Elftes Kapitel
Schwerer Abschied
Die Steinacher ziehen auch hinaus, und Schwetzers Fritze will mit – Auch Pfarrers Regine will hinaus, geht aber dann zu Traugotts – Der alte Briefträger übt wieder sein Amt aus, und Fritze schreibt einen Brief und prügelt sich mit seinem Freund Arne
Mobilmachung, Abschied!
In jeder Stadt, in jedem Dorf in deutschen Landen war es in den ersten Augusttagen von 1914 das gleiche Bild. Stille legten viele, viele Männer ihre Arbeit nieder und verließen Haus und Hof, verließen die Heimat, um für den Frieden dieser Heimat zu kämpfen. In Steinach am Wald war es nicht anders. Da mußten Frauen ihre Männer ziehen lassen, die Kinder weinten den Vätern nach und die Mütter den Söhnen. Und wenn in diesen Tagen einer Mutter das Herz gar so schwer wurde und ihre Tränen nicht versiegen wollten, dann mahnte wohl der Mann oder der Sohn: »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die ist tapfer, und ’s ist doch auch ihr Einziger.«
Frau Fries nahm wirklich ihr Herz fest in beide Hände, sie klagte nicht und weinte nicht. Still und emsig half sie dem Sohn die Sachen rüsten, und sie half auch andern. In diesen Tagen begannen die Frauen von Steinach in das Schulhaus zu laufen, um sich Rat zu holen und Trost dazu. Die sanfte Frau, die noch kaum ein Jahr in ihrer Mitte lebte, wurde ihnen allen eine Helferin, und manch ein Mann sagte beim Abschied: »Na, Pfarrers sin ja da un die alte Frau Lehrerin, da frag’ nur, die helfen schon.«
Mann um Mann verließ das Dorf. Am zweiten Tage schon zog Heinrich Fries hinaus. Seine Schulkinder standen vor der Türe, die gaben ihm das Geleit bis zur Apfelstraße, da sandte er sie heim. Zum Bahnhof sollte ihn allein seine Mutter begleiten. Die ganze Straße entlang aber tönte es ihm nach: »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«
Endlich verhallten die Rufe, und ein paar Minuten waren Mutter und Sohn allein, die andern Abfahrenden waren schon vorangegangen. Wie sie aber beide an den Himbeerapfelbaum kamen, sahen sie dort einen Buben stehen, der hatte den Baum umschlungen, als müßte er von dem Abschied nehmen.
»Holla, Fritz Schwetzer, was machst du hier?« Heinrich Fries trat allein auf den Buben zu; seine Mutter blieb ein paar Schritte zurück, sie dachte, mit dem Buben muß nur einer jetzt reden. »Sag’, was fehlt dir? Dein Vater zieht doch nicht hinaus?« forschte der junge Lehrer.
Schwetzers Fritze schämte sich, daß er weinte, und er konnte doch nicht anders. Es gibt halt Stunden, in denen auch ein Bube nicht ohne Tränen fertig werden kann. Sein Lehrer spürte, hier gab es wirkliches Herzeleid, und viel freundlicher als sonst klang seine Frage: »Wo fehlt’s denn, Fritze, was bedrückt dich?«
»Weil – weil – Sie in ’n Krieg gehen un – nu totgeschossen werden!« Fritz stieß es heraus und umklammerte laut schluchzend des Lehrers Hand. Der strich ihm sacht über den Struwwelkopf. »Na, na, mein Junge, so schlimm braucht es doch nicht gleich zu werden. Tut’s dir denn so leid?«
Der Bube nickte nur. Er rang mit den Worten, denn er hätte seinem Lehrer in dieser Abschiedsstunde gern gesagt, daß er ihm gut war und die Schule liebhatte, daß er sich sehnte, so zu werden wie dieser. Aber ach, einem Schweiger purzeln die Worte eben nicht so flink aus dem Munde!
Ganz langsam kamen sie nur, tropfenweise, aber Heinrich Fries verstand auch jene, die ungesagt blieben, er verstand, daß Fritze ihn sehr liebhatte.
Es war ihm eine Überraschung. Neun Monde lang war der Bube sein Schüler gewesen, und er hatte gar oft in der Zeit gedacht, der ist ein Trotzkopf, mit dem kann ich nicht viel anfangen. Und nun in der Abschiedsstunde tat sich ihm Fritzes Herz auf, und er lernte verstehen, wie schwer es ist, Schwetzer zu heißen und ein Schweiger zu sein. »Lieber, lieber Junge, du!« dachte der Lehrer, »dich hab’ ich nun so verkannt!«
»Ich – ich – will mit.«
»Mit in den Krieg? Das geht nun doch nicht, Fritz.« Heinrich Fries sah zu seiner Mutter hinüber. Die stand ein wenig gebeugt, wie niedergehalten von schwerer Last mitten auf der sonnigen Straße. Sie weinte nicht, aber der Sohn wußte, ihr blutete das Herz in dieser Abschiedsstunde. Da sagte er rasch: »Fritz, mitziehen kannst du nicht, das weißt du, aber du kannst mir etwas zuliebe tun. Willst du?«
Fritz nickte heftig, ehe er aber noch eine Antwort geben konnte, bat sein Lehrer: »Geh oft zu meiner Mutter, besuche sie und habe sie lieb. Sieh mal, sie ist nun so allein. Sie braucht jemand in dieser Zeit!«
Heinrich Fries hielt Fritz die Hand hin, und der schlug fest ein. »Ich will,« sprachen seine Augen, und der junge Lehrer sagte nur: »Ich danke dir.«
Das war der Abschied zwischen den beiden. Fritz rannte davon, querfeldein, es brauchte keiner zu sehen, wie traurig er war. Heinrich Fries aber ging mit seiner Mutter die Apfelstraße hinab bis zu dem kleinen Bahnhof. Der war heute so voller Menschen, als sei Steinach auf einmal eine Stadt geworden. Aus ein paar Nachbardörfern trafen sie hier zusammen, zehn Mann waren es, die mit dem jungen Lehrer zusammen die Heimat verließen. Sie hatten Blumen an Röcken und Mützen stecken und sangen wie viele Millionen in diesen Tagen: »Deutschland, Deutschland über alles!«
Das Bähnchen pustete heran, an drei Haltestellen hatte es schon Reisende aufgenommen. Die standen an den Fenstern, schwenkten die Hüte und riefen den Steinachern zu: »Hurra, nun kommen die Schelme von Steinach. Na, vor denen reißen die Franzmänner sicher aus.«
Die Steinacher nahmen den Scherz nicht übel. Frohgemut kletterten sie in die Wagen. »Die Feinde sollen uns kennenlernen,« jauchzten sie, »die Schelme verstehen das Dreinschlagen!«
Der Zug brauste davon. Der Gesang verhallte, und die Zurückbleibenden gingen still heim. Frau Fries blieb ein wenig zurück, sie wollte allein sein. Als sie aber dann, ein Stückchen hinter den andern, die Apfelstraße entlang ging, kletterte Schwetzers Fritze auf einmal aus dem Graben heraus. Er schob, ohne ein Wort zu sagen, seine Hand einfach in die der alten Frau. »Willst du mich heimbringen, mein Junge?« fragte diese.
Fritze nickte und brummelte halblaut dazu: »Der Herr Lehrer hat’s gesagt.«
Frau Fries dachte an ihres Sohnes Wort in letzter Minute: »Mutter, wenn Fritz Schwetzer zu dir kommt, denke, er kommt von mir.« Sie hielt die Bubenhand fest in der ihren, und so gingen sie beide still miteinander in das Dorf zurück. An der Haustüre trennten sie sich, und Frau Fries sagte laut: »Auf Wiedersehen!« Fritz dachte es nur, aber seine neue Freundin verstand ihn doch.
Auch dieser Tag ging zu Ende. Der Abend dämmerte herauf, ruhvoll und schön glänzten die Sterne am Himmel, und viele, viele Seufzer, viele heiße Bitten stiegen zu ihnen empor. Die Züge fuhren unablässig durch das Land, und selbst in Steinachs Stille hinein tönte ihr Brausen.
Frau Fries hörte es. Sie hörte das Ticken der Wanduhr, das schwere, lange Schlagen des eigenen Herzens die lange Nacht hindurch. Endlich, als der Morgen sich aus den Schleiern der Nacht löste, hielt sie es nicht mehr aus im Zimmer, sie rüstete sich zum Ausgang und stieg leise die Treppe hinab. Sie wollte Besenmüllers nicht stören, aber unten am Fuß der Treppe tat sie doch einen Schrei, denn sie stieß an einen weichen, dunklen Gegenstand. Zusammengerollt lag da etwas am Fuß der Treppe.
»Meine Güte, nä, unsre alte Frau Lehrerin!« Frau Besenmüller hatte auch nicht schlafen können vor Herzeleid um den Krieg. Sie riß ihre Türe auf und zündete ein Streichholz an, der Flur lag noch in tiefem Schatten. »I nä, so was,« schrie sie, »da liegt ja woll ’n Junge und schläft.« Zisch, entzündete sie noch ein Hölzchen, und in dem kleinen Licht erkannte Frau Fries Fritze Schwetzer in dem Schlafenden.
»Still, still, Frau Besenmüller,« mahnte sie rasch, »wir wollen den Buben nicht wecken, ich trag’ ihn in mein Zimmer.«
»I nä!« Frau Besenmüller sperrte den Mund weit auf, noch schiefer als sonst wurde der. Sie war so verdutzt, daß sie nichts mehr zu sagen wußte, sondern vor lauter Verwunderung half, Fritze hinauf in das Wohnzimmer von Frau Fries zu tragen. Auf das schöne, moosgrüne Samtsofa wurde der Bube gelegt, und wieder sagte Frau Besenmüller nur »I nä!« Weiter nichts.
»Gehen Sie leise aus dem Zimmer,« bat Frau Fries, und Frau Besenmüller tat, als wäre die Elfenkönigin ihre Muhme, so schwebte sie. Dabei stieß sie freilich an den Tisch, rannte zwei Stühle fast um, eckte am Schrank an, die Tür rutschte ihr aus und fiel krachend in das Schloß, und zuletzt purzelten noch ihre Holzpantoffeln die Treppe hinab, sie selbst glücklicherweise nicht. Aber all dies Gepolter, Gekrach und Gelärm störte Schwetzers Fritze nicht, der schlief ruhig weiter auf dem grünen Samtsofa, so ruhig, als wäre das sein Bett.
Frau Fries saß neben ihm und freute sich über den kleinen stummen Gast. Wie er nur in das Schulhaus gekommen war? Ob er sie vielleicht hatte beschützen wollen und darum auf der Treppe geschlafen hatte? Trotz ihres Leides mußte die Frau lächeln, und sanft streichelte sie den Buben ein wenig. Von Frau Besenmüllers Gepolter war der nicht erwacht, aber das sachte Streicheln machte ihn munter, er reckte und streckte sich und sah dann die alte Frau Lehrerin namenlos verwundert an. Wo kam die nur auf einmal her, und warum war sein Bett ein grünes Sofa geworden? Aber Frau Fries verstand es mit einem zu reden, der für jedes Wort Vorspann braucht. So nach und nach kam es heraus, Fritze hatte wirklich seines Lehrers Mutter bewachen wollen und hatte sich darum an die Treppe gelegt. Daheim war er so in der Mitte drin. Ein paar große Schwestern gab es und ein paar winzige Brüderlein, und in dem lebhaften Haus hatte es wohl niemand gemerkt, daß er fehlte.
»Wer im Schulhaus schläft, muß auch drin frühstücken,« meinte Frau Fries. Sie richtete den Kaffeetisch, und Fritz saß nachher daran wie ein Großer, nein, eigentlich wie ein Graf, dachte er. Und dann entdeckte seine neue Freundin ein Loch in seiner Jacke, das flickte sie ihm noch zu, und darüber wurde es dem Buben immer heimatlicher im Schulhaus. Er seufzte ein wenig, als Frau Fries sagte: »Nun mußt du aber nach Hause gehen.«
»Hm!« – eine lange Pause – »nachmittag komm’ ich wieder.«
»Das ist recht so, also auf Wiedersehen!« Frau Fries lächelte wieder, und als ihr Besuch die Treppe hinabstapfte, dachte sie: »Wenn es doch schon Nachmittag wäre!«
Sie brauchte sich freilich nicht vor der Einsamkeit zu fürchten, denn sie blieb nicht allein. Kaum war Schwetzers Fritze mit hocherhobenem Kopf stolz an Frau Besenmüller vorbei zur Türe hinausgegangen, da tat sich die Türe schon wieder auf. »Als ob’s Schultag ist,« brummelte Frau Besenmüller. Diesmal war es Pfarrers Regine. Die kam in ihres Herzens Not zu Frau Fries. Sie wollte auch hinaus, wollte draußen pflegen, helfen, ihre Kräfte regen, den Sturm miterleben, nicht im Winkel in der Stille sitzen bleiben. Aber ihre Mutter war krank; konnte sie die verlassen?
»Wie sollte das werden, wenn jeder von seinem Posten davonlaufen möchte?« gab ihre alte Freundin zur Antwort. »Wer daheim Pflichten hat, muß erst die erfüllen.«
»Aber draußen wird es so viel Arbeit geben, so viel Leid und Not!« klagte Pfarrers Regine.
»Warten Sie nur ab, mein Kind, das Leid kommt auch zu uns, auch hier wird es Arbeit geben, hier werden Sie trösten und helfen können.«
Klipp, klapp ging’s draußen, und Frau Besenmüller lief ins Zimmer hinein. Sie vergaß alle Höflichkeit, vergaß anzuklopfen, sie jammerte laut: »Bei Traugotts, den Müller-Traugotts, ist ’n kleines Mädel angekommen, un nu muß heut’ der Mann weg un beide Knechte. Nä, und die Male, was das Mädchen ist, heult, weil ihr Schatz mit muß. Sie will nach Wiesen gehen, Abschied nehmen. Nä, so was!«
Da küßte Pfarrers Regine die alte Frau Lehrerin und sagte tapfer: »Ich will zu Traugotts gehen und der Frau helfen. Ich will in Steinach bleiben auf meinem Posten.«
Klipp, klapp ging’s wieder draußen. Diesmal klopfte der Besucher an, fest und laut, Frau Besenmüller riß die Türe auf und schrie: »Nä, so was, nu ist Schwetzers Fritze schon wieder da!«
»Ich darf bleiben.« Fritze druckste die Worte heraus und sah strahlend zu seiner neuen Freundin auf.
»Ih, das könnt’ uns gerade passen,« knurrte Frau Besenmüller, »so ’n Nichtsnutz zur Ferienzeit im Schulhaus! Nä, git’s nicht, raus mit dir!«
»Frau Besenmüller möchte gern Wasser getragen haben, Fritze; willst du das wohl tun?« fragte Frau Fries in ihrer sanften Weise.
»Hm,« Fritze nickte nur. Er wußte, wo die Eimer standen, wußte, wo der Brunnen war; die alte Frau Lehrerin wünschte es, also ging er und trug Wasser. Frau Besenmüller aber saß in ihrer Küche auf der Ofenbank und sagte nur immerzu: »Nä, so was, die Welt dreht sich um und um, nu trägt mir Schwetzers Fritze Wasser, und draußen ist Krieg.«
Frau Besenmüller gab dann freilich das Verwundern bald auf, zu viele Wunder geschahen in dieser Zeit. Da schwiegen im Lande Streit und Hader, eigensüchtige Ichmenschen wurden freundliche Helfer, alle dachten sie nur: »Das Vaterland ist in Gefahr, Herr Gott, hilf uns!«
Die Glocken sangen über die Lande, Fahnen wehten: Sieg, Sieg! In den Siegesjubel hinein aber tönte die Klage: »Ostpreußen in Not, in Ostpreußen hausen die Russen, als wären die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges angebrochen.«
Pfarrers Regine lüftete die Fremdenzimmer, überzog Betten, suchte Truhen und Schränke durch, das Pfarrhaus wollte Flüchtlinge aufnehmen. Frau Fries aber ging von Haus zu Haus, und Schwetzers Fritze folgte ihr. Sie bat um alles, was Hausfrauen entbehren konnten, der Landsleute Not in Ostpreußen zu lindern. Die Steinacher Bäuerinnen gaben gern, und im Schulhaus wurden Kisten gepackt für die Ostpreußen. Dazwischen kamen die Frauen aus dem Dorfe und fragten: »Wie machen wir’s, daß unsere Männer und Söhne alles richtig ins Feld bekommen? Dies soll verschickt werden und das; wie packen wir es ein? Was schreiben wir darauf?«
Und immer wußte Frau Fries Rat. Frau Besenmüller brummelte freilich: »Unsere alte Frau Lehrerin soll ja wohl zehn Hände und fünf Köpfe hab’n. Nä, so was! Ein Getrample, ’s ist schlimmer, als wenn Schule wär’.«
Und dabei rannte Frau Besenmüller doch selbst die Treppe auf, die Treppe ab, als wäre sie sechzehn Jahre, nur um ihrer Hausgenossin zu helfen. Am allerflinksten aber rannte sie, wenn sie von ferne den Briefträger erblickte, aber sie erreichte ihn nie zuerst, immer war Schwetzers Fritze schon da. Und Frau Fries erfuhr es schnell, wenn ein Brief von ihrem Sohne da war. »Ein Brief vom Herrn Lehrer,« gellte Fritzens Stimme auf. Vielfaches Echo antwortete, von da und dort kamen Mädel und Buben gelaufen, und der Brief war wie ein König, der mit großem Gefolge in sein Schloß einzieht.
Doch wie im Lehrerhaus, so wartete beinahe in jedem Bauernhaus eine Mutter, eine Frau auf ein Wort, das von draußen hereinklang. Der alte Briefträger Klöppel hatte kurz vor dem Kriege sein Amt aufgegeben gehabt. Er lief nun aber wieder mit der Tasche, weil die jungen Männer alle draußen waren, dachte unterwegs immer an die Briefe und Karten, die er trug. Der hat geschrieben und der, überlegte er, aber die Knöpfle wird warten, je, je, so lange kein Brief! Von Pfarrers schreibt nur einer, eigentlich müßten’s zwei heute sein. Warum schreibt der andere nicht? Ist dem was zugestoßen?
Früher hatten die Steinacher Mädel und Buben sich kein bißchen um Briefe gekümmert, das waren für sie Dinge, an denen nur Erwachsene Freude hatten. Jetzt war es auf einmal anders geworden, und als Schwetzers Fritze selbst vom Herrn Lehrer eine Feldpostkarte bekam, da beschlossen alle seine Kameraden und Kameradinnen: »Wir schreiben auch, wir woll’n auch was kriegen.«
Etliche liefen auch geschwind zu der ganz kleinen, dicken Krämersfrau Laura Langbein und verlangten einen feinen Bogen, aber nur etliche feine Bogen wurden Briefe, die in den Krieg reisen konnten, auf den andern wimmelten die Kleckse nur so herum wie Fliegen auf einem Honigbrot.
Schwetzers Fritze hatte zwar drei Bogen verschrieben, aber zuletzt hatte er doch einen vier Seiten langen Brief fertiggebracht. Freilich standen auf jeder Seite nur fünf Wörter, doch das schadete nichts. Brief ist Brief, und stolz zeigte er seinem Freund Arne das Schriftftstück.
»Fein,« lobte der, »aber Briefe schreiben ist nischt, ich geh’ selbst raus. Willste mit?«
»Nä.« Fritze sah den Freund verdutzt an, er schüttelte bedachtsam den Kopf, das ging doch nicht.
Webers Arne war anderer Meinung. Er hatte sich schon alles fein ausgedacht, einen richtigen Kriegsplan hatte er entworfen, und eifrig erzählte er, wie er es machen wollte. Höchst einfach war es. »Gehste mit?« fragte er wieder.
»Nä,« gab Fritze zur Antwort.
»Bist dumm,« brummte Arne und erzählte weiter. »Gehste mit?« fragte er zum dritten Male, und wieder rief Fritze: »Nä.«
»Och, so feige!« kreischte Arne. Doch da verlor Fritze die Geduld, puff, puff ging’s los. Einmal lag Arne unten, einmal Fritze. Weil sie ziemlich gleich stark waren, bekam jeder Prügel. Der Kampf blieb unentschieden, weil Frau Besenmüller mit ihrem Wappenzeichen, einem Besen, dazwischentrat; mit Frau Besenmüller wollten sie aber beide nicht kämpfen. Sie ließen sich los. Arne raffte seine Mütze vom Boden, Fritze nahm den Brief vom Fenstersims, auf das er ihn vorsichtig gelegt hatte, und im Davonlaufen schrie der eine noch: »Ich geh doch!« und der andere: »Nä.«