Zwölftes Kapitel
Zwei wollen Helden sein
Frau Besenmüller sagt, es wären hundertvierunddreißig Strümpfe, und an einem Tag werden vier Strümpfe und zwei Buben vermißt – Zimplichs Max will auch hinaus – Malchen Hinzpeter denkt nicht ans Mundhalten, und ein Bahnwagen fährt nicht immer dahin, wohin die Reisenden wollen – Hindenburg unterhält sich nicht mit den Steinacher Buben, und Antwerpen fällt
Die Ruhestunden waren knapp in diesen ersten Kriegswochen. Doppelte Last lag auf den Schultern der Daheimgebliebenen, und in Steinach mußten auch die Kinder helfen die Ernte einbringen. Die Ferien gingen vorbei, die keine Ferien gewesen waren, aber die Schule begann nicht, der Lehrer fehlte. Zum lustigen Spiel blieb freilich wenig Zeit. Der Schelmenacker lag öde, und auf dem Schafskopf hätten die Geister der alten Schelme nach Herzenslust spuken können, es störte sie niemand. Selbst Besenmüller saß nicht mehr auf der zerbröckelten Mauer im Sonnenschein, der blieb auf der Bank vor dem Schulhaus sitzen. Da hörte er es doch, wenn es wieder einen Sieg gab, oder wenn einer von draußen geschrieben hatte. Dazu strickte er Strumpf um Strumpf, kein Weiblein im Dorf konnte es flinker und besser als er. Hatte er wieder ein paar Strümpfe fertig, dann seufzte er wohl und sagte zu seiner Frau: »So hab’ ich’s mir nu mein Lebtag gewünscht, immer Wolle zu haben, viel Wolle und stricken zu können alle Tage. Nä, und nu macht’s mir kein rechtes Vergnügen.«
Eines Tages wusch Frau Besenmüller siebenundsechzig Paar rosenrote und himmelblaue Strümpfe und hing sie vor dem Schulhaus zum Trocknen auf. Sie fürchtete, sie könnten abfärben, und rote und blaue Beine sollten die Feldgrauen draußen nicht bekommen. »Sie werden sich ohnehin ärgern über die bunten Strümpe,« klagte die Frau, als sie die stattliche Reihe überschaute.
»I nä, Lydia,« tröstete Besenmüller, »ob ’n rotes oder blaues Bein im Stiefel steckt, ist gleich. So sehr ich for Strümpfe bin, Stiefeln sin die Hauptsache.«
»Du hast alleweil recht,« sagte seine Frau. Sie schaute bewundernd auf die bunte Pracht, wie ein Festschmuck sah sie aus. »Hundertvierunddreißig Strümpe,« rief sie stolz, »nä, die beim Roten Kreuz werden staunen!«
»Hundertdreißig,« brummelte Schwetzers Fritze von der Tür her. Dort saß er und wartete auf Frau Fries; inzwischen hatte er die Strümpfe gezählt. »Hundertvierunddreißig, du Naseweis,« rief Frau Besenmüller ärgerlich, »was ich weiß, das weiß ich.«
»Nä, hundertdreißig.« Fritze blieb dabei.
Traugotts Hanne ging just vorbei, und Frau Besenmüller rief ihr zu: »Hanne, wieviel Strümpe hängen hier?«
Hanne zählte stöhnend. »Hundertachtzehn!« rief sie.
»Hundertdreißig,« schrie Fritze.
»Hundertvierunddreißig,« zeterte Besenmüller.
»Hundertdreiundfünfzig.« Hinzpeters Malchen war dazugekommen; sie hatte auch gezählt.
»Hundertdreißig,« rief nun auch Besenmüller, »Fritze hat recht.«
»Hundertvierunddreißig!« Frau Lydia wurde rot wie ein Krebs vor Ärger. »Unsere alte Frau Lehrerin hat sie vorhin gezählt, und die kann’s.«
Zur rechten Zeit, so fanden alle, kehrte Frau Fries heim. Die zählte noch einmal und noch einmal, es waren und blieben aber wirklich nur hundertunddreißig Strümpfe, vier fehlten, denn auch Frau Fries sagte es, vorhin wären es so viel gewesen.
»Die sind weggeflogen,« sagte Hanne und sah sich rundum.
»Da müßte der Wind gerade in deinem Korbe stecken,« spottete Besenmüller. Es wehte wirklich kein Lüftchen. Der Tag war warm und schön, er hätte ein Sommertag sein können, kaum war der Herbst zu spüren.
»Die hat jemand geholt,« rief Frau Besenmüller zornig.
»I nä, ich hab’ doch alleweil hier gesessen!« Ihr Mann schüttelte den Kopf. Wer sollte wohl in Steinach Strümpfe von der Leine wegtragen? Solche Untaten mochten in Städten vorkommen, in Steinach nicht.
»Aber ’s waren doch hundertvierunddreißig,« jammerte Frau Besenmüller, als Frau Fries einwarf, sie könnte sich vielleicht auch verzählt haben.
»Zählen, das kann ich, schreiben und lesen, nä, aber zählen fein. Und hundertvierunddreißig Strümpe waren’s.« Dabei blieb Frau Besenmüller, aber sooft sie es auch versicherte, die Strümpfe kamen nicht wieder, und es wußte ihr auch niemand zu sagen, wohin sie gekommen waren.
Wenn vier Strümpfe auf einmal spurlos verschwinden, so ist das sonderbar, viel sonderbarer aber ist es, wenn am hellen Tag zwei Buben aus einem Dorf verschwinden, als hätte die Erde sie verschluckt.
Am Abend dieses schönen Herbsttages sagte Arne Webers Mutter ärgerlich: »Der Junge ist nicht heimgekommen, seit Mittag sitzt er nun bei Knöpfles.«
Knöpfles Haus lag am andern Dorfende, man ging sechs Minuten bis dahin, und in Steinach nannten sie das einen weiten Weg. Frau Weber schickte daher auch keinen Boten aus; kam Arne nicht heim, so schlief er wohl im Knöpfle-Haus. »Morgen gibt’s Geschimpfe,« drohte nur die Mutter. Und um die gleiche Stunde sagte dies Frau Knöpfle. Auch sie war ärgerlich, daß ihr Jakobus seit Mittag bei Webers war, denn dahin hatte er gehen wollen.
In dieser Zeit bedrängten die Bäuerinnen mancherlei Sorgen, und um die Kinder, die daheim geblieben waren, konnten sie sich weniger kümmern. Erst am nächsten Morgen – schon war viel Arbeit im Hause getan – lief von Webers zu Knöpfles und von Knöpfles zu Webers je eine Magd, die Buben heimzuholen. Die Botinnen kamen mit viel Geschrei zurück. Arne war nicht bei Knöpfles und Jackenknöpfle nicht bei Webers.
Vielleicht waren sie bei Zimplichs, vielleicht bei der kleinen Krämersfrau Langbein, vielleicht da, vielleicht dort? Erst war es ein Fragen ohne Sorgen, aber wie der Tag weiter vorschritt und immer mehr Leute im Dorf erklärten, sie hätten die Buben überhaupt nicht gesehen, da wurden die Mütter ängstlich. Wo waren die nur? »Vielleicht auf dem Schafskopf,« dachte der Bauer Weber, und er sagte nicht, wie jäh die Angst riesengroß in ihm wurde, die beiden könnten oben in dem alten Gemäuer verschüttet worden sein.
Er stieg selbst hinauf mit seinem alten Knecht, so schnell er konnte, andere folgten, aber oben fanden sie alle nichts. Nicht einmal eine frische Fußspur war zu sehen. Die Hagebutten glänzten rot wie vor einem Jahr, als Heinrich Fries zum erstenmal auf dem Berg gewesen war.
Waren die Buben in den Wald gelaufen und hatten sich dort verirrt? Steinacher Buben im Steinacher Wald verirrt! Es glaubte niemand recht daran, immerhin begann man im Walde zu suchen. Der Förster war eingezogen, nur der alte Waldhüter Michael war da, und der hatte an diesem Tage keinen Buben im Walde erblickt.
Unten im Dorf vergaßen die Leute ihre Arbeit, je weiter der Tag vorschritt. Immer ungeheuerlicher erschien ihnen das Verschwinden der beiden Buben. Frau Besenmüller sagte wieder einmal zu ihrem Mann: »Wenn uf emal zwei Buben un vier Strümpe verschwinden, dann hängt das zusammen.«
»Hm!« – Besenmüller sah nachdenklich auf seinen Strumpf, aber plötzlich ließ er das Strickzeug fallen und schrie: »Lydia, die sind vielleicht zu den Soldaten gerannt!«
Ein tiefer Seufzer gab Antwort. An der Türe stand Schwetzers Fritze, der hatte so schwer geseufzt. Besenmüller sah ihn durchdringend an. »Heda, mein Freund, du weißt etwas, raus mit der Sprache!«
Das ging nun freilich nicht so flink, und Frau Besenmüller tat das Vernünftigste, was sie tun konnte, sie holte Frau Fries herbei. Die wußte so lind zu fragen, und nach etlichen schweren Seufzern gab Fritz endlich Antwort. »Die sin in ’n Krieg.«
»Wie denn das?« rief Besenmüller. »Einfach so nein, haste nich geseh’n, da siehste, das geht doch niche. Wo sind sie hin?«
»Weiß nich,« stöhnte Fritz, »in ’n Krieg.« Und dann heulte er auf einmal laut los, denn es tat ihm plötzlich bitter leid, daß er nicht mitgezogen war. Er wußte auch wirklich nicht viel mehr; schreiben wollten sie, wenn sie erst dort wären, und mit der Bahn fahren.
»Gut, dann kriegen wir sie,« tröstete der Pfarrer, als er das hörte. »Irgendwo werden sie eines Tages hungrig und verzagt aufgefunden und nach Hause zurückbefördert werden.«
Nun riefen es die Drähte ins Land hinaus: In Steinach haben zwei Buben in den Krieg gewollt, sucht, sucht, sucht!
Ein Tag verging und noch ein Tag, keine Kunde von den Verlorenen kam. Der Bahnvorsteher in Steinach hatte die beiden nicht gesehen, aber in Rothaus, dem nächsten Ort, hatten sich an dem Tage zwei Buben Fahrkarten bis zur Schnellzugshaltestelle L. genommen. So viel Geld mochten sie gehabt haben, aber mehr nicht. Wo waren sie dann hingekommen?
In L. wußte erst niemand etwas von den beiden. Der Pfarrer und Bauer Weber – Jackenknöpfles Vater war auch im Feld – fuhren selbst hin, forschten und fragten. Viel wußte niemand, nur ein Bahnwärter erzählte, er hatte die beiden Buben gesehen, einer hätte ein Gewehr gehabt und jeder einen Schulranzen.
»Das wird meine alte Windbüchse sein,« brummte der Bauer, »vor der läuft kein Hase mehr davon, geschweige ’n Franzose.«
Wo waren die Buben aber mit Ranzen und Schießgewehr hingekommen? In L. verlor sich ihre Spur, Fahrkarten hatten sie dort nicht gelöst. Waren sie geradeswegs in die fremde Welt hineingelaufen?
»Die finden wir schon,« sagten die Bahnbeamten. Und wieder surrte der Telegraph: Sucht, sucht, sucht, hier weinen Mütter in Angst um ihre törichten Buben.
»So eine Not fehlt uns auch noch!« schalten in Steinach die Erwachsenen. Die Buben, von den sechsjährigen an, die redeten anders. »Vielleicht kommen sie doch in den Krieg,« sagten sie untereinander. »Wenn sie hinkommen und mittun, dann geh’ ich auch,« erklärte Zimplichs Max.
