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Die Räuberbande

Chapter 5: Viertes Kapitel
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About This Book

The narrative follows a group of schoolboys who form a street gang, staging petty thefts, mock-heroic rituals and imagined adventures while their bravado is fed by popular adventure tales. Vivid episodes of urban life—bridges, churches, markets—intersect with encounters with authority figures, notably a feared schoolteacher, clergy and police. Scenes alternate lively street detail, songs and coarse humor with moments of violence, shame and small cruelties, examining social alienation, the search for belonging, youthful rebellion and the moral contradictions of the adult world. The prose privileges sensory observation and the psychological weight of minor gestures.

„Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab selber nix.“

Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. „Dieser ist’s.“

„Komm mal da her zu mir.“

Der bleich gewordene Oldshatterhand — er hatte beim Eintritt des Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne gesteckt — ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich und frech: „Was wollen Sie denn von mir?“

„Gehst raus! Malefizlausbub!“

Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. „Wo hast’s denn?“

„Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.“

„Einen ganz langen Dolch hat er“, rief der Gymnasiast.

„Jetzt leerst glei dei Tasche aus.“

„Da, greifen Sie nur selber nei.“

Von Zuschauern umringt — alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer gekommen — zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach.

„Habt ihr’s Messer g’sehe?“

„Ach, er hat ja kein Messer“, sagte die Wirtin begütigend.

„Und wenn er scho ens hat“, rief der Fischer. „Jau, so a Gaudi.“

Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: „I hab’s g’sehe! Also muß a da sei.“

Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. „Das hab ich zammg’spart, weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!“ rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den bleichen Kapitän an.

„Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!“

„Du glaubst’s nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die Küchenlampe nit braucht.“

Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war, ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg.

„. . . Es ist wirklich so, wie ich g’sagt hab.“

„Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich schäm.“

„Aber du mach dich dünn jetzt“, zischte Oldshatterhand wütend.

Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und schlich zur Tür hinaus.

Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.

Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine.

Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst ankamen.

Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still.

Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der „Schönen Mainaussicht“ noch Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und flüsterte voller Grauen: „Fort! Fort! Ich geh fort.“

Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und deutete boshaft auf die beiden.

Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten davon.

Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main. Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert.

 

Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des Herrn Mager hing noch drückende Stille.

Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn jeder Schulstunde tat.

Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande waren unter den übrigen Schülern verstreut.

Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.

Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen geordneten Igelschar glichen.

Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.

Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es schien, als würden die Worte im Keller gesprochen.

Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an.

Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die Uhr und schritt zur Schultafel. „Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein“, sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch lächelnd, die Räuberbank an. „Die zwei Maler einigten sich dahin, daß jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei, der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der größte Künstler“, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt hinein. „Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel besser“, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. „Das sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!“

Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.

Da stand Falkenauge auf. „Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.“

Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel warten, das ließen seine Nerven nicht zu.

Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement — die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu viel.

Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: „Herr Lehrer, er ist nicht mehr da.“

Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. „Michael Vierkant! Raus!“

Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock des Herrn Mager.

Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage: wer kommt nach Oldshatterhand daran?

Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager atemlos: „So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal geben darf.“

Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot.

Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen. „Wer meldet sich?“ rief Herr Mager.

Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch sitzen geblieben.

Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken brüllte er in allen Tonlagen: „Ah! Ah! Ah! Ah!“ und schleuderte die Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den Handrücken traf. Voller Wut schrie er: „Michael Vierkant! Raus! Halte ihn!“

Oldshatterhand rührte sich nicht.

Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. „Halte ihn!“

Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: „Herr Lehrer . . . ich halte ihn nicht.“ Und selbst seine Lippen waren weiß geworden.

Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen.

„Hans Lux! Raus!“

Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm die Prügel entgegen.

Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken.

Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die Kopfhaut eindrücken, ruft: „Pä, Krähenfuß!“ und streckte die Zunge lang heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand sein Herz umkrallte. „Pä, Krähenfuß“, flüsterte er, schauerte zusammen und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut speie. „Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze Stadt! Hoo! Fort, fort!“ Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. „Hi! hihiha!“

Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf Oldshatterhand.

Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar vorbeigegangen war? Umschlungen — dachte er. Hatte das Gefühl, als tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst.

Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine Stimme rufen: „Rechts gehen!“ Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel.

Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem „Spitäle“, die Ellbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter sich hatten.

Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn Mager zuführte.

Viertes Kapitel

Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.

Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis zur Brust reichte.

Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.

Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: „Ja. Bald. Wart doch.“

Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.

Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: „Jetzt müssen wir fort, die Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch hier“, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch einstweilen vorausgehen, wenn’s ihm so pressiere, sie kämen schon nach. So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher war ein Zirkus in Würzburg gewesen.

Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.

Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf dem Trapez und mahlte mit den Zähnen.

Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen Schloßbergrasen.

Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, sich hoch in der Luft überschlug — und auf den Beinen stand.

„Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft“, sagte der bleiche Kapitän zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: „Der kann direkt zum Zirkus gehen.“ Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen Zöpfen.

Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ, um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und stöhnend seine Fußfesseln hielt — da schien die künftige Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das Bein gebrochen.

In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.

Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.

Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der Rasen roch.

Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten, tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte.

Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen anklammernd, in der Bahn herum.

Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.

Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein Indianer auf dem Gaul.

Da brüllten die Räuber wie besessen: „Halt! Halt! Ein Feldwebel!“

Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter.

Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert. Keuchend rief er: „Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.“

Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.

Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem Bildwerk stand:

An diesem Ort is Alois Würz

Mit sein Heuwage umg’stürzt.

War glei tot, mitsamt die Roß.

War ein frummer Mann,

Drum is er auf der Stell

In sein Heuwage in Himmel nei g’fahrn,

Was mer vo seine Roß nit sag kann.

Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft „pfa!“ aus seinem Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon.

Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen, wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge.

Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch.

Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand.

Es war jetzt ganz dunkel geworden.

Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: „Wa . . . weil . . .“

„Oh . . . O Gott!“ schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten.

„Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich erschrocken“, stotterte Oldshatterhand geringschätzig.

„Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa . . . Feind“, beendete der Duckmäuser seinen Satz.

„— — — — Duuuu? zs . . . zu den Indianern?“ Oldshatterhand war furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht auszusprechende Worte vor: „O also nein, da mußt du aushalten können, da . . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.“

„Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?“

„O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.“

„We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann, . . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . . brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu stoßen.“

„Pä! Ist das ritterlich?“

„Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . . Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf . . . Pfennig.“

Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können, weil er zu klein war. „Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten. Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit Indianern vorbeifährt.“

„F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg ich.“

Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk, blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf dem Sockel sitzen sah.

Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.

Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand, der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie genommen hatte.

 

Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt wußte, daß der Kaplan der Vater war.

Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache verstummte das Gerede.

Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben.

Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou setzte sich und sah steif geradeaus.

Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand auf.

Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach Winnetou um.

Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou nieder.

Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.

Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel, wie vorher.

Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die Brust — die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte langsam übers Haar gestrichen.

Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht mehr glücklich sein würde.

Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des Bettes.

Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter tot sei.

Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und rannte ins Sterbezimmer.

Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts.

Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie immerzu:

„Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.“

Winnetou sah die Alte an — zur Elektrischen zurück, und stellte sich zwischen die Schienen.

Der Führer läutete.

Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter.

Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen rauchten, und Winnetou sprang seitwärts.

Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um nachzusehen, ob Winnetou verletzt war.

Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.

Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen, als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah.

Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog.

Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. „Geh mit, wir schießen“, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. „Wir gehn zu Falkenauge und schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.“

„. . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin“, sagte Winnetou und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche.

Verdutzt blickten sie ihm nach.

Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der Mutter empfunden hatte, wieder ein.

Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.

Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen Räuberidealen nicht deckten.

Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah.

Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder in die Kirche ein.

Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war.

Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers, worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf den Schloßberglinden gefangen.

Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß.

Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder.

Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die blaue Luft.

„Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie wär denn das sonst möglich“, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach einem näheren Ziel um. „Halt einmal die Karte“, sagte er und nahm das Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.

„Und wenn du mir den Finger wegschießt?“

„Ich wer doch no das Kärtle treffe.“

Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus, hielt die Karte an der äußersten Spitze. „Ziel lieber ein bißchen mehr rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand triffst.“

Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und durchlöcherte sie.

Der Schreiber atmete wieder. „Jetzt halt du die Karte.“

Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. „Schieß.“

Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie fallen. „Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir auch noch was“, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht.

— — — Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.

„. . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern“, rief er in heller Begeisterung.

„Das kannst du ruhig riskier.“

„. . . Haaargott . . . Getroffen!“ Das Auge war durchs Fenster hinausgeflogen.

„Das is doch ganz klar.“ Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern.

Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte.

„Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A schöns Armreifle.“

„Ein guter Schuß war’s doch“, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht schmerzverzerrt, die Hand hoch. „Aber das Aug ist futsch.“

Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher. Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem Hause.

Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem „Spitäle“.

Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.

Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr mit den Räubern.

„Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.“

„Welches denn?“ fragte der bleiche Kapitän.

„Das Eichhörnchen.“

Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei, wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen.

Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub, mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: „Herr Widerschein, blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.“ Vor vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht vergessen.

Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben der Festung, schmolz es im „Zimmer“ zusammen, um, ehe er fortginge, Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er im „Zimmer“ und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.

Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das „Heilige Tier“ ab. Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im „Zimmer“.

Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich aufgelöst.

Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.

Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen.

Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.

Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren solche Altäre hergerichtet.

Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem „Spitäle“ beisammen, in ihren Sonntagsanzügen.

„Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen“, sagte der bleiche Kapitän.

Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft — ein Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend.

Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle, Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und getragen blasenden Blechmusikkapelle.

Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf die Erde gebreitet hatten.

Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und rief langgezogen: „Lob und Dank sei ohne End!“ Und während das Gemurmel der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los, „Sakramentslausbub!“ schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: „Dem allerheiligsten Sakrament.“

Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou und noch zwei Jünglingen getragen.

Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft. Aber da war nichts zu machen.

„Da is er!“ rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging.

Der Schreiber schüttelte den Kopf: „Herrgott, wer hätt das vom Winnetou gedacht.“

Verstummt sahen die Räuber ihm nach.

Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den sonnigen Himmel: „O Maria hilf!“

Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen angestellt; sein Geschäft blühte.

Am Abend schimpfte der rote Fischer in den „Drei Kronen“: „Ke enzigs Pfund Fisch verkäff ich’s ganze Jahr, wenn i nit mitwall!“ Seine Halsadern schwollen.

‚Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre‘, dachte sich Herr Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.

Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt — dort lag noch ein genaues Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten es die Würzburger Stadtväter.

Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche, schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem „Spitäle“ vorbei und bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.

Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute, beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand — die Fensterscheiben klirrten.

Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.

Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans Kasperl-Theater, aus dem Fenster.

Da unten war alles still.

Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß ihrer ersten Jugend.

In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und machte Bankerott.

Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr; als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines Tages war er verschwunden.

 

Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch.

Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.

„Wo warst du?“

„Auf der Jagd!“ rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt weiter.

„Also, wenn ich dir sag, man kann’s jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so oft’s überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so stark und gesund wie man war“, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän und schloß: „Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der Welt. Das is ja ganz kolossal.“

Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen.

„Wie is denn das? . . . Wie tut man’s denn?“ fragte Oldshatterhand.

„Für dich is das nichts“, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen Kapitän zu. „Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich dir’s ja amal zeig.“

Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden Weidenbüschen umsäumt war.

Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen „aa aa“ schreiend über das Weidenland.

Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen Himmel traten die Sterne hervor.

„Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?“ fragte Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums Handgelenk.

„Auf, nach Amerika!“ rief lachend der Schreiber. „Hohaho! Oldshatterhand!“

Der bleiche Kapitän grinste.

„Nun sagen wir nächste Woche“, sprach der Schreiber ernst.

„Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.“

„Also! Also ja!“ rief Oldshatterhand freudig. „Oder gehen wir doch lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind Schiffe.“ Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu. „Meerschiffe — — —“

Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. „Weißt du was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.“

„Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt’s mehr.“

„He? Millionen gibt’s! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern Büchern steht? He?“

„No ja, ein paar gibt’s ja noch“, gab der bleiche Kapitän zu. „Aber ich hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet sind.“

„Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.“

„Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt’s ganz allein an.“

„Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!“

Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. „Ihr geht also nit mit! Ihr Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?“

„Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn ich jetzt fortlaufen tät?“

„No allemal“, sagte der Schreiber. „Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders“, schloß er nachdenklich.

„Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.“ Der bleiche Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. „Acht Mark kost er. Hast scho amal sowas g’hört? . . . Acht Mark für’n Schirm!“ Er lachte krachend und konnte sich lange nicht beruhigen. „Er is aber auch so dünn wie ein Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.“

Es war jetzt tiefe Nacht geworden.

Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen hinunter.

Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang ein Mädchen.

 

„Schloßfallenfeuer!!“ rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins Herz hinein erbebte.

Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den Himmel — hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger Bangen an die Arbeit gegangen.

Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge, sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick hielt fest.

Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg. Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen.

Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr.

Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an. Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus, der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich, fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.

Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber, lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die Werkstatt — und stellte sich dem Meister: „Ich will fort von Ihnen! . . . Ich halt’s nimmer aus.“

Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die Brille von der Nase fiel.

Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano.

Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe.

Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die Schloßfalle zu schmieden.

Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den unterirdischen Gang ins „Zimmer“. Hastig, als habe er keine Zeit zu verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich, zündete knieend ein Heftchenbündel an: „Die bleiche Gräfin oder Der Mord im Walde“ und damit die ganze Bibliothek.

Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie.

Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.

Da hörte er ein aufrührerisches Krachen — eine mächtige Rauch- und Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf.

Der unterirdische Gang war eingestürzt und das „Zimmer“ verschüttet auf immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben.

Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.

In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom „Zimmer“ entfernten Nonnenkloster „Himmelspforten“ sei in der Zelle der Oberin hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen.

Fünftes Kapitel

Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße hin.

Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.

Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte unter dem Brustbein.

— — — Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen — und blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß ein Mensch darauf.

War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden gekommen? In der Luft heran oder — — — aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?

Nie hatte er so einen Menschen gesehen.

Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt fühlte, wie von einem Gespenst.

Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den braunen Haaren schon graue.

„Wollen wir ein Stück zusammen gehen?“

„Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?“

„Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen — dann gehe ich wieder vorwärts . . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und Geld verdienen“, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.

Wirr vor Verlegenheit, rief er: „Ich heiße Michael Vierkant!“ Und sein zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.

Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: „Tom machte sich auf in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie möglich das Lebenslicht auszublasen“, und gab es Oldshatterhand zurück.

„Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen wie damals auf dem Heimwege von der Schule. „Das ist vielleicht alles dumm und nicht wahr, was da drin steht.“

Da sagte der Fremde nachdenklich: „Ja, Sehnsucht ist — weil Qual ist . . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang — und stieg hinunter.“

Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich und gerührt auf Oldshatterhand hinunter.

Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte. Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem Vertrauen zu ihm. „Ich will auch arbeiten“, sagte er ganz still. „Ich bin nicht so schwach, wie ich aussehe.“

„Nein . . . Sie sind nicht schwach“, sagte der Fremde, mit einem unbegreiflichen Lächeln.

Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten ein bewegtes Schattenmuster darauf.

Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade, endlose Straße hinaus.

„Was arbeiten denn Sie jetzt?“ fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut, denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden.

„Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach, unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. — Jetzt muß ich wieder vorwärtsgehen — — —“

Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.

Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen und ihn geküßt.

Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner, und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden.

Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter hängen.

„Hast du Zeit? Wohin willst du denn?“

„Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.“

„Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.“

„Ja!“ sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.

 

Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten — klipp klapp klipp —, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen in „Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro“, denn er hatte, ehe er von Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er in der Oper gewesen.

Er versuchte, „Nun danket alle Gott“ unterzulegen, oder „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“, aber beugte er sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so spielte der Fabriksaal wieder „Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!“ Den ganzen Tag „Auf, in den Kampf!“

Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch — und in die Höhe jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.

Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer, verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die Vesperpause war gekommen.

Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne anzustoßen auf einmal unterzubringen.

Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer, in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: „Jetzt esse ich meine Bemmchen alleine.“

Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen hinunter.

Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder „Auf, in den Kampf!“ ins Ohr.

Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen schluchzend.

Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.

Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht — Etwas zu werden. Er wollte Etwas werden. Nicht gerade Minister oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt, aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.

Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler — hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, Etwas zu werden.

Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im Geiste — als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg.

Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er Etwas geworden war.

Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war. Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar, die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war.

Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand.

Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder, Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik entlassen.

„Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?“ flüsterte er, ging fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen.

Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit wie ein Traum war die Straße.

Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und lang, durchschnitten seine Straße.

Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es roch nach Abort.

In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.

Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. „Kommen Sie doch näher, Herr Vierkant.“

Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender Tabak, rechts — ein Berg Zigarettenhülsen. „Siebenhundert Stück muß ich heute noch fertigkriegen“, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere hantierend. „Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese auch nicht.“

Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet.

Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war ärgerlich.

Das Mädchen arbeitete emsig weiter. „Wie viel?“

„Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig“, sagte er mürrisch.

Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. „Davon kannst du dreißig zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, können wir Weihnachten heiraten.“

Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief ein Viehtreiber — sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke —, im andern der Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn des Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle bekam, wobei er sich nackt auszog und mit einem Küchenmesser auf seine Mutter losging. Er saß auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe Gurke mit Salz.

Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn früh hatte er sich erst eingemietet.

Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche unaufhörlich an seinem Körper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fühlte vielfüßiges Gekrabbel, griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das ihm jedoch, über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte.

Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrückte Wanzen.