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Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend cover

Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend

Chapter 5: Viertes Kapitel Ein letzter Schultag
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About This Book

Eine Reihe heiterer, episodischer Erzählungen für junge Leser schildert, wie das Andenken an ehemalige Raubritter im Dorf lebendig bleibt: Burgruinen, scherzhafte Überfälle, verfehlte Schatzsuchen und die Gespräche der Dorfbewohner werden in volkstümlichen Anekdoten dargestellt. Reisebeobachtungen und Begegnungen führen zu humorvollen, oft milde moralisierenden Szenen, die Gemeinschaft, Einfallsreichtum und menschliche Schwächen zeigen. Der Ton ist warmherzig und verschmitzt, die Sprache lebendig, sodass Tradition, Fröhlichkeit und einfache Lebensfreude im Vordergrund stehen.


Viertes Kapitel
Ein letzter Schultag

Die Brummer wollen auch singen, und die Katze Minchen will in die Schule gehen – Die Hohenstaufen sollen Berge sein, und Frau Besenmüller redet von der rechten Liebe

Am nächsten Morgen lag Steinach im Nebel. Die Sonne wollte zwar sehr gern scheinen, sie bezeigte die allergrößte Lust dazu, aber der Nebel ließ sich nicht so schnell verjagen. Der hatte das ganze Dorf in dichte, weißgraue Schleier gehüllt, und es konnte gerade jeder noch seinen Nachbar sehen, mehr nicht. Es sah sehr lustig aus, wenn auf der Dorfstraße Gestalten im Nebel auftauchten und gleich darin wieder verschwanden. »Wie Rosinen im Mehl,« sagte Frau Knöpfle, des Jakobus Mutter.

Den Kindern schien der Nebel ein vergnügliches Ding zu sein, und Jackenknöpfle stellte die nachdenkliche Frage: »Ob’s mal so dicken Nebel gibt, daß mer die Schule nich findet?«

Die andern meinten zwar alle, dies würde sehr fein sein, und etliche strengten sich auch an, die Schule nicht zu sehen, sie sahen sie aber doch. Zum Überfluß klingelte Frau Besenmüller auch noch lauter als sonst, und die Kinder dachten schon: »Oje, vielleicht ist sie doch böse!« Aber die Schuldienersfrau war nicht mehr böse. Die hatte schon am frühen Morgen das Klassenzimmer blitzblank geputzt, hatte ein Blumengewinde um die Türe angebracht und einen Strauß auf das Pult gestellt. Es sah sehr festlich aus, und die Kinder staunten ehrfürchtig ihr Schulzimmer an; es wurde ihnen darüber auch ganz festlich zumute, und alle nahmen sich vor, sehr gut zu singen. Die Steinacher waren ein sangeslustiges Völkchen. Sie sangen gern und gut, aber Brummer gab es auch unter ihnen und solche, die nicht singen konnten, so gern sie vielleicht auch wollten. Unter den Kindern war Schwetzers Fritze ein rechter Brummer. Alle meinten, dem Buben wäre das gleich, aber da irrten sie alle, denn heimlich im Herzen bekümmerte es Fritze sehr, daß er so schlecht singen konnte. Er hätte manchmal gern recht aus dem Herzen heraus gesungen, wie er sich auch sehnte zu schwatzen wie die andern. Es war aber damit schlimm. Wenn er was sagen wollte, hatten es zwei andere schon gesagt, und wenn er singen wollte, rief selbst der gute Vater Hiller: »Hör’ auf!«

Schweigsam war Hinzpeters Malchen nun freilich nicht, und wenn sie sprach, hatte sie auch ein glockenhelles Stimmlein, aber singen, das konnte sie nicht. Sie sang immer ein paar Töne zu tief oder ein paar Töne zu hoch, sie rutschte mit ihrem Singsang immer aus, und wenn die andern in die Höhe kletterten, saß sie im Graben. Sie wurde darum die »Krähe« genannt, ein Name, der Malchen bitter kränkte, denn sie war so singlustig wie eine rechte Lerche. Daheim sang sie auch nach Herzenslust, und niemand störte sie. Ihr Vater meinte: »Ein Hahn kräht ja auch, die Schafe blöken, die Gänse schnattern, ja, warum soll da mein Malchen niche singen?«

Auch die alte Großmuhme sagte das. Sie war freilich ziemlich taub, sie erklärte aber doch: »Malchen singt sehre scheene, fast wie ’n Engel. Vielleicht gefällt’s auch dem neuen Herrn Lehrer besser, mer kann so was niche wissen.«

Daran nun dachte Malchen, als sie an diesem Nebelmorgen zur Schule wanderte. Ach, vielleicht konnte sie auch noch einmal so singen wie Pastors Regine. Sehr froh, sehr hoffnungsvoll trat sie in das Schulzimmer, und dort setzte sie sich so brav an ihren Platz, wie es an diesem Tag alle taten. Sie waren alle schrecklich neugierig, wie der neue Herr Lehrer sein würde, und als Vater Hiller mit seinem jungen Nachfolger das Zimmer betrat, war es, als wollten alle blauen, grauen und braunen Augen den neuen Herrn Lehrer verschlingen, selbst die Schüchternen starrten ihn unentwegt an. Der mußte ein wenig lächeln, als er die Kinder alle so vor sich sah, rechts die Großen, links die Kleinen, da die Buben, dort die Mädel. Er sah sich auch in dem großen Klassenzimmer um, das blinkte vor Sauberkeit, und seine schön mit Stuck verzierte Decke erzählte von glanzvoller Vergangenheit.

Vater Hiller sprach das Gebet, und dann begann der Gesang. Sorgsam hatte der alte Lehrer das Loblied eingeübt, festlich und rein sollte es klingen, dem neuen Lehrer zum Gruß. Daran, daß an einem solchen Tag die Brummer teilnehmen wollten an der allgemeinen Freude, hatte er freilich nicht gedacht. Malchen schmetterte zuerst los, Schwetzers Fritze folgte ihr, und als das die andern Brummer hörten, sangen sie unverzagt mit. Hui ging’s in die Höhe, bums saß Schwetzers Fritze in der Tiefe; Malchen war einen halben Takt voraus, Hans Neuber schleppte dreiviertel Takte hinterher.

Klapp! schlug Vater Hiller auf das Pult. »Stille! Was ist das für eine Singerei? Es darf nur mitsingen, wer es kann.«

Ein paar senkten verlegen ihre Köpfe, nur Malchen nicht, die dachte: »Ich kann’s doch, ich habe fein gesungen!«

Das Lied begann noch einmal, und hui entwischte Malchens Stimme wieder, die kletterte gleich bis aufs Dach. Die andern stockten, und ein paar murrten: »Die Krähe singt so falsch!«

Malchen wurde blutrot vor Schreck und Scham, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Malchen weinte gleich sehr heftig los, und Heines Marlise tat es ihr nach, und Vater Hiller ließ verdrießlich den Taktstock sinken. »Aber Kinder,« rief er ärgerlich, »was soll das? Schämt euch, so das Festlied zu singen! Wer heult, muß raus. Also eins, zwei, drei, jetzt noch einmal!«

Das half, die Mädel stellten das Weinen ein, die schlechten Sänger schwiegen, und nun brauste feierlich und rein im Klang der Lobgesang auf. Es ging glatt, nur beim letzten Vers mischte sich ein seltsamer Ton, ein Schnurren, Scharren und Schreien hinein. Kaum war das Lied verklungen, da riefen ein paar Stimmen: »Eine Katze, eine Katze!«

Vater Hiller war sehr sanftmütig und geduldig, er war auch immer mit seinen Schulkindern gut fertig geworden. An diesem Tage wurde er aber doch ärgerlich. Er hatte seinem jungen Nachfolger recht zeigen wollen, wie nett und brav seine Schulkinder waren. Nun gab es erst die verkehrte Singerei und jetzt das Geschrei einer Katze wegen. Er rief darum strenger als sonst: »Wo steckt denn die Katze? Wer hat eine mit?«

Alle schwiegen, eines sah das andere an, und merkwürdig, die Katze schwieg auch.

»Es ist ja keine hier,« brummte der alte Lehrer, »irgend jemand –«

»Miauau, raurau, miau!« schrie es jämmerlich, und Kinder und Lehrer sahen sich an und im Zimmer herum.

»Vielleicht im Schrank,« sagte Heinrich Fries, der daran dachte, daß auch in der Stadt mitunter eine Maus auf seltsame Weise in den Schulschrank geriet. Vater Hiller sah prüfend die Kinder an. Offen, zutraulich, sehr erstaunt waren aller Augen zu ihm aufgeschlagen, er sah es gleich, keins hatte ein schlechtes Gewissen. Er trat aber doch an den Schrank und schloß ihn auf. Keine Katze war darin.

»Miauau, raurau, miau!« quäkte es wieder, und ein paar Stimmen zugleich schrieen: »Im Pulte ist das!«

»Ach Unsinn!« Der alte Lehrer klappte das Pult auf, keine Katze war zu sehen. »Es wird vor der Türe sein. Also aufgepaßt, wir fangen an!«

»Miauau, raurau, miauau!« Noch kläglicher klang’s, und Heinrich Fries sah sich verdutzt um, das kam doch von unten herauf.

Aller Augen starrten zu dem neuen Lehrer hin, das klang ja gerade, als käme das Miauzen von dessen Platz.

Vater Hiller schritt zur Türe, öffnete sie, sah hinaus, – nirgends war eine Katze zu sehen, und auf einmal war alles still. War es doch ein dummer Bubenspaß, das Gemauze?

»Miauau!« quäkte es drinnen immer jämmerlicher. Er hörte es nun genau, es kam aus dem Zimmer. »Frau Besenmüller, Frau Besenmüller!« rief er laut. »Kommen Sie einmal her, hier schreit eine Katze irgendwo.«

Frau Besenmüller kam mit unheimlicher Eile angelaufen, und noch an der Türe rief sie atemlos: »Das ist sicher so ’n dummer Bube, der das macht. Webers Arne kann gut mauzen.«

»Ich mauze nicht!« Arne kreischte ordentlich vor Entrüstung, und gleich riefen ein paar Stimmen: »Nä, Arne war’s nicht!«

»Unterm Pult scheint etwas zu sein.« Heinrich Fries hatte es genau gehört; er versuchte, das Pult wegzuschieben, aber Frau Besenmüller sagte ordentlich ein wenig gekränkt: »So was is niche möglich. Erst vorhin hab’ ich darunter und darüber gewischt. Ach nä, Herr Lehrer, Katzen sitzen in Steinach niche im Schulzimmer. Die Buben sind’s, die machen immer so ’ne Dummheit. Niche auszuhalten ist das manchmal mit denen.«

»Nä,« schrieen die Buben und Mädel wie aus einem Munde, »Frau Besenmüller verklatscht uns nur.«

»Klatsch, patsch, ich weiß, was ich weiß.«

Rutsch, schob der junge Lehrer das Pult zur Seite, und – hervor spazierte kläglich mauzend ein schneeweißes Kätzchen.

Erst starrte Frau Besenmüller mit offenem Munde das Tierchen an, dann aber stürzte sie mit einem Schrei darauf los, hob es auf und sagte im Tone allerbitterster Anklage: »Dich haben se unner’s Pult getan, mein Minchen! Nä, aber auch so ’ne ungezogene Kinner!«

»Wir waren’s doch nicht!«

»Stille!« Vater Hiller hob den Taktstock. »Wer’s getan hat, kommt vor.« Keins rührte sich, und wieder las der alte Mann in all den blühenden Gesichtern, – nein, es hatte keins ein schlechtes Gewissen. »Frau Besenmüller,« sagte er gütig, »besinnen Sie sich mal, die Katze wird Ihnen wohl nachgelaufen und selbst unter das Pult gekrochen sein.«

»Hm!« Die Schuldienersfrau sah ihr Kätzchen an, dann nickte sie langsam. »Ja, erstaunlich klug ist’s freilich, da kommt kein so ’n Dickkopp von Bube gegen auf, nä, nä! ’s ist schon möglich, se hat zuhören wollen.«

»Aber Besenmüllern!« Die Kinder kreischten vor Vergnügen, daß die Katze hatte zuhören wollen, und Frau Besenmüller zog schmunzelnd mit ihr zum Zimmer hinaus.

Der Friede war wiederhergestellt, und Vater Hiller sagte ernsthaft: »Doch jetzt Ruhe!«

Der alte Lehrer war verstimmt, daß dieser erste Schultag so laut und zerfahren begann. Er sah wohl das leise Lachen in den Augen des andern. Wehmütig überschaute er seine Schar, und Mädel und Buben spürten es, ihr guter, alter Freund war unzufrieden. Da nahmen sie sich zusammen; ganz still und feierlich saßen sie da, und so begann der Unterricht. Es ging nun alles glatt und gut, die Kinder wußten viel, wenn auch nicht alles. Manch einem wollte und wollte die Antwort nicht zum Munde heraus, was natürlich von der Antwort schnöde Bosheit war. Mitunter klang auch wohl die Antwort so verkehrt, als wäre sie vom Monde herabgefallen. So kam der Stille Ozean auf einmal in die Nähe von Berlin, und die Donau bezeigte die allergrößte Lust, vom Gotthard herunter zu rinnen. Die Hohenstaufen sollten durchaus Berge sein, und Kaiser Friedrich Barbarossa saß auf einmal mitten im Siebenjährigen Kriege drin, und niemand wußte, wie er hineingekommen war.

Sonst ging es aber ganz gut, Vater Hiller war leidlich zufrieden, und die Kinder waren es ungemein, und weil der neue Lehrer lächelte, meinten sie alle: »Der findet’s fein bei uns.«

Frau Besenmüller klingelte draußen, grell und laut fuhr der Ton durch das weite Haus.

Der alte Lehrer erschrak. Das hörte er nun zum letztenmal. Morgen war Sonntag, und am Montag in aller Morgenfrühe wollte er abreisen. Wenn die Klingel wieder ertönte, dann trug ihn der Zug schon von Steinach fort. Er stand ein wenig geneigt, weil ihn das Alter müde gemacht hatte, vor den Kindern, zu ihnen sprechen wollte er, gütige Worte sagen, aber die Stimme versagte ihm.

»Liebe Kinder!« setzte er an, und dann noch einmal: »Liebe, liebe Kinder!«

Da war es Hinzpeters Malchen, als müsse ihr das kleine, zärtliche Herz brechen vor Kummer, sie schluchzte laut auf und rief flehend: »Ach, bleiben Sie doch bei uns, lieber Vater Hiller!«

»Ach bitte, bitte, ja, Vater Hiller!« tönten alle andern Stimmen nach. Sonst hatten die Kinder »Herr Lehrer« gesagt, in der Abschiedsstunde kam ihnen das trauliche »Vater« auf die Lippen. Und wie einen gütigen Vater umdrängten sie jäh den alten Mann. Sie sprangen über Tische und Bänke hinweg, krochen unten durch, um nur ja schnell des alten Freundes Hand fassen zu können.

Die Mädel heulten, die Buben schnitten so widerborstige Gesichter, als wäre ihnen ein bitteres Tränklein im Halse stecken geblieben, und immer wieder bettelten sie: »Bleiben Sie doch da, Vater Hiller, ach bitte, bitte!«

»Ich reise ja erst übermorgen, Kinder.« Ein paar helle, glänzende Tropfen rannen dem alten Mann über die Backen. Die Kinder sahen es, aber sie hörten zugleich das verheißungsvolle »Übermorgen«. Da war ja noch viel Zeit, da konnten sie Vater Hiller noch oft besuchen, konnten ihn sehen, wenn er durch das Dorf ging. Sie konnten ihn auch zur Bahn bringen. Das sagten sie gleich laut: »Wir gehn mit auf ’n Bahnhof, alle!«

»Dann müßt ihr aber alle früh aufstehen.«

»Ach ja, das wird fein! Hurra, wir gehn mit auf ’n Bahnhof!«

»Und Sie besuchen uns bald, Vater Hiller, ja?« bettelte Malchen.

»Ja freilich, ich besuche euch bald.«

»Hurra, Vater Hiller besucht uns!« In den Augen standen noch Tränen, die Münder lachten schon, und immer wieder drückten die kleinen derben, braunen Hände die welke Hand des treuen Freundes. Sonst liefen Buben und Mädel immer alle, so flink sie nur konnten, zur Schule hinaus, heute konnten sie sich gar nicht trennen. Vater Hiller mußte sie selbst mit sanfter Gewalt bis zur Haustüre geleiten, und draußen ging es nochmals an das Abschiednehmen.

In einem Winkel stand Frau Besenmüller, sie hatte die große Schulglocke mit beiden Händen an ihr Herz gedrückt, und ihre Tränen fielen darauf nieder.

»So ist’s recht, so muß nu ’n Abschied sein,« brummelte sie vor sich hin. »Da sieht man doch, ’s war die rechte Liebe.«

Die rechte Liebe! Das Wort tönte wie ein silbernes mahnendes Glöcklein im Herzen des jungen Lehrers. Still entfernte er sich, und niemand merkte es. Er stieg die Treppe hinauf, betrat sein Zimmer, und dort öffnete er weit das Fenster. Er sah, wie sich draußen der Nebel löste und die letzten Fetzen zerflossen. Die Sonne ging siegreich hervor, und schimmernd glänzten Büsche und Bäume im goldenen Herbstkleid. Die rechte Liebe, dachte Heinrich Fries, – würde sie ihm auch wachsen zu Steinach und seinen Kindern?