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Die Räuberbande

Chapter 8: Siebentes Kapitel
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About This Book

The narrative follows a group of schoolboys who form a street gang, staging petty thefts, mock-heroic rituals and imagined adventures while their bravado is fed by popular adventure tales. Vivid episodes of urban life—bridges, churches, markets—intersect with encounters with authority figures, notably a feared schoolteacher, clergy and police. Scenes alternate lively street detail, songs and coarse humor with moments of violence, shame and small cruelties, examining social alienation, the search for belonging, youthful rebellion and the moral contradictions of the adult world. The prose privileges sensory observation and the psychological weight of minor gestures.

Siebentes Kapitel

Benommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. Ohne seine Familie vorher benachrichtigt zu haben.

Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und ließ die langen, dürren Arme und Hände zwischen seinen Beinen baumeln.

Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe, sagte er apathisch: „Ich hatte keine Briefmarke.“ Und rief plötzlich in unbegreiflicher Begeisterung: „Was denkst du! Das ist anders, da draußen in der Welt!“

Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf seinem armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als Hilfsheizer im Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends zerstört zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann konnte man die Entbehrungen seines langjährigen Aufenthaltes in Amerika von seinem völlig zerfallenen Gesicht deutlich ablesen.

Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden können. Als Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkäufer und zuletzt als Bäckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen.

Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen gerichtet zu dieser Zeit.

Und die Familie Benommen war ehrgeizig.

Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, großspurig hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verächtlich vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte sich schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt erscheinen lassen konnte.

Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, daß ihr Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren toten Mann und ihre grauen Haare besudelt.

Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein empfand der bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr des Amerikaners. Eine Woche vor dem Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem Weidenbusch gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. Der Zug der Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den braunen Zöpfen warf einen Rosenstrauß mitten in den Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf und den fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. Und nach einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen und Jünglinge vereinigt im Dunkel der Weiden verschwinden. Ein paar Stunden später saßen die Räuber in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, als der bleiche Kapitän eintrat und wie ein Pfosten stand. „Ihr habt keinen Charakter!“ stieß er hervor.

„Nun, und du?“ lachte der total betrunkene Schreiber mutig.

„. . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab Charakter!“ Und damit ging er, schloß die Tür leise und mit Kraft, und lehnte von dem Tage an alle Annäherungsversuche der Räuber schroff ab. Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang, sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener.

Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und war deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder.

So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat Glück in Amerika.

„Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh käff und ’n Anzug ameß laß, dann is die G’schicht erledigt!“ schrie der rote Fischer.

In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder.

So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und schweigender Verachtung umgeben.

Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des Amerikaners rehabilitiert. — Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den Räubern unter die Füße.

Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit niemand besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der Amerikaner durfte wenig ausgehen.

Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte, einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen wegreißen und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. Daran werde er etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verächtlicher Wut stillschweigend die Suppenteller füllte. Der Ingenieur aber begann sofort, die Pläne zu zeichnen.

Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen, ob der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen.

Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz unerwartet, und verächtlich lächelnd: „Ha! Hinaus in die Welt!“ mitten in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe, um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei.

Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine verrückten Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen. Was aber ohne jeden Erfolg blieb — der Amerikaner benahm sich immer auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu schlagen.

Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im Arm, saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer entlang.

Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt, diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens — die Erde spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen mußten Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen. In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.

Der blieb in Kniebeuge hocken. „Sie müssen erst einmal hinaus in die Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe. Überall hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich’s zeigen, kommen Sie.“

„Hi! hihiha!“

Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne und rollte das große Papier auf.

Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine riesenhafte nackte Frau lag rücklings darunter und ihre auseinandergespreizten aufgestellten mächtigen Beine bildeten die Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, stürzten von oben herab; andere wurden von einem über die Brücke jagenden Eisenbahnzug zermalmt.

„Dort!“ schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrücke mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, „die reiße ich weg! . . . Herunter mit den Heiligen! Meine Brücke baue ich hin! Morgen fange ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin ich! Weißt du das?“

„Ja! Ja!“ heulte Oldshatterhand auf und die Tränen brachen ihm aus den Augen. „Hi! hihiha!“ lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brüllte vor Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere und stürzte bewußtlos zusammen.

Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die Knie gestützt. „Du paßt nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du paßt nicht hinaus in die Welt“, sagte er und lächelte immerzu.

Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister den Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fuße des Brückenbogens mit den Händen die Erde herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich wütend Wehrenden zur Wache.

Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig Mark kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch durchgesetzt, obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse gewehrt und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, daß, wenn der Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte Vermögen der Familie Benommen beim Teufel sei. „Mein Heiner soll’s gut haben“, hatte die Mutter geantwortet.

Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die Irrenanstalt.

Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden war, hatte sich der bleiche Kapitän in einer für die Räuber ganz unbegreiflichen Weise verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und liebenswürdig geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, wie nach Schluß der Schulstunde.

Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen Kapitän auf dem Schloßberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn diesmal ging der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu, streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. „Nun, was macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber eine Hitz! Ich mein’, ich müßt ein Faß Bier allein aussaufen.“ Er lachte schallend.

Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, daß der bleiche Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, daß er im reinsten Hochdeutsch sprach: „Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht, Oskar.“

„Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich ausreiß.“ Er haschte einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schüttelte voller Freude die alte Linde.

Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän bezahlte einen Liter nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug immer bis zur Hälfte zu leeren. „Weiß der Teufel, so eine Hitz!“ rief er und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger Alter.

„Trinkst du jetzt wieder?“ fragte der Schreiber.

„Gott, natürlich. Warum denn nit?“

Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die Hand — aber das Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb begeistert offen stehen.

Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr eilte er barsch an den Häusern entlang, sondern schritt in der Mitte der Straße, schwenkte sein Plüschhütchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne, lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, fröhliche Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Körper. Deshalb stemmte er jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er lange und viel trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug auf den Tisch zurück und brüllte: „Sauft!“

Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. Späterhin fand er feine Übergänge und war plötzlich kein Mensch mehr, dessen barsche Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken hätte bringen können — der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig im Kopf wie Benommen der Amerikaner.

Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für irrsinnig halten könne, vollkommen; die Anfälle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz aus. Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann geworden, mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem Alter und seinen Verhältnissen hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher in seinem Leben.

Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied sich durch nichts mehr von ihr.

In dieser Zeit — er war zwanzig Jahre alt geworden — begann er die kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch zu umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlweiß, und Negerlippen, wie der bleiche Kapitän.

Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe, lächelte, wenn er vorbeiging, und er lächelte zurück. Das war der Anfang.

Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermögensverhältnisse der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren hatte Herr Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an dessen Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit, dafür aber vier Stock hoch war, so daß es, zwischen den zwei niederen, aber wuchtigen Patrizierhäusern in die Höhe schießend, ganz gut für ein zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich hatte Herr Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet. Sein Geschäft ging ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wußte die Witwe Benommen und war befriedigt.

Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten, die der Amerikaner über die Familie gebracht hatte, und das kam von der ersten Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm passend erschien, konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag zwanzig Mark kostet.

Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher und menschlicher geworden zu sein; sie lächelte der schönen Kellnerin hin und wieder freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verächtlich nach außen gestülpten Benommenschen Lippen.

Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen Kellnerin manchmal die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und aufmunternd sagte: „No, Hanna, wie geht’s Ihne denn? Esse Sie doch was.“ So daß der schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich günstig und entladend auf die ganze Familie gewirkt hatte.

Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein Christlicher Junger Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden.

Jahrelang wußte niemand, wo er war.

 

Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine große Schüssel voll Sauerkraut vor ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen garniert war.

„Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett“, sagte Herr Leisegang, nahm sein Holzbein in beide Hände und klopfte damit wütend auf den Tisch. Bis seine Frau hereinkam. „Wo ist meine Desinfektionsvase!“

Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die desinfizierende Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen.

Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die Geldstücke.

Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete an einer Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke mußte sehr groß werden, um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer schmücken zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so eine vielfarbige Decke gewünscht.

Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört zu werden, worauf sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still in der Stube war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden Kehlton aus. Herr Leisegang war tot. Die Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch leer.

Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber nach, weshalb er so friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer siebenunddreißigjährigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt.

Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe.

 

Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der täglich zu den Mönchen aufs „Käppele“ ging.

Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in der Vesperpause Blumen ab, während die Rote Wolke Rollen studierte. „Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter Schiller und Goethe mit ihren Tragödien, wenn’s keine Schauspieler gäbe.“ Das wiederholte die Rote Wolke täglich.

An einem Abend hatte er wieder in „Wilhelm Tell“ im Stadttheater statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Früh um fünf Uhr stand er auf dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne beschienen. „Durch diese hohle Gasse muß er kommen“, rief er und wies mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine alte Tante kniete, schwitzend mit den Händen grub und den Kopf schüttelte über ihren Neffen, der begeistert die Furche entlang rief: „Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend’ ich’s, die Gelegenheit ist günstig.“

Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, seiner Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den berühmten Schauspieler Konrad Drauer in München und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas vorspielen dürfe.

Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf der Kaimauer, mit den Beinen wasserwärts, den Kopf in beide Hände gestützt, und sah traurig hinunter in den Fluß.

Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bißchen nehmen dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand auf der Ruderbank saß, rief der Fischer plötzlich: „Brauch’ i denn no’n Schelch! . . . I brauch ken’n Schelch mehr . . . Häng’n nachher drübe am Stadtufer a.“

„. . . Warum denn am Stadtufer?“

„Weil i ’n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis’ komm i wenigstens wieder amal in mein Schelch.“

Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer — flußabwärts. Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht. Sie trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv aus.

Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer — flußaufwärts. Das Mädchen mit den braunen Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen Sandinsel, wo die Weiden stehen.

Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen.

„Ich rudere euch ein wenig herum“, sagte Oldshatterhand, der im schaukelnden Schelch saß.

Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses. Der rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben.

Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste befanden sich halbliegend an dem einen äußersten geschnäbelten Ende, das zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten. Oldshatterhand saß genau in der Mitte und ruderte langsam.

Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten kleine Laternchen an den ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten, klang herüber; ein Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser sinken.

„Kunst ist heilig“, sagte die Rote Wolke gedämpft.

Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mädchens. „Wir werden Romeo und Julia zusammen spielen“, sagte sie und sah der Roten Wolke sanft in die Augen.

„Julia!“ erwiderte die Rote Wolke verhaltend.

„Und du bist Romeo.“

„Da ist doch nix dabei“, flüsterte der Schreiber heftig. „Ich weiß nit, warum du so eine Furcht davor hast.“

Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr erschrockenes, weißes Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an Lenchen Leisegang.

„Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu“, hörte Oldshatterhand hinter sich das Mädchen flüstern.

„Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!“

Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, die hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich zu schaukeln begann.

„Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten“, sagte Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken an Lenchen Leisegang die Ruder los. „Ich will doch . . . ich muß doch erst etwas werden. Vielleicht berühmt.“

Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch schnellte aus dem Wasser und fiel zurück.

Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: „Die Kunst. Die Kunst . . . Tempel.“

„Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich“, sagte das Lehrerstöchterchen.

„Rudre ans Ufer!“ schrie der Schreiber wütend. Das Mädchen saß von ihm abgerückt steif auf dem Querbrettchen.

Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und machte den Schelch fest.

Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes Stöckchen im Kreise herum; das Mädchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwärts neben ihm her.

„Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch ließe!“ schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er saß auf der Wasserschale des Vierröhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, die der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der Stadt waren. Die Würzburger „Strizzi“, von denen jeder sein im Griffe festes, langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten beschäftigungslos in den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie ohne Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am Brunnen vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. Verlorene Existenzen, die alle schon gesessen hatten.

„Laß sie doch“, sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg, der wütend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief: „Hast dei Menschle zünfti zammg’haut!“ Die weiteren Bemerkungen gingen unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat von einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse.

„Ich muß jetzt jemand abhol“, sagte Oldshatterhand auf der Brücke und sah bedrückt auf die Liebespaare, die nun beide einträchtig vor ihm gingen.

Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand, blieb er plötzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause.

Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. „Weil ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g’sagt hab, brauchst no lang nit zornig zu sein.“

„Du darfst mir nachmachen, soviel du willst“, sagte Oldshatterhand und lächelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort: „Ich glaube, es geht halt nicht anders, als daß es auch solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?“

„. . . Nein, das versteh ich nit.“

„. . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafür. Verstehst du?“

„Ich weiß nit, was du da redst.“

„Ja, es ist sicher so“, sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging.

Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor.

„Laß mi amal schnupf!“ rief einer der „Vierröhrenbrunnensteher“.

„Wer ist denn das?“ fragte ein anderer.

„Metzger ist er . . . Da geh doch her.“

Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum.

Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er während des kurzen Gespräches mit der Kriechenden Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht er spreche, sondern der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei Würzburg geküßt hatte.

 

Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, des größten deutschen Malers Geburtsstadt, den Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf vom Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang wandert man durch den Eichenwald, hat auf einer Höhe das unabsehbare gewellte Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtäler, von Forellenbächen durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih und bricht weg, sobald er den Wanderer erblickt. Rehe äsen auf den Abhängen. Amseln singen. Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen sich am Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum zu unterscheiden — plötzlich bricht das Wildsaurudel krachend durch das Gebüsch davon, daß die Erde zittert; und einen Atemzug lang schweigen alle Vögel. Eine Amsel beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das einzige Lebewesen zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses Hochwaldes sein.

In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, graues Haus. Türen und Fensterscheiben fehlen, lange Gräser spielen auf dem Dache.

Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch heute von einem Wirt, dem vor langen Jahren das Haus gehört hatte — er habe die Reisenden, die bei ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg am „Letzten Hieb“ gehängt worden.

In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler Franziskus Grünwiesler und sein Freund Oldshatterhand.

„Dieses Haus gehört niemand“, hatte Franziskus Grünwieslers weißbärtiger Onkel gesagt, welcher Bürgermeister des nächsten, drei Wegestunden vom grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. „Und es wagt sich auch keiner in die Nähe.“

Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener, bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg, von denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm unaufdringlich maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand das Wenige, das er selbst besaß.

Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen, was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten übergroßer Begeisterung.

Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen Ortschaften des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde von tausend Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald. Der Hirt war ein achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene Geschichten zu erzählen, über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß es von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und dort blitzschnell die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen.

Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um Unterkunft gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb.

Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte einen großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts anzuziehen. „Das ist die weichste“, sagte Grünwiesler und schleuderte eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glänzte.

Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon an.

Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen. „Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen“, sagte er zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon hier und dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. „Und eine einzige große Lilie, vorne herauf.“

Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem Eichenast.

Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie sauber. Für die beiden im Haus tat sie nichts.

„Ihr schenkt ja auch niemand etwas“, sagte Oldshatterhand zu Grünwiesler. „Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen hat’s.“

Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in den Wald. Und saß man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die langen Gräser spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald verwachsen.

„Wie wär’s, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen würde, sie bleibt ja doch auf immer da“, sagte Grünwiesler vor dem Schlafengehen.

„Wenn sie’s erlaubt“, erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, während sie am Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll Bucheckern. Die schmeckten nach Nuß und Olive.

Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal umgeändert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So sah Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr gegangen, blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten.

Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend im Waldtal. An ihm vorbei plätscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese.

Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und zu Grünwiesler, verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, eine Weile Bild und Motiv und reichte Grünwiesler einen Brief. „Von wem mag jetzt der sein“, fragte der Briefträger. „Da ist ja gleich was drauf gemalt.“

Grünwiesler errötete — er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebärde.

„No, von wem is jetzt der Brief?“

„Von meinem Freund Immermann.“

„Der is gewiß auch so ein Maler?“

Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: „No, dann grüß Ihne Gott“, und ging.

Versteht sich doch von selbst — angenehm sei es ihm gerade nicht, daß Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, für Grünwiesler, direkt gefährlicher Mensch sei — schrieb Immermann. Ob Grünwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das Bürschchen könne man nicht nur so mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe. Nebenbei wisse man ja auch, aus was für einer Familie Oldshatterhand komme. Auf keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er von Grünwiesler so viel Einsicht verlangen. „Nicht, daß mir besonders viel daran liegt,“ schloß der Brief, „im Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, anstatt mit mir. Wenn dir an meinem Kreise noch etwas gelegen ist, dann komme. Ich male Studien auf dem Schleehof bei Würzburg.“

Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen und trat sofort den Heimweg an.

Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei.

„Wie ist das?“ fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein angefangenes Bild auf die Staffelei.

„Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.“

„Dann erklär mir’s doch, woran’s liegt.“

„Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen sich die Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.“

„Du kannst nichts erklären!“ schrie Oldshatterhand erregt. „Erklär doch! Erklär doch!“

Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor das Bild.

Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein Bild hin. „Zeig mir doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch ist!“

Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren.

„Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!“

„Ich hab dir’s doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive“, sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte verwirrt: „Es gibt auch noch eine Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir’s schon.“

„Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir’s zeigst! . . . Daß es kein Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!“

Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit in rachsüchtige Wut über, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dünner, pfeifender Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem Sommer, wenn Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht geworden war, drehte die Wut Grünwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem aufbrausenden Schüler sagte er stockend: „Quäl mich nicht . . . Warum quälst du mich. Es braucht halt alles seine Zeit.“ Nur ein gefährliches Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, wie Irre es haben, die jahrelang sich kujonieren lassen und eines Tages in einem Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln.

Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer.

Oldshatterhand wurde sofort ruhig. „Ich packe es schon noch“, sagte er und lächelte Grünwiesler an. „Für mich ist nichts zu schwer . . . Soll ich Tee eingießen?“

„Oh, das wär lieb von dir“, sagte Grünwiesler erleichtert, sah vor sich hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. „. . . Du, ich hab einen Brief bekommen von Immermann.“

„Was schreibt denn der?“ fragte Oldshatterhand mit gemachter Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu haben.

„. . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich geh übrigens diese Woche noch zu ihm.“

„Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.“

„Nein“, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief lächelnd vor, wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Löchlein entstand, als ob die Oberlippe zu breit wäre. „Aber ich muß ihn wieder einmal sehen . . . Er ist ein sehr bedeutender Mensch.“

„Pf!“ machte Oldshatterhand verächtlich. „. . . Zeig mir einmal den Brief.“

„Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in den Bach hab ich ihn geworfen.“

„Du hast den Brief noch!“ fuhr Oldshatterhand auf. „. . . Immermann hat wieder schlecht über mich geschrieben.“

„Nei . . . n“, sagte Grünwiesler langgezogen, wie wenn er das Mißtrauen Oldshatterhands bedauerte.

„Sei nur still! . . . Ich weiß schon.“

„. . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht über niemand etwas Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt . . . So ist Immermann nicht.“

„Du lügst! Ich seh dir’s an.“

„Wiesooooo?“ erwiderte er traurig singend.

„Du lügst einfach!“

Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. „Wenn du’s wissen willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes über dich geschrieben . . . Schenk mir noch einen Tee ein!“ rief er kameradschaftlich. „Den hast du fein gemacht.“

Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. „Ich kenn den Immermann schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist und ich nicht nach seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich’s noch zeigen, wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!“

„Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander“, sagte Grünwiesler fröhlich und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. „Singen wir jetzt ein Lied?“

Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: „Zu dem Lied malt Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden sicher wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.“ Er sah Oldshatterhand in die Augen.

Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in steigender Begeisterung seinen zukünftigen Ruhm herbei. „Was Immermann malt, das ist nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! Sonst hat’s keinen Sinn.“

„Mnja“, sagte Grünwiesler im Halbschlaf.

„Du glaubst’s nicht? Ich werde alles haben“, rief er frohlockend. „Alle werden zu mir kommen.“ Und als er die tiefen Atemzüge des Schlafenden hörte, dachte er allein weiter.

 

Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren von früh bis nacht durch den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung nach Würzburg.

Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler kniff die Augen zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte sich aufwärts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen.

Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroße Sonne berührte die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich fernen Frühlingshoffnungen ruhten.

Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darüber die Atmosphäre spielte wunderbar in zarten Farben.

„Komm, gehn wir“, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich die Brust heraus und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag.

Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand gequält zur Seite und hatte den Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklärliche Traurigkeit in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. „Wenn ich jetzt rasend zornig sein könnte.“ Grünwiesler sah erschrocken auf. „Ich könnte ja hinterher abbitten . . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.“ Er sah Grünwiesler an, der seinen Kopf schulterwärts geneigt hielt und auf Oldshatterhand blickte, wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt.

„Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen nicht geweinten Tränen sein . . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach!“ atmete er tief aus und lachte plötzlich, lang und laut, in großer Befreiung.

Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der weißen Landstraße hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen Bauernhäuschens in der Sonne glühte.

Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah, als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte Oldshatterhand: „Jetzt ist das Mädchen ganz allein im Haus.“ Und was wird sie im Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn’s kalt ist. „Es ist ja kein Ofen im Haus.“

„Nein“, sagte Grünwiesler nachdenklich, „Türen hat das Haus nicht.“

 

Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. Der rothaarige Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Häusermaklers Fürchtegott Immermann, saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab. Die meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine Hühner fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. Ein junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein großer Hund, wälzte sich in der Sonne am Boden, streckte die dünnen Beine in den Himmel, stand plötzlich und rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, durch das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe.

„Herr Tierarzt Amrhein“, stellte der Gutsbesitzer vor. „Und das ist mein lieber Freund Immermann.“

Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen kam hereingerast, stoppte, stieg in die Höhe, drehte sich auf den Hinterbeinen und tollte wieder hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit verklebten Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen auf den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, der die Lippen verzog und tat, wie wenn er die Magd nicht sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. Sie war schwanger.

„Lassen Sie den Eber heraus!“ rief der Gutsbesitzer ihr nach. „Bringen Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen.“

Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof zu Immermann. Grünwiesler sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und errötete unaufhörlich. Oldshatterhand ärgerte sich über den geringschätzigen Gesichtsausdruck von Immermann.

„Wie geht’s mit deiner Gesundheit?“ fragte Grünwiesler ängstlich.

„Wie es einem Herzkranken gehen kann.“

Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah betrübt drein. Oldshatterhand war wütend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit seiner Herzkrankheit.

Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand.

Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte die Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand, überrumpelt und verwirrt, schüttelte, worauf Immermann die Lippen verzog.

Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler hilflos an, und als der Maler sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler zudrehte, dachte Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen — einer ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu. Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte und lächelte ironisch: Einen Finger? Wer wird so geizig sein! — Viele schlagfertige Erwiderungen fielen ihm ein; er hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und als er sich dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte mit ironischem Lippenverziehen.

„Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, daß du da bist“, sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rücken zu. Grünwiesler sah beglückt auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne sich um Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte und sich haßte, weil er stehen blieb.

Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn fest; der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen.

Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt stand auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der Jagdhund beroch, aber nicht fraß. Alle Hühner stürzten darauf los, bildeten, auf- und übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und verließen interesselos den Düngerhaufen wieder.

Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann an, der die Lippen verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber wurde in den Stall geschoben.

Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurück und sah dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen Augen.

„In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, ein Er ist das ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch eßbar. Sie sind eingeladen“, sagte der Gutsbesitzer zu Immermann.

Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin trat wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: „Nun? ist der Tierarzt denn noch nicht da?“

„Ach, das ist ja schon lange vorüber.“

Immermann verzog die Lippen.

Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand gingen am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrückt. Warum bin ich ungerecht, da er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin gemein.

Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das ins Spessarthaus gekommen war.

„Eine Tippelschickse!“ sagte Immermann kurz. Grünwiesler schwieg betroffen.

Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte man ihm ins Herz gezwickt. Gleich darauf aber fühlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte sich, daß er nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter schlecht von dem Mädchen sprach.

„Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.“

„Ausweispapiere! Man braucht keine!“ sagte Oldshatterhand laut.

„Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? Was dann?“ sagte Immermann zu Grünwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wäre.

Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen verteidigen und brachte kein Wort hervor.

Immermann verzog die Lippen. „Da habe ich es schon etwas ungefährlicher. Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin — — — gefällt sie dir?“ Er lächelte Grünwiesler breit an. „Ich habe übrigens wieder ein Märchengedicht geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin Romantiker.“

„Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!“ schrie Oldshatterhand plötzlich. „. . . Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen.“ Flammend wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt mit seinem Kanarienvogelblick nach.

„Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht verkehren“, sagte Immermann gleichgültig, seinen Zorn verbergend.

„Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir haben schöne Stunden miteinander verlebt.“

„Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.“

„Nein, nein!“ rief Grünwiesler ängstlich. „. . . Ich meinte ja nur so . . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen wunderschönen Akt . . . Aber gequält hat er mich ja auch.“

„Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt — Tölpel bist. Bei sich lacht er natürlich über dich, nachdem er dich ausgenützt hat.“

„. . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?“

„Was denn?“

„Schluß! Dann aber Schluß!“ schrie Grünwiesler in plötzlicher höchster Wut.

„Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber daß ein Subjekt mit dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehört, das wirst doch auch du einsehen.“

„Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber ich kenn ihn jetzt.“

„Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe, dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die Stimmung nicht länger verderben.“

„Du hast recht.“

„Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir mein neues lyrisches Gedicht.“

„Oh, das wäre wunderbar“, sagte Grünwiesler und legte Immermann die Hand auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstämmen.

„Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mägdlein kommt drin vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du das Bild?“

„Oh, das ist wunderbar.“

Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben ihnen am Tannenstamm. „Pst . . . dort“, flüsterte Grünwiesler.

Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flüsternd, dann lauter. Entzückt horchte er auf seine Stimme und mußte aufstehen. Die Arme ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe.

Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu Immermann empor.

„Siehst du die Kompositionen?“

„Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt’s mir an Phantasie“, sagte er traurig.

„Tom der Reimer saß am Bach!“ rief Immermann begeistert.

Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei führten, waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden. Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Männlein, das reglos am Waldsaum stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hängen.

„Ist das wahr“, fragte er den Weinbergshüter, „daß Sie den Buben, die sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schießen?“

Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn. „Früher han i’s ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei’s ganze Dorf auf und umstellt ’n Wenger.[1] Jetzet erwisch’n wir die Bub’n immer.“

[1]  Weinberg.

„Ach nein!“ rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Gärtnerhäuschen lag und von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt war.

Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte.

Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten Wolke und einem rotbäckigen Jüngling. Der sagte: „Bis übermorgen könnt ihr die zwei Hauptrollen studiert haben von meinem Stück“, und reichte der Roten Wolke sein Manuskript.

„Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. Tragödie in fünf Akten“, las die Rote Wolke vor.

Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen des Gemüsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte: