Schloß Moorheide.
An einem See, den dunkler Tannenwald umschloß, lag ein graues Haus. Schloß Moorheide wurde es genannt, obgleich der einfache, gerade Bau, dem jeglicher Zierat fehlte, nichts Schloßartiges an sich hatte. Nur die breite Freitreppe, die vom Eingang hinab in einen ziemlich wilden Garten führte, verlieh dem Haus ein vornehmes Aussehen. Am Fuße dieser Treppe stand an einem Sommertag des Jahres 1812 ein kleines Mädchen, ein feines, zierliches Ding mit braunen Locken und veilchenblauen Augen.
Vor ihr stand, die Hände in den Hosentaschen, ein etwas größerer Bube. Er war halb städtisch, halb bäurisch gekleidet, und sein braungebranntes Gesicht stach drollig gegen die flachsblonden Haare ab. Dem ganzen kleinen Kerl sah man an, daß er in Wind und Wetter draußen war, und seine blitzenden Augen verrieten, daß er zu allerlei tollkühnen Unternehmungen gern bereit war.
»Du bist feige,« sprach er grollend zu seiner Gefährtin.
Sabina von Hartenstein, den Namen führte das zierliche Mädchen, schüttelte traurig den Kopf. »Ich darf doch nicht,« sagte sie, und ein sehnsüchtiger Blick flog nach dem Walde hin; in den Augen stand: »Ich möchte schon.«
»Frag’ nur deine Frau Mutter,« drängte der Bube. »Pah, mit mir kannst du doch in den Wald gehen!« fügte er ein bißchen prahlerisch hinzu und reckte die Stupsnase gewaltig in die Höhe.
Babinchen, so wurde Sabina gerufen, lachte schelmisch: »Du tust gerade, als wärst du mindestens ein Ritter, Heine. Großvater sagt, es sei jetzt so unsicher, man könnte immer Soldaten erwarten, und du weißt« – sie sprach das Wort nicht aus, aber ein scheuer Blick flog nach dem Hause hinauf. Oben stand ein Fenster offen, und manchmal hörte man ein paar Männerstimmen in der friedlichen Nachmittagsstille aufklingen.
Heine Strohmanns hellblaue Augen blitzten, und er schaute mit ehrfurchtsvoller Bewunderung zu dem Hause hinauf.
Der Bube war der Sohn des Försters, sein Vater wohnte nicht allzuweit vom Schloß entfernt im Walde. Fast täglich kam Heine in das Schloß, denn Babinchen war seine liebste Spielgefährtin; die beiden streiften dann oft stundenlang in den weiten, sich bis an die russische Grenze hinziehenden Wäldern umher. Heine kannte Weg und Steg so gut, daß er sich selbst im Dunkeln zurechtfand. Er kannte aber auch jeden Vogelruf, er wußte, wo die Rehe ästen, wo Füchse, Dachse und anderes Getier hausten, und oft genug hatte er seiner kleinen Freundin schon allerlei Wunder des Waldes gezeigt. Heute hatte er ihr einen Fuchsbau weisen wollen, er hatte vor etlichen Tagen die jungen Füchslein gesehen; morgen wollte der Vater das ganze Nest ausheben, da sollte es nun Babinchen noch rasch sehen. Es kam ihm sehr ungelegen, daß Frau von Hartenstein ihrem Mädel verboten hatte, im Wald herumzustreifen. Noch waren nämlich die Truppen des Kaisers Napoleon auf dem Durchmarsch nach Rußland begriffen. Dieses große Reich sollte Napoleons unersättlicher Ländergier auch zum Opfer fallen, und das arme Preußen, halb vernichtet in dem unglücklichen Krieg von 1806–1807, mußte sich den Durchzug der Truppen gefallen lassen. Napoleon nannte den König von Preußen zwar jetzt seinen Freund und Bundesgenossen, aber dabei glich der Durchmarsch seines Heeres eher einem großen Raubzug.
Nach Schloß Moorheide, das abseits von der großen Heerstraße lag, waren bisher noch keine Soldaten gekommen. Auch das nahe Dorf war noch davon verschont geblieben, Vorspanne, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art liefern zu müssen.
Auf Moorheide wohnten schon seit etlichen Geschlechtern die Hartensteins. Der alte Herr Jobst von Hartenstein, der derzeitige Besitzer, war schon lange verwitwet. Bei ihm lebte seine Schwiegertochter mit ihrem Töchterchen Sabina. Auch ihr Mann war tot; wenige Wochen nach Babinchens Geburt war er gestorben. Die Kleine dachte oft sehnsüchtig an den Vater, den sie nie gekannt hatte, und den sie doch so liebte, weil alle Menschen, die von ihm sprachen, nur Gutes zu erzählen wußten. Wenn aber auf den Nachbargütern der Name Ferdinand von Hartenstein genannt wurde, dann schwiegen meist alle dazu, die Männer schauten ernst und trübe drein, und die Frauen hatten Mitleidstränen in den Augen. Auch in dem etwas düsteren Schloß am See wurde dieser Name nur in leiser, weher Trauer genannt, und der Großvater, der seit einem Jagdunfall lahm war, sprach fast nie den Namen aus. Ferdinand war sein Enkelsohn, Sabinas vierzehn Jahre älterer Bruder. Der feurige, leidenschaftliche Jüngling hatte sich in seiner heißen Vaterlandsliebe dem Schillschen Korps angeschlossen, er hatte fliehen müssen und war in einer grauen Nebelnacht nach Schweden entkommen. Die Mutter trauerte tief um den letzten Sohn. Der älteste war einst bei Jena gefallen. Der Großvater sehnte sich nach dem fernen Enkel, und Babinchen hatte dem Bruder schon viele heiße Tränen nachgeweint. Mit ihrem Freund, Heine Strohmann, sprach sie oft von dem Bruder. Der Bube bewunderte in dem Flüchtling einen Helden, und er wurde nie müde, von ihm zu hören. Wie der Bruder aussah, wußte Babinchen freilich selbst nicht mehr genau. Schon seit sieben Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und sein Bild hielt die Mutter verborgen. So wußte auch niemand von den Hausgenossen sich recht an den jungen Herrn zu erinnern.
»Ob er es wirklich ist?« fragte Heine jetzt voll ehrfürchtiger Scheu, und sein Blick streifte wieder rasch das offene Fenster. Babinchen legte ihre Arme um den Hals des Kameraden und flüsterte leise, obgleich nirgends ein Lauscher zu sehen war: »Ich denke, er muß es sein. Und weißt du, er ist gekommen, weil Großvater so lange, lange krank war.«
»Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, nur ein einziges Mal!« rief Heine laut und aufgeregt.
Babinchen hielt ihm rasch den Mund zu. »Schrei doch nicht so, Stepke!« schalt sie ärgerlich.
Heine wurde ein bißchen verlegen. Stepke nannte ihn seine kleine Freundin immer, wenn er gar zu wild und jungenhaft war, und darum mochte er den Namen nicht leiden. Er grollte auch jetzt: »Brauchst mich nicht gleich Stepke zu nennen, wenn ich mal ’n bißchen laut rede. Ihr Mariellen seid auch zu zimperlich!«
Mariell ließ sich nun wieder Babinchen sonst nicht gern nennen, sie war an diesem Tag aber viel zu aufgeregt, um auf eine solche Kleinigkeit zu achten. »Wenn du ganz leise gehst, weißt du, auf den Zehenspitzen und ohne Stiefel, dann führe ich dich in die blaue Stube. Die hat nämlich ein Fenster nach Großvaters Zimmer hin, und wenn wir recht leise sind, dann können wir da rasch einmal hindurchsehen; der Vorhang ist nur halb zu.«
Heine hätte beinahe einen lauten Jauchzer ausgestoßen, er besann sich aber noch rechtzeitig auf Babinchens Mahnung zur Stille und hielt sich geschwind seine kleine, braune Hand vor den Mund.
Einige Minuten später schlichen die Kinder auf Strümpfen durch das Haus, während ihre Schuhe einträchtig nebeneinander in einem dichten Holunderbusch im Garten standen. Babinchen führte Heine Strohmann durch einige Zimmer, bis sie aufatmend einige Augenblicke stillstand. Nebenan war das blaue Zimmer, und von dort aus konnten sie in Großvaters Arbeitsstube sehen. Es hatte ihr niemand verboten, das blaue Zimmer zu betreten, sie hatte schon oft durch das Fenster geschaut und dem lieben Großvater zugenickt und zugelacht. Dennoch zögerte sie jetzt. War es nicht doch etwas Heimliches, was sie nun tun wollte? Warum wagte sie eigentlich nicht, Heine einfach in das Zimmer zu führen?
Seit zwei Tagen waren Gäste im Haus, ein paar junge Männer. Ihre Namen wußten außer dem Großvater und der Mutter wohl nur noch Förster Strohmann und die alte, treue Marinka. Die aber waren beide verschwiegen und hätten sich eher die Zunge abgebissen, ehe sie ein ihnen anvertrautes Geheimnis verraten hätten. Trotzdem niemand über das Woher und Wohin der Fremden etwas wußte, sagten es doch alle im Hause, von der Köchin Lisabetha an bis hinab zu dem kleinen frechen Pferdeknecht Michael, daß der Jüngere der Fremden kein anderer sei als Junker Ferdinand, der geflüchtete Sohn des Hauses. Auch Babinchen glaubte es halb und halb, und sie hätte so gern den Fremden als Bruder angeredet, aber sie sah ihn wenig; fast immer waren die beiden Gäste in des kranken Großvaters Zimmer. Kam er aber einmal in das Wohnzimmer und sprach zu ihr, dann schwieg sie befangen, ja dann schien es ihr kaum möglich, daß dieser Mann mit dem ernsten Gesicht, der breiten, roten Narbe über der rechten Wange, ihr Bruder sein sollte, so fremd kam er ihr vor, und sie meinte, der fröhliche Jüngling, der sie als ein noch viel kleineres dummes Mariellchen oft samt ihrer Puppe Rosalinde spazierengefahren hatte, sei doch ein ganz anderer gewesen.
Babinchen hatte auch ihrem Freund Heine ihren Zweifel nicht verschwiegen, der aber hatte versichert: »Wenn ich ihn nur eine Minute sehen könnte, ich wüßte ganz genau, ob er’s ist.« Und dabei war der Bube bei des Junkers Abschied auch erst ein rechter Dreikäsehoch gewesen!
Aber die Kleine glaubte dem Freunde seine kühne Behauptung, und darum schlichen sie jetzt alle beide in die blaue Stube, um den geheimnisvollen Fremden zu sehen. Babinchens Herzlein schlug so laut, daß sie meinte, man müsse sein Pochen drin im Nebenzimmer hören; sie wagte kaum einen scheuen Blick durch das nur lose verhängte kleine Fenster, das nach altmodischer Bauweise in die Stubenwand eingelassen war. »Guckerchen« nannte man es im Hause, und am Guckerchen stand nun Heine und starrte mit heißen Augen hinüber. »Er ist’s,« flüsterte er der Freundin zu, die ihm rasch und angstvoll den Mund zuhielt, während ihre Augen flehten: »Sprich nicht, sei leise!«
Drinnen in dem Zimmer saß in einem Lehnstuhl Babinchens Großvater. Sein bleiches Gesicht trug die Spuren langer Krankheit, und blaß und schmal lagen die Hände auf der dicken Decke, in die er sich trotz der Sonnenwärme gehüllt hatte. Die schönen, klaren Augen des alten Herrn ruhten liebevoll auf einem jungen Mann, der auf einem niedrigen Schemel vor ihm saß und ihm etwas zu erzählen schien. Was er sagte, verstanden die beiden Eindringlinge am Guckerchen nicht. Babinchen zitterte wie ein Grasstenglein im Wind vor Aufregung, ihr Freund aber hatte ganz vergessen, wo er sich befand. Der braunlockige junge Mann mit den grauen, kühn blitzenden Augen, der zu den Füßen des Gutsherrn saß, das mußte er sein, er, der Held.
Doch da zupfte ihn Babinchen am Jackenzipfel, das sollte heißen: »Komm, komm!« Die Kleine hatte gesehen, daß nur noch der andere Gast, ein hochgewachsener, schlanker, blonder Mann, der aber wohl erheblich älter als sein Freund sein mochte, im Zimmer war. Die Mutter fehlte, und Babinchen war besorgt, sie könnte kommen und sie beide am Guckerchen finden. Endlich gelang es ihr mit Zupfen und zaghaft geflüsterter Bitte, den Kameraden fortzulocken. Auf leisen Sohlen huschten beide wieder hinaus, unten im Garten aber sprang Heine Strohmann hoch vor Freude und rief: »Er ist’s, ganz gewiß, er ist’s! Den erkennt –«
»Babinchen, Heine!« rief Frau von Hartenstein. Babinchen konnte noch gerade in ihre Schuhe schlüpfen, ehe die Mutter aus dem Hause trat.
»Frag’ wegen der Füchse!« tuschelte ihr Heine so laut zu, daß seine kleine Freundin gar nicht erst zu fragen brauchte. Die Mutter hatte es gehört und wollte nun wissen, was mit den Füchsen sei. Sie lachte, als Heine Strohmann die Fuchsfamilie begeistert pries und treuherzig hinzusetzte, mit ihm könne Babinchen schon gehen, es sei kaum eine halbe Stunde weit; außerdem werde sein Vater vielleicht ganz in der Nähe sein, er habe heute früh davon gesprochen.
»Nun, meinetwegen lauft,« sagte Frau von Hartenstein freundlich, »aber bleibt nicht zu lange. Bittet Marinka, daß sie euch ein Vesperbrot mitgibt.«
Die Kinder jauchzten auf, Babinchen umarmte die Mutter stürmisch, und weil ihr das Gewissen beschwert war ob des heimlichen Schauens durch das Guckerchen, nahm sie einen so zärtlichen Abschied, als ginge sie auf eine große Reise. Da wurde der Frau das Herz seltsam schwer. Sie preßte ihr Kind fest an sich und sagte mit leiser Bangigkeit: »Gib mir gut acht auf mein Mädel, Heine!«
Das versprach der Bube wichtig, und bald darauf trabten die beiden Kinder dem Walde zu. Die halbe Stunde, die Heine angegeben, hatte ein recht tüchtiges Schwänzlein. So geschwind die Buben- und Mädelbeine auch über den grünen Waldboden liefen, es dauerte doch über eine Stunde, ehe sie am Fuchsbau anlangten. Sie hatten zuletzt die Landstraße überschreiten müssen, die in einem Bogen um Schloß Moorheide herum nach der nächsten Stadt führte. Eine Seitenstraße ging von ihr aus nach dem einsamen Gutshof und dem nachbarlich gelegenen Dorf.
»Bis an die Landstraße sollte ich aber nicht,« sagte Babinchen zaghaft beim Überschreiten, »Mutter hat es streng verboten!«
»Pah, was ist dabei!« meinte Heine. »Komm nur rasch! Eins, zwei, drei sind wir drüben. Wir gehen doch nicht die Straße entlang, und ob wir jenseits durch den Wald laufen oder hier, ist gleich.« Babinchen ließ sich nur zu gern bereden, und husch liefen sie beide hinüber. Die breiten Graben am Wegrand wurden mit kühnem Sprung genommen, und dann tauchten die Kinder drüben in der grünen Dämmerung wieder unter. Üppiger Laubwald drängte sich zwischen den Nadelwald hinein. Weil die Vögel hier gut Nester bauen konnten und ein kleiner Waldsee auch allerlei Wasservögeln Wohnung gab, so schwirrte, sang, kreischte, rohrte und schnatterte das oben und unten lustig durcheinander. In all das Vogelgeschwätz hinein aber sagte Babinchen: »Es klingt wie Donner, was ist das nur?«
»Es wird ein Wagen auf der Landstraße sein,« sagte Heine achtlos, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Fuchsbau. Dort mußte er doch sein, dort, wo die Sonne durch eine Lücke drang und einen großen hellen, runden Fleck auf den Waldboden malte. Aber die Füchslein lagen nicht wie am Tage vorher draußen und sonnten sich. Alle miteinander steckten sie in ihrer dunklen Wohnstube, und nicht eine einzige rote Fuchsrute war zu sehen.
»Das ist doch zu dumm,« brummte Heine, »was ihnen nur einfällt!«
»Wir müssen warten,« tuschelte er. »Komm, wir legen uns hier lang auf den Boden. Ich habe aber auch Stein und Zunder mit, und wenn sie nicht kommen, dann räuchere ich sie heraus.«
Dieser Plan war Babinchen etwas zu abenteuerlich; sie meinte, sie wollten es lieber mit dem Warten versuchen. Erst steckte sie aber neugierig ihr Näslein in den Fuchsbau hinein, sie fuhr aber geschwind wieder zurück und rief verächtlich: »Pfui, wie das da drin riecht, brr! Na, weißt du, deine Füchse sind auch was Rechtes, darum brauchten wir nicht so weit zu laufen!«
»Wart’ es doch ab, bis sie herauskommen, nachher werden sie dir schon gefallen!« murrte Heine Strohmann gekränkt. »Aber wenn du schwätzt und schreist wie eine Elster, dann natürlich, dann können wir lange warten. Auf der Jagd hält man den Schnabel!«
Des Freundes Strafrede verfehlte ihre Wirkung, denn Babinchen kicherte so vergnügt darüber, daß es die Fuchsfamilie im Bau sicher hören mußte. Endlich tat ihr aber Heine, der ein betrübtes Gesicht machte, leid, sie verhieß still zu sein, und beide legten sich dann wie ein paar richtige eifrige Jäger lang auf den grünen, weichen Waldboden nieder, um die Füchse zu belauschen. Doch kaum hatten sie sich recht hingelegt, da sprangen sie auch schon wieder entsetzt auf und starrten einander schreckensbleich an. Der ganze Boden dröhnte nämlich. Das konnte nicht nur ein Wagen sein, der die Landstraße entlang fuhr, viele mußten es sein und viele Menschen, die da marschierten.
»Feinde sind’s,« stammelte Heine, »Franzosen!« Alle Schreckensgeschichten fielen ihm ein, die man sich noch in der Gegend erzählte.
Babinchen wiederholte angstvoll die Worte: »Feinde sind’s!«
»Wir müssen uns verstecken,« sagte Heine rasch, ohne Besinnen, »wir sind so nahe, dein weißes Kleid kann man sonst sehen.« Er zog seine kleine Freundin mit kräftigem Ruck in einen Graben hinein, der den Wald durchlief. Er war trocken und von bunten Blumen überwachsen; in dieses duftige Blütenbett versanken die Kinder, und einige Minuten saßen sie stumm, fast betäubt von dem Schreck darin, während durch den Wald lauter, unheimlicher das dumpfe Dröhnen klang.
»Wenn sie nach Hause kommen, unser Haus finden!« flüsterte Babinchen zitternd.
»Und deinen Bruder! Den – den nehmen sie gefangen, er ist doch ein Flüchtling,« sagte Heine Strohmann, und sein sonst so vergnügtes Bubengesicht war tief ernst geworden.
Das Mädchen schmiegte sich bebend an den Freund und schluchzte leise: »O der arme Ferdinand! Ach Heine, wir müssen zu ihm und es ihm sagen!«
Sie wußte nur zu gut, daß Heine mit seiner Angst recht hatte. Erst gestern hatte sie gehört, wie Lisabetha erzählte: »Wenn nur keine Franzosen kommen! Die nehmen den jungen Herrn gleich mit oder schießen ihn mausetot.« Und dann hatten die Mägde und Knechte sich allerlei schauerliche Geschichten erzählt, von den jungen Offizieren, die Napoleon in Wesel hatte erschießen lassen, und noch manche andere trübe Begebnisse. Babinchen hatte schaudernd im Winkel gesessen und gelauscht – jetzt kam ihr alles wieder ins Gedächtnis, und aufgeregt flehte sie: »Komm doch, Heine, komm, wir müssen zurück!«
Heine schüttelte nachdenklich, finster den Kopf. »Hör’ nur, sie müssen schon nahe sein, und wenn wir zurück über die Straße laufen, dann sieht man uns, und dann – nein, das geht nicht.«
»Wir rennen eine Weile am Rand des Waldes entlang und dann fix hinüber,« riet Babinchen.
Der Bube betrachtete seine Gefährtin. »Dein weißes Kleid verrät uns!« Er wußte als Förstersohn zu gut, daß etwas Weißes im Walde weithin leuchtet, deshalb wagte er sich mit seiner Freundin nicht nahe an den Rand. Er allein wäre ohne Besinnen nach dem jenseitigen Wald gelaufen, aber verlassen durfte er Babinchen nicht. Er fühlte sich als ihr Beschützer, hatte er doch versprochen, sie sicher heimzubringen.
»Ach, wenn ich doch braun wäre,« schluchzte das Mädel, »dann liefen wir schnell vierbeinig über die Straße, und die Franzosen dächten, es wären Rehe, und –«
»Schießen auf uns,« vollendete Heine. Da schwieg Babinchen verzagt und lauschte bebend auf den Lärm, der mehr und mehr die Waldstille übertönte.
»Wir müssen hinüber,« überlegte Heine, »rasch hinüber, müssen die zu Hause warnen!« Und er meinte, das einzige Hindernis sei Babinchens weißes Kleid. Daß den Soldaten auch dunkle, über den Weg huschende Gestalten verdächtig sein könnten, das überlegte er gar nicht.
Auf einmal aber kam ihm ein rettender Gedanke; ja, so mußte es gehen, so. Hier ganz nahe war ein Moorloch. Sein Vater hatte ihn einmal gewarnt, auf den dunklen Grund zu treten, er hatte ihm auch die Stelle gezeigt, wo der feste Grund begann. In das Moor mußte Babinchen ihr weißes Kleid tauchen, es darin dunkel färben, dann war die Sache ungefährlich. Hastig teilte er seiner Gefährtin den Plan mit, und die fand ihn über alle Maßen klug. »Ausziehen tu ich mich nicht erst, das dauert zu lange, ich steig’ gleich so hinein,« sagte sie entschlossen.
Heine nickte. Ja, so war es gut; er wollte sie halten, damit sie nicht im Moor versinken konnte, denn wirklich, das Umziehen hätte zu lange gedauert. Babinchen war sonst ein rechtes Furchthäschen, aber in dieser Stunde vergaß sie alle Angst. Sie war zu allem bereit, nur heim mußte sie so rasch wie möglich, heim, alle warnen und bei der Mutter sein. Wie sehr sie sich nach der Mutter sehnte! In wenigen Minuten waren die Kinder am Moorbach angelangt; wie die Böcklein sprangen sie durch den Wald und vergaßen in ihrem Eifer ganz, daß scharfe Augen sie jetzt gut von der Straße aus hätten sehen können.
Doch dort zogen noch keine Soldaten, nur der Schall ihrer Schritte, das Rasseln und Rollen ihrer schweren Wagen kam immer näher wie ein aufziehendes Unwetter.
»Hier ist das Loch!« frohlockte Heine und führte seine kleine Freundin ein Stück auf dem festen Boden entlang ins Moor hinein. Ein Busch stand am Rand, an dem machte Heine halt und sagte: »Hier mußt du hinein, ich halt’ dich fest. Hab’ keine Angst, du fällst nicht!«
Und Babinchen trat in ihrem weißen Kleidchen ganz still und ergeben auf das Moor. Sie stand ein Weilchen drauf wie eine weiße, helle Blüte, auf einmal aber begann sie zu sinken, nicht tief, nur etwa bis an die Knie, da fühlte sie schon wieder festen Boden unter sich. »Es geht nicht weiter!« klagte sie. Aber Heine, über den in dem Augenblick, da Babinchen zu sinken begann, eine jähe Angst gekommen war, sagte ganz beruhigt: »Das ist gut, dann legst du dich hin, dabei ist keine Gefahr. Dreh’ dich ein bißchen im Moor herum, dann bist du dunkel genug.«
Babinchen befolgte auch diesen Rat des Freundes. Sie drehte sich geschwind im Moor herum, kam mit dem Gesicht hinein, aber da riß Heine sie schon wieder mit kühnem Griff empor und zog sie auf den Steg zurück. Aus der weißen, feinen Lilie war nun auf einmal ein kleines, grünbraunes Ungeheuer geworden. Ein dicklicher Brei rann an ihr herunter, klebte im Gesicht, an den Händen und troff aus den dunklen Locken.
»Himmel,« stammelte Heine, nun doch entsetzt von dem Anblick, »du siehst ja gräßlich aus!« –«
»Fein is das!« rief hier Jackenknöpfle andächtig; ihm gefiel dies Moorbad ungemein.
Die andern tuschelten: »Sei doch still, jetzt wollen sie doch rüberlaufen!«
Frau Fries hielt einen Augenblick an, und dann fuhr sie fort, während ihr Blick gut und froh über die Kinder ging: »Babinchen schluckte und pustete, weil ihr der Schlamm in den Mund gekommen war; als sie endlich Luft bekam, sagte sie tapfer: »Ach, was schadet das, komm nur schnell, schnell heim!« – »Wirst du laufen können?« fragte der Bube besorgt. Die Kleine aber nickte nur, denn das Sprechen war beschwerlich: wenn sie den Mund auftat, lief ihr Schlamm hinein. Heine sah die Freundin stolz an, und er fand, weil diese so tapfer war, sein Plan sei doch ausnehmend gescheit gewesen. »Komm!« sagte er rasch, faßte Babinchens Hand, und beide eilten durch den Wald.
Nach einem Weilchen gebot der Bube: »Leg’ dich einmal auf die Erde, ich klettere geschwind auf einen Baum und sehe, ob wir hier hinüberkommen.« Und wieder gehorchte Babinchen wortlos; in ihrer großen, heißen Angst hätte sie alles getan.
Heine kletterte unbekümmert um Hose und Jacke eine hochgewachsene Tanne empor. Er riß sich die Hände blutig am rauhen Stamm, die schlanke Tanne bog sich unter seiner Last, aber der Försterbube hatte noch jeden Baum bezwungen, auf den er klettern wollte, er kam auch hier hinauf. Nur einige Augenblicke spähten seine falkenscharfen Augen über die Wipfel der niedrigen Bäume hinweg, dann sah er, was da heranzog: eine ungeheure Staubwolke, in der blitzte und blinkte es, er sah Pferde und Menschen: es war kein Zweifel mehr, die Feinde kamen. Aber noch waren sie nicht ganz nahe, noch konnten es die Kinder wagen über die Straße zu laufen. Heine sauste so blitzschnell den Stamm hinunter, daß er unten das Gleichgewicht verlor, Babinchen mitriß und mit ihr etwas unsanft auf dem Waldboden ankam.
Pah, ein paar Löcher, darum kümmerten sich Mädel und Bube in dieser Stunde der Angst nicht, sie schnellten beide wie Gummibälle empor, und fort ging es im Galopp. »Noch ein paar Schritte hinauf,« sagte Heine im Laufen, »dann kommen wir hinüber.« Er hatte Babinchens Hand erfaßt und zog die Freundin mit sich fort.
Nun standen sie am Graben, und es galt, die breite, sonnenbeschienene Landstraße zu überschreiten.
Einige Augenblicke zögerten die Kinder. Ihre Herzen schlugen laut, ihre Knie zitterten, und mit bangen Augen sahen sie auf den sonnigen Weg hinaus. Sie hatten beide in ihrem jungen Leben schon zuviel von der Not und dem Jammer des Krieges gehört, um nicht zu wissen, wie groß die Gefahr war, in der sie sich befanden. Heine legte schützend seinen Arm um Babinchen, er fühlte sich verantwortlich für die Freundin. Aber die sonst so zaghafte Kleine war in dieser Stunde wirklich eine rechte Heldin. Sie dachte nur immer an die Lieben daheim, und sie meinte wieder durch das Guckerchen zu sehen, wie der Bruder zu des kranken Großvaters Füßen saß. Ach, sie wußte, wie viele, viele Tränen die Mutter um den fernen Bruder geweint hatte! Sie erinnerte sich noch, wie einst die Mutter sie in die Arme genommen und mit tränenerstickter Stimme gesagt hatte: »Laß uns beten, mein Mariellchen, und dem lieben Gott danken, dein Bruder ist gerettet!«
Babinchen umfaßte fest des Freundes Hand, und aus ihrem braunen Schlammgesicht schauten ihn die Augen zuversichtlich an. Heine nickte: »Komm, wir müssen hinüber. Bücke dich etwas und renne, so schnell du kannst, ich will zuerst hinaus!«
Nun waren sie in dem Graben, den sie kaum eine Stunde vorher lachend übersprungen hatten. Diesmal sprangen sie nicht, sie kletterten hindurch, holten noch einmal tief Atem, und los ging es.
War die Straße hell, war die Straße breit!
Die Kinder rasten mit vorgebeugtem Oberkörper hinüber, ihre Füße flogen, aber wie weit schien doch der jenseitige Wald entfernt zu sein!
Heine wagte einen einzigen scheuen Blick zur Seite. Dort in der Ferne blitzte es, dort kam etwas schnell heran. Wie ein Ruf klang es, nun fiel ein Schuß.
Aber da war schon der Graben. Heine sprang hinüber, Babinchen kollerte und fiel, der Bube riß sie empor. Nur hinein in den Wald, hinein in das schützende Dunkel!
Keuchend rasten sie vorwärts, sprangen über Baumwurzeln, zwängten sich durch dichtes Gebüsch, unbekümmert darum, daß Dornen ihre Kleider zerrissen. Feucht und schwer schlug Babinchen das Kleid um den Körper, aber die Kleine hielt doch neben dem Freunde aus.
Klangen dort nicht Stimmen? Hörte man nicht Pferdegetrappel? Kam nicht der Lärm näher und näher?
»Sie haben uns gesehen,« dachte Heine Strohmann angstvoll und griff nach Babinchens Hand. »Komm, komm, hier müssen wir durch!« Sie krochen durch dichtes Buschwerk, dahinter war ein kleiner Kiefernwald, in dem sie leichter vorwärtskamen, und endlich erreichten sie einen schmalen Fußweg. Hier blieben sie aufatmend stehen und lauschten in den Wald hinein. Ferner klang schon das Rollen und Stampfen, es wurde mehr und mehr übertönt von dem Jubilieren und Zwitschern der Vögel.
Aber die Kinder hörten weder auf den Gesang der Vögel, noch achteten sie auf die Blumen, die dort, wo die Sonne in den Wald hineinscheinen konnte, ihre zarten, bunten Kelche geöffnet hatten.
»Wir müssen weiter,« sagte Heine rasch, er hatte nur Angst um seine Freundin.
Babinchen nickte stumm. Sie fühlte jetzt auf einmal, wie schwer ihr moorgetränktes Kleid war, und der angetrocknete Schlamm brannte auf ihrem Gesicht. Dennoch folgte sie mutig dem Freund und rannte hinter ihm drein mit flinken Füßen auf dem schmalen Weg. Sie sprachen beide nicht viel zusammen, nur einmal sagte Heine: »Jetzt links!« dann nach einer Weile: »Wir kommen noch zur rechten Zeit!«
Es war still geworden, nur ein ganz fernes, leises Grollen hörte man noch. Aber die Kinder rannten in gleicher Hast weiter, bis auf einmal die Stille wieder gestört wurde und Laute ertönten. Wie aus einem Munde jauchzten sie beide: »Wir sind da!«
Wirklich, nach wenigen Minuten standen sie vor dem Schloß Moorheide, in das Babinchen wie ein richtiges Moorfräulein zurückkehrte. Die alte Marinka sah die Kinder zuerst, sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wollte eine lange Strafrede beginnen, aber zu ihrer grenzenlosen Verwunderung rasten die Kinder einfach in das Haus hinein. Sie liefen die Treppe hinauf, über die Gänge, den gleichen Weg, den sie vor wenigen Stunden heimlich und leise geschlichen waren. In das Zimmer des Großvaters rannten sie, und dort rief Heine Strohmann mit seiner klingenden, hellen Knabenstimme: »Die Franzosen kommen!«
Der alte Herr von Hartenstein richtete sich jäh in seinem Stuhl auf und sah die Kinder an, sein Enkeltöchterchen und den Buben, der vor Aufregung bebte. »Erzähl’! Wo?« fragte er kurz.
Und Heine Strohmann erzählte alles ganz kurz und eilig, Babinchen gab atemlos ein paar Wörtlein dazu, und nach wenigen Augenblicken wußten die Erwachsenen alles.
»Ferdinand,« stammelte Frau von Hartenstein totenbleich, und der, denn er war wirklich der flüchtige Sohn des Hauses, nahm sein kleines, schmutziges Schwesterlein in den Arm und sagte bewegt: »O ihr Kinder, ihr tapfern Kinder, du liebes, braves Schwesterherz du!«
Die Mutter schlang die Hände fest ineinander, bezwang die Tränen und fragte zitternd: »Was tun wir?«
»Förster Strohmann muß kommen,« gebot der Großvater. »Geh, Heine, wenn du noch laufen kannst, und hol’ deinen Vater her, und deine Mutter soll sich geschwind rüsten und mit den andern Kindern zu uns kommen.«
Heine lief schon, da hörte er noch nachklingend das Wort: »Ein Prachtbengel!« Hei, das fuhr ihm ordentlich in die Beine, er merkte nichts mehr von Müdigkeit, sondern raste den kurzen Weg bis zum Forsthaus hin wie ein Windhund.
Der alte Gutsherr gab inzwischen kurz und bündig seine Befehle, kein Wort zuviel, keins zuwenig. Es war, als sei auf einmal alle Schwäche und Krankheit von ihm gewichen, und seine Gelassenheit beruhigte alle Hausgenossen.
Dann kam Förster Strohmann und sprach mit seinem Herrn, und wenige Minuten später zog er mit den beiden Gästen davon. Vorher aber umarmte der Bruder seine tapfere kleine Schwester noch einmal. »Auf Wiedersehen!«
»Auf Wiedersehen!« wiederholte Babinchen, die alle Scheu vor dem großen, ihr eigentlich so fremden Bruder verloren hatte. »Verstecke dich, verstecke dich!« bat sie flehend.
Ferdinand von Hartenstein nickte schwermütig. Wirklich, er mußte sich in seiner eigenen Heimat wie ein Verbrecher verbergen, nur weil er sein Vaterland so heiß und treu liebte.
Als er ging, sahen Heine und Babinchen ihm nach. Mit Förster Strohmann schritt er in den Wald hinein, und Heines Augen blitzten. »In Vaters Schutz sind sie sicher,« sagte er, und gar zu gern wäre er mitgelaufen. Aber da kam seine Mutter mit den drei kleinen Geschwistern, die alle drei geradeso flachsblond und stupsnasig waren wie er selbst. Nun fühlte er sich wieder als Beschützer, und auch Babinchen, die sich gewaschen hatte und wieder fein und sauber aussah, kam sich den heulenden Försterkindern gegenüber sehr verständig vor. Sie nahm sie mit in die Wohnstube, dort sollten die Kinder bleiben, und dort beschrieben sie und Heine ihren Gang zu den Füchslein so spannend, daß die Kleinen das heulen darüber vergaßen.
»Ich denk’ immer, die Franzosen kommen gar nicht,« prophezeite Lisabetha, »hierher finden die nicht!«
Aber sie fanden doch den Weg in diese friedliche Waldeinsamkeit. Etwa dreißig Mann, geführt von zwei Offizieren, rückten gegen Abend im Schlosse ein. Sie verlangten in ziemlich barschem Ton den Hausherrn zu sprechen, verlangten von diesem Pferde, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art. Herr von Hartenstein erfüllte schweigend die Wünsche, er wußte, ein Widerstand würde doch nichts nützen. Wohl betonten die Offiziere, daß sie Freunde wären, aber dabei sahen sie so drohend aus, daß die alte Marinka sagte: »Der liebe Gott schütze uns vor so ’ner Freundschaft, davon halte ich nichts, rein gar nichts!«
Drei Wagen waren beladen, Pferde und Rinder standen zum Fortzug bereit, denn die ungebetenen Gäste wollten noch am Abend weiterziehen, als plötzlich ein neuer Trupp Soldaten ankam. Der Offizier, der sie führte, war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, der den alten Gutsherrn deutsch anredete. Es war einer der vielen Deutschen, die unter des französischen Kaisers Fahnen fechten mußten. Höflich, aber streng erklärte er, er hätte Befehl, das Haus zu durchsuchen.
»Nach was?« fragte der Gutsherr gelassen.
»Nach Ihrem Enkelsohn,« erklärte der Offizier, »man hat Verdacht, daß er sich hier aufhält.«
»Bitte, suchen Sie,« sagte Herr von Hartenstein ruhig.
Diese Ruhe verwirrte den Offizier. Forschend sah er die Hausfrau an, aber auch sie, obgleich ihr Herz in heißer Angst um den Sohn schlug, sagte gelassen: »Bitte, suchen Sie!«
»Er ist nicht hier,« dachte der Offizier und frohlockte innerlich, denn die Erfüllung dieses Auftrages war ihm schwer genug geworden. Einen Mann suchen und verhaften müssen, der sein Vaterland so treu liebte, wie dieser Ferdinand von Hartenstein es tat, das schien ihm eine harte Aufgabe zu sein. Er mußte aber seine Pflicht erfüllen, und so ließ er denn auch das Haus von oben bis unten durchsuchen. Kein Winkel blieb unbeachtet, kein Kleiderschrank, keine Truhe, kein Bett undurchwühlt, sogar in die Mehlkiste schauten ein paar Soldaten zu Lisabethas Empörung hinein. Aus der Räucherkammer nahmen sie dabei gleich noch die letzten Würste und Speckseiten mit. Gut war es nur, daß sie der Wohnstube bloß einen kurzen Besuch abstatteten; darin gab es keine großen Kisten und Wandschränke, in die hineinzusehen sich lohnte. In die blitzenden, triumphierenden Augen Heines und Babinchens schauten sie glücklicherweise nicht.
Im Haus fand sich keine Spur des Gesuchten, und von den Dienstboten verriet niemand ein Wort von den geheimnisvollen Gästen, die so plötzlich verschwunden waren. Auch das Forsthaus wurde durchsucht, der Wald durchstreift, nirgends wurde eine Spur gefunden. Babinchen zitterte und zagte, denn sie sah auch in der Mutter Augen Angst und Sorge stehen. Doch Heine Strohmann tröstete: »Die werden nicht gefunden, mein Vater hat sie geführt, da sind sie sicher!«
Des Buben felsenfestes Vertrauen auf seines Vaters Klugheit und Treue gab Babinchen den Mut zurück. Als einer der französischen Offiziere sie ansprach, da flüchtete sie nicht schreiend wie die kleinen Förstermädel, sondern schaute zu dem Fremden so furchtlos auf und antwortete so ruhig, daß Heine mal wieder sehr stolz auf seine kleine Freundin war.
Am nächsten Morgen kam Förster Strohmann wieder. Er hatte allerlei Raubtiere geschossen, einen Marder, ein paar Habichte und sogar einen Fuchs. Den französischen Offizieren war das Verschwinden des Försters aufgefallen. Wo war er? Warum weilte seine Familie im Herrenhaus? Als nun aber der Mann so schwerbeladen und jagdmüde heimkam und die unwillkommenen Gäste recht erstaunt und unwillig zu betrachten schien, schwand ihr Mißtrauen, und sie gaben das Suchen nach dem Flüchtling auf.
Am Nachmittag zogen die Soldaten ab. In den Ställen fehlten Pferde und Rinder, die Vorratskammern waren leer geworden, und mancher Bauer im Dorf dachte sorgenvoll an kommende Zeiten. Hunger und Not würden nun wieder ihren Einzug halten. Mit derlei Sorgen plagten sich Babinchen und Heine nicht, sie dachten nur an Ferdinand und seinen Freund. Waren sie noch in der Nähe, im Wald verborgen, wie Heine meinte, oder waren sie schon wieder in ein fremdes Land geflüchtet?
Einmal fragte Babinchen die Mutter; da strich ihr diese lind über die Locken und sagte seufzend: »Wir wollen hoffen, mein Kind, daß alles gut wird. Noch ist dein Bruder nicht in Sicherheit.«
Es vergingen einige Tage. In der Umgegend war es wieder ruhig geworden. An einem schönen Sommermorgen weckte Frau von Hartenstein Babinchen mit der Frage: »Wollen wir heute zusammen eine weite, weite Waldwanderung unternehmen?«
Das Mädchen sprang geschwind mit beiden Beinen zum Bett heraus. »Zu Ferdinand?« fragte es ahnungsvoll, hoffnungsfroh.
Die Mutter nickte, sie gebot aber Stillesein, denn nur der Großvater und Marinka wußten etwas, und ermahnte ihr Mädel zur Eile. Eine Weile später stand dann Babinchen heiß und aufgeregt vor dem Großvater, der sagte herzlich: »Grüße deinen Bruder, Kind, bringe ihm meinen Segen.« Und leiser, halb zu sich selbst sprechend, fügte der alte Mann hinzu: »Ich wollte, es dächten viele so und liebten ihr Vaterland so wie er, wären so treu in den Tagen der Not!« Dem Babinchen fiel das Wort des Großvaters in ihr Herzlein wie ein köstlicher Edelstein.
Frau von Hartenstein trug einen Korb mit Eßwaren gefüllt, auch Babinchen hatte einen zu tragen bekommen. Still bogen Mutter und Tochter gleich dicht am Haus in einen schmalen Waldweg ein, nicht jenen, den die Kinder vor wenigen Tagen gelaufen waren. Kaum waren die beiden ein Stück Wegs gegangen, als ein lautes Hallo sie grüßte. Da stand Förster Strohmann mit Heine, und der Bube schrie seiner kleinen Freundin entgegen: »Wir gehen mit!«
Babinchen hätte sich nicht gefürchtet, mit der Mutter allein zu gehen, sie fand es aber doch behaglicher, unter Förster Strohmanns Schutz zu sein. Bald bogen die vier Wanderer von dem breiten Wege ab, und es ging pfadlos quer durch den Wald, und nur jemand, der so gut im Wald Bescheid wußte, konnte so unverzagt, ohne einmal zu irren, mitten hindurchgehen.
Die vier Wanderer schritten kräftig aus. Nach zwei Stunden etwa hörte der Hochwald auf, nur niedriges Gebüsch und Gestrüpp kam, der Bruch, das Sumpfland; über dem stand hell und golden die Sonne. Hier hieß es vorsichtig gehen, denn es gab tiefe Moorlöcher, in die ein Unkundiger leicht versinken konnte, da man sie unter der schimmernden grünen Pflanzendecke nicht bemerkte. Förster Strohmann führte die kleine Gesellschaft am Rande entlang, und als Heine, seiner Ortskenntnis froh, sagte: »Hier geht es nach dem Torfstich,« nickte der Vater und wies nach einer Stelle. Dort arbeiteten zwei Männer. Sie stachen aus dem schwarzen Boden etwa ziegelsteingroße Stücke aus und schichteten sie zum Trocknen übereinander. Mit diesem trockenen Torf wurden nachher im Winter die Öfen geheizt. An der Arbeitsstelle war eine kleine Holzhütte, und daneben schwelte ein Feuerchen. Babinchen wunderte sich, daß die Mutter auf einmal so eilig lief, und plötzlich begann sie gar zu winken; der eine der Männer ließ seine Schaufel sinken und kam in schnellen Schritten dahergesprungen – es war Ferdinand.
Heine und Babinchen hatten gemeint, sie würden die Flüchtlinge tief im Wald geheimnisvoll verborgen finden, nun standen beide da im hellen Sonnenlicht; ach – und wie sahen sie aus! Mit Moor beschmiert von oben bis unten. Selbst die Mutter schaute den Sohn erstaunt an. Der war wirklich von einem echten Torfstecher nicht zu unterscheiden, auch der Freund nicht, der nun gleichfalls herankam. Die beiden Männer lachten fröhlich, und Ferdinand nahm Babinchens beide Hände und sagte schelmisch: »Weißt du auch, kleine Schwester, daß dein Moorkleid neulich unsern guten Strohmann auf den Gedanken gebracht hat, uns hier einfach als Torfarbeiter herzustellen, weil wir da am sichersten wären? Unter dieser Verkleidung sucht uns niemand.«
»Und geschafft haben die Herren, alle Achtung!« rief Förster Strohmann und schaute behaglich auf die großen Haufen aufgeschichteter Torfstücke. »Das nenne ich arbeiten!«
»Will’s meinen,« sagte Ferdinands Freund stolz. Er erzählte noch, daß ein paar französische Soldaten auch am Torfstich vorbeigekommen wären und nach dem nächsten Weg zur Landstraße gefragt hätten, sie hätten aber weder ihn noch den Freund recht genau oder forschend angeschaut.
Ein paar Stunden blieb Frau von Hartenstein mit den Kindern, dann mußten sie Abschied nehmen.
»Und du?« fragte sie den Sohn traurig.
»Wir bleiben hier.« Der nickte seinem Freunde zu. »Ein paar Wochen wollen wir noch Torfarbeiter sein, nachher finden wir wohl einen Weg zur Flucht.«
»Komm doch mit,« flehte Babinchen, »es sind doch keine Feinde mehr da!«
Aber der Bruder schüttelte den Kopf. »Sie haben Späher ringsum, noch kann ich’s nicht wagen.«
Der Abschied wurde allen schwer; die Kinder versprachen eifrig, sie würden bald wiederkommen, und nahmen sich dies auch fest vor. Doch Tag um Tag verging, die Tage wandelten sich zu Wochen, Förster Strohmann führte die Kinder nicht mehr ins Moor hinaus. Aber manchmal in der Nacht hörte Babinchen sprechen in des Großvaters Zimmer. Einmal kam auch Ferdinand an ihr Bett und küßte die kleine Schwester; da wußte sie, er kam zu nächtlichen Besuchen. Am Tag konnte er nicht kommen, denn immerfort zogen Truppen die Landstraße daher, immer wieder suchten Franzosen das einsame Schloß heim.
Der Sommer verging, der Herbst kam an. Der brachte klare, helle Tage, aber auch frühe Kälte. Die Wetterkundigen sagten einen harten Winter voraus, und oft sah Babinchen in diesen ersten kalten Tagen die Mutter traurig hinausschauen. Weilt der Bruder noch in der kleinen Hütte im Moor? Sie wagte es endlich, die Mutter zu fragen. Die sah sie tieftraurig an. »Der Großvater ist sehr krank, darum will dein Bruder nicht das Land verlassen. Er ist noch im Moor, und sein Freund hält bei ihm aus.«
Babinchen und Heine redeten oft von den beiden Freunden im Moor. Sie konnten es gar nicht begreifen, warum die nicht doch irgendwo versteckt im Hause wohnten. Aber da kamen wieder unerwartet von der nahen Festung ein paar Offiziere, und die Kinder merkten nun doch, der Bruder tat wohl gut, sich verborgen zu halten.
Weihnachten rückte näher, aber Weihnachtsjubel, Weihnachtsfreude gab es nicht. Es gab viel Armut und Not im Land, und immer heißer brannte die Sehnsucht, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln, in den deutschen Herzen. Zur Sorge der Zeit kam für Frau von Hartenstein noch die Sorge um den Vater. Seine Krankheit hatte sich verschlimmert, und wer das bleiche, abgezehrte Gesicht sah, ahnte wohl, der Tod würde bald im Schloß Moorheide einziehen.
Es war am letzten Adventssonntag. Nicht wie sonst brannten vier Adventslichter, und nicht wie sonst erzählte die Mutter Babinchen freundliche, liebe Weihnachtsgeschichten. Sie saßen alle beieinander im Krankenzimmer, lauschten auf des Großvaters matte Atemzüge, und Heine saß dabei, als müßte es so sein. Und eigentlich hätte er zu Hause Mutter und Geschwister beschützen sollen, denn seit mehreren Tagen war sein Vater fort. Niemand ahnte, wohin, selbst Frau von Hartenstein schien es diesmal nicht zu wissen, sie hatte schon etliche Male gefragt: »Wo mag nur der Förster sein?«
Die alte Kastenuhr an der Wand tickte laut und schwer, kein Laut unterbrach sonst die Stille.
Doch plötzlich schlugen auf dem Hofe die Hunde an, kurz und scharf; sie schwiegen gleich wieder, sie mußten den kennen, der kam. »Ferdinand!« Der Kranke richtete sich plötzlich im Bett auf, laut und froh klang seine Stimme.
»Ferdinand ist nicht hier,« sagte Frau von Hartenstein. Doch noch hatte sie nicht recht ausgesprochen, da erklangen draußen Schritte, und über die Schwelle traten wirklich die beiden Freunde und Förster Strohmann.
»Ferdinand, was bringst du?« Der Großvater sah dem Enkel entgegen, und der sank mit einem Jubelruf an dem Bett nieder. »Großvater,« stammelte er, »das französische Heer ist in Rußland vernichtet, der Kaiser nach Frankreich entflohen.«
»Das ist Freiheit für uns!« Der alte Mann sagte es laut und feierlich. Er legte die Hand auf des Enkels Scheitel. »Gott segne dich für diese Botschaft! – Nun erzähle!«
Und Ferdinand berichtete. Mit seinem Freund und dem Förster waren sie in Rußland gewesen, dort hatten sie Kunde erhalten von dem Untergang des Heeres an der Beresina. Mit ihren eigenen Augen hatten sie schon die Jammergestalten der Heimkehrenden gesehen. Napoleons Heer vernichtet! Vielleicht schlug nun für Preußen die Stunde der Befreiung!
Der Großvater lag still mit gefalteten Händen da, und die Mutter flüsterte: »Er stirbt!« Aber wunderbar, von jener Stunde an wurde es besser mit ihm. »Mein Gott läßt mich noch leben, bis das Vaterland frei ist,« sagte er freudig.
So wurde es auch. Das neue Jahr brachte die Freiheit. Bei Leipzig kämpfte Ferdinand von Hartenstein als ein Held wie Tausende und Tausende mit ihm.
Er wurde verwundet und lag lange schwer darnieder; aber als wieder die Adventsglocken tönten und zum vierten Mal mahnten, an das hohe Fest der Liebe zu denken, kehrte Ferdinand heim. Der Großvater lebte nur noch wenige Tage. Er schlief friedlich ein mit dem Bewußtsein, daß sein geliebtes Vaterland frei wurde von fremder Herrschaft.«
Frau Fries schwieg, und ein Weilchen war alles ganz still im Zimmer. Endlich tat Frau Besenmüller einen tiefen Atemzug und sagte feierlich: »Gott behüte uns vor solchen Zeiten!«
»Sie sind uns vielleicht näher, als wir ahnen,« sagte der junge Lehrer schwer. Aber das hörte nur seine Mutter und Besenmüller. Fräulein Regine hatte einen kleinen Stab geschwungen, und jauchzend tönte es durch das Schulzimmer: