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Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend cover

Die Schelme von Steinach: Erzählung für die Jugend

Chapter 8: Siebentes Kapitel Schloß Moorheide
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About This Book

Eine Reihe heiterer, episodischer Erzählungen für junge Leser schildert, wie das Andenken an ehemalige Raubritter im Dorf lebendig bleibt: Burgruinen, scherzhafte Überfälle, verfehlte Schatzsuchen und die Gespräche der Dorfbewohner werden in volkstümlichen Anekdoten dargestellt. Reisebeobachtungen und Begegnungen führen zu humorvollen, oft milde moralisierenden Szenen, die Gemeinschaft, Einfallsreichtum und menschliche Schwächen zeigen. Der Ton ist warmherzig und verschmitzt, die Sprache lebendig, sodass Tradition, Fröhlichkeit und einfache Lebensfreude im Vordergrund stehen.


Siebentes Kapitel
Schloß Moorheide

Es weihnachtet sehr – Frau Fries ladet zu einer Adventfeier ein, und Frau Besenmüller läßt die Schulglocke stehen – Eine Geschichte wird erzählt, die im Sommer beginnt und in der Adventszeit endet, und die schon hundert Jahre alt ist

Ob es in der zweiten Nacht, die Frau Fries in Steinach zubrachte, der Mond vergaß, mit der Sonne zu reden, ob sie sich stritten, – wer kann es wissen? – jedenfalls blieb die Sonne am nächsten Morgen in ihrer warmen Sonnenstube. Grau hing der Himmel über dem Dorf, und dann begann es zu schneien. Erst sacht und sanft, dann wurden die Flocken größer, sie wirbelten und tanzten in der Luft herum, und ganz Steinach versank allmählich in ein weiches, weißes Schneebett. Es wurde so huschelig, so weihnachtlich, und man hätte das ganze Dorf mit seinen weißbeschneiten Dächern, den hohen Schneewällen ringsum gleich in ein Weihnachtsbilderbuch setzen können, so sah es aus. Durch den Schnee kamen eines Tages ein paar große Wagen gefahren vom Bahnhof her, der Hausrat der alten Frau Lehrerin. Und nun schaffte diese emsig im Haus, Frau Besenmüller half ihr, und selbst der Schuldiener mußte mit eingreifen. Aus dem Pfarrhaus kam Fräulein Regine, und die rief einmal über das andere: »Wie hübsch das ist, wie hübsch!«

Manch Stück aus der Großmutterzeit war unter den Sachen, das paßte gut in die großen Stuben des Schulhauses, viel besser als in die enge, kleine Viertreppenwohnung der grauen Stadt. Mutter und Sohn staunten selbst, wie hübsch es wurde, und als dann die Bücherkisten kamen und Heinrich Fries die lieben gedruckten Freunde wiedersah, da fand auch er es nicht mehr so einsam in Steinach.

Draußen wurde es immer weihnachtlicher. Die Kinder sangen Weihnachtslieder, wo sie gingen und standen, und keiner schalt, wenn die Brummer auch sangen. Hinzpeters Malchen sang manchmal noch im Bett ihre kleinen frohen Lieder. Im Schulhaus hörte die alte Frau Lehrerin das frohe Singen auch, und sie meinte, seit vielen, vielen Jahren sei es ihr noch nicht so weihnachtlich zumute gewesen wie hier in Steinach. Ihr fielen allerlei heitere Dinge ein, die sie einst im Elternhaus unter der Adventskrone getan hatte, und eines Tages wanderte sie selbst in den Wald, holte sich Tannengrün, wand eine Adventskrone, steckte drei Lichter darauf, denn so weit war die Zeit vorgeschritten, und dann lud sie die Schulkinder zu einer Adventsfeier ein.

So etwas hatte es noch nie in Steinach gegeben, und sämtliche Spatzen im lieben deutschen Land zusammen konnten nicht so neugierig sein wie die Steinacher Kinder. Die hatten es an diesem Sonntagnachmittag ungeheuer eilig, in das Schulhaus zu kommen. Eine Stunde früher als angesagt waren sie schon da. Aber Frau Besenmüller war auch da, und die fand gar nicht, daß es nötig sei, nur eine Minute früher zu kommen. »Geht nur wieder,« sagte sie, hartherzig, wie die Kinder meinten, »ich bimmle schon!« Und klapp schloß sie ihnen die Türe vor der Nase zu.

»Frech!« rief Arne.

»Besenmüllern ist komisch!« brummten etliche.

»Huje, da is die Bimmel!«

Zimplichs Max jauchzte es laut. Die andern folgten mit ihren Blicken seinem Zeigefinger, und da sahen sie wirklich alle außen im Türwinkel die große Schulglocke stehen. Frau Besenmüller hatte sie am Morgen in Gedanken außen statt innen in die Ecke gestellt.

Die Schulklingel! Die liebten die Kinder und haßten sie. Wie manchmal, wenn sie ertönte, atmeten besonders die Faulpelze auf, daß endlich die Stunde aus war. Und dann wieder ärgerten sie sich über den hellen Ton, wenn er ihnen mitten in ein lustiges Spiel hineinfuhr. Und nun stand dieses Ding, das eine Stimme hatte und beinahe wie ein lebendiges Wesen war, vor ihnen, von Frau Besenmüller unbeschützt.

»Wir bimmeln,« riefen Arne und Malchen.

»Ach ja, wir bimmeln,« schrieen ein paar andere.

»Nä, wir verstecken sie.« Zimplichs Max und Jackenknöpfle schrieen es, und gleich schrieen die andern: »Wir verstecken sie, fein, hurra!«

Ein paar stürzten auf die Klingel los, und Schmiedemeister Traugotts Hans warnte: »Laßt ’n Klöppel niche los!«

Die Warnung kam zu rechter Zeit, der Klöppel wurde festgehalten, die Schulklingel mußte stumm bleiben. Sie konnte nicht rufen und nicht anklagen, sie mußte es leiden, daß sie von unnützen Buben und kichernden Mädeln in Besenmüllers Holzschuppen getragen wurde. Dort erhielt sie ihren Platz auf einem hochgeschichteten Holzstoß, und da saß sie und mußte schweigend warten, bis Frau Besenmüller Holz holen kam.

Die Kinder zogen wieder vor das Schulhaus zurück, sie freuten sich schon über Frau Besenmüllers Erstaunen, wenn sie die Klingel nicht fand. Sie wollten ihr dann suchen helfen, das gab gewiß einen Hauptspaß. Es kam aber anders. Fräulein Regine aus dem Pfarrhaus kam, auch ehe es Zeit war. Und Fräulein Regine ließ Frau Besenmüller nicht draußen stehen, und weil das junge Mädchen sagte, es sei so kalt draußen, die Kinder könnten doch mit hinein, tat die Schuldienersfrau wirklich weit die Tür auf, und alle liefen schwatzend und vergnügt in das schöne, alte Haus hinein. Einige dachten: »Nun braucht Besenmüllern die Bimmel nicht zu suchen, schade!« Aber dann vergaßen sie gleich den andern die arme, verstoßene Schulklingel im Holzstall, denn es wurde sehr fein.

Frau Fries hatte lange keine Adventsfeste gefeiert, und sie hätte wohl auch die Kinder nicht zur Adventsfeier eingeladen, wenn nicht Fräulein Regine ihr geholfen hätte. Aber Fräulein Regine konnte singen, die allerlieblichsten Lieder, sie konnte erzählen und plaudern, und dann konnte sie lachen. So mit dem Herzen zu lachen wie Fräulein Regine verstand nicht leicht jemand, und dieses Lachen steckte an. Die große Schulstube sah an diesem Nachmittag lauter heitere, lachende Gesichter, trotzdem der neue Lehrer, vor dem die Kinder immer noch ein wenig Angst hatten, auch im Zimmer blieb. Und Frau Besenmüller saß mit darin und ihr Mann, der emsig an einem rosenroten Strumpf strickte. Frau Fries zeigte es den Kindern, wie sie alle die bunten Papierstreifen, von denen sie eine große Schachtel voll vor sich stehen hatte, zu Ketten zusammenkleben konnten. So etwas hatten die Steinacher Kinder noch nie getan, und sie fanden, es sei eine vergnügliche Arbeit.

Fräulein Regine erzählte dazu das lustige Märlein vom Vater Strohwisch, und dazwischen wurden Lieder gesungen. An einer Geschichte hatten die Kinder aber nicht genug, und sie baten um mehr. Da erzählte ihnen der junge Lehrer etwas aus der Zeit der Befreiungskriege, von der Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813.

»Ach Krieg,« rief Hinzpeters Malchen, »den gibt’s nicht mehr!«

»Na, du,« schrieen die Buben empört, »der kommt schon noch mal.«

»Krieg ist schwer,« seufzte Frau Fries. »Als ich ein junges Mädel war, etwas älter als Malchen, hatten wir Krieg mit Frankreich.«

»Mutter, erzähle den Kindern doch einmal die Geschichte aus Urgroßvaters Jugendzeit,« bat Heinrich Fries. »Sie ist zwar ernst, aber eigentlich ist es eine Adventsgeschichte, wenn sie auch im Sommer beginnt.«

»Sie ist zu lang,« warf die Mutter ein.

»Och nä,« schrieen die Kinder, just als wüßten sie genau, wie lang die unbekannte Geschichte sei. Und selbst Besenmüller, der bis dahin unentwegt und stumm an seinem rosenroten Strumpf gestrickt hatte, tat seinen Mund auf und sprach: »Zu lang is ’ne Geschichte niche leicht, wenn se scheene is.«

»Ob sie schön ist, mögt ihr alle nachher entscheiden,« sagte Frau Fries lächelnd. »Sie ist lustig und ernst, und der Försterbube darin war mein Großvater. Es ist also eine wahre Geschichte, und das ist auch etwas wert. Nennen werde ich sie