„Stehlen, morden, huren, balgen,
Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum laßt uns heute lustig sein.
Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!“
Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das gläserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän sang gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte pathetisch. Jeder der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam Oldshatterhand, der sich sehr frei fühlte, denn beim Singen stotterte er nicht. Um über seine Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mädchenstimme.
Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen die Schulter der Roten Wolke.
„O Felli“, sagte müde Winnetou.
„Sprich.“
„Es ist Zeit, Hauptmann.“
„Auf morgen denn“, sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank auf die Brust.
Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf.
Das Wasser im Fischkasten gluckste.
Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase, aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im „Zimmer“ herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe:
„Das Wehgeheul geschlagener Väter,
Der bangen Mütter Klaggezeter,
Das Winseln der verlaßnen Braut
Ist Schmaus für meine Trommelhaut.“
Die Räuber hatten das „Zimmer“ verlassen, den Verschlußstein wieder sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen.
Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins raschelnde Laub.
Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.
„Da liegt ein Hobel“, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der Räuberrunde.
„An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war der Hobel noch nit dort gelegen.“
„Wie kommt er überhaupt daher.“
„Ein schöner Hobel ist es ja.“
„Was ham wir davon!“ riefen ein paar gleichzeitig.
„Wenn uns jemand ausspioniert hat — no, dann geht’s uns krumm.“
Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet.
„Dann sind wir verloren!“ rief die Rote Wolke pathetisch.
Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste. „Was heißt denn das . . . verloooren!“
Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. „Es wird heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete die gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.“
„Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal heim“, riet der bleiche Kapitän. „Den Hobel nehm ich mit, für unsre Vorratskammer.“
Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg hinunter.
Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden hinunter.
Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder.
Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.
Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft umher und sang leise: „Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der bangen Mütter Klaggezeter“, öffnete die Wohnungstür — da läutete die Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über.
Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und Beinen.
Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen, so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.
Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen.
Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im Wirtschaftsgarten.
Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen.
Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die „Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen“ los. Gleich darauf klang sein Schimpfen bis auf die Straße heraus.
Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln, paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter Kirche. Die Sonne schien. Glocken läuteten.
Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff: „Nieder mit der Tyrannei“, und machte leise: „Pst“, worauf die rot- und weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte, den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.
Sonst blieb alles unverändert.
Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. „Di di di di quiridi“, trillerte der Kanarienvogel.
„Pst“, machte Oldshatterhand.
Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen Ausgang heute.
Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich zur Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt war, und erstattete Bericht.
Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe.
Entschlossen trat er ein.
„Haarschneiden — Herr Benommen?“
„Nein . . . Heute nur rasieren.“
„Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man wird alt“, sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte Haut des Hauptmanns gleiten.
Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht geschnitten habe.
Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die Räuber grüßten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den Hutrand und lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune. Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter.
Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.
Ein schneidender Pfiff ertönte: „Nieder mit der Tyrannei“, und heftiges Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der Schreiber nachgerast.
Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt.
Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und betrachtete dabei die Würste im Schaufenster.
Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser hörte auf zu kauen.
„Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann“, sagte der Schreiber. „Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.“
„Der Jud Meierheim soll’s getan haben.“
„Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud getan hat . . . du Rindvieh!“
„I . . . i hahaha!“ wieherte der König der Luft.
Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.
„Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen“, rief der Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken bemerkt, dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt über dem Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt, blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel und ließ das Grauen der Räuber auf sich wirken.
„Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!“ sagte überzeugend der Schreiber.
Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst.
Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen.
Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen — ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse.
In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: „Drei Mark demjenigen aus dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß ich ihn überhole.“ Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart.
Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl. Sie war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller in der Hand.
Der bleiche Kapitän sah seine Leute an.
„Hohaho! Das machst du, Hauptmann.“
Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln zuckte über sein Gesicht.
Da trat er in den Raum.
Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor- und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.
Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die begeisterten Draufrufe seiner Bande.
„Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!“ rief der rote Fischer.
Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.
Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen Augen, wenn man nicht gab.
Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um. Und war weg.
Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und überholte, unter knallendem Gelächter des Publikums und besessenem Draufgebrüll der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren Runde vollkommen erschöpft aufgab.
Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz.
Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen Menschensaum entlang.
Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter. Ohne Atem stieß er hervor: „Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.“
„Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.“
„Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.“
„Aber eine halbe Stunde hast du’s doch ausgehalten“, sagte der Schreiber, mit der Uhr in der Hand.
„No wart nur, bis er wieder einmal läuft.“
„Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt’s warmen Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem Backofen raus.“
„Ich hab kein Geld“, sagte Oldshatterhand.
„Aber ich!“ rief der Schreiber. „Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr für die Reparatur verlangt.“
„Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.“
„Er erfährt’s aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so. Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie’s jetzt schon gewöhnt ist, daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.“
Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und bleich.
Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte. Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen.
Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und sagte: „Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.“
Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen weintrinkenden Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. „Petroleum? . . . Ja, was wär denn das.“
„Versuchen Sie ihn nur selber.“
„Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum“, sagte Herr Schlauch erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend.
„Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!“ sagte der bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. „Wahrscheinlich ist die Petroleumkanne daneben gestanden.“
„Wa wa wa wa wa!“ schrie der Bäcker aufgeregt. „Das gibt’s nit!“ Und schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum.
„Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt einmal den andern Platz an.“
Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen hinaus.
Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in den Kuchen . . . „Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum“, sagte der Schreiber nach einer Weile.
Der Bäcker wurde dunkelrot.
„Ich schmeck nix“, sagte der König der Luft mit vollem Munde und schluckte hastig.
„Du bist halt ein Rindvieh“, flüsterte der Schreiber . . . „Also, Herr Schlauch, das gibt’s doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken darf . . . da müssen Sie uns doch recht geben.“
Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander und sagte endlich zu seiner Frau: „Da, versuch du einmal den Kuchen.“
„Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach Petroleum.“
Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.
„Machen Sie auf!“ Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . „Da gehn wir ganz einfach in den Laden.“
„Ich nit. Mein Vater sitzt drin“, sagte Oldshatterhand bedauernd und verschwand.
Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein.
„Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt“, begann der Schreiber. „Jesus, wenn sowas bekannt wird!“
Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das dichte Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die Ränder der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete.
„Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten“, sagte der Schreiber sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen.
Der bleiche Kapitän drängte sich vor. „Genau betrachtet, müssen Sie uns unser Geld zurückgeben, natürlich.“
Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen, verglich der Kapitän: „Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden Schwartenmagen verkauft, muß sie’n a zurücknehm. So was ist doch ganz klar. Ich versteh Sie wirklich nit.“
„Also und, also da hinten hockt er“, flüsterte plötzlich der König der Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. „Also und, ich geh.“
Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.
Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen waren, und rief: „Das ist mein junger Zwetschgenbaum!“
Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte, nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende Gemüseabfälle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt. Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von Haselnußsträuchern umstanden.
Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig zur Seite und ließ es zurückschnellen. „Es hat schon ziemlich viel Kraft.“
Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war.
„Wie lange braucht’s, bis was dranhängt“, sagte Winnetou bedauernd und drückte das Stengelchen auch zur Seite.
Oldshatterhand sah es schon als Baum: „Alles, was er trägt, gehört mir und dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut.“
„Es braucht auch viel Sonne und Regen.“
Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein bei dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien; seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: „Wenn ich dann einmal zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre . . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden, der gestützt werden muß.“
„Wir könnten’s eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?“ fragte Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück.
Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. „Wollen wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt“, sagte er und war auf einmal fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an.
„Wirklich, das düngt“, beschwichtigte Winnetou.
„Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann’s ihm eigentlich nit“, sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem Gesicht.
Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen.
Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites, verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, worauf sie erhitzt nach Hause eilten.
Zweites Kapitel
Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im „Zimmer“ wurden zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.
Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras.
Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. „Was glaubt ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist erschossen worden.“
„Oh, halt doch’s Maul!“
„Da hockt er ja“, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou.
„Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern“, rief der bleiche Kapitän wütend.
„Winnetou ist tot?“ fragte Winnetou leise. „Das ist nicht möglich. Wie soll denn das passiert sein.“
„No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle, die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.“
„Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in so einem Augenblick nit da sein?“ fragte Winnetou erregt.
Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den bleichen Kapitän geheftet.
„Das ist’s ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist er in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten, sondern geflogen auf seinem ‚Rih‘. Und ist halt doch grad um ein paar Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt ihr les’ . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt’s: Hundertmal hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt muß ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.“
Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen sahen, die Höhle, in der Winnetou verschieden war.
Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren — aber am äußersten Ende, da, wo Prärie und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner, schwarzer Punkt — schußbereit.
„Da kann man jetzt nix mehr mach“, sagte der bleiche Kapitän und reckte sich auf. „Aber fürchterliche Rache hat er geschworen.“
„Leih mir das Buch bis morgen“, bat Winnetou.
„Das geht auf kein Fall. Ich hab’s selber noch nit ausgelesen“, wehrte der bleiche Kapitän ab.
„Morgen früh geb ich dir’s wieder zurück.“
„Morgen früh muß ich’s ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du’s gleich les . . . Wir gehn jetzt in die Weinwirtschaft ‚Zum Lochfischer‘. Kommst halt nach, wennst’s ausgelesen hast.“
Winnetou griff nach dem Buch.
Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen.
Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. „Ich muß erst die Stiefel vom Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da . . . Geh mit“, sagte er zum König der Luft.
„Hn!“
„Der frißt dich doch nit.“
„Also hopp! Also wenn du meinst.“
„Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis wir nüberkommen?“ fragte der König der Luft auf der Treppe.
Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. „Das ist fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.“
„. . . Verlangst du mehr für die Stiefel?“
„Sei doch still.“
Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich’s bequem gemacht. Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem Kanapee hing.
„Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig kosten die Stiefel.“
Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös mit den Daumen.
„Schon fertig?“ Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief blaurot an. Dabei preßte er hervor: „Drei . . . Mark . . . neunzig?“
„Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.“ Der König der Luft blickte starr vor sich hin.
Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke, schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem Daumen auf das Oberleder. „Die sind wieder fest beisammen . . . Richt einen schönen Gruß aus an deinen Vater“, sagte er und zog den Geldbeutel.
„Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag“, sagte der Schreiber auf der Treppe. „Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.“
„Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.“
„Was glaubst denn, da wär er drauf komme.“
„Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.“
„Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen hab ich eine Mark siebzig dran verdient.“
„Hn!“
„Eine Mark siebzig.“
„Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.“
„Geb halt das Geld erst später dein Vater“, drängte der bleiche Kapitän vor dem Hause. „. . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber, daß eine Rettung absolut nit möglich war“, sagte er zu Winnetou, der stehend las. „Also, jetzt gehen wir zum ‚Lochfischer‘ . . . Komm aber, wennst’s ausgelesen hast!“ rief er Winnetou nach, der „Ja, ja, sicher!“ rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging.
Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und wollte in sein Zimmer schleichen.
Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: „Da komm mal her!“ Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus baumelte an ihrer Brust.
Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör standen auf dem Tisch.
„Wo hast du das Buch!“ rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen.
„Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!“
Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein und schlug das Kreuz.
„Nun?“
Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. „Gelobt sei Jesus Christus.“
„In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?“ fragte der Kaplan und nippte vom Likör.
„. . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden verzeihen.“ Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor.
Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: „Oldshatterhands Eisenfaust hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der rote Mann tot zu Boden.“
Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.
„Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.“
Frau Steinbrecher wurde blutrot. „Von wem hast du das Buch!“
„Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.“
Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. „Morgen gehe ich mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!“
Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.
„Wird’s bald!“
Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand vorstreckte.
„Jetzt komm!“ rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos das Zimmer. Die Tür verschloß sie.
Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die zart errötend ihm die Hand überließ.
Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.
Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter, daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen trockneten. Die Gesichtshaut spannte.
Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: „Dort . . . dort.“
Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.
Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem Wagen gelegen und eingeregnet worden.
Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim „Lochfischer“ versammelten Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.
Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren ging.
Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze Südwand des Hauses bedeckte.
Die Räuber hatten sich beim „Lochfischer“ um einen langen Tisch herumgesetzt.
Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke streifte.
Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte.
Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte.
Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond, mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte. Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil sie ihm den Namen „Duckmäuser“ gegeben hatten.
Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden.
Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: „Nooo, seid ihr auch wieder einmal da.“
Die Räuber lächelten befangen.
„Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir’s Wasser so versaut.“
Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: „No, wo wird’s herkumme, d’r Michl läßt halt ’n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.“ Er drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu den Räubern. „Was wird’s sei, d’r Drääk vo d’r Färberei is.“
„No, da soll aber doch weeß d’r Teufl was alles neischlag! Läßt der Hammel sei Farbsoß wied’r ins Wasser läff? Wied’r?“
„Jau“, winkte der Wirt ab, „die alte G’schicht . . . Grüß Gott, meine Herrn.“ Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf seitwärts zum Fischer hin: „Die alte G’schicht! . . . No, Herr Vierkant, wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.“
Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. „Ich weiß nit, wo er is.“
„Ein guter Tropfen“, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen.
Der Wirt lächelte. „No, Herr Widerschein.“ Er legte dem Schreiber die Hand auf die Schulter.
„Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat“, sagte der Schreiber sehr schnell.
„So, so . . . No, lasse Sie sich’s nur schmeck, mitnander . . . Gretl! ’n Herrn Widerschein sei Glas is leer“, sagte der Wirt und ging nach hinten zu seinem Schanktisch.
Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. „Beim ‚Lochfischer‘ müssen wir Stammgäst werden“, sagte der bleiche Kapitän. Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: „Hören Sie mal, kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?“
Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an, deutete auf einen Stuhl: „No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche“, und wandte sich zurück zum Tisch.
Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. „Die hab ich ihm erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten“, flüsterte er. „Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei Schuh bei mein Vater mach.“
Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke, sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: „Enormjemütlich!“ und las laut den gerahmten Spruch an der Wand:
„Ob ich morgen leben werde,
Weiß ich freilich nicht,
Daß ich aber, wenn ich lebe,
Trinken werde, das ist ganz gewiß.“
Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und begann an einem roten Strumpf zu stricken.
Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte. „Isterfrisch?“
„He?“
„Ist der Fisch frisch?“
„No, wenn Sie ’n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er Ihne schlecht“, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden Karpfen unter die Nase.
„Was glaubt denn deer“, sagte der Schreiber laut.
„Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke“, meinte der Fischer.
„Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da. Größter Seifenverbrauch usw.“
„No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is? Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.“
Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann, der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend an. „Was hat denn der Verrecker“, rief Johann Jakob Streberle und lachte, wobei „zs-zs“-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen geschlossen. „Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin wir schö derhem gebliebe. Nit amal ’s Geld hätte mir g’habt. Besuffe sin sie a no.“
Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.
„No, was mi angeht“, antwortete der Fischer, „i hab’s grad so gemacht . . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho ’n Arsch aushaue, wenn’s nöti is. — I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle, weil’s mit der Brautschau Wasser war.“
„No, allemal!“ rief der Schreiber.
„O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will“, sagte der Glasermeister speichelspritzend.
Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise auf der Gitarre. „Doch! Jetzt singen wir“, flüsterte er. „Hopp!“
„Gretl, noch ein Maß“, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte.
„Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer“, sang das blonde Mädchen.
„Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung“, sagte der Berliner.
„O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!“
„Einfach weil’s Wasser war mit der Brautschau“, sagte plötzlich der Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von „In einem kühlen Grunde“ unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten Glasermeisters: