Zehntes Kapitel
Sommertage
Des Pfarrers Freund redet vom Krieg, aber dem jungen Lehrer laufen die trüben Kriegsgedanken davon – Auf dem Schafskopf brennt das Johannisfeuer, die Rosen blühen, es wird wieder Geburtstag gefeiert, und niemand weiß an dem Tage, was in der Welt geschehen ist – Der Lehrer erzählt von Deutschland, und Frau Fries hält ihr Herz fest und klagt nicht.
Pfarrers Regine hatte ihren Geburtstag gefeiert, und die Sonne hatte dazu geschienen, wie es sich für einen rechten Frühlingstag schickt. Kein Wölkchen war zuerst am Himmel gewesen, aber plötzlich, am Nachmittag, waren schwere, dunkle Wolken aufgezogen, Sturm, Regen, ein Blitz, ein Donnerschlag, und im Umsehen war es wieder hell gewesen. Das erste Frühlingsgewitter war vorübergerauscht. Ein paar Tage lang hatte es im Pfarrhaus köstlich nach Veilchen geduftet, dann waren die kleinen blauen Frühlingskinder verwelkt, und droben auf dem Schafskopf sproßten Blätter und Knospen der Heckenröslein hervor. Die sagten: »Nun kommen wir bald dran.«
»Nein, erst wir.« sagten im Wald die Maiglöckchen. In den Gärten blühten Narzissen, Tulpen, Schwertlilien, Stiefmütterchen, hängende Herzen und viele andere Blumen auf. Die drei Straßen hatten sich wieder in weiße, schimmernde Wege verwandelt, gerade wie vor einem Jahr, als Heinrich Fries Steinach am Wald zum erstenmal gesehen hatte. Er dachte daran und dachte dabei auch an seinen Reisegefährten, der ihm zuerst von den Schelmen erzählt hatte. Und ganz unvermutet lief ihm der alte Herr über den Weg, mitten auf der Apfelstraße. Sie erkannten sich beide, und der junge Lehrer erfuhr nun, sein Reisegefährte sei ein Freund des Pfarrers. »Ich flüchte mich immer mal für etliche Tage in Steinachs Stille, und dies Jahr war die Sehnsucht besonders groß. Es sieht nicht gut aus in der Welt.«
»Nicht gut sieht es aus in der Welt? Wieso?« Der junge Lehrer fragte es erstaunt, nachdenklich.
Der andere nickte: »Ja ja, mir will’s immer scheinen, als hinge Krieg über uns gleich einer Wetterwolke.«
»Krieg!« Das Wort stimmte so gar nicht hinein in den heiteren Frühlingsfrieden von Steinach, und Heinrich Fries sagte abwehrend: »Ach Krieg, es wurde schon so oft davon gesprochen – ich glaube nicht daran.«
»Hurra, Hurra, bald ham’ mer se!« Wildes Geschrei gellte auf, und über die Apfelstraße hinweg rasten vier Buben, ein halbes Dutzend andere folgten ihnen, bewaffnet mit Blechsäbeln, einem Pusterohr und einem Ding, das ungemein viel Lärm machte. Eine Rassel war es von lauter alten Topfdeckeln.
»Wen habt ihr bald, he?« Jackenknöpfle lief seinem Lehrer gerade in die Arme, und der hielt ihn fest. Doch der kleine, dicke Kerl mußte erst ein paarmal nach Luft schnappen, ehe er Antwort geben konnte. »Wen wollt ihr fangen?« Heinrich Fries fragte es noch einmal, und nun stieß Jackenknöpfle heraus: »Die Indianer! Wir spielen Indianers, und dahinten liegt Indien.«
Er deutete nach dem Schelmenacker hin, und sein Lehrer meinte heiter: »Nenn’s Amerika, da nun doch einmal dort die Heimat der Indianer ist.«
Er ließ Jackenknöpfle los, der stürzte eilfertig davon, und das Geschrei aller vereinte sich bald drüben am Schelmenacker. »Solchen Krieg gibt’s immer,« sagte der junge Mann zu dem Alten.
Der sah ernst ins Weite. »Wer weiß, wie bald unsere Jungen gegen Franzosen, Russen und noch sonst welchen Feind ins Feld ziehen wollen!«
»Glauben Sie das?« Nun lächelte auch Heinrich Fries nicht mehr. Er sah zum Himmel auf, der klar und blau war. Würde so schnell ein Wetter daherziehen wie an Fräulein Regines Geburtstag? –
Wie schön war der Frühling, wie schön, selbst wenn der Regen warm und lind auf die Erde niedersank. Und wie leicht laufen trübe Gedanken im Frühling davon. Heinrich Fries erging es so. Als er dann mit seinem alten Reisegefährten am Pfarrhaus anlangte, stand Fräulein Regine da, die hatte sich mehr noch als sonst ihr liebliches Gesicht mit Frühlingssonne eingerieben, da liefen geschwinde alle trüben Kriegsgedanken davon.
Das taten die bösen Gedanken noch manchmal in diesen Tagen, aber – sie kamen doch immer wieder. Der alte Herr Berner, so hieß des Pfarrers Freund, war abgereist, beim Abschied hatte er gesagt: »Im August komme ich wieder – vielleicht.«
»Vielleicht, vielleicht,« sang Pfarrers Regine fröhlich, »vielleicht reise ich im August in die Schweiz, vielleicht sehe ich Schneeberge.«
»Vielleicht, vielleicht baue ich mir ein Schloß im Monde,« neckte sie der Vater.
»Vielleicht erhalte ich zum Herbst eine bessere Stelle in der Stadt,« sagte Heinrich Fries zu seiner Mutter. Er sagte es hoffnungsfroh, und die alte Dame unterdrückte den leisen Seufzer. Ach, sie wäre so gern in Steinach geblieben!
Auch die Steinacher Buben und Mädel schmiedeten allerlei Pläne, die mit »vielleicht« begannen, und die so wundervoll lustig wie die Sommertage waren. »Vielleicht gibt’s diesmal länger Ferien,« sagten die Faulpelze, obgleich sie nicht zu sagen wußten, warum dies geschehen sollte.
Vielleicht dürfen wir alle nach M. zum Jahrmarkt, hofften etliche. Vielleicht dies, vielleicht das. Eine Ferienfahrt, ein neues Kleid, ein riesengroßer Drache, ein langer Schulspaziergang, – das waren alles Dinge, die mit »vielleicht« gesagt wurden. Und darüber reihte sich Tag an Tag. Flieder und Goldregen blühten auf und verblühten, die Rosen dehnten sich in ihren engen Knospenkleidern und riefen: »Endlich, endlich kommen wir an die Reihe!« Sie erblühten in köstlicher Schöne, kein Gärtlein gab’s in Steinach, in dem nicht ein Rosenbusch wie ein holdseliges Mädchen stand. Wer daran vorüberging und eine horchende Seele hatte, der hörte wohl, wie die Rosen sangen: »Sonne, küsse uns, Wind, streichle uns, Mensch, freue dich an uns!«
»O ihr Rosen, ihr lieben Rosen!« sang Pfarrers Regine, wenn sie durch den Garten ging, und dann mahnte sie: »Vergeßt es nicht, am Johannistag recht schön zu blühen, das gehört sich so, und dann noch ein paar Tage länger, dann hat die alte Frau Lehrerin Geburtstag. Ihr erster ist’s in Steinach, den wollen wir recht feiern.«
Der Johannistag kam, die Rosen blühten und dufteten, auf dem Schafskopf brannte ein Johannisfeuer, und Frau Besenmüller schalt: »So etwas weckt nur die alten Schelme auf, das is niche gut.«
»Lydia, schimpf’ nicht,« sagte ihr Mann. »Denk’ daran, Sonntag hat unsere alte Frau Lehrerin Geburtstag.«
Da wurde Frau Besenmüller sanft und freundlich und redete von allerlei Festvorbereitungen. Die alte Frau Lehrerin hatte sich längst viele Herzen in Steinach gewonnen. Wenn sie über die Gasse ging und in ihrer freundlichen, stillen Weise alle grüßte, dann sagten wohl die Steinacher: »Die paßt nu so recht scheen zu uns.«
Und diese gütige, sanfte Frau hatte nun Geburtstag, an einem Sonntag dazu. Die großen Leute fanden dies paßlich, und die kleinen Leute ärgerten sich darüber. Warum nicht an einem Wochentag, der dann zu einem Feiertag wurde? Wie konnte ein Geburtstag nur so ungeschickt sein, auf einen Tag zu fallen, an dem es ohnehin Kuchen gab in den meisten Steinacher Häusern! Trotz dieses Ärgers wanderten aber alle Schulkinder in der rechten Geburtstagsstimmung am Morgen vor das Schulhaus und sangen dort einen Morgengruß. Die Brummer mit. Fräulein Regine hatte ihnen einen wundervollen Rat gegeben. Sie hatte gesagt: »Singt stumm, den Mund auf, Mund zu und nur im Herzen mitgesungen.« Das taten die Brummer nun auch voll Eifer, und Stipsels Oswald sah dabei aus wie ein Fisch, den man statt ins Wasser auf ein Sofa gelegt hatte. Schnapp auf, schnapp zu, so ging es bei ihm.
»Der Oswald hat wohl was verschluckt? Der kriegt Zustände,« sagte Frau Besenmüller ängstlich. Mitten im Lied trat sie hinter den Buben und gab ihm einen kräftigen Stoß in den Rücken. »Ist’s raus?« flüsterte sie so laut, als müßte das Geflüster oben auf dem Schafskopf gehört werden.
»Hup!« machte Oswald; er konnte vor Schreck nicht sprechen. Glücklicherweise ersah Fräulein Regine Frau Besenmüllers Tat, sie zog rasch die Frau aus dem Kreis und erklärte ihr das Mund auf, Mund zu.
»I nä,« brummelte Frau Besenmüller, stumm singen, ja, das könnte sie auch. Sie trat an ihren Platz zurück, klappte nun auch ihren großen Mund auf und zu, und Webers Arne flüsterte Jackenknöpfle ins Ohr: »Wie ’ne Brotschachtel.«
Trotz dieser kleinen Zwischenfälle klang der Gesang festlich und rein in den hellen Sonntagmorgen hinaus, und Frau Fries freute sich. Sie freute sich auch über die Rosen, die Pfarrers Regine brachte, über all die bunten Sträuße aus den Steinacher Gärten, sie freute sich über die lachenden Gesichter der Kinder, und sie freute sich am meisten über die Liebe, die man ihr erzeigte. Dieser Tag ging zur Ruhe wie ein glückliches Kind, das sich müde gefreut hat und noch im Schlafe lächelt. Die Nacht blieb hell, die Sterne funkelten in ewiger Schönheit am Himmel, und im Grase wisperten die kleinen, lustigen Johanniswürmchen: »Seht nur, wir funkeln auch wie die Sterne!«
»Noch mehr, noch mehr,« sagten die andern Käfer, die konnten nämlich nicht bis zum Himmel hinauf sehen.
Im warmen Sommerfrieden schlief Steinach ein, und niemand darin ahnte etwas von dem schweren Geschehen draußen in der Welt. Da hatten im fernen Land ruchlose Buben Österreichs künftigen Kaiser und seine Frau ermordet. Als die Kunde von dem Mord durch die Lande lief, von Stadt zu Stadt, das einsamste Dorf nicht vergaß, erfaßte tiefes Entsetzen die Menschen. Ein dumpfes Ahnen kommenden Leides lag über den Landen.
»Wir bekommen Krieg,« sagten manche. Aber jene, die nicht gern an Sorgen und kommendes Leid dachten, sagten: »Ach nein, wer wird unseren Frieden stören und unsere Sommerlust!«
Die Buben und Mädel in Steinach redeten nicht von Krieg und dachten nicht an Krieg. Sie gingen in die Schule und freuten sich auf die großen Ferien. Am Montag freuten sie sich auf den Sonntag, am Morgen auf das Mittagessen, und zu Mittag redeten sie davon, wie sie abends auf der Gasse spielen wollten. Sie stiegen auf den Schafskopf, riefen und neckten die Geister der alten Schelme, zitterten, die könnten wirklich erscheinen, und ärgerten sich, daß sie nicht kamen. Sie zankten sich mit Frau Besenmüller und liefen dann schuldbewußt zu deren Mann; der mußte seine Frau »Lydia« nennen, damit sie wieder gut werde. Auf den Feldern reifte das Korn, und die Schnitter dengelten schon ihre Sensen: bald, bald fängt die Ernte an.
So verging Tag um Tag. Das Jahr 1914 saß in seinem Himmelswinkel, es strich die Tage aus, und immer ernster wurde sein Gesicht.
Der Juli neigte sich schon seinem Ende entgegen, da kamen Tage, an denen niemand Lust zur Arbeit und Freude hatte. Selbst in Steinach standen die Männer auf der Dorfstraße und redeten ernst und eifrig zusammen, und die Frauen sahen zu ihnen hin, und manch eine wischte sich heimlich eine Träne aus den Augen. Wer weiß, wie bald zog ihr Mann hinaus!
Der junge Lehrer Heinrich Fries ließ jetzt immer Vaterlandslieder singen, und wenn die Kinder aus dem Schulhaus kamen, dann sangen sie: »Deutschland, Deutschland über alles,« und immer sang mit, wer es hörte.
Jeden Tag fuhr jetzt jemand nach dem nächsten großen Ort, um dort die neuesten Telegramme zu lesen. Dann hieß es den einen Tag: Es gibt Krieg! den andern: Der Friede bleibt erhalten. Noch lag eine Lokalisierung des Krieges im Bereich der Möglichkeit. Die Diplomatie arbeitete fieberhaft. Telegramme flogen hinüber und herüber. Viele deutsche Herzen hofften noch, der Friede möchte der Welt erhalten bleiben. Aber mitten in alle heitere Sommerschönheit hinein gellte der Ruf: »Es gibt Krieg, Krieg mit Frankreich, Krieg mit Rußland, mit England, Krieg mit der halben Welt.«
Die Buben und Mädel in Steinach hatten sich auf die Ferien gefreut, wie sich überall Buben und Mädel auf die Ferien freuen. Aber als sie da waren, dachte niemand an Ferienfreude. Am Samstag sollte Schulschluß sein, und an diesem Tag gab der junge Lehrer Heinrich Fries keine Stunde mehr. Er hatte die große Karte von Europa angehängt, und daran zeigte er den Kindern, wie riesengroß die Länder der Feinde waren gegen die der beiden treuen Bundesbrüder Deutschland und Österreich-Ungarn. Weit, weit über halb Asien hinweg dehnte sich das unermeßliche russische Reich, und Frankreich lag mit weiten Küsten am blauen Meer. Im Norden drohte England. Feinde, Feinde, wohin das Auge blickte. Die Brandfackel des Weltkriegs, des fürchterlichsten aller Kriege, war entzündet. Das Verhängnis nahm rasch und unaufhaltsam seinen Lauf.
Armes Deutschland, armes Vaterland! Dem jungen Lehrer wurde das Herz schwer, als er an das furchtbare Ringen dachte, das nun beginnen würde. Doch größer noch als die Sorge war die Freude, daß auch er mit hinausziehen durfte in den Kampf für das Vaterland.
Und an diesem letzten Schultag ließen die Kinder Bücher und Hefte in ihren Ranzen, und Heinrich Fries erzählte ihnen von Deutschland, von seiner Vergangenheit, seiner Herrlichkeit und seiner Not, wie es immer und immer wieder hatte kämpfen müssen um seine Freiheit. Auch von des Vaterlandes stiller Schönheit sprach der junge Lehrer, von seinen Städten, Dörfern, seinen Wäldern und Flüssen, seinen friedlichen Tälern und vom deutschen Heimatzauber.
Es war mäuschenstill in der Schulstube. Noch nie hatten die Kinder so lautlos zugehört, und keines sehnte das Ende dieser letzten Schulstunde herbei. Und als draußen die Glocke ertönte, die Frau Besenmüller im Jammer ihres Herzens wilder denn je schwang, da baten all die braunen und blauen Kinderaugen, in die der Lehrer sah: »Weiter, weiter!«
Heinrich Fries atmete tief. Das eine Fenster der Stube lag in der Sonne, und golden umwob der Schein die Buben- und Mädelköpfe. Das würde er nun lange nicht mehr sehen, vielleicht nie wieder. Er zog hinaus in den Kampf, vielleicht in den Tod! Er schwieg, atmete tief, und dann sagte er einfach: »Ich gehe nun von euch, Kinder; ob wir uns wiedersehen, steht in Gottes Hand. Er schütze unsere Heimat, er schütze euch. Werdet tapfere deutsche Männer und Frauen und vergeßt es nie, nie: Das Vaterland über alles!«
Deutschland, Deutschland über alles! Jauchzend brauste der Gesang plötzlich auf, die Kinder wußten selbst kaum, wie es kam, daß sie auf einmal das Lied sangen. Wie ein Jubelruf klang es und ein Gebet zugleich. Draußen vor der Tür stand Frau Besenmüller, sie hielt die Schulglocke fest im Arm, und heiße, heiße Tränen rannen darauf nieder. »Das Herze bricht einem fast!« schluchzte sie. »Nä, der Jammer, nä, das Unglück!«
»Schäm’ dich, Lydia, so redet keine deutsche Frau,« rief ihr Mann von der Treppe her. »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die nimmt ihr Herze fest in die Hände.«
Da schwieg Frau Besenmüller beschämt. Ihr Mann hatte recht, der hatte immer recht. Und stille nahm sie sich vor, so tapfer zu sein wie Frau Fries, die ihr Herz fest hielt und nicht weinte und nicht klagte.