Siebente Szene
St. Peter. Don Quixote. Der Schmied. Die Liebhaberin. Sancho.
St. Peter
Verzeiht, Ritter, aber Ihr scheint mir ein Mann zu sein, dem das Beste abhanden gekommen.
Don Quixote
Wieso? Was sollte mir abhanden gekommen sein?
St. Peter
Das Ideal, Ritter!
Das Ideal! In welchem Kapitel und welchem Vers der Heiligen Schrift kommt das Wort Ideal denn eigentlich vor?
St. Peter (sinnt nach)
Don Quixote
Spekuliert bis zum Anbruch des Jüngsten Tages, Ihr kriegt es doch nicht heraus, denn es steht einfach nicht drin. Meint Ihr vielleicht die Illusionen? Was die sind, weiß ich!
St. Peter
Nun, was sind sie?
Don Quixote
Windmühlen, Schankmädchen, Stechbecken — —
St. Peter
Wartet ein wenig! — Seht Euch diesen Mann hier an!
Don Quixote
Nun! Er sieht in diesem Augenblicke dümmer aus als selbst Othello, der sich von Desdemona hintergehen ließ. Wer ist dieses Frauenzimmer da?
St. Peter
Seine Braut!
Don Quixote
Schön! Weshalb heiraten sie sich nicht?
Wird schon kommen! Wird schon kommen! Seht, sie ist krank, mit Aussatz behaftet, aber er liebt sie dennoch.
Don Quixote
Da ist er ja verrückt, der Mensch. Schickt ihn aufs Beobachtungszimmer und sie ins Spital.
St. Peter
Nein, Ritter! Seht, dies ist die Liebe!
Don Quixote
Verschiedene Namen für das gleiche Ding. Muß mir das Weibsbild doch mal ansehn! (Reißt ihr den Schleier weg) Ha! (Zum Schmied) Und die willst du heiraten?
Der Schmied
So wahr ich lebe und sie mich würdigt, mir ihre Hand zu reichen.
Don Quixote
Das mußt du nochmals sagen.
Der Schmied
Auf Ehre und Gewissen!
Don Quixote
Daß sie aussätzig ist, das siehst du selbst. Daß sie aber eine liederliche Dirne ist, die im Spinnhause saß, das sollst du nun von mir erfahren.
Das lügst du!
Don Quixote
Komm ins Freie und fechten wir’s aus!
Die Liebhaberin
Opfert nicht euer Leben für ein Wesen wie mich. Vergreift euch nicht aneinander!
Der Schmied
Ist es wahr, was der Mann da sagt? Ist das wahr?
Die Liebhaberin
Es ist wahr!
Der Schmied
O, Herr, steh mir bei! Du logst also, als du dich unbemakelt nanntest?
Die Liebhaberin
Ich log!
Don Quixote
Eine aussätzige, lügnerische Dirne. — Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht trennen!
Der Schmied
So lüg’ doch nochmals, Weib! Lüg’ in des Himmels Namen noch einmal: sag’ daß jetzt du logst!
Die Liebhaberin
Ich vermag nicht mehr zu lügen, seit ich mich von der Unendlichkeit deiner Liebe überzeugte.
Ich glaube dir — und folge dir!
Mit einem Herzen wund und weh,
Gleich deinen Zügen, jüngst so hold!
Ob du nun siech, ich bin es auch,
Vergingst du dich, so fehlte ich.
Dein Joch ich trage, fluch ihm nicht,
Nein, segne es, denn Liebesschmerz
Er überdauert Liebeslust,
Und ich, ich will dich lieben ewiglich!
St. Peter
Was sagt Ihr nun, Herr Ritter?
Don Quixote
’s ist zum Teufel holen.
St. Peter
Das ist die wahre Liebe.
Don Quixote
Es ist zum Teufel holen!
St. Peter
Habt Ihr je so etwas gesehen?
Don Quixote
Es ist rein zum Teufel holen!
St. Peter
Na, aber so flucht doch nicht!
Sancho, führ’ mir mein Roß vor.
Sancho (kommt mit dem Roß)
Herr Ritter!
Don Quixote
Hast du den Hafer bezahlt?
Sancho
Alles in Ordnung, Ritter!
Don Quixote
Wieviel hast du dabei gestohlen? Mach dir nur keine Illusionen darüber, mich betrügen zu können!
Sancho
Was wäre das Leben ohne Illusionen, Herr!
Don Quixote
Was soll das nun heißen! Hast du deinen praktischen Blick verloren, du, der sich früher so geschickt aus den vielen Verdrießlichkeiten zu retten wußte, während ich in der Patsche stecken blieb?
Sancho
Da Ihr mir auf unseren bekannten Irrfahrten so oft die Peitsche gabt, weil mir die Flügel — Ihr wisset ja, die Flügel fehlten, bewirkte dieses Peitschen endlich, daß sie mir wuchsen! So will ich denn auch, so schmerzlich und unklug es sein mag, die Wahrheit zu sprechen, nicht verfehlen, Eure Lehren zu beherzigen und — Illusionen zu nähren.
Was der Teufel!
Sancho
Ritter! Ich kann nicht leugnen, daß meine niedre Herkunft, mein Stand, um nicht zu sagen, meine beschränkten Verhältnisse, mich zuweilen in die peinliche Lage versetzten, unter den Mißlichkeiten des Lebens empfindlicher zu leiden, als bei der Natur der Dinge eigentlich der Fall zu sein brauchte.
Don Quixote
Faß dich kürzer!
Sancho
Und — so — fand ich es rätlich, gleichsam — wie sag’ ich nur — das fehlende Ende anzustücken.
Don Quixote (zieht ihn am Ohr)
Sancho
Ritter, so ausgemacht ist das nicht, daß es nicht auch Euch einmal passieren kann, ein Pferd satteln zu müssen, vielleicht gar das meine!
Don Quixote
Was sagst du?
Sancho
Und ich damit in die Lage käme, Euch durchzuprügeln: Ja!
Sancho! Du redest wahr! — Alles ist möglich, und ich könnte mich durch eine Verkettung von Umständen — wenn du, was ja möglich ist, ein junges, reiches Mädchen in Illusionen zu wiegen vermöchtest — ist doch die Macht der Illusion groß — in die Lage versetzt sehen, dein Pferd satteln zu müssen. Allein deinen Hafer stehlen, so etwas, siehst du, würde ich nie und nimmermehr tun!
Sancho
Was, Sie würden nie meinen Hafer stehlen? Welch irrer Traum!
Don Quixote
Ach, ich habe Schlangen an meinem Busen gezüchtet. Sancho, laß uns Freunde sein!
Sancho
Freunde! Freundschaft! Mir scheint, meiner Seele, Eure alten Illusionen wandeln Euch wieder an.
Achte Szene
Die Vorigen. Der Brautzug (erscheint im Laufe der Szene). Der Arzt.
Der Arzt
Ei sieh da, meine Reisegefährten! Und Ihr, Ritter Don Quixote de la Mancha. Ein interessanter, belehrender Umgang! Ihr leistet uns wohl Gesellschaft?
Irre ich nicht, so sehe ich Doktor Allwissend vor mir! Ich bin wohl infolge meiner teuer erkauften Erfahrungen, mit denen ich weder großtun noch Verstecken spielen kann, hinter gar manche Dinge gekommen, aber alles weiß ich denn doch nicht, und wenn die Herren mit ihrer Reise nicht gerade einen bestimmten Zweck verfolgen, so gestatten Sie mir, mich Ihnen anzuschließen.
Der Arzt
Der Zweck unserer Reise ist, den Schlüssel zum Himmelreich, den St. Peter irgendwo verloren hat, zu suchen. Finden wir ihn nicht, so wollen wir uns direkt nach dem Himmel aufmachen!
Don Quixote
Vortrefflich! Wohl habe ich, seitdem ich mich überzeugte, welche Hölle das Leben ist, alle Illusionen in bezug auf einen Himmel auf Erden aufgegeben, will aber dennoch mit —
Der Arzt
Herr Ritter! Euer tiefgewurzelter Unmut über das Leben scheint mir daher zu kommen, daß Euch die Ideale verloren gingen.
Don Quixote
Bums! Da haben wir das Wort wieder! Was ist denn das Ideal? Seht Euch den Schmied da an. Er hat sein Ideal an einer aussätzigen Spinnhausdirne gefunden, deren vornehmste Tugend darin besteht, daß sie nicht leugnet, gelogen zu haben! Ist der Schmied glücklich?
Wahrscheinlich! Er berauscht sich an seinem Unglück!
Don Quixote
Denkt Euch, wenn er so wirklich glücklich wäre! Denkt Euch, wenn . . . Aber hört, ich glaube, ich werde in der Tat guttun, mich Euch anzuschließen, um nach meinen verlorenen Idealen zu fahnden. Etwas Glück täte mir nur zu not, nachdem ich den ganzen Kehrichthaufen der Jugendideale sich auf dem Boden umherschleppen gesehen habe. Seht Euch nur dieses fette Schwein Romeo an, wie er seinen Knaster raucht und der Braut eines andern die Kur macht. Seht da diesen Blaubart, der sich der moralischen Liga angeschlossen und Lady Macbeth geehelicht hat, die ihrerseits Präsidentin des Vereins zur Abschaffung der Todesstrafe ist. Pfui! Pfui! Pfui! Ich wollte, ich könnte sie alle auf einen Haufen werfen, Teer darüber spritzen und hernach das Ganze in Brand stecken.
Der Arzt
Ihr Schatten, die ich hier ans Licht beschwor,
Gedanken in ein sichtbar Bild zu kleiden,
Hinab mit euch, dahin, woher ihr kamt!
Erzeugt aus trocknen Brunnens sumpf’ger Luft,
Seid Irrwisch wiederum am alten Ort!
Marsch, alle marsch! Macht fort!
(Der Brautzug kehrt in den Brunnen zurück. Der Arzt schlägt den Deckel zu, sperrt ihn ab und wirft den Schlüssel weg. Als zuletzt auch die Liebhaberin hinabsteigt, springt der Schmied auf und will ihr nach, wird aber von dem Arzte zurückgehalten. Die Liebhaberin winkt dem Schmied ein Lebewohl zu. Irrlichter erscheinen hierauf oberhalb des Brunnendeckels.)
Sie ging, und ich, ich darf nicht mit!
Der Arzt
Ihr seht Euch wieder! Stör, nicht meinen Plan!
Der Schmied
Ich armer Mann! Was soll nun aus mir werden?
Der Arzt
Sag, selbst! Ich laß dir freie Wahl!
Was wärst du gern?
Schmied
Was gern ich wär?
Was bin ich? O! Ich fühle mich so alt,
So böse, seit des Lebens holder Trug
Mir ward geraubt!
Mir ist, als wandelt’ ich auf Modergrund.
Man fürchtet mit den Beinen einzusinken
Und dazusitzen, wie der Fuchs im Eisen.
Ach! Wie’s des Lebens mich, der Menschen ekelt!
Je mehr man lernt, je weniger man glaubt,
Und wer am meisten meint zu wissen,
Weiß nichts! Ja, dieses kaum!
Ah, daß ein Ries’ ich wär, die Alpen tragend
Auf meinem breiten Schulterblatt,
Ich wollt’ mich bücken und die ganze Last
Zur Erde wälzen, daß sie flög’ in Trümmer!
Groß will ich sein und stark, der Allerstärkste,
Das Universum mit dem Fuß zertreten,
Auf daß beim Schreiten der Vergänglichkeit
Mit Stolz mich der Gedanke schwellte,
Allein zu fallen von der eignen Hand,
Wenn all die anderen von fremder fielen!
Der Arzt
Mich dünkt der Wunsch so deutlich vorgetragen,
Daß nicht daran zu zweifeln ist! Wohlan!
Magst Riese sein, die alte Erd’ erschüttern!
Nur gib hübsch acht, wie du den Kreisel peitschst,
Daß er dir laufe, ohne anzuprallen!
Hinweg nun, marsch!
(Hinausrufend) Laßt Eure Künste spielen!
(Verwandlung.)
Dritter Akt
(Rechts die von Laub und Blumen umrankte Veranda des Pfarrhofgebäudes. In der Mitte des Hofes eine Linde. Darunter ein Tisch. Zur Linken ein jäher Abhang, über den sich der Hoberg-Alte erhebt, ein Pfad schlingt sich am Fuße des Bergriesen hin. Im Hintergrunde sieht man das Tal mit einem See, an dem die Dorfkirche liegt.)
Erste Szene
Der Hoberg-Alte (Schmied, allein.)[3]
So bin ich richtig nun ein Riese worden,
Und keinen größern siehst du hier im Norden!
Bin ich nicht gerade schön, bin ich doch schaurig groß,
Und weithin kann ins Land ich wie kein Zweiter sehen.
Ich spiegle mich im See, das Haupt im Wolkenschoß,
In Weiß hüllt mich der Schnee, grün kleidet mich das Moos,
Im warmen Sonnenschein laß ich mir’s wohlergehen.
Dort unten in dem Tale, da wohnt ein Priestergreis,
Aus seiner Kirche hör’ ich’s immer bimmeln,
Im alten Trotte wallet das Volk hin scharenweis,
Um seinen weißen Balder gläubig zu verhimmeln.
Doch ihn, den Bergesriesen, ehrt keiner mehr fürwahr,
Obgleich an Kraft er allen überlegen;
Er schützt im Tal die Menschen vor wilder Sturmgefahr.
Die blauen Blitze fängt er in seinem eignen Haar,
Dem Acker gibt er Wärme, die Sonnenlicht gebar,
Im tiefen Schoße sammelt er den Regen.
[3] Der Riese wird durch eine Felsenformation dargestellt.
Ach, welch erbärmlich Volk ist’s, das unten haust im Tal;
Das bimmelt und das klingelt, bekreuzt sich, und zumal
Glaubt Sagen, alte, aufgefärbte, von dem Gotte,
Getötet durch die Mistel, den Baldur licht und rein,
Und glaubt nicht an den Riesen, der selber wirft den Stein,
Eh’ er sich stein’gen ließe von der Zwergenrotte!
Nun sinkt ins Meer die Sonne, still bricht die Nacht herein,
Und alle Menschen rüsten sich zum Schlafe.
Da klingt gen Spuk und Wetter das Abendglöckelein,
Und in den Betten stammeln Gebete Groß und Klein,
Denn Finsternis dünkt jedem Frommen Strafe.
(Es dunkelt, von der Kirche her ertönen dreimal drei Glockenschläge.)
Der Riese liebt das Dunkel, in dem die Ruhe thront,
Im Dunkel herrscht die Stille, wo der Gedanke wohnt,
Denn vor der Sonne tanzen doch nur Mücken.
(Eine Eule kommt geflogen und setzt sich ihm auf die Schulter.)
Da ist mein Lieblingsvogel, mein Nachtfreund und Berater,
Zwei Augen und zwei Schwingen, mit Krallen wie ein Kater.
Man glaubt im Bund dich mit des Teufels Tücken!
Sing, kleiner Vogel, mir dein altes kluges Lied.
In Schwarz schaust du die Welt und singst doch stets —
Snee wit!
Der Hoberg-Alte
Um Weisheit kann man dich allein befragen,
Gebären Berge Ratten, füllst du den Kropf dir gut,
Und überwuchern Hasen, hältst Razzia in der Brut,
Und niemand wird den Strauß mit Ries’ und Vogel wagen.
Zweite Szene
Der Hoberg-Alte. Zwerge (kommen mit Grabscheiten, Hauen und Spaten und fangen unten am Berge, zu Füßen des Riesen, an zu hacken und zu graben).
Die Zwerge (singend oder rezitierend)
Wir picken, wir hacken,
Wir knicken, wir knacken,
Wir geben nicht Ruh’,
Wir hetzen, wir fetzen,
Wir wetzen, wir setzen
Dem Bergkönig zu.
Zu! (Lang anhaltend.)
Der Hoberg-Alte
Was treiben denn die Knirpse da unten?
Die Zwerge
Wir schütteln, wir schmeißen,
Wir rütteln, wir reißen
Den Riesen schon um.
Wir picken, wir packen,
Wir knicken, wir knacken,
Im Staub liegt er — plumm!
Plumm! (Lang anhaltend.)
Der Hoberg-Alte
Wenn ihr Knirpse nicht vom Berge lasset, so kommt der Riese und schleudert Steine.
Erster Zwerg
Wirf nur!
Der Hoberg-Alte
Oho! Nehmt euch in acht! Ksst!
Zweiter Zwerg
Hört ihr, was er sagt? — Er sagt: Ksst! Wie man’s mit Katzen macht! (Die Zwerge lachen.)
Der Hoberg-Alte
Ja so, ihr glaubt nicht, daß das wahr ist. Seht her, ich niese nur, und es regnet Geröll. Aufgepaßt da unten!
(Er niest. Geröll kollert über den Berg hinunter.)
Erster Zwerg
Ich glaube wirklich, der wirft Steine! (Er nimmt einen Stein und wirft ihn nach dem Riesen.)
Der Hoberg-Alte
Achtgegeben! Jetzt werden wir einmal husten! (Er hustet, Steine stürzen herab und verschütten Zwerg I.)
Der Zwergkönig ist tot, es lebe der Zwergkönig!
Zweiter Zwerg
Nun bin ich König.
Die Zwerge
O nein, das gibt’s nicht . . .
Zweiter Zwerg
Wer denn?
Die Zwerge
Ich! Ich!
Zweiter Zwerg
Ihr könnt doch nicht alle auf einmal König sein. Und da ich der Älteste bin, halte ich mich für den Nächstberechtigten.
Dritter Zwerg
Aha! Jetzt ist er der Älteste! Als aber der Älteste auf dem Thron saß, da war er zu alt zum regieren. Wir brauchen junge Leute, hieß es da!
Zweiter Zwerg
Das war damals, als Lasse noch lebte. Doch nun ist Lasse tot, und da herrscht jetzt ein anderes Regiment. Wollt ihr übrigens, daß wir wählen, so bin ich auch dabei, unter einer Bedingung.
Unter welcher?
Zweiter Zwerg
Daß ich das absolute Veto behalte und außerdem die ausschlaggebende Stimme.
(Die Zwerge schreien und raufen.)
Der Hoberg-Alte
Wenn die Diebe sich prügeln, führt der Bauer seine Kuh heim! — Ihr kleinen Teufel! Ihr rauft am Sonnabend! Ihr seid meiner Seel nicht um ein Haar besser als die großen Menschen!
(Steine stürzen herab und töten Zwerg II.)
Die Zwerge
Der Zwergkönig ist tot, es lebe der Zwergkönig!
Dritte Szene
Die Vorigen. Der Däumling (in Siebenmeilenstiefeln, hinter ihm) Aschenbrödel (in einem Schuh von einer Ratte gefahren).
Däumling
Nein! König bin ich!
Dritter Zwerg
Wer bist du?
Ich bin der Däumling, und hier ist meine Königin Aschenbrödel.
Dritter Zwerg
Mit welchem Rechte, wenn ich fragen darf, erlaubt Ihr Euch Ansprüche auf den erledigten Thron zu erheben?
Däumling
Mit dem Recht, daß ich der Kleinste unter den Kleinen bin, und wer sich erniedrigt, der soll erhöht werden. Und meine Königin hat bekanntlich den kleinsten Fuß der Welt!
Dritter Zwerg
Für eine Königin kann diese Eigenschaft eine Empfehlung sein, aber von einem König fordert man selbst bei den Kleinen denn doch noch etwas anderes, als daß er klein sei! Mein Herr! Haben Sie die Güte und stellen Sie sich in Socken.
Däumling
In Hemdärmeln meinen Sie wohl!
Dritter Zwerg
Nein, ich meine in Socken. Denn ich schlage mich niemals mit einer Person in Siebenmeilenstiefeln.
Nicht sich schlagen! Nicht sich schlagen! Ihr dürft es nicht!
Däumling (zieht die Stiefel aus)
Ein Rittersmann schlägt sich alle Zeit und überlegt nicht lange, meine Königin!
Aschenbrödel
Oh! mir schwindelt! Ich werde ohnmächtig! Zu Hilfe!
Däumling (bemüht sich um sie)
Dritter Zwerg (zieht die Siebenmeilenstiefel an)
Nun aber schlage ich mich nicht, Herr Winzig!
Däumling
O, der kleine hinterlistige Spitzbub! Der kleine falsche Diebskerl! (Weint und beißt sich in den Daumen.)
Dritter Zwerg
Huldigt mir nun, Gesindel! Solch einen König habt ihr bis jetzt noch nicht gehabt. Marsch! Sonst lasse ich euch alle miteinander die Köpfe abschlagen.
(Allgemeines Geschrei, Schlägerei. Neuer Steinregen vom Berge. Däumling und Aschenbrödel fallen tot um.)
Vierte Szene
Die Vorigen. Sankt Peter.
Dritter Zwerg
Hier riecht’s nach Christenblut!
(Alle verschwinden, St. Peter setzt sich unter die Linde.)
Der Hoberg-Alte
Bist du da, St. Peter?
St. Peter
Die Stimme ist des Schmiedes Stimme, aber . . . Ja, ich bin hier . . . Wo bist du?
Der Hoberg-Alte
Hier oben!
St. Peter (erblickt den Hoberg-Alten)
So groß bist du geworden, Schmied!
Der Hoberg-Alte
Das will ich glauben! Wie geht’s denn dir aber, alter Petrus?
St. Peter
Ich weiß nicht, ob ich recht habe, aber mit dem Wissen dieses Dr. Allwissend scheint es mir durchaus nicht so weit her zu sein, als er uns weismachen wollte. Wie mich dünkt, führt er uns auf Irrwege.
Ja, das ist auch meine Meinung! Und wenn ich aufrichtig sprechen soll, habe ich Lust, mich von ihm loszureißen.
St. Peter
Ich glaube, er ist der Böse selber. Du aber, der du so groß und stark geworden bist, könntest ihm doch den Garaus machen.
Der Hoberg-Alte
Lock’ ihn nur in Niesweite, so werde ich Steine auf ihn regnen lassen.
St. Peter (bemerkt Aschenbrödel und den Däumling auf der Erde)
Was ist denn das? — Mir scheint gar, das ist der Däumling! (Er packt ihn heim Knie.) Wer hat ihn getötet?
Der Hoberg-Alte
Das hab’ ich getan!
St. Peter
Wie, du schlägst die Kleinen, du großes Ungeheuer?
Der Hoberg-Alte
Ja, wenn sie meine Stellung als Riese untergraben wollen.
Wer einen dieser Kleinen ärgert . . .
Der Hoberg-Alte
Sie haben ja mich geärgert! Aber du bist von jeher der Kleinen Freund!
St. Peter
Und hier ist das kleine Aschenbrödel!
Der Hoberg-Alte
Deren größter Vorzug ihr kleiner Fuß war.
St. Peter
Und diese Armen hattest du das Herz zu töten! Oh!
Der Hoberg-Alte
Sonst hätten sie mich getötet! Und Notwehr ist erlaubt! Übrigens hättest du sehen sollen, wie sie zankten und rauften, einander betrogen und sich balgten, ganz wie die großen Menschen. Glaubst du, sie hätten soviel Pietät gehabt, ihre Trauer zu bezeugen, als der Zwergenkönig totgeschlagen war? Bewahre. — Sie gerieten sich sofort wegen der Krone in die Haare und ließen die Leiche liegen. Wahr dich vor den Zwergen, sie beherrschen die Welt. Im Innern der Berge verbringen sie ihre Zeit damit, nach Gold zu schürfen, für das die Menschenkinder Glauben und Seele verkaufen, um Schwerter zu schmieden, mit denen die Menschenkinder einander umbringen.
Das ist nur Verleumdung! Und könnte ich diese Kleinen zum Leben erwecken, so würdest du sie gleich dankbaren Kindern mir auf meiner langen Wanderung folgen sehen.
Däumling (erwacht)
Guten Morgen, Großpapa!
St. Peter
Nein, sieh, er lebt! — Und ich, der ich glaubte, die Zeit der Wunder wäre vorbei! — Wie kam das, du kleines Wechselbaby?
Däumling
Ah, ich stellte mich nur tot, um den Zwergen und ihren Prügeln zu entwischen.
St. Peter
Fliehen ist des Fechtens bessrer Teil! — Ja, du warst allezeit ein kleiner schlauer Teufelskerl! Na, was ist denn mit dem kleinen Aschenbrödel? —
(Der Däumling geht herum, findet St. Peters Fisch, den dieser auf den Tisch gelegt hat, nimmt ihn und steckt ihn ein.)
Aschenbrödel (erwachend)
O, ich bin nur in Ohnmacht gefallen, wie’s mich meine Stiefmutter lehrte. Sonst hätte sich Däumling geschlagen.
So klein und so klug! Ach, wieviel Raum ist nicht in einem so kleinen Hühnerhirn, du großer Riese droben!
Der Hoberg-Alte
Und wieviel Raum, glaubst du, ist in Däumlings Brusttasche?
St. Peter
Was sagst du da oben?
(Aschenbrödel schleicht sich zum Tisch und packt St. Peters Brille, die er weggelegt hat.)
Der Hoberg-Alte
Ja, ich mag’s nicht noch einmal sagen; aber wenn vier Augen mehr sehen als zwei, so siehst du nicht über deine Nasenspitze hinaus.
St. Peter
Das ist gewiß sehr tiefsinnig! — Da muß ich erst darüber nachdenken! . . . Laß mich sehen . . . Wo ist denn meine Brille?
(Er sucht. Däumling und Aschenbrödel schleichen links hinaus.)
St. Peter
Und mein Symbol! Wo ist mein Symbol!
Meinst du den Fisch, der denselben Weg wie die Brille nahm? So, jetzt hast du noch ein klein wenig mehr zu tun, St. Peter; und nun du auch die Brille nicht mehr hast, wirst du niemals der Schlüssel zum Himmelreich habhaft werden.
St. Peter
Ja, aber ich habe sie doch hier auf den Tisch gelegt!
Der Hoberg-Alte
Ja, aber der Däumling hat sie in seine Brusttasche gesteckt.
St. Peter
Ach, der Schelm! — Meiner Seel, ich werd’ ihm . . .
Der Hoberg-Alte
Was wirst du?
St. Peter
Ich werd’ ihm eine Tracht Prügel zukommen lassen — das werd’ ich! (Petrus wendet sich zum Gehen.)
Der Hoberg-Alte
Einem von diesen Kleinen? Pfui, Petrus! — Bleib doch! — Geh nicht von mir . . . und leiste mir Gesellschaft.
Ich weiß nicht! Aber mir ist hier nicht recht geheuer!
Der Hoberg-Alte
Ach, ich bin so einsam und brauche Freundschaft!
St. Peter
Freundschaft kann nur zwischen Personen von einigermaßen gleicher — Korpulenz bestehen. — Du bist zu groß für mich, Schmied! — Viel zu groß! —
Der Hoberg-Alte
Und der Däumling zu klein! — Wie groß soll man denn in deiner Gesellschaft sein? —
St. Peter
Na, ungefähr wie ich!
Der Hoberg-Alte
Demokrat!
St. Peter
Despot! — Adieu! — (Links ab.)
Fünfte Szene
Der Hoberg-Alte. Der Pastor. Die Pastorin. Der Sohn. Die Schwiegertochter. Die Enkelin und deren Bräutigam. Zweite Enkelin (acht Jahre alt).
(Sie kommen zu zwei und zwei die Veranda herab. Erstes Paar Arm in Arm. Zweites Paar die Arme um den Leib geschlungen. Drittes Paar Hand in Hand. Das Kind folgt dem zweiten Paare.)
Pastor
Ein schöner Abend! — Und nach schönem Tag!
Habt Dank, ihr meine Kinder, Kindeskinder!
Der Jahre achtzig füllte heut der Greis,
Nun neiget sich dem Abend zu sein Leben.
Habt Dank, daß wolkenlos die Rüste ihr gestaltet,
Ihr alle, die ihr meine Welt gewesen.
Denn nie verließ ich noch dies stille Tal.
So recht mein Leben erst den Anfang nahm,
Als hier ich mit der Frau das Heim uns baute.
Ich weiß nicht, wie es kommt, doch dieser Abend
Ruft das Vergangne neu mir ins Gedächtnis.
Kind (erschrocken)
Großvater, sieh, der Hoberg-Alte rührt sich!
Pastor
Du siehst Gespenster, Kind! — Der Berg ist’s,
Und der hat sich noch nie gerührt!
Es geht vom Hoberg-Alten eine Sage,
Ein Märchen, weißt du, Kind, daß er ein Riese,
Der einst verhext von einem Bischof ward,
Und eher nicht Erlösung finden kann,
Bis er sich eines Weibes Lieb erringt! —
Sei also nur getrost, mein Enkelkind,
Der Hoberg-Alte sitzt noch lange still.
Sohn
Nein, Vater, das ist gar noch nicht so sicher;
Hier spricht man schon von einem Schienenweg,
Den mitten durch den Berg man ziehen will.
Pastor
Sieh, das ist mehr, als ich gewußt — — —
Das freut mich und betrübt mich auch,
Denn teuer war mir dieses Tal,
So still und einfach, fern vom Weltgetriebe . . .
Kind
Sieh nur, nun schüttelt sich die Linde,
Großvater, und doch bläst kein Wind.
Pastor
Er bläst gewiß dort oben in der Krone,
Ob wir’s hier unten auch nicht fühlen, Kind.
Bräutigam (zur Braut)
Vielleicht, daß sich vor Schmerz die Linde schüttelt,
Weil morgens in die Rinde wir den Namen ritzten.
Braut
Vor Schmerz sah ich sie weinen, und wie sollte
Denn sie nicht leiden, während wir genießen,
Ist unser Glück doch stets auf andrer Schmerz gebaut.
Sie blühte diesmal reich, die alte Linde,
Da wird’s viel Honig geben in den Körben.
Schwiegertochter
Du denkst doch stets an deinen Haushalt, alte Mutter.
Pastorin
Wer, glaubst du, sollte sonst wohl daran denken?
Man ritzt nicht mehr den Namen in die Linde,
Hat man die siebzig hinter sich.
Großmutter pflückt da lieber Blüten
Und trocknet sie, um Tee zu haben,
Wenn an dem Sarg der Husten hobelt.
Kind
Großvater, komm, bevor das Dunkel fällt;
Sobald die Sonne sinkt, wird mir so bang.
Pastor
Recht gern! Und laßt uns nun zur Kirche gehn.
Hab’ in der Sakristei noch manches zu besorgen,
Für morgen, für den Gottesdienst! So kommt!
(Der Pastor und seine Gattin rechts ab.)
Schwiegertochter (zum Sohn)
Wie schön ist Eintracht bei Verwandten!
Ich sah noch nie bei andern solche Liebe;
Gesegnet preis’ den Tag ich, da ich hierher kam
Und eingefügt durch dich in diese Kette ward!
Die erste Frau, die nicht die Kette drückt!
Schwiegertochter
Du Schelm du! Gib mir einen Kuß, im Ernst!
(Sie gehen.)
Bräutigam
Mein Jugendglaube nicht zu Schanden ward:
Das Glück wohnt nicht im hohen Marmorsaale.
Ich strebt nach Lammes-, nicht nach Wolfesart
Und such’ die Unschuld in dem stillen Tale.
(Die Eule schreit.)
Braut
Oh, die abscheuliche Eule!
(Sie gehen.)
Sechste Szene
Der Hoberg-Alte. Don Quixote (ohne Pferd).
Don Quixote (nimmt den Helm ab und trocknet sich die Stirn)
Der Hoberg-Alte
Heda, alter Ritter!
Don Quixote
Ist das der Schmied? — der ein Riese geworden ist?
Und das ein richtiger, ohne Windmühlenflügeln an den Schultern.
Don Quixote
Ei, still davon!
Der Hoberg-Alte
Bist du verdrießlich, Ritter?
Don Quixote
Ja, sehr.
Der Hoberg-Alte
Wie kommt das? Und wo hast du deine Stute gelassen?
Don Quixote
Sprich nicht von ihr! (Erhebt sich) Weißt du, wie es um einen Menschen steht, der nicht essen kann?
Der Hoberg-Alte
Der Arme hat wohl kein Geld, sich Essen zu schaffen!
Don Quixote
Possen! — Hast du einen Begriff, wie das einen Menschen hernimmt, nicht schlafen zu können?
Der Hoberg-Alte
Vielleicht hat er zu tief in den Tag hinein geschlafen.
Possen! — Welche niedere Auffassung!
Der Hoberg-Alte
Mir scheint, der Herr Ritter beginnen wieder in höheren Regionen zu schweben. Wie kommt das?
Don Quixote
Weißt du, warum ich meine Stute verkaufte?
Der Hoberg-Alte
Geldmangel!
Don Quixote
Materialist! Geld! Ha! Was ist lumpiges Gold gegen — das Goldhaar eines Weibes —
Der Hoberg-Alte
Haha! So habt Ihr Euch verliebt, Ritter?
Don Quixote
Sprich nicht in so niedern Ausdrücken von einer so hohen Sache! — Ich liebe!
Der Hoberg-Alte
Gott in deinem Reich! Ja, ja! Hat man Silber im Haar, möchte man Gold haben!
Ich liebe! Liebe rein, unschuldig, uneigennützig und — absolut monogam.
Der Hoberg-Alte
Das heißt, er möchte der einzige sein.
Don Quixote
Pfui, schäme dich, Schmied, Riese, oder wie du dich sonst zu nennen beliebst!
Der Hoberg-Alte
Und wird die heilige Flamme erwidert — uneigennützig — absolut monogam?
Don Quixote
Ja, siehst du, das weiß ich nicht! Aber darin besteht gerade der Zauber.
Der Hoberg-Alte
Oder der Reiz. Und Rosinante?
Don Quixote
Das Ziel meiner Wünsche vertrug den Stallgeruch nicht, und demzufolge —
Der Hoberg-Alte
Wie sieht es denn aus, dieses Ziel Eurer Wünsche, oder richtiger Eures Begehrens?
Ich habe die Angebetete nie gesehen! Doch ich hörte sie, hörte sie sogar auch beschreiben.
Der Hoberg-Alte
Ist sie schön?
Don Quixote
Was kümmert das dich?
Der Hoberg-Alte
Ich finde, daß Ihr Euch in sehr ungeziemender Weise ausdrückt, Ritter, und ist’s Euch gefällig, so brechen wir eine Lanze miteinander.
Don Quixote
Es gab allerdings eine Zeit, da ich mich mit Riesen schlug, darüber bin ich jedoch nunmehr hinaus, und hast du nichts dagegen, so scheiden sich unsere Wege.
Der Hoberg-Alte
Ihr weigert Euch also, mir Genugtuung zu geben?
Don Quixote
Ja, ich will überhaupt nichts mit dir zu schaffen haben. Du bist mir zu groß! Leb wohl! — Sancho!
Siebente Szene
Die Vorigen. Sancho Pansa.
Der Hoberg-Alte
Also auch ihm bin ich zu groß!
Don Quixote
Wieviel hast du für die Stute bekommen?
Sancho
Sechsunddreißig Taler, gestrenger Herr!
Don Quixote
Her damit!
Sancho (sucht in seinen Taschen)
Don Quixote
Du hast sie vertan!
Sancho
Ich habe sie deponiert.
Don Quixote
Her denn mit dem Depositenschein.
Sancho (sucht in den Taschen)
Du hast nie einen besessen. Ja, du bist ein schlechter Mensch, aber bei allen deinen Gaunereien steckt eine gewisse Ehrlichkeit in dir, die ich zu schätzen weiß, weshalb ich dir denn, wie nicht minder in Anbetracht meiner Liebe, verzeihen will. Folge mir nun, und wandern wir weiter. Doch hinaus aus dem engen Tal, hinauf auf die Höhen, Sancho! Auf die Höhen!
Sancho
Ach, also wieder auf die Höhen! Und dann wird es wieder ins Tal hinunter heißen?
Don Quixote
Alle Vorwärtsbewegung geht der Welle gleich, erst hinauf, dann hinab, und nur durch Veränderung läßt sich ein fester Halt gewinnen, sagt der weise Konfuzius.
Sancho
Gewiß, ein verteufelt kluger Mann! Allein, obgleich ich mich stets in Krümmungen bewegte, habe ich den festen Halt im Leben immer noch nicht finden können.
Don Quixote
Vorwärts, Sancho, vorwärts!
Sancho
So schwanken wir denn in Gottes Namen weiter! — Gehen Euer Gnaden gefälligst voran. (Sie gehen.)
Achte Szene
Der Hoberg-Alte. Dann Die Liebhaberin.
Der Hoberg-Alte
Wie gräßlich hier zu sitzen und so groß zu sein,
Da niemand Umgang pflegen will mit Recken.
Das können auch die Ammen, Kinder schrecken,
Und schließlich glaubt an Riesen weder Groß noch Klein.
(Die Liebhaberin tritt auf.)
Haha! Da kommt mit frecher Stirne,
Die jüngst so schmählich mir entrann.
Nun will ich imponieren dieser Dirne,
Und augenblicks ist sie mir untertan! —
Hörst meine Schöne, die im Tal du wandelst:
Ich bin der Größte, den’s auf Erden gibt.
Willst mein du sein, so trägst du goldne Krone
Und sitzt im Bergessaal auf meinem Throne.
Die Liebhaberin
Nicht paßt für meine Stirn die Krone, Riese,
Und auch dein Bergschloß ist zu groß für mich!
Der Hoberg-Alte
Ha, du bist stolz, du kleine Schlange,
Verschmähst den Riesen, weil er häßlich ist.
Die Liebhaberin
Das nicht, doch weil du auf das pochst,
Was andre sich gleich einer Gunst erbetteln.
Ich bettle nie, das ist mein Stolz,
Und ford’re ich, so geb’ ich voll zurück.
Die Liebhaberin
Was könntest du mir geben, die nichts sich wünscht,
Da Liebe unter deinen Schätzen fehlt?
Der Hoberg-Alte
So fahr’ zur Hölle, störrisch Weib,
Das einst ich aus dem Schmutze zog.
Ich seh’ nun, wie in schönem Leib
Ein fauler Kern mich gleißend trog!
Mag Liebe denn in Haß sich wenden,
Und mag die Sage nun mit grausem Schrecken enden!
(Starkes Getöse. Felsen stürzen herab und verschütten die Kirche, den Pfarrhof und das Tal. Der Hoberg-Alte wird mitten auf die Bühne vorgeschoben, wo er einsam auf den Trümmern sitzt, unter denen die Liebhaberin begraben wird.)
Neunte Szene
Der Hoberg-Alte. Der Arzt (tritt auf).
Der Arzt
Nun, Riese, wie verbringst du deine Zeit?
Befindest du dich wohl in deiner Stellung?
Der Hoberg-Alte
O schauerlich, so auf Ruinen sitzen
Und einsam brüten über sein Geschick!
Das sprichst du wahr. Nun graut dir selbst,
Da alles du zerschmettert und zerstört.
Aus grünem Tale schufst du eine Wildnis,
Zerstörtest freventlich der Kleinen Glück,
Die Freude fanden an dem Schlichten, Kleinen . . .
Der Hoberg-Alte
Ja, schwatz’ nur zu; ich glaube doch, die Zwerge,
Sie hätten’s ebenso gemacht.
Ja, wärst du selbst hier auf der Höhe . . .
Der Arzt
Das bin ich; ja und höher noch.
Vergißt auch du, daß nur durch mich
Du thronest, wo du thronst!
Der Hoberg-Alte
Das woll’n wir sehn. Stürz, Berg, hernieder!
(Es poltert im Berge, doch lockert sich kein Stein.)
Der Arzt
Ja, poltre nur, das rührt mich nicht,
Ist der Effekt doch abgebraucht.
Doch gibst du gute Worte, läßt sich reden,
Und Freunde sind wir wie vordem.
Der Hoberg-Alte
Ja, Doktor, eh’ ich sitze bis zum Jüngsten Tag,
Ergeb’ ich mich und bitte um Pardon.
(schleudert eine Kugel gegen den Hoberg-Alten, der unter zuckenden Blitzen seine Form verliert, worauf der Schmied hervortritt)
Bist endlich nun zufrieden, armer Tor,
Nachdem du auf den Höh’n gesessen,
Geseh’n wie klein es ist hier unten?
Fand’st du im Lebensgarn des Fadens Anfang?
Genügt dir das, was du gelernt?
Nein, du bist mißvergnügt, nichts ist dir recht,
Und darum will ich dich zum Lande führen,
Wo nichts zu wünschen übrig bleibt, sag’, willst du?
Der Schmied
Aus dieser Welt der Mängel und Gebrechen
Laß ich mich gerne führen, Herr; doch eins!
Nicht einsam will ich wieder wandern.
Der Arzt
Du hast ja mich, den Ritter, den Apostel!
Der Schmied
Ja, ja! Doch fühlt der Mann sich stets allein,
Fehlt ihm ein Weib!
Der Arzt
Oho! Oho!
Wie lang ist’s her, daß du sie steinigtest.
Die Niederste der Niedern in ihr sah’st?
Mich reut es tief, könnt’ es was helfen!
Sie war die Beste von den Besten,
So stolz, so von Berechnung frei,
Nicht machtverliebt noch feil für Gold . . .
Der Arzt
So scheint dir’s jetzt, seit sie gestorben ist,
Doch wenn sie wiederkäme, sprächst du anders.
Der Schmied
Versuch’ es nur, und Besserung gelob’ ich.
Der Arzt
Versuchen wir’s denn noch einmal — — —
Laß nun in jenes sel’ge Land uns wandern,
Wo man für sich nicht lebt, nur für die andern,
Wo Stube ist der Wald, die Wiese Saal,
Wo in den Bächen Milch und Honig fließen,
Wo dir ins Maul gebrat’ne Tauben schießen,
Wo nie ein Tag durch Müh’ und Plag’ zu lang,
Das Leben eitel Tanz und nur Gesang,
Das als Schlaraffenland bekannt,
Die Pforte öffnet uns dies Wunderland.
Vierter Akt
(Eine Landschaft im Schlaraffenland. An den Bäumen hängen allerlei Eßwaren, Früchte und dergleichen. Drei Bäche kommen aus dem Hintergrunde hervor. In dem einen fließt Milch, in dem andern Honig und in dem dritten Sirup. — Mit der leichten bunten Tracht wilder Volkstämme bekleidete Menschen liegen schlafend oder schlummernd der Länge nach hingestreckt. In der Mitte der Bühne ein niederer römischer Speisetisch mit Ruhebetten ringsum. Rechts ein Ziehbrunnen, der gesperrt und oben mit einer königlichen Krone versehen ist. Der Däumling und Aschenbrödel liegen am Sirupbache.)
Erste Szene
Sancho (tritt auf)
Sancho
Welch ein gesegnetes Land, welch ein glückliches Volk! Nun bin ich volle acht Tage hier, und noch habe ich keinen mißvergnügten Laut gehört; nichts von Opposition, nichts von Steuern, nichts von Polizei! Tag und Nacht gleich lang: am Tage scheint die Sonne, bei Nacht der Mond. Gebratene Tauben fliegen in den Mund, Milch und Honig fließen. O, es ist alles so vollkommen, daß es einen rasend machen könnte! Ein Hagelschauer, ein Donnerschlag, eine kleine Überschwemmung dort und da, würde in dieses verschlafene Volk doch etwas Leben bringen! — Ein träges Volk, das sich wund liegt und an Magenkatarrhen leidet! Wenn ich nur zu entdecken vermöchte, wie ich in diese schlafenden Gemüter auch nur das winzigste Samenkörnchen Unzufriedenheit säen könnte. Ritter Don Quixote, der hier sein Ideal und seinen Idealstaat wiedergefunden hat, ist Staatsminister geworden, nachdem er anderwärts der prinzipiellen Opposition angehörte. Nun ist er natürlich ein eifriger Gegner aller und jeder Neuerung!
Das Volk (regt sich ein wenig auf)
Sancho
Gibt es gar niemanden, der einen noch so geringfügigen Grund zur Unzufriedenheit hätte?
Einer aus dem Volk
Womit sollten wir unzufrieden sein?
Sancho
Mit einer Bagatelle! — Mit allem! — Dem Bestehenden!
Einer aus dem Volk
Etwas einförmig ist’s freilich!
Sancho
Ei, sieh doch! Das Essen ist gut, die Wärme wohlig, der Schlaf exzellent! Vielleicht daß es Euch an Arbeit fehlt?
Das Volk
Ja, Arbeit!
Schön! Eine kleine Arbeiterfrage als Anfang. — Gibt es nicht sonst noch etwelche kleine Mängel in Regierung oder Verwaltung, denen allerdings nicht abzuhelfen ist, die sich aber gerade dadurch als dauernd wertvoll herausstellen könnten? Däumling, du bist doch sonst voller Finten! Fällt dir nichts ein?
Däumling
Herr Waffenträger! Meine Unbedeutendheit, meine geringe Herkunft —
Sancho
Bravo! Du dokumentierst dich sofort als Ministerkandidat!
Däumling
— Sowie meine vollkommene Unkenntnis in bezug auf staatliche Angelegenheiten, veranlassen mich die Frage aufzuwerfen, ob wir denn in einem privilegierten Gemeinwesen leben oder nicht, und zwar auf Grund eines Sachverhalts, der schon längst den öffentlichen Unwillen hätte auf sich ziehen sollen.
Sancho
Was ist dies! Sprich, Engel!
Däumling
Bemerkt das Volk denn nicht, daß der Brunnen gesperrt ist und obendrein noch von einer Königskrone verunziert wird?
Ha! Eine Kabinettsfrage, die leicht mit einer Ministerkrise endigen kann! — Was sagt das Volk zu dieser Verletzung der verfassungsmäßig gewährleisteten Grundrechte?
Das Volk (ermuntert sich)
Sancho
Das Volk erwacht! Die Opposition hat sich gebildet, und ich eile, eine Interpellation an den Staatsminister zu richten.
Zweite Szene
Die Vorigen. Don Quixote
Don Quixote
Ist dies nicht der ideale Staat, Sancho? Siehst du, daß das Ideal denn doch auf Erden zu finden ist, was du stets in Zweifel zogst! O, beglücktes Land, o, beglücktes Volk! — Wenn mir nun noch vergönnt wäre, mein Ideal, mein Liebesideal zu schauen, ich würde mit Freude und mit grauen Haaren in die Grube fahren!
Sancho
Das wäre auch das Ratsamste, Euer Gnaden, denn seine Ideale soll man nicht überleben!
Sehr wahr, Sancho! Doch was hat sich während meiner kurzen Abwesenheit hier zugetragen? Das Volk schläft nicht mehr!
Sancho
Nein, das Volk erwacht!
Don Quixote
Wer hat es aus seinen süßen Träumen geweckt?
Sancho
Der Zeitgeist, das Klassenbewußtsein und — ich!
Don Quixote
Warum tatest du uns das? Denn der da schläft, sündigt nicht, und im Schlafe kommen uns die schönsten Träume! — Was wünscht das Volk?
Sancho
Als Führer der Opposition liegt mir die schmerzliche Pflicht ob, die Wünsche des Volkes dessen erleuchtetem Diener vorzutragen!
Don Quixote
Was wünscht das Volk?
Sancho
Arbeit!
Arbeit? Wo soll ich die hernehmen?
Sancho
Ja, seht, wenn wir dies wüßten, so wäre die Frage gelöst!
Don Quixote
Und es ist dir ja gar nicht darum zu tun, daß sie gelöst werde! Du Schelm!
Sancho
Zugleich bekundet sich eine allgemeine Unzufriedenheit betreffs des privilegierten Brunnens, der verschlossen gehalten wird und überdies im Widerstreite mit der geltenden Verfassung des Reiches mit einer Königskrone versehen ist.
Don Quixote
Gut! Liegt noch etwas vor?
Sancho
Für den Augenblick nicht.
Don Quixote
Gut! Die großen Fragen sollen im Zusammenhang gelöst werden. Ich werde bei dem königlichen Landesherrn über die Angelegenheiten Vortrag halten.
(Ab.)