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Die Räuberbande

Chapter 11: Zehntes Kapitel
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About This Book

The narrative follows a group of schoolboys who form a street gang, staging petty thefts, mock-heroic rituals and imagined adventures while their bravado is fed by popular adventure tales. Vivid episodes of urban life—bridges, churches, markets—intersect with encounters with authority figures, notably a feared schoolteacher, clergy and police. Scenes alternate lively street detail, songs and coarse humor with moments of violence, shame and small cruelties, examining social alienation, the search for belonging, youthful rebellion and the moral contradictions of the adult world. The prose privileges sensory observation and the psychological weight of minor gestures.

„Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet werden? Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine Photographie hat der Staatsanwalt.“

„Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein ist außer ihm kein Mensch“, sagte Oldshatterhand langsam.

„Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast geglaubt, ich sei ein Tölpel!“

Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze.

Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit offenen Mund. „He?“ fragten seine schlaffen Lippen bei seinem vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam den Kopf — er wisse nichts.

Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. „Frieren wäre wunderbar“, dachte er und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb reglos hocken.

Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht mehr fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter. Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt sein ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm seine Seele sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, beobachtete er seine immer heißer werdende Seele — beobachtete er das Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer abstieß, der ihm durch den ganzen Körper flog.

Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum.

Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter seinem Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat. Er sah die Gassen und Kirchtürme von Würzburg. ‚Es wird in den Würzburger Zeitungen stehen‘. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit zurück. „Ruhig!“ brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die Räuber lächelten verlegen und drückten sich an ihm vorbei. — Der kann jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er den Schreiber sagen. „Ich? Vierröhrenbrunnensteher?“ schrie Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater, durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. Der ganze Verein pfiff: „Wenn die Schwalben wiederkommen.“

Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und pfiff gedankenlos „Wenn die Schwalben wiederkommen“.

„Die wer’n schau’n!“ schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb. Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte, mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett.

Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit Grünwiesler.

Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz las: In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von München Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter Aufforderung zu räuberischer Erpressung.

Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht. Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie aus dem vierten Stock herunter: „Hansl! Ha — — nsl!“ Er beobachtete den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die Höhe blickte und ins Haus trippelte.

Ein Schutzmann schritt langsam vorüber.

„Marroni! Heiße Marroni!“ lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und hob den Zeigefinger. „Feine Marroni! Fünf Pfennig!“

Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. „Si si, Signore.“ Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich vorsichtig um und ließ sie in den Schnee fallen.

Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann in schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze hüftlings gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand hinüberblickte.

„Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter“, flüsterte Oldshatterhand, und sein Herz stand still. „Gerade weil er so unauffällig aussieht.“

Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu.

Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen.

Der Mann stieg in die Elektrische.

Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust hochgenommenen Armen.

Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86.

 

Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild.

„Ich heiße Michael Vierkant.“

Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, blätterte. „Sie haben da einen Brief geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.“

Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die Überlegung — er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.

„Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?“ Der Arzt beobachtete Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte.

„Der Maler Immermann steckt dahinter“, begann Oldshatterhand und machte eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. „Sehen Sie, Herr Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister, einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz genau, ging damit in die schattige Zimmerecke — aber die Sonne auf dem Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.“ Oldshatterhand schloß die Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte.

Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf das Zucken. „Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen . . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So, dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt Immermann und sagt: so und so — und Grünwiesler ist auf einmal ein schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das denke ich.“

Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: „Ich glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend Mark.“ Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über einen Abgrund zu laufen.

Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe hervor. „Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie geschickt?“

Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. „. . . Hat er also wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst“, schloß er langsam.

Sie haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner Tante die sechstausend Mark wegnehmen?“

Oldshatterhand sprang auf. „Ich? . . . Ah!“ rief er langgezogen und wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. „Hier! Sehen Sie! Hier können Sie’s lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst: Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat, was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat er mich angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . . Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.“ Oldshatterhand glühte. „Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich verbrannt.“

„Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du mich anzeigst, erschieße ich Dich.“

„Mich! Mich! heißt es natürlich“, rief Oldshatterhand und lachte sein irrsinniges Lachen „. . . Erschieße ich dich? . . . Vor deinen Augen? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen Augen.“

„Auch so, auch so ist’s schlimm“, meinte der Arzt, und es klang, wie wenn er gesagt hätte — Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte Drei- und Vierecke — einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die Last wieder über seinem Herzen. „Und dann — es war ja auch so furchtbar, daß ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu“, sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus.

Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase. „Letzter Hieb“, sagte er.

„Wie?“ fragte der Diener.

„So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.“

„Granat!“ rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging wieder ins Zimmer.

„Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.“

Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.

Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu.

„Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen . . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen kann. Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung“, dachte Oldshatterhand; er stand noch immer an der selben Stelle.

Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür leise.

„Da wurden früher die Verbrecher gehängt — an den Galgen. Auf dem Letzten Hieb . . . Erschieße ich dich? Was! Nein! Erschieße ich mich! Mich! hab ich geschrieben“, schrie er und stürzte mit ein paar Sprüngen zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. „Erschieße ich mich! Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße mich!“ rief er drohend und schloß, sich dabei aufrichtend, die Tür.

Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener ein und führte ihn zum Arzt zurück.

Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. „Würden Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein bißchen.“

Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke in die Höhe und dann auf den Arzt. „Das weiß ich nicht“, sagte er gedehnt. „Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut“, schloß er mit zuckenden Lippen und lächelnd, „das halte ich aus.“

Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie, ließ sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran zurück, daß er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: „Die Polizei weiß, wo ich wohne. Sie muß kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich halte lieber alles aus.“ Er sah den Arzt an. „Jetzt gehe ich. Adieu.“

„Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?“

„Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie gehört doch eigentlich mir.“

„Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben.“

„Bei den Akten?“ fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung.

„Ich hab nur geschrieben — erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor deinen Augen! . . . Wirklich.“ Der Arzt nickte einige Male leise und sah dabei Oldshatterhand an.

„Wirklich“, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. „Manchmal weiß ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte von der Welt!“

Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell sinken und ging flammend aus dem Zimmer.

Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen, das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war.

In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten. Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb abwehrend, halb zugreifend.

Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.

Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen.

Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie.

Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war, legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen.

Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte, erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis.

Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg, aus dem vagen Gefühl heraus — die zwanzig dort verlebten Jahre, seine Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit zur Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten.

Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. „Sie!“ rief er plötzlich, „wenn der Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte — nur um mich zu erschrecken!“ Und beugte sich zu der Dame. „Deshalb habe ich ja auch an den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt worden sind, an den Galgen. An den Galgen!“ flüsterte er.

Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen dünn Sturm bimmeln und sah auf der Landstraße zwei Männer mit Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte, die ihm etwas zuschrien. „Das wird wohl niederbrennen“, sagte Oldshatterhand bedauernd und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über einen schwarzen Acker auf den Brand zustolperte.

In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen, floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und fürchtete die alten Augen seiner Mutter.

Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht.

Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern verlöscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den Kopf ein, da er die Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur verächtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen hinaufzusteigen.

Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg.

Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine Stiefel und begann auf und ab zu gehen.

Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte näherten sich. „Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. Hohaho!“ hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem Eisklumpen.

„Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben springen können“, antwortete der bleiche Kapitän.

Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte den Wachtposten dunkel sprechen.

Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand, auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den Rasen.

Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern hatten sich zu den Mädchen gesetzt.

„Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich beim erstenmal.“

„Hohaho! Eine Maß.“

„Auf Ehr?“

„Allemal!“

„Also, ihr seid Zeugen.“

Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den Mund gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen sein Herz trafen.

Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig zwischen die Zähne zu bekommen, damit er sie halten konnte.

Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst, gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein Schlauch schrie. „Angstorschel!“ sagte der bleiche Kapitän, stülpte die Lippen nach außen und setzte sich neben seine Braut. „Na, Schreiberlein? Deine Maß ist futsch.“

„Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . . Liesl, gehst du mit?“

„Aber nein“, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob seine Hand unter ihre Hände.

Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.

„Aber paß auf darauf“, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte sein Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn dann doch an Falkenauges Wange lehnte.

Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen, und hatte den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein Knabe zu lächeln. „Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie“, flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so stark, wie wenn er die Räuber nie gekannt hätte. „Ich bin nicht so wie die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht“, flüsterte er. „O Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht . . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . . oder ins Wasser.“

Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut zu. „Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. Er ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.“

„Meine Pfeife — brennt sie noch? — ist aus derselben Fabrik. Ich hab mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.“

„Mit Futteral?“

„Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in mein G’schäft, und der Sattler Grumbe näht mir’s zusammen. Kost zwanzig Pfennig, das ganze Futteral.“

„Und der Vogelstutzen?“

„Siebenundsiebzig Mark fünfzig.“

„Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.“

„Er hat doch Silberbeschlag.“

„Vielleicht erschießt du mich dann damit“, sagte das schmale Mädchen gedehnt.

„Ja, was glaubst du denn.“ Falkenauge lachte. „Hast du Angst? . . . Ich schieße nur auf Ratten.“

„Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl“, sagte der Schreiber, legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als er die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond.

Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen zuckten. „Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden“, flüsterte er unzählige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum.

„Schläfst du?“ fragte der bleiche Kapitän seine Braut.

Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm.

„Ich glaub, ich hab geschlafen.“

„Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter“, hörte Oldshatterhand den bleichen Kapitän sprechen und horchte.

„Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was gehört von ihm.“

„Der Duckmäuser?“ rief der Schreiber lachend, „wo wird der sein — ich sag, der ist irgendwo Kirchendiener.“

Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen der Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in seltsamer Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem „Käppele“.

Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient.

Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem, endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum „Käppele“ in die Höhe führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den Augenlidern, um Tränen zu bekommen.

Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes, ewiges Licht.

Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte Gefühl, Winnetou könne ihn retten.

Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus hängt.

Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt.

Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: „So spät in der Nacht darf ich kein Brot geben“, und sah zugleich das helle Stück Brot, das Winnetou reichte.

„Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?“ fragte Oldshatterhand und nahm das Brot.

„Michael, du bist’s? — — — Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der Mauer.“

Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich, zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum „Käppele“ hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen. Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: „Nein, nein!“

Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden.

Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: „Michael! . . . Wo bist du?“ und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.

„Der Hund lebt noch immer?“ fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme und hatte sagen wollen — Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat. Hilf mir.

„Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?“

„Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.“

Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und tappte nach.

Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. „Michael, jetzt sind wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.“

„Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?“

„Warum sagst du Weichpfotenmönchen?“

„Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . . und dann Italien.“

„Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei . . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen wollten . . . Ich denke oft daran zurück“, sagte Winnetou und lächelte heiter.

„Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren Maßstab.“

„O Gott!“ Winnetou war aufgestanden. „Du bist krank!“

„Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist das!“ schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.

„Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm“, bat Winnetou ängstlich und zärtlich, „ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt dir etwas und hilft dir.“

„Ich war draußen in der Welt! In der Welt!“ schrie Oldshatterhand lachend. „In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett sehen sollen“, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine Lippen zuckten vor Scham . . . „Tun dir die Mönche denn gar nichts? . . . Irgend etwas Grauenhaftes.“

„Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.“

„Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du’s nicht? Ich bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.“

Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.

Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand auf.

„Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe Zeit. Komme wieder, bitte.“

„Morgen um diese Zeit“, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg Christi hinunter.

Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.

Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. — Das Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war und frei und kühl atmen konnte.

So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten, durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der Verheißung am Horizont — bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und an dessen Stelle Oldshatterhand — zum Fremden wurde, und sichtend zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem Bett saß.

Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: „Warum bist du denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt hast?“

„Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!“ schrie der Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: „Aber sieh doch die kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.“

Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: „Du bist feige. Du weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür verachten — weil sie Lügner sind —, wimmerst du, denn ohne die Achtung der Lügner kannst du nicht leben.“

„Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt’s so grauenhaft viele Kirchtürme, die alle die Achtung sind.“

„Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen, sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin allein.“

„Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.“

„Wie kannst du uns sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir: solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden, stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander — den haben wir niemals verachtet. Und der Vater ruft — das ist mein Sohn. Jesus Christus trug sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel. Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.“

„Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge, und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz . . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner werden wie sie, sondern Etwas werden.“

„Es gibt nur zweierlei — lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.“

„Ja!“ stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten nach dem alten Revolver aus dem „Zimmer“, der auf dem Tische lag. „Meine Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter“, flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele — er wird versagen —, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft „I . . . . . i!“ und hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen. Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt. Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot, noch ein Fenster öffnete.

Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer. Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte Gesichter.

Die Wirtin kam gesprungen — — — sah einen Fremden klar und ruhig die Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ, sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um ein Hindernis herum auf sie zuschoß.

Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster, schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen droht.

Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.

In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand, daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt worden sei.

 

Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt. Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht.

Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die Frühlingssonne abzuhalten.

Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm.

Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein. Der Anatom zog das weiße Tuch weg.

Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche reichten.

Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. „Wir nehmen heute Arm- und Gesichtsmuskeln durch.“

Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein paar schnelle Striche.

Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen aufmerksam zu.

Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die Leiche den Mund. Es war sehr still. — Warum ist dieser junge Athlet gestorben, dachte der Fremde.

Der Anatom zog an einer anderen Sehne — und die Leiche streckte die Zunge heraus. „Kemmerich!“ wandte sich der Anatom an das lebende Modell, einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte an der Leiche die Lage der Muskeln.

Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten.

„Es ist eine Freude zu leben“, sagte ein Maler zu laut in die Stille hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß er den Satz gesprochen hatte.

Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und eine verdeckte hereingefahren. „Hier haben wir einen jugendlichen Akt von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen“, sagte der Anatom und zog das Tuch weg.

Der Fremde stand langsam auf. „Das ist meine Leiche“, flüsterte er. „Geben Sie mir meine Leiche.“

Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.

„Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet“, schloß der Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. „Und es ist erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.“

Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim Erblicken Oldshatterhands.

„Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden“, sagte Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. „Mnja, da kann man jetzt nichts mehr machen.“

„Weißt du“, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, „erschießen hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben — war nur gerecht . . . Gerecht!“

In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie bestimmt worden sei.

An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild. Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.

Zehntes Kapitel

Zum schwarzen Walfisch von Askalon“ hatte der bleiche Kapitän die Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme, als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden war.

Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den ganzen Tag glückselig herum.

Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der „Schönen Mainaussicht“ war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden waren.

Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das für Hammel und Rindviecher seien.

Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt. Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint, es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt.

Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub „Kanonenrohr“, der Radfahrerklub „Um die Welt“, die Rauchgesellschaft „Vesuv“, die streng auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.

Der König der Luft hatte dem „Turnerbund Jahn“ eine Akrobatenabteilung angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des „Turnerbundes“ einen bedeutenden Ruf genossen.

Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub „Walfisch“ an, war Mitglied des Gesangvereins „Zwischen grünen Bäumen“ geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des Vogelstutzenklubs „Löwenjagd“ und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.

Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige Geschäftsfrau war und sehr resolut.

Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur, weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte, sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: „Mein Mann spricht genau so wie der Bürgermeister von Bamberg.“

An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet: den Skatklub „Bargeld lacht“, der fünfundzwanzig Jahre später, als der Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand.

 

Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.

Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um nach ihm. „Ah, Herr Baron“, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb stehen und blickte ihm mit großen Augen nach.

Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher, und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die Ziehharmonika.

Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde, rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.

Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der „Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen“ trat.

Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten. Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer.

Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend, schritt er aufrecht weiter.

Vor dem „Spitäle“ blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.

„Grüß Gott, Herr Lehrer“, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen — es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte nur noch nicht recht, wer die Gauner waren.

Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf „Zum schwarzen Walfisch von Askalon“.

„Mit ’n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht“, sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren versammelt.

„Er is halt ein Rindvieh“, sagte wütend Falkenauge, der durch das verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte. „Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will’s nit glaub.“

Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben, übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch.

Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten Kinde in der Hoffnung.

„Herrgott! Else! wieder ein Glas!“ rief der bleiche Kapitän der blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie lächelte immer und hatte verklebte Augen. „No, jetzt bin ich aber doch g’spannt . . . Solo!“ schloß er, stülpte die Lippen nach außen und fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht.

Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang auf den Stuhl neben dem Fremden.

„Das wird mir aber auch noch ein Solo sein“, sagte der Schreiber, zog die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. „Und Trumpf!“ rief er und lächelte sicher.

Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte liegen; die Karten flogen immer schneller. „Das hamm wir jetzt g’sehn, was das für ein Solo war“, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene Geld in sein Tellerchen.

„No, Else, wo hast denn dei Auge!“ rief er und wies auf den Fremden. Die Kellnerin füllte das Glas.

„Else, wir trinken auch noch eins“, sagte der Schreiber und legte den Arm um die Taille der Kellnerin. „Ein saubers Mädle bist.“

Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm.

„Pssss, wssss“, machte der Fremde leise zur Katze.

„Schläft der ganz Kleine denn?“ fragte der bleiche Kapitän und gab die Karten.

„Was wird er denn sonst tun“, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand.

„Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.“

„Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.“

„Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.“ Er stülpte die Lippen nach außen.

„Sei still. Da, hast dein Sohn.“

„Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.“

Die Witwe Benommen strahlte.

„Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.“

„Da! hast’n!“ rief wütend der König der Luft.

Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder, großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. „Ooooskar!“ brüllte der Matrose. „Seid ihr alle da!“

„Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!“

„Haargott!“ riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen.

„Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!“ stotterte der Duckmäuser und blieb auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. „Pf . . . Pf . . . Pf . . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!“

„Also, also aber und! Du bist am Geben“, sagte grimmig der König der Luft. Er war im Verlust.

„Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!“ riefen alle durcheinander.

„Setzt euch da rüber an lange Tisch“, sagte der bleiche Kapitän, und zum Fremden gewandt: „Sie erlauben doch.“

Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite. Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und schüttelte lächelnd den Kopf.

„Bring a paar Maß Wein!“ rief der Schreiber.

„Ich zs zs zs zs zahl alles!“ brüllte der Matrose. „Sssssauft!“ Und schüttete ein Glas Wein in sich hinein. „Sch . . . Sch . . . Schreiber, alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!“

„Herrgott, wer hätt das gedacht“, sagten die Räuber und sahen still und betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen zurückgezogen.

„Warst du weit?“ fragte einer.

„Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!“ Er breitete weit die Arme aus.

„So einer, immer war er so still“, sagte die Witwe Benommen. „Man hat gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.“

„Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?“ Er leerte sein Glas und konnte dann fließender sprechen. „Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma . . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi . . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www . . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen — www . . . er me . . . meldet sich? — und ich hab um mich . . . um mich g’haut, und bin tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? . . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!“ brüllte er und reckte, mit dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.

„Kommt ihm nur nit mit’n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst“, sagte die Witwe Benommen. „Er trinkt e bißle zu viel.“

Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach rückwärts. „Ein deutscher Seemann ist trinkfest.“ Der bleiche Kapitän stimmte die Gitarre.