„Entflieh mit mir, Klärchen!
Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.“
Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien.
Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne und goß das Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschämt: „Es lebe die Kunst und die Liebe.“
Achtes Kapitel
Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in München waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, die sich der Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal; nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem Augenweiß, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere.
Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ die Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete — Prüfung bestanden, ein Kreuz — durchgefallen.
Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen Gegner zu bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf.
Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander nicht zu unterscheiden waren.
Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört oder traurig auf die Kreuze blickten.
Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: „Diese Arbeit ist sehr gut, sehr gut“, blickte sich gelangweilt um, ob ihn niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte.
Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste aufgenommen worden.
Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal, zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich, wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb — Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem Artillerie-Sergeanten. „So?“ sagte Oldshatterhand, „so?“ und sein Gaumen wurde trocken. „Artillerie-Sergeant? . . . Für einen Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!“ Seine Augen lasen weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden.
Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann, die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen Limburger Käse.
Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten, der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, pfeifend in der Ferne verklang.
Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.
Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut, aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah, die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war. Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart. Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei Frauen in eine zusammen.
Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe. „Lenbätsch“, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.
Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter.
Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen, zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche.
Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an, weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione berechtigt seien oder gemein.
„Ja, das ist schön“, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit. Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein charakterloser Schwächling. „Kommen Sie mit in mein Atelier. Sie verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen gefunden! Einen Menschen!“ Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus.
Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der Brust heraus.
Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte ratlos: „Tragen Sie kein Hemd?“
Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib.
Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand Ekelgefühl und stand auf.
In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt den Überwurf vorne zusammen.
Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. „Ich muß nach Hause. Meine Wirtin und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil’s ein wenig eng da ist.“
Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf pausierend: „Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche . . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.“
Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an.
Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte, lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend — sah sich und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die Wette krachende Äpfel essen.
Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel. Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe.
Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. „Daran bin ich nicht schuld . . . Das kann doch nicht sein“, sagte er für sich. Und die Frau meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein Haus beträte.
Langsam ging er fort. „Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.“ Er blieb stehen. „Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.“
Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um, so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen, und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig.
Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben der alten, großen Pistole aus dem „Zimmer“, ein Totenschädel stand, der ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß, wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem Gelächter erfüllt war.
Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei. Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.
Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und vielleicht etwas komfortablere zu mieten.
Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen. Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte, rief er die Wirtin und sagte: „Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.“ Er zeigte im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie wegwerfend sagte: „Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.“
Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.
Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.
Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das hohle Lachen des Zeichenlehrers: „Ho! ho! ho!“, der das leere Wasserglas aufs neue zum Kellner emporhielt.
Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen.
Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden sofort vom Straßenschmutz gefressen.
Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte — ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß, noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte.
Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß, verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende, fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos und blickten düster vor sich hin.
Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer blonden Dame zum Abschied die Hand küßte.
„Michael Vierkant“, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum Kusse reichte.
„Und Sie wissen ja selbst“, beendete die Dame das Gespräch, „daß es gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin“, schloß sie scherzend und ging.
Oldshatterhand setzte sich und sah umher.
Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen violetten Äderchen besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die Preiselbeermilch in den Magen.
„Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?“ fragte Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine Jugendphotographie von sich betrachtet.
„Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man unter die Räder.“
Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt, weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen, brachte er nicht über sich.
„Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft“, erklärte der Fremde; „die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten etwas aus, — bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte Schuhe.“
„Ah da!“ rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. „Mechaniker Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein Schloß aber in einer Woche fertig haben.“
„Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die Dame.“
„Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau mit Geld.“
„Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!“
„Ja.“
„Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein hundsgemeiner Lump.“
„So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele, verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran.“
Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt: „Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem furchtbaren Kreuz hängt der krummgenagelte Mensch, der nicht mehr rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß, daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder nur ein armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein bösartiges, gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und danach handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten, einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht zurückschlägt.“
„Das ist Jesus Christus“, sagte Oldshatterhand ganz langsam.
„Höre einmal, du.“ Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter; seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. „Es gibt viele Christusse.“
„. . . Nur einen hat’s gegeben.“
„Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie nicht kennen!“ Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete sich auf. „Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.“ Der Kellner eckte von Tisch zu Tisch.
„Laaaa“, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam die Arme aus. „G-Dur, verstehen Sie“, schloß er brüllend.
Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter seinen Augen sank faltenbildend übereinander.
Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste schob sich durchs Lokal.
Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor; fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu, der eine Zeichnung hochhielt.
Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder vor sich hin.
„Ich kannte zwei Maler.“ Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. „Beide waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in Berlin — Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt.“
„Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.“
„Nein, Sie nicht“, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach.
„Da erschieße ich mich lieber auch.“ Oldshatterhand warf den Kopf in den Nacken. „Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht“, schloß er geringschätzig.
„Doch, ich kenne . . . mich.“
„. . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.“ Oldshatterhands zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. „Der Lehrer Mager hat mich einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier an dem Tisch wenn er säße.“
„. . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen, grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . . So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder . . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.“
„‚Gemein‘ habe ich nicht gesagt.“
„Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt, die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz unschuldig.“
„Glauben Sie?“ fragte Oldshatterhand tief betroffen.
„Halt!“ brüllte da der Fremde entsetzt. „Nein nein nein! Rächen Sie sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis er am Boden liegt!“ Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er lachte sogar, und es klang überzeugend: „Das braucht Sie gar nicht zu kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein Lump! Ein Lump sind Sie!“ Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.
„Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte Zimmer!“ rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel.
„So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat ein Loch in der Hose.“
„Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber . . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der alten Brücke.“
„Sooo?“ fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.
„Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.“
Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen, wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit ins Gehirn. — Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich. Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen Kerl ein Künstler werden könne.
Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken.
Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen, sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich den Herrn neben sich am Ärmel. „Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen Sie? Sehr verzeichnet.“ Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem Finger — Schenkel, Knie und Wade. „So muß das sein! So!“
„Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.“
„Nicht wahr!“ Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.
Der Herr war kleiner.
Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame gar nicht.
Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen. „Märchen“ war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in der Kammer.
Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden.
„Aber also und, also, das hast alles du gemalt?“
„Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?“
„Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon gemeldet“, sagte der König der Luft. „Hab aber immer noch keinen Ballon zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham sie mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt’s überhaupt nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem lumpigen Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine Saubande. Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig dazu gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die Kasern. Sonst krieg ich Arrest.“ Er kroch unterm Tisch durch. „Am Sonntag über acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän, der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und übernächsten Sonntag kommen sie alle nach München, weil der bleiche Kapitän ein Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also dann kommen sie auch nach München und besuchen dich. Und also auch mich.“ Der König der Luft deutete auf einen Mädchenakt. „Lassen die sich so ohne Kleider anguck?“
„Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.“
Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.
„. . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also ich komm auch daher.“
„Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich? Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder einen Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft! Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher bekommts nie los.“
Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken müsse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu studieren. Gerade jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, nicht beendigen könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke einer bei ihr, wenn sie nicht ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er träume von Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, solle nur sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante. Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr.
Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. „— Ich habe die für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines Freundes sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler.
Sende mir diesen Brief umgehend zurück.“ Dieser Satz war auch mit Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen.
Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die technischen Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand ermöglicht, aus den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er vorwärts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte.
Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe und Begeisterung und schloß: „Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen.“
Er trug den Brief sofort zur Post.
Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine düstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin.
Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte vergessen, ihn zurückzusenden.
Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der Nürnberger Zug gekrochen kam, in dem die Räuber saßen.
Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen Rosenstrauß vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt.
Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. „Tyrannei! Acht . . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!“ endete der Gesang der Räuber.
„Hohaho!“ rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. „Den siebenunddreißigsten Preis hab ich!“ Die Fremden lächelten.
Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz still, als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte.
Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen geschmückt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor.
„Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.“ Falkenauge sah empor zur Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor.
Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede zog einen zerknüllten Schleier hervor.
„Und wenn’s jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die Nase an“, schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.
„Da geh mal her, Käthl“, rief der Schreiber und band dem grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am Tannenzapfenhut. „So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame.“
„Die wollen ins Hofbräuhaus“, schmollte des Schreibers Liebste, „ich will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle Hutgeschäfte.“ Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt schloß sie: „Ich bin doch Modistin.“
Sie standen noch immer auf dem Platz. „Wo ist denn die große Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen.“
„Das is jetzt Nebensache“, sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut. „Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das wundert mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat einen alten Kartoffelsack an.“ Die Malerin in Sandalen und Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr langer, giftgrüner Schleier flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. Alle sahen ihr nach.
„Hoppla!“ Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen.
Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands.
An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt. Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten.
„Liesl, bist du auch so schön wie die“, sagte der Schreiber in die Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte sich auch Fräulein Schlauch zur Tür hinaus.
„Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind.“
„Hohaho!“ Der Schreiber war verlegen.
Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. „Aber das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen malen kannst.“
Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.
„Mit Kohle gezeichnet, was?“ fragte die Rote Wolke. „Hast du’s fixiert?“
„Ja.“
„Das hab ich mir gedacht.“
Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat ein. „Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen.“ Die Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen.
Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.
„Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?“ fragte Oldshatterhand.
„Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . ein Vierröhrenbrunnensteher.“
„Ooooh!“ sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast nichts mehr.
Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. „Also und hoppla! . . . Also so eine Dummheit!“ Der König der Luft ging nach vorne und begrüßte die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. „Also wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr dazu?“
Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen. Nach dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken.
Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.
Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst abwinkenden Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren erschrocken auf.
Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café, saßen still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt lächeln, worauf alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während der König der Luft die Räuber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung weiterlas.
Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch.
Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte.
Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich wieder zurücklegte ins Körbchen. „Davon verzehr ich dreißig Stück und weiß dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.“
Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich an den Tisch dazu.
Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in einem Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam, gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die schmalen Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar verschwanden, und trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt. Neben dem König der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank.
„Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will“, rief erregt das weißblonde Mädchen. „Mein Vater ist ein Trottel!“
Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an. Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund gepreßt, pfutzte. Und lachte endlich krachend los.
Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng auf. „Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!“
Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
„Also und, wart bis der Leutnant fort is.“
„Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken“, wandte sich der bleiche Kapitän an den Fremden, „aber wenn das Knochengerüst dort schreit: Menagerie! — da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das Kreuz einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: ‚mein Vater ist ein Trottel‘, kriegt sie eine Maulschelle.“
Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte sich seinen Freunden zu: „Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im Westen. Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime Verbindung. Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fäden in der Hand! Ich!“
Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen öffneten sich starr. „Ich denke in Oktaven — ganz schnell! ganz schnell! bis zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine Mutter durch den Sommergarten gehen“, flüsterte sie, „und mein weißes Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.“ Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände.
Der Leutnant verließ das Café.
„Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.“
Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. „Sind Sie schon oft mit hinaufgeflogen?“
„Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.“ Er stand auf, streckte das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. „Also seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen.“ Der König der Luft rollte den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da.
„Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?“ Alle blickten auf den Billardspieler.
„Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber sofort gehen“, sagte der Fremde und stand auf.
Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor der Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel.
Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. „Weißt du denn eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken bin?“
„Wie meinst du das? Siebzehnter?“
„Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und Aschaffenburg.“ Er entkleidete sich.
Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig O-geformt, und schienen den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum tragen zu können.
Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand — sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem neuartigen Lächeln im Gesicht: „Du mußt der erststärkste Mann von Unterfranken werden“, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem nackten Jüngling und sich.
Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und Aschaffenburg geworden.
Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen.
Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit den Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.
„Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.“
„Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer ist da.“
„Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine Zeit.“
„Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze Leben.“ Er hob die Arme.
Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke eintreten.
„Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald Kletterer aus Würzburg.“
„Ja, und?“ Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die Augenbrauen und sah auf die Uhr.
„Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . .“
„Sie sind Gärtner? Nicht wahr?“
„Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als ich.“ Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann.
„Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von Bamberg.“
Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. „Ich bin aus Würzburg.“ Und begann von neuem.
Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte die Rote Wolke am Rockknopf. „Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu klein.“
Der Mund stand offen, rund und schwarz.
„Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?“
„Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal erben soll.“
„Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist ein Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott.“
Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete stärker, mit Frühjahrshagel vermischt.
Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen kam.
Neuntes Kapitel
Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein.
Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom.
„Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den Deutschen dargestellt haben“, sagte der Fremde in Gedanken.
„Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger ‚Käppele‘. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.“
„Der Main ist lieblich,“ sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu einer Italienreise eingeladen.
Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.
Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein.
„Gott ist überall!“ rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. „Gehet hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.“ Seine Stimme war leiser und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: „Aber auch zu mir müßt ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . Kommet! In der Natur ist Gott!“ Der Pastor schlug die Bibel auf.
„In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,“ sagte Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen. „Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.“
In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still.
„Das Meer!“ rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum Fenster.
„Nein, das ist nur ein See.“
„Nicht das Meer?“ So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht gesehen.
Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor.
Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es heller — und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein. Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im weißen Himmel.
Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und zerfallend.
Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in Schweiß und sammelte dann.
„Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und sammelte. Sprach aber selten ein Wort.“
Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener, Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen.
Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon verschwunden war.
Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.
„Was ist das?“
„Das Meer?“ Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter.
Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer.
Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua.
Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: „Co . . . rri . . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.“
„Das klingt wie ein schönes Lied“, sagte Oldshatterhand und lächelte, weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: „Si Signore? Si Signore? . . .“
Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße, bis zu einem der alten Paläste.
Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier dem Fremden ein Telegramm.
„Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem Freund.“
Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den Schlüsselbund klingen und verklingen.
Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen.
Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne.
Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus, in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.
Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie Wasserinsekten.
Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit dem Schiffskoloß verband.
Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt, blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die Zurückbleibenden.
Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß, der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch, während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden konnten.
Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.
Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper vom Wasser weg und schwankte zurück.
Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und gab Oldshatterhand einen Brief. „Una lettera, Signore.“ Sie zündete die drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging.
Franziskus Grünwiesler schrieb — er habe sich nach Oldshatterhands Rat vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen, damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne, was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden. Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den ganzen Tag. „Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.“ Dieser Satz war unterstrichen.
„Erschieße ich mich . . . vor deinen Augen, habe ich geschrieben“, sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: „Schließlich darf eben doch kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.“
Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder — weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.
Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang hatte bleiben wollen.
Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. „Und ich bin vielleicht noch größer als Napoleon!“ rief er in steigender Begeisterung und legte beide Hände in die Hüften.
„Niente Napoleone“, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein graues Schloß, „una castello Genova.“
Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken — daß des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.
Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht.
Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des Hafens von Genua.
Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in die Alte Pinakothek.
Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd, Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: „Da bist du ja. Das war lieb von dir.“
Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. „Die Stirn ist zu hoch“, sagte er und deutete auf die Kopie.
„Meinst du?“ Er verglich. „Du hast recht.“ Und stieg wieder auf die Leiter.
Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte. „Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.“
„Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im Murillosaal.“
„Den können wir doch jetzt nicht brauchen.“
Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit seinem Kanarienvogelblick an. „Ich hab’s ihm versprochen. Er ist ein guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.“
Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da.
Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen, eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten.
„Jetzt gehen wir essen“, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf der Straße sagte er: „Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?“
Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte. So gingen sie weiter.
Oldshatterhand wurde lustig. „Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen, machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.“
„Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?“
„Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.“ Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein und drückte Oldshatterhand die Schulter.
„Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.“
„Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie nicht verstehen.“ Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen . . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen kaufen zu können.“
Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. „Du bist eingeladen.“
Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saßen, und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal.
Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und bestellte eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. Grünwiesler sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen.
„Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal arbeiten.“
„Du und ich, wir halten zusammen“, erwiderte Grünwiesler und hieb Oldshatterhand die Hand auf die Schulter.
„Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken. Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige. Kopieren kann jeder.“
Er schob die Hummermayonnaise zurück. „Ich hab keinen Appetit.“
Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: „Jetzt halt ich’s nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner Tante ihre sechstausend Mark gestohlen!“ Er starrte Oldshatterhand an.
Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu sein bis zum Gaumen. „Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?“
Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. „Ich wollte eben erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du?“ Er lachte und sah Bratmund an.
„Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich wohnte in einem Palast.“
„Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was du nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast mir den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel glaubte, du wärst mein Freund.“
„Ich bin kein ganz gemeiner Kerl“, flüsterte Oldshatterhand. „Ich wollte doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat’s dir denn gesagt, daß ich neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.“
„Ich will dir einmal etwas sagen.“ Grünwiesler schob den Goulaschbrocken in den Mund. „Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt, dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu Immermann gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen bist, weil du einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich vor Sorgen nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du’s. Und jetzt verschwinde.“
„Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück. Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen. Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn jetzt sein.“
„Das wirst du schon sehen.“
„— — — Du hast mich angezeigt“, flüsterten Oldshatterhands weiße Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller blickte.