Drittes Kapitel
Der Empfang
Eine Ratssitzung auf dem Schelmenacker – Malchen gibt ein rotes Band, und Fritze Schwetzer zeigt, wie gut er werfen kann – Besenmüller nennt seine Frau Lydia, und Heinrich Fries lauscht dem Abendgesang
»Da sin mer also!«
Frau Besenmüller blieb vor einem großen, stattlichen, gelbgetünchten Hause stehen, und der junge Lehrer sah verwundert daran empor. Das sollte ein Dorfschulhaus sein?
»Gelle, das ist mal fein?« Die Frau Besenmüller schmunzelte, und selbst ihre weinerliche Gesichtsseite wurde freundlich. Sie war ungemein stolz auf das Schulhaus und merkte gleich, dem neuen Lehrer gefiel es.
Der maß das stattliche Gebäude mit hellen Blicken. Ja freilich, so ein Haus konnte einem schon gefallen. Es glich eher einem großen Gotteshaus, und es mochte anderthalb Jahrhunderte und mehr auf seinem Platze stehen. Es war zweistöckig und hatte ein doppeltes Dach. Lustig, wie lauter vergnügte Kinderaugen, schauten die Dachaugen in die Welt hinein. An der Ostseite rankte sich wilder Wein am Hause empor, der glühte im Herbstrot, und so in farbiger Schöne prangte auch der Garten, der von zwei Seiten an das Haus grenzte.
»Gelle ja, das is fein?« sagte Frau Besenmüller noch einmal und führte den jungen Lehrer in das Haus hinein. Dem weiten Hausflur und der schön gewundenen Treppe war es auch anzumerken, daß das Haus nicht als Schule gebaut worden war. »Ein Graf hat das Haus einmal gebaut,« erzählte denn auch des Schuldieners Frau eifrig, als sie die Treppe voran emporstieg. »Der hat gesagt, in der Stadt taugten die Leute nischte niche, womit er ja recht hatte, und daderum wollte er auf dem Dorfe leben. Wie nun das Haus fertig war, is er niche reingezogen, denn hat’s ihm gerade wieder in der Stadt gefallen. Da hat er gesagt, auf dem Dorf taugten sie nischte niche. Närrsch, gelle? Ja, so sin nu die Leute. Un hier is unser alter Herr Lehrer, un ich bring’ gleich den Kaffee.«
Frau Besenmüller hatte eine Türe geöffnet und rief in das große, helle Gemach hinein: »Hier is er!« Dann verschwand sie eilig, und die beiden Lehrer standen sich gegenüber. Der eine weißhaarig und gebückt, viele, viele Furchen im alten, milden Gesicht, der andere blond, groß und schlank, seine grauen Augen blitzten tatenlustig. Sie schüttelten sich die Hände, und jeder dachte vom andern: »Der gefällt mir.«
Frau Besenmüller brachte wirklich sehr schnell Kaffee und einen ungeheuren Teller voll Pflaumenkuchen dazu, auch Brot, Butter und Wurst, gerade so, als hätte Heinrich Fries eine Weltreise gemacht. »Dieser Empfang gefällt mir besser,« sagte er heiter, und dann berichtete er Vater Hiller von seinem Erlebnis auf der Apfelstraße. Der lächelte dazu und erwiderte: »Böse gemeint war’s nicht, na ja, aber wild sind sie freilich, das ist schon wahr.«
Er erzählte seinem jungen Nachfolger allerlei von Steinach und seinen Bewohnern, von den Kindern und dem Schulhaus. Das war wirklich ein altes Herrenhaus gewesen, wie es Frau Besenmüller erzählt hatte. Drei alte Gräfinnen, Schwestern, hatten zuletzt viele Jahre darin gewohnt, und es war nach ihrem Tode, weil ihr Erbe unauffindbar gewesen war, dem Dorf als Schulhaus gegeben worden.
Während die beiden Lehrer so von alten und neuen Zeiten, vom Schulhaus und den Steinacher Kindern sprachen, saßen die letzteren auf dem sogenannten Schelmenacker. Das war ein Stück Wiesenland zwischen der Apfelstraße und der Birnenstraße; dort lag inmitten ein großer Steinhaufen, auf dem es sich wunderbar saß, wenigstens sagte es Webers Arne. Alle die Buben und Mädel hatten sich hier versammelt, die auf der Apfelstraße gewesen waren. Dort hatten etliche Frau Besenmüllers laute Worte gehört, und sie wußten es jetzt, der Fremde war der neue Lehrer.
Sie waren sehr niedergeschlagen, denn so seltsam hatten sie den neuen Lehrer doch nicht empfangen wollen. »Du bist dran schuld,« sagten sie alle einmütig zu Fritze Schwetzer.
»Nä.« Fritze sagte weiter nichts, aber dies eine Wort ärgerte die andern, sie riefen entrüstet: »Leugne nich, du hast’n Hut runtergeschmissen!«
»Ja.« Fritze seufzte, das viele Reden war doch beschwerlich.
»Wir wollen was singen.« Ein Mädel mit Augen und Haaren, wie Tinte so schwarz, rief das.
»Jetzt?« Ein paar Stimmen fragten es mißmutig. »Warum denn?«
»Hier doch nicht!« Hinzpeters Malchen, so wurde die Kleine genannt, kicherte in ihre Schürze hinein. »Hihihi, ich meine – nä – so nich, hihihi, wir wollen dem neuen Herrn Lehrer was singen.«
»Nä.« Fritze Schwetzer sah Malchen ganz wütend an. Singen, das könnte ihm passen!
Die andern fanden den Plan aber nicht so dumm, einige sagten ja, andere nein, bis Arne alle überschrie: »Wir wollen doch in der Schule singen, beim ersten Mal, Herr Hiller hat’s gesagt.«
Freilich, so war’s, Arne hatte recht. In der Schule sollten sie den Lehrer mit Gesang begrüßen.
»Wir bringen ihm ’nen Strauß.« Malchen kicherte wieder, und wieder sagten etliche ja und etliche nein.
Die Buben waren die Neinsager, die Mädel die Jasagerinnen. »Blumen sind Quatsch,« erklärte der kleine dicke Jakobus.
»Och, Jackenknöpfle, sei doch stille, Blumen sind fein! Und Stadtleute lieben Blumen.«
Vier Mädel redeten auf einmal, und sie hörten auch nicht gleich auf, sie erzählten von allerlei Blumenempfängen, von denen sie wußten oder gehört hatten.
Eine Weile wogte der Streit hin und her, aber zuletzt fanden die Buben den Blumenstrauß ganz gut, und sie beschlossen, jeder sollte rasch laufen und Blumen holen, und dann wollten sie hier einen schönen Strauß binden. Malchen Hinzpeter versprach ein rotes Band dazu.
Nun der Plan gefaßt war, gingen alle sehr eilig an die Ausführung. Das Blumenholen war nicht so einfach. In den kleinen Gärten, die so freundlich die Häuser von Steinach schmückten, gab es zwar noch allerlei Blumen, aber die Bäuerinnen hüteten sie ängstlich. In Steinach gingen die Frauen Sonntags noch mit einem Strauß zur Kirche, und jede wollte einen schönen Kirchenstrauß haben. Weil es im Herbst auch allerlei Feste gab, Hochzeiten und Kirmesfeiern, darum hüteten die Steinacherinnen im Herbst ihre Gärten besonders gut. Heimlich huschten die Buben und Mädel hinein, pflückten von den nur noch spärlichen Blumen ab, was sie erreichen konnten, und kehrten mit ihrem Raube vergnügt zum Schelmenacker zurück.
Dort wanden die Mädel den Strauß, alles kunterbunt durcheinander: Astern, späte Levkoien, gelbe Studentenblumen und Georginen, so dick wie Pfannkuchen; auch ein paar Reseden und Rosen kamen noch hinein, dazu Spargelkraut, und das rote Band umschloß das Ganze zuletzt feierlich.
Als der Strauß fertig war, entstand eine große Frage: Wer sollte ihn überreichen?
»Ich, ich, ich!« schrieen geschwinde etliche Stimmen, aber schnell kam es ihnen in den Sinn, daß es ein schweres Werk sei, dem neuen, fremden Lehrer den Strauß zu geben, und alle riefen einmütig: »Ich nicht!«
»Webers Arne soll’s tun,« sagten die Mädel.
»Hinzpeters Malchen ist die Rechte dazu,« erklärten die Buben. Aber die beiden wollten auch nicht. Sie redeten alle hin und her, bis zuletzt Arne sagte, er wolle es tun, aber Malchen müsse den Strauß tragen, und alle sollten mitgehen. Damit waren denn die andern einverstanden, und sie zogen nach dem Schulhause, Malchen mit dem Strauß, den sie ängstlich unter ihrer Schürze verbarg.
Sie beschrieben einen Umweg und langten so ziemlich unbemerkt vor dem Schulhaus an. Dort schubsten sie sich vor der Türe herum und wagten nicht hineinzugehen; die Allerfurchtsamsten mahnten ärgerlich: »Arne, geh doch! Hinzpeters Male ist ’n Furchthase.«
Auf einmal rief aus einem der oberen Fenster Frau Besenmüller herab: »Nu, was soll’s denn? Was wollt ihr?«
Husch, husch, rissen alle aus. Wie die Hasen liefen sie davon, denn vor der Schuldienersfrau hatten sie gewaltige Angst. Frau Besenmüller schalt noch eine Weile, dann klappte sie das Fenster zu, und es war wieder still. Die Kinder standen alle hinter dem Hause und sahen zu den Fenstern empor. Jackenknöpfle zeigte auf ein Fenster, das offen stand; er flüsterte geheimnisvoll: »Dort wohnt er!«
»Fein!« jubelte Arne. »Wir werfen den Strauß rein.«
»Nä!« murrte Fritze Schwetzer, aber gleich fragten fünf zugleich: »Willst du ihn reintragen?«
»Nä!« Fritze verzog sich. So ging es immer: Wenn er einmal was sagte oder sagen wollte, schrieen die andern so sehr, das war wirklich anstrengend.
»Ich werfe!« Webers Arne nahm Malchen den Strauß aus der Hand, zielte, und bums schlug der Strauß an ein anderes Fenster an.
»Ich kann’s besser!« Heine Langbein griff nach dem Strauß, und die Mädel kreischten: »Ihr zerhaut ihn noch!«
Richtig, pardauz klatschte der Strauß an die Mauer an und fiel zurück, und Röse Traugott ergriff ihn noch, ehe er auf die Erde fiel.
»Ich will werfen!« – »Nä, ich!«
Ein paar Bubenhände griffen nach dem Strauß, aber Röse wehrte ab und klagte: »Da, die Rose ist schon abgebrochen und die auch.«
»Schwetzers Fritze, wirf du doch, du kannst das so fein!« rief Arne. Das war nicht Spott, Fritze war als guter Werfer bekannt, und wirklich kam er wieder herbei, und ihm gab Röse auch den Strauß. »Nimm ihn recht in acht!«
»Hm!« Fritze wog den Strauß prüfend in der Hand, dann zielte er, trat drei Schritte zurück, zielte wieder, und hoch im Bogen sauste der Strauß durch die Luft. Wutsch, flog er in das offene Fenster hinein. Drinnen erklang ein lautes Klirren, ein Rufen, und unten flohen die Kinder entsetzt nach allen Seiten hin und schrieen: »Er hat das Fenster eingeschlagen!«
»Nä, drinne etwas!« Husch, husch, husch waren alle fort, nur Fritze Schwetzer stand wie erstarrt vor dem Hause, er war so tief erschrocken, daß er nicht einmal an das Ausreißen dachte. Was war da oben geschehen?
Vater Hiller hatte seinen jungen Nachfolger gerade in das Zimmer gebracht, in dem er vorläufig wohnen sollte. Zur Einrichtung hatte Frau Besenmüller überall im Dorfe Hausrat zusammengeborgt. Ein wenig zusammengewürfelt sah daher das Zimmer innen aus, aber doch freundlich und behaglich, und Heinrich Fries meinte, bis seine Mutter nachkäme, würde es schon gut gehen. Aus dem Tische stand Frau Besenmüllers Glanzstück, eine himmelblaue Glasvase, die ihr gehörte. Und just als der junge Lehrer die ansah und dachte: »Nein, so ein häßliches Ding!« kam etwas in das Zimmer geflogen. Klirr ging’s in eine Scheibe des Fensters hinein, und klirr, bums, klatsch! lag auch die himmelblaue Vase zerschmettert am Boden. Frau Besenmüller kreischte entsetzlich. Heinrich Fries eilte zum Fenster und sah hinaus. Dort unten stand Schwetzers Fritze unbeweglich wie ein Baum. »He du,« rief der junge Lehrer hinab, »was soll der Unsinn? Hast du geworfen?«
Dem Fritze war die Stimme bis in den Magen gerutscht, dort saß sie, und Fritze konnte sich noch so abquälen, kein Wörtlein kam heraus.
»Nun, sehen Sie nur, Herr Hiller den Jungen da unten, wie frech er dasteht! Ob er geworfen hat?«
Der alte Mann hatte den Strauß erblickt, der in eine Ecke gefallen war, er hatte ihn aufgehoben und strich nun liebevoll über die zerknickten Blumen. Er sah auch Fritze unten stehen und ahnte, die andern waren ausgerissen. Milde sagte er: »Es sollte wohl ein Willkommensgruß für Sie sein, Herr Kollege.«
»Ein eingeschlagenes Fenster, eine zerbrochene Vase und –,« Heinrich Fries sah nun auch den Strauß mit dem roten Bande, da mußte er lächeln. »Ein wenig seltsam ist ja die Art, mir die Blumen zu bringen.«
»Aber gut gemeint. Ich kenne meine Steinacher Kinder, sie haben gedacht, es sei sehr schlau so.« Vater Hiller lächelte gütig, und sein Lächeln fand auch auf dem Gesicht seines Nachfolgers heiteren Widerschein.
Frau Besenmüller dagegen sah nicht allein grimmig drein, sie schalt auch für drei, und als sie die Scherben ihrer himmelblauen Vase auflas, drohte sie bei jedem Stück: »Na, wartet nur, Besenmüller soll euch schon strafen, wartet, wartet!«
Es wartete aber keiner von den Missetätern ab, was geschehen würde, selbst Schwetzers Fritze war auch davongelaufen. Auf dem Schelmenacker fanden sich alle wieder zusammen, und sie berieten, was zu tun sei. Zerschlagen hatte Fritz mit dem Strauß etwas, das stand fest. Etliche wollten ihm darum Vorwürfe machen, aber da erhoben Arne und Malchen laut ihre Stimmen: »Er kann nischte dafor.«
»Nä,« sagte Jackenknöpfle in edler Selbsterkenntnis, »ich hätte noch mehr zerschmissen.«
Sie überlegten ernsthaft, was sie tun sollten, und alle meinten, Frau Besenmüller müßte versöhnt werden; denn war Frau Besenmüller böse, dann ging sie sicherlich von Haus zu Haus und erzählte die Geschichte, oder sie stellte sich morgen an die Schultüre und gab jedem einen Katzenkopf, ob groß, ob klein, ihr war es gleich, die stärksten Buben duckten sich vor Frau Besenmüller.
»Wir sagen’s Besenmüller, der hilft uns schon,« riefen nach etlichem Hin- und Herreden ein paar Stimmen. Der Vorschlag fand gleich ungeteilten Beifall, und die Kinder wunderten sich schließlich alle, daß sie nicht gleich auf den Gedanken gekommen waren.
»Hurra, zu Besenmüller! Hurra, hurra!«
»Auf der Pflaumenstraße sitzt er.«
Auf der Pflaumenstraße saß Besenmüller wirklich. Sein rosenroter Strumpf war ziemlich vollendet, keine Bäuerin hätte ihn glatter und sauberer stricken können. Aber beinahe entfiel die rosenrote Herrlichkeit Besenmüllers Händen, so eilig, mit so viel Geschrei und Geschwätz kamen die Kinder alle an.
»Holla, an die Zwetschen geht mir keins!«
»Nä, Besenmüller, nä, wir kommen nur mal so.«
»So, ih nä!« Besenmüller zwinkerte mit den Augen. »Was ist denn? Warum ist meine Frau denn so böse?«
»Ach, nur wegen dem Strauß!«
»Was ist mit dem Strauß?«
»Wir wollten dem neuen Herrn Lehrer einen schenken.«
»Und Schwetzers Fritze hat ihn geworfen.«
»Das Fenster war offen.«
»Nur –.« Da schwiegen alle, und Besenmüller strickte klapp, klapp, Nadel um Nadel. Endlich sagte er: »Das Fenster ist wohl zerschmissen?«
»Ja – aa,« ertönte es kleinlaut, »und – und –«
»Was denn noch?«
»Das wissen wir niche!«
»Hm, und nun ist Frau Besenmüller böse?«
»Ja, Besenmüller. Wir haben sie noch schimpfen hören.«
»Ihr seid wohl gleich ausgerissen, haste nich, kannste nich?«
»Ja.« Sie drängten sich alle lachend dichter und dichter an Besenmüller heran. »Sag’s ihr doch, sie soll wieder gut sein.«
»So fix geht das niche. Erst versprecht, Zwetschen werden nich genommen heute.«
»Nä,« riefen alle einstimmig; sie sahen aber gar nicht erst zu den Bäumen hinan, so voll hingen sie, so köstlich blau schimmerten die Früchte.
»Also euer Wort?«
»Ja!« Sie schrieen es wieder im Chor, und Besenmüller wickelte darauf sorgsam seinen Strumpf zusammen, nahm seinen Stock und verließ für diesen Tag die Pflaumenstraße. Er wußte, die Kinder hielten ihr Versprechen, also mußte er nun auch das seine halten und seine Frau versöhnen. Bis in die Nähe des Schulhauses gab die Schar dem alten Manne das Geleit, weiter nicht; Frau Besenmüller könnte sie ja sehen. Die hatte freilich längst den Zug erblickt, und als ihr Mann das Haus betrat, kam sie ihm entgegen und rief vorwurfsvoll: »Besenmüller, du bist zu gut, nä, die Kinner verdienen’s nicht!«
»Aber Lydia, Kinner sin Kinner!« Weiter sagte der Schuldiener gar nichts. Es war auch nicht nötig. Seine Frau vergaß die himmelblaue Vase, das zerschlagene Fenster, ihren Zorn und alles; wenn ihr Mann sie Lydia nannte, dann war es ihr immer gleich wie Feiertag, pflegte sie zu sagen. Es gab nämlich auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen, den die Schuldienersfrau mehr bewunderte als ihren Mann. Was der sagte, galt. Wenn der Herr Schulrat gekommen wäre und hätte Besenmüller du genannt und ihn zum Schulvorstand ernannt, Frau Besenmüller hätte sich kein bißchen darüber verwundert. Höchstens hätte sie gesagt: »So was ist richtig!«
Die Kinder sahen den Schuldiener in das Haus treten, hörten drinnen die Stimme der Frau, dann liefen sie beruhigt von dannen – nun war Frau Besenmüller versöhnt.
Sie schliefen alle trotz ihrer verschiedenen Dummheiten, die sie tagsüber begangen hatten, sehr gut. Nur Schwetzers Fritze träumte schwer, er war im Traum als riesengroßer Blumenstrauß dem neuen Lehrer selbst vor die Füße gefallen. Doch Träume sind Schäume, sie vergehen im Lichte des neuen Tages.
Ernste Gedanken vergehen nicht so leicht, die verscheuchen selbst den Schlaf. Während in Steinach am Wald alles in tiefer Ruhe lag, strahlten im Schulhaus noch lange zwei Fenster hell in die Nacht hinaus. Der alte und der junge Lehrer, sie wachten beide, jeder saß einsam in seinem Zimmer, der eine sann der Vergangenheit, der andere der Zukunft nach. »Ich wollte, ich könnte in meinem Steinach bleiben,« dachte Vater Hiller wehmütig; es wurde ihm schwer, aus seinem lieben Amt zu scheiden. Sein junger Nachfolger aber seufzte: »Werde ich es je in diesem Steinach aushalten?« Er stand am offenen Fenster, ringsherum lag alles im Schweigen. Bis auf einmal ein fernes Sausen durch die Nacht kam; es klang näher, ein Pfiff ertönte, dann verhallte das Sausen wieder: ein Zug war vorbeigefahren. »Könnte ich doch wieder mit hinaus aus dieser Enge!« entfuhr es dem jungen Lehrer, und er seufzte abermals.
Heinrich Fries streckte die Arme aus, aber plötzlich ließ er sie sinken und lauschte, ein anderer Ton wurde laut, ein feines, süßes Singen rauschte auf.
Die Stimme verhallte, und nichts regte sich mehr im Dorf. Heinrich Fries stand noch lange am Fenster. Er war aber nicht mehr unruhig und niedergedrückt, das holde Singen hatte ihn froh gemacht, und er dachte an die neue Arbeit, und daß er sein Amt mit frischem Mut antreten wolle.