Fünfzehntes Kapitel
Die Krone
Der alte Briefträger kommt nicht, und Fritze geht ihn suchen – Das Wort von der Krone, und wie selbst Klöße mit Speck und Backbirnen nicht locken – Fritze kehrt von Ringelheim zurück, und Frau Fries denkt: Der wird noch einmal ein rechter Mann
An einem Februartag stand Schwetzers Fritze wieder auf der Birnenstraße und wartete wie schon so oft auf den Briefträger. Die Sonne schien hell, und ein sanfter Wind wehte, wie Frühling war es, aber darauf achtete Fritze gar nicht. Er dachte nur an den Brief, der immer und immer nicht kam. Seit Frau Fries die Nachricht erhalten hatte, ihr Sohn wäre schwerverwundet in die Hände der Franzosen gefallen, hatte sie nichts wieder von ihm gehört. Jeden Tag lief Fritz dem Briefträger entgegen, und jeden Tag stand Frau Fries am Schulhaus und sah den Buben mit leeren Händen kommen. Sie hatte nach Genf geschrieben, dahin und dorthin, aber noch nichts über den Sohn erfahren. Lebte er noch? Hatten ihn die Franzosen auch nach Afrika geschafft wie so viele andere?
»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sagte die Mutter sich oft in den langen, langen Nächten, wo alles ruhte in dunkler Stille und nur die Sorgen wach waren.
»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sprachen auch die Leute von Steinach untereinander. Nur Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer sagten: »Er kommt wieder!« Und dieser beiden unverzagte Hoffnung richtete Frau Fries immer wieder auf. Dann läutete auch in ihrem Herzen das Hoffnungsglöcklein: »Er kommt wieder, er lebt!« –
Wo nur der Briefträger blieb? Fritze spähte scharf in die Ferne. Einsam lag die Straße, niemand kam. Der Bube stapfte weiter. Es war zwar Mittagszeit, aber das bekümmerte ihn nicht, seine Mutter hatte ohnehin gesagt: »Wenn’s um den Brief für die alte Frau Lehrerin ist, nu, da mag das Spätkommen schon sein.«
Fritze dachte nicht einmal daran, daß es heute eines seiner Leibgerichte gab: Klöße mit Speck und Backbirnen, er hatte nur den einen Gedanken, vielleicht kam heute, gerade heute der Brief. Aber soviel er auch lugte, der Briefträger kam nicht.
Im Dorf schlug die Uhr. Ein Uhr schon! Das Mittagessen war vorbei, und fast eine Stunde wartete er schon. War der alte Bote so lange im nächsten Dorf geblieben? Fritzes Magen knurrte, aber der Bube trabte weiter. Wiesen, das Nachbardorf, lag noch eine halbe Stunde entfernt, vielleicht war der Briefträger dort, und er fand ihn, und wenn der Brief da war, dann wollte er zurück mit dem Wind rennen.
Fritz rannte. Er sah nicht rechts, nicht links, und beinahe überhörte er die schwache Stimme, die seinen Namen rief: »Schwetzers Fritze, Gott sei Dank, lauf doch niche fort!«
Verdutzt sah sich Fritz um. Da unter einem Baum kauerte der alte Briefträger, er hatte den Kopf an den rauhen Stamm gelegt, und selbst Fritz sah es, der alte Mann war krank. Mit einem Satz war der Bube neben ihm, sein Mund schwieg, aber seine Augen fragten, und der Kranke verstand diese stumme Frage. »Ich komm niche mehr weiter, aber der Brief ist da.«
»Der Brief!« jauchzte Fritz und vergaß darüber des alten Mannes Not. Der lächelte matt. »Ja, er is da, und eures Herrn Lehrers Name steht darauf, also er lebt. Und siehste, das hätt’ ich nu zu gern der alten Mutter gebracht. Nä, nu is das niche!«
Er seufzte tief und versuchte seine Tasche zu öffnen, aber die Hand sank ihm matt zurück. »Fritze«, stöhnte er, »jetzt gibste mir deine Hand, daß du alles tust, wie ich’s sage, nimm deinen Verstand zusammen!«
Fritze legte seine Hand in die des alten Boten, kraftlos war die und kühl, und nur mühsam redete der: »In Steinach gibste alles ab, was dahin gehört, un dann läufste nach Ringelheim, denn da warten auch ’n paar Frauen so arg auf Briefe, un grade heut’ sin se da. Verlier aber nischte! In Ringelheim gibste alles dem Küster, der macht’s schon, un denn kommste nach Steinach zurück – – un vielleicht bin ich dann da.« Er nestelte mühsam seine Tasche ab. Fritze wollte sie nehmen, aber der Alte hielt sie fest. »Niche so schnell! So ’ne Tasche is was Heiliges. Weißte, wenn dir ’n König seine Krone geben möcht’ und sagt: »Heb se auf!« das is justament so, als ob ich dir meine Tasche geb. Verstehste mich?«
Fritz nickte. Es war ihm seltsam feierlich zumute. Auf einmal, er wußte nicht, wie es ihm in den Sinn kam, dachte er, der alte Briefträger Klöppel ist auch wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld.
»Fritze,« mahnte der Alte noch, »hörste, du mußt aber auch reden, in Steinach sagen, wie’s is mit mir, un in Ringelheim auch. Und rennen darfste niche, auch jetzt niche, ’s könnt was aus der Tasche fallen, aber dich auch niche aufhalten, ja niche! Versprichste mir das?«
»Ja,« sagte Fritz und sah dem Alten fest in die Augen.
»Un reden mußte, Fritze, alles sagen.«
»Ja.« Fritz seufzte, das war schwer, aber es mußte sein. Er griff wieder nach der Tasche, und wieder hielt sie der alte Briefträger fest. »Wie ’n König seine Krone, justament so is das.« Er strich fast zärtlich über das abgeschabte Leder. »’s ist mir schwer geworden jetzt das Tragen. Ja ja, schwer. Aber weißte, Fritze, ’s war auch fürs Vaterland. Weil die Jungen fort sind, müssen’s die Alten tun. Ja ja! Un wenn du jetzt gehst, Fritze, denk’ dran, ’s ist auch fürs Vaterland. Niche rennen, un dann reden – – meine Krone trägste, Fritze, meine Krone, merk’ dir’s.«
»Ja,« sagte Fritze wieder, und seine Stimme tönte wie eine Glocke. Da gab ihm der Alte die Tasche. »Um mich brauch’ keiner sorgen, das is ganz scheene so in der lieben Gottessonne« – – er sprach nicht weiter, er nickte nur dem Buben noch einmal zu.
Der trabte von dannen. Er schritt rüstig aus, aber er rannte nicht, er rannte auch nicht, als er von weitem Frau Fries kommen sah. Es zuckte ihm freilich in den Füßen, er wäre ihr am liebsten entgegengestürmt, hätte ihr den Brief hingehalten, aber sein Versprechen zwang ihn, und er ging nicht einen Schritt rascher.
»Fritze,« rief Frau Fries ihm entgegen, »wo bleibst du? Wo ist der alte Klöppel?«
»Der Brief!« Fritz hielt ihn hoch empor, und da endlich konnte er ihn in die Hände der Mutter legen. Die faßte nach ihrem Herzen, das tat laute Freudenschläge, der Brief kam von ihrem Sohn – er lebte.
Sie konnte kaum mit ihren bebenden Fingern den Umschlag öffnen, und ein paar Augenblicke tanzten ihr die Worte vor den Augen, alles flimmerte und flirrte. »Er lebt, er lebt! Du gütiger Gott, mein Sohn lebt!«
Nur einen Augenblick blieb Fritz stehen, einen sehnsüchtigen Blick warf er auf den Brief. Was mochte darin stehen? Doch sein Versprechen zwang ihn vorwärts, und sein Versprechen zwang ihn zu reden, er sagte: »Klöppel ist krank, ich muß die Briefe austragen und nach Ringelheim gehen.«
Zum erstenmal achtete Frau Fries nicht auf das, was Fritze Schwetzer sagte, und der ging still weiter und ließ die Mutter mit dem Sohnesbrief allein.
Vor dem Schulhaus stand Besenmüller, und auf den trat Fritze zu und erzählte das Geschehene. Er sparte Worte, aber er sagte alles. »Lieber Himmel,« rief Besenmüller, »der alte Klöppel liegt auf der Straße, den müssen wir reinholen.«
Vater Hiller kam dazu, und noch einmal erstattete Fritze Bericht. »Ich muß nu weiter,« sagte er, »ich muß noch nach Ringelheim.«
»Es mag jemand hinfahren,« meinte Vater Hiller, aber Fritze entgegnete ernsthaft: »Nä, ich hab’s versprochen, die Tasche niemand zu geben.«
Der alte Lehrer spürte aus des Jungen kargen Worten die große Bürde heraus, die auf dessen Schultern lag, er sah aber auch, da war Wille und Kraft, die übernommene Aufgabe zu vollenden, und er sagte ruhig: »So geh! Wir wollen rasch dafür sorgen, daß Klöppel ins Dorf gebracht wird.«
Schwetzers Fritze ging weiter, von Haus zu Haus. Überall mußte er sagen, was geschehen war, und immer sagte er gleich dazu: »Ich muß aber gehen.« Ins Pfarrhaus kam er, da rief er aber schon von weitem: »Fräulein Regine, der Brief ist da, der Herr Lehrer hat selbst geschrieben.«
»Er lebt!« jubelte Fräulein Regine, und dann lief sie fort, lief nach dem Schulhaus hin und hörte nicht einmal darauf, was ihr Freund Fritz noch zu sagen hatte. Fritze ärgerte sich nicht darum, er fand es selbstverständlich, und dann – er mußte ja auch weiter, die Briefe austragen und nach Ringelheim wandern.
Er kam auch in sein Elternhaus, und seine Mutter eilte ihm ängstlich entgegen. »Fritze, wo bleibst du?«
Der Bube gab Antwort, auch hier so knapp und kurz wie überall. Doch seine Mutter war nicht damit zufrieden, die meinte: »Erst mußte zu Mittag essen, und die Briefe, die kann unsere Emma nach Ringelheim tragen.«
»Nä,« sagte Fritze, »ich hab’s versprochen.«
»Aber essen mußte, dein Mittag steht warm.«
Klöße mit Speck und Birnen dazu. Bei dem Gedanken daran spürte Fritze, wie leer sein Magen war, ganz leer, das Wasser lief ihm im Munde zusammen, er sagte aber fest: »Nä, kann nich essen. Ich hab’s versprochen, die Tasche kriegt niemand.«
Die Mutter wollte widersprechen, aber als sie so in das entschlossene kleine Bubengesicht sah, fühlte sie es, sie durfte ihn nicht hindern, sein Wort zu halten. »Dann geh nur,« sagte sie, »trag’ die Briefe weiter.«
Fritz tat einen Seufzer, nickte der Mutter zu und ging von Haus zu Haus. Als er ans Dorfende kam, wo die Pflaumenstraße nach Ringelheim abbog, stand seine Mutter dort, die steckte ihm einen Apfel in die Tasche und gab ihm eine tüchtige Schnitte in die Hand. »Wirst doch hungrig sein.«
»Danke,« sagte Fritze nur und stapfte weiter, Schritt um Schritt, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Einmal war’s ihm, als müßte er sich umsehen, und als er rasch im Weitergehen rückwärts schaute, stand seine Mutter noch am Wege und sah ihm nach. Das tat ihm gut, wie ein zärtliches Wort der Mutter empfand er das stille Nachschauen.
Er mußte immer daran denken, was der alte Briefträger von der Krone gesagt hatte. War’s so? Die Krone war die Arbeit, die einer tat, sein Amt?
Der Wind hatte sich gedreht, er blies jetzt scharf von Osten her, er brachte auch graue Wolken mit, die die glänzende Sonne überschatteten. Einzelne Flocken fielen, dann kam Regen, der wurde heftiger und schlug dem Buben ordentlich boshaft in das Gesicht. Den bekümmerte das nicht viel. Er knöpfte nur seine Jacke auf und schob, so gut es ging, die dicke, schwarze Tasche darunter. So erreichte er Ringelheim, und im Küsterhaus sagte er seine Botschaft. Der Küster war zur Hilfe bereit, die Post wurde ausgetragen, und Fritze konnte wieder heimwärts wandern.
In Steinach sagte es ihm eine Frau beim ersten Haus im Dorf: »Der alte Klöppel liegt in der Schule, ach, er wird vielleicht schon tot sein.«
Fritze erschrak. Wenn der Briefträger tot war, dann konnte er doch nicht mehr sehen, daß er die Tasche zurückbrachte, und unwillkürlich begann er zu rennen. Aber gleich fiel ihm des Alten Mahnung ein; in der Tasche waren noch allerlei Postsachen, die konnten verlorengehen, und gleich ging er langsamer. Er kam auch noch zur rechten Zeit, er konnte noch dem alten Briefträger die schwarze Tasche übergeben, und der gab ihm die Hand und murmelte leise: »Haste alles besorgt?«
Fritz holte tief Atem und gab Bericht. Und dann, als er fertig war, rief er mit einer ihm fremden Raschheit: »Hat jeder so ’ne Krone, Klöppel? Wie ist das denn?«
»Das ist jedem seine Arbeit, sein Amt, das, wofür einer lebt – und stirbt.« Die letzten Worte klangen ganz matt, der alte Mann seufzte, nicht schwer, sondern wie einer, der sich einer getanen Arbeit freut. Er legte den Kopf zur Seite, faltete die Hände über der schwarzen Tasche und schloß die Augen.
»Er will schlafen,« sagte Vater Hiller, der am Lager saß, »er ist müde vom Leben. Geh du nun heim, Fritz.«
Der Bube ging nach der Tür, er trat so leise auf, so leise er konnte, aber er ging nicht die Treppe hinab, sondern den Gang bis zu dem Zimmer, in dem Frau Fries wohnte. Dort bekam er nun wirklich den Brief seines Lehrers zu hören. Viel stand nicht darin, denn viel durften die Gefangenen nicht schreiben. Heinrich Fries schrieb, es ginge ihm leidlich gut, er sei lange, lange krank gewesen, nun wäre er aber wieder ziemlich gesund. Daß er schon oft geschrieben hatte, teilte er mit. Von der Heimat schrieb er, vom Wiedersehen; ganz froh klang alles, und Fritze Schwetzer sah strahlend drein, ihm schien es, als sei nun alle Sorge gelöst. Und weil er an diesem Tage nun schon so viel geredet hatte, erzählte er auch seiner alten Freundin seine Erlebnisse. Auch das Wort von der Krone sagte er, nur scheu, undeutlich, aber Frau Fries verstand ihn doch. Sie beugte sich plötzlich über ihn und sagte mit einer seltsam schweren Stimme: »Unser Vaterland ist auch eine Krone, für die wir leben und sterben – und leiden müssen.«
Der Bube saß ganz still, er ahnte nicht, daß die Mutter Leiden, schweres Leiden aus dem Sohnesbrief herausgelesen hatte. Aber er fühlte, da war etwas nicht so wunderherrlich, wie er es sich gedacht hatte. Er wußte aber nichts zu sagen, und er sah die alte Frau Lehrerin nur treuherzig an. »Nu muß ich gehn,« brummte er endlich. Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich komm’ noch mal wieder.«
»Heute nicht, du wirst müde sein und hungrig, Fritz, ich danke dir.«
Schwetzers Fritze stapfte zur Tür hinaus, und er ging so leise die Treppe hinab, so leise es seine knarrenden Stiefel erlaubten, der alte Klöppel schlief ja. Oben sah Frau Fries dem Jungen nach, und sie dachte, wie seine Mutter zu Mittag auf der Landstraße gedacht hatte: »Der wird noch einmal ein rechter Mann.«