»Ich auch, ich auch,« riefen dann gleich ein paar andere. Alle wollten sie gehen, und die Mädel schalten darob, fuchswild wurden die, waren bitterböse auf Arne und Jackenknöpfle und weinten, wenn es hieß: »Noch immer keine Nachricht.«
»Im Krieg müssen Mädel den Mund halten,« sagte Zimplichs Max einmal hochmütig, als Hinzpeters Malchen und ihre Freundinnen auf Arne schalten. Aber Zimplichs Max mußte dann bald einsehen, daß Malchen auch in Kriegszeiten nicht an das Mundhalten dachte. Zehnmal versuchte Max, ihr zu antworten, er kam aber nicht dazu, und zu guter Letzt rief Fräulein Regine noch, es sei Strickzeit. Da rannten alle Mädel wie der Wind davon, Malchen drehte sich noch auf den Hacken um und schrie verächtlich: »Wir stricken fürs Vaterland, aber ihr, ihr, was tut ihr denn?«
Weg war Malchen, und alle Buben entrüsteten sich über diese Frechheit. Nä, die Mädel sollten nur sehen, wenn sie alle erst Arne und Jackenknöpfle folgten. Die kommen hin, ganz sicher, und vielleicht kriegen sie das Eiserne Kreuz, und vielleicht redet der Kaiser mit ihnen, und vielleicht fangen sie den Franzosenkaiser und –
»Die haben doch keinen!«
»Doch, sie haben einen!«
»Ha, ich weiß es doch!« Zimplichs Max sah sich kampfbereit um, und Heine Langbein höhnte: »Nä, so dumm, das niche zu wissen!« Die Buben fuhren sich in die Haare, und Frau Besenmüller sagte zu Frau Fries: »Wenn nur erst wieder Schule wäre, ’s wird Zeit!«
Und just um die gleiche Stunde ungefähr wurde in L. ein Güterzug zusammengekoppelt. Die Wagen wurden hin- und hergeschoben, sie pufften aneinander, endlich standen sie in Reih und Glied. Wie sie so stillhielten, klang aus dem einen heraus ein jämmerliches Gebrüll.
»Je, je, was ist denn das?« Der Schaffner trat erstaunt an den Wagen, riß die Türe auf, und heraus purzelten und schwankten bleich, verheult und zitternd Webers Arne und Jackenknöpfle.
»Hopsassa, das sind ja die beiden Steinacher!« schrie der Mann. »Ja, wo kommt ihr denn her?«
»Wir woll’n in ’n Krieg!« riefen beide etwas kläglich.
»Na, das ist der nächste Weg, wenn ihr drei Tage hier auf dem Bahnhof sitzt. Wie seid ihr denn in den Wagen hineingekommen?«
Tief seufzend erzählten die beiden ihre Schicksale. Sie hatten kein Geld gehabt, Fahrkarten zu lösen, und hatten sich heimlich auf den Bahnhof geschlichen. Hier hatten sie einen Wagen gesehen, an dem stand Straßburg, in den waren sie hineingekrochen. Kaum waren sie drin, hatte jemand den Wagen zugeschlossen, und die Fahrt war losgegangen. »Wir sind immerzu gefahren,« versicherte Arne. »Sind wir nun bald im Krieg?« fragte er bedrückt.
»Im Krieg? Seid froh, daß der so ferne ist! In einer halben Stunde fährt der Zug nach Steinach, da seid ihr zum Vesperbrot daheim.« Der Bahnvorsteher, der dazugekommen war, lachte und erklärte den Buben, der Wagen sei zwischen L. und M. ein paarmal leer hin und her gefahren. Nun waren sie wieder in L.
Die beiden senkten die Köpfe wie die begossenen Pudel. So nahe waren sie der Heimat, waren gar nicht nach Frankreich gelangt. Heimlich frohlockte in ihren Herzen ein Stimmlein: »Wie gut, wie gut!« Aber darauf mochten sie nicht hören, und verzweifelt heulten sie los: »Wir woll’n in den Krieg!«
»Wohin wollt ihr Dreikäsehoch?« Eine feste, starke Stimme fragte das; ein hochgewachsener, älterer Offizier war herangetreten, und der Vorsteher klärte ihm den Fall auf. »In den Krieg zieht man nicht mit dem Schulranzen.« Der Offizier sagte es ernst, aber er lächelte dabei. »Kommt einmal mit, ich will euch etwas vom Krieg erzählen, bis euer Zug kommt.«
Die Bahnbeamten machten dem Offizier ehrerbietig Platz. Man sah es ihm an, er war schon draußen gewesen in Kampf und Not. Ganz verwirrt, geblendet von der Tageshelle nach dem langen Aufenthalt in dem dämmrigen Wagen, folgten die Buben. Sie bekamen Brot und Saftwasser, aber so hungrig und durstig sie auch waren, denn die Vorräte aus der Mütter Speisekammer hatten für die lange Reise nicht gereicht, sie vergaßen doch Essen und Trinken vor dem, was sie hörten. Von dem Krieg erzählte der fremde Offizier, von dem schweren, harten Kampf, dem verzweifelten Ringen gegen anstürmende Übermacht. Im Osten hatte der Erzähler mitgekämpft, und er erzählte von verbrannten Dörfern, zerstörten Heimstätten, fliehenden Bewohnern, und er erzählte, wie unermüdlich deutsche Männer das Land verteidigten. Im Kugelregen, im nimmerruhenden Feuer hatten sie gestanden Stunden und Tage, und dann waren sie marschiert, Stunden um Stunden, Tage um Tage, hungernd, dürstend, aber sie hatten alle nur das eine gedacht: »Es ist fürs Vaterland.« Es hatte keiner geklagt, es war keiner verzagt, singend waren sie in den Tod gegangen. Und ob die Sonne glühend über ihnen brannte, ob sie durch Moor und Wasser waten mußten, ob der Regen sie durchnäßte, in Wunden und Schmerzen hatten sie nur an ihr Vaterland gedacht. Das war der Krieg, in den die Buben mit dem Schulranzen ziehen wollten.
Die beiden Buben saßen still mit gesenkten Köpfen am Tisch. Der Fremde sagte nicht: Ihr seid recht dumme, unbedachte Jungen gewesen, was wollt ihr mit euren schwachen Kräften da draußen? Aber sie hörten beide doch in ihren Herzen diese Worte.
»Nach Steinach, einsteigen,« rief der Schaffner ihnen zu.
Der Offizier sprang auf und schob sie beide rasch dem Zuge zu. Sie wurden in einen Wagen gehoben, die Türe wurde zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung, und die beiden sahen noch eine Weile den fremden Offizier groß und stattlich in der Sonne stehen. Wie ein rechter Held stand er da. Da stöhnte Arne schwer und sagte scheu: »Am Ende war das Hindenburg.«
Jackenknöpfle schnappte nach Luft vor Überraschung. »Hindenburg!« Weiter konnte er zuerst nichts sagen, und auch Arne flüsterte es nur nach: »Hindenburg!«
Der Gedanke an dieses ungeheure Erlebnis linderte ihren Kummer über die verfehlte Reise, auch die Angst vor dem Empfang daheim war nicht groß. Vielleicht hatten sie wirklich Hindenburg gesehen, nun konnten sie doch etwas erzählen. Zuletzt wuchs ihre Ungeduld, und sie konnten es kaum erwarten, wieder in Steinach zu sein. Als der Zug hielt, hatten sie es sehr eilig, den Wagen zu verlassen. Sie wollten rasch die Apfelstraße entlang laufen und ins Dorf stürmen mit dem Ruf: »Wir haben Hindenburg gesehen!« Fein würde das werden, – es kam aber anders. Auf dem Bahnsteig standen Arnes Eltern, Jackenknöpfles Mutter und der Pfarrer, denen liefen die beiden Ausreißer gerade in die Arme.
Der Schreck darob fuhr ihnen in die Glieder, und es dauerte ein Weilchen, ehe sie reden konnten.
Wo sie gewesen wären, wollten die Erwachsenen wissen. Die hatten nur die Nachricht von L. bekommen, die Buben wären gefunden. Da mußten sie erzählen von ihrer Fahrt hin und her im Güterwagen von L. nach M. und wieder von M. nach L.
»’n ganzen Tag sind wir gefahren,« versicherte Arne.
»Unsinn, drei Tage! Ihr habt wohl immer geschlafen?«
Ja, das mochte wohl sein, geschlafen hatten sie viel, auf Stroh und Decken, die im Wagen gelegen hatten.
Was sie gegessen hätten, wollten die Mütter wissen.
Das war eine peinliche Frage, denn Mütter lieben es nie sehr, wenn Kinder sich in die Vorratskammer schleichen. Arne half sich, er schrie: »Wir haben Hindenburg gesehen!«
»Prahlhans!« Schwapp hatte er einen tüchtigen Katzenkopf weg. Sein Vater sah ihn zürnend an. »Geflunkert wird nicht!«
»Vielleicht war er’s doch,« stammelte Jackenknöpfle. Recht kleinlaut erzählte er das letzte Erlebnis. »Ihr Dösköppe,« brummte Bauer Weber, »ein Hindenburg hat was anderes zu tun als mit zwei Ausreißern zu reden.«
Der Pfarrer nickte ernst. »Der reist nicht im Lande herum, im Osten hält er Wacht. Gott sei Dank, der uns solchen Wächter gab!«
Da war es nun nichts mit dem Sturm in das Dorf hinein, und doch kamen sie mit Jubel an. Denn kaum waren sie wenige Schritte von dem Bahnhöfchen entfernt, als der Vorsteher ihnen eiligst nachgelaufen kam. »Sie haben Antwerpen, Herr Pfarrer, Antwerpen ist unser, eben wird’s gemeldet.«
Antwerpen erobert! Da vergaßen die Männer die Strafrede, und die Mütter hatten sie ohnehin schon vergessen in der Freude, ihre unnützen Buben heil wiederzuhaben.
Froh ging’s ins Dorf hinein. Nun konnten die Glocken rufen und die Fahnen wehen: »Sieg, Sieg, Sieg!«
Arne und Jackenknöpfle marschierten einher, als wären sie wirklich draußen gewesen, als hätten sie geholfen Antwerpen erobern. Sie hoben stolz die Nasen, und ein Weilchen fühlten sie sich beinahe als Helden, weil alle sie anstaunten. Aber nur ein Weilchen hielt der Stolz an, dann kam die Vergeltung für begangene Missetaten. Einem Racheengel gleich schoß Frau Besenmüller aus der Türe mit dem Rufe: »Meine Strümpe her! Wo habt ihr meine Strümpe?«
Die Buben wurden feuerrot, himmelgern hätten sie jetzt wieder im verschlossenen Güterwagen gesessen, es half aber nichts. Sie mußten ihre Ranzen öffnen, und da kamen wirklich die vermißten Strümpfe zum Vorschein. »Die waren doch für Soldaten, und weil wir doch Soldaten werden wollten, darum – –«
»Darum lirumlarum! Setzt euch auf den Schafskopf. Da paßt ihr hin, da habt ihr gleich den rechten Namen,« schrie Frau Besenmüller erbost. »Nä, so was, die scheenen Strümpe! Und gestimmt hat’s doch, hundertvierunddreißig. Ja, zählen, das kann ich. Aber Zeit wär’s, die Schule finge an, sonst kommen noch mehr Buben auf dumme Gedanken.«