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Die Räuber: Ein Schauspiel

Chapter 9: Erste Scene.
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About This Book

The drama follows two brothers whose rivalry, fueled by deception and ambition, fractures their family: one is driven into exile and becomes leader of a band of outlaws whose early idealism against social injustice descends into brutality, while the other seizes inheritance and manipulates a woman devoted to the exiled sibling. Conflicting notions of freedom, justice, honor, and revenge drive escalating violence and tragic ruin, exposing moral ambiguity and the corrosive effects of pride, duplicity, and fanatic loyalty.

Schweizer. Du sollst unser Hauptmann seyn! du must unser Hauptmann seyn!

Spiegelberg (wirft sich wild in einen Sessel.) Sklaven und Memmen!

Moor. Wer blies dir das Wort ein? Höre, Kerl! (indem er Rollern hart ergreift) das hast du nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt! wer blies dir das Wort ein? Ja, bey dem tausendarmigen Tod! das wollen wir, das müssen wir! der Gedanke verdient Vergötterung — Räuber und Mörder! — So wahr meine Seele lebt, ich bin euer Hauptmann!

Alle (mit lärmendem Geschrey.) Es lebe der Hauptmann!

Spiegelberg (aufspringend, vor sich.) Bis ich ihm hinhelfe!

Moor. Siehe, da fällts wie der Staar von meinen Augen! was für ein Thor ich war, daß ich in's Keficht zurückwollte! — Mein Geist dürstet nach Thaten, mein Athem nach Freyheit, — Mörder, Räuber! — mit diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt — Menschen haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit appellirte, weg dann von mir Sympathie und menschliche Schonung! — Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, daß mir jemals etwas theuer war! — Kommt, kommt! — Oh ich will mir eine fürchterliche Zerstreuung machen — es bleibt dabey, ich bin euer Hauptmann! und Glück zu dem Meister unter euch, der am wildesten sengt, am gräßlichsten mordet, denn ich sage euch, er soll königlich belohnet werden — tretet her um mich ein jeder, und schwöret mir Treu und Gehorsam zu bis in den Tod! — schwört mir das bey dieser männlichen Rechte.

Alle (geben ihm die Hand.) Wir schwören dir Treu und Gehorsam bis in den Tod!

Moor. Nun und bey dieser männlichen Rechte! schwör ich euch hier, treu und standhaft euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! Den soll dieser Arm gleich zur Leiche machen, der jemals zagt oder zweifelt, oder zurücktritt! Ein gleiches widerfahre mir von jedem unter euch, wenn ich meinen Schwur verletze! Seyd ihr's zufrieden? (Spiegelberg läuft wüthend auf und nieder.)

Alle (mit aufgeworfenen Hüten.) Wir sind's zufrieden.

Moor. Nun dann, so laßt uns geh'n! Fürchtet euch nicht vor Tod und Gefahr, denn über uns waltet ein unbeugsames Fatum! Jeden ereilet endlich sein Tag, es sey auf dem weichen Kissen von Pflaum, oder im rauhen Gewühl des Gefechtes, oder auf offenem Galgen und Rad! Eins davon ist unser Schicksal!

(Sie gehen ab.)

Spiegelberg (ihnen nachsehend, nach einer Pause.) Dein Register hat ein Loch. Du hast das Gift weggelassen. (Ab)

Dritte Scene.

Im Moorischen Schloß, Amaliens Zimmer.

Franz. Amalia.

Franz. Du siehst weg, Amalia? verdien ich weniger, als der, den der Vater verflucht hat?

Amalia. Weg! — ha des liebevollen barmherzigen Vaters, der seinen Sohn Wölffen und Ungeheuern Preis gibt! daheim labt er sich mit süssem köstlichem Wein, und pflegt seiner morschen Glieder in Kissen von Eider, während sein groser herrlicher Sohn darbt — schämt euch, ihr Unmenschen! schämt euch, ihr Drachenseelen, ihr Schande der Menschheit! — seinen einzigen Sohn!

Franz. Ich dächte, er hätt ihrer zween.

Amalia. Ja, er verdient solche Söhne zu haben, wie du bist. Auf seinem Todbett wird er umsonst die welken Hände ausstrecken nach seinem Karl, und schaudernd zurückfahren, wenn er die eiskalte Hand seines Franzens faßt — oh es ist süß, es ist köstlich süß, von deinem Vater verflucht zu werden! Sprich Franz, liebe brüderliche Seele! was muß man thun, wenn man von ihm verflucht seyn will?

Franz. Du schwärmst, meine Liebe, du bist zu bedauren.

Amalia. O ich bitte dich — bedauerst du deinen Bruder? — Nein Unmensch, du hassest ihn! du hassest mich doch auch?

Franz. Ich liebe dich wie mich selbst, Amalia.

Amalia. Wenn du mich liebst, kannst du mir wohl eine Bitte abschlagen?

Franz. Keine, keine! wenn sie nicht mehr ist als mein Leben.

Amalia. O, wenn das ist! Eine Bitte, die du so leicht, so gern erfüllen wirst (stolz.) — Hasse mich! Ich müßte feuerroth werden vor Scham, wenn ich an Karln denke, und mir eben einfiel, daß du mich nicht hassest. Du versprichst mir's doch? — Itzt geh, und laß mich, ich bin so gern allein!

Franz. Allerliebste Träumerinn! wie sehr bewundere ich dein sanftes liebevolles Herz, (ihr auf die Brust klopfend.) Hier, hier herrschte Karl wie ein Gott in seinem Tempel, Karl stand vor dir im Wachen, Karl regierte in deinen Träumen, die ganze Schöpfung schien dir nur in den einzigen zu zerfliessen, den einzigen wiederzustralen, den einzigen dir entgegen zu tönen.

Amalia. (bewegt.) Ja wahrhaftig, ich gesteh es. Euch Barbaren zum Trutz will ich's vor aller Welt gestehen — ich lieb ihn!

Franz. Unmenschlich, grausam! Diese Liebe so zu belohnen! Die zu vergessen —

Amalia. (auffahrend.) Was, mich vergessen?

Franz. Hattest du ihm nicht einen Ring an den Finger gesteckt? einen Diamantring zum Unterpfand deiner Treue! — Freylich nun, wie kann auch ein Jüngling den Reitzen einer Metze Widerstand thun? Wer wird's ihm auch verdenken, da ihm sonst nichts mehr übrig war wegzugeben, — und bezahlte sie ihn nicht mit Wucher dafür mit ihren Liebkosungen, ihren Umarmungen?

Amalia (aufgebracht.) Meinen Ring einer Metze?

Franz. Pfui, pfui! das ist schändlich. Wohl aber, wenn's nur das wäre! — Ein Ring, so kostbar er auch ist, ist im Grunde bey jedem Juden wieder zu haben — vielleicht mag ihm die Arbeit daran nicht gefallen haben, vielleicht hat er einen schönern dafür eingehandelt.

Amalia. (heftig.) Aber meinen Ring — ich sage meinen Ring?

Franz. Keinen andern, Amalia — ha! solch ein Kleinod, und an meinem Finger — und von Amalia! — von hier sollt' ihn der Tod nicht gerissen haben — nicht wahr, Amalia? nicht die Kostbarkeit des Diamants, nicht die Kunst des Gepräges — die Liebe macht seinen Werth aus — Liebstes Kind, du weinest? Wehe über den, der diese köstliche Tropfen aus so himmlischen Augen preßt — ach, und wenn du erst alles wüßtest, ihn selbst sähest, ihn unter der Gestalt sähest? —

Amalia. Ungeheuer! wie, unter welcher Gestalt?

Franz. Stille, stille, gute Seele, frage mich nicht aus! (wie vor sich, aber laut.) Wenn es doch wenigstens nur einen Schleyer hätte, das garstige Laster, sich dem Auge der Welt zu entstehlen! aber da blickts schrecklich durch den gelben bleyfarbenen Augenring; — da verräth sichs im todenblassen eingefallenen Gesicht, und dreht die Knochen heßlich hervor — da stammelts in der halben verstümmelten Stimme — da predigts fürchterlich laut vom zitternden hinschwankenden Gerippe — da durchwühlt es der Knochen innerstes Mark, und bricht die mannhafte Stärke der Jugend — da, da sprizt es den eitrichten fressenden Schaum aus Stirn und Wangen und Mund und der ganzen Fläche des Leibes zum scheußlichen Aussatz hervor, und nistet abscheulich in den Gruben der viehischen Schande — pfui, pfui! mir eckelt. Nasen, Augen, Ohren schütteln sich — du hast jenen Elenden gesehen, Amalia, der in unserem Siechenhause seinen Geist auskeuchte, die Schaam schien ihr scheues Auge vor ihm zuzublinzen — du ruftest Wehe über ihn aus. Ruf diß Bild noch einmal ganz in deine Seele zurück, und Karl steht vor dir! — Seine Küsse sind Pest, seine Lippen vergiften die deinen!

Amalia (schlägt ihn.) Schaamloser Lästerer!

Franz. Graut dir vor diesem Karl? Eckelt dir schon vor dem matten Gemälde? Geh, gaff ihn selbst an, deinen schönen, englischen göttlichen Karl! Geh, sauge seinen balsamischen Athem ein, und laß dich von den Ambrosia-Düften begraben, die aus seinem Rachen dampfen! der blose Hauch seines Mundes wird dich in jenen schwarzen todähnlichen Schwindel hauchen, der den Geruch eines berstenden Aases und den Anblick eines Leichenvollen Wahlplatzes begleitet.

Amalia (wendet ihr Gesicht ab.)

Franz. Welches Aufwallen der Liebe! Welche Wollust in der Umarmung — aber ist es nicht ungerecht, einen Menschen um seiner siechen Aussenseite willen zu verdammen? Auch im elendesten Aesopischen Krüppel kann eine grose liebenswürdige Seele, wie ein Rubin aus dem Schlamme glänzen, (boshaft lächelnd.) Auch aus blattrichten Lippen kann ja die Liebe —

Freylich, wenn das Laster auch die Festen des Karakters erschüttert, wenn mit der Keuschheit auch die Tugend davon fliegt, wie der Duft aus der welken Rose verdampft — wenn mit dem Körper auch der Geist zum Krüppel verdirbt —

Amalia (froh aufspringend.) Ha! Karl! Nun erkenn ich dich wieder! du bist noch ganz! ganz! alles war Lüge! — weist du nicht, Bösewicht, daß Karl unmöglich das werden kann? (Franz steht einige Zeit tiefsinnig, dann dreht er sich plötzlich, um zu gehn.) Wohin so eilig, fliehst du vor deiner eigenen Schande?

Franz (mit verhülltem Gesicht.) Laß mich, laß mich! — meinen Thränen den Lauf lassen — tyrannischer Vater! den besten deiner Söhne so hinzugeben dem Elend — der ringsumgebenden Schande — laß mich, Amalia! ich will ihm zu den Füssen fallen, auf den Knieen will ich ihn beschwören, den ausgesprochenen Fluch auf mich, auf mich zu laden — mich zu enterben — mich — mein Blut — mein Leben — alles —

Amalia (fällt ihm um den Hals.) Bruder meines Karls, bester, liebster Franz!

Franz. O Amalia! wie lieb ich dich um dieser unerschütterten Treue gegen meinen Bruder — Verzeih, daß ich es wagte, deine Liebe auf diese harte Probe zu setzen! — Wie schön hast du meine Wünsche gerechtfertigt! — Mit diesen Thränen, diesen Seufzern, diesem himmlischen Unwillen — auch für mich, für mich — unsere Seelen stimmten so zusammen.

Amalia. O nein, das thaten sie nie!

Franz. Ach sie stimmten so harmonisch zusammen, ich meynte immer, wir müßten Zwillinge seyn! und wär der leidige Unterschied von aussen nicht, wobey leider freylich Karl verlieren muß, wir würden zehnmal verwechselt. Du bist, sagt' ich oft zu mir selbst, ja du bist der ganze Karl, sein Echo, sein Ebenbild!

Amalia (schüttelt den Kopf.) Nein, nein, bey jenem keuschen Lichte des Himmels! kein Aederchen von ihm, kein Fünkchen von seinem Gefühle —

Franz. So ganz gleich in unsern Neigungen — die Rose war seine liebste Blume — welche Blume war mir über die Rose? Er liebte die Musik unaussprechlich, und ihr seyd Zeugen, ihr Sterne! ihr habt mich so oft in der Todenstille der Nacht beym Klaviere belauscht, wenn alles um mich begraben lag in Schatten und Schlummer — und wie kannst du noch zweifeln, Amalia, wenn unsere Liebe in einer Vollkommenheit zusammentraf, und wenn die Liebe die nemliche ist, wie könnten ihre Kinder entarten?

Amalia (sieht ihn verwundernd an.)

Franz. Es war ein stiller, heiterer Abend, der letzte, eh er nach Leipzig abreiste, da er mich mit sich in jene Laube nahm, wo ihr so oft zusammensaßet in Träumen der Liebe — stumm blieben wir lang — zuletzt ergriff er meine Hand und sprach leise mit Thränen: ich verlasse Amalia, ich weiß nicht — mir ahnets, als hieß es auf ewig — verlaß sie nicht, Bruder! — sey ihr Freund — ihr Karl — wenn Karl — nimmer — wiederkehrt — (Er stürzt vor ihr nieder und küßt ihr die Hand mit Heftigkeit.) Nimmer, nimmer, nimmer wird er wiederkehren, und ich hab's ihm zugesagt mit einem heiligen Eide!

Amalia (zurückspringend.) Verräther, wie ich dich ertappe! In eben dieser Laube beschwur er mich, keiner andern Liebe — wenn er sterben sollte — siehst du, wie gottlos, wie abscheulich du — geh aus meinen Augen.

Franz. Du kennst mich nicht, Amalia, du kennst mich gar nicht!

Amalia. O ich kenne dich, von itzt an kenn ich dich — und du wolltest ihm gleich seyn? Vor dir sollt er um mich geweint haben? Vor dir? Ehe hätt' er meinen Namen auf den Pranger geschrieben! Geh den Augenblick!

Franz. Du beleidigst mich!

Amalia. Geh, sag ich. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie werde dir an deinem Leben abgezogen.

Franz. Du hassest mich.

Amalia. Ich verachte dich, geh!

Franz (mit den Füssen stampfend.) Wart! so sollst du vor mir zittern! mich einem Bettler aufopfern? (Zornig ab.)

Amalia. Geh, Lotterbube — itzt bin ich wieder bey Karln — Bettler, sagt er? so hat die Welt sich umgedreht, Bettler sind Könige, und Könige sind Bettler! — Ich möchte die Lumpen, die er anhat, nicht mit dem Purpur der Gesalbten vertauschen — der Blick, mit dem er bettelt, das muß ein groser, ein königlicher Blick seyn — ein Blick, der die Herrlichkeit, den Pomp, die Triumphe der Grosen und Reichen zernichtet! In den Staub mit dir, du prangendes Geschmeide! (Sie reißt sich die Perlen vom Hals.) Seyd verdammt, Gold und Silber und Juwelen zu tragen, ihr Grosen und Reichen! Seyd verdammt, an üppigen Maalen zu zechen! Verdammt, euren Gliedern wohl zu thun auf weichen Polstern der Wohllust! Karl! Karl! so bin ich dein werth — (Ab.)


Zweyter Akt.

Erste Scene.

Franz von Moor.

(nachdenkend in seinem Zimmer.)

Es dauert mir zu lange — der Doktor will, er sei im Umkehren — das Leben eines Alten ist doch eine Ewigkeit! — Und nun wär freye, ebene Bahn bis auf diesen ärgerlichen zähen Klumpen Fleisch, der mir, gleich dem unterirdischen Zauberhund in den Geistermährchen, den Weg zu meinen Schätzen verrammelt.

Müssen denn aber meine Entwürfe sich unter das eiserne Joch des Mechanismus beugen? — Soll sich mein hochfliegender Geist an den Schneckengang der Materie ketten lassen? — Ein Licht ausgeblasen, das ohnehin nur mit den letzten Oeltropfen noch wuchert — mehr ist's nicht — Und doch möchte ich das nicht gern selbst gethan haben um der Leute willen. Ich möchte ihn nicht gern getödtet, aber abgelebt. Ich möchte es machen wie der gescheide Arzt, (nur umgekehrt.) — Nicht der Natur durch einen Queerstreich den Weg verrannt, sondern sie in ihrem eigenen Gange befördert. Und wir vermögen doch wirklich die Bedingungen des Lebens zu verlängern, warum sollten wir sie nicht auch verkürzen können?

Philosophen und Mediziner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des Geists mit den Bewegungen der Maschine zusammen lauten. Gichtrische Empfindungen werden jederzeit von einer Dissonanz der mechanischen Schwingungen begleitet — Leidenschaften mißhandeln die Lebenskraft — der überladene Geist drückt sein Gehäuse zu Boden — Wie denn nun? — Wer es verstünde, dem Tod diesen ungebahnten Weg in das Schloß des Lebens zu ebenen? — den Körper vom Geist aus zu verderben — ha! ein Originalwerk! — wer das zu Stand brächte? — Ein Werk ohne gleichen! — Sinne nach Moor! — das wär' eine Kunst, die's verdiente, dich zum Erfinder zu haben. Hat man doch die Giftmischerey beynahe in den Rang einer ordentlichen Wissenschaft erhoben, und die Natur durch Experimente gezwungen, ihre Schranken anzugeben, daß man nunmehr des Herzens Schläge Jahr lang vorausrechnet, und zu dem Pulse spricht, bis hieher und nicht weiter![1] — Wer sollte nicht auch hier seine Flügel versuchen?

Und wie ich nun werde zu Werk gehen müssen, diese süße friedliche Eintracht der Seele mit ihrem Leibe zu stören? Welche Gattung von Empfindnissen, ich werde wählen müssen? Welche wohl den Flor des Lebens am grimmigsten anfeinden? Zorn — dieser heißhungrige Wolf frißt sich zu schnell satt — Sorge? — dieser Wurm nagt mir zu langsam — Gram? — diese Natter schleicht mir zu träge — Furcht? — die Hoffnung läßt sie nicht umgreiffen — was? Sind das all' die Henker des Menschen? — Ist das Arsenal des Todes so bald erschöpft? — (tiefsinnend.) Wie? — Nun? — Was? Nein! — Ha! (auffahrend.) Schreck! — Was kann der Schreck nicht? — Was kann Vernunft, Religion wider dieses Giganten eiskalte Umarmung? — Und doch? — Wenn er auch diesem Sturm stünde? — Wenn er? — O so komme du mir zu Hülfe, Jammer, und du, Reue, höllische Eumenide, grabende Schlange, die ihren Fraß wiederkäut, und ihren eigenen Koth wiederfrißt; ewige Zerstörerinnen und ewige Schöpferinnen eures Giftes, und du heulende Selbstverklagung, die du dein eigen Haus verwüstest, und deine eigene Mutter verwundest — Und kommt auch ihr mir zu Hülfe, wohlthätige Grazien selbst, sanftlächelnde Vergangenheit, und du mit dem überquellenden Füllhorn blühende Zukunft, haltet ihm in euren Spiegeln die Freuden des Himmels vor, wenn euer fliehender Fuß seinen geitzigen Armen entgleitet — So fall ich Streich auf Streich, Sturm auf Sturm dieses zerbrechliche Leben an, bis den Furientrupp zuletzt schließt — die Verzweiflung! Triumph! Triumph! — Der Plan ist fertig — Schwer und Kunstvoll wie keiner — zuverläßig — sicher — denn (spöttisch) des Zergliederers Messer findet ja keine Spuren von Wunde oder korrosivischem Gift.

(Entschlossen.) Wohlan denn, (Herrmann tritt auf.) Ha! Deus ex machina! Herrmann!

Herrmann. Zu euren Diensten, gnädiger Junker!

Franz (gibt ihm die Hand.) Die du keinem Undankbaren erweisest.

Herrmann. Ich hab' Proben davon.

Franz. Du sollst mehr haben mit nächstem — mit nächstem, Herrmann! — Ich habe dir etwas zu sagen, Herrmann.

Herrmann. Ich höre mit tausend Ohren.

Franz. Ich kenne dich, du bist ein entschloß'ner Kerl — Soldaten Herz — Haar auf der Zunge! — Mein Vater hat dich sehr beleidigt, Herrmann!

Herrmann. Der Teufel hole mich, wenn ich's vergesse!

Franz. Das ist der Ton eines Mann's! Rache geziemt einer männlichen Brust. Du gefällst mir, Herrmann. Nimm diesen Beutel, Herrmann. Er sollte schwerer seyn, wenn ich erst Herr wäre.

Herrmann. Das ist ja mein ewiger Wunsch, gnädiger Junker, ich dank euch.

Franz. Wirklich, Herrmann? wünschest du wirklich, ich wäre Herr? — aber mein Vater hat das Mark eines Löwen, und ich bin der jüngere Sohn.

Herrmann. Ich wollt', ihr wär't der ältere Sohn, und euer Vater hätte das Mark eines schwindsüchtigen Mädgens.

Franz. Ha! wie dich der ältere Sohn dann belohnen wollte! wie er dich aus diesem unedlen Staub, der sich so wenig mit deinem Geist und Adel verträgt, an's Licht emporheben wollte! — Dann solltest du, ganz wie du da bist, mit Gold überzogen werden, und mit vier Pferden durch die Strasen dahinrasseln, wahrhaftig das solltest du! — aber ich vergesse, wovon ich dir sagen wollte — hast du das Fräulein von Edelreich schon vergessen, Herrmann?

Herrmann. Wetter Element! was erinnert ihr mich an das?

Franz. Mein Bruder hat sie dir weggefischt.

Herrmann. Er soll dafür büßen!

Franz. Sie gab dir einen Korb. Ich glaube gar, er warf dich die Treppen hinunter.

Herrmann. Ich will ihn dafür in die Hölle stoßen.

Franz. Er sagte: man raune sich einander in's Ohr, du seyst zwischen dem Rindfleisch und Meerrettig gemacht worden, und dein Vater habe dich nie ansehen können, ohne an die Brust zu schlagen und zu seufzen: Gott sey mir Sünder gnädig!

Herrmann (wild.) Blitz, Donner und Hagel, seyd still!

Franz. Er rieth dir, deinen Adelbrief im Aufstreich zu verkaufen, und deine Strümpfe damit flicken zu lassen.

Herrmann. Alle Teufel! ich will ihm die Augen mit den Nägeln auskratzen.

Franz. Was? du wirst böse? was kannst du böse auf ihn seyn? Was kannst du ihm böses thun? was kann so eine Ratze gegen einen Löwen? Dein Zorn versüßt ihm seinen Triumph nur. Du kannst nichts thun, als deine Zähne zusammenschlagen, und deine Wuth an trocknem Brode auslassen.

Herrmann (stampft auf den Boden.) Ich will ihn zu Staub zerreiben.

Franz (klopft ihm auf die Achsel.) Pfui, Herrmann! du bist ein Kavalier. Du must den Schimpf nicht auf dir sitzen lassen. Du must das Fräulein nicht fahren lassen, nein, das must du um alle Welt nicht thun, Herrmann! Hagel und Wetter! ich würde das äusserste versuchen, wenn ich an deiner Stelle wäre.

Herrmann. Ich ruhe nicht, bis ich Ihn und Ihn unter'm Boden hab.

Franz. Nicht so stürmisch, Herrmann! komm näher — du sollst Amalia haben!

Herrmann. Das muß ich, trutz dem Teufel! das muß ich!

Franz. Du sollst sie haben, sag ich dir, und das von meiner Hand. Komm näher, sag ich — du weist vielleicht nicht, daß Karl so gut als enterbt ist?

Herrmann (näher kommend.) Unbegreiflich, das erste Wort, das ich höre.

Franz. Sey ruhig, und höre weiter! du sollst ein andermal mehr davon hören — ja, ich sage dir, seit eilf Monathen so gut als verbannt. Aber schon bereut der alte den voreiligen Schritt, den er doch, (lachend.) will ich hoffen, nicht selbst gethan hat. Auch liegt ihm die Edelreich täglich hart an mit ihren Vorwürfen und Klagen. Ueber kurz oder lang wird er ihn in allen vier Enden der Welt aufsuchen lassen, und gute Nacht, Herrmann! wenn er ihn findet. Du kannst ihm ganz demüthig die Kutsche halten, wenn er mit ihr in die Kirche zur Trauung fährt.

Herrmann. Ich will ihn am Krucifix erwürgen!

Franz. Der Vater wird ihm bald die Herrschaft abtreten, und in Ruhe auf seinen Schlössern leben. Itzt hat der stolze Strudelkopf den Zügel in Händen, itzt lacht er seiner Hasser und Neider — und ich, der ich dich zu einem wichtigen grosen Manne machen wollte, ich selbst, Herrmann, werde tiefgebückt vor seiner Thürschwelle —

Herrmann (in Hitze.) Nein, so wahr ich Herrmann heisse, das sollt ihr nicht! wenn noch ein Fünkchen Verstand in diesem Gehirne glostet! das sollt ihr nicht!

Franz. Wirst du es hindern? auch dich, mein lieber Herrmann, wird er seine Geissel fühlen lassen, wird dir in's Angesicht speyen, wenn du ihm auf der Strase begegnest, und wehe dir dann, wenn du die Achsel zuckst oder das Maul krümmst — siehe, so stehts mit deiner Anwerbung um's Fräulein, mit deinen Aussichten, mit deinen Entwürfen.

Herrmann. Sagt mir! was soll ich thun?

Franz. Höre dann, Herrmann! daß du siehst, wie ich mir dein Schicksal zu Herzen nehme als ein redlicher Freund — geh — kleide dich um — mach dich ganz unkenntlich, laß dich beym Alten melden, gib vor, du kämest geraden Wegs aus Böhmen, hättest mit meinem Bruder dem Treffen bey Prag beygewohnt — hättest ihn auf der Wahlstatt den Geist aufgeben sehen —

Herrmann. Wird man mir glauben?

Franz. Hoho! dafür laß mich sorgen! Nimm dieses Paket. Hier findest du deine Kommission ausführlich. Und Dokumente dazu, die den Zweifel selbst glaubig machen sollen — mach itzt nur, daß du fortkommst, und ungesehen! spring durch die Hinterthüre in den Hof, von da über die Gartenmauer — die Katastrophe dieser Tragi-Komödie überlaß mir!

Herrmann. Und die wird seyn: Vivat der neue Herr, Franciskus von Moor!

Franz (streichelt ihm die Backen.) Wie schlau du bist? — denn siehst du, auf diese Art erreichen wir alle Zwecke zumal und bald. Amalia gibt ihre Hoffnung auf ihn auf. Der alte mißt sich den Tod seines Sohnes bey, und — er kränkelt — ein schwankendes Gebäude braucht des Erdbebens nicht, um über'n Haufen zu fallen — er wird die Nachricht nicht überleben — dann bin ich sein einiger Sohn — Amalia hat ihre Stützen verloren, und ist ein Spiel meines Willens, da kannst du leicht denken — kurz, alles geht nach Wunsch — aber du must dein Wort nicht zurücknehmen.

Herrmann. Was sagt ihr? (frohlockend.) Eh soll die Kugel in ihren Lauf zurückkehren, und in dem Eingeweid ihres Schützen wüthen — rechnet auf mich! Laßt nur mich machen — Adieu!

Franz (ihm nachrufend.) Die Erndte ist dein, lieber Herrmann! — Wenn der Ochse den Kornwagen in die Scheune gezogen hat, so muß er mit Heu vorlieb nehmen. Dir eine Stallmagd, und keine Amalia! (Geht ab.)

Zweyte Scene.

Des alten Moors Schlafzimmer.

Der alte Moor schlafend in einem Lehnsessel. Amalia.

Amalia (sachte herbey schleichend.) Leise, leise! er schlummert. (Sie stellt sich vor den schlafenden.) Wie schön, wie ehrwürdig! — ehrwürdig, wie man die Heiligen malt — nein, ich kann dir nicht zürnen! Weißlockigtes Haupt, dir kann ich nicht zürnen! Schlumm're sanft, wache froh auf, ich allein will hingeh'n und leiden.

D. a. Moor (träumend.) Mein Sohn! mein Sohn! mein Sohn!

Amalia (ergreift seine Hand.) Horch, horch! sein Sohn ist in seinen Träumen.

D. a. Moor. Bist du da? bist du wirklich? ach! wie siehst du so elend? Sieh mich nicht an mit diesem kummervollen Blick! ich bin elend genug.

Amalia (weckt ihn schnell.) Seht auf, lieber Greis! ihr träumtet nur. Faßt euch!

D. a. Moor (halb wach.) Er war nicht da? drückt ich nicht seine Hände? Garstiger Franz! willst du ihn auch meinen Träumen entreissen?

Amalia. Merkst du's, Amalia?

D. a. Moor (ermuntert sich.) Wo ist er? wo? wo bin ich? du da, Amalia?

Amalia. Wie ist euch? Ihr schlieft einen erquickenden Schlummer.

D. a. Moor. Mir träumte von meinem Sohn. Warum hab ich nicht fortgeträumt? Vielleicht hätt' ich Verzeihung erhalten aus seinem Munde.

Amalia. Engel grollen nicht — er verzeiht euch. (Faßt seine Hand mit Wehmuth.) Vater meines Karls! ich verzeih euch.

D. a. Moor. Nein, meine Tochter! diese Todten-Farbe deines Angesichts verdammet den Vater. Armes Mädgen! Ich brachte dich um die Freuden deiner Jugend — o fluche mir nicht!

Amalia (küßt seine Hand mit Zärtlichkeit.) Euch?

D. a. Moor. Kennst du dieses Bild, meine Tochter?

Amalia. Karls! —

D. a. Moor. So sah er, als er in's sechszehente Jahr gieng. Itzt ist er anders — Oh es wüthet in meinem Innern — diese Milde ist Unwillen, dieses Lächeln Verzweiflung — Nicht wahr, Amalia? Es war an seinem Geburtstage in der Jasminlaube, als du ihn maltest? — Oh meine Tochter! Eure Liebe machte mich so glücklich.

Amalia (immer das Aug auf das Bild geheftet.) Nein, nein! er ist's nicht. Bey Gott! das ist Karl nicht — Hier, hier (auf Herz und Stirne zeigend.) So ganz, so anders. Die träge Farbe reicht nicht, den himmlischen Geist nachzuspiegeln, der in seinem feurigen Auge herrschte. Weg damit! dis ist so menschlich! Ich war eine Stümperinn.

D. a. Moor. Dieser huldreiche, erwärmende Blick — wär' er vor meinem Bette gestanden, hätte gelebt mitten im Tode! Nie, nie wär' ich gestorben!

Amalia. Nie, nie wär't ihr gestorben? Es wär' ein Sprung gewesen, wie man von einem Gedanken auf einen andern und schönern hüpft — dieser Blick hätt' euch über's Grab hinübergeleuchtet. Dieser Blick hätt' euch über die Sterne getragen!

D. a. Moor. Es ist schwer, es ist traurig! Ich sterbe, und mein Sohn Karl ist nicht hier — ich werde zu Grabe getragen, und er weint nicht an meinem Grabe — wie süß ist's, eingewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem Gebet eines Sohns — das ist Wiegengesang.

Amalia (schwärmend.) Ja süß, himmlisch süß ist's, eingewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem Gesang des Geliebten — vielleicht träumt man auch im Grabe noch fort — ein langer, ewiger, unendlicher Traum, von Karln, bis man die Glocke der Auferstehung läutet — (aufspringend, entzückt.) und von itzt an in seinen Armen auf ewig, (Pause. Sie geht an's Klavier, und spielt.)

Willst dich, Hektor, ewig mir entreissen,
Wo des Anaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schröcklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren,
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?

D. a. Moor. Ein schönes Lied, meine Tochter. Das must du mir vorspielen, eh ich sterbe.

Amalia. Es ist der Abschied Andromachas und Hektors — Karl und ich haben's oft zusammen zu der Laute gesungen. (Spielt fort.)

Theures Weib, geh, hol die Todeslanze,
Laß mich fort zum wilden Kriegestanze,
Meine Schultern tragen Ilium;
Ueber Astyanax uns're Götter!
Hektor fällt, ein Vaterlands Erretter,
Und wir seh'n uns wieder im Elysium.

Daniel.

Daniel. Es wartet draussen ein Mann auf euch. Er bittet, vorgelassen zu werden, er hab euch eine wichtige Zeitung.

D. a. Moor. Mir ist auf der Welt nur etwas wichtig, du weist's, Amalia — ist's ein Unglücklicher, der meiner Hülfe bedarf? Er soll nicht mit Seufzen von hinnen gehn.

Amalia. Ist's ein Bettler, er soll eilig herauf kommen. (Daniel ab.)

D. a. Moor. Amalia, Amalia! schone meiner!

Amalia (spielt fort.)

Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,
Einsam liegt dein Eisen in der Halle,
Priams groser Heldenstamm verdirbt!
Du wirst hingeh'n, wo kein Tag mehr scheinet,
Der Cocytus durch die Wüsten weinet,
Deine Liebe in dem Lethe stirbt.
All mein Sehnen, all mein Denken
Soll der schwarze Lethefluß ertränken,
Aber meine Liebe nicht!
Horch! der Wilde raßt schon an den Mauren —
Gürte mir das Schwerdt um, laß das Trauren,
Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht!

Franz. Herrmann (verkappt.) Daniel.

Franz. Hier ist der Mann. Schröckliche Botschaften, sagt er, warten auf euch. Könnt ihr sie hören?

D. a. Moor. Ich kenne nur eine. Tritt her, mein Freund, und schone mein nicht! Reicht ihm einen Becher Wein.

Herrmann (mit veränderter Stimme.) Gnädiger Herr! laßt es einen armen Mann nicht entgelten, wenn er wider Willen euer Herz durchbohrt. Ich bin ein Fremdling in diesem Lande, aber euch kenn ich sehr gut, ihr seyd der Vater Karls von Moor.

D. a. Moor. Woher weist du das?

Herrmann. Ich kannte euren Sohn —

Amalia (auffahrend.) Er lebt? lebt? Du kennst ihn? wo ist er, wo, wo? (will hinwegrennen.)

D. a. Moor. Du weist von meinem Sohn?

Herrmann. Er studierte in Leipzig. Von da zog er, ich weiß nicht wie weit, herum. Er durchschwärmte Deutschland in die Runde, und, wie er mir sagte, mit unbedecktem Haupt, barfus, und erbettelte sein Brod vor den Thüren. Fünf Monathe drauf brach der leidige Krieg zwischen Preußen und Oestreich wieder aus, und da er auf der Welt nichts mehr zu hoffen hatte, zog ihn der Hall von Friderichs siegreicher Trommel nach Böhmen. Erlaubt mir, sagte er, zum grosen Schwerin, daß ich den Tod sterbe auf dem Bette der Helden, ich hab keinen Vater mehr! —

D. a. Moor. Sieh mich nicht an, Amalia!

Herrmann. Man gab ihm eine Fahne. Er flog den preußischen Siegesflug mit. Wir kamen zusammen unter ein Zelt zu liegen. Er sprach viel von seinem alten Vater und von bessern, vergangenen Tagen — und von vereitelten Hoffnungen — uns standen die Thränen in den Augen.

D. a. Moor (verhüllt sein Haupt in das Kissen.) Stille, o stille!

Herrmann. Acht Tage d'rauf war das heiße Treffen bey Prag — ich darf euch sagen, euer Sohn hat sich gehalten wie ein wackerer Kriegsmann. Er that Wunder vor den Augen der Armee. Fünf Regimenter mußten neben ihm wechseln, er stand. Feuerkugeln fielen rechts und links, euer Sohn stand. Eine Kugel zerschmetterte ihm die rechte Hand, euer Sohn nahm die Fahne in die linke, und stand —

Amalia (in Entzückung.) Hektor, Hektor! hört ihr's? er stand —

Herrmann. Ich traf ihn am Abend der Schlacht niedergesunken unter Kugel-Gepfeiffe, mit der linken hielt er das stürzende Blut, die rechte hatte er in die Erde gegraben. Bruder! rief er mir entgegen, es lief ein Gemurmel durch die Glieder: der General sey vor einer Stunde gefallen — er ist gefallen, sagt' ich, und du? — Nun, wer ein braver Soldat ist, rief er, und ließ die linke Hand los, der folge seinem General, wie ich! Bald darauf hauchte er seine grose Seele dem Helden zu.

Franz (wild auf Herrmann losgehend.) Daß der Tod deine verfluchte Zunge versiegle! Bist du hieher kommen, unserem Vater den Todesstos zu geben? — Vater! Amalia! Vater!

Herrmann. Es war der letzte Wille meines sterbenden Kameraden. Nimm diß Schwerdt, röchelte er, du wirst's meinem alten Vater überliefern, das Blut seines Sohnes klebt daran, er ist gerochen, er mag sich weiden. Sag ihm, sein Fluch hätte mich gejagt in Kampf und Tod, ich sey gefallen in Verzweiflung! Sein letzter Seufzer war Amalia.

Amalia (wie aus einem Todesschlummer aufgejagt.) Sein letzter Seufzer, Amalia!

D. a. Moor (Gräßlich schreyend, sich die Haare ausraufend.) Mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!

Franz (umherirrend im Zimmer.) Oh! Was habt ihr gemacht, Vater? Mein Karl, mein Bruder!

Herrmann. Hier ist das Schwerdt, und hier ist auch ein Portrait, das er zu gleicher Zeit aus dem Busen zog! Es gleicht diesem Fräulein auf ein Haar. Diß soll meinem Bruder Franz, sagte er, — ich weiß nicht, was er damit sagen wollte.

Franz (wie erstaunt.) Mir? Amalia's Portrait? Mir, Karl, Amalia? Mir?

Amalia (heftig auf Herrmann losgehend.) Feiler, Bestochener, Betrüger! (faßt ihn hart an.)

Herrmann. Das bin ich nicht, gnädiges Fräulein. Sehet selbst, ob's nicht euer Bild ist — ihr mögt's ihm wohl selbst gegeben haben.

Franz. Bey Gott! Amalia, das deine! Es ist wahrlich das deine!

Amalia (gibt ihm das Bild zurück.) Mein, mein! O Himmel und Erde!

D. a. Moor (schreyend, sein Gesicht zerfleischend.) Wehe, Wehe! mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!

Franz. Und er gedachte meiner in der letzten schweren Stunde des Scheidens, meiner! Englische Seele — da schon das schwarze Panier des Todes über ihm rauschte — meiner! —

D. a. Moor (lallend.) Mein Fluch ihn gejagt, in den Tod, gefallen mein Sohn in Verzweiflung! —

Herrmann. Den Jammer steh ich nicht aus. Lebt wohl, alter Herr! (leise zu Franz.) Warum habt ihr auch das gemacht, Junker? (geht schnell ab.)

Amalia (aufspringend, ihm nach.) Bleib, bleib! Was waren seine letzten Worte?

Herrmann (zurückrufend.) Sein letzter Seufzer war Amalia. (ab.)

Amalia. Sein letzter Seufzer war Amalia! — Nein, du bist kein Betrüger! So ist es wahr — wahr — er ist tod! — tod! — (hin und her taumelnd, bis sie umsinkt.) tod — Karl ist tod —

Franz. Was seh' ich? Was steht da auf dem Schwerdt? geschrieben mit Blut — Amalia!

Amalia. Von ihm?

Franz. Seh' ich recht, oder träum ich? Siehe da mit blutiger Schrift:

Franz, verlaß meine Amalia nicht! Sieh doch, sieh doch! und auf der andern Seite: Amalia! deinen Eid zerbrach der allgewaltige Tod. — Siehst du nun, siehst du nun? Er schrieb's mit erstarrender Hand, schrieb's mit dem warmen Blut seines Herzens, schrieb's an der Ewigkeit feyerlichem Rande! sein fliehender Geist verzog, Franz und Amalia noch zusammen zu knüpfen.

Amalia. Heiliger Gott! es ist seine Hand. — Er hat mich nie geliebt! (schnell ab.)

Franz (auf den Boden stampfend.) Verzweifelt! meine ganze Kunst erliegt an dem Starrkopf.

D. a. Moor. Wehe, Wehe! Verlaß mich nicht, meine Tochter! — Franz, Franz! gib mir meinen Sohn wieder!

Franz. Wer war's, der ihm den Fluch gab? Wer war's, der seinen Sohn jagte in Kampf und Tod und Verzweiflung? — oh! er war ein Engel! ein Kleinod des Himmels. Fluch über seine Henker! Fluch, Fluch über euch selber! —

D. a. Moor (schlägt mit geballter Faust wider Brust und Stirn.) Er war ein Engel, war Kleinod des Himmels! Fluch, Fluch, Verderben, Fluch über mich selber! Ich bin der Vater, der seinen grosen Sohn erschlug. Mich liebt' er bis in den Tod! mich zu rächen, rannte er in Kampf und Tod! Ungeheuer, Ungeheuer! (wüthet wider sich selber.)

Franz. Er ist dahin, was helfen späte Klagen? (hönisch lachend.) Es ist leichter morden, als lebendig machen. Ihr werdet ihn nimmer aus seinem Grabe zurückholen.

D. a. Moor. Nimmer, nimmer, nimmer aus dem Grabe zurückholen! Hin, verloren auf ewig! — Und du hast mir den Fluch aus dem Herzen geschwäzt, du — du — Meinen Sohn mir wieder!

Franz. Reizt meinen Grimm nicht. Ich verlaß euch im Tode! —

D. a. Moor. Scheusal! Scheusal! schaff mir meinen Sohn wieder! (fährt aus dem Sessel, will Franzen an der Gurgel fassen, der ihn zurück schleudert.)

Franz. Kraftlose Knochen! ihr wagt es — sterbt! verzweifelt! (ab.)

Der alte Moor.

Tausend Flüche donnern dir nach! Du hast mir meinen Sohn aus den Armen gestohlen (voll Verzweiflung hin und her geworfen im Sessel.) Wehe, Wehe! Verzweifeln, aber nicht sterben! — Sie fliehen, verlassen mich im Tode — meine gute Engel fliehen von mir, weichen alle die Heilige vom eisgrauen Mörder — Wehe! Wehe! will mir keiner das Haupt halten, will keiner die ringende Seele entbinden? Keine Söhne! keine Töchter! keine Freunde! — Menschen nur — will keiner, allein — verlassen — Wehe! Wehe! — Verzweifeln, aber nicht sterben!

Amalia (mit verweinten Augen.)

D. a. Moor. Amalia! Bote des Himmels! Kommst du, meine Seele zu lösen?

Amalia (mit sanfterem Ton.) Ihr habt einen herrlichen Sohn verloren.

D. a. Moor. Ermordet willst du sagen. Mit diesem Zeugnis belastet tret ich vor den Richterstuhl Gottes.

Amalia. Nicht also, jammervoller Greis! der himmlische Vater rückt' ihn zu sich. Wir wären zu glücklich gewesen auf dieser Welt. — Droben, droben über den Sonnen — Wir seh'n ihn wieder.

D. a. Moor. Wiedersehen, wiedersehen! Oh es wird mir durch die Seele schneiden ein Schwerdt — Wenn ich ein Heiliger ihn unter den Heiligen finde — mitten im Himmel werden durch mich schauern Schauer der Hölle! Im Anschauen des Unendlichen mich zermalmen die Erinnerung: Ich hab meinen Sohn ermordet!

Amalia. Oh, er wird euch die Schmerz-Erinnerung aus der Seele lächeln, seyd doch heiter, lieber Vater! ich bin's so ganz. Hat er nicht schon den himmlischen Hörern den Namen Amalia vorgesungen auf der seraphischen Harfe, und die himmlischen Hörer lispelten leise ihn nach? Sein letzter Seufzer war ja, Amalia! wird nicht sein erster Jubel, Amalia! seyn?

D. a. Moor. Himmlischer Trost quillt von deinen Lippen! Er wird mir lächeln, sagst du? Vergeben? du must bey mir bleiben, Geliebte meines Karls, wenn ich sterbe.

Amalia. Sterben ist Flug in seine Arme. Wohl euch! Ihr seyd zu beneiden. Warum sind diese Gebeine nicht mürb? Warum diese Haare nicht grau? Wehe über die Kräfte der Jugend! Willkommen, du markloses Alter! näher gelegen dem Himmel und meinem Karl.

Franz (tritt auf.)

D. a. Moor. Tritt her, mein Sohn! Vergib mir, wenn ich vorhin zu hart gegen dich war! ich vergebe dir alles. Ich möchte so gern im Frieden den Geist aufgeben.

Franz. Habt ihr genug, um euren Sohn geweint? so viel ich sehe, habt ihr nur einen.

D. a. Moor. Jakob hatte der Söhne zwölf, aber um seinen Joseph hat er blutige Thränen geweint.

Franz. Hum!

D. a. Moor. Geh, nimm die Bibel, meine Tochter, und lies mir die Geschichte Jakobs und Josephs! Sie hat mich immer so gerührt, und damals bin ich noch nicht Jakob gewesen.

Amalia. Welches soll ich euch lesen? (nimmt die Bibel und blättert.)

D. a. Moor. Lis mir den Jammer des Verlassenen, als er ihn nimmer unter seinen Kindern fand — und vergebens sein harrte im Kreis seiner eilfe — und sein Klage-Lied, als er vernahm; sein Joseph sey ihm genommen auf ewig —

Amalia. (liest.) »Da nahmen sie Josephs Rock, und schlachteten einen Ziegenbock, und tauchten den Rock in das Blut, und schickten den bunten Rock hin, und liessen ihn ihrem Vater bringen, und sagen: Diesen haben wir funden, siehe, ob's deines Sohnes Rock sey, oder nicht? (Franz geht plötzlich hinweg.) Er kannte ihn aber und sprach: Es ist meines Sohnes Rock, ein böses Thier hat ihn gefressen, ein reissend Thier hat Joseph zerrissen,«—

D. a. Moor (fällt auf's Kissen zurück.) Ein reissend Thier hat Joseph zerrissen!

Amalia (liest weiter.) »Und Jakob zerriß seine Kleider, und legte einen Sack um seine Lenden, und trug Leide um seinen Sohn lange Zeit, und all' seine Söhne und Töchter traten auf, daß sie ihn trösteten, aber er wollte sich nicht trösten lassen und sprach: Ich werde mit Leid hinunterfahren —«

D. a. Moor. Hör auf, hör auf! Mir wird sehr übel.

Amalia (hinzuspringend, läßt das Buch fallen.) Hilf Himmel! Was ist das?

D. a. Moor. Das ist der Tod! — Schwarz — schwimmt — vor meinen — Augen — ich bitt dich — ruf dem Pastor — daß er mir — das Abendmahl reiche — Wo ist — mein Sohn Franz?

Amalia. Er ist geflohen! Gott erbarme sich unser!

D. a. Moor. Geflohen — geflohen von des Sterbenden Bett? — — Und das all' — all' — von zwey Kindern voll Hoffnung — du hast sie — gegeben — hast sie — genommen — — dein Name sey — —

Amalia (mit einem plötzlichen Schrey.) Tod! alles Tod! (ab in Verzweiflung.)

Franz (hüpft frohlockend herein.)

Tod, schreyen sie, tod! Itzt bin ich Herr. Im ganzen Schlosse zettert es, tod! — Wie aber, schläft er vielleicht nur? — freylich, ach freylich! das ist nun freylich ein Schlaf, wo es ewig niemals, Guten Morgen, heißt — Schlaf und Tod sind nur Zwillinge. Wir wollen einmal die Namen wechseln! Wakerer, willkommener Schlaf! Wir wollen dich Tod heissen! (Er drückt ihm die Augen zu.) Wer wird nun kommen, und es wagen, mich vor Gericht zu fordern? oder mir in's Angesicht zu sagen: du bist ein Schurke! Weg dann mit dieser lästigen Larve von Sanftmuth und Tugend! Nun sollt ihr den nakten Franz sehen, und euch entsetzen! Mein Vater überzuckerte seine Forderungen, schuf sein Gebieth zu einem Familienzirkel um, sas liebreich lächelnd am Thor, und grüßte sie Brüder und Kinder. — Meine Aug-Braunen sollen über euch herhangen wie Gewitter-Wolken, mein herrischer Name schweben wie ein drohender Komet über diesen Gebirgen, meine Stirne soll euer Wetterglas seyn! Er streichelte und koßte den Nacken, der gegen ihn störrig zurück schlug. Streicheln und Kosen ist meine Sache nicht. Ich will euch die zackichte Sporen in's Fleisch hauen, und die scharfe Geißel versuchen. — In meinem Gebiet soll's so weit kommen, daß Kartoffeln und dünn Bier ein Traktament für Festtage werden, und wehe dem, der mir mit vollen feurigen Backen unter die Augen tritt! Blässe der Armuth und sclavischen Furcht sind meine Leibfarbe: in diese Liverey will ich euch kleiden!

(Er geht ab.)

Dritte Scene.

Die böhmischen Wälder.

Spiegelberg, Razmann, Räuberhaufen.

Razmann. Bist da? bists wirklich? So laß dich doch zu Brey zusammen drucken, lieber Herzens-Bruder Moriz! Willkommen in den Böhmischen Wäldern! Bist ja gros worden und stark. Stern-Kreuz-Bataillon! Bringst ja Rekruten mit einen ganzen Trieb, du trefflicher Werber!

Spiegelberg. Gelt Bruder? Gelt? Und das ganze Kerl darzu! — du glaubst nicht, Gottes sichtbarer Seegen ist bey mir, war dir ein armer hungriger Tropf, hatte nichts als diesen Stab, da ich über den Jordan gieng, und itzt sind unserer acht und siebenzig, meistens ruinirte Krämer, rejicirte Magister und Schreiber aus den schwäbischen Provinzen, das ist dir ein Korps Kerles, Bruder, deliciöse Bursche, sag ich dir, wo als einer dem andern die Knöpfe von den Hosen stihlt, und mit geladener Flinte neben ihm sicher ist — und haben voll auf, und stehen dir in einem Renommee vierzig Meilen weit, das nicht zu begreifen ist. Da ist dir keine Zeitung, wo du nicht ein Artikelchen von dem Schlaukopf Spiegelberg wirst getroffen haben, ich halte sie mir auch pur deswegen — vom Kopf bis zun Füssen haben sie mich dir hingestellt, du meynst, du sehst mich, — so gar meine Rokknöpfe haben sie nicht vergessen. Aber wir führen sie erbärmlich am Narrenseil herum. Ich geh lezthin in die Druckerey, geb vor, ich hätte den berüchtigten Spiegelberg gesehn, und diktir einem Skrizler, der dort sas, das leibhafte Bild von einem dortigen Wurmdoktor in die Feder, das Ding kommt um, der Kerl wird eingezogen, par force inquirirt, und in der Angst und in der Dummheit gesteht er dir, hol mich der Teufel! gesteht dir, er sey der Spiegelberg — Donner und Wetter! ich war eben auf dem Sprung, mich beym Magistrat anzugeben, daß die Kanaille mir meinen Namen so verhunzen soll — wie ich sage, drey Monath d'rauf hangt er. Ich mußte nachher eine derbe Prise Toback in die Nase reiben, als ich am Galgen vorbeyspatzierte, und den Pseudo-Spiegelberg in seiner Glorie da paradiren sah — und unterdessen daß Spiegelberg hangt, schleicht sich Spiegelberg ganz sachte aus den Schlingen, und deutet der superklugen Gerechtigkeit hinterrucks Eselsohren, daß's zum Erbarmen ist.

Razmann (lacht.) Du bist eben noch immer der alte.

Spiegelberg. Das bin ich, wie du siehst, an Leib und Seel. Narr! einen Spaß muß ich dir doch erzählen, den ich neulich im Cäcilien-Kloster angerichtet habe. Ich treffe das Kloster auf meiner Wanderschaft so gegen die Dämmerung, und da ich eben den Tag noch keine Patrone verschossen hatte, du weist, ich hasse das diem perdidi auf den Tod, so mußte die Nacht noch durch einen Streich verherrlicht werden, und sollt's dem Teufel um ein Ohr gelten! Wir halten uns ruhig, bis in die späte Nacht. Es wird mausstill. Die Lichter gehen aus. Wir denken die Nonnen könnten itzt in den Federn seyn. Nun nehm' ich meinen Kameraden Grimm mit mir, heis' die andern warten vorm Thor, bis sie mein Pfeifchen hören würden, — versicherte mich des Klosterwächters, nehm' ihm die Schlüssel ab, schleich' mich hinein, wo die Mägde schliefen, praktizier ihnen die Kleider weg, und heraus mit dem Pack zum Thor. Wir gehn weiter von Zelle zu Zelle, nehmen einer Schwester nach der andern die Kleider, endlich auch der Aebtissin. — Itzt pfeif ich, und meine Kerls draussen fangen an zu stürmen und zu hasseliren als käm der jüngste Tag, und hinein mit pestialischem Gepolter in die Zellen der Schwestern! — hahaha! — da hättest du die Hatz sehen sollen, wie die armen Thiergen in der Finstere nach ihren Röcken tappten, und sich jämmerlich geberdeten, wie sie zum Teufel waren, und wir indeß wie alle Donnerwetter zugesetzt, und wie sie sich vor Schreck und Bestürzung in Bettlaken wickelten, oder unter den Ofen zusammenkrochen wie Katzen, andere in der Angst ihres Herzens die Stube so besprenzten, daß du hättest das Schwimmen darinnen lernen können, und das erbärmliche Gezetter und Lamento, und endlich gar die alte Schnurre die Aebtissin, angezogen wie Eva vor dem Fall — du weist, Bruder, daß mir auf diesem weiten Erdenrund kein Geschöpf so zuwider ist, als eine Spinne und ein altes Weib, und nun denk' dir einmal die schwarzbraune, runzlichte, zottige Vettel vor mir herumtanzen, mich bey ihrer jungfräulichen Sittsamkeit beschwören — alle Teufel! ich hatte schon den Ellenbogen angesetzt, ihr die übriggebliebenen wenigen edlen vollends in den Mastdarm zu stossen — kurz resolvirt! entweder heraus mit dem Silbergeschirr, mit dem Klosterschatz und allen den blanken Thälerchen, oder — meine Kerls verstanden mich schon — ich sage dir, ich hab' aus dem Kloster mehr dann tausend Thaler Werths geschleift, und den Spaß obendrein, und meine Kerls haben ihnen ein Andenken hinterlassen, sie werden ihre neun Monathe dran zu schleppen haben.

Razmann. (auf den Boden stampfend.) Daß mich der Donner da weg hatte.

Spiegelberg. Siehst du? Sag' du mehr, ob das kein Luder-Leben ist? und dabey bleibt man frisch und stark, und das Korpus ist noch beysammen, und schwillt dir stündlich wie ein Prälats-Bauch — ich weiß nicht, ich muß was magnetisches an mir haben, das dir alles Lumpengesindel auf Gottes Erdboden anzieht wie Stahl und Eisen.

Razmann. Schöner Magnet du! Aber so möcht' ich Henkers doch wissen, was für Hexereyen du brauchst —

Spiegelberg. Hexereyen? Braucht keiner Hexereyen — Kopf mußt du haben! Ein gewisses praktisches Judicium, das man freilich nicht in der Gerste frißt — denn siehst du, ich pfleg' immer zu sagen: einen honnetten Mann kann man aus jedem Weidenstozen formen, aber zu einem Spitzbuben will's Grüz — auch gehört dazu ein eignes National-Genie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbuben-Klima, und da rath' ich dir, reis' du ins Graubündner-Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.

Razmann. Bruder! man hat mir überhaupt das ganze Italien gerühmt.

Spiegelberg. Ja ja! man muß niemand sein Recht vorenthalten, Italien weist auch seine Männer auf, und wenn Deutschland so fortmacht, wie es bereits auf dem Weg ist, und die Bibel vollends hinaus votirt, wie es die glänzendsten Aspekten hat, so kann mit der Zeit auch noch aus Deutschland was Gutes kommen, — überhaupt aber, muß ich dir sagen, macht das Klima nicht sonderlich viel, das Genie kommt überall fort, und das übrige, Bruder — ein Holzapfel, weist du wohl, wird im Paradies-Gärtlein selber ewig keine Ananas — aber daß ich dir weiter sage, — wo bin ich stehen geblieben?

Razmann. Bey den Kunstgriffen!

Spiegelberg. Ja recht, bey den Kunstgriffen. So ist dein erstes, wenn du in die Stadt kommst, du ziehst bey den Bettelvögten, Stadt-Patrollanten und Zuchtknechten Kundschaft ein, wer so am fleissigsten bey ihnen einspreche, die Ehre gebe, und diese Kunden suchst du auf — ferner nistest du dich in die Kaffeehäuser, Bordelle, Wirthshäuser ein, spähst, sondirst, wer am meisten über die wohlfeile Zeit, die fünf pro cent, über die einreissende Pest der Policeyverbesserungen schreyt, wer am meisten über die Regierung schimpft, oder wider die Physiognomik eifert und dergleichen Bruder! das ist die rechte Höhe! die Ehrlichkeit wackelt wie ein hohler Zahn, du darfst nur den Pelikan ansetzen, — oder besser und kürzer: du gehst und wirfst einen vollen Beutel auf die offene Strase, versteckst dich irgendwo, und merkst dir wohl, wer ihn aufhebt — eine Weile drauf jagst du hinterher, suchst, schreyst, und fragst nur so im Vorbeygehen, haben der Herr nicht etwa einen Geldbeutel gefunden? Sagt er ja? — nun so hat's der Teufel gesehen; leugnet er's aber? der Herr verzeihen — ich wüßte mich nicht zu entsinnen, — ich bedaure, (aufspringend.) Bruder! Triumph, Bruder! Lösch deine Laterne aus, schlauer Diogenes! — du hast deinen Mann gefunden.

Razmann. Du bist ein ausgelernter Prakticus.

Spiegelberg. Mein Gott! als ob ich noch jemals dran gezweifelt hätte — Nun du deinen Mann in dem Hamen hast, must du's auch fein schlau angreifen, daß du ihn hebst! — Siehst du, mein Sohn? das hab' ich so gemacht: — So bald ich einmal die Fährte hatte, hängt' ich mich meinem Kandidaten an wie eine Klette, saufte Brüderschaft mit ihm, und Notabene! Zechfrey must du ihn halten! da geht freylich ein schönes drauf, aber das achtest du nicht — — du gehst weiter, du führst ihn in Spiel-Kompagnien und bey liederlichen Menschern ein, verwickelst ihn in Schlägereyen, und schelmische Streiche, bis er an Saft und Kraft und Geld und Gewissen, und gutem Namen bankrut wird, denn incidenter muß ich dir sagen, du richtest nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele verderbst — Glaube mir Bruder! das hab' ich aus meiner starken Praxi wohl fünfzigmal abstrahirt, wenn der ehrliche Mann einmal aus dem Nest gejagt ist, so ist der Teufel Meister — Der Schritt ist dann so leicht — o so leicht, als der Sprung von einer Hure zu einer Betschwester. — Horch doch! was für ein Knall war das?

Razmann. Es war gedonnert, nur fortgemacht!

Spiegelberg. Noch ein kürzerer besserer Weg ist der, du plünderst deinem Mann Haus und Hof ab, bis ihm kein Hemd mehr am Leibe hebt, alsdann kommt er dir von selber — lern mich die Pfiffe nicht Bruder — frag einmal das Kupfergesicht dort — Schwere Noth! den hab' ich schön in's Garn gekriegt — ich hielt ihm vierzig Dukaten hin, die sollt' er haben, wenn er mir seines Herrn Schlüssel in Wachs drücken wollte — denk einmal! die dumme Bestie thuts, bringt mir, hol mich der Teufel! die Schlüssel, und will itzt das Geld haben — Monsieur, sagt' ich, weiß er auch, daß ich itzt diese Schlüssel gerades Wegs zum Policey-Lieutenant trage, und ihm ein Logis am lichten Galgen miethe? — tausend Sakerment! da hättest du den Kerl sehen sollen die Augen aufreissen, und anfangen zu zappeln wie ein nasser Budel — — »Ums Himmels willen, hab' der Herr doch Einsicht! ich will — will —« was will er? will er itzt gleich den Zopf hinaufschlagen und mit mir zum Teufel geh'n? — »o von Herzen gern, mit Freuden« — hahaha! guter Schlucker, mit Speck fängt man Mäuse — lach ihn doch aus, Razmann! hahaha!

Razmann. Ja, ja, ich muß gestehen. Ich will mir diese Lektion mit goldnen Ziffern auf meine Hirntafel schreiben. Der Satan mag seine Leute kennen, daß er dich zu seinem Mäckler gemacht hat.

Spiegelberg. Gelt, Bruder? und ich denke, wenn ich ihm zehen stelle, läßt er mich frey ausgehen — gibt ja jeder Verleger seinem Sammler das zehente Exemplar gratis, warum soll der Teufel so jüdisch zu Werk gehn? — Razmann! ich rieche Pulver —

Razmann. Sapperment! ich riech's auch schon lang. — Gib Acht, es wird in der Näh was gesetzt haben! — Ja ja! wie ich dir sage, Moriz — du wirst dem Hauptmann mit deinen Rekruten willkommen seyn — er hat auch schon brave Kerl angelockt.

Spiegelberg. Aber die meinen! die meinen — Pah —

Razmann. Nun ja! sie mögen hübsche Fingerchen haben — aber ich sage dir, der Ruf unsers Hauptmanns hat auch schon ehrliche Kerls in Versuchung geführt.

Spiegelberg. Ich will nicht hoffen.

Razmann. Sans Spaß! und sie schämen sich nicht unter ihm zu dienen. Er mordet nicht um des Raubes willen wie wir — nach dem Geld schien er nicht mehr zu fragen, so bald ers vollauf haben konnte, und selbst sein Drittheil an der Beute, das ihn von Rechtswegen trifft, verschenkt er an Waisenkinder, oder läßt damit arme Jungen von Hoffnung studiren. Aber soll er dir einen Landjunker schröpffen, der seine Bauern wie das Vieh abschindet, oder einen Schurken mit goldnen Borden unter den Hammer kriegen, der die Gesetze falschmünzt, und das Auge der Gerechtigkeit übersilbert, oder sonst ein Herrchen von dem Gelichter — Kerl! da ist er dir in seinem Element, und haußt teufelmäßig, als wenn jede Faser an ihm eine Furie wäre.

Spiegelberg. Hum! hum!

Razmann. Neulich erfuhren wir im Wirthshaus, daß ein reicher Graf von Regensburg durchkommen würde, der einen Proceß von einer Million durch die Pfiffe seines Advokaten durchgesetzt hätte, er saß eben am Tisch und brettelte, — wie viel sind unserer? frug er mich, indem er hastig aufstand, ich sah ihn die Unterlippe zwischen die Zähne klemmen, welches er nur thut, wenn er am grimmigsten ist — nicht mehr als fünf! sagt' ich — es ist genug! sagt' er, warf der Wirthinn das Geld auf den Tisch, ließ den Wein, den er sich hatte reichen lassen, unberührt stehen — wir machten uns auf den Weg. Die ganze Zeit über sprach er kein Wort, lief abseitwärts und allein, nur daß er uns von Zeit zu Zeit fragte, ob wir noch nichts gewahr worden wären, und uns befahl das Ohr an die Erde zu legen. Endlich so kommt der Graf hergefahren, der Wagen schwer bepakt, der Advokat saß bey ihm drinn, voraus ein Reuter, nebenher ritten zwey Knechte — da hättest du den Mann sehen sollen, wie er, zwey Terzerolen in der Hand, vor uns her auf den Wagen zusprang! und die Stimme, mit der er rief: Halt! — der Kutscher, der nicht Halt machen wollte, mußte vom Bock herabtanzen, der Graf schoß aus dem Wagen in den Wind, die Reuter flohen — dein Geld, Kanaille! rief er donnernd — er lag wie ein Stier unter dem Beil — und bist du der Schelm, der die Gerechtigkeit zur feilen Hure macht? Der Advokat zitterte, daß ihm die Zähne klapperten, — der Dolch stak in seinem Bauch wie ein Pfahl in dem Weinberg — ich habe das meine gethan! rief er, und wandte sich stolz von uns weg, das Plündern ist eure Sache. Und somit verschwand er in den Wald —

Spiegelberg. Hum, hum! Bruder, was ich dir vorhin erzählt habe, bleibt unter uns, er brauchts nicht zu wissen. Verstehst du?