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Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend cover

Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend

Chapter 18: Sechzehntes Kapitel Heimkehr
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About This Book

Eine Reihe heiterer, episodischer Erzählungen für junge Leser schildert, wie das Andenken an ehemalige Raubritter im Dorf lebendig bleibt: Burgruinen, scherzhafte Überfälle, verfehlte Schatzsuchen und die Gespräche der Dorfbewohner werden in volkstümlichen Anekdoten dargestellt. Reisebeobachtungen und Begegnungen führen zu humorvollen, oft milde moralisierenden Szenen, die Gemeinschaft, Einfallsreichtum und menschliche Schwächen zeigen. Der Ton ist warmherzig und verschmitzt, die Sprache lebendig, sodass Tradition, Fröhlichkeit und einfache Lebensfreude im Vordergrund stehen.


Sechzehntes Kapitel
Heimkehr

Es geschah viel, und Pfarrers Regine steigt auf den Schafskopf hinauf – Fritze fährt nach L., es merkt aber niemand etwas davon, und Frau Besenmüller hält ihn für ein Gespenst – Eine Unterredung im Holzstall – In Steinach wird Hochzeit gefeiert, und die Kinder schreien hurra auf der Apfelstraße

Der alte Briefträger Klöppel wanderte nun nicht mehr auf der Birnenstraße nach Steinach hin. Der war wirklich eingeschlafen für alle Zeit, und seine geliebte schwarze Tasche trug ein anderer. Der brachte die Nachrichten von Leid und Freud in die Dörfer, von großen Siegen, von stolzen Taten, aber immer und immer nicht die ersehnte Friedensbotschaft.

In Steinach war es nicht anders als in allen deutschen Städten und Dörfern. Die Daheimgebliebenen schafften fleißig und sorgten um jene, die draußen standen. Ein paar Bäuerinnen trauerten um ihre Männer, und Hinzpeters Malchen kam eines Tages in großem Herzeleid in die Schule: ihr Vater war gefallen. Da hatte Silvia Traugott viel zu tun, um der Freundin beizustehen, und sie vergaß darüber noch mehr ihre Träume von großen Wundertaten. An herzhaftem Mitleid fehlte es nicht. Selbst die Buben sannen darüber nach, womit sie das Malchen wohl erfreuen könnten, und sie kamen schließlich überein, sie wollten Malchen ein Tier fangen, einen jungen Hasen, ein Rehlein vielleicht etwa, denn Malchen hatte an allem Getier eine besondere Freude.

Es lenzte draußen schon an Hängen und Grabenrändern, an Büschen, die in der Sonne standen, grünten Knospen und winzige Blättchen, und manch ein kleines Hasenkind wurde um diese Zeit geboren. Im Walde war die Aufsicht jetzt nicht so streng, und eines Nachmittags zogen ein halbes Dutzend Steinacher Buben hinaus, um ein Tier zu fangen. Aber sie brachten nur einen Igel heim und einen Maulwurf, und vor beiden graulte sich Malchen schrecklich. Schelte gab’s obendrein. Das Tierfangen im Walde war streng verboten. Die Buben bekamen so schwere Strafen angedroht, daß ihnen die Lust zu weiteren Raubzügen verging. Also ließen sie das Trösten sein.

Der Frühling kam, und er war so blütenreich, so voller Glanz und Schöne, als wollte er liebreich den Menschen in ihrem großen Jammer beistehen. Es blühte an allen Ecken und Enden, und kaum jemals hatte es auf dem Schafskopf so viele Veilchen gegeben wie in diesem Jahr. Aber Pfarrers Regine wollte in diesem Jahr keine Veilchenkränze zu ihrem Geburtstag haben, und die Veilchen verblühten ungepflückt. An ihrem Duft, ihrer Lieblichkeit freute sich Regine aber doch. Sie stieg an ihrem Geburtstag allein auf den Schafskopf hinauf; lange saß sie dort unter dem alten Gemäuer. Sie weinte bitterlich, denn sie trug ein heimliches Leid im Herzen. Wie sie aber so weinte, so unendlich traurig war, spürte sie den Veilchenduft. Der umschmeichelte sie, der zwang sie, an den Frühling zu denken, an Sonnenschein und an Freude. Und ganz leise sang sie vor sich hin, und im Singen löste sich ihre Traurigkeit. Sie sang:

»Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden!
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß die Qual,
Es muß sich alles, alles wenden!«

Um die gleiche Stunde wohl dachte ein Mann an Steinach am Wald, der in einem fremden Land in einem Zuge fuhr. Er trug einen abgetragenen feldgrauen Rock, und die mit ihm waren, glichen ihm. – Ein seltsamer Zug war es. Lager reihte sich an Lager, Schwerverwundete, Krüppel durften heimkehren aus Frankreich ins deutsche Vaterland.

Der Austausch der unheilbaren Kriegsverwundeten von Frankreich ging über die Schweiz, und nach langer, langer Fahrt, durch das herrliche, stets hilfsbereite Schweizer Land, das von den Schrecken des Krieges verschont geblieben war, langte der Zug in der Nacht an der Grenze an. Von Deutschland her kam um die gleiche Zeit auch ein solcher Zug. Einmal fuhren die beiden aneinander vorbei, sie wußten es nicht; die Männer, die jetzt todwund heimkehrten, hatten sich vielleicht schon im Kampf gegenübergestanden.

Heinrich Fries, der Lehrer von Steinach, lehnte am Fenster. Er konnte nicht schlafen, vor Freude nicht und vor Leid nicht. So mußte er heimkehren, ein Krüppel! Ein Bein hatte er verloren, auch die linke Hand fehlte ihm, und über die Stirn lief ihm eine breite rote Narbe. Er dachte, mit welch hochfliegenden Plänen er einst im Leben gestanden hatte, wie unzufrieden er in Steinach gewesen war. Nun war das alles vorbei, selbst zum Lehrer in Steinach mochte er gewiß nicht mehr taugen. Wunderlich war ihm das oft gegangen draußen. An die Stadt, in der er so lange gelebt, hatte er wenig gedacht, immer, wenn er mit seinen Kameraden von der Heimat sprach, kehrten seine Gedanken in Steinach ein. In den heißen, blutigen Schlachten, mitten im Donnern und Brüllen der Geschütze sah er plötzlich das Dorf vor sich und die blühenden Straßen, so wie er es zuerst gesehen hatte. Er dachte an die Kinder; er hatte sie doch alle lieb, selbst so unnütze Wildfänge wie Jackenknöpfle und das lachlustige Malchen Hinzpeter. Einmal hatte er gerade wieder an allesamt einen Brief geschrieben, da war eine Granate neben ihm eingeschlagen, und er hatte die Stirnwunde bekommen.

Ins Lazarett sollte er, in die Heimat zurück, aber er hatte nicht gewollt, und zwei Tage später hatte er, verwundet schon, mitten im furchtbaren Kampf gestanden. Neben ihm waren seine Kameraden gefallen, er war vorwärts gestürmt, immerzu, immerzu. Dann hatte ihn ein Schuß getroffen, er war zusammengebrochen, und als er nach vielen, vielen Stunden wieder zum Bewußtsein gelangte, war er in Gefangenschaft gewesen. Krank und gefangen! Es ahnen nicht alle, wie groß dies Elend ist.

Nun kehrte er heim. Heinrich Fries sah hinaus. Es war Mondschein, und er sah im Silberglanz einen See, glatt wie ein Spiegel, und Berge, hohe, weiße Berge. Wie ein Märchenland war es, so wunderschön. Er hatte oft Sehnsucht gehabt, dies schöne Land zu durchwandern, das war nun auch vorbei, nun sah er es so. Ein fremdes Land, aber kein Feindesland. Ach nein, feindlich waren die Menschen nicht, die auf den Bahnhöfen waren, die liebevoll die Verwundeten versorgten. Gute, hilfsbereite Menschen waren es.

Einer, der mit im Zuge fuhr, richtete sich ein wenig auf seinem Lager auf und flüsterte: »Kamerad, nun sind wir bald in Deutschland. Ich habe eine Frau daheim und einen Buben, Herrgott, die soll ich nun wiedersehen! Wen hast du?«

»Eine Mutter,« sagte Heinrich Fries.

»Da sind wir beide gut versorgt,« sagte der andere. »Sieh doch mal raus, ist’s noch nicht bald Deutschland?«

»Es dauert noch ein paar Stunden.« Heinrich Fries sah wieder hinaus. Der Mond stand nur noch als blasse Scheibe am Himmel, der Morgen dämmerte herauf, und in dem fahlen, harten Licht des Morgens stiegen die Berge riesenhaft empor. Aber dann begannen sie zu glühen und zu schimmern, die Sonne ging auf.

Und im hellen, strahlenden Licht der Frühlingssonne fuhr Heinrich Fries mit seinen Kameraden bei Konstanz über die deutsche Grenze. Ein brausender Jubel empfing sie. Fremde Menschen kamen auf sie zu und umarmten sie, Blumen wurden ihnen gebracht und Erfrischungen. Immer neue Hände streckten sich ihnen entgegen, alle wollten ihnen helfen, alle ihnen Liebes erweisen, alle, alle zeigten ihre Freude.

O Vaterland, o Heimat!

Die Todwunden, denen die Tage und Nächte in Schmerzen vergingen, die Blinden, die Krüppel, sie alle sangen dem Vaterland entgegen: »Deutschland, Deutschland über alles!«

Heinrich Fries hatte seine Heimkehr nicht melden können. Seine Auslösung war überraschend gekommen, und seine Mutter ahnte nicht, daß er in Deutschland war. Er hatte ihr auch nie geschrieben, wie schwer seine Wunden gewesen, er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Nun dachte er, wenn ich in ein Lazarett komme, dann schreibe ich ihr. Noch wußte er ja nicht, wohin man ihn bringen würde. Nimmer hätte er gedacht, daß er so sehr in Steinachs Nähe kommen würde. Erholen sollte er sich nun, dann sollte er ein künstliches Bein bekommen, eine Hand, und der Arzt, der ihm das versprach, tröstete: »Dann ist’s nicht mehr schlimm.«

Eines Tages liefen Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer auf der Birnenstraße wieder dem Briefträger entgegen. Seit Wochen hatte der nun nichts aus Frankreich ins Schulhaus gebracht, und die alte Frau Lehrerin zagte und zitterte in Sorge. Der neue Briefträger, er hieß zu der Kinder Ärger Schmidt, was doch kein richtiger Name sei, so meinten sie, wußte nun auch schon, wer in Steinach um Briefe bangte. Er schüttelte also den Kopf: »Kein Brief aus Frankreich, ’n anderer nur.«

Da rannte Fritze zurück, und Fräulein Regine ging ihm nach, der andere Brief war ihnen nicht wichtig. Den erhielt ein paar Minuten später Frau Besenmüller zur Besorgung. Die nahm ihn mit dem Schürzenzipfel, weil sie nasse Hände hatte, und trug ihn so in das Haus hinein. Drinnen kam ihr Mann ihr entgegen, und sie bat: »Besenmüller, trag’ du mal den Brief rauf, der rechte ist’s wieder niche.«

Oben traf Besenmüller Vater Hiller, der gerade zum Mittagessen zu Frau Fries gehen wollte, der nahm ihm den Brief ab, und Besenmüller sagte: »Der rechte ist’s nicht.«

Vater Hiller trug den Brief in die Stube, legte ihn vor Frau Fries hin und sagte auch bedauernd: »Ein Brief, leider nicht der rechte.«

Und es war doch der rechte Brief. Nur in die Hand nahm ihn Frau Fries, dann wußte sie es. Mutteraugen sind scharf, Mutterherzen spüren des Kindes Nähe.

Durch das Dorf lief die Kunde, der junge Herr Lehrer ist heimgekehrt aus Frankreich, in L. ist er, aber – er ist ein Krüppel. Fritze Schwetzer raste zum Schulhaus hin. Und den Brief hatte er nun nicht gebracht, gerade den Brief nicht. Er polterte mal wieder ungeheuer auf der Treppe, aber Frau Besenmüller schalt nicht, die hörte es gar nicht, die scheuerte im Schulzimmer, denn irgendwie mußte sie ihre Freude zeigen, ritsch, ratsch mit der Bürste hin und her. »So recht ausscheuern tut gut,« brummelte sie.

Fritz fand Frau Fries oben reisefertig. Die wollte gleich nach L. fahren mit dem nächsten Zug. »Lauf zu Pfarrers,« bat die Frau, »vielleicht kommt Fräulein Regine mit.«

Nie hatte Frau Fries nach einer Stütze verlangt, jetzt, da sie den Sohn wiedersehen sollte, in der Freude verlangte sie Hilfe. Und Pfarrers Regine kam. Fritz hatte seine Botschaft noch nicht raus, da sagte sie schon: »Ich fahre mit, natürlich!«

Sie lief dem Buben voran und meinte, der käme hinterher, aber der kam nicht. Der rannte heimwärts, fiel seiner Mutter beinahe ins Spülfaß und schrie so laut, wie es noch nie jemand von ihm gehört hatte: »Meine Sparbüchse!«

»Junge, biste närrisch?« Seine Mutter trocknete sich ärgerlich die Hände ab. »Sag’, was soll das Geschrei?«

»Ich muß nach L.«

»So eins, zwei, drei im Handumdrehen?« Frau Schwetzer wollte nein sagen, aber dann sagte sie doch ja, ging und schüttelte die Büchse vor Fritz aus. »Viel ist nicht drin, ’n Groschen fehlt, den will ich dir schenken. Da nimm ’n Brot und geh!«

Doch Fritze lief dem Brot davon. Er rannte die Apfelstraße entlang, bis er Frau Fries und Fräulein Regine sah, da ging er langsam nach. Und nach ihnen kletterte er in den Zug, und die beiden sahen ihn nicht. Sie sahen ihn auch nicht, als sie in L. ausstiegen. Und wieder trabte ihnen Fritz nach bis zu dem Lazarett, da gingen sie hinein, und – Fritz blieb draußen. Hier verließ ihn auf einmal sein Mut, er wußte nicht, wie er in das große Gebäude hineingehen sollte. Er ging auf und ab, durch die Türe da waren die beiden Frauen hineingegangen, das mußte doch der rechte Weg sein. Er rappelte sich endlich zusammen, trat auf das Tor zu, klinkte es auf, da tönte ihm ein Halt! entgegen.

»Wo willst du hin?«

»Da ’nein.«

»Ei, da könnte jeder dumme Junge kommen; so was gibt’s nicht.«

Ein anderer hätte nun dem gestrengen Wärter am Tor geschwinde erklärt, so ist die Sache und so, ich habe die Fahrt gemacht von Steinach hierher. Aber das brachte Schwetzers Fritze nicht fertig; ehe er eine Antwort heraus hatte, war das Tor geschlossen, klapp zu, ihm vor der Nase, er konnte draußen stehen. Er ging wieder auf und ab, hin und her. Drei Frauen kamen jetzt, dunkel gekleidet und ernst, die wollten auch in das Lazarett gehen. Vor ihnen tat die Türe sich auf. Fritz lief ihnen nach, aber klapp, schloß sich das Tor, und er stand wieder einsam auf der Straße.

Noch einmal versuchte er es hineinzukommen, vergeblich. Endlich kamen Frau Fries und Fräulein Regine wieder heraus, und wieder lief Fritz ihnen stumm wie ein treuer Hund nach. Die Frauen gingen der Stadt zu. Vor einem Haus, an dem ein Wort stand, das Fritz zehnmal las und doch nicht verstand, es hieß »Hospiz«, nahmen sie Abschied voneinander. Frau Fries ging mit ihrer kleinen Tasche in der Hand in das Haus hinein. Fritz hörte sie noch sagen: »Bestelle, bitte, Frau Besenmüller, sie möchte ja nicht vergessen, für Herrn Hiller heute Brusttee zu kochen, er ist so erkältet,« dann trennten sich beide.

Nun rannte Fräulein Regine nach dem Bahnhof, und Fritz rannte hinterdrein. Sie stiegen beide in den Zug, der fuhr davon, und in Steinach kletterten beide heraus.

Es war schon dunkel, und Pfarrers Regine sah ihren kleinen Freund auch jetzt nicht. Der trabte ihr nach, als sie aber erst nach dem Pfarrhaus abbog, lief er gleich zum Schulhaus. Dort riß er die Türe auf, stürmte in Besenmüllers Stube und schrie: »Se möchten Tee kochen für Herrn Hiller.« Krach, schlug er die Türe zu und rannte davon.

Eine halbe Stunde später kam Fräulein Regine ins Schulhaus. Sie wollte erzählen, wie es Heinrich Fries erging, und sie richtete auch den Auftrag aus. »Teekochen?« rief Besenmüller. »Schwetzers Fritze hat’s ja schon bestellt.«

»Wie kann er, ich habe ihm ja nichts gesagt?« Das Fräulein wunderte sich, und Frau Besenmüller wunderte sich, ja Frau Besenmüller war geneigt, Fritz für einen Geist zu halten, aber ihr Mann sagte: »Nä, das war Fritze, und vielleicht hat’s ihm Frau Fries vorher bestellt.«

Auf dem Heimweg ging Regine noch einmal zu Schwetzers hinein, da erfuhr sie Fritzens Reise. »Ein närrscher Junge,« klagte seine Mutter, »nich Stipp, nich Stapp hat er erzählt, nur gegessen, und dann ist er schlafen gegangen, aber geheult hat er in seinem Bette.«

Ja, geheult hat Fritz, aber der Schlaf hatte ihm die Tränen schon wieder getrocknet, als Fräulein Regine an sein Bett trat. Und am nächsten Morgen erzählte er auch mit so wenig Worten als möglich seine Reise. Seine Mutter tat ihm schweigend so viel Geld in seine Sparbüchse, als das Fahrgeld nach L. betrug, aber Fritz fuhr nicht wieder hin. Er graute sich vor dem großen Haus und vor den vielen Menschen, die da aus- und eingingen. Er wartete in Steinach auf seinen Lehrer, und je näher der Tag kam, an dem er ihn sehen sollte, desto größer wurde die Scheu vor ihm. Ob der ihn noch kannte, noch mit ihm so sprach wie damals beim Abschied?

Heinrich Fries kam, als in Steinach der Flieder blühte. In jedem Garten, in Hofwinkeln an der Kirche, da wo Heckenwege die Häuser trennten und verbanden, überall blühte der Flieder. Dichte, blaue Büsche, blaue Wände gab es und blaue Blumenberge, und ganz Steinach war eingehüllt in Duft und Glanz. Vom Schulhaus wehte die Fahne, denn ein Held kam ja heim, einer, der draußen gekämpft und gelitten hatte, einer, dem das Kreuz von Eisen die Brust schmückte.

Heinrich Fries hatte gemeint, er würde still durch das Dorf fahren und still in sein stattliches Schulhaus treten. Aber vor dem standen die Kinder alle, auch die Brummer waren dabei, und alle sangen ihm das Lied entgegen, das im Leben und Sterben kein Deutscher vergißt. Und danach das schöne »Lobe den Herrn«.

Mitten im Gesang brach Malchen Hinzpeter in Tränen aus. Sie dachte an den Vater, der nun nie wiederkehrte. Vater Hiller zog sie aus dem Kreise und nahm sie in seine Arme, am Herzen dieses treuen Freundes weinte sie sich ihren Kummer aus. Heinrich Fries hörte an diesem Tage keinen falschen Ton heraus, er meinte, noch nie einen schöneren Gesang gehört zu haben, und als ihn dann alle umdrängten, auch die Erwachsenen, und alle baten: »Sie bleiben doch wieder hier?« da rannen auch ihm die Tränen aus den Augen, und er schämte sich nicht.

Nachher sagte er zu Vater Hiller: »Werde ich es können, ein Krüppel als Lehrer?«

Der alte Mann nickte. »Sie werden es können, und viele, die heimkommen, werden siech sein und doch eintreten in ihren Beruf. Und unsere Jugend wird lernen, Geduld haben und Ehrfurcht vor jenen, die um unseren Frieden gekämpft haben. Ja, sie werden es können, wenn – Sie in Steinach bleiben wollen.«

»Wie gern!« Heinrich Fries hielt seiner Mutter Hand fest. »Du hast es früher erkannt als ich, wie gut Steinach am Wald zur Heimat taugt.«

Es kamen viele an diesem Tag, um dem jungen Lehrer die Hand zu schütteln, nur Schwetzers Fritze kam nicht. Wo blieb nur der? Fräulein Regine ging ihn suchen, sie fand ihn nicht, die Kinder suchten ihn, er war nirgends zu sehen. Endlich schaute Frau Besenmüller nach, und die fand ihn in ihrem eigenen Holzstall.

»Gleich kommste rauf,« rief sie ärgerlich.

»Nä!« Fritze blieb auf seinem Holzstoß sitzen.

Frau Besenmüller zürnte: »Was soll denn der Herr Lehrer denken? Geschwinde komm!«

»Nä!« Der Bube rührte sich nicht, und Frau Besenmüller mußte unverrichteter Dinge wieder abziehen. Sie klagte oben über des Buben Trotz, da stand Heinrich Fries auf und sagte: »Ich werde ihn holen.«

Er ging, obgleich es ihm noch arg schwer wurde, die Treppen zu steigen. Auf einen Stock gestützt, hinkte er über den Hof und kam zu Fritz in den Holzstall. »Fritz,« sagte er, »wenn du nicht zu mir kommst, muß ich dich suchen, denn ich habe dir viel zu danken. Du warst meiner Mutter ein rechter kleiner Freund, ein guter Trost in schwerer Zeit.«

Der Bube schluchzte wild auf und umklammerte seinen geliebten Lehrer, und der redete mit ihm, lange, lange. Und sie schlossen beide Freundschaft in dieser Stunde, Freundschaft für das Leben.

Frau Besenmüller lief unterdessen draußen scheltend auf und ab. »Im Holzstall, um so ’nes Buben willen, nä, was zuviel ist, das ist zuviel.«

»Lydia,« mahnte ihr Mann endlich, »geh du da fort. Wenn einer was auf dem Herzen hat, dann kann er auch im Holzstall reden. Und der Fritze, um den lohnt’s schon. Den Besten hat sich der Herr Lehrer da ausgesucht, das is mal wahr.«

»Wenn er sich nur die Beste aussuchte,« murrte Frau Besenmüller. Und das tat der junge Lehrer wirklich. Als auf dem Schafskopf die Heckenrosen blühten, gab es Hochzeit in Steinach. Eine stille nur, denn für Feste war es keine Zeit. Aber Glück und Freude blühen auch in Kriegszeiten, und Pfarrers Regine war eine glückliche und eine frohe Braut.

»Der junge Herr Lehrer heiratet Pfarrers Regine!« Wenn die Spatzen von Steinach hätten singen können, dies hätten sie gesungen, so oft hörten sie es, von Mädeln und Buben, von Alten und Jungen. Am lautesten freute sich Frau Besenmüller und am meisten doch darüber, daß Vater Hiller in Steinach bleiben wollte. Er mochte nicht mehr zurückkehren in die Stadt, die ihm fremd geworden war. In dem großen Schulhaus gab es leere Zimmer, da wollte er wohnen, und Frau Fries und Frau Besenmüller versprachen ihm alle Pflege.

Eine bittere Enttäuschung war es den Kindern, daß nach der Hochzeit ihr junger Lehrer wieder fortging. Erst gesund werden, dann arbeiten, hieß es, und mit dem Gesundwerden dauerte es noch an, so schnell lernt einer nicht mit zwei Gliedern weniger fortzukommen.

Wieder reiften auf der Apfelstraße die Äpfel, und wieder mal hielt Besenmüller auf der verkehrten Straße Wache, da kamen Heinrich und Regine nach Steinach zurück. Draußen tobte noch der Krieg, aber Steinach lag im Frieden. »Vor zwei Jahren kam ich her, ein gesunder Mann mit einem mißmutigen Herzen, jetzt kehre ich zurück, ein Krüppel mit frohem Herzen,« sagte der junge Mann heiter. Sie hatten sich nicht angemeldet, sie wollten alle daheim überraschen. Wie sie aber so unter den ersten Bäumen hingingen, rauschte es in den Zweigen, und ein jauchzendes Gebrüll erhob sich: »Hurra, hurra, se sin da!«

Purzel, purzel kam es von den Bäumen herab, es hopste aus den Gräben heraus, und jauchzend umdrängten die Kinder ihren Lehrer. »Hurra, hurra!«

Bis zur Pflaumenstraße hin tönte das Geschrei, dort lauschte Besenmüller. »Nu haben se wieder etwas angestiftet. Nä, nä, Schelme sin se doch, was wahr ist, das ist wahr!«