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Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend cover

Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend

Chapter 2: Erstes Kapitel Steinach am Wald
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About This Book

Eine Reihe heiterer, episodischer Erzählungen für junge Leser schildert, wie das Andenken an ehemalige Raubritter im Dorf lebendig bleibt: Burgruinen, scherzhafte Überfälle, verfehlte Schatzsuchen und die Gespräche der Dorfbewohner werden in volkstümlichen Anekdoten dargestellt. Reisebeobachtungen und Begegnungen führen zu humorvollen, oft milde moralisierenden Szenen, die Gemeinschaft, Einfallsreichtum und menschliche Schwächen zeigen. Der Ton ist warmherzig und verschmitzt, die Sprache lebendig, sodass Tradition, Fröhlichkeit und einfache Lebensfreude im Vordergrund stehen.

Nachdruck verboten
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart


Erstes Kapitel
Steinach am Wald

Zwei Reisegefährten erzählen sich etwas von den Schelmen von Steinach, und Heinrich Fries plant mit seiner Mutter eine Sommerreise

In einem Bähnchen, das bedachtsam, ohne sonderliche Eile, aber mit viel Gepuff und Gestöhn durch das Land lief, saßen zwei Männer. Der eine war alt, der andere war jung. Der Alte kannte die Gegend, der Junge kannte sie nicht, und weil der Junge zu denen gehörte, die sich gern belehren lassen, fragte er dies und das. Der Alte gab ihm gern Auskunft, er gab sie wie einer, der Land und Leute liebhat.

Das Bähnchen fuhr auch an einem Dorf vorbei, über dem das Gebirge dunkel bergan stieg. Von drei Seiten liefen Straßen auf das Dorf zu; sie waren mit Obstbäumen eingesäumt, die just in Blüte standen. Wie weiße, schimmernde Bänder lagen die Straßen im Sonnenglanz, und ein weißer Blütenkranz umschmiegte auch das Dorf. Es sah hübsch aus, und der junge Mann im Zug beugte sich rasch hinaus und las, was an dem Bretterbudchen stand, das sich stolz Bahnhof nannte. »Steinach am Wald« hieß das Dorf.

Auch der alte Mann schaute hinaus und nickte dem Dörfchen zu wie einer, der einen guten Freund grüßt, zu dem er sagen will: Wir haben uns lieb.

»Da oben hat wohl einmal eine Burg gestanden?« fragte der junge Mann und deutete auf einen mäßig hohen, nach einer Seite steil abfallenden Berg, dessen Gipfel ein paar Mauerreste krönten.

»Ja, dort oben – der Berg heißt der Schafskopf – hausten einst die Schelme von Steinach, das war ihre Stammburg.«

»Die Schelme von Steinach auf dem Schafskopf!« Der junge Mann lachte und fragte: »Ein verlockender Name! Gibt es die Schelme noch?«

»Nein, das Geschlecht ist ausgestorben, aber« – ein heiteres Schmunzeln lief über des Alten Gesicht – »die Geschichten von ihnen leben noch in der Erinnerung, und die Nachbarn ringsum nennen die Steinacher gern nach den alten Herren von einst die Schelme von Steinach.«

Das Züglein hatte den kleinen Bahnhof verlassen. Pustend und stöhnend fuhr es weiter, und das Dorf mit den weißen, schimmernden Blütenstraßen entschwand allmählich den Blicken der Reisenden. Doch die Gedanken des jungen Mannes blieben noch daran hängen, er fragte: »Wie waren denn die Schelme von Steinach, daß man noch heute ihren Namen den Dörflern anhängt?«

»Nun, beim richtigen Namen genannt waren es Raubritter. Sie hausten wie Habichte auf ihrem Bergnest und nahmen gern, was ihnen gefiel, auch wenn es anderen gehörte. Aber die Schlimmsten waren sie nicht, andere adelige Herren trieben es dazumal wohl ärger. Sie waren nicht hart, sondern gutmütig und voll lustiger Einfälle. Ein Raubzug war ihnen meist ein heiterer Spaß, und sie schädigten die Beraubten nicht an Leib und Leben. Ja, es kam vor, daß sie einen Kaufmann, den sie ausgeplündert hatten, noch gastlich auf ihrer Burg bewirteten, damit er sich vom Schreck erhole, und er von ihnen ging, als wäre er zu Besuch da droben gewesen.«

»Und wieso gleichen die Steinacher von heute ihnen, daß man sie auch Schelme nennt? Rauben sie etwa auch?« fragte der junge Mann fröhlich.

»Na, rauben und plündern tun sie freilich nicht, sie sind ehrlich, einer wie der andere, aber für einen lustigen Spaß sind sie immer zu haben,« erwiderte der Alte lächelnd. »Die Steinacher sind ein sangesfrohes, heiteres Völkchen, und weil sie Sinn für Scherz und Fröhlichkeit haben, leben auch noch die Geschichten der Schelme in ihrer Erinnerung. Es geht damit wie bei manchen Dingen: das Schlimme wird vergessen, das Gute bleibt in der Erinnerung haften.«

»Jetzt ist Steinach ganz verschwunden!« Der junge Mann rief’s bedauernd, denn auch das letzte Zipfelchen der weißen Blütenstraßen verhüllte nun die Ferne. »Man muß einmal hinfahren und den Spuren der Schelme nachgehen.«

Der alte Herr sah den jungen Mann, der blaß und schmal war, prüfend an. »Ein paar Wochen in Steinach täten Ihnen wohl gut. Sichtbare Spuren der Schelme sind nicht mehr viele zu finden. An der Kirche steht außen ein Grabstein aufgerichtet, ein Herr Arnulf von Steinach liegt da begraben. Und weil den die Steinacher alltäglich sehen, erzählen sie die meisten Schelmengeschichten von diesem Herrn Arnulf. Die Burg selbst ist ein Trümmerhaufen, nur ein Turm steht noch halb. Aber natürlich,« der Alte schmunzelte wieder, »liegt oben ein Schatz begraben; die Steinacher sagen es wenigstens.«

»Ich werde den Schatz suchen gehen,« sagte der junge Mann. Er sagte es heiter und seufzte doch dabei, denn er dachte an die kleine, enge Viertreppenwohnung, in der er mit seiner Mutter hauste, und in der es reichlich knapp herging.

»Ja, ja, einen Schatz möchte wohl jeder gern finden, und doch gehen die Menschen an so vielen Schätzen der Welt achtlos vorbei. Just so wie einst Herr Arnulf von Steinach.«

»Wie war denn das?« Der junge Mann machte ein Gesicht, daß der Alte neckte: »Ei, auch auf Geschichten hungrig?«

»Geschichten höre ich wirklich gern,« bemerkte der andere, »und auf Steinach und die Schelme bin ich schon ganz neugierig geworden.«

»Also die Geschichte ist so: Herr Arnulf hatte einst gehört, daß ein Kaufmann mit kostbarem Geschmeide von Köln am Rhein käme, an des Markgrafen von Meißen Hof wollte er. Den muß ich fangen, dann hat alle Not ein Ende, dachte der Schelm von Steinach. Er war nämlich nicht sehr begütert, und seine Standesgenossen pflegten zu sagen: ›Arm wie der Schelm von Steinach!‹ Herr Arnulf legte sich also auf die Lauer mit seinen Mannen, und richtig, der Kaufmann mit seinen Leuten zog auf der Straße einher. Es ging wie immer in solchen Fällen: mit lautem Geschrei überfiel der Ritter mit seinen Knechten den Zug, der Kaufmann schrie und jammerte, seine Leute schrieen und jammerten noch lauter; es geschah aber keinem ein Leid, und der Kaufmann mit den Seinen wurde auf die Burg gebracht. Inzwischen ging ein armseliges Bäuerlein mit einem Sack auf der Landstraße dahin. Es grüßte demütig, und der Ritter, froh über den reichen Fang, warf ihm ein paar Batzen zu. »Was trägst du denn da?«

»Schweinefutter,« stammelte das Bäuerlein und dankte untertänig für die milde Gabe.

Herr Arnulf hatte keine Zeit, sich weiter um das Bäuerlein zu kümmern; froh über den reichen Fang, zog er zur Burg hinauf. Nach Schelmensitte wurden der Kaufmann und seine Leute in ein anständiges Gemach gebracht und mit Wildbret, Brot und Wein bewirtet, während der Ritter erst einmal die Beute betrachtete. Da war aber die Enttäuschung groß! Von dem kostbaren Geschmeide war nichts zu finden, einige Kasten waren ganz leer, und der ganze Raub bestand in einigen Ballen geringer Leinwand. Der Kaufmann wurde herbeigebracht, und Herr Arnulf fuhr ihn zornig an, wo denn das kostbare Geschmeide sei.

»Ach du lieber Himmel,« rief der Mann klagend, »so etwas habe ich nie besessen; aber Gewürze hatte ich und dergleichen, die hat mir schon jemand geraubt. Es gibt der Herren mehr, die auf uns arme Kaufleute fahnden. Ich bin ein armer, unglücklicher Mann!«

»Potzwetter, da haben wir die falschen erwischt!« dachte Herr Arnulf grimmig. Er ließ aber den armen Kaufmann das nicht entgelten; der durfte noch am Abend mit den Seinen weiterziehen und sogar seinen Kram mitnehmen. Denn dazu war der Herr Arnulf zu stolz, zu nehmen, was einer übriggelassen hatte.

Danach lag er viele Tage und Nächte auf der Lauer, aber kein Kaufmann zog vorbei, und von dem kostbaren Raub, den er zu machen gedachte, bekam er kein Ringlein zu sehen.

Nach ein paar Monden kam ein Vetter, ein reiselustiger Herr, der wußte von einem Spottlied zu sagen, das man in Köln am Rheine auf den Gassen sang. Der reichste Kölner Kaufmann, so hieß es in dem Liede, sei den Schelmen von Steinach als Bäuerlein mit Schweinefutter an der Nase vorbeigezogen. Im Walde habe er dann auf sein Gefolge gewartet, und alle miteinander hätten sich weidlich gefreut über des Schelmen Reinfall, der das Märlein von den ausgeraubten Kisten und Ballen so leicht geglaubt habe.

Da half nun dem Herrn Arnulf kein Wüten und Zürnen mehr, der reiche Kaufmann saß in Köln sicher in seinem stattlichen Hause und zeigte den Batzen, den ihm der Schelm geschenkt hatte.

Noch jetzt sagen sie in der Steinacher Gegend, wenn einer gar armselig tut und es nicht nötig hat: »Dem würde der Schelm auch einen Batzen schenken.««

Es war, als hätte das Züglein darauf gewartet, bis die Schelmengeschichte zu Ende war, es hielt, und alle Leute mußten aussteigen. Die große Bahnlinie war erreicht, und etliche Reisende sagten: »Gut, daß die Bummelei ein Ende hat und wir in den Schnellzug steigen können.«

Der junge Mann dachte das nicht, als er nun allein weiterfuhr, denn sein Reisegefährte hatte ein anderes Ziel. Er dachte an das Dorf im Kranz der blühenden Bäume; es mochte sich dort wohl gut wohnen. Nun lächelte er nicht mehr, nun seufzte er nur, weil es ihm einfiel, wie anders alles in seinem Leben gekommen war, als er es einst erhofft. Studieren hatte er wollen, da war sein Vater gestorben, just als er in der Prima saß. Seiner Mutter blieb so ein winziges Geldchen, daß sie gerade noch so lange davon leben konnte, bis sich ein kleiner Erwerb gefunden hatte. Er ging auf ein Seminar und wurde Lehrer, weil er dort eine Freistelle erhielt. Nun war er Hilfslehrer in einer großen Stadt, seine Mutter stickte und nähte noch, und beide hofften, er würde bald eine bessere Stelle erhalten. Er hatte darum die Reise gemacht, aber sie war vergeblich gewesen, die Stelle war einem anderen zuerteilt worden, und er kehrte in die graue Stadt zurück. Trübe blickte er zum Fenster hinaus.

Draußen lag die Welt im Frühlingsglanz, aber ihm war das Herz schwer. Er wußte wohl, er hatte es eigentlich ganz gut; sein Amt war zwar bescheiden, aber es nährte ihn doch, er war zudem jung und gesund, und die allerbeste Mutter umsorgte ihn. Doch er konnte es nicht vergessen, daß er hatte studieren wollen, und sehnte sich danach, noch immer mehr und mehr zu lernen, und sollte nun lehren, – das machte ihn unfroh. Er wollte höher hinaus im Leben, nach Ehre und Ansehen stand sein Sinn.

An alles das dachte er auf der Bahnfahrt, er dachte auch noch daran, als er wieder die vier Treppen zu seiner Wohnung emporstieg, und oben las ihm seine Mutter die Gedanken von der Stirn und sagte wehmütig: »Mein armer Junge!«

Da bezwang er sich, und heiter erzählte er von seiner Fahrt durch das frühlingsgrüne Land, und Steinach am Walde fiel ihm dabei ein. Er schilderte das Dörfchen, zu dem drei weiße, schimmernde Straßen führten, und er erzählte auch von den Schelmen. Darüber wurde er ganz froh, und zuletzt sagte er: »Weißt du, Mutter, wir sparen recht, und dann machen wir einmal eine Ferienreise nach Steinach am Walde.«

»Ach ja,« sagte die Mutter, und ein sehnsüchtiger Glanz trat in ihre sanften Augen, »das wird schön!«

Sie dachte an ihre fröhliche Jugend, die sie auf dem Lande verlebt hatte, und der Sohn dachte auch daran, denn die Mutter hatte ihm viel erzählt. Und auf einmal verschwand seine trübe Stimmung, ein fröhlicher Arbeitsmut kam über ihn, vielleicht konnte er noch mehr durch Stundengeben verdienen, konnte wirklich einmal mit seiner Mutter verreisen.

Herr Heinrich Fries, so hieß der junge Lehrer, reckte die Arme und rief heiter: »Es bleibt dabei, Mutterle, wir reisen einmal nach Steinach am Wald. Nächstes Jahr – oder vielleicht noch diesen Sommer.«

Die Mutter mahnte lächelnd: »Bau’ dein Luftschloß nicht zu hoch!«

»Ach, warum nicht? Wer weiß, wie schnell so etwas wird! Recht fleißig will ich sein, und in den großen Ferien reisen wir, – ja sicher, – schon in den großen Ferien.«