Das war unser beider sicheres Ende. Wie ich da die Feigheit der Nachbarn verfluchte, wie ich meiner armen Mutter grollte wegen ihrer Ehrlichkeit und ihrer Habsucht, ihrer früheren Tollkühnheit wegen und ihrer jetzigen Schwäche! Wir waren zum Glück eben zu einer kleinen Brücke gekommen und ich half der Wankenden zum Uferrand hinunter, wo sie mit einem Seufzer ohnmächtig an meine Schulter sank.
Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nahm, sie zu tragen und ich fürchte, ich habe es nicht sehr zart gemacht, aber immerhin schleppte ich sie die Böschung hinunter und ein Stückchen unter den Brückenbogen. Weiter konnte ich sie nicht bringen, denn die Brücke war zu niedrig, so daß ich nur hineinkriechen konnte. Dort mußten wir bleiben, meine Mutter fast ganz unbeschützt, und wir beide in Hörweite vom Gasthofe.
Fünftes Kapitel
Das Ende des blinden Mannes
In gewissem Sinne war meine Neugierde stärker als meine Furcht, denn es hielt mich nicht in meinem Versteck, sondern ich kroch wieder auf die Böschung hinauf, von wo aus ich, den Kopf hinter einem Ginstergebüsch verborgen, die Straße vor unserem Tor überblicken konnte. Ich hatte kaum meine Stellung bezogen, als meine Feinde schon herankamen und ihre Schritte schlugen in unregelmäßigen Abständen auf den Boden. Der mit der Laterne war einige Schritte voran. Drei Männer liefen Hand in Hand und ich konnte auch durch den Nebel bemerken, daß der mittlere in diesem Trio der blinde Bettler war. Im nächsten Augenblick hörte ich an seiner Stimme, daß es so war.
„Nieder mit dem Tor!“ schrie er.
„Ja, ja, Herr!“ antworteten zwei oder drei und der „Admiral Benbow“ wurde gestürmt. Der Laternenträger folgte. Dann sah ich sie innehalten und hörte sie in leiserem Tone sprechen, als seien sie überrascht, das Tor offen zu finden. Aber die Unschlüssigkeit dauerte nicht lange, denn der blinde Mann gab wieder seine Befehle. Seine Stimme klang lauter und schärfer, wie von Eifer und Wut befeuert.
„Hinein, hinein, hinein!“ schrie er und fluchte über ihre Langsamkeit.
Vier oder fünf gehorchten sofort, zwei blieben mit dem entsetzlichen Bettler auf der Straße. Eine Weile blieb es still, dann ein Ruf der Überraschung, endlich eine Stimme aus dem Hause:
„Bill ist tot!“
Aber wieder beschimpfte sie der Blinde wegen ihres Zauderns.
„Durchsucht ihn, ein paar von euch, schwatzende Tölpel, die andern hinauf und bringt den Koffer!“ rief er.
Ich hörte ihre Füße unsere alte Treppe hinauftrampeln und das Haus mag da wohl erbebt haben. Bald darauf neue Ausrufe des Erstaunens. Mit einem Krach und Klirren von zerbrochenem Glas wurde das Fenster des Kapitäns aufgestoßen und ein Mann lehnte hinaus und wandte sich an den blinden Bettler auf der Straße.
„Pew,“ rief er, „jemand war früher da als wir und hat den Koffer um und um gedreht.“
„Ist sie da?“ brüllte Pew.
„Das Geld ist da.“
„Der Henker hol das Geld! Flints Faust mein ich.“
„Wir sehen sie hier nirgends“, erwiderte der Mann. „Hallo, ihr da unten, hat Bill sie bei sich?“ rief der blinde Mann wiederum.
Darauf kam ein anderer Bursch, offenbar derjenige, der unten geblieben war, um den Leichnam zu durchsuchen, an das Tor des Wirtshauses. „Bill ist schon durchsucht worden,“ sagte er, „nichts mehr da.“
„Das sind diese Wirtsleute —, das ist der Junge! Ich wollte ich hätte ihm die Augen ausgestochen!“ schrie der blinde Pew. „Noch vor kurzer Zeit waren sie hier — das Tor war verriegelt. Lauft Burschen, und sucht sie.“
„Freilich, sie haben ja ihre Kerze brennen lassen“, rief er aus dem Fenster.
„Auf! Verteilt euch und sucht sie! Stöbert das Haus durch!“ wiederholte Pew und stieß mit seinem Stock auf den Boden.
Dann folgte ein großes Getöse im ganzen Hause, schwere Tritte polterten treppauf, treppab, Einrichtungsstücke wurden umgeworfen, Türen eingeschlagen, daß der Lärm in den Felsen widerhallte, dann kamen die Männer einer nach dem andern auf die Straße hinaus und erklärten, daß wir nicht zu finden seien. Und eben in diesem Augenblick hörte man wieder den Pfiff, der meine Mutter und mich so erschreckt hatte, als wir das Geld des Kapitäns zählten, diesmal in zweimaliger Wiederholung. Ich hatte ihn für das Angriffssignal des blinden Bettlers gehalten, für seine Schlachttrompete sozusagen, die seine Mannschaft zum Sturm rufen sollte. Doch jetzt merkte ich, daß es ein Signal vom Hügel her gegen das Dorf zu bedeutete und aus der Wirkung auf die Piraten konnte ich deutlich schließen, daß es ein Warnungszeichen war, das drohende Gefahr meldete.
„Das ist schon wieder Dirk“, sagte einer. „Noch ein Pfiff. Wir werden verduften müssen, Kameraden!“
„Verduften, du Drückeberger“, schrie Pew. „Dirk war immer ein Narr und ein Feigling dazu, auf den braucht ihr nicht zu hören. Sie müssen in der Nähe sein, weit sind sie nicht gekommen, ihr habt sie in der Hand. Verteilt euch und sucht sie, Hunde. O verflucht,“ rief er aus, „wenn ich nur Augen hätte!“
Dieser Appell schien einige Wirkung zu üben, denn zwei der Leute begannen da und dort im Gesträuch herumzustöbern, doch wie mir schien, ohne rechten Eifer und mehr an die eigene Gefahr denkend, während die übrigen unschlüssig auf der Straße herumstanden.
„Ihr habt Tausende an der Hand, ihr Narren, und ihr schont eure Beine. Ihr könnt reich werden wie Könige, wenn ihr die beiden findet, und ihr wißt das und steht da faul herum. Nicht einer von euch hat sich getraut, Bill entgegenzutreten, nur ich — ein Blinder —, und euretwegen soll ich das Ganze verlieren! Ich soll ein armer, getretener Bettler bleiben, der Rum schmarotzt, statt als reicher Mann in der Kutsche zu fahren. Wenn ihr nur die Courage eines Wurmes hättet, ihr könntet sie fangen!“
„Zum Teufel noch einmal, Pew, wir haben doch die Dublonen!“ brummte einer.
„Sie werden das verdammte Zeug versteckt haben“, sagte ein anderer. „Nimm die Goldstücke, Pew, und hör auf zu brüllen.“
Brüllen war die richtige Bezeichnung dafür, aber Pews Wut wurde darum nur ärger. Schließlich raubte sie ihm ganz die Besinnung und er schlug in seiner Blindheit rechts und links in die Leute hinein und mehr als einer wurde empfindlich vom Stock getroffen.
Die andern wieder fluchten zurück, drohten dem Blinden in schauderhaften Ausdrücken und versuchten vergeblich ihm den Stock zu entreißen.
Dieser Streit war unsere Rettung. Denn während er noch tobte, hörte man vom Hügelabhang an der Dorfseite ein anderes Geräusch: das Getrappel von herangaloppierenden Pferden und fast gleichzeitig aus dem Gehölz einen Pistolenschuß, Blitz und Knall. Das war offensichtlich das äußerste Warnungssignal, denn die Piraten wandten sich schleunigst zur Flucht und rannten in alle Windrichtungen verstreut fort, der eine die Bucht entlang seewärts, ein anderer quer über den Hügel und in einer halben Minute war keiner mehr zu sehen außer Pew. Ihn hatten sie verlassen, ob bloß aus Angst oder aus Rache für seine Schimpfreden und Schläge, weiß ich nicht. Er blieb zurück, tappte wie rasend die Straße auf und ab, tastete herum und schrie nach seinen Genossen. Endlich kam er in die falsche Richtung, lief ein paar Schritte dem Dorf zu, immerfort rufend:
„Johnny, schwarzer Hund, Dirk!“ und andere Namen, „ihr werdet doch den alten Pew nicht verlassen?“ Gerade da ertönte das Rossegetrappel von der Höhe her und vier oder fünf Reiter wurden im Mondlicht oben sichtbar und fegten in vollem Galopp den Abhang hinunter.
Jetzt erst erkannte Pew seinen Irrtum. Mit einem Schrei drehte er sich um und lief gerade in den Graben hinein. Doch in einer Sekunde war er wieder auf den Beinen, machte ganz verwirrt einen zweiten Satz und diesmal kam er mitten unter die Hufe des ersten Rosses.
Der Reiter versuchte das Pferd zurückzureißen, jedoch vergeblich. Mit einem Schrei, der weit in die Nacht hinausgellte, fiel Pew nieder und die vier Hufe zertrampelten und zerdrückten ihn und eilten weiter. Er fiel auf die Seite, dann sank er langsam nach vorn und rührte sich nicht mehr.
Ich sprang auf die Füße und rief die Reiter an. Sie hielten, ohnehin entsetzt über das Unglück, und ich konnte nun sehen, wer sie waren. Der eine, welcher zu hinterst ritt, war ein Bursche aus dem Dorfe, der zu Dr. Livesay geritten war. Die übrigen waren Gendarmerieoffiziere, die er unterwegs getroffen hatte und mit denen er gleich umgekehrt war. Die Gerüchte über den Kutter im Möwenloch hatten ihren Weg zum Oberaufseher Dance gefunden und führten ihn an diesem Abend in die Richtung unseres Hauses. Diesem Umstande verdankten wir, meine Mutter und ich, unsere Rettung.
Pew war tot, mausetot. Meine Mutter brachten, nachdem wir sie ins Dorf getragen hatten, etwas kaltes Wasser und Riechsalz bald wieder auf die Beine, und trotz des Schreckens war sie ganz wohlauf, obwohl sie nicht aufhörte dem Rest ihres Geldes nachzutrauern. Inzwischen ritt der Oberaufseher so rasch er konnte nach dem Möwenloch. Doch mußten seine Leute absitzen und, in der Schlucht herumirrend, die Pferde am Zügel führen und manchmal sogar stützen, dabei immerfort eines Überfalles gewärtig, herumhorchen.
So war es kein Wunder, daß, als sie endlich dort anlangten, der Kutter bereits in voller Fahrt, wenn auch noch nicht weit war. Dance rief ihn an, eine Stimme antwortete, er möge aus dem Licht gehen, sonst könne er etwas Blei hineinbekommen und gleichzeitig pfiff eine Kugel knapp an seinem Arm vorbei. Unmittelbar darauf verdoppelte das Schiff seine Geschwindigkeit und verschwand. Herr Dance stand, wie er erzählte, da „wie ein Fisch ohne Wasser“ — und alles was er tun konnte war, einen Boten nach Bristol zu schicken, um den Kutter dort anhalten zu lassen. „Und das“, sagte er, „ist so gut wie nutzlos, sie sind einfach weg, und damit Schluß. Nur das eine freut mich,“ fügte er hinzu, „daß ich diesem Herrn Pew auf die Hühneraugen getreten bin.“ Denn da hatte er meine Geschichte bereits gehört.
Ich ging mit ihm zurück in den „Admiral Benbow“ und man kann sich nicht vorstellen, in welchem Zustande wir das Haus fanden. Sogar die Uhr hatten sie in ihrer wilden Jagd nach mir und meiner Mutter heruntergeschlagen und obwohl außer dem Geldsack des Kapitäns und einigem Silbergeld aus dem Ladentisch nichts fehlte, sah ich sofort, daß wir ruiniert waren. Herr Dance verstand die Wut der Piraten absolut nicht.
„Sie haben doch das Geld,“ sagte er, „also was wollten sie noch, zum Kuckuck? Noch mehr Geld vielleicht?“
„Nein, Herr, Geld nicht, glaube ich“, antwortete ich. „Ich glaube schon, Herr, daß ich das Ding, das sie suchten, hier in meiner Brusttasche habe und, um die Wahrheit zu sagen, ich möchte es gerne in sichere Hände legen.“
„Sicherlich, mein Junge, ganz gewiß“, sagte er. „Ich werde es zu mir nehmen, wenn es Euch recht ist.“
„Ich dachte, vielleicht, Dr. Livesay“ — begann ich.
„Ausgezeichnet!“ unterbrach er mich sehr vergnügt. „Vorzüglich! Ein Gentleman und zugleich eine Amtsperson! Und wenn ich es recht bedenke, kann ich ebensogut selbst hinüberreiten und ihm oder dem Squire berichten. Herr Pew ist tot, das steht fest. Nicht daß ich das bedaure, aber die Leute haben immer gerne etwas, um über Seiner Majestät Offiziere loszuziehen, wenn sie etwas finden. Ich sag dir was, Hawkins: Wenn du willst, möcht’ ich dich mitnehmen.“
Ich dankte ihm herzlich für sein Anerbieten und wir gingen zurück zum Dorf, wo die Pferde standen. Während ich meiner Mutter meine Absicht auseinandersetzte waren schon alle Reiter aufgesessen.
„Dogger,“ sagte Herr Dance, „du hast ein gutes Pferd, laß den Burschen da hinter dir aufsitzen!“
Und als ich aufgestiegen war und mich an Doggers Gürtel festhielt, gab der Oberaufseher das Zeichen, und die Kolonne setzte sich in raschem Trabe in Bewegung.
Sechstes Kapitel
Die Papiere des Kapitäns
Wir ritten stramm fort, bis wir bei Dr. Livesays Haus anhielten. Keines der Fenster war erleuchtet.
Herr Dance hieß mich abspringen und anklopfen und Dogger reichte mir einen Steigbügel, damit ich absteigen konnte. Das Hausmädchen öffnete sofort.
„Ist der Herr Doktor zu Hause?“ fragte ich. „Nein“, sagte sie, er sei nachmittags nach Hause gekommen, doch sei er dann ins Schloß gegangen, um dort zu speisen und den Abend mit dem Gutsherrn zu verbringen.
„So gehen wir hin, Jungens“, sagte Herr Dance.
Diesmal stand es nicht dafür, aufzusteigen, da die Entfernung so kurz war, sondern ich lief an Doggers Steigbügel bis zum Parktor und dann die lange, kahle, mondbeschienene Allee zum Schlosse, dessen weiße Umrisse uns entgegenblinkten. Hier stieg Herr Dance ab, wurde sofort vorgelassen und nahm mich mit hinein.
Der Diener führte uns einen langen, teppichbelegten Gang hinunter und öffnete die Tür in einen weiten Bibliotheksraum, dessen Wände von hohen Bücherschränken eingefaßt waren, auf welchen Skulpturen standen. Dort saßen der Gutsherr und Dr. Livesay mit ihren Pfeifen beim Kaminfeuer.
Ich hatte den Gutsherrn noch nie so aus der Nähe gesehen. Er war ein hochgewachsener, breitschultriger Mann, über sechs Fuß lang und hatte ein offenes, gutmütiges Gesicht, das von seinen weiten Reisen und dem vielen Aufenthalt im Freien gegerbt und gerötet war. Seine Augenbrauen waren sehr schwarz, sein Mienenspiel sehr lebendig, was ihm zwar nicht das Aussehen eines bösen, aber eines jähzornigen und leicht erregbaren Charakters verlieh.
„Tretet ein, Herr Dance“, sagte er sehr hoheitsvoll und herablassend.
„Guten Abend, Dance,“ sagte der Doktor mit einem Kopfnicken, „und guten Abend, Freund Jim, welcher gute Wind hat euch hergeweht?“
Der Oberaufseher stellte sich in Positur und berichtete den ganzen Vorgang wie eine auswendig gelernte Lektion. Es war sehenswert, wie die beiden Herren da aufhorchten, sich weit vorbeugten und vor lauter Staunen und Interesse das Rauchen vergaßen. Als sie hörten, wie meine Mutter zum Gasthof zurückging, da schlug sich Dr. Livesay bewundernd auf den Schenkel und der Gutsherr rief: „Bravo!“ und zerbrach vor Begeisterung seine lange Pfeife am Kamingitter. Lange ehe Herr Dance zu Ende war, hatte sich Herr Trelawney (das war, wie Sie sich erinnern werden, der Name unseres Gutsherrn) von seinem Sessel erhoben und schritt im Zimmer auf und ab. Der Doktor nahm, wie um besser zu hören, seine gepuderte Perücke ab und sah sehr sonderbar aus mit seinem kurzgeschorenen, schwarzen Schädel.
Endlich war Herr Dance fertig.
„Herr Dance,“ sagte der Gutsherr, „Ihr seid ein hochherziger Bursche, und daß Ihr diesen niederträchtigen, gemeinen Schurken niedergeritten habt, betrachte ich als eine gute Tat, wie das Zertreten eines schädlichen Insekts. Dieser junge Hawkins, das sehe ich schon, ist ein Prachtkerl. Hawkins, läuten Sie bitte, damit man Herrn Dance ein Glas Bier bringt.“
„Und nun, Jim,“ sagte der Doktor, „du hast doch diesen Gegenstand, den sie suchten, bei dir, nicht wahr, ja?“
„Hier ist er, Herr“, sagte ich und reichte ihm das Wachstuchpaket. Der Doktor betrachtete es von allen Seiten, als ob ihn die Finger juckten es zu öffnen, doch bezwang er sich und verwahrte es ruhig in seiner Rocktasche.
„Herr,“ sagte er, „wenn Dance sein Bier ausgetrunken hat, muß er natürlich wieder fort, seinen Dienst machen. Aber Jim Hawkins möchte ich mit Eurer Erlaubnis heute bei mir übernachten lassen, und ich schlage vor, daß wir die kalte Pastete heraufkommen lassen, damit er etwas zum Nachtmahl bekommt.“
„Wie Ihr wollt, Livesay,“ sagte der Gutsherr, „aber eigentlich hat Hawkins etwas Besseres verdient als kalte Pastete.“
So wurde eine große Taubenpastete gebracht, und ich griff herzhaft zu, denn ich war hungrig wie ein Wolf. Inzwischen wurde Herr Dance nochmals belobt und schließlich entlassen.
„Und nun, Squire“, sagte der Doktor.
„Und nun, Livesay“, sagte gleichzeitig der Squire.
„Beide zugleich, beide zugleich!“ lachte der Doktor. „Ihr habt wohl schon von diesem Flint gehört?“
„Von ihm gehört!“ rief der Gutsherr aus, „wie sagten Sie, von ihm gehört?! Er war der blutdürstigste Pirat, den es je gegeben hat. Blackbeard war ein Kind im Vergleich mit ihm. Die Spanier fürchteten ihn so sehr, daß ich manchmal fast stolz darauf war, daß er ein Engländer war, das muß ich gestehen. Ich habe sein Marssegel mit diesen meinen Augen auf der Höhe von Trinidad gesehen und dieser feige Sohn einer Rumtonne, mit dem ich fuhr, legte bei, legte bei, Herr, und fuhr in den spanischen Hafen zurück!“
„Nun, ich habe auch schon in England von ihm gehört,“ sagte der Doktor, „aber die Frage ist die: hatte er Geld?“
„Geld!“ rief der Gutsherr aus. „Wißt Ihr denn gar nichts von diesen Schurken? Wonach jagen sie? Was suchen sie, weshalb riskieren sie ihre miserablen Leichname? Um Geld, einzig und allein um Geld!“
„Das werden wir bald erfahren“, erwiderte der Doktor. „Aber Ihr seid so verflucht hitzköpfig und heftig, daß ich nicht zu Worte komme. Ich möchte eines wissen: Angenommen, ich hätte hier in meiner Tasche eine Handhabe, den Ort zu finden, wo Flint seinen Schatz vergraben hat. Ist dieser Schatz denn so wertvoll?“
„Wertvoll, Herr!“ schrie der Squire. „Ich will euch etwas sagen. Wenn wir diese Handhabe finden sollten, so rüste ich in Bristol ein Schiff aus und nehme euch beide mit und suche den Schatz und sollte es ein Jahr dauern. Merkt Ihr nun, was das bedeutet?“
„Nun gut,“ sagte der Doktor, „also wenn es Jim recht ist, wollen wir das Paket öffnen.“ Und damit legte er es auf den Tisch vor sich hin.
Das Bündel war zusammengenäht und der Doktor mußte seinen Instrumentenkasten holen und die Stiche mit der chirurgischen Schere auftrennen. Es enthielt zwei Dinge: ein Buch und ein versiegeltes Dokument.
„Zuerst wollen wir das Buch anschauen“, meinte der Doktor.
Der Squire und ich guckten ihm beide über die Schulter, als er es öffnete, denn Dr. Livesay lud mich freundlich ein, vom Seitentischchen, an dem ich gegessen hatte, herüberzukommen, um an der Freude des Suchens teilzuhaben. Auf der ersten Seite waren nur ein paar Kritzeleien zu sehen, wie man sie mit der Feder in der Hand wohl zum Zeitvertreib hinschmieren mag. Da stand zum Beispiel auch der Text der einen Tätowierung: „Billy Bones’ Liebste“, dann „Herr W. Bones, Maat“, „Kein Rum mehr“, „Bei Palm Kay kriegte er waß“, und noch einige solcher Bemerkungen, meist aus einzelnen, unverständlichen Worten bestehend. Ich konnte nicht umhin darüber nachzudenken, wer da „waß“ gekriegt haben mochte. Höchstwahrscheinlich ein Messer in den Rücken, dachte ich mir.
„Da steht nicht viel drin“, sagte Dr. Livesay, weiterblätternd.
Die nächsten zehn oder zwölf Seiten enthielten eine Reihe seltsamer Aufzeichnungen: Da war am einen Ende der Seite ein Datum und am anderen eine Geldsumme notiert, wie in einem gewöhnlichen Geschäftsbuch, doch dazwischen stand statt eines erklärenden Textes bloß eine Anzahl von Kreuzen. Am 12. Juli 1745 zum Beispiel war offenbar ein Eingang von siebzig Pfund eingetragen, aber die Erklärung der Sache bildeten nur sechs Kreuze. In einigen Fällen war der Name eines Ortes dazu notiert, zum Beispiel „auf der Höhe von Caraccas“, oft auch nur der geographische Längen- und Breitengrad wie „62. 17′ 20″, 19. 2′ 40″“.
Die Eintragungen gingen über fast zwanzig Jahre zurück, die einzelnen Posten wurden mit der Zeit immer größer, und am Schlusse war nach fünf oder sechs falschen Additionen die große Endsumme gezogen und darunter stand: „Bones sein Vermögen.“
„Ich verstehe nicht eine Spur davon“, sagte Dr. Livesay.
„Die Sache ist sonnenklar,“ rief der Squire, „das ist das Abrechnungsbuch dieses miserablen Schuftes. Diese Kreuze stehen für die Namen der Schiffe und Städte, die sie versenkt oder geplündert haben. Die Summen waren der Anteil des Schurken und dort, sehen Sie, wo er eine Unklarheit befürchtete, machte er eine deutlichere Notiz, wie hier: ‚Auf der Höhe von Caraccas.‘ Es ist klar, an der Küste dort wurde ein unglückliches Fahrzeug genommen. Wo sind nun die armen Teufel, die darauf waren! Die haben längst die Fische gefressen!“
„Wahrhaftig!“ sagte der Doktor. „Da sieht man, was es bedeutet ein weitgereister Mann zu sein. Ganz sicher ist es so! Und sein Anteil steigt, das kann man deutlich verfolgen, mit seinem Rang.“
Sonst stand wenig in dem Buch, nur die geographische Lage von ein paar Orten und auf den leeren Blättern gegen das Ende zu eine Umrechnungstabelle von französischen, englischen und spanischen Münzen.
„Ein vorsichtiger Herr!“ rief der Doktor. „Der ließ sich nicht beschummeln.“
„Und nun“, sagte der Squire, „zum andern.“
Das Papier war an mehreren Stellen mittels eines Fingerhutes und Siegellacks versiegelt, desselben Fingerhutes wahrscheinlich, den ich in der Tasche des Kapitäns gefunden hatte. Der Doktor löste die Siegel mit großer Sorgfalt und es fiel die Karte einer Insel heraus, mit Längen- und Breitengraden bezeichnet, Angabe der lotbaren Wassertiefe, Namen der Berge, Buchten und Zufahrten und allen Einzelheiten, die notwendig waren, ein Schiff dort zum sicheren Ankern zu bringen. Die Insel war ungefähr neun Meilen lang und fünf Meilen breit und hatte etwa die Gestalt eines aufgestellten Drachen.
Sie besaß zwei schöne Hafenplätze und in der Mitte einen Berg, der als das „Fernrohr“ bezeichnet war. Dann gab es noch ein paar Eintragungen späteren Datums, vor allem drei Kreuze mit roter Tinte, zwei am nördlichen Teil der Insel, eines am südlichen und neben diesem, mit derselben roten Tinte, doch in einer kleinen hübschen Handschrift, ganz verschieden von den plumpen, zittrigen Buchstaben des Kapitäns, folgende Worte vermerkt: „Hauptmasse des Schatzes hier.“
Auf der Rückseite hatte dieselbe Hand folgende Erläuterungen aufgezeichnet:
„Hoher Baum, Abhang des ‚Fernrohrs‘, dessen Spitze nach N. von NNO. zeigt.“
„Skelett-Insel O., SO. und nach O.
Zehn Fuß.
Das Barrensilber ist im nördlichen Versteck, es liegt in der Richtung des östlichen Hügels, zehn Faden südlich von der schwarzen Klippe, dieser gegenüber.
Die Waffen sind leicht zu finden, auf dem Sandhügel, Nordspitze des nördlichen Kaps, Richtung O. und ein Viertel N.
J. F.“
Das war alles. Doch so wenig es auch schien und so vollkommen unverständlich es mir war, der Squire und Dr. Livesay waren begeistert.
„Livesay,“ sagte der Gutsherr, „Ihr werdet sofort diese elende Praxis aufgeben. Morgen reise ich nach Bristol. Binnen drei Wochen — ah, drei Wochen! — zwei Wochen! Binnen zehn Tagen haben wir das beste Schiff, Herr und die ausgesuchteste Mannschaft in England. Hawkins wird als Schiffsjunge mitkommen. Du wirst ein famoser Schiffsjunge sein, Hawkins; Ihr, Livesay, seid Schiffsarzt, ich bin Admiral. Redruth, Joyce und Hunter nehmen wir mit. Wir werden günstige Winde haben, eine rasche Überfahrt, nicht die geringsten Schwierigkeiten den Ort zu finden und Geld wie Heu — Geld genug, um darin zu baden, genug, um unser Leben lang Kopf und Adler zu spielen.“
„Trelawney,“ sagte der Doktor, „ich gehe mit Euch, und ich wette, auch Jim geht mit und wird ein Gewinn für die Sache sein. Nur vor einem Mann fürchte ich mich.“
„Vor wem?“ rief der Patron. „Nennt den Hund, Herr!“
„Ihr,“ erwiderte der Squire, „denn Ihr könnt nicht den Mund halten. Wir sind nicht die einzigen, die von dem Papier da wissen. Jene Kerle, die heute Nacht den Gasthof stürmten — ganz gewiß mutige, zu allem entschlossene Desperados — und dann alle die übrigen, die auf dem Kutter geblieben waren und ich denke schon, noch andere, die nicht weit weg waren, alle gehen sie, ich zweifle nicht daran, durch dick und dünn, um das Geld zu kriegen. Keiner von uns darf ohne Begleitung das Haus verlassen, ehe wir abreisen. Jim und ich wollen unterdessen zusammenstecken. Ihr nehmt Joyce und Hunter mit, wenn Ihr nach Bristol geht und von Anfang bis zum Ende darf keiner von uns ein Wort von unserem Funde verlauten lassen.“ —
„Livesay,“ antwortete der Gutsherr, „Ihr habt vollkommen recht. Ich werde schweigen wie das Grab.“
Zweiter Teil
Der Schiffskoch
Siebentes Kapitel
Ich fahre nach Bristol
Es dauerte länger als der Squire geglaubt hatte, bis wir seefertig waren, und keiner unserer ersten Pläne — nicht einmal der Dr. Livesays, mich bei sich zu behalten — konnte durchgeführt werden, so wie wir es beabsichtigt hatten. Der Doktor mußte nach London, um dort einen Stellvertreter aufzutreiben, der Squire war in Bristol tüchtig an der Arbeit und ich lebte weiter im Schloß unter der Obhut des alten Wildhüters Redruth, fast wie ein Gefangener, aber ganz erfüllt von Seephantasien und den herrlichsten Träumen von fernen Inseln und Abenteuern. Ich brütete stundenlang über der Karte und dachte über alle Einzelheiten nach, an die ich mich ganz genau erinnere. Beim Feuer im Zimmer des Verwalters sitzend, näherte ich mich der Insel von jeder möglichen Richtung her. Ich durchforschte jeden Quadratmeter ihrer Oberfläche, ich erklomm wohl tausendmal jenen steilen Hügel, das „Fernrohr“, und genoß von seiner Spitze aus die wundervollsten und abwechslungsreichsten Ausblicke. Manchmal war die Insel von Wilden dicht bevölkert, mit denen wir Kämpfe bestehen mußten, dann wieder gab es dort wilde Tiere, die uns verfolgten. Aber in keiner meiner Phantasien gingen so tragische und seltsame Dinge vor, wie wir sie wirklich erleben sollten.
So vergingen die Wochen, bis eines schönen Tages ein Brief, an Dr. Livesay gerichtet, ankam, mit dem Zusatz auf dem Umschlag: „Im Falle von dessen Abwesenheit von Tom Redruth oder dem jungen Hawkins zu öffnen.“ Dieser Anweisung folgend fanden wir — oder vielmehr fand ich, denn der Wildhüter konnte nur Gedrucktes ordentlich lesen — die nachstehenden wichtigen Nachrichten:
Gasthof zum Alten Anker, Bristol, 1. März 17..
„Lieber Livesay, da ich nicht weiß, ob Ihr schon zu Hause oder in London seid, sende ich diesen Brief in doppelter Ausfertigung nach beiden Orten.
Das Schiff ist gekauft und ausgerüstet. Es liegt seefertig vor Anker. Ich habe niemals einen schöneren Schooner gesehen. — Ein Kind könnte ihn segeln — zweihundert Tonnen — Name: ‚Hispaniola‘.
Ich bekam ihn durch meinen alten Freund Blandly, der sich als ein Prachtkerl durch und durch erwiesen hat. Der ausgezeichnete Junge arbeitete buchstäblich wie ein Sklave für mich, und dasselbe taten alle anderen in Bristol, sowie sie Wind davon bekamen, nach welchem Hafen wir segeln — nach welchem Schatz, meine ich.“
„Redruth,“ sagte ich, die Vorlesung unterbrechend, „das wird Dr. Livesay nicht gefallen. Der Gutsherr hat doch geplaudert.“ „Na, und wer hat denn mehr Recht dazu als er?“ brummte der Wildhüter. „Eine schöne Ordnung wär’ das, wenn der Squire wegen Dr. Livesay nicht reden dürfte.“
Danach gab ich jeden weiteren Erklärungsversuch auf und las einfach weiter:
„Blandly selbst hat die Hispaniola entdeckt und durch seine wunderbare Geschicklichkeit habe ich sie für einen Pappenstiel bekommen. Es gibt viele Leute in Bristol, die gegen Blandly unglaublich voreingenommen sind. Sie behaupten, daß dieser ehrliche Kerl für Geld alles zu tun imstande sei, daß die Hispaniola ihm selbst gehörte und daß er sie mir unverschämt teuer angehängt habe, also die durchsichtigsten Lügen. Niemand wagte es übrigens die Vorzüge des Schiffes zu leugnen.
Soweit kein Hindernis. Die Arbeitsleute natürlich zum Verzweifeln langsam, aber mit der Zeit wurde auch das besser. Nur wegen der Mannschaft hatte ich Sorge.
Ich wollte rund zwanzig Mann — für den Fall als wir mit Piraten, Eingeborenen oder den unangenehmen Franzosen zu tun kriegen sollten — aber ich hatte eine verteufelte Plage, auch nur ein Dutzend zusammenzubringen, bis mich endlich der sonderbarste Zufall gerade mit dem richtigen Mann zusammenführte.
Ich stand beim Dock und kam rein zufällig ins Gespräch mit ihm. Es stellte sich heraus, daß er ein alter Seemann war, eine Hafenschenke hielt, alle Matrosen von Bristol kannte, auf dem Lande seine Gesundheit eingebüßt hatte und jetzt eine gute Stelle als Schiffskoch suchte, um wieder auf die See zu gehen. Er war an diesem Morgen zu den Docks heruntergehumpelt, um, wie er sagte, wieder ein wenig Seeluft zu atmen.
Ich war schrecklich gerührt — auch Euch wäre es so gegangen — und aus reinem Mitleid nahm ich ihn sofort als Schiffskoch auf. Er heißt der lange John Silver und hat nur ein Bein, doch das betrachte ich als Empfehlung, da er das andere im Dienste des Vaterlandes unter dem unsterblichen Hawke verloren hat. Er bezieht keine Pension! Oh, welch erbärmliche Zeit, in der wir leben, Livesay!
Nun Herr, ich hatte geglaubt, nur einen Koch entdeckt zu haben, aber ich hatte die ganze Mannschaft gefunden. Gemeinsam mit Silver gelang es mir in wenigen Tagen eine Gesellschaft der zähesten, alten Seebären, die man sich vorstellen kann, zusammenzubringen, die zwar nicht schön anzusehen sind, deren Gesichtern man aber ansieht wieviel Feuer und Mut in ihnen steckt. Ich glaube, wir könnten mit einer Fregatte anbinden.
Der lange John befreite mich sogar von sechs oder sieben, die ich bereits aufgenommen hatte. Er bewies mir ohne weiteres, daß sie zu jener Sorte von Neulingen gehörten, die uns im Falle von Abenteuern nur lästig, oder geradezu gefährlich gewesen wären.
Ich bin in der herrlichsten Stimmung und Gesundheit, esse wie ein Drescher und schlafe wie ein Sack, aber trotzdem freut mich nichts, ehe ich nicht meine alten Matrosen die Anker lichten sehen werde. Auf zur See! Was liegt an dem Schatz! Die Herrlichkeit des Meeres ist’s, was mich ganz närrisch macht. Und jetzt, Livesay, kommt rasch! Verliert keine Stunde, wenn Ihr etwas auf mich gebt.
Schickt den Jungen Hawkins gleich zu seiner Mutter, Abschied nehmen, mit Redruth als Bewachung, und dann kommt beide so rasch wie nur möglich nach Bristol!
John Trelawney.
P. S. Ich habe vergessen zu erzählen, daß Blandly, der übrigens, wenn wir bis Ende August nicht zurück sind, ein zweites Schiff nach uns aussenden wird, einen glänzenden Navigationsoffizier für uns ausfindig gemacht hat — zu meinem Leidwesen ein etwas halsstarriger Mensch, aber im übrigen eine Perle. Der lange John Silver hat einen sehr tüchtigen Maat ausgegraben namens John Arrow. Ich habe einen Bootsmann, der pfeifen kann, Livesay, alles wird wie auf einem Kriegsschiff sein, an Bord des guten Schiffes Hispaniola.
Ich vergaß auch zu sagen, daß Silver ein gestellter Mann ist. Ich weiß genau, daß er ein Bankkonto hat, welches immer in guter Ordnung ist. Seine Frau bleibt zurück und führt den Gasthof weiter. Da sie eine Farbige ist, wird man es ein paar alten Junggesellen, wie uns beiden, nicht weiter übelnehmen, wenn wir annehmen, daß es vielleicht ebensosehr die Frau ist, wie die wacklige Gesundheit, was ihn wieder aufs Meer hinaustreibt.
J. T.
P. P. S. Hawkins kann eine Nacht bei seiner Mutter bleiben.“
Man kann sich die Aufregung vorstellen, in die mich dieser Brief versetzte. Ich war außer mir vor Entzücken und verachtete maßlos den alten Tom Redruth, der nicht zu klagen und zu brummen aufhörte. Jeder der anderen Wildhüter wäre mit Freuden an seiner Statt gegangen, aber das war nicht der Wille des Gutsherrn, und der Wille des Gutsherrn war Gesetz für sie alle. Keiner außer dem alten Redruth hätte auch nur zu murren gewagt.
Der nächste Morgen fand uns beide im „Admiral Benbow“, und dort sah ich meine Mutter bei bester Gesundheit und Laune wieder. Der Kapitän, der die Ursache von so viel Verdruß gewesen, war dorthin gegangen, wo auch die Bösen nicht mehr schaden können. Der Squire hatte alles richten lassen, die Gaststube war neu gemalt und das Schild repariert worden, er hatte auch noch einige Möbelstücke geschickt — vor allem einen herrlichen Lehnstuhl für die Mutter. Er hatte ihr auch einen Lehrjungen verschafft, damit sie eine Hilfe hätte, wenn ich fort wäre.
Erst als ich diesen Jungen sah, begriff ich zum ersten Male den Ernst des Augenblicks. Bis dahin hatte ich nur an die Abenteuer, die vor mir lagen, und keinen Moment an die Heimat gedacht, die ich nun verließ.
Und erst beim Anblick dieses ungeschickten, fremden Jungen, der hier an meiner Stelle mit meiner Mutter leben sollte, kamen mir die ersten Tränen. Ich fürchte, ich habe diesen Burschen sehr gequält, denn da ihm die Arbeit neu war, hatte ich hundert Gelegenheiten ihm etwas am Zeug zu flicken und ihn zu demütigen, und ich nützte sie weidlich aus.
Die Nacht verging und am nächsten Tag nach dem Mittagessen waren wir beide auf den Beinen, Redruth und ich. Ich sagte meiner Mutter Lebewohl und auch der Bucht, in der ich geboren war, und dem lieben, alten „Admiral Benbow“, der, seitdem er neu gemalt war, mir nicht mehr so vertraut erschien. Einer meiner letzten Gedanken war der an den Kapitän, der so oft mit seinem federngeschmückten Hut, seiner Hiebnarbe und mit seinem alten Messingfernrohr die Bucht entlang spaziert war. Im nächsten Augenblick bogen wir um die Ecke und meine Heimat war nicht mehr zu sehen. —
Die Post nahm uns um die Dämmerstunde beim „König Georg“ auf der Heide auf. Ich war zwischen Redruth und einem alten, dicken Herrn eingekeilt und muß trotz der raschen Bewegung und der kalten Nachtluft von Beginn der Fahrt an meist geduselt haben. Und dann schlief ich wie ein Stück Holz, bergauf, bergab, durch alle Stationen durch, denn ich erwachte von einem Rippenstoß, und als ich die Augen öffnete, hielten wir vor einem großen Gebäude in einer städtischen Straße und es war längst Tag geworden.
„Wo sind wir?“ fragte ich.
„Bristol!“ sagte Tom. „Aussteigen!“
Herr Trelawney hatte seinen Wohnsitz in einem Gasthof weit draußen bei den Docks aufgeschlagen, um die Arbeiten auf dem Schooner leicht beaufsichtigen zu können. Dorthin mußten wir nun gehen und zu meinem Entzücken führte unser Weg die Kais entlang und vorbei an einer Unzahl von Schiffen aller Größen, Arten und Nationen. Auf dem einen sangen Matrosen bei der Arbeit, auf einem andern hingen Leute hoch über meinem Kopf an Strickleitern, die nicht dicker aussahen als Spinnweben. Obwohl ich am Meeresstrande gelebt hatte, schien es mir als hätte ich das Meer nie gekannt. Der Teer- und Salzgeruch waren mir neu. Ich sah die seltsamsten Gallionfiguren auf fremdländischen Schiffen und viele, alte Seeleute mit Ohrgehängen und gelockten Backenbärten und geteerten Zöpfen, mit ihrem schwankenden, schwerfälligen Seemannsgang. Wenn mir ebensoviele Könige oder Erzbischöfe begegnet wären, ich hätte nicht begeisterter sein können.
Und ich selbst wollte aufs Meer hinaus! Auf einem Schooner, mit einem pfeifenden Bootsmann und bezopften, singenden Matrosen, zur See, nach einer unbekannten Insel, vergrabene Schätze zu suchen!
Während ich noch in diesen herrlichen Träumen schwelgte, kamen wir plötzlich vor ein großes Gasthaus und trafen Herrn Trelawney, der ganz wie ein Seeoffizier ausstaffiert war und mit einem Lächeln auf den Lippen in einer ausgezeichneten Nachahmung des breitbeinigen Ganges der Seeleute aus der Türe trat.
„Da seid Ihr,“ rief er, „und der Doktor ist heute Nacht aus London eingetroffen! Bravo! Die Schiffsgesellschaft ist beisammen!“
„O Herr!“ rief ich, „wann segeln wir?“
„Segeln!“ sagte er, „wir segeln morgen!“
Achtes Kapitel
Der Gasthof „zum Fernrohr“
Als ich gefrühstückt hatte, gab mir der Squire einen Brief, der an John Silver, Gastwirt zum „Fernrohr“, gerichtet war, und sagte mir, ich würde mich leicht hinfinden, wenn ich die Docks entlang ginge und gut Ausschau halte nach einem kleinen Gasthof, der ein großes Messingfernrohr als Schild habe. Ich machte mich auf den Weg, überglücklich, daß ich Gelegenheit fand noch mehr Schiffe und Seeleute zu sehen und schlüpfte durch ein Gewühl von Menschen, Karren und Gepäck, denn bei den Docks herrschte um diese Zeit lebhafte Bewegung, bis ich den bezeichneten Gasthof gefunden hatte.
Es war eine ganz nette, kleine Schenke. Das Schild war neu gemalt, an den Fenstern hingen saubere Vorhänge, der Flur war mit hellem Sand bestreut. Auf jeder Seite war ein Gang und eine offene Tür, so daß man in den großen, niedrigen Raum gut hineinschauen konnte, trotz der Tabakwolken, die ihn erfüllten.
Die Gäste waren hauptsächlich Seeleute und sie sprachen so laut, daß ich erschreckt an der Türe stehen blieb und beinahe Angst hatte einzutreten.
Wie ich so wartete, kam ein Mann aus einem Nebenzimmer, und ich sah mit einem Blick, daß es der lange John sein mußte. Sein linkes Bein war nahe der Hüfte abgeschnitten und unter der linken Schulter trug er eine Krücke, die er mit unglaublicher Geschicklichkeit handhabte, indem er wie ein Vogel daran herumhüpfte. Er war sehr groß und stark, mit einem Gesicht, das so breit war wie ein Schinken, dabei unschön und blaß, aber klug und freundlich im Ausdruck. Er schien in der besten Stimmung zu sein, bewegte sich pfeifend zwischen den Tischen herum und hatte ein fröhliches Wort oder einen kleinen Klaps auf die Schulter für die bevorzugteren Gäste.
Nun, um die Wahrheit zu sagen, ich war von der ersten Erwähnung des langen John an heimlich in Angst gewesen, er könnte sich als der einbeinige Seemann entpuppen, nach dem ich so lange im „Admiral Benbow“ hatte Ausschau halten müssen. Doch ein Blick auf den Mann genügte, um meine Befürchtungen zu zerstreuen. Ich hatte den Kapitän, den schwarzen Hund und den blinden Pew gesehen und glaubte zu wissen, wie ein Pirat aussah. Nach meiner Meinung sicherlich ein Wesen, grundverschieden von diesem sauberen und freundlichen Hauswirt.
Ich faßte sofort Mut, überschritt die Schwelle und ging gerade auf den Mann zu, der auf seine Krücke gelehnt dastand und mit einem Gast plauderte.
„Herr Silver?“ fragte ich, den Brief hinhaltend.
„Ja, mein Junge,“ sagte er, „gewiß, das ist mein Name. Und wer magst du sein?“ Als er den Brief des Gutsherrn las, lief etwas wie ein Schrecken über seine Züge.
„Ah,“ sagte er, indem er mir die Hand bot, „du bist der neue Schiffsjunge? Sehr erfreut dich zu sehen.“ Und er nahm meine Hand in seine breite, feste Pranke.
Da erhob sich plötzlich an einer anderen Seite der Gaststube ein Gast und eilte zur Türe hinaus. Er hatte nicht weit bis zur Tür und war mit einem Augenblick draußen auf der Straße. Aber gerade seine Eile hatte meine Aufmerksamkeit erregt und ich erkannte ihn mit einem Blick. Es war der wachsfarbene Mensch mit den zwei abgehauenen Fingern, der als erster von der unheimlichen Gesellschaft des Kapitäns in den „Admiral Benbow“ gekommen war.
„Halt!“ rief ich. „Aufhalten! Es ist der schwarze Hund.“
„Ich scher mich den Kuckuck darum, wer er ist“, rief Silver. „Aber er hat seine Zeche nicht bezahlt. Harry, lauf und fange ihn.“
Einer der anderen Gäste, der der Tür zunächst saß, sprang auf und rannte dem Flüchtenden nach.
„Und wenn er der Admiral Hawke wäre, er müßte seine Zeche bezahlen!“ schrie Silver. „Wie?“ fragte er, meine Hand loslassend, „wie sagtest du, hieß er? Schwarzer, was?“
„Schwarzer Hund, Herr“, sagte ich. „Hat Herr Trelawney Euch nicht von den Piraten erzählt? Das war einer davon.“
„Was?“ rief Silver. „In meinem Hause? Ben, lauf und hilf Harry suchen. Einer von diesen Schmutzlappen war er? — Warst du das, der mit ihm getrunken hat, Morgan? Komm einmal her!“
Der Mann, den er Morgan nannte — ein alter, grauhaariger, seeluftgebräunter Matrose —, kam ziemlich tölpelhaft heran, seinen Kautabak im Munde.
„Nun, Morgan,“ sagte der lange John sehr streng, „du hast nie früher den schwarzen, schwarzen — diesen schwarzen Hund gesehen? Oder doch?“
„Keine Spur, Herr“, sagte Morgan mit einer Verbeugung.
„Du wußtest nicht, wie er heißt? Oder ja?“
„Nein, Herr.“
„Beim Teufel, Tom Morgan, du kannst von Glück sagen!“ rief der Wirt aus. „Wenn du mit so einem Kerl verbandelt wärst, hättest du nie mehr den Fuß in mein Haus setzen dürfen, dafür bürge ich dir. Und was spracht ihr denn miteinander?“