Das gibt Beute, Speis’ und Trank und Geld geschwind.“
Da wurde es in meinem Faß plötzlich lichter und aufblickend sah ich, daß der Mond aufgegangen war, der den Kreuzmast in silbernes Licht tauchte und weiß auf das Luv des Vordersegels leuchtete; und fast im selben Augenblick schrie die Stimme aus dem Lugaus: „Land ho!“
Zwölftes Kapitel
Kriegsrat
Es gab ein großes Getrappel quer über das Deck. Ich konnte hören, wie die Leute aus der Kabine und vom Focksegel herüberstürzten. Ich schlüpfte in einem Augenblick aus meinem Faß, tauchte unter das Vordersegel, machte zwei Sätze gegen das Hinterdeck zu und kam rechtzeitig auf Deck, um zusammen mit Hunter und Dr. Livesay zum Wetterbug zu stürzen.
Dort waren schon alle Matrosen versammelt. Fast gleichzeitig mit dem Aufgehen des Mondes hatte sich ein Nebelstreifen gehoben. Südwestlich von uns sahen wir nun zwei niedrige Hügel, ein paar Meilen voneinander entfernt, und hinter dem einen erhob sich ein dritter, höherer Berg, dessen Spitze noch im Nebel lag. Alle drei schienen von spitzer, kegelförmiger Gestalt zu sein.
Soviel sah ich, fast noch träumend, denn ich hatte mich von der entsetzlichen Angst, die ich vor ein oder zwei Minuten durchlebt hatte, noch nicht erholt. Und dann hörte ich die Stimme des Kapitän Smollett Befehle erteilen. Die Hispaniola wurde dem Wind etwas näher gelegt und segelte nun einen Kurs, der sie gerade dem Osten der Insel zuführen mußte.
„Und nun, Leute,“ sagte der Kapitän, als alles fertig war, „hat einer von euch je dieses Land gesehen?“
„Ich, Herr,“ sagte Silver, „ein Handelsschiff, auf dem ich Koch war, hat hier Wasser eingenommen.“
„Der Ankergrund ist im Süden, hinter einer kleinen Insel, nicht wahr?“ fragte der Kapitän.
„Ja, Herr, sie heißt die Skelettinsel. Das war einmal ein Seeräubernest, und ein Matrose, den wir an Bord hatten, kannte alle Namen hier. Der Hügel nach Norden zu heißt der Kreuzmastberg, nach Süden zu laufen drei in einer Reihe, der große mit der Wolke darüber wird gewöhnlich das „Fernrohr“ genannt, weil sie dort eine Wachstation hielten, wenn sie am Ankerplatz putzten, denn dort reinigten sie ihre Schiffe, mit Verlaub, Herr.“
„Ich habe eine Karte hier, schaut nach, ob das der Platz ist.“
Die Augen des langen John brannten, als er die Karte in die Hand nahm, doch erkannte ich am neuen Aussehen des Papiers, daß er eine Enttäuschung erleben mußte. Das war nicht die Karte, die wir in Billy Bones’ Koffer gefunden hatten, sondern eine genaue Kopie, die in jeder Beziehung vollständig war — Namen, Höhen und Lotungen — mit alleiniger Ausnahme der roten Kreuze und der handschriftlichen Bemerkungen. So stark sein Verdruß auch gewesen sein mag, Silver hatte doch die Selbstbeherrschung ihn zu verbergen.
„Ja, Herr, sicher ist das der Ort, und wie schön gezeichnet, wer das nur gemacht hat? Dazu waren die Piraten zu unwissend, meine ich. Ja, ja, hier steht es: ‚Kapitän Kidds Ankerplatz‘ — gerade so nannte ihn mein Schiffskamerad. Eine starke Strömung läuft die Südspitze entlang zur Westküste. Ganz recht hatten Sie, Herr, den Kurs zu ändern und an der Wetterseite zu bleiben. Wenn es nämlich Ihre Absicht war hineinzufahren und Kiel zu holen, dafür gibt es in diesen Gewässern keinen besseren Platz —“.
„Ich danke Euch, Mann,“ sagte Kapitän Smollett, „ich werde Euch später rufen, damit Ihr uns helft, jetzt könnt Ihr gehen.“
Ich war überrascht über die Kaltblütigkeit, mit welcher John seine Kenntnis der Insel zugab, und ich muß gestehen, ich geriet in Furcht, als er näher an mich herantrat. Er wußte natürlich nicht, daß ich in dem Apfelfaß seinen Kriegsrat belauscht hatte, aber ich war nun schon von einem solchen Entsetzen über seine Grausamkeit, Doppelzüngigkeit und Stärke ergriffen, daß ich kaum einen Schauer verbergen konnte, als er seine Hand auf meinen Arm legte.
„Ah,“ sagte er, „das ist ein herrlicher Platz, diese Insel — ein wundervoller Platz für einen Jungen zum Herumstreifen! Du wirst baden und auf Bäume klettern und Ziegen jagen, wenn du willst und selber wie eine Ziege auf den Bergen herumsteigen. Ach, das macht mich wieder jung, ich habe beinahe mein Holzbein vergessen! Ja, es ist eine schöne Sache jung zu sein und seine zehn Zehen zu haben, sicherlich. Wenn du ein wenig auf Forschungsreisen gehen willst, sag es nur dem alten John und er wird dir einen Imbiß zum Mitnehmen vorbereiten.“
Und er klopfte mir freundlich auf die Schulter, humpelte fort und ging nach unten.
Kapitän Smollett, der Gutsherr und Dr. Livesay standen im Gespräch zusammen auf Achterdeck, und so sehr ich mich danach sehnte, ihnen meine Geschichte zu erzählen, wagte ich es doch nicht, sie einfach zu unterbrechen. Als ich immer noch nach irgendeiner anständigen Ausrede dafür suchte, rief mich Dr. Livesay an seine Seite. Er hatte seine Pfeife unten gelassen und da er ein leidenschaftlicher Raucher war, wollte er mich um sie schicken. Doch sobald ich ihm nahe genug gekommen war, um ihm unbelauscht ein Wort sagen zu können, beschwor ich ihn sofort: „Herr Doktor, hören Sie mich an. Gehen Sie mit dem Kapitän und dem Squire in die Kabine hinunter und dann lassen Sie mich unter irgendeinem Vorwand holen, ich habe furchtbare Neuigkeiten.“
Der Doktor wechselte ein wenig die Farbe, aber im nächsten Augenblick hatte er sich in der Gewalt.
„Danke, Jim,“ sagte er ganz laut, „das war alles, was ich wissen wollte“, als ob er mich etwas gefragt hätte, und damit wandte er sich auf dem Absatz um und begab sich zu den beiden anderen. Sie sprachen ein wenig miteinander und trotzdem keiner von ihnen auffuhr oder seine Stimme erhob oder auch nur pfiff, war es ganz klar, daß Dr. Livesay ihnen meine Bitte mitgeteilt hatte, denn der Kapitän gab sofort Job Anderson einen Befehl und alle Matrosen wurden auf Deck gepfiffen.
„Bursche,“ sagte Kapitän Smollett, „ich habe euch etwas zu sagen: dieses Land, das wir gesichtet haben, ist unser Reiseziel. Herr Trelawney, der, wie wir alle wissen, ein sehr freigebiger Herr ist, hat mich eben über euch befragt und ich konnte ihm nur sagen, daß jeder Mann an Bord seine Pflicht getan hat; auf Deck und unter Deck habt ihr so anständig gearbeitet, wie ich es nicht besser verlangen kann. Nun wollen er und ich und der Doktor in die Kabine gehen und auf Eure Gesundheit trinken und Euch wird hier Grog aufgetragen werden, damit Ihr auf unsere Gesundheit trinken könnt. Ich will euch sagen, wie ich das finde: Ich finde es schön von Herrn Trelawney, und wenn ihr das auch findet, so werdet ihr jetzt ein Seemannshurra auf den Gentleman ausbringen, der das tut.“
Das Hurra folgte — selbstverständlich —, doch klang es so voll und herzlich, daß ich gestehen muß, ich konnte kaum glauben, daß es dieselben Leute waren, die im Sinne hatten uns zu ermorden.
„Noch ein Lebehoch für Kapitän Smollett!“ rief der lange John, als das erste verklungen war.
Und auch dieses wurde mit Lust und Liebe ausgebracht.
Darauf begaben sich die drei Herren hinunter und bald nachher kam eine Botschaft, daß Jim Hawkins in die Kabine verlangt werde.
Ich fand alle drei rund um den Tisch sitzend, eine Flasche spanischen Weins und ein paar Malagatrauben vor sich. Der Doktor rauchte drauf los und hatte seine Perücke auf dem Schoß, was, wie ich wußte, ein Zeichen von Aufregung bei ihm war.
Das Fenster zum Achterdeck war offen, denn es war eine warme Nacht und man konnte den Mondschein auf dem Kielwasser leuchten sehen.
„Nun, Hawkins!“ sagte der Squire, „du hast uns etwas zu sagen. Heraus damit.“
Ich tat, wie mir befohlen war und erzählte so kurz ich konnte alle Einzelheiten von dem Gespräch Silvers. Niemand unterbrach mich bis ich fertig war und keiner von den dreien machte auch nur eine Bewegung, sondern sie schauten mir, vom ersten bis zum letzten Wort, gerade ins Gesicht.
„Jim,“ sagte Dr. Livesay, „nimm Platz.“
Und sie hießen mich am Tische bei ihnen Platz nehmen, schenkten mir ein Glas Wein ein, füllten mir die Hände mit Malagatrauben an und alle drei, einer nach dem anderen, standen auf und tranken mit einer Verbeugung vor mir, auf meine Gesundheit, mein Wohlergehen und meinen Mut.
„Nun, Kapitän,“ sagte der Squire, „Ihr hattet recht und ich hatte unrecht. Ich gestehe, daß ich ein Esel war und erwarte Eure Befehle.“
„Nicht mehr Esel als ich, Herr“, erwiderte der Kapitän. „Ich habe noch nie gehört, daß eine Mannschaft, die auf Meuterei ausging, nicht vorher Zeichen gab, aus denen jedermann, der Augen im Kopfe hatte, das Unheil kommen sehen und sich entsprechend einrichten konnte. Aber diese Mannschaft,“ fügte er hinzu, „die ist mir über!“
„Kapitän,“ sagte der Doktor, „mit Eurer Erlaubnis, das ist Silver. Ein außerordentlicher Mensch.“
„Er würde außerordentlich gut auf einem Galgen aussehen, Herr,“ antwortete der Kapitän, „aber das ist Gerede und führt zu gar nichts. Ich möchte drei oder vier Punkte erörtern, wenn Herr Trelawney erlaubt.“
„Ihr, Herr, seid der Kapitän, an Euch ist es zu reden“, sagte Herr Trelawney, würdevoll.
„Erster Punkt:“, begann Herr Smollett, „wir müssen vorwärts, weil wir nicht zurück können. Wenn ich befehlen würde umzuwenden, würden sie sofort entern. Zweiter Punkt: Wir haben etwas Zeit vor uns, wenigstens bis dieser Schatz gefunden ist. Dritter Punkt: Es gibt ein paar anständige Leute unter den Matrosen. Nun, Herr, früher oder später muß es zum Zuschlagen kommen und ich denke das Gescheiteste ist, wir lassen es eines schönen Tages dazukommen, wenn sie es am wenigsten erwarten. Wir können, denke ich, auf Ihre eigenen Hausdiener zählen, Herr Trelawney?“
„Wie auf mich selbst“, erklärte der Squire. „Drei,“ zählte der Kapitän, „und wir mit Hawkins zusammen macht sieben; nun, und welche von den Matrosen sind verläßlich?“
„Höchstwahrscheinlich Trelawneys eigene Leute,“ sagte der Doktor, „die er selbst aufgabelte, bevor er Silver traf.“
„Nein,“ antwortete der Squire, „Hands war einer von den meinen.“
„Ich hätte wirklich gedacht, daß man sich auf Hands verlassen könne“, fügte der Kapitän hinzu.
„Und zu denken, daß sie alle Engländer sind!“ brach der Squire aus. „Herr, ich wäre imstande, das Schiff in die Luft gehen zu lassen.“
„Nun, meine Herren,“ sagte der Kapitän, „das beste, was ich raten kann ist nicht viel: wir müssen, wenn es Ihnen beliebt, beilegen und scharf Wache halten. Das ist langweilig für Männer, ich weiß, es wäre viel angenehmer zuzuschlagen. Aber da kann man nichts machen, ehe wir unsere Leute kennen. Beilegen und auf guten Wind warten, das ist meine Meinung.“
„Jim“, sagte der Doktor, „kann uns mehr helfen als sonst jemand, denn die Leute sind ihm gegenüber nicht zurückhaltend und Jim ist ein Junge, der gleich was merkt.“
„Hawkins, ich setze ungeheures Vertrauen in dich“, fügte der Squire hinzu.
Ich war sehr verzweifelt darüber, denn ich fühlte mich vollkommen hilflos. Dennoch kam durch eine sonderbare Verkettung von Umständen gerade durch mich die Rettung. Immerhin, man mochte reden was man wollte, wir waren nur sieben von sechsundzwanzig, auf die man sich verlassen konnte, und von diesen sieben war einer ein Knabe, so daß die Erwachsenen bloß sechs gegen neunzehn waren.
Dritter Teil
Mein Abenteuer zu Lande
Dreizehntes Kapitel
Wie ich mein Landabenteuer begann
Als ich am nächsten Morgen auf Deck kam war das Aussehen der Insel vollständig verändert. Trotzdem die Brise jetzt gänzlich umgeschlagen war, hatten wir während der Nacht ein gutes Stück Weg zurückgelegt und lagen nun in Windstille verfallen ungefähr ein halbe Meile südöstlich von der niedrigen östlichen Küste. Graufarbene Wälder bedeckten einen großen Teil des Landes. Diese gleichmäßige Farbe wurde nur durch Streifen gelber Sandbrüche in den tiefer gelegenen Teilen und durch viele hohe Bäume einer Tannenart unterbrochen, welche die übrigen überragten und zum Teil einzeln, zum Teil in Gruppen standen; doch die Färbung des Ganzen war einförmig und traurig. Die Berge erhoben sich als nackte Felsentürme aus den Wäldern. Alle waren seltsam geformt und das „Fernrohr“, welches drei- oder vierhundert Fuß über die Insel hinausragte, hatte die sonderbarste Gestalt, denn es lief von allen Seiten fast senkrecht aufwärts und war oben an der Spitze abgeplattet wie ein Sockel für ein Standbild.
Die Hispaniola ließ in die ansteigende Flut das Speigattwasser ablaufen, die Kräne zogen an den Blöcken, das Steuer schlug hin und her und das ganze Schiff krachte, stöhnte und lärmte wie eine Fabrik. Ich mußte mich fest an den Pardunen anhalten, denn die Welt drehte sich schwindelnd vor meinen Augen. Denn trotzdem ich unterwegs ein ziemlich guter Seemann war, konnte ich dieses Stilliegen und dabei wie eine Flasche Herumgerolltwerden, nie ohne ein gewisses Übelbefinden ertragen, besonders am Morgen auf nüchternem Magen.
Vielleicht lag es daran, oder war es der Anblick der Insel mit ihren grauen melancholischen Wäldern und ihren wilden Steintürmen, und die Brandung, die wir an der steilen Küste schäumen sehen und donnern hören konnten, mir wenigstens fiel das Herz in die Hosen, trotzdem die Sonne leuchtend und warm schien und die Ufervögel rund um uns jagten und lärmten und jeder hätte glauben müssen, daß man nach so einer langen Seefahrt nur zu gerne ans Land ginge. Von diesem ersten Blick an haßte ich die Schatzinsel aus tiefstem Herzen.
Wir hatten ein schweres Stück Morgenarbeit vor uns, denn es war gar kein Anzeichen von Wind zu spüren und die Boote mußten heruntergelassen und bemannt und das Schiff mußte drei oder vier Meilen rund um das Ende der Insel und den engen Eingang zum Hafen hinter die Skelettinsel hineinbugsiert werden. Ich ging freiwillig auf eines der Boote, wo ich natürlich nichts zu tun hatte. Die Hitze war drückend und die Leute murrten wild über ihre Arbeit. Anderson hatte den Befehl über mein Boot und anstatt die Mannschaft zur Ordnung zu verhalten, brummte er ärger als die anderen.
„Na,“ sagte er mit einem Fluch, „es ist ja nicht für ewig.“
Ich hielt das für ein sehr schlechtes Zeichen, denn bis dahin hatten die Leute gut gelaunt und eifrig ihre Arbeit verrichtet, doch der bloße Anblick der Insel hatte die Zügel der Disziplin gelockert.
Während der ganzen Einfahrt stand der lange John beim Steuermann und lotste das Schiff. Er kannte den Weg wie seine Handfläche, und obwohl der Mann in den Ketten überall mehr Wasser bekam als auf der Karte bezeichnet war, zögerte John nicht ein einziges Mal.
„Das ist schwer mit der Ebbe,“ sagte er, „und diese Durchfahrt hier ist sozusagen mit dem Spaten ausgegraben worden.“
Wir kamen gerade an den Punkt wo auf der Karte der Ankerplatz lag, etwa eine Drittelmeile von beiden Ufern entfernt, und hatten den Hauptteil der Insel auf der einen Seite und die Skelettinsel auf der anderen. Der Boden bestand aus reinem Sand. Das Aufschlagen unseres Ankers störte ganze Wolken von Vögeln auf, welche sich schreiend und Kreise ziehend über die Wälder verteilten, doch in weniger als einer Minute kamen sie wieder herab und alles war wieder still. Der Ort war ganz eingeschlossen, in Wäldern begraben und die Bäume standen bis hinunter zum Wasser.
Die Ufer waren zum größten Teil flach und die Bergspitzen standen rund amphitheatralisch angeordnet, eine da, eine dort. Zwei kleine Flüsse oder vielmehr Sümpfe mündeten in den Teich, wie man diese stehende Wasserfläche bezeichnen konnte. Das Grün rings um diesen Teil des Ufers hatte eine Art giftigen Leuchtens. Vom Schiffe her konnten wir vom Haus und den Palisaden nichts sehen, weil alles von Bäumen ganz überdeckt war. Und wenn wir nicht die Karte in der Kajüte gehabt hätten, hätten wir glauben können, wir seien die ersten, die jemals auf dieser Insel Anker geworfen hatten seit sie dem Meere entstiegen war.
Nicht ein Lüftchen regte sich, kein anderer Laut war zu hören als der Anprall der Brandung gegen die Küste und die Felsenklippen, eine halbe Meile weiter draußen. Ein seltsamer, stehender Geruch hing über dem Ankerplatz — ein Geruch von verfaulten Blättern und faulenden Baumstämmen. Ich bemerkte, wie der Doktor schnupperte, wie einer, der ein schlechtes Ei riecht.
„Ich weiß nicht, ob es hier einen Schatz gibt,“ sagte er, „aber ich will meine Perücke wetten, daß es hier Fieber gibt.“
Wenn das Benehmen der Leute schon im Boot beunruhigend ausgesehen hatte, wurde es jetzt, als sie an Bord kamen, wirklich bedrohlich. Sie lagen brummend im Gespräch miteinander, auf Deck. Der kleinste Befehl wurde mit finsteren Blicken aufgenommen und unter Murren und schlecht ausgeführt. Selbst die verläßlichen Leute mußten angesteckt worden sein, denn es war nicht ein Mann an Bord, der besser gewesen wäre als die anderen. Meuterei hing über uns wie eine Donnerwolke, das war klar.
Und nicht wir allein von der Kabinenpartei bemerkten die Gefahr. Der lange John war tüchtig an der Arbeit, ging von Gruppe zu Gruppe, gab überall guten Rat und es konnte kein besseres Beispiel geben als das seine. Er zerriß sich förmlich vor Höflichkeit und Dienstfertigkeit und stand lächelnd jedermann zu Diensten. Wenn ein Befehl gegeben wurde, war sofort John auf seiner Krücke da, mit dem höflichsten „Ja, ja, Herr!“ von der Welt, und wenn es nichts anderes zu tun gab, stimmte er ein Lied nach dem anderen an, wie um die Unzufriedenheit der übrigen zu verschleiern.
Von allen düsteren Vorzeichen dieses düsteren Nachmittages schien diese deutliche Angst von seiten des langen John das ärgste.
Wir hielten in der Kabine Rat.
„Herr,“ sagte der Kapitän, „wenn ich noch einen Befehl wage, kommt das ganze Schiff auf einen Schlag über uns. So ist es nun einmal, Herr. Ich bekomme eine freche Antwort, nicht wahr? Nun, und wenn ich entsprechend antworte, gehen im Augenblick die Spieße in die Höhe. Wenn ich das nicht tue, sieht Silver, daß etwas dahintersteckt und wir sind verloren. Wir haben also nur einen Mann, auf den wir uns verlassen können.“
„Und wer ist das?“ fragte der Squire.
„Silver, Herr,“ erwiderte der Kapitän, „ihm liegt so viel daran wie Ihnen und mir, die Sache zu unterdrücken. Er wird ihnen ihr Schmollen bald ausreden, wenn man ihm nur Gelegenheit dazu gibt, und ich schlage vor, ihm sie zu geben. Lassen wir die Leute einen Nachmittag an Land. Wenn sie alle gehen, nun, dann werden wir das Schiff verteidigen. Wenn keiner von ihnen geht, werden wir die Kabine halten und Gott beschütze dann das Recht. Wenn ein paar gehen, so passen Sie auf, Herr, wird Silver sie an Bord zurückbringen, sanft wie Lämmer.“
Das wurde beschlossen. An alle sicheren Männer wurden geladene Pistolen verteilt. Hunter, Joyce und Redruth wurden ins Vertrauen gezogen und nahmen die Mitteilung mit weniger Überraschung und in besserer Haltung auf als wir angenommen hatten, und dann ging der Kapitän auf Deck und sprach die Mannschaft an.
„Burschen,“ sagte er, „wir haben einen heißen Tag gehabt und sind alle müde und in schlechter Stimmung. Ein Ausflug ans Land wird niemandem schaden — die Boote sind noch im Wasser. Ihr könnt die leichten Ruderkähne nehmen und so viele wollen können am Nachmittag ans Land gehen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang werde ich einen Schuß abfeuern lassen.“
Ich glaube die dummen Jungen müssen gedacht haben, daß sie sofort beim Landen über Schätze stolpern müßten, denn im Augenblick schwand ihr ganzer Trotz und sie brachen in ein Hurra aus, daß es laut widerhallte und die Vögel rings um den Ankerplatz wieder erschreckt aufflogen.
Der Kapitän war zu gescheit, um im Weg herumzustehen. Er war sofort verschwunden und überließ es Silver den Ausflug zu arrangieren. Und es scheint mir, daß er gut daran tat. Denn wenn er auf Deck geblieben wäre, hätte er nicht einmal vorgeben können die Lage nicht zu verstehen, denn sie war klar wie der Tag. Silver war der Kapitän und er hatte es mit einer recht rebellischen Mannschaft zu tun. Die verläßlichen Leute — und ich sollte es bald bestätigt sehen, daß es solche an Bord gab — müssen sehr dumme Kerle gewesen sein, oder vielmehr war die Sache, glaube ich, so, daß alle durch das Beispiel der Rädelsführer angesteckt waren — nur manche mehr, manche weniger, und einige, die im Wesen gute Kerle waren, konnten weder verleitet noch weiter vorwärtsgetrieben werden. Es ist ein anderes Ding, faul und trotzig zu sein, und wieder ein ganz anderes, ein Schiff zu rauben und eine Anzahl unschuldiger Leute niederzuhauen.
Endlich ordnete sich die Gesellschaft. Sechs Mann sollten an Bord bleiben und die übrigen dreizehn, Silver mit eingeschlossen, begannen sich einzubooten.
Gerade in diesem Augenblick ging mir der erste der verrückten Einfälle durch den Kopf, die so sehr dazu beigetragen haben, uns das Leben zu retten. Wenn Silver sechs Mann zurückließ, so war es klar, daß unsere Partei nicht das Schiff nehmen und verteidigen konnte, und da es nur sechs waren, war es ebenso klar, daß die Kabinenpartei gegenwärtig meine Hilfe nicht brauchte. Sofort kam ich auf die Idee ans Land zu gehen. In einem Nu war ich in eines der nächsten Boote geschlüpft, das fast im selben Augenblick abfuhr.
Niemand beachtete mich, nur der Ruderer am Bug fragte: „Bist du’s, Jim? Duck dich!“ Doch Silver schaute aus dem nächsten Boot scharf her und rief zu uns herüber, um zu erfahren, ob ich da sei. Und von diesem Augenblick an begann ich zu bedauern, daß ich mitgekommen war.
Die Boote fuhren um die Wette ans Ufer, doch das, in welchem ich saß, hatte einen kleinen Vorsprung, und da es auch leichter und besser bemannt war, schoß es den anderen weit voraus. Als der Bug die Uferbäume berührte, erfaßte ich einen Zweig, schwang mich hinaus und war im Dickicht verschwunden, als Silver und die übrigen noch hundert Meter hinter uns waren.
„Jim, Jim!“ hörte ich ihn rufen.
Aber man kann sich denken, daß ich darauf nicht hörte. Springend, mich duckend und durch das Dickicht brechend, rannte ich der Nase nach weiter bis ich nicht mehr konnte.
Vierzehntes Kapitel
Der erste Schlag
Ich war so froh darüber, dem langen John entschlüpft zu sein, daß ich bald begann meine Freiheit zu genießen und mit Interesse das merkwürdige Land betrachtete, in welchem ich mich befand.
Ich durchkreuzte eine sumpfige, mit Weiden, Binsen und seltsamen fremdländischen Sumpfpflanzen bestandene Strecke und kam nun am Saume eines welligen, sandigen Landstriches heraus, der sich ungefähr eine Meile hinzog und mit einigen Nadelbäumen und vielen verkrüppelten Bäumen bestanden war, die jungen Eichen im Wuchs ähnelten, deren Laub aber blaß wie das der Weiden war. Im Hintergrunde der Lichtung erhob sich einer der Berge mit zwei seltsamen, zerklüfteten Spitzen, die in der Sonne glänzten.
Nun empfand ich zum erstenmal die Lust des Forschens. Die Insel war unbewohnt, meine Schiffskameraden waren zurückgeblieben und vor mir gab es nur unvernünftiges Getier. Ich wandte mich hierhin und dorthin, sah unbekannte blühende Pflanzen, da und dort Schlangen und eine erhob ihren Kopf von einer Felsenklippe und zischte mich an mit einem Geräusch, das dem eines Kreisels vergleichbar war. Ich wußte nicht, einen Todfeind vor mir zu haben und daß das Geräusch das berühmte Klappern der Klapperschlange war.
Dann kam ich an eine lange Hecke dieser eichenartigen Bäume — Lebensbäume hörte ich sie später nennen —, welche der Lichtung entlang wie Brombeersträucher wuchsen, mit seltsam verschlungenen Zweigen und festem, strohähnlichem Laube. Das Dickicht erstreckte sich von der Spitze einer der sandigen Kuppen, breitete sich aus und wurde höher bis es den Rand des breiten, schilfreichen Moors erreichte, durch welches sich der kleinere der beiden Flüsse seinen Weg zum Ankerplatz bahnte. Das Moor dampfte in der heißen Sonne und die Umrisse des „Fernrohres“ zitterten im Nebel.
Plötzlich ging eine Art Wispern durch die Binsen, eine wilde Ente flog quäkend auf, eine zweite folgte und bald hing über der ganzen Fläche des Moores eine große Wolke von schreienden, kreisenden Vögeln in der Luft. Ich dachte mir sofort, daß ein paar meiner Schiffskameraden sich dem Saume des Moores entlang nähern mochten und hatte mich nicht geirrt, denn bald hörte ich ganz von ferne und leise die Laute einer menschlichen Stimme, die immer näher kamen.
Dies versetzte mich in große Furcht und ich kroch hinter den nächststehenden Lebensbaum und lag dort zusammengekrümmt, lauschend, mäuschenstill. Eine zweite Stimme antwortete und dann nahm die erste, welche ich als die Silvers erkannte, noch einmal den Faden einer Rede auf und sprach lange in einem Fluß weiter, nur dann und wann von der zweiten unterbrochen. Nach dem Klange zu schließen, sprachen sie ernst und fast leidenschaftlich miteinander, doch konnte ich kein Wort deutlich vernehmen.
Endlich schienen die Sprechenden einzuhalten und sich vielleicht niederzusetzen, denn ich hörte die Stimmen nicht mehr näherkommen und auch die Vögel begannen ruhiger zu werden und sich wieder auf ihre Brutplätze im Sumpf niederzulassen.
Nun begann ich zu empfinden, daß ich meine Pflicht verabsäumte; denn da ich schon so tollkühn gewesen war, mit den Desperados ans Land zu gehen, so war das wenigste, was ich tun konnte, ihre Beratungen zu belauschen. Es schien meine klare und offenkundige Pflicht ihnen, vom Dickicht gedeckt, so nahe wie irgend möglich zu kommen. Ich konnte die Richtung der Sprecher nicht nur aus dem Klang der Stimmen, sondern auch aus dem Gehaben der Vögel, die immer noch beunruhigt über den Köpfen der Eindringlinge kreisten, ziemlich genau erraten.
Auf allen Vieren kriechend näherte ich mich ihnen langsam aber stetig, bis ich endlich durch eine Öffnung im Gezweig in eine kleine, grüne Schlucht neben dem Moor, die ganz mit Bäumen bestanden war, hineinblicken konnte wo der lange John Silver und ein anderer Matrose sich im Gespräch gegenüberstanden.
Sie standen im vollen Sonnenlicht, Silvers Hut lag neben ihm auf dem Boden und sein großes, freundliches, helles Gesicht, das vor Hitze glänzte, blickte bittend zu dem anderen Mann auf —
„Maat,“ sagte er gerade, „nur weil ich dich für einen goldenen Kerl halte, ja, du bist ein goldener Mensch, das ist wahr, wenn ich nicht wie Pech an dir hängen würde, glaubst du, ich würde dich hernehmen, um dich zu warnen? Alle sind auf, da kann man nichts daran ändern. Ich rede nur, um dir deinen Hals zu retten, und wenn einer der wilden Kerle davon wüßte, wo wäre ich jetzt, Tom? — Nun sage mir, wo wäre ich jetzt?“
„Silver,“ sagte der andere Mann — und ich bemerkte, daß nicht nur sein Gesicht gerötet war, sondern daß er auch heiser sprach wie eine Krähe und daß seine Stimme zitterte wie ein straffgespanntes Tau — „Silver,“ sagte er, „du bist alt und ehrlich oder giltst wenigstens dafür, und du hast auch Geld, was die meisten Seeleute nicht haben, und bist tapfer, oder ich irre mich sehr in dir. Und du willst mir einreden, daß du dich von diesen Waschlappen in so eine Sache hineinreißen läßt, nein, das glaube ich nicht. So wahr mich Gott sieht, da würde ich lieber meine Hand verlieren, ehe ich meine Pflicht verlasse —“
Und plötzlich wurde er durch einen Lärm unterbrochen. Ich hatte nun einen der verläßlichen Leute entdeckt — und hier kam gerade in demselben Augenblick Nachricht von einem anderen. Plötzlich erhob sich weit draußen im Moor ein Ton, der wie ein wütender Ruf klang, darauf ein zweiter und dann ein schauerlicher, langgezogener Schrei. Die Felsen des „Fernrohrs“ widerhallten ihn viele Male, der ganze Strich Sumpfvögel stieg wieder auf mit viel Geschwirre und verdunkelte den Himmel. Und lange noch klang jener gellende Todesschrei in meiner Seele, als sich schon längst wieder Stille eingestellt hatte und nur mehr das Geflatter der wieder sich senkenden Vögel und das Donnern der fernen Brandung die Stille des Nachmittages unterbrach.
Tom war bei diesem Ton wie ein Roß unter dem Sporn aufgesprungen, doch Silver zuckte nicht mit der Wimper, er blieb stehen wo er war, leicht an seine Krücke gelehnt und beobachtete seinen Gefährten wie eine Schlange, die sich zum Sprunge bereit macht.
„John“, sagte der Matrose und streckte ihm die Hand entgegen.
„Hände weg!“ schrie Silver und sprang mit der Schnelligkeit und Sicherheit eines gelernten Turners einen Schritt zurück.
„Hände weg, wenn Ihr wollt, John Silver,“ sagte der andere, „nur ein schlechtes Gewissen kann sich vor mir fürchten. Aber sagt mir um Himmelswillen, was war das?“
„Das?“ erwiderte Silver lächelnd, aber verschmitzter als je, während seine Augen, nur Stecknadelköpfe in dem breiten Gesicht, wie Glasscherben glänzten, „das, oh, das wird wohl Alan gewesen sein!“
Da flammte der arme Tom wie ein Held auf.
„Alan!“ rief er, „dann Friede der Seele dieses echten Matrosen! Und Ihr, John Silver, seid lange mein Kamerad gewesen, aber Ihr seid es nicht mehr. Und sollte ich wie ein Hund sterben, ich will meiner Pflicht treu bleiben. Ihr habt Alan getötet, nicht wahr? Tötet mich auch, wenn Ihr könnt. Aber ich bin nicht Euer Gefährte.“
Und darauf wandte der tapfere Kerl dem Koch den Rücken und wandte sich der Küste zu. Aber er sollte nicht weit kommen. Mit einem Schrei ergriff John einen Baumzweig, riß die Krücke aus seiner Achselhöhle heraus und sandte dieses ungefüge Wurfgeschoß dem Fortgehenden nach. Die Spitze traf den armen Tom mit unglaublicher Heftigkeit genau zwischen den Schultern in den Rücken. Seine Hände flogen in die Höhe, er stieß ein Stöhnen aus und fiel.
Wie heftig er verwundet wurde konnte man nicht sagen, wahrscheinlich wurde ihm, nach dem Klang zu schließen, das Rückgrat sofort gebrochen. Auf keinen Fall hatte er Zeit wieder zu sich zu kommen, denn Silver, der auch ohne Bein und Krücke beweglich war wie ein Affe, lag im nächsten Augenblicke über ihm und stieß zweimal sein Messer bis zum Heft in den bewegungslosen Körper. Von meinem Hinterhalt aus konnte ich ihn dabei laut keuchen hören.
Ich weiß nicht genau wie das ist, wenn man ohnmächtig wird, aber ich weiß, daß in den nächsten Minuten mir die ganze Welt in einem wirbelnden Nebel verschwamm. Silver und die Vögel und die hohe Spitze des „Fernrohres“ tanzten vor meinen Augen auf und ab und alle möglichen Glocken und fernen Stimmen klangen mir in den Ohren.
Als ich wieder zu mir kam, hatte sich das Ungeheuer schon zurechtgerichtet und hatte seine Krücke unter dem Arm und den Hut auf dem Kopfe. Gerade vor ihm lag Tom bewegungslos auf dem Rasen. Doch der Mörder beachtete ihn mit keinem Blick und reinigte sein blutbeflecktes Messer mit einem Grasbüschel. Sonst war alles unverändert. Immer noch schien die Sonne unbarmherzig auf das dampfende Moor und den steilen Turm des Berges, und ich konnte selber kaum glauben, daß einen Augenblick vorher wirklich ein Mord geschehen und ein menschliches Leben vor meinen Augen grausam entzweigeschnitten worden war.
Doch nun griff John in die Tasche, brachte eine Pfeife zum Vorschein und blies darauf eine Reihe von Tönen, die durch die heiße Luft weit hinausklangen. Ich kannte natürlich den Sinn dieses Zeichens nicht, aber es erweckte sofort meine Furcht. Es würden mehr Leute kommen, ich könnte entdeckt werden. Zwei von den anständigen Leuten hatten sie schon erschlagen, würde nach Tom und Alan ich nicht der nächste sein?
Sofort begann ich, so eilig und geräuschlos ich nur konnte mich aus dem Dickicht herauszuschälen und dem offenen Teil des Waldes zuzustreben. Dabei hörte ich wie der alte Freibeuter mit seinen Gefährten Rufe wechselte und dieses Zeichen der Gefahr verlieh mir Flügel.
Sowie ich aus dem Dickicht draußen war, rannte ich wie nie zuvor, wenig auf die Richtung achtend und nur darauf bedacht, von den Mördern wegzukommen. Und während ich lief, wuchs meine Furcht mehr und mehr, bis sie sich in eine Art Irrsinn verwandelte.
Und wer konnte wahrlich sicherer verloren sein als ich? Konnte ich es wagen, sobald der Schuß vom Schiff ertönte, zwischen diesen Teufeln, die noch vom Blute rauchten, zu den Booten hinunterzugehen? Würde mir nicht der erste von ihnen, der mich erblickte, den Hals umdrehen wie einer Schnepfe? Würde nicht die Tatsache meiner Abwesenheit allein ihnen ein Beweis sein für meine Furcht und daher auch für mein Wissen von ihren Missetaten? Alles war nun vorüber, dachte ich. Lebewohl Hispaniola, lebewohl Squire, Doktor und Kapitän! Mir blieb nichts als der Hungertod oder der Tod durch die Hand der Meuterer. Indessen lief ich, wie gesagt, immer weiter und ohne es zu beachten war ich in die Nähe des Fußes des kleinen Hügels mit den zwei Spitzen gekommen und in jenen Teil der Insel gelangt, wo die Lebensbäume weiter auseinanderstanden und in der Größe und dem Aussehen mehr Waldbäumen glichen. Sie waren untermischt mit einigen zerstreuten Nadelbäumen, die fünfzig bis siebzig Fuß hoch waren. Auch die Luft roch hier frischer als unten am Sumpfe.
Doch hier brachte mich ein neuer Schrecken mit klopfendem Herzen zum Stehen.
Fünfzehntes Kapitel
Der Mann der Insel
Von der Seite des Berges, der hier steil und steinig war, hatte sich ein Stück Kies gelöst und stürzte nun polternd zwischen den Bäumen herunter. Instinktiv wandte ich meine Augen nach jener Richtung und sah eine Gestalt mit großer Geschwindigkeit hinter dem Stamm einer Fichte verschwinden. Was es war, ob Bär, Mensch oder Affe, konnte ich nicht sehen, es schien dunkel und zottig, mehr sah ich nicht, doch der Schrecken über diese neue Erscheinung ließ mich im Lauf innehalten.
Ich war nun, wie es schien, auf beiden Seiten abgeschnitten; hinter mir die Mörder, vor mir jenes lauernde Etwas. Und sofort begann ich die Gefahren, die ich kannte, den unbekannten vorzuziehen. Silver selbst schien, mit diesem Waldgeschöpf verglichen, weniger gefährlich, und ich drehte mich auf dem Absatz um und begann meine Schritte in die Richtung der Boote zu wenden.
Sofort erschien die Gestalt wieder und fing, einen weiten Kreis ziehend an, mir den Weg abzuschneiden. Ich war gewiß müde, aber selbst wenn ich noch so frisch gewesen wäre wie beim Erwachen, wäre es ganz vergeblich gewesen es an Schnelligkeit mit einem solchen Gegner aufzunehmen. Von einem Baumstrunk zum anderen flog das Wesen wie ein Wild menschenähnlich auf zwei Beinen laufend und doch allen Menschen unähnlich, die ich jemals gesehen hatte. Es bückte sich beim Laufen tief, so daß es wie zusammengeklappt aussah, dennoch war es ein Mensch, darüber konnte ich nicht länger im Zweifel sein.
Ich erinnerte mich an alles, was ich von Menschenfressern gehört hatte. Um ein Haar war ich daran, um Hilfe zu rufen, doch die bloße Tatsache, daß es ein Mensch war, wenn auch ein wilder, beruhigte mich etwas und in gleichem Ausmaße wuchs wieder meine Furcht vor Silver. Ich blieb daher stehen und sah mich nach einem Ausweg um; plötzlich erinnerte ich mich meiner Pistole. Sowie mir einfiel, daß ich nicht wehrlos war wuchs mein Mut, ich wandte mich entschlossen diesem Inselmenschen zu und ging gerade auf ihn los.
Er war jetzt wieder hinter einem Baumstrunk verborgen, doch schien er mich genau beobachtet zu haben, denn als ich mich in seine Richtung wandte erschien er wieder und machte einen Schritt auf mich zu. Dann zögerte er, zog sich wieder zurück, kam mir wieder entgegen und schließlich, zu meinem Erstaunen und zu meiner Verwirrung, warf er sich vor mir auf die Knie und hielt mir seine aufgehobenen Hände bittend entgegen.
Bei diesem Anblick stand ich still.
„Wer seid Ihr?“ fragte ich.
„Ben Gunn“, antwortete er, und seine Stimme klang heiser und sonderbar wie ein verrostetes Schloß. „Ja, ich bin der arme Ben Gunn, der bin ich und seit drei Jahren habe ich mit keinem Christenmenschen gesprochen.“
Ich konnte nun sehen, daß ich einen Weißen vor mir hatte und daß seine Gesichtszüge sogar angenehm waren. Seine Haut schien von der Sonne verbrannt und selbst seine Lippen waren schwarz, so daß seine hellen Augen ganz überraschend aus dem dunklen Gesicht herausleuchteten. Von allen Bettlern, die ich jemals gesehen hatte, leistete er sich das ärgste an Zerlumptheit. Er war in Fetzen von alter Schiffsleinwand und Segeltuch gehüllt und dieses merkwürdige Flickwerk wurde durch ein System der verschiedenartigsten, komischsten Befestigungen: Metallknöpfen, Teilen von Bootshaken und Schlingen aus geteertem Tau zusammengehalten. Um den Leib trug er einen alten Ledergürtel mit Metallschließe, der das einzige ordentliche Stück dieser sonderbaren Ausstaffierung darstellte.
„Drei Jahre!“ rief ich, „seid Ihr schiffbrüchig?“
„Nein, Kamerad,“ sagte er, „ausgesetzt.“
Ich hatte das Wort schon gehört und wußte, daß es eine furchtbare Strafe bedeutete, welche bei den Freibeutern gang und gäbe ist und die darin besteht, daß der Missetäter mit etwas Pulver und Blei versehen, auf irgendeiner einsamen, fernen Insel zurückgelassen wird.
„Vor drei Jahren ausgesetzt,“ fuhr er fort, „und seitdem von Wild, Beeren und Austern gelebt. Wo ein Mensch hinkommt, sage ich, kann er schon für sich sorgen. Aber Kamerad, wie sehne ich mich nach ehrlicher Christenkost! Habt Ihr nicht zufällig ein Stück Käse bei Euch? Nein? Ach, so manche lange Nacht hab’ ich von Käse geträumt — meist von geröstetem — und als ich aufgewacht bin, saß ich hier.“
„Wenn ich je wieder an Bord komme sollt Ihr einen ganzen Laib bekommen“, versprach ich ihm.
Inzwischen befühlte er fortwährend den Stoff meiner Jacke, streichelte meine Hände, bewunderte meine Schuhe und zeigte überhaupt in den Pausen seiner Rede kindliches Entzücken über die Gesellschaft eines Mitmenschen. Doch bei meinen letzten Worten spähte er mit einer Art erschreckter Verschlagenheit zu mir herüber.
„Wenn Ihr je wieder an Bord kommt, sagt Ihr?“ fragte er. „Ja, wer sollte Euch daran hindern?“
„Ihr nicht, ich weiß“, war meine Antwort.
„Natürlich nicht,“ rief er, „nun und — wie heißt Ihr, Kamerad?“
„Jim“, sagte ich.
„Jim, Jim“, wiederholte er sichtlich erfreut. „Nun Jim, ich habe ein so schlechtes Leben geführt, daß Ihr Euch schämen werdet es anzuhören. Also zum Beispiel, würdet Ihr glauben, daß ich eine fromme Mutter hatte, wenn Ihr mich anschaut?“ fragte er.
„Nein, nicht unbedingt“, antwortete ich.
„Ah, und sie war besonders fromm. Und auch ich war ein braver, frommer Junge, der seinen Katechismus so schnell herplappern konnte, daß man kein Wort verstand. Und das ist dabei herausgekommen! Angefangen hat es mit dem Kopf und Adlerspiel auf diesen verflixten Grabsteinen! Aber es ging weiter als das und meine Mutter hatte es gewußt und mir oft alles vorhergesagt, die fromme Frau! Aber die Vorsehung hat mich hergebracht. Das habe ich mir alles auf dieser einsamen Insel ausgedacht und hab mich doch wieder zu den Frommen geschlagen. Nicht das bißchen Rum werdet Ihr mich kosten sehen. Gerade nur einen Fingerhut voll, zum Gesundheit trinken natürlich, sowie ich einen zu sehen kriege. Ich schwöre ich will mich gut halten. Und Jim“ — dabei dämpfte er seine Stimme zum Flüstern — „ich bin reich.“
Ich war nun überzeugt, daß der arme Bursche in seiner Einsamkeit verrückt geworden war und er mag diesen Gedanken in meinen Mienen gelesen haben, denn er wiederholte hitzig:
„Reich! Reich! sage ich. Und ich werde Euch was sagen Jim, ich werde einen reichen Mann aus Euch machen. Oh Jim, Ihr werdet den lieben Gott auf den Knien danken, sicher, daß Ihr der erste wart, der mich gefunden hat.“ Doch da senkte sich plötzlich ein Schatten über sein Gesicht, er ergriff meine Hand fester und er hob drohend den Zeigefinger.
„Jim, sagt mir die Wahrheit: Das ist doch nicht Flints Schiff?“ fragte er.
Darauf hatte ich einen glücklichen Einfall. Ich fing an zu hoffen, daß ich einen Verbündeten gefunden hatte, und antwortete ihm sofort:
„Es ist nicht Flints Schiff und Flint ist tot, doch will ich Euch die Wahrheit sagen, da Ihr mich befragt — wir haben ein paar von Flints Matrosen an Bord und das ist schlimm genug für uns andere.“
„Doch nicht ein Mann — mit einem — Bein?“ keuchte er.
„Silver?“ fragte ich.
„Ja, Silver,“ sagte er, „so hieß er.“
„Er ist der Koch und der Rädelsführer obendrein.“
Er hielt mich noch immer am Handgelenk und dabei preßte er es fest zusammen.
„Wenn Ihr vom langen John geschickt seid,“ sagte er, „dann bin ich so gut wie geliefert, das weiß ich. Aber wie steht’s denn mit Euch?“
Ich entschloß mich im Augenblick ihm die ganze Geschichte unserer Reise und die schlimme Lage zu erzählen, in welcher wir uns jetzt befanden und er hörte mit leidenschaftlicher Teilnahme zu, und als ich zu Ende war streichelte er mich.
„Ihr seid ein guter Junge, Jim,“ sagte er, „und Ihr seid alle in einer bösen Patsche, was? Nun vertraut nur dem Ben Gunn — Ben Gunn wirds schon machen. Aber hört einmal, glaubt Ihr, daß Euer Squire, wenn ich ihm helfen würde — da er doch, wie Ihr sagt, in der Patsche steckt —, glaubt Ihr, daß er sich freigebig zeigen würde?“
Ich sagte ihm, daß der Squire der freigebigste Mensch der Welt sei.
„Ja, aber die Sache ist so,“ erwiderte Ben Gunn, „ich will nicht vielleicht, daß er mich als Torhüter anstellt und mir eine Livree schenkt oder etwas dergleichen. Das ist nicht mein Fall, Jim. Ich meine: ist es wahrscheinlich, daß er sich entschließen würde, jemanden, der ihm so hilft, sagen wir tausend Pfund von dem Geld zu geben, das eigentlich schon so gut wie mein Eigen ist?“
„Das würde er sicherlich,“ sagte ich, „ohnehin hätte alles geteilt werden sollen.“
„Und eine freie Heimreise dazu?“ fügte er mit einem ungeheuer schlauen Blick hinzu.
„Aber,“ rief ich aus, „der Squire ist ein Gentleman und außerdem brauchen wir Euch ja, wenn wir die anderen los werden, als Hilfe auf dem Schiffe auf der Heimreise.“
„Ja,“ sagte er, „natürlich braucht Ihr mich“, und schien sehr beruhigt.
„Jetzt werde ich Euch etwas sagen“, fuhr er fort. „Soviel sag’ ich Euch und nicht mehr: Ich war auf Flints Schiff, als er den Schatz vergrub, er und sechs andere — sechs starke Seeleute. Sie blieben fast eine Woche am Lande und wir warteten im Hafen auf dem alten ‚Walroß‘. Eines schönen Tages bekamen wir das Zeichen und sahen Flint in einem kleinen Boot daherkommen, den Kopf in ein blaues Tuch eingebunden. Die Sonne ging gerade auf und totenblaß sah er aus, wie er da beim Schiff anlangte. Doch da war er nun, versteht Ihr, und die sechs anderen alle tot — tot und begraben. Wie er das gemacht hat konnte keiner von uns erfahren. Es war eine Schlacht, ein Mord und gewaltsamer Tod zumindest — er gegen sechs! Billy Bones war Maat, der lange John Quartiermeister und die beiden fragten ihn, wo der Schatz sei. Nun, sagte er, ihr könnt ans Ufer gehen, wenn ihr wollt und dort bleiben, sagte er, das Schiff wird schon noch andere auftreiben, zum Donner! Das war alles, was er sagte.
Nun, ich war vor drei Jahren auf einem anderen Schiff und wir sichteten diese Insel. ‚Jungens,‘ sagte ich, ‚hier liegt Flints Schatz, gehen wir ans Land und suchen wir ihn.‘
Dem Kapitän war es unangenehm, doch meine Kameraden waren alle einverstanden und wir landeten. Zwölf Tage lang suchten sie und jeden Tag wurden sie gröber mit mir, bis sie eines schönen Morgens alle wieder an Bord gingen.
‚Was Euch anlangt, Benjamin Gunn,‘ sagten sie, ‚hier ist ein Gewehr, ein Spaten und eine Spitzhacke. Ihr könnt hier bleiben und Flints Geld allein suchen!‘ sagten sie.
Nun Jim, drei Jahre bin ich nun hier und von dem Tag bis heute nicht ein Bissen Christenkost! Und nun schaut einmal her, schaut mich an, schaue ich aus wie ein Matrose? Nein, sagt Ihr, nun ich bin auch keiner, sage ich.“ Und dabei blinzelte er mich an und kniff mich fest in den Arm.
„Also, so werdet Ihr es Eurem Squire sagen, Jim“ — fuhr er fort —: „Er war auch keiner — so hat ers gesagt, drei Jahre war er der Mann dieser Insel, ob hell, ob finster, ob schön, ob Regen und manchmal hat er schon ans Beten gedacht (müßt Ihr sagen), und manchmal dachte er wohl an seine alte Mutter, ob sie wohl noch leben mag (werdet Ihr sagen), aber den größten Teil seiner Zeit (so werdet Ihr sagen) — den größten Teil seiner Zeit verwendete er zu anderen Dingen, und dann werdet Ihr ihn ein wenig kneifen, so wie ich Euch jetzt.“ Und wieder zwickte er mich in der vertraulichsten Weise.
„Dann,“ fuhr er fort —, „dann steht Ihr auf und sagt folgendes: Gunn ist ein guter Mann (werdet Ihr sagen) und er hat verteufelt mehr Vertrauen zu einem wirklichen, wohlgeborenen Gentleman, als zu diesen Glücksrittern, von denen er selber einer gewesen.“
„Nun,“ sagte ich, „ich verstehe kein Wort von Euren Reden, aber das ist nicht so wichtig, denn wie soll ich an Bord gelangen?“
„Ja,“ sagte er, „natürlich, das ist die Schwierigkeit. Nun, dort ist mein Boot, das ich mit meinen beiden Händen gezimmert habe, ich habe es dort unter dem weißen Felsen versteckt. Wenn es keinen anderen Ausweg gibt, können wir es probieren, bis es dunkel wird. Hei!“ fuhr er auf, „was ist denn das?“
Denn eben jetzt erscholl, trotzdem noch ein oder zwei Stunden bis zum Sonnenuntergang fehlten, Kanonendonner, der auf der ganzen Insel widerhallte.
„Der Kampf hat begonnen!“ rief ich, „folgt mir!“ Und ich rannte gegen den Ankerplatz zu und hatte meine ganze Angst vergessen. An meiner Seite lief leicht und behende der ausgesetzte Mann in seinen Ziegenhäuten.
„Links, links!“ sagte er. „Haltet Euch links, Kamerad Jim, in den Schatten mit Euch! Hier habe ich meine erste Ziege getötet, hierher kommen sie nicht, da fürchten sie sich zu sehr vor Benjamin Gunn. Da, hier ist der Gräbegnisort“ — er meinte natürlich Begräbnisort — „seht Ihr die Gräber, ich komme manchmal her, hie und da, wenn ich glaube, heut könnte es Sonntag sein. Es ist ja eigentlich keine Kapelle, aber es schaut hier doch feierlicher aus, und dann sagt Ihr ihm Ben Gunn war recht schlecht dran — keinen Pfarrer, nicht einmal eine Bibel und keine Fahne, müßt Ihr sagen.“
So schwätzte er beim Laufen weiter und erwartete weder noch erhielt er eine Antwort.
Dem Kanonenschuß folgte nach einer beträchtlichen Pause eine Salve Kleingewehrfeuer, wieder eine Weile Stille, und dann sah ich plötzlich, keine Viertelmeile vor mir, über einem Wäldchen die britische Flagge in der Luft flattern.