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Die Räuberbande

Chapter 7: Sechstes Kapitel
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About This Book

The narrative follows a group of schoolboys who form a street gang, staging petty thefts, mock-heroic rituals and imagined adventures while their bravado is fed by popular adventure tales. Vivid episodes of urban life—bridges, churches, markets—intersect with encounters with authority figures, notably a feared schoolteacher, clergy and police. Scenes alternate lively street detail, songs and coarse humor with moments of violence, shame and small cruelties, examining social alienation, the search for belonging, youthful rebellion and the moral contradictions of the adult world. The prose privileges sensory observation and the psychological weight of minor gestures.

Er rief die Wirtin und kündigte. „Im Bett sind Wanzen.“

„Ach nee.“

„Unheimlich viel.“

„Die beißen Ihnen doch nich.“

„Sie haben mich gebissen.“

„Aber die fressen Ihnen doch nich.“

„Fressen?“

„Tun se nich. Da ist der Kaffee.“

„Erst komm ich!“ rief der Viehtreiber.

„Und dann ich!“ der Bräutigam. „So war’s ausgemacht.“

Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt hatten und er daran kam. „Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.“

„Wanzen!“ schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich drohend.

„Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr“, stotterte der ratlose Oldshatterhand.

Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.

Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er im Bett fand, in den Mund steckte.

Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts zurückbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den mageren Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. „Schreibe mir, wo du wohnst.“

Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins Wohnzimmer.

 

Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden, wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer dahinglitten.

Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und Nischen hervor.

Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.

Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.

Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: „Wenn ich bitten darf.“

Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der kolossale Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das Haarzöpfchen.

Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame als Erster quer durch den Saal.

Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid, was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben schien, denn er stotterte nicht mehr.

Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif. „Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde mich sehr freuen.“

Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der Stirne. „Bitte, wenn’s Ihnen so gräßlich freuen tut.“

„Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?“

Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den Mund weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die breite, feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei.

Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark entwachsen war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander verkrampft, fragte er: „Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause begleite, mein Fräulein?“ Und tief erschrocken setzte er hinzu: „Sie dürfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.“

Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber hinaus auf ihn. „Heute geht’s nicht. Ich schlafe ja heute nacht im Zimmer meiner Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute nicht. So ist es eben.“

Er starrte die Köchin an und lachte „Hi! hihiha!“ plötzlich sein irrsinniges Lachen.

„Auf zur Damenwahl!“ rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich vor Oldshatterhand.

Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.

Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch die kühlen Säle.

Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen. Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im „Zimmer“ nach dem „Heiligen Tier“ gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an den Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich vorsichtig um.

Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen.

Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und lächelten, wenn er kam.

Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft, und wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft mit Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume dazwischen und darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen Hügel.

Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden.

Darüber verging ihm der Winter.

 

Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den ganzen Tag über im Wasser herum.

Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang, daß sein Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen, mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter sich zu schieben.

Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte alle seine neu angeschafften Hanteln durch.

Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der Kammer einzustürzen drohte.

Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: „Wie werde ich Athlet“.

Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr, trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste — er stemmte. Die Folge davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, der dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.

Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer Woche um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu erheben, dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu.

Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte.

Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den eingefallenen Wangen.

„Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf der Welt“, sagte der bleiche Kapitän. „Und was gar die Mädli anbelangt, mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst schon nimmer stemm — so schwächt dich das. Grüß Gott.“ Das war des bleichen Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus.

Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen.

Die Rote Wolke sang den ganzen Tag „Nach der Heimat möcht ich wieder, nach dem teuren Heimatort“, denn er war Mitglied des Jünglingvereins „Frischer Bursch“ geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der König der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen mit einigen jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei Würzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft „Walfisch“ geworden.

Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs „Muskel“, dessen Mitglied er war.

 

Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin und wieder wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes entstand in ihrem verhärmten Gesicht.

Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes Spazierstöckchen mit blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er zog eben braune Glacéhandschuhe über.

Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant, streckte ihr die Hand hin und lächelte.

Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den Kopf.

Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr als einen Kopf größer geworden.

„Einen Gummimantel hast du dir gekauft?“ fragte die Mutter erstaunt.

Sechstes Kapitel

Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt.

Winnetou fehlte.

Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: „Rauch ist Gift . . . für einen Athleten.“

Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant Oldshatterhand. „Wie werde ich Athlet“ lag aufgeschlagen auf dem Tisch.

„Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst“, fragte der fahle Schreiber.

Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. „In Frankfurt . . . Da gibt’s eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander gar nicht durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in rosaseidenen, in violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide . . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie dich an, rufen sie dich . . . und so halt.“

„Bist neigange mit so’n Mädle?“

„Hi! hihiha!“

„Dann is aus mit der Kraft“, sagte still der bleiche Kapitän. „Das kann man an dir merk.“

„Ich mach ja gar nix mit Mädli.“

„Wie . . . du’s machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.“ Der bleiche Kapitän griff dem Schreiber an den Oberarm. „Zieh mal dei Röckle aus.“ Schob dem Schreiber noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es verächtlich sinken. „Oh, macht nur so weiter.“

„Gestern hab ich ’n Hecht gefange“, sagte Falkenauge. „Von anderthalb Pfund.“

„Kriegst vielleicht davo Kraft?“

„He?“

„Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.“

„So, jetzt.“

Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche Kapitän, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote Tüchlein war vorgebunden.

Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste gefallen.

Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen Körper. Der war hart wie Elfenbein.

Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine Unterlippe hin. Die Tür knallte ins Schloß.

Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: „Jetzt mache ich euch einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf intelligenter Basis.“

„Was ist das? Basis?“

„. . . Basis ist schon richtig“, sagte der bleiche Kapitän und legte die Faust auf „Wie werde ich Athlet“. „Den Namen hab ich schon. Wir nennen uns ‚Klub für intelligente Leibeszucht‘. Jeden Abend kommen wir in meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von wegen der Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag: hütet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt schon, was ich mein’.“

„Aber ich hab ja Singprobe abends“, rief die Rote Wolke.

„Kriegst amend davo Kraft?“

„Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: ‚Nach der Heimat möcht ich wieder‘. Wenn ich mir’s genau überleg . . . ich war ja noch gar nie aus Würzburg draußen.“

„Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab“, sagte der bleiche Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein.

Der „Klub für intelligente Leibeszucht“ war gegründet.

„Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.“

Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. „Wenn du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder Beefsteak mußt freß, soviel du kannst.“

Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.

Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem Athletentisch.

Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber.

Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und seine dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg, dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich ans Fenster zu einem helläugigen, blonden Jüngling.

Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube.

„Auf, Matrosen ohe!“ sangen die beiden.

„Auf die wogende See.“

„Oo . . . heee!“ sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . .

„Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,

Geschwind, wie der Sturm und Wind.“

 

An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert Staffeln hinauf zum Würzburger „Käppele“, an der Leidensgeschichte Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist.

Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige, welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um Vergebung ihrer Sünden baten.

Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt, endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken.

Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen, bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde.

Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die Höhlung, von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick gerastet habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter eingesunken sei.

Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste Stufe rutschte.

Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station — ein nackter, muskulöser Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die Dornenkrone aufs Haupt — unter größter Vorsicht wieder beging.

Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart, aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an.

‚Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten sitzen‘, dachte Oldshatterhand.

Unter Glockenläuten kamen sie auf dem „Käppele“ an. Rund um die Kirche herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker und länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein Männerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden Muttergottesherzen aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche opfern.

Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen, Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse, Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein Schnäpschen war zu haben.

Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene Main zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die verstaubte Menge.

Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel erklang.

Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen.

Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände — aus Wachs, die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.

„Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?“ fragte die Schwester. Sie hatte einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. „Es könnte ja nix schad. Vielleicht hilft’s.“

„Ich glaub nit, daß es was hilft“, meinte Oldshatterhand.

Da trat die Menge, „Gelobt sei Jesus Christus“ murmelnd, zur Seite: neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend.

Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber.

Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte, und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte.

Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen. Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei- oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden, der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte, dann ließ er auch das gelten.

Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange, schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen Beruf hatte er nicht.

Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an Weinbergen vorbei.

Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen Arm wenigstens schließen, meinte sie.

Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager, der damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.

Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der nötig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten werden mußte, einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte.

„Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens die Wunde“, hatte die weise Frau gesagt; „stirbt er aber an dem Knochen, dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.“

Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund geblieben.

Versonnen schritt die Schwester weiter.

Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah.

„Das können Sie wieder schön zustopfen“, tröstete Oldshatterhand. Und nach einer Weile: „Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, und alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen . . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann. Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!“

Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und hinkte heulend weiter.

Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer Spitzhund. „Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?“

„Da hinaus!“ zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung.

Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch die eine starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch mit der weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle; Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser, Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz verschönten die Landschaft.

Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: „Gestiftet von Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.“

„Ihr paßt gut zueinander“, sagte die Schwester zur Freundin, die verwirrt aufstand und vorausging.

„Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von Würzburg, ham wir jed’n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt! Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .“

„Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!“

Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe.

Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne beschienen, leuchteten rot.

„Henkeln Sie ein bei mir“, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich.

Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. „. . . Da!“ Und stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand.

So gingen sie nach Hause.

 

„Greif amal her!“ brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. „Wie is er?“

„. . . Kolossal hart! Und meiner?“ Falkenauge stand im Ausfall. Der König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in den Himmel. „Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen wir.“

Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten „Zur schönen Mainaussicht“ standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um einen aufgebahrten Sarg herum.

Die zwei drängten sich durch und wurden auch still.

Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die Tanzenden den Boden zu glätten.

Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet war. Es hatte große enthaarte Stellen.

Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen, beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.

Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube. Der blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon drinnen und tranken grünen Likör.

Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die „Schöne Mainaussicht“ war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft.

Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm — er hatte vergessen, am Gründonnerstag mitzuwallen.

Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen war.

„Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!“ schimpfte der Fischer und hob die Arme. „Heilige Maria und Joseph! so a Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er hat g’sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote Mädle ke christlichs Begräbnis geb. No, i hab ’n mei Meinung mitgeteilt.“

„Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das Herze“, sagte der Sachse.

„Jau, Herze!“

Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif.

Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke.

Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im Schnabel, auf den Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die Köpfe zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken.

„Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,“ sagte eine Alte, „aber er kommt nit.“ Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr.

Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der großmächtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den Ministranten und dem hinkenden Flickschneider.

Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es über die Tote. „Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus vobiscum. Et cum spiritu tuo.“

Die Weiber waren auf die Knie gesunken.

Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der Brust.

 

Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals zum Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: ‚Ihr geht also nit mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?‘

Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der Erde.

Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing.

Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu verändern, die er unter den Busch gemalt hatte — ein Mädchen, zum Baden bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel.

Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise, sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn die blaue Ferne genommen.

Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob, hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem Flusse.

„Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das fertige Bild: „Helene, in ewiger Verehrung“, übermalte das Wort Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, „In ewiger Liebe“.

„Oo . . . ha hööö . . . ö!“ klang es langgezogen vom Fluß her. „Höö . . . ö!“ warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes, das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein kleiner, weißer Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken eines Frosches.

Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten.

Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen sich das Licht der Laternen brach.

Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin und im selben Geschäft wie Lenchen Leisegang.

Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.

Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel versteckt.

Plötzlich, wie wenn jemand „da!“ sagt und die Gesellschaft aufhorcht, wurde es still — der Regen hatte geendet.

Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch die Regenlachen über die Straße.

Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. „Augen rechts!“ brüllte der Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender Hüftbewegung auf ihn zuschritt.

Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich Oldshatterhand und sagte: „Bitte, henkeln Sie ein bei mir.“

„Jetzt sowas“, erwiderte sie und tat es.

Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. „Es ist nichts Besonderes. Nichts. Ich hab’s halt so gemalt“, sagte er gleichgültig.

„In eeewiger Liebe!“ rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. „In eeewiger Liebe.“

Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden.

„Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?“

„Jetzt sowas“, sagte sie und trat ins Haus.

Er ging ganz langsam weg.

„Auf Wiedersehn!“ rief sie und warf ihm eine Kußhand nach.

Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl, stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der Wunsch, der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen Körper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie wenn sein Körper blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse von Frankfurt. Und brüllte: „Gemein! Ich bin gemein!“

Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand eintrat.

Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee. Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte.

„Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab’s ihm schon g’sagt . . . ich tu’s nit. Nie! Lieber heirat ich nit.“

„No, jetzt so dumm.“ Die Frau Vierkant lachte. „Jetzt geht ihr acht Jahr mitnander. Dumms Mädle.“

„Ich tu’s nit. Nie! Nie!“ Die Braut riß die Augen auf. „Muß denn das sein?“

„Sie müssen stillsitzen“, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich rief: „Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g’fall.“

„Ich muß doch alles zeichnen, was da is“, verteidigte sich Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer und eilte zur Übungsstunde in den „Klub für intelligente Leibeszucht“.

Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen, diesen Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.

Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt. Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein vorgebunden.

Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit.

Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der andere tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine Hanteln und mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, die Fußspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand, kontrollierte die Zeit.

Der Schreiber stöhnte.

„Still!“ rief der bleiche Kapitän wütend.

Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.

Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt.

Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr.

„Hanna! Hanna!“ rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, „Bier! Bier!“ und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen mit der schönen Kellnerin.

Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles ins Büchlein.

Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an Umfang zugenommen hatte.

Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem Ohr, ohne Halskragen ins Bureau.

„Herr Widerschein . . . das geht nicht“, sagte Herr Karfunkelstein, „Sie sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen müssen Sie anhaben im Bureau.“

Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch, wenn er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg anzutreten.

 

Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten Brücke und malte das sonnige Bild vor sich — das alte Rathaus und die Domstraße mit dem Dom, der sie abschließt.

Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein Monokel vor dem Auge.

„Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?“ fragte der Fremde freundlich.

Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor.

„Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg.“

„Ich geb’s Ihnen!“

„Und wieviel soll das Bildchen kosten?“

„Kosten?“ — — —

Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher beugte sich vor, um das Bild sehen zu können.

„Vielleicht . . . eine Mark?“

Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte und ein Scheckformular und füllte es aus. „Nehmen Sie das. Und malen Sie fest weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, bitte.“

Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn sehen konnte.

Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren.

Sofort ging er in ein Papiergeschäft. „Packen Sie dieses Kunstwerk vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch — das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant . . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat einen Wert von sechzig Mark.“

Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins Ungemessene.

Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf und begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen.

Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war, denn vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei bereichert.

Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem Brombeerbusch hervortrat. „Was machen Sie da!“

„Ich . . . grabe Angelwürmer.“ Er hielt dem Offizier einen langen Wurm zur Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und ging weiter.

Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen Pfennig mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei kam.

Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung.

Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen Oldshatterhands Arm genommen hatte: „Mein Vater soll einen Hilfsdiener bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann . . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.“ Herr Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger Juliusspital.

Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.

„. . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.“

Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. „Ich nehme keine Trinkgelder!“

Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie sie durch die dunkle Anlage davonsprang.

 

Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem quittengelben Japaner. „Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen Ihnen die deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?“

Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. „Mir gefallen die japanischen Mädchen viel besser“, sagte er und goß aus einem Meßzylinder Urin durch die Filter.

Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei und wurde von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr geschätzt. Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die Untersuchungsstoffe zusammen. „Es gibt aber doch kein einziges blondes Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht — — —. Warum sind die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?“

„Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist.“

Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht. Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. „In der Türkei kann einer hundert Frauen haben?“

Der Türke lächelte.

„Und Treue gibt’s in der Türkei überhaupt nicht?“

„Treue?“ fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber Geheimrat von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium arbeiteten.

Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. „Wenn aber jede Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?“

Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. „Deshalb haben auch fast alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns . . . Nicht so wie die deutschen Frauen.“

Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher. Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon von weitem kommen hörte.

Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig Reagenzgläser.

Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und geschickten Diener entlassen.

Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr Leisegang schon sorgen.

Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines Fläschchen lag. — Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt.

„Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!“ rief Herr Leisegang. „Da will ich doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?“ Er roch in das Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins Reagenzglas. „— — — Eiweiß hat die Fürstin nicht.“ Er nahm noch eine Probe in ein zweites Reagenzglas. „— — — Jetzt sowas! . . . Belästigt das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn Geheimrat das Resultat mitteilen.“ Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem Laboratorium.

Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden.

Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein irrsinniger, weißer Kreis.

Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen.

Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte.

Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben.

Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder, den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke. Frisches Blut.

Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion.

Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien, Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote Kälber schleppten.

„Ich möchte frisches Ochsenblut“, sagte Oldshatterhand zu einem jungen Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. „. . . Bist du jetzt Metzger?“

„Nein, Büffeljäger!“ brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.

Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um, blöde auf die Kriechende Schlange zurück.

„Was schaust denn wie die Kuh wenn’s donnert!“

„. . . Blut soll ich holen.“

„Kannst ’n Faß voll hab!“

Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen.

Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser klatscht — der Ochse stand — schneller als ein Gedanke brach er zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper, durch das Herz.

Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus, überschwemmte den Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal, durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische aus dem blutgefärbten Wasser schnellen.

Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite.

Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen. Da hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.

Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf den zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos weiße Wäsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase. Der Schächter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach, breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag.

„Fertig?“

Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das Messer an — ohne noch zu schneiden —, da klaffte der Hals; das Messer war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den Schlachtstand.

Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin und her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte.

Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch den ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ ihn verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten.

„Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?“ fragte Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd.

„’n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja“, sagte die Kriechende Schlange lachend. „Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz.“

„Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A . . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja noch gelebt.“

„A . . . A . . . A . . . Augen!“ rief die Kriechende Schlange lachend, warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor Vergnügen.

Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für ihn bereit lag.

Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem Vater, dem Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte es um und schob es weg.

Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen, brüllten dumpfklagend — nicht laut —, die schäumenden Mäuler in die Höhe gereckt.

Hinein in den Schlachtstand, gefesselt — drei Minuten später hingen sie ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen Zungen bläkend, in der Reihe neben den anderen.

Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus — da schien die Sonne. Die Spatzen flatterten und schrien.

Er blieb stehen. Und dachte zurück — wie oft er am Schlachthaus vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große Schafherden, zusammengedrängt. „Man geht vorüber.“

Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich die Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah aus, als wäre hier ein Mensch ermordet worden.

Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück ins Laboratorium. „Ich bringe kein Blut.“

„Ich muß aber Blut haben.“

„Häää! Ich bringe kein Blut,“ wiederholte er hämisch, und brüllte noch einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: „Kein Blut!“ wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal; da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates, während ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den Schlauch in den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete.

„Jessas! Jessas! Jessas!“ rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch selbst in den Mund. „Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt drehen Sie einmal.“

In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten.

„Ihr lacht? Ihr habt’s nötig! Jetzt sowas!“ rief Herr Leisegang, und der glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin.

Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte, wissende Mundlinie.

Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert lächelnd in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf den Gang.

Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer.

„Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?“ stotterte ein Großer, Dicker. „Hat er heute schon gelacht?“

Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem Pathos rief: „Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.“

Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt.

„Er hat gelacht?“ flüsterte betroffen der Dicke.

Da riß Herr Leisegang die Tür auf: „Meine Herren! der Herr Geheimrat erwartet Sie“, und hinkte energisch voran.

Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus, hielt den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut dem Türken. Der reichte ihm eine Mark.

„Ich nehme kein Geld dafür!“

Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, weiß wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die kranken Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen stand reglos, die Lippen eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der Stube.

 

An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen.

Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen und Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf ertönte aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen und horchten. Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie geschlossen um und standen einige Minuten später am Eingang der Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster herauswarfen.

„Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?“ fragte Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend standen, eng zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen.

„Ich geh nit mit durch“, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar Schritte zurück.

Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte und sagte: „Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.“

Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht sehr schnell durch die Gasse.

Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die Gasse zu ihnen zurückkehrte. „Das wär mir aber auch noch was“, sagte er heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam.

Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei gewesen war.

In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den drei Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa Fensterausschnitte, preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein.

Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch, drei Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten noch weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen präsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand sich nicht rührte und nicht sprach.

Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern.

Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf, erhob sich und fragte lächelnd: „Willst du mich? Kleiner“, zog ihn, als er nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock hinauf.

In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.

Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein ganzer Körper zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung.

„Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?“

Er gab ihr das Geldstück.

Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu sich.

Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.

Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. „Greife halt her . . . Komm, greif her.“ Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: „Da mußt du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.“