Vierzehntes Kapitel
Silvias Tat für das Vaterland
Warum Silvia Traugott keine Strümpfe strickt, und was sie alles tun will – Malchen sieht beinahe wie ein Junge aus, die Öllampe zerbricht, Fräulein Regine kommt, und zwei werden wieder die allerbesten Freundinnen
Unter den Kindern von Steinach gab es ein Mädchen, das redete nicht viel mehr als Schwetzers Fritze. Aber während sich der Bube manchmal ärgerte, daß ihm das Reden gar so schwer wurde, fühlte sich Silvia Traugott so wohl in ihrer schweigsamen Stille wie jemand, der viele Stunden seines Lebens in einem schönen, blumenreichen Garten verträumt. Silvia war das einzige Kind ihrer Eltern, sie hatte aber Vettern und Basen genug, denn in Steinach saßen auf vier Höfen Traugotts, die waren alle versippt miteinander. In den Krieg hatte Silvias Vater nicht mitziehen können, er hatte ein steifes Bein von einem Sturz vom Wagen her, aber trotzdem wurde bei den Traugotts nicht weniger vom Krieg gesprochen und nicht weniger daran gedacht als in andern Häusern.
Immer saß Silvia still dabei. Sie fragte und sagte nichts, sie ging einher, als wäre kein Krieg auf der Welt. Ihre Mutter bekümmerte das manchmal, und sie mahnte oft: »Silvia, strick’ an deinem Strumpf, denk’ an die Soldaten draußen!«
Dann strickte die Kleine wohl rasch ein paar Nadeln, aber meist ließ sie die Arbeit bald wieder sinken und träumte vor sich hin. »Traumsuse« nannte ihr Vater sie, auch Fräulein Regine sagte manchmal so, auch die mahnte: »Silvia, dein Strumpf! Willst du gar nichts für die Soldaten tun?«
Dann wurde Silvia feuerrot; sehr traurig machte sie so eine Frage, denn sie hatte den sehnsüchtigen Wunsch, viel, sehr viel für die Soldaten, für das Vaterland zu tun. Silvia hatte einmal von einem Mädchen gelesen, das in großer Kriegsnot erschienen und allen voran in die Schlacht gezogen sei, um ihr Volk zum Sieg zu führen. Daran mußte Silvia immer denken, und sie hätte himmelgern auch so etwas getan. Oder sie wäre gern mitten in die Schlacht hineingelaufen und hätte den Soldaten Wasser gebracht oder die Verwundeten gepflegt. Seit Krieg war, dachte Silvia nicht mehr an ihre Märchen wie früher, sie träumte nicht mehr mit offenen Augen von goldenen Schlössern, Königen, Prinzessinnen, von aller Lust und Pracht des Märchenlandes, sie dachte nur immer an den Krieg.
Sie dachte, vielleicht kommen die Feinde einmal nach Steinach; ich merke es zuerst, dann rufe ich es im Dorfe aus, ganz laut, und in die Kirche renne ich und läute selbst die Glocke, und alle werden so gerettet.
Die kleine Silvia wußte nicht viel von der Welt draußen, nicht, wie weit sich die Länder dehnen, sie dachte, im Kriege müßte es so zugehen wie in ihren Märchenbüchern: Puff, puff! und die Kriege waren gleich aus. Als dann Webers Arne und Jackenknöpfle ausgerissen waren, um geschwind in den Krieg hineinzulaufen, da klopfte ihr das Herz vor Sehnsucht. Sie wäre gern mitgezogen, und sie überlegte ganz ernsthaft, ob sie nicht nachrennen sollte. Sie lief auch die Birnenstraße entlang, denn Frau Besenmüller hatte gesagt, dorthin ginge es nach Frankreich. Wie sie aber so weit gelaufen war, daß sie Steinach nicht mehr sah, überfiel sie eine furchtbare Angst vor der weiten Fremde, und sie kehrte geschwind wieder um.
Die Buben kamen zurück, und im Dorfe lachten sie über die verunglückte Reise in den Krieg. An diesem Tage gerade las Silvias Vater einen Brief aus dem Felde vor, darin stand: »Vier Tage sind wir bis hierher, bis an die russische Grenze gefahren!«
Vier Tage! Der kleinen Silvia verging aller Mut, jemals in den Krieg zu kommen und draußen Heldentaten zu verrichten, und da Steinach wirklich inmitten des deutschen Vaterlandes lag, sagten alle: »Zu uns kommt nie der Krieg. Gott sei Dank!«
»Man kann auch im Lande Kriegsarbeit tun,« sagten die großen Leute. Silvias Mutter meinte: »Strick’ fleißig, jeder Soldatenstrumpf hilft den Krieg gewinnen.«
Das verstand Silvia nun ganz und gar nicht. Was hatten die dicken, grauen, häßlichen Strümpfe mit glänzenden Heldentaten, mit Sieg und Ruhm zu tun?
Als daher die Weihnachtspakete gepackt wurden, lag von jedem Mädel, das in Steinach stricken konnte, eine Arbeit dabei, nur Silvia Traugotts Strümpfe waren nicht fertig. Alle sagten, das sei eine Schande. Silvia schämte sich auch sehr, aber trotzdem träumte sie weiter von großen Taten, wenn sie stricken sollte, und vergaß darüber ihre Arbeit.
Die Kinder redeten viel davon, daß ihr junger Lehrer Heinrich Fries gefangen sei. Silvia weinte heiße Tränen um ihn. Sie meinte, er säße nun in einem finstern, dunklen Turm und müßte hungern. Wenn es nur nicht so weit gewesen wäre, und wenn sie nur den Weg gewußt hätte, sie wäre gleich zu ihm gewandert, hätte ihm Essen gebracht und ihn vielleicht auch befreit. Ja, wären nur die vielen dummen Wenn und Aber nicht gewesen, diese bösen Wörter, die sich stets so höhnisch in die allerschönsten Pläne hineinschieben! Immer, wenn Silvia sich etwas recht schön ausgedacht hatte, kam so ein Wort, nahm den Plan und riß ihn mitten durch, – ritsch, ratsch, nichts war es damit.
Weihnachten kam, und Weihnachten verging. Die laute Freude schwieg, und viele, viele Tränen flossen an dem sonst so frohen Fest. Gabentische, die fast brachen unter der Fülle, kannte man auch in guten Jahren in Steinach nicht, aber in diesem Jahr lagen in den meisten Häusern nur wenige Geschenke unter dem Baum. Silvia bekam eine neue Schürze und ein Buch, das hatte eine Base aus der Stadt geschickt. In dem Buch stand, wie es vor hundert Jahren in Deutschland gewesen war, als jahrelanger Krieg das blühende Land verwüstet hatte. Was Silvia da las, verwirrte ihren kleinen Kopf ganz und gar. Da stand von einem Mädchen, das als Soldat mit in den Krieg gezogen war, eine andere hatte sich ihre langen Haare abgeschnitten als Opfer für das Vaterland. Warum sie es getan, verstand Silvia zwar nicht recht, aber schön fand sie es, und sie träumte nun wieder davon, es dem schönen, blonden Edelfräulein von einst nachzutun. Es mußte doch etwas sehr Schönes, Großes sein, sich die Haare abzuschneiden, wenn es nach hundert Jahren noch in einem Buche erzählt wurde.
Silvia dachte an die abgeschnittenen Zöpfe und nicht an ihren Strumpf, und als sie nach den Feiertagen zum erstenmal in die Strickstube ging, wie es Fräulein Regine nannte, da war der Strumpf noch immer nur ein unförmliches Ding. Die Strickstube tagte jetzt immer im Schulhaus, Frau Fries half dabei, und Besenmüller war Ehrengast. »Der sitzt da als Vorbild,« sagte seine Frau, »denn mein Besenmüller ist in der Strickerei, was Hindenburg for die Soldaten ist.«
An diesem ersten Nachmittag las Frau Fries ein paar Briefe vor, die den weiten Weg von Frankreich und Rußland bis nach Steinach gereist waren, um den kleinen Mädeln von Steinach Dank für alle gestrickten Sachen zu sagen. Für alle war der Dank, nur für das Traumsuschen Silvia Traugott nicht. Ein Soldat schrieb, er hätte tagelang halb im Wasser gestanden, hätte keine trockenen Strümpfe, gar nichts mehr gehabt, da wäre das Paket von Steinach gekommen, und er hätte weinen müssen vor Freude über alle die schönen Weihnachtsgaben. Frau Fries tat das Herz weh, als sie es las, so wie jener hätte sich ihr Sohn wohl auch gefreut, aber ihr Sohn war gefangen, noch hatte kein Gruß ihn erreicht. Sie wußte nicht einmal, ob er noch lebte, ob er nicht schon einsam und verlassen im Feindesland gestorben war.
Die Mädel hörten alle nicht, wie das Mutterherz weinte, sie waren alle glückselig über die Briefe. Nun hatten sie doch etwas getan, hatten für das Vaterland gearbeitet. Sie alle, alle, nur eine nicht, Silvia nicht.
Die saß wie erstarrt. So war es, wie der Soldat schrieb, im Wasser standen sie, nicht trocken wurden sie, und sie freuten sich, wenn sie Strümpfe bekamen, sie dankten dafür, als wären es die allerköstlichsten Dinge.
»Ich glaube,« las nun Pfarrers Regine aus einem andern Briefe vor, »in Steinach gibt es nur fleißige Mädchen. Wenn ich heimkomme aus dem Krieg, dann komme ich auch nach Steinach und bedanke mich bei allen.«
»Bei dir nicht,« durchfuhr es Silvia, und ihr Kopf sank ganz tief auf den Strumpf herab. O die Schande! Sich verkriechen hätte sie mögen vor Scham.
»Ich hab’ beinahe wieder ’n Paar fertig,« schwätzte neben ihr Malchen Hinzpeter. »Fein, was?«
Silvia gab keine Antwort, Tränlein um Tränlein rann auf das graue Wollgespinst nieder. Ihre Hände zitterten, und auf einmal bekamen die Nadeln die ungeschickten Hände satt, sie rissen aus, eine, dann noch eine, die dritte hielt Malchen auf. Die sah das Unheil und sah Silvias Schmerz, und hilfsbereit sagte sie schnell: »Ich helfe dir.«
Silvia hörte das kaum. In ihr stürmte es. Nichts, nichts hatte sie für das Vaterland getan, gar nichts, und doch hatte sie so viel tun wollen. Immer heftiger rannen ihre Tränen, und Malchen tröstete: »Die fang’ ich schon, wein’ doch nicht!«
Aber Silvia dachte gar nicht an die entwischten Nadeln. Das Herz brannte ihr. Oh, nur etwas tun können für das Vaterland, nur zeigen dürfen, wie gut ihr Wille war! Ganz jäh kamen ihr die abgeschnittenen Zöpfe des blonden Edelfräuleins in den Sinn. Ihre waren zwar dunkel wie die von Malchen, aber das schadete gewiß nichts. Zopf ist Zopf. Ihre Nachbarin hatte eine Schere vor sich liegen, die sah sie, obgleich ihr die Tränen fast den Blick verdunkelten. Ach, ein Zopf ist schnell abgeschnitten! Eins, zwei, drei, ritsch! nur flink gleich alle beide.
»Au!« kreischte Malchen neben ihr auf, »huhuhu, mein Zopf, mein Zopf! Silvia hat mei – –,« weiter kam Malchen nicht, sie brach in ein wildes Jammergeheul aus.
Es war, als wäre ein Wirbelsturm in die Strickstube gefahren. Zuerst wußte im wilden Hinundher niemand, was geschehen war. Malchen schrie vor Schreck und Empörung immer lauter, ihre Nachbarinnen zeterten: »Der Zopf, der Zopf!« Nur Silvia stand leichenblaß, stumm inmitten des Wirrwarrs, zwei Zöpfe hielt sie in der Hand, der eine war braun, der andere schwarz, aber rote Schleifen hatten sie beide.
»Traugotts Silvia hat Hinzpeters Malchen einen Zopf abgeschnitten, sich selbst aber auch einen.« So nach und nach erst bekamen Frau Fries und Fräulein Regine heraus, daß dies geschehen war. »Warum? Silvia, warum hast du das getan?«
Silvia gab keine Antwort. Sie konnte nicht, sie tat ein paarmal die blassen Lippen auseinander, aber kein Laut kam hervor. Frau Fries sah es, die Kleine konnte nicht sprechen, sie nahm sie sacht bei der Hand und führte sie zu sich hinauf. Vielleicht erschloß sich ihr allein das scheue Herz. Aber Silvia brach oben nur in ein verzweifeltes Weinen aus, sie weinte und weinte und hörte auch nicht auf, als ihre Mutter kam.
Unten hatte sich Hinzpeters Malchen viel schneller über den verlorenen Zopf getröstet. Sie lachte schon wieder, als Silvia oben vor Leid noch fast verging. Zimplichs Lenchen hatte nämlich mitten in das Jammergeheul hineingerufen: »Jetzt biste beinahe wie ’n Junge.«
Dies Wort trocknete wie der Wind Malchens Tränen. Wie ein Junge herumgehen dürfen, kurzgeschnitten, ohne Zöpfe, von denen man doch immer die Bänder verlor, das war noch eine Sache. Am liebsten hätte sie nun geschwind gleich den zweiten Zopf abgeschnitten, doch das litt Fräulein Regine nicht. Die schloß für heute die Strickstube und erklärte, sie selbst wolle Malchen heimbringen. Das wollten aber alle andern auch, und so wurde Hinzpeters Malchen wie eine Prinzessin heimgeleitet. Fräulein Regine trug selbst den abgeschnittenen Zopf und erzählte Frau Hinzpeter auch die merkwürdige Geschichte, und Malchen kam sich ungeheuer wichtig vor. Die Mutter sah nicht gerade erfreut aus, sie verwunderte sich sehr über Silvias Untat, aber sie war keine Frau, die viel unnütze Worte machte. »Meinetwegen mag auch der zweite Zopf herunter,« sagte sie, »so halbseitig kannste niche rumlaufen.« Und ritsch, ratsch schnitt sie den zweiten Zopf ab, und Malchen jauchzte laut, als wäre ihr das größte Glück widerfahren. –
Inzwischen war auch Silvia heimgekehrt unter dem Schutz der Mutter. Die hatte das weinende, zitternde Kind zu Bett gebracht und hatte neben ihr gesessen, bis sie meinte, es schlief.
Aber Silvia schlief nicht. Die lag wach im allergrößten Herzeleid. Sie wußte kaum, worüber sie trauriger war, über den Zopf, den sie der Kameradin abgeschnitten hatte, oder über ihre Faulheit. Plötzlich fiel es ihr ein, wenn sie nun strickte, immerzu strickte, Tag und Nacht, dann wurden doch die Strümpfe fertig. Sie stand auf und tastete sich vorsichtig hinaus; sie wußte, wo Zündhölzer lagen und ein Öllämpchen stand, das holte sie sich, nahm ihr Strickzeug und begann zu stricken, Nadel um Nadel. Und auf einmal war der Strumpf fertig und gleich wieder einer und immer mehr und mehr, die türmten sich auf, ein Berg wurde es, ein hoher, hoher Berg, und oben saß Malchen Hinzpeter und schwang ihren Zopf; sie schlug damit auf die Strümpfe, und merkwürdig, das klirrte und klang, und Silvia schrie laut vor Schreck.
»Aber Silvia, um Gottes willen, was ist das?« Silvias Mutter war von einem Klirren aufgewacht und hinübergelaufen in ihres Mädels Kammer. Da lag das Laternchen zerbrochen am Boden; glücklicherweise war es ausgegangen, und Silvia lag auf dem Bett, ihren Strickstrumpf fest umklammernd. Sie war eiskalt, und danach wurde sie glühend heiß. Sie hatte heftiges Fieber, und in dem Fiebertraum klagte sie immer, sie wolle etwas für das Vaterland tun. Ein paar Tage war Silvia krank, und in dieser Zeit erschloß sich ihr Herzlein der Mutter, von ihrem Willen redete sie, viel, ja ungeheure Taten für das Vaterland zu vollbringen.
»Lieber Himmel,« sagte Frau Traugott, »was kann so ein Dreikäsehoch in dieser furchtbaren Zeit tun!« Sie redete lind und gut zu ihrem Kind, und dann lief sie zu Pfarrers und holte Fräulein Regine herbei. Die kam auch, und sie wußte Silvia gut zu raten und zu helfen, sie hatte ja selbst anfangs gemeint, die stille Arbeit daheim in Steinach sei zu klein, zu unbedeutend.
»Ich will stricken,« sagte Silvia demütig und sah sich wieder nach ihrem grauen Strumpf um.
»Erst gesund werden,« riet Fräulein Regine, »dann kommst du wieder in die Strickstube.«
Silvia seufzte bang. In der Strickstube war Malchen, da waren alle andern, die würden böse sein, würden spotten und lachen – wie schwer würde das sein!
Aber es wurde gar nicht schwer, denn Malchen Hinzpeter hatte ein gutes kleines Herz, und als sie von Fräulein Regine hörte, Silvia sei krank, da kam sie geschwind angelaufen. Sie versöhnten sich beide und waren Freundinnen wie zuvor nach Besenmüllers Wort, der immer sagte: »Beim Dummtun und Bösesein kommt nischte nich heraus.« Immer wieder versicherte auch Malchen: »Fein is das ohne Zöpfe!«
Freilich, bei Silvias erstem Schulgang wollten die Buben spotten über die zopflosen Mädel, aber da kamen sie bei Malchen schlecht an. Der ihr flinkes Zünglein gab jedes Wort doppelt zurück, und zuletzt rief sie stolz: »Und die Zöpfe wer’n verkauft, un für das Geld gibt’s Wolle, und da stricken wir Strümpfe davon!« Sie sah die Necklustigen strafend an. »Könnt ihr so was?«
Nein, Zöpfe konnten sie sich nicht abschneiden, und Strümpfe konnten sie auch nicht stricken; trotz Besenmüllers Vorbild.
»Aber wir gehen selbst in ’n Krieg,« schrie Zimplichs Max.
»Ja, und ihr schlaft bei Tage in der Eisenbahn, un denn seid ihr wieder da!« Da behielt Malchen das letzte Wort, und Silvia sah bewundernd zu der mutigen Freundin auf. Wie die wollte sie werden, und fortan strickte sie auch Strümpfe wie die andern Mädel von Steinach, dicke, graue Soldatenstrümpfe.