„Johann Ja—a—kob Streeeberle,
Johann Stre—e—berlee — — —“
die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte, gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen durch und blickte wütend zu den Räubern hin.
„No, jetz is aber genug“, sagte der Wirt und lächelte vergnügt.
Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: „Also hopp! . . . Los!“ Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher Mädchenstimme: „Nieder mit der Tyrannei!“ Worauf die anderen sofort einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ:
„Hoch leb die Anarchie!
Es lebe der Achtstundentag,
Die Ruh, die Republik!“
Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. „Bezahle Sie doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . . Die ham sowieso scho genug auf’n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, Bürschli“, schloß er geheimnisvoll.
„Was wolle denn Sie von uns“, rief der Schreiber.
„Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.“
„Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.“
Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. „Pst! Sei still!“ flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. „Wißt ihr, was auf dem Hobel steht?“
„Auf was für’n Hobel?“
„Aha! Hat’s euch scho?“ rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.
„No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf’n Schloßberg g’funde ham. J. J. St. steht darauf“, flüsterte der bleiche Kapitän. „Der Hobel gehört dem Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg’schnüffelt.“
Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum Glasermeister hin.
„Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix g’sagt hab.“
„Sie wisse nix . . . gar nix“, sagte der Schreiber.
„Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul“, flüsterte der bleiche Kapitän.
Der Glasermeister schnellte in die Höhe. „Sooo . . . ihr habt mein Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!“ Er sprang an den Räubertisch.
„Wolle Sie was von uns!“ Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.
Da trat Winnetou ein.
Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.
„Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie, was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie“, sagte Winnetou laut und setzte sich.
Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. „Ruh jetzt! . . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute in Ruh.“
„Ihr Gauner!“ Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll sah der Wirt den Glasermeister an. „Setzen Sie sich auf Ihren Platz . . . Dort ist Ihr Platz!“ sprach er hochdeutsch.
„No ja, aber hat’s denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . . Wir Männer — — —“
Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.
Auch die Räuber setzten sich.
Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit ihm eilig die Weinstube.
„I wer mir mei Gäst vertreib lasse.“
„No, jetzt sage Sie selber.“
„Streberle, i will gar nix wiss.“
„Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein“, fragte der Berliner den Fischer.
„Das is ’n Widerschein seiner.“
„Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.“
„Ja, Berliiiiiiin!“
„Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . . Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.“ Der Berliner nahm sein Glas in die Hand.
„Was? . . . Erhööööhen?“
„Flecke auf die Absätze.“
„Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.“
Der Schreiber horchte gespannt.
„Aber hörn Sie mal!“ Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne getrunken zu haben. „Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip . . . Ich bin Reisender.“
„Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch hab.“
„Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.“
Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem Stuhle herumrutschte. „Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.“
„Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit — reelle Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.“
„Ja no, das Solide is no alleweil das beste.“
„I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln“, sagte Johann Jakob Streberle und erhob sich.
„’n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch rauskrieg, was er vor hat“, sagte der bleiche Kapitän, als der Glasermeister gegangen war.
„Solide — reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit dem Kriege siebzig/einundsiebzig.“
„Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind in einem Dorf gelege — —“
„Hör’n Sie mal!“ unterbrach der Berliner: „Die Preußen — — — — —“
Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: „Mir ist jetzt alles gleich“, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die Augen und rief streng: „Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am heiligen Sonntag zu arbeiten!“
„Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine“, rief erbost der Schmied.
„Hau mal her!“
Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.
„Hau no mal her!!“
Er hieb ihm wieder eine herunter.
„Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!“
Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und ging in seine Werkstatt zurück.
Die Räuber gingen die Straße vor bis zum „Spitäle“. Alle waren etwas angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts nachdenklich nebenher ging.
Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr.
„Ich hab’s euch ja g’sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab’n genau g’sehn.“ Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und deutete zur Festung.
„Hast halt auch amal was g’sehn“, sagte der ernüchterte Schreiber.
„Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!“ rief der bleiche Kapitän. „Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie’s Maul halte, kriege Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget . . . ich weiß ja gar nit, was da wär.“
Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.
„Wollen wir nicht lieber ins ‚Zimmer‘“, fragte Oldshatterhand. „Wir zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.“
„Hohaho!“ rief der Schreiber. „Oldshatterhand hat Angst, in die Wirtschaft zu gehen.“
„Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?“
„Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?“
„Kerzen? — Kerzen haben was mit Indianern zu tun.“
„Also der spinnt!“ Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust, und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend, erhaben die Hände gegen den Knochen aus.
Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie, eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen wieder auf das Pflaster.
Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung. Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen — und rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.
Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.
Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete Ergriffenheit.
Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.
Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger, frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung.
Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn.
Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging er den Räubern nach.
Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in „Wilhelm Tell“, und schloß ärgerlich: „Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.“
Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar, das in die einzige Droschke stieg.
Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb zurückweichend stehen. „Und frei erklär ich alle meine Knechte!“ rief er und breitete die Arme aus. „. . . Vorhang.“ Sein Mund blieb offen, rund und schwarz.
„Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.“ Alle redeten auf ihn ein.
„Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie’s treiben!“
„Was ist ohne Beispiel?“
„Wie sie’s treiben!“
„Jetzt halt doch’s Maul!“
„Theater! Theater! . . . Diese Pracht!“
„Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten kann.“
„Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . . Aufruhr! Mut! Freiheit!“
„Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen nur zusammenhalten.“
„Wir halten zusammen!“ rief die Rote Wolke begeistert.
Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem „Eckertsgärtle“, anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän für alle zusammen eine „Liesl“ Bier bestellte, einen hohen Krug, der zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe einer Hand zu trinken die Ehre verlangte.
Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst kein Spiel zustande käme.
Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden Schlange zuflüsterte: „Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen. Vielleicht den ersten!“ Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige eingesetzt.
„Der andere kommt!“ rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.
„Das brauche Sie doch bloß zu sagen.“
„Ich hab’s ja g’sagt.“
Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder, rief: „Weg da! Weg da! Weg da!“ auch wenn ihm niemand im Wege stand, mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum, schleuderte sie hinaus — und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen. Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal: „Die Dreckbahn fällt nach links ab“, wenn er nichts getroffen hatte.
Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit einer Hand aus dem Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.
Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte, waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.
Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den Hobel auszuliefern gedenke.
Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.
Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem Schmied erregt zu: „Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau. Sie Lügenbeutel!“
Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann, vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand — die Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber. Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im Menschenknäuel.
Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie — Scherben. Der Schreiber wankte. Falkenauge griff sich ins Gesicht — und griff ins Loch; durch einen Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn hinaus.
Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen, hinaus zu seinen wartenden Kameraden.
Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging hinaus zu den Räubern.
Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die Räuber wieder vor der Gartentür einfanden.
Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.
„Bring auch mein Auge mit“, bat Falkenauge.
Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn — und wurde schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen, traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke, während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre gewonnenen Preise verlangten.
Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber verschwanden.
Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des Schreibers Hand ruhte darauf.
„Und unser Preis ham wir auch nit“, sagte der bleiche Kapitän.
Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. „Nur fünfzig Pfennig übern Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater laufe. Ich kann’s ihm ja zurückgeb, wenn er’s will.“
„Hättst dei Maul nit so gewetzt“, rief der König der Luft Oldshatterhand zu, „dann hätten wir jetzt unser Preis.“
„Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!“
„Darauf kommt’s ganz allein an“, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme, stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main. „Der Schub war gültig.“
„Und das ist die Hauptsache!“ rief der bleiche Kapitän. „Das wär noch schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g’fall ließeten. Wenn doch der Schub gültig war.“
Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll: „Der Trainsoldat war’s.“
Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten kalt und gemessen fragte: „Heute hat doch Leutnant von Platen Kasernendienst?“ und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte, erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen.
„Horch, wer zieht so still und leise
Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.
Ach, es sind die armen Briten,
Die so manchen Stoß erlitten.
Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.
Plötzlich bleibt die Truppe stehen,
Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.
Seht sie kämpfen, seht sie streiten,
Durch des Feindes Mitte reiten
Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!“
klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der Kneipe.
„Leih mir zwölf Pfennig“, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.
„Ich hab ja selber nimmer genug.“ Er lieh ihm aber sogar vierzehn Pfennige und sagte: „Die zwei gibst Trinkgeld.“
In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des ganzen Krieges ein gutes Geschäft.
Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.
In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der Wand spielte, viele Töne auslassend:
Sah’ ein Knab ein Röslein stehn — — —
Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann, mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.
Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger zur Türe wies: „In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin poussiert! Merk dir das!“
Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit übertrieben gleichgültiger Miene.
Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: „Gehen Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.“
Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht verschönte.
Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße, schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine, altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein — da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben.
Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe Benommen.
Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. „Gott, daran kann ja gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.“
„Wo das Recht ist, ist der Sieg“, sagte die Rote Wolke und hob die Hand.
Der Schreiber sagte ernst: „Ex!“ trank sein Glas leer und reichte es gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren der Räuber nicht unterdrücken konnte.
Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„In meiner Wirtschaft gibt’s das einfach nit“, sagte unwirsch der Wirt und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab.
„Ja, in deiner Wirtschaft“, sagte die Witwe Benommen hämisch. „Was willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed’n rumschmier läßt.“
„Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.“
Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.
„Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich kann mich ja nit rühr in der Schenk.“
Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in ihrer Wirtschaft beobachtete.
Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. „Das ist er!“ Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die Hand reichte. „Der war’s“, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein blutiges Vorhemd.
Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker, überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: „Stellen Sie mal ein kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.“ Er hielt sich zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten, entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen Hemdkragen trug.
Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den Tisch und rief: „Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa! Ja.“ Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, schmalen Bart entlang.
Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf sie ausüben.
Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen wünschten.
„Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!“ rief der Schreiber plötzlich der Kellnerin zu.
„Kannst sie denn bezahl?“ fragte erstaunt der bleiche Kapitän.
„Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho angerissen.“
„Mein Lieber, was machst denn da jetzt?“
„Ich geh halt heim . . . und halt’s aus. Da kann man jetzt nix mehr mach . . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.“
Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.
Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog.
Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen:
Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.
Sie flohen heimlich von Hause fort,
Es wußt’s weder Vater noch Mutter.
Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem Rasseln fortfuhr:
Sie sind gewandert hin und her,
Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
Sie sind verdorben, gestorben.
„In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du’s nit? Und trink e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut“, sagte der Wirt zu seiner Mutter.
Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: „Das war von Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter hat’s auch immer gesungen, als ich noch ’n kleener Junge war.“
„Der kann leicht sei Maul vollnehm“, sagte der Schreiber und beugte sich zu den Räubern. „Wenn man eine Million verdient im Jahr.“
„So viel wird’s aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das eigentlich, dahinten in der Fischergaß?“
„So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.“
Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen verschmiert war.
Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: „Daa bist du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.“
Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: „Mei eigener Bruder! Mei eigener Bruder!“
„Es is nit wahr“, sagte der Eingetretene. „Also, wenn i dir sag. I bin doch dei Bruder.“
„Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat’s mir ja selber ei’g’stande. Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!“ brüllte der Kohlenführer plötzlich laut.
Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken auf seinen Bruder: „Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin. Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir . . . Mit der eigene Schwägerin.“
Der Kohlenführer hob den Kopf. „Du sagst, es is nit wahr?“
„Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir trinke a Maß Bier mitnander“, schloß beruhigend der Sandschöpfer. „Lone! a Maß Bier für mich und mein Bruder.“
Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder sangen kräftig mit:
Die Alte war schlafen gegangen.
„Setze Sie sich und esse Sie was“, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin und lächelte.
Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort.
„Jetzt!“ rief der bleiche Kapitän.
Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter.
Vor dem „Spitäle“ stand der Soldat, summte: „Als die Römer frech geworden“, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs Pflaster.
Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel gegen den Himmel.
Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein auf den Soldaten zu und sagte: „Sie sind doch der . . . von der Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt ihr . . . He?“
Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.
„Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.“ Und plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat das Geschehene begriffen hatte, schon weg war.
Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.
Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang ins „Zimmer“ und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er seitdem verblieben ist.
„Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können“, sagte der bleiche Kapitän.
Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde stehen, wo ihre Wege sich trennten.
Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend und grünbleich Oldshatterhand. „Was hat das alles, was wir heut gemacht ham, eigentlich für einen Wert“, sagte er, und rief, plötzlich zornig, weil er den Widerstand der Räuber fühlte: „Für uns hat das gar keinen Wert! sag ich . . . Für uns nit!“
„No und der Säbel?“
„Ich geh jetzt heim“, sagte der Schreiber. „Es is einfacher, wenn ich gleich heim geh.“
Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der Schloßgasse.
Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den sammetschwarzen unterirdischen Gang ins „Zimmer“ und zündete eine Kerze an.
Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel, und sagte plötzlich haßerfüllt: „So, da hast du’s jetzt. Geschieht dir ganz recht. Ganz recht.“ Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden Glases verdreifacht unter der Vitrine lag.
Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.
Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte, kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die Mutter schießen würde. „Hopp!“ schrie er gellend und drückte ab. Es knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden.
Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen „Zimmer“ und atmete keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und schlief augenblicklich ein.
Drittes Kapitel
Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang seinen Arm nicht heben konnte.
Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war schwärzlich angelaufen.
Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt, saßen auf der Anklagebank.
Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.
Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend lachte er: „Dene Früchtli ham mir’s amal besorgt.“
Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die königlichen Weinberge zu gelangen.
Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein — des Schreibers Chef —, alle in schwarzen Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager.
Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen streng von einem Räuber zum andern. „Oskar Benommen, du sollst ja der Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt, wie war die Sache.“
Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. „Der da, der kleine Vierkant, Herr Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so frech und verdorben ist er . . . der Teufel.“
Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der Richter: „Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf und rede.“
Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war still.
„Den Kopf reißen wir dir nicht herunter“, lenkte der Richter ein.
Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: „Ja also, wir war’n halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen und da hat’s zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, und später sind wir heimgegangen.“
„Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser! Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr noch mitgenommen habt.“
„Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.“
Im Zuschauerraum war es ganz still.
„Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?“
Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult.
Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum Richter in die Höhe, sagte fein und leise: „Zuletzt waren keine Trauben mehr da“, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: „Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem König seine Trauben.“
Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: „Ich wachse noch!“
Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. „Setze dich. Und merke dir das, wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen Weinberg in Ruhe lassen.“
„Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.“
„Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . . Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.“
Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben.
„Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen, und . . .?“
„Und ham sie gegessen“, flüchtete der König der Luft eilig über die Traubenaffäre weg und fuhr fort: „Also, aber also und, dann wollte ich das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus ‚Die bleiche Gräfin oder Der Mord im Walde‘ vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber, Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.“
„Was ist das? Oldshatterhand?“
„No, Michl, also Michl Vierkant.“
„Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?“
„Also no! also natürlich, ‚Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen‘ — — —“
„Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?“
„Ja. Von Friedrich von Schiller.“
„Nun, und dann?“
„Hn?“
„Was habt ihr dann gemacht?“
„Dann haben wir registriert.“
„Wie?“
„Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.“
„Was habt ihr registriert?“
„. . . Also halt so. Also und alles.“
„Zum Teufel, also was denn!“
„Also halt einen Stallhasen.“
„Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?“
„. . . Gekauft! lebendig.“
„Und was war weiter?“
„Hell war’s!“
„Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?“
„Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.“
„Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?“
Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der Luft hatte gelächelt. „Nein, also und, sie hat mich ja nit g’hört. Also weil sie taub is.“
„Was?“
„Taub.“
„Georg Bang!“
Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu: „Also das glaubt er nit, daß sie taub is.“ Der Roten Wolke Mund stand empört offen.
„Georg Bang!“
Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau, während sein natürliches graubraun war.
„Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.“
Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult.
„Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule. Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen herauszubringen ist.“
Herr Mager stand wie ein Spazierstock. „Vorerst muß ich bemerken, Herr Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?“
„Wie meinen Sie das, Herr Mager?“
„Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle festhalten.“
„Nun . . . ich danke, Herr Mager“, sagte der Richter und erholte sich langsam von seinem Staunen.
Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das „Zimmer“ nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein Mensch in Würzburg wußte.
Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in „Der tote Mann im Keller oder Verfolgt über alle Länder und Meere“ von verborgenen Falltüren gelesen, daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken, als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war.
„Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.“
Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf Winnetou, ihren Sohn.
„Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?“
„Ich nehme keine Trauben mehr“, sagte Winnetou. Und es klang wie ein Schwur.
Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: „Ich denke, wir können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald Kletterer!“ Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und freundlich:
„Du bist eine Doppelwaise?“
„Ja!“
„Du wirst mich doch nicht belügen.“
„Nein!“
„Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?“
Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich auf und hob die Hand. „Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete die alte Stadt.“
„Wo sind die Trauben hingekommen?“
„Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.“
Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende Handbewegung zum Staatsanwalt hin. „Setzt euch. Auch du, Hans Widerschein.“
„Jawohl, Herr Amtsrichter“, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging er zurück auf seinen Platz.
Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten, die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu überweisen.
Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre.
Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine lange Rede: „Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.“
Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr: „Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.“
Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult.
„Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.“
Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich überschlagender Stimme: „Bände! spricht das schon allein. Bände! . . . Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren Mutter ist . . .“
Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der Schundliteratur.
Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte, durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten, während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war Schulstunde.
Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft „Zur schönen Mainaussicht“ auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich lächelnd auf ihn zurücksah.
„Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee“, sagte sie zu ihrem Bruder, der Kriechenden Schlange.
„Der soll sich’s selber hol“, erwiderte die Kriechende Schlange und lachte zu Oldshatterhand hinüber.
Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die den Garten der „Schönen Mainaussicht“ umschloß, traten in die Wirtsstube und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.
Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. „Auf zur Quadrille!“ rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens.
Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer, schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen aneinander.
Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie jedesmal schrill rief: „Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur e Gläsle“, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. „Tanz doch e bißle“, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen.
Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.
„Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion“, spielte der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.
Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und lächelte. „Spiel e bißle langsamer“, sagte sie bittend zum Zwerg, der sich verbindlich verneigte, „wir wolle a tanz“, und zog lachend den Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer, angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg fortwährend zuschrie: „Spiel schneller! Spiel schneller!“
Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: „Tanzen Sie nicht, meine Herren?“ und warf, ohne Antwort abzuwarten, einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief.
„Schämst dich nit, alte Sau!“ rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der Kriechenden Schlange: „Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.“
Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: „Was geht’s mich an. Laß ’n rumpantsch.“
„Tanzen Sie doch auch, meine Herren“, animierte die Wirtin. Ihr Mund wurde klein vor Freundlichkeit.
Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. „Wir wern da im Kreis rumhüpfe.“
Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.
„Gehst weg! Bankert!“ schrie die Mutter ihm zu.
„Da bleib ich“, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich auf den Schanktisch.
Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. „Schau, er kommt ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage verschwunden. Sie hat’s in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals war e bißle vom Strick geränft.“
„I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat, oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.“ Der Wirt zog einen großen Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau hinsah.
„Steck ’n ein. Sie braucht ’n ja nit zu sehn.“
„Zsssssss“, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte.
Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander auf dem Kanapee sitzen sah.
„Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug’schlage worn, weil i’s Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern“, rief er, steckte die Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. „Das muß mer halt versteh.“
Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt gestülpt hatte.
Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte, sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit.
„Hast mein Hund umgebracht?“ stotterte der Wirt, „mein Sultan.“
Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten.
Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um und rief erstaunt: „Was denn?“ Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer auf den Schanktisch.
Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden glänzte schon.
Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf das Mädchen hinunterblickte.
An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht, aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog, wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.
Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.
Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: „Geht mit naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.“
„Ich geh nit mit“, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und die Rote Wolke sahen verständnislos drein.
„Also, ich geh mit“, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den Garten.
„Was machen denn die mit seiner Schwester?“ fragte der bleiche Kapitän Oldshatterhand.
„Die . . . die machen was.“
„Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!“
„Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.“
„Der freie Mensch steh Red und Antwort.“
„Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei“, schloß der bleiche Kapitän das Gespräch ab.
Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte.
Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf.
„Erst ich“, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. „Paß du auf derweil, ob niemand kommt.“
Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken, Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand.
Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und ab.
Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte er: „Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!“ Er schob ihn vom Stamm weg. „Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst“, flüsterte er und deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand.
Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein. Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen.
Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem Schuppen trat; sein Haar war verwühlt.
„Der kann ja nix“, sagte das Mädchen und lief davon.
Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den Schreiber: „Oooooo!“
„Was willst denn!“ rief der Schreiber erzürnt.
„Weil ich’s g’sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im ‚Zimmer‘ seid, bring ich mei Schwester mit.“
„Bring halt die andere auch mit.“
„. . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.“
Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte.
Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. „Leih mir zwölf Pfennig“, bat er den bleichen Kapitän. „Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas Bier trink.“