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Die Schwägerinnen. Zweiter Theil. cover

Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Chapter 1: Die Schwägerinnen.
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About This Book

An alienated heir returns to his ancestral estate haunted by a near-fatal illness and a lingering preoccupation with death, forming in youth a close but contrasting friendship with a boy rescued at sea and raised by a merchant, whose foreign origins and tender upbringing set him apart. The narrative follows their separation, the heir's cautious, duty-driven marriage to a gentle but emotionally reserved woman, and the subtle gaps between social obligation and inner longing. Themes include solitude, the burdens of inheritance, cross-cultural memory, and the compromises of domestic life, explored through character study and episodic incidents.

The Project Gutenberg eBook of Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

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Title: Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Author: Henriette Wilhelmine Arndt Hanke

Release date: October 4, 2015 [eBook #50128]
Most recently updated: October 22, 2024

Language: German

Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWÄGERINNEN. ZWEITER THEIL. ***

Die Schwägerinnen.

Roman
von
Henriette Hanke
geb. Arndt.

Zweiter Theil.

 Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,
Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,
Die man gesäet auf fremdem falschen Grunde.
Dante Alighieri.

Hannover, 1836.
Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung.

 

Graf Frankenstern war der letzte Sprößling eines alten fränkischen Geschlechts. Früh verwais't, seinem Stammhaus entfremdet, hatte er den Besitz der deutschen Standesherrschaft Bonna und Bühle, einer Spaltung der Familie und dem Unglück seines Oheims zu danken, der vier kräftige Söhne in der Blüthe ihrer Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat einem kränklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im Sarge gelegen. Graf Frankenstern war von Kindheit an zu Starrkrampf geneigt, und in solchem Zustande einmal für todt gehalten worden. Ein rettender Zufall gab ihn dem Leben zurück; doch den tiefen Eindruck jener entsetzlichen Gefahr nahm die Oberfläche der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen Gesichte blieben leichenhafte Züge, ein Grauen vor Allem, was an das Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses Erstandenen, und jene bange einsame Ruhe, welche die Todten umschwebt, wich nie von seiner blassen Stirne. –

Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, hatte Graf Frankenstern schon zeitig das Weh empfunden, ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein inniges Band zärtlicher Achtung knüpfte ihn an seine Verwandten, Liebe machte seine dankbare Pflicht nicht freiwillig: das Schloß zu Bonna war eine Oede des Hasses für seinen künftigen Herrn. Als dieser nun auf eine ferne Ritterschule kam, fühlte er sich zum erstenmale gesellig glücklich, und in einem Zusammenhange, der sein Herz erweiterte. Vorzugsweise schloß er sich an einen jungen Edelmann fremder Abkunft, und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den äußern Verhältnissen der beiden Jünglinge, als ihre innerste Verschiedenheit, was diese Freundschaft begründete.

Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Küsten seiner Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den Umschwung ihres zeitlichen Glückes erfahren, und seitdem die schwebende Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges Glück! – Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen Balken geklammert, unter Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben mogte, sacht in den glühenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmächtigen anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hülfe leistete. Sie ließ ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse des Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas, und kaum war der Sieg seiner rüstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den unglückseligen Gast, der händeringend an ihrem Lager stand – dann erlosch ihr Blick, dieser mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht ihres Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick. Das Lächeln, womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand that Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser traurigen Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich hinweg, als ein dämmerndes Gedenken an die Schönheit seines Vaterlandes, eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie Frühlingslaut an seine Seele rührte – und das Blut seiner Nation, das stolz und heiß in seinen Adern floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem Knaben daher – sprüchwörtlich gesagt – Alles spanisch vor, und nichts heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mütterlichen Landhauses unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit verträumt, und, ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleißes; aber der Ernst eines geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius in eine Art von Verständniß zu setzen gewußt, die andern Geschwister nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: »Vater! lasse doch den kleinen Ritter –« der Kaufmann lächelte zu dieser anmuthigen Benennung, – »nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse der Webstühle macht ihm Kopfschmerz.« Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten seines Kindes und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines kleinen Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!«

Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in verhältnißmäßige Aufsicht käme, und brachte ihn später in jenes adelige Institut, wo er sich, wie wir bereits erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie kaum, wann? und wo? ein günstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer jugendlichen Freundschaft hält sich so stark, daß es keiner Verknüpfung dieser Art bedarf oder zu bedürfen glaubt.

Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und nahm die Stellung ein, auf die er Ansprüche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er sich ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war und blieb der Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm.

Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter antrat, meinte er, es sey nun schicklich, daß er sich vermähle. Wenig zugänglich für leidenschaftliche Gefühle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung von Stille für sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn ein Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein so glänzendes Loos wäre dem Fräulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind, elternlos und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen Familie, hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung, entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches Mädchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schützte, unbegehrt von einem Manne zu bleiben. Der irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein dem himmlischen zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz machte es dem Gelübde der Armuth untreu.

Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser jungfräulichen Seele gewesen wäre. Ein klösterlicher Hauch – wenn wir so sagen dürften – schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn, und die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen seine Eigenheiten zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte; doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn so zart in ihren Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen Kummer trug sie darüber. In ihrer linken Brust war eine kleine Verhärtung entstanden, die Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange keine Gelegenheit, einen Sachverständigen um Rath zu fragen, und dann eine schmerzliche Schaam zu überwinden, als es später doch geschah. Der Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft, und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter seinem Blick entziehen. Als die Gräfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen pflegte, ward er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch ein Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgültigkeit entblößt, während das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl zitternd hinblinzelt – ist mir nicht viel anders, als ob ich ein Richtschwert schwingen sähe. –« Ein jäher Krampf flog über seine Züge, die Gräfinn erbleichte – und es war nie mehr die Rede davon.

Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna geläutet werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf entschädigte die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an diesen stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie väterlich er für seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhäuser baute, nasse Augen heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, daß er ihnen den Genuß öffentlicher Trauer und Thränen raubte; das Gepränge mit ihren Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß ihr gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben müsse, dies sahen sie nicht ein. Der Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen, und diese classische Idee wurzelte in seiner nervösen Furcht vor der Möglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der Erfüllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile einzuräumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von Bonna gesammelt würden, sollte ein volles Maß von Wohlergehen über sie ausgießen. – Aber es gab einen Aufruhr – und wenig fehlte, so hätten sie das Schloß gestürmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurück.

Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehaßt. Dies nährte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschloß sich in sich selbst; nur das Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank nicht; aber er stand allein, und auf einer schroffen Spitze.

»Das wollen wir erleben, Der wird noch überschnappen –« sagte der Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären, die nur Jenem schadete. So kam das Gerücht in Umlauf, es sey nicht richtig mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie nicht selten durch die Meinung Zustände entstehen: so schwebte auch dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, für wahnsinnig gehalten zu werden.

Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da wissen, wie nichtig eitler Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey – entäußerte sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das Beste zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen läge, ihren Gemahl zu erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrücken sich öffnen, als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem Knaben entbunden, aber schwer; es mußte ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm sagte, Alles wäre vorüber.

Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so weit ihre Schwäche sie zuließ, konnte sie doch nicht bergen. Und als das Kind nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch einsamen Schmerzen sie es geboren, und daß die Natur des Vaters es ihr entrissen – die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger Gelassenheit, so daß sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fühlte sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen Thränen salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!« jammerte die Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben, bewußtlos wie eine Blume einschläft, die in tödtendem Frost erschauert! – Und kaum habe ich das Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes. –«

»Das Kind war weise –« sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.

»Weiß? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend, welch ein Wort der stumme, scheinbar kalte Vater fallen ließe, und schritt mit matten Schritten näher, »nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an eine blaurothe Farbe.«

»Es war weise, sagte ich,« betonte der Graf, »denn es sträubte sich gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil sich die Mühe des Lebens nicht verlohnt.«

Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht ihr Gemahl von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem Haupte gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.

Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und hätte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte vor, es könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des Todes.

Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein bleiches, verstörtes Gesicht forderte Schonung für seinen Zustand. Da dieser Zustand nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine Krankheit der Seele wie des Körpers genannt werden können, und die Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen Zartheit der Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, daß der Gräfinn jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den Geist zu durchdringen vermag: die Liebe – das tiefste Verständniß! –

Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen Frau rühmen müssen, die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und Wundärzten, nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst anzusprechen, selbst den Bader von Bonna grüßte sie freundlich und bedeutsam – was freilich zur Ehre eines vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes Interesse; und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem Gegenstande erblickt: so prägte sich ihr Alles zu Bildern der Sterblichkeit aus.

Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen der Familie aufgehoben lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses Nähzeug für Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwärts laufende Höhe zog sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben waren massiv und von Silber. Die Gräfinn, gleichgültig gegen Schmuck und Putz, so daß sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte, liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwähnte sie gesprächsweise, daß die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter, worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben von größerem Werth ihr erblichen. »O! da sey ruhig, mein Schatz!« antwortete der Graf eilig, weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen kannst Du sehr schön haben, wirklich köstlich; ächte! orientalische! –« Und mit freundlicher Gefälligkeit für den Geschmack der Gattinn, ließ er das Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben, und reichte ihr den Schlüssel. Die Gräfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen betrachtete sie das nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein förmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig.« Das Schloß, leise erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berührten in dem Grafen eine überspannte Saite – und schaudernd wendete er sich ab.

»Und innen auch –« fuhr die Gräfinn unvorsichtig fort, »dieses duftende Kissen von weißem Atlaß, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht, ist doch ein wenig mehr als Staub. –« Sie nahm ein Stück nach dem andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem lächelnden Blicke.

Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kästchen von nun an in Gewahrsam zu behalten.

Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war nicht glücklicher als die erste. Das Kind starb an Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr Mutterfreuden beschieden seyn würden, nur halb getröstet von dem Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn kränklichen Geschöpfen das Leben gegeben zu haben für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als ihren frühen Tod zu beweinen.

Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter düstrer Fassung hin, und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war es während jener Zustände schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt äußerte, wenn die Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so dürfe sie schon ohne Furcht seyn. –

Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne daß irgend ein Ereigniß bedeutender Art die tiefe, eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna unterbrochen hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie seit ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. – Sie brachte jeden Sommer eine Zeitlang in Bühle zu und besuchte dann freundschaftlich die Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lächeln blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht mancher geistlichen Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag. Sie sah an dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres Gemahls, daß sie alt würde, und nahm in trübem Verzichten auf die Freuden des Lebens das Gefühl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit.

Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit selten gestört gewesen, sehr kränklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fühle sich beengt und einen Andrang nach dem Herzen – traurige Gedanken schwebten ihr beständig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres Gemahls auszuhalten –: es läge ihr ein wenig im Gemüth, und Zerstreuung würde hier das Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf, wobei ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: »habe ich jene Schwermuth, unter der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth?«

»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unerträglich wird –« erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin ab, daß, wenn der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S... zu gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. – Es kostete einen schweren Entschluß, daß dieser Rath befolgt würde. Der Graf war beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen von geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden; es grauete Beiden vor dem Geräusch der Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein Automat. Er sprach nur, was er mußte. – Die Gräfinn saß stumm an seiner Seite, und ihr Blick streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin, an denen noch die letzte Blüthe hing – oder tauchte unter in ein Meer von Sorgen. Sie ließ halten, so oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen Equipage aufsah, und reichte ein Geldstück heraus, das ihm fröhlich weiter half. So sammelte die gute Gräfinn tausend Segenswünsche ein, und der große Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle die Zinsen des Wohlthuns.

In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nächst daran stoßenden Zimmer ein alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.

Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten Morgen in nähernde Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berühmter Accoucheur, der seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzählte, die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren, »und fünftausend lebendige,« setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen, und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder nolens volens an das Licht bringt.«

Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager doch so gewaltig war; der Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe am Finger des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem schönen Carniol, und faßte ein Herz zu diesem Manne. –

»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut mir leid; das gute Weib grämt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn. Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß meinen Ruf verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe verkrüppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war ein Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst, und ein mächtiger Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewiß eine weise Einrichtung von Gott. Die Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und nicht seinem Glück.«

Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich, im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglücklich vor. So erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, über den Gebrauch der Bäder dieses Ortes für sie selbst. Der Alte that ein paar Querfragen, dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch: die Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedürfen. – Sie sah ihn an mit einem Blick – einem Blick! – wenn, nach einem platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schönen und Guten sey: so dürfen wir, in kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.

In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er überließ sich seinen Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnißvollen Spaziergänge, die dadurch an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder kennt noch sucht. Unter dem Niederhang einer Birke saß ein Mann, der einen Knaben zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber. »Gieb Acht, Sylvius!« sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken folgte.

»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer fremdartigen Aussprache weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn dieses Namens sprangen erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes.

Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute mit großen Augen unter einem strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemächtigt.

»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius, und streckte seine Hand nach dem jüngeren aus: »mein einzig Gut – Du bist wohl reicher, Frankenstern?«

»Ich habe gar keine Kinder –« antwortete der Graf schmerzlich.

»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der Freund, und es gereute ihn, voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort auch besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich für einen Crösus an Glückseligkeit gehalten haben.

Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die groß und schön, und sein größtes Glück geworden war. Er hatte mit ihr in Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten Kindes war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige Kaufmann seinen Familien-Verhältnissen gebracht. Seine älteren Töchter haßten den Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende – es wäre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint.

»Mein Vater sehnt sich nach mir –« sagte Blanka mit thränenden Augen zu ihrem Gemahl: »ich höre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen. Jüngst träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden, wir schifften still darauf hin – und hatten uns verirrt: denn es war das todte Meer

Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank vor Heimweh werden könnte, machte er die Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht glücklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrückt; aber man hörte es doch, und auch wes Geistes Kind seine Töchter wären. – Die Folgen der Seereise, erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf Blankas zarte Gesundheit, und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite.

Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verließ dies Haus für immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht, lagen seine Augen, sein Blick war verstört, und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund, war nicht mehr todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so daß auch dieser weltversöhnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.

Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert. Er war sehr braun geworden, sonst würde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zügen – aber sie ruhten. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut, der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget, und etwas langsam und leise. –

Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung, ob er sie auch sähe, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? – Der Begriff der Zeit verschwindet, wo wir fühlen, daß die Freundschaft ewig ist. – Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thränen und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter, was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß sich für Diesen jede Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr. Entzückt führte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen.

Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde, die große Nachricht, die sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er ließ lange auf sich warten, endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren als eine Störung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht zu kommen hat: er muß auch zur rechten Zeit kommen, und kein Mensch – nur ein Gott kann diese wissen.

Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf das verschlossene Herz aus, dessen eiserne Bänder die Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir, Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen –« sagte er gebietend, und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nähe bedürfe, mischte sich etwas von dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren vermöge. »Dein Sohn –« so fuhr der Graf fort, »soll wie der meine gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn hustete leise, und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine Frau gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden Freund, sie nicht beleidiget hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob Geist des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit, eine ähnliche Macht auf ihn geübt, und ganz nach Art weiblicher Eifersucht, nahm sie dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen – was immer anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte in der Aeußerung des Grafen ihr neugebornes Kind – und ein leiser Widerwille gegen diese Fremden schlich wie eine Schlange über ihr Herz. –

Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber – nicht im richtigen Verhältniß zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete der Graf, das Kind werde wieder sterben – oder er schlug als ein seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben überhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mäßig.

Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit schwerem, verschwiegenem Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich täglich mehr verhärtete.

Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden – hatte der Graf flüchtig hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Gräfinn: »ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier: so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Gründe.«

Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte sie durch Laune oder Eigensinn seine Handlungsweise bedingt – er schwieg, aber er wagte nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen.

Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle, mit edler Selbständigkeit fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen, Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern wie Dir selbst zu nützen: so hast Du mich.«

Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend, wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste nicht! durchaus verträglich wäre.

Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte es diesen ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Höfchen stand. Ein klares Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen. Es waren Spuren da, die es wahrscheinlich machten, daß der Bezirk dieser Stelle einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er mit glänzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch Dir zuvor und gewiß am rechten Ort – ein Bekenntniß ablegen, nach welchem es sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter ziehen muß.«

Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm, daß Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren vielleicht Ritter vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt habe, und der eifrige Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey, die das Lamm verehrt, was der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von schwärmerischer Anlage der äußersten und entgegengesetzten Richtungen ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wundergläubigkeit wechselte nur ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner Abkunft und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das Evangelium gepredigt. –

Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile. Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfänglich, um die neue Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen und Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig ein Häufchen der Stillen im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben, deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schätzte. Und so sagte er: »was ich höre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art Religion – und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife, wie es möglich war, daß Du – ein Abtrünniger werden konntest. Ich halte Dich für einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. – So eben dachte ich, wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht.«

Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt, antwortete Romana: »weht! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu der verwandten Blume trägt.«

Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert arbeitsame Hände förderten den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter, völlig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse führe, wovon die eiserne Gitterthüre am Brunnen der Ausgang wäre. Dieser Fund war für den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert, seine Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen mögen, und am liebsten für immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang mit dem Freunde stände unter unsichtbarem Schutze, »so können wir ungehindert und selbst zur Nachtzeit zu einander kommen. –« Aber der Saamen des Geheimnisses trägt selten Früchte für das Licht.

Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als Schutzwache davor, und leise rieselte das Wässerchen unter der marmornen Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu sprechen kamen, Einlaß suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den mäuschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde ihnen einmal eher aufgethan werden.

Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines Freundes geträumt: so empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte. Er sah ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener innigen und beglückenden Freundschaft gewesen wären. Wirklich hatte Romana sich sehr geändert, und war ein wenig kopfhängerisch geworden; der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft hätte. Romanas Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie hielt –; aber es war ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht zuließ. Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von fern diesen Punkt berührte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur eine Stelle weiß, welche geschont werden muß! –

Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse, durch das Gefühl, verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch der Unglückseligste hat noch einen Freund: den Tod! Graf Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die öde Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wünschte, stellte ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen, der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der breiten Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen das Glück suchen. Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn und seine düstern Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen Lebens aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und weiß, zu seinen Häupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf so leise war, daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er würde lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel genommen haben, er sprach freudig von seiner Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über seinen Freund.

Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablässig beschäftiget. Das Bewußtseyn, durch seine eigensten Kräfte zu nützen, hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte, täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel dazu aus sich selbst zu schöpfen.

Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie mit Fleiß. Er war thätig von früh bis spät, und der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß Arbeit des Blutes Balsam sey – bewährte sich an ihm: er war sehr gesund. Er trieb viel Mathematik, und flößte seinem Sohne Lust und Eifer für diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben von Gefühlen, denen die Einsamkeit Nahrung giebt.

Die Gräfinn war im Spätherbst jenes Jahres, welches ihren Gemahl seinen Freund wiederfinden ließ, schnell und sonder Gefährlichkeit von einer Tochter entbunden worden. Ein niedliches Mädchen machte ihr das Leben leicht. Dennoch schien die Mutter tödtlich erschöpft.

»Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren –« sagte die Wärterinn nach einem Blick in den Calender, »Gott verhüte, daß ihm nicht Alles rückgängig werde!« Die Gräfinn erschauerte bei diesen Worten in einer andern Furcht.

Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschön an der Brust einer derben Amme. Keine Spur von Krämpfen zog das Herz der Mutter in der Befürchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch nur wieder ein geliehenes Gut seyn, wie die kleinen Brüder – was sie nach kurzer Zeit mit tausend Thränen zurück zahlen müssen. Langsam hatte sich die Gräfinn erholt, und war auch bei wiedererlangten Kräften, und ihres Anlasses zur Freude ungeachtet, in sich gekehrt und traurig geblieben.

Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines Tages Romana sich bei seinem Freunde im Schloß befand. Sie unterredeten sich über die Zukunft seines Sohnes. »Sylvius bekommt einmal Deine Stelle –« sagte Graf Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach damit die Gewißheit an, den Vater des künftigen Forstmeisters zu überleben.

»Meinem Wunsche nach,« antwortete Jener, »geht er in die weite Welt.«

»Dein einziger Sohn?« erwiederte der Graf mit Vorwurf, »Du willst doch nicht, daß er ein Glücksritter werde?«

»Warum nicht? bin ich doch auch Einer –« sagte Romana, und lächelte wie ein Eremit. »Sieh lieber Frankenstern,« fuhr er fort, »die Seinen für sich behalten und in den Kreis der angestammten Verhältnisse einschließen wollen, wäre engherzig gedacht. Nur in der Welt wird der Mann ein Mensch und lernt brüderlich denken. In diesem Aussenden liegt mir etwas Göttliches –«

»Wir aber sind Menschen, Romana,« unterbrach ihn der Graf, »und es liegt in der Natur, daß man sein Kind so nahe und so lange als möglich um sich habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt mir wie Vermessenheit vor.«

»Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer heiligen Idee?« wendete Romana mit erhöheter Stimme ein, »ich fühle, das würde ich können. Wäre es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege zu fallen: so preise ich ihn selig. Zöge er übers Meer, um die Heiden dem Erlöser zuzuführen und versänke: ich würde deshalb nicht zu Boden sinken. Im Aufgeben, Freund, liegt das wahre Haben, und das Geheimniß ewigen Gewinns. Wie ärmlich ist das Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als daß man athme!« der Graf seufzte schwer, und Romana verließ ihn.

Noch wirkte dieses Gespräch nach, als die Gräfinn in das Zimmer ihres Gemahls trat. Die kleine Albane hing schlafend auf ihrem Arme, und das volle Händchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit reizenden Grübchen geformt, lag schützend auf der linken Brust der Mutter.

Den Grafen rührte dieser Anblick. Er küßte väterlich sacht diese kleine Hand, und das Mutterherz darunter schlug stärker. Vielleicht ward in diesem Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, zu einer stillen Freude, daß dies sein einziges Kind eine Tochter sey. Zum erstenmale äußerte er, wie glücklich ihn der Besitz des Kindes mache, und daß es so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem doch sehr besorgt gewesen.

Die Gräfinn entfärbte sich. Mit bewegter Stimme sagte sie: »es könnte seyn, daß ich mein Leben um einen Preis gerettet hätte, der Dir mißfällt.«

Dem Grafen fiel diese Aeußerung auf. Er sah seine Frau forschend an, welche ihm nunmehr gestand, wie sie seit ihrer Verheirathung ein schadhaftes Fleckchen in der Brust verspürt, was ihr dann und wann Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In jedesmaliger Schwangerschaft sey es schlimmer damit geworden, bis endlich bei der Geburt der kleinen Albane der leidende Theil sich zu Stein verhärtet und dergestalt sich entzündet habe, daß sie (die Gräfinn) fürchten müssen, den Krebs zu bekommen, wenn sie nicht Muth zu einem gewagten Schritt fassen könnte. –

Der Graf legte beide Hände vor das Gesicht, schon bedeckt von der Blässe des Grauens. Er sagte: »gut, daß ich es nicht wußte; der bloße Gedanke macht mich schaudern. Eine Operation solcher Art brächte mich von Sinnen. Du glaubst nicht,« setzte er mit scheuem Vertrauen hinzu, »wie tausend Dinge, stumpf für den Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren! diese Vorstellung zum Beispiel – durchdringt mