl! mein Karl! wenn du um mich schwebst, im Gewand des Friedens! Vergib mir! O vergib mir!

R. Moor (schnell.) Er vergibt euch. (Betroffen.) Wenn er's werth ist, euer Sohn zu heissen — Er muß euch vergeben.

D. a. Moor. Ha! Er war zu herrlich für mich — Aber ich will ihm entgegen mit meinen Thränen, meinen schlaflosen Nächten, meinen quälenden Träumen, seine Kniee will ich umfassen — rufen — laut rufen: Ich hab gesündigt im Himmel und vor dir. Ich bin nicht werth, daß du mich Vater nennst.

R. Moor (sehr gerührt.) Er war euch lieb, euer andrer Sohn?

D. a. Moor. Du weißt es, o Himmel. Warum ließ ich mich doch durch die Ränke eines bösen Sohnes bethören? Ein gepriesener Vater ging ich einher unter den Vätern der Menschen. Schön um mich blühten meine Kinder voll Hoffnung. Aber — o der unglückseligen Stunde! — der böse Geist fuhr in das Herz meines zweyten, ich traute der Schlange — verloren meine Kinder beyde. (Verhüllt sich das Gesicht.)

Moor (geht weit von ihm weg.) Ewig verloren!

D. a. Moor. O, ich fühl es tief, was mir Amalia sagte, der Geist der Rache sprach aus ihrem Munde. Vergebens ausstrecken deine sterbenden Hände wirst du nach einem Sohn, vergebens wähnen zu umfassen die warme Hand deines Karls, der nimmermehr an deinem Bette steht —

R. Moor (reicht ihm die Hand mit abgewandtem Gesicht.)

D. a. Moor. Wär'st du meines Karls Hand! — Aber er liegt fern im engen Hause, schläft schon den eisernen Schlaf, höret nimmer die Stimme meines Jammers — weh mir! Sterben in den Armen eines Fremdlings — Kein Sohn mehr — kein Sohn mehr, der mir die Augen zudrücken könnte —

R. Moor (in der heftigsten Bewegung.) Itzt muß es seyn — itzt — verlaßt mich (zu den Räubern.) Und doch — kann ich ihm denn seinen Sohn wieder schenken? — Ich kann ihm seinen Sohn doch nicht mehr schenken — Nein! Ich will's nicht thun.

D. a. Moor. Wie Freund? Was hast du da gemurmelt?

R. Moor. Dein Sohn — ja alter Mann — (stammelnd.) dein Sohn — ist — ewig verloren.

D. a. Moor. Ewig?

R. Moor (in der fürchterlichsten Beklemmung gen Himmel sehend.) O nur dißmal — Laß meine Seele nicht matt werden — nur dißmal halte mich aufrecht!

D. a. Moor. Ewig, sagst du?

R. Moor. Frage nichts weiter. Ewig, sagt' ich.

D. a. Moor. Fremdling! Fremdling! Warum zogst du mich aus dem Thurme?

R. Moor. Und wie? — Wenn ich jetzt seinen Segen weghaschte — haschte wie ein Dieb, und mich davon schliche mit der göttlichen Beute? — Vatersegen, sagt man, geht niemals verloren.

D. a. Moor. Auch mein Franz verloren? —

R. Moor (stürzt vor ihm nieder.) Ich zerbrach die Riegel deines Thurms — Gib mir deinen Segen.

D. a. Moor (mit Schmerz.) Daß du den Sohn vertilgen mußtest, Retter des Vaters! — Siehe, die Gottheit ermüdet nicht im Erbarmen, und wir armseligen Würmer gehen schlafen mit unserm Groll (legt seine Hand auf des Räubers Haupt.) Sey so glücklich, als du dich erbarmest.