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Die Schlüssel des Himmelreichs; oder, Sankt Peters Wanderung auf Erden cover

Die Schlüssel des Himmelreichs; oder, Sankt Peters Wanderung auf Erden

Chapter 30: Fünfter Akt
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About This Book

A five-act visionary drama stages a wanderer from heaven moving among earthly scenes and figures, from a grieving smith and domestic tragedy to encounters with legendary and mythical personae such as Don Quixote, Sancho and other archetypes. Settings shift from a forge to festive and fantastical locales, a land of plenty, and sites of religious significance, including Calvary and Babel. The playscape blends fairy-tale motifs, parable and satire to examine mortality, guilt, faith, and the gap between ideals and illusions, alternating tones of mourning, comedy and moral inquiry while probing social mores and spiritual longing.

Dritte Szene

Die Vorigen. St. Peter

St. Peter

O, welch wonnigliches Reich! Sollte ich nun wirklich an das Ziel meiner Wanderung gelangt und dies das Himmelreich sein? — Doch ich habe keine Pforte gesehen!

Sancho

Hast du sie nicht gesehen? Sie stand ja sperrangelweit offen.

St. Peter

Ach, ist das nicht der widerwärtige Sancho Pansa? Nein, wenn der da ist, kann das nicht das Himmelreich sein!

Sancho

Du glaubst also nicht an den bußfertigen Schächer? Komm her, Däumling, und bring den Fisch sowie das Augenglas zur Stelle, damit der Prophet sich überzeugt, daß er sich in guter Gesellschaft befindet. Komm hervor, Däumling!

Däumling (zu Sancho)

Das sollst du mir entgelten. (Zu St. Peter, dem er den Fisch und das Glas übergibt.) Hier habt Ihr den Plunder, den ich auf einem Tisch unter einer Linde gefunden.

St. Peter

Ah, mein Symbol!

Sancho

Sind das deine Augengläser?

St. Peter

Und meine Brille!

St. Peter (betrachtet die Szenerie durch sein Augenglas)

Hm! Mich dünkt, es sieht hier so weltlich aus! Auch die Mienen der Leute entsprechen meinen Vorstellungen nicht! Nein! Hier ist sicherlich nicht das Himmelreich!

Sancho (zum Däumling)

Der Alte hat dich und deine Dieberei total vergessen. Gratuliere dir!

Vierte Szene

Die Vorigen. Der König (der Schmied) und die Königin (die Liebhaberin)

König (zur Königin)

Hier ist der Himmel, ja, und deine Augen
Sie spiegeln ihn so blau, so licht!

Königin

Es ist das nicht der Widerschein des Himmels,
Nein, deines eignen liebevollen Blicks!

König

Der sich am hellen Feuer deiner Tugend,
An deiner Schönheit sich entzündet hat . . .

Königin

Ihn zeugte deiner Milde Majestät,
Wie ihn auch nähret deine Güte, König!

Fünfte Szene

Die Vorigen. Don Quixote

Don Quixote

Eure Majestät sollten einen Entschluß fassen, denn die Flamme des Aufruhrs wächst und droht um sich zu greifen.

König

In welchem Maße? Du siehst immer alles im Großen, Don Quixote. — Um was handelte es sich doch? Ja, richtig, das Volk begehrt Arbeit, und das Volk begehrt eine Abänderung beim Brunnen! Und du siehst dich also nicht imstande, diese Fragen in ihrem Zusammenhange zu lösen?

Don Quixote

Nein, Eure Majestät!

König (zur Königin)

Verzeiht, liebe Königin, aber ich muß ein wenig regieren, um zu Tische Appetit zu bekommen! — (Zum Volke.) Gibt es jemanden hier, der diese Nuß mit einem Griff zu knacken vermag, so soll er Staatsminister werden!

Sancho (reckt die Hand in die Höhe)

König

Sancho! Nun wohl, so sprich! Aber sprich weise, und vor allem, kurz!

Sancho

Ich hab’ mir die Sache so zurechtgelegt, nichts für nichts, und etwas gegen etwas! Die Mißvergnügten stehen von ihrer Forderung nach Arbeit ab, dafür wird der Brunnen der allgemeinen Benutzung überlassen.

König

Sehr schön! Man pflegt das einen Kompromiß zu nennen!

Don Quixote

Weißt du denn aber auch, Waffenträger, ob die Mißvergnügten auf den Kompromiß eingehen?

Sancho

Was? Man ladet die Opposition zu einem Korruptionsdiner und verleiht dem Führer ein Portefeuille.

Don Quixote

In diesem Falle sehe ich mich genötigt, mein Mandat in die Hände Eurer Majestät zurückzulegen. Ich trage das Bewußtsein davon . . .

Sancho

Doch nicht den Sieg!

König

(hebt die Krone von dem Brunnen und reicht Sancho den Schlüssel)

Hier ist der Schlüssel zum Düngerbrunnen! Pumpt nun, Leutchen! Doch gebt acht, daß ihr euch nicht bespritzt!

Das Volk

Ei!

König

Nachdem der Grund zur Unzufriedenheit nunmehr behoben ist, hoffe ich, du wirst gut regieren, Sancho, auf daß das Land künftighin vor Zerwürfnissen bewahrt bleibe.

Sancho

Eure Majestät! Da nunmehr aller Anlaß zur Unzufriedenheit hinweggeräumt ist, wird das Volk alsbald wieder in jene beseligenden Träume gelullt sein, aus denen es jüngst in so unliebsamer Weise aufgestört worden ist! Schlummere, Volk!

(Er macht mit den Händen einige hypnotische Gebärden.)

König

Ist das ein Staatsmann, dieser Sancho! Ist das ein Staatsmann! (Ab mit der Königin.)

Sechste Szene

Die Vorigen (ohne den König und die Königin)

Don Quixote

Du bist ein Schurke, Sancho!

Sancho

Der König bediente sich des Wortes Staatsmann in einem ganz anderen Sinne!

Don Quixote

Bist du nun zufrieden?

Sancho

Nun bin ich zufrieden!

Don Quixote

Müssen aber deshalb auch schon alle andern zufrieden sein?

Sancho

Ich hoffe, sie sind es bereits! Ich weiß, daß sie es sind!

Das Volk

(das der Däumling unter der Hand bearbeitet hat, beginnt zu lärmen)

Sancho

Weshalb lärmt das Volk?

Däumling

Die allgemeine Unzufriedenheit, das Klassenbewußtsein, der Zeitgeist und ich, wir haben uns in unsern — Wünschen dahin geeinigt . . .

Sancho

Womit seid ihr unzufrieden?

Däumling

Mit allem! Mit dem Bestehenden, dem Gegenwärtigen und Zukünftigen!

Sancho

Das ist doch merkwürdig, daß man nie und nimmer zur Ruhe kommen kann, daß es ewig nur Hader und Unzufriedenheit geben muß! Wolltet ihr mir nur gehorchen, nur tun, was ich euch sage, der Himmel wäre auf Erden! Du bereitest mir Kummer mit deinen übertriebenen Forderungen, Däumling, schweren Kummer! Das Volk hatte es so gut, als es nur immer wünschen konnte: weshalb es unglücklich machen?

Das Volk (lärmt)

Don Quixote

Jetzt kehrt sich der Spieß gegen dich, Spitzbube!

Sancho (zum Däumling)

Was begehrt denn aber das Volk? Detailliere! Detailliere!

Däumling

Ja, seht, einige möchten den Brunnen gesperrt haben!

Sancho

Hat man nicht eben erst verlangt, daß er geöffnet werde?

Däumling

Jawohl! Wieder andere wünschen eben auch, daß er geöffnet sei!

Sancho

Alle Wetter! O, du kleiner, großer Schelm! Ich beuge mich vor dem Meister, der die Parteien ins Leben rief.

Däumling

Teile und herrsche!

Siebente Szene

Die Vorigen. König (und die) Königin

König

Was gibt es nun wieder?

Sancho

Eine Ministerkrise! Der Parteigeist ist los!

König

Sei den Parteien zu Willen!

Sancho

Es ist nicht möglich, beiden Parteien zugleich zu Willen zu sein!

König

Nein, das ist freilich nicht möglich! Ist es der Brunnen, der wieder spukt? — Wißt ihr was, Leutchen, ich geh’ jetzt meiner Wege!

Königin

Nein, du mußt bleiben!

König

Ich muß? Was redest du da?

Königin

Welche Sprache! Welcher Ton!

König

Du willst mir wohl meine niedrige Herkunft vorrücken, daß ich ein Schmied war. Da muß ich dich doch daran erinnern, was du gewesen! Was bist du! (Regt sich mehr und mehr auf.) Dirne, Metze! (Er schlägt mit der einen Hand auf die andere.)

Königin (sinkt um)

So also liebtest du mich!

St. Peter

Mir scheint, ich bin geradenwegs in die Hölle geraten! (Ab.)

(Es dunkelt.)

König (auf den Knien neben der Leiche)

Tot ist sie, o ihr Himmel, sie ist tot.
Du holder Engel, der das Leben mir versüßte!

Sancho

Hier wird es mehr und mehr ungemütlich. Ich geh’ jetzt auch, so erspare ich, gegangen zu werden! (Ab.)

Don Quixote

Ich fange an zu glauben, daß, was nie gewesen, das Beste ist. — Dulzinea! — Dulzinea! (Ab.)

Däumling

Weißt du, Aschenbrödel, du bist ein prächtiges kleines Weibchen. Du fällst doch nicht gleich in Ohnmacht, wenn ich gegen dich grob bin, wie diese großen Prinzessinnen!

Aschenbrödel

Nein, da mach ich’s besser. Ich geb’s zurück!

Däumling

Und bei Geschenken und Gegengeschenken erhält sich die Liebe am längsten. Komm, gehen wir. Mir sind solche Szenen in der Seele zuwider! Hier wäre unstreitig ein gutes Land, aber es ist ein schlechtes Volk, das doch eine bessre Regierung verdiente! (Ab, Arm in Arm mit dem Aschenbrödel.)

Achte Szene

König (an der Leiche der) Königin. Arzt. Sankt Peter

König

Unsel’ges Leben, oh, und grimmer Tod!

Der Arzt

Hast wieder ’mal was Schönes angerichtet!

König

Ja, was hab’ ich denn eigentlich getan? Kann ich dafür, daß man ihr kein Wort sagen darf!

Der Arzt

Weißt du, Schmied, ich glaube, es ist am besten, daß sie dahin ist. Da schwärmst du immer am meisten für sie. Und Engel werden wir ja doch erst, wenn wir tot sind!

König

Leider, daß dem so ist! Aber nur einmal noch, wenn sie wiederkehrte! Wie wollte ich mich dann zusammennehmen!

Der Arzt

Einmal noch? — Nein! Nie wieder!

St. Peter

Hört, meine lieben Freunde! Aufrichtig gesagt, ich fange an, dieser Wanderung hier herzlich müde zu sein, und wenn ich so sehe, wie der Schmied immer nur Spektakel macht, so fürchte ich, daß wir gänzlich das hohe Ziel aus den Augen verlieren . . .

Der Arzt

Das Ziel? Ach ja, das war das Himmelreich! Wir kommen sicher noch dahin, nur müssen wir eben erst durchs Fegefeuer. Sag, Schmied, bist du der Erdenwanderung auch schon müde?

Der König

Ob ich es bin! War’s schier von allem Anfang!
Und seit ich tiefer nun ins Aug’ geblickt
Dem Menschen und dem Leben, widert’s mich!
Das Große ist mir nicht genügend groß,
Das Kleine wieder dünkt mich allzu klein,
Und hat hier unten man bankrott gemacht,
Dann eben sehnt das Herz sich nach dem Oben!

Der Arzt

Man sagt, der Teufel wird im Alter Mönch,
Verlangt dich etwa nach dem Schoß der Kirche?

Der König

Du hast’s vielleicht erraten; in den heil’gen Stand
Wünscht’ ich als Knabe schon dereinst zu treten.

Der Arzt

Wohlan, zwei Fliegen schlagen wir mit einem Schlag.
Erhält doch Petrus so des Himmels Schlüssel,
Die dort in Rom verwahrt der heil’ge Vater,
Auf daß er bind’ und löse, ihm von jenen
Zum Erbe einst gegeben, die die Kirche
Erbauer auf dem Fels — so heißt es doch?
Auf denn zum letzten Male, über’n letzten Steg,
Es gehet über Rom zum Himmel unser Weg!

(Die Szene beginnt sich zu verändern; der Vorhang fällt.)

Fünfter Akt

(Eine Kapelle der Peterskirche in Rom, von den Seiten her Musik und Gesang. Rechts das Erzstandbild Petri.)

Erste Szene

Der Schmied (und) Sankt Peter (treten auf, sie entblößen ihre Häupter)

Der Schmied

Ist’s hier aber gewaltig fein! Und dieses hohe Deckengewölbe!

St. Peter

Ja, wahrhaftig, es macht mich ganz befangen!

Der Schmied

Was sollen wir nur sagen, wenn der Papst kommt? Es wird am besten sein, wenn du zuerst sprichst!

St. Peter

Still, mir scheint, er kommt! Nein, das war er nicht!

Der Schmied (deutet auf das Standbild)

Himmel, wen mag das vorstellen! Lesen wir, was darunter steht. P,e,t,r,u,s; Petrus, das bist du ja!

St. Peter

Nein, wirklich! Haben sie mich da gar in Bronze abgenommen! Haha! Es sieht mir aber gar nicht ähnlich, scheint mir.

Der Schmied

Oh ja! — Vielleicht, daß das Haar hier etwas voller ist, weißt du?

Zweite Szene

Die Vorigen. Der Papst

Der Schmied

Sieh, da ist er nun! Fall auf die Knie!

(Der Schmied und St. Peter fallen auf die Knie)

Der Papst (bleibt stehen)

Wer seid ihr?

Der Schmied (zu St. Peter)

Antworte du! Ich fürchte mich so sehr!

St. Peter

Ein geringer Diener des Herrn.

Der Papst

Wie heißt du, alter Mann?

St. Peter

Petrus!

Der Papst

Wie noch?

St. Peter

Simon!

Der Papst

Steh’ auf!

St. Peter (erhebt sich)

Der Papst

Simon Petrus! Wie seltsam! — Und dein Vater hieß . . .?

St. Peter

Jona, Fischer in Kapernaum!

Der Papst

Warst du Petrus? (Er bekreuzt sich.) Du bist schon einmal in dieser Stadt gewesen!

St. Peter

Niemals! Achthundert Jahre stand ich vor dem Kölner Dom, in Rom aber war ich noch nie!

Der Papst

Dein Gedächtnis läßt dich im Stich. Hier auf diesem Platze littest du den Märtyrertod, weshalb zur Sühne und ewigen Erinnerung diese Kirche erbaut wurde . . .

St. Peter

Den Märtyrertod litt ich nicht . . .

Der Papst

So sagen die Kirchenväter!

St. Peter

Ich bin älter als die Kirchenväter und weiß darüber besser Bescheid als sie!

Der Papst

Und die Dekretalen . . .

St. Peter

Ich kenne keine Dekretalen . . .

Der Papst

Aber deine eigenen, in höchst vortrefflichem Stile geschriebenen Briefe!

St. Peter

Ich habe keinerlei Briefe geschrieben.

Der Papst

Auf Griechisch im Novum Testamentum?

St. Peter

Als Hebräer verstand ich nicht Griechisch. War ich doch ein armer, ungelehrter Mann, der sich mit Fischerei ernähren mußte!

Der Papst

Bist du Petrus, oder bist du es nicht?

St. Peter

Ich bin Petrus, derselbe, den du meinst, Papst!

Der Papst

Der Fels, auf dem die Kirche ruht, als dessen Nachfolger ich bestellt bin?

St. Peter

Ich war kein Fels, nur ein schwankes Rohr. Hab’ ich doch in jener denkwürdigen Nacht im Schreck meinen Herrn und Meister verleugnet! Zur Strafe wandre ich denn auch auf Erden, ohne Ruhe zu finden.

Der Papst

Und dies der Grund, auf dem sich die Kirche aufbaut!

St. Peter

Deshalb wackelt sie auch so, kracht in allen Fugen!

Der Papst

Daß du ein Ketzer bist, höre ich, und würde auch den großen Bann über dich aussprechen, wenn ich dich nicht im Verdacht hätte, irgendein entsprungener Tollhäusler zu sein! — Wer ist dieser dein Gefährte da?

St. Peter

’s ist nur der Schmied!

Der Papst

Welcher Schmied? Was ist sein Begehr?

Der Schmied

Ja, es klingt wohl wie eine Sage, aber eigentlich ist St. Peter hierher gekommen, sich nach den Schlüsseln zum Himmelreich umzusehen —

Der Papst (ruft hinaus)

Sbirre!

Sbirre (tritt auf)

Der Papst

Treib das Gesindel aus der Kirche! (Ab.)

Dritte Szene

Der Schmied. St. Peter. Sbirre

Sbirre

Hinaus!

Der Schmied

Dich nennen sie Gesindel, Petrus!

Sbirre

Hinaus!

Der Schmied

Schön! Schön! Ihr wißt nicht, Sbirre, wen Ihr hier die Ehre habt hinauszujagen!

Sbirre

Hinaus! Gesindel!

St. Peter

Was sagst du, was sie alles über mich zusammengelogen haben! Da gehen sie hin und lesen Briefe von mir, die ich nie geschrieben. Aber seien wir demütig, Schmied!

Der Schmied

O, du brauchst nicht demütig zu sein, du, dessen Standbild in der Kirche steht —

St. Peter

Ja, doch! Ich schäme mich! Ich schäme mich!

Der Schmied

Das magst du wohl, und glaube nur ja nicht, daß ich im Schoße einer Kirche bleibe, in der es von Sbirren spukt.

St. Peter

Ich glaub’, ich habe mich mein Lebelang dem Himmel nicht so fern gefühlt als eben jetzt.

Sbirre

Hinaus!

St. Peter

So geht es einem, wenn man blöde ist und die Wahrheit reden will. (Zum Sbirren.) Hinaus? — Jawohl, Schmied, wieder hinaus, zu irren und zu wallen, sonder Rast noch Ruh! Weißt du, woran es uns gebricht, warum wir nicht ans Ziel gelangen?

Der Schmied

Nein.

St. Peter

Am Glauben. Denn nun kommt mir’s auf einmal in den Sinn: Der Weg zum Himmel ist der Weg des Kreuzes! Laßt uns das Kreuz aufsuchen!

Der Schmied

Du meinst das Leiden?

St. Peter

Ich meine das Leiden!

Der Schmied

Wohl. Nur dünkt mich, der leide am schwersten, der an nichts glaubt, und doch steht er dem Kreuze am fernsten.

St. Peter

Krieche zu Kreuz, Schmied, und wir werden uns überzeugen! (Gehen ab.)

Verwandlung

(Ein Kreuzweg und ein Kalvarium, steinerner Sockel, darüber Christus zwischen den zwei Schächern am Kreuze, letzteres mit der Rückseite gegen das Publikum.)

Vierte Szene

Don Quixote (sitzt am Fuße des Kreuzes). Der ewige Jude (der Arzt verkleidet, tritt auf, den Kramkasten am Riemen um den Hals.)

Jude

Kauft vom ewigen Juden, gestrenger Herr Ritter!

Don Quixote

Was hast du denn noch zu verkaufen, nachdem du deinen Herrn und Meister verkauft hast?

Jude

Manschettenknöpfe und Krawattennadeln, Spiegel und Kämme, Bleistifte und Notizbücher!

Don Quixote

Gib mir einen Spiegel!

Jude

Ist’s gefällig?

Don Quixote

Was kostet er?

Jude

Eine Mark!

Don Quixote

Kannst du auf dreißig Silberlinge herausgeben?

Jude

Jawohl!

Don Quixote

Du verstehst keine Satire, Jud’?

Jude

O, ich schon! — Aber der Herr Ritter?

(Er spuckt auf das Geld und steckt es ein.)

Don Quixote

Du spuckst aufs Geld?

Jude

Ja, ich mach’ es, wie der Herr Ritter mit dem Juden. Ihr spuckt ihn an und nützt ihn dennoch aus.

Don Quixote

Für dein schlechtes Gewissen hast du einen merkwürdig guten Humor!

Jude

Wieso?

Don Quixote

Nun, gingst du nicht auch hin und kreuzigtest . . .?

Jude

O nein, das taten der Römer Pilatus und seine Kriegsknechte, und mußte Pilatus sich auch seine Hände waschen, weil sie nicht rein waren, brauch’ doch ich die meinen nicht zu waschen, die rein sind! (Setzt sich.)

Don Quixote

Steh auf! Und geh! Geh, geh, solange die Welt steht, du, der du dem Herrn auf seinem letzten Gange die Rast verweigert hast!

Jude

Sagen, Ritter! Nichts als Sagen! Übrigens, wenn ich tue wie der bußfertige Schächer und um Verzeihung bitte, wird mir dann das Paradies nicht offen stehen?

Don Quixote

Hast du denn um Verzeihung gebeten?

Jude

Ich habe noch mehr getan: ich habe meine Strafe abgebüßt, und nun bin ich müde.

Don Quixote

Setz’ dich her, armer Jude, und möge der Schatten des Kreuzes dir Kühlung spenden!

Jude

Wißt Ihr, Ritter, weshalb Judas die dreißig Silberlinge wegwarf und hinging und sich erhängte?

Don Quixote

Nein!

Jude

Das Geld war falsch!

Don Quixote

Deine Gedanken drehen sich fort und fort um Geld und weltliche Dinge, und du bist noch weit vom Kreuz.

Jude

Ich will mit Euch nicht streiten, Herr Ritter, und finde es vernünftiger, Eure Meinung zu teilen; so sind wir mindestens in der Hauptsache eins.

Fünfte Szene

Die Vorigen. St. Peter. Der Schmied

St. Peter

Hier, seh’ ich, sammelten sich müde Pilger: Der Ritter nahm den ersten Platz.

Don Quixote

Am Scheidewege treffen wir uns alle,
Allein wir treffen uns nur, um zu scheiden!

St. Peter

Du scheinst nun allen Ernstes müde, Ritter!

Don Quixote

Nicht müde bin ich bloß, zusammen brech’ ich!
Mein Leben, war es auch nur eine Sage,
Neu leben wird es jegliches Geschlecht,
So lang’ die Erde kreist, der Himmel steht,
Die Menschen hinter Truggebilden jagen,
Solange man nichts lernt und nichts vergißt,
Wird Don Quixote weiter leben
In Jünglings Torheit, Mannes Klugheit!
Fahr’ wohl, du Welt, voll grimmen holden Trug’s!

(sinkt nieder.)

St. Peter

Der edle Ritter, er ist tot!

Jude

Und lebt doch!
Er hielt sich selbst die beste Leichenrede,
Wie keiner sie ihm besser halten konnte. —
Doch sieh’, mich dünkt, daß auch St. Peter
Sein müdes Haupt zur Ruhe neigt.

St. Peter (hat sich niedergesetzt und scheint schläfrig)

Der Plag’ und Mühen bin ich nunmehr satt,
Und ohne Klage geh’ ich aus der Welt,
Denn nicht auf Erden findest du den Himmel,
Nur dessen Pforte — die da heißt der Tod!

(Stirbt.)

Sechste Szene

Der Jude ([der Arzt] läßt die Verkleidung fallen). Der Schmied

Der Schmied

(will sich setzen, wird jedoch vom Arzte zurückgehalten)

Der Arzt

Nein, nein! Du darfst dich noch nicht setzen,
Zur Hälfte kaum verstrichen ist dein Leben.

Der Schmied

So warst das du? — Dann laß uns scheiden,
Denn ich will ruhn hier in des Baumes Schatten,
Und deine Wege, nie verstand ich sie.

Der Arzt

Es ist gut ruhen nicht im Schatten solcher Bäume,
Auch leg’ auf andrer Schultern nicht dein Kreuz,
Das ist bequem, doch führt es nicht ans Ziel,
Steh’ auf und trage selbst es bis ans Ende.

Der Schmied

Das tat ich auch, und hier ist nun das Ende.

Der Arzt

Nein, hier!

Verwandlung

(Das Innere der Ruinen des Turms zu Babel. Galerien und Gänge. Im Hintergrunde eine große Nische. Rechts eine Leiter, die auf halber Wand aufhört, mitten im Raume ein Tisch, über den eine zierliche Decke gebreitet ist. Unter derselben ein Korb.)

Der Schmied

Wo bin ich hier? — Ist das die Unterwelt?

Der Arzt

Das nicht. — Doch in dem Turm zu Babel bist du.
Der Sage doch gedenkst du aus der Jugend,
Wie einst die Menschen sträflich sich vermaßen
Und in den Himmel klettern wollten,
In Turmesform sich eine Treppe bauend?
Die Götter — nein, hm, Gott vertrug das nicht,
Und er zertrümmerte den stolzen Bau.

Der Schmied

Weshalb ihn heut nicht wieder auferbaun,
In diesen Tagen, da wir nachgeahmt
Den Blitz, hinan zum Himmel segeln,
Herniedersteigen auf des Meeres Grund
Und durch den Draht mit fremden Ländern sprechen.

Der Arzt

Du Himmelsstürmer, lebst du immer noch?
Sieh hier im Bilde deine ältsten Ahnen!

Phantasmagorien

(auf weißem Grunde in der Tiefe de Nische)

Der Arzt

1. Ikarus

Hier sieh, wie Ikarus sich Flügel bildet,
Um zu der Sonne sich emporzuschwingen,
Sie aber schmolz das Wachs im Mechanismus,
Und den Entflügelten verschlang das Meer.

2. Prometheus

Hier ist Prometheus, wohl der Kuckuck
In deiner Himmelsstürmer Schar,
Im übrigen verwandt dem Riesen,
Du denkst doch sein? Willst lieber ihn vergessen! —

3. Jakob ringt mit Jehova

Hier sieh den Patriarchen Jakob,
Der kämpfen wollte wider seinen Gott
Mit dem Erfolge, den die Bibel lehrt. —
Wünschst du noch mehr zu sehn, so sprich!

Der Schmied

Ich sah genug, hab’s auch verstanden!

Der Arzt

Bist also du des Himmelsfluges satt!
Wohlan, zurück denn auf die Erde!

Der Schmied

Ein Wort noch! Diese Leiter hier?

Der Arzt

O, das ist die berühmte Jakobsleiter.

Der Schmied

Auf der die Engel steigen auf —

Der Arzt

Und nieder!
Bei Gott, es läßt dich noch nicht ruhn,
Dem Himmelswahne nachzujagen!

Der Schmied

Der steckt in einem, wie die Sünde selbst!

Der Arzt

Kein Wunder das! Demselben Baum
Entsproß er wie die Sünde.
Wohlan, klimm auf, versuch’ die Leiter,
Und trägt sie dich nicht himmelan,
Steht sie doch fest auf Erden.
Nun scheiden wir, doch eh’ du gehst,
Nimm hier die kleinen Angedenken
Von ihm, der dich geführt ins Sagenland.
Am Herbstesabend, da mit deinem Gram
Der Regen draußen um die Wette weinte,
Zog ich aus meinem großen Korb
Des Spielzeugladens beste Waren,
Gebrauchend sie nach Zauberart.

(Während des folgenden nimmt er Spielsachen und Märchenbücher aus dem Korbe und legt sie auf den Tisch.)

Hier sieh’ den Riesen, greulich anzuschaun,
Der Felsen schleudert und die Kleinen schluckt.
Da haben wir den winz’gen Däumling,
Der Riesen fräße, käm’ er ihnen bei,
Und seine treue Gattin Cendrillon.
Sieh hier die Sagen mit den hübschen Bildern,
Den Ritter Blaubart mit den Frauen,
St. Peter, der auf Erden wandelt,
Ob er auch lang schon, lange tot,
Den Schuster aus Jerusalem, Schlaraffenland — — —
Laß dir’s genügen und trag’s heim den Kindern.

Der Schmied

Was soll der Hohn, der grausamer denn all die Bilder?

Der Arzt

Nie sprach ich je ein wahrer Wort! —
Steig auf die Jakobsleiter dort,
Und du wirst sehn — mag’s gar nicht mit anschaun,
Dort wirst zu allererst du sehn
Die Schmiede und dein Kämmerlein;
Drin an der Wand drei kleine Bettchen.

Der Schmied

Die Räume will ich niemals wiederschaun!

Der Arzt

Und in der Kammer findest du Bekannte!
Doch glaub’ nur nicht, der Himmel falle nieder,
Und daß auf Leitern seine Engel wallen.

(Die Kinder des Schmiedes erscheinen in der Nische.)

Der Schmied

O, meine Kinder!

Der Arzt

Nun geh’ ich fort,
Denn meine Zauberkunst vermag hier nichts.
Bau nun ein neues Himmelreich dir selbst,
Glaub’ denen nicht, die mit den Schlüsseln klappern,
Vertrau’ der Wirklichkeit und nicht dem Schein,
Bau keinen Babelsturm; er stürzt dir ein.

(Der Vorhang fällt.)

(Schluß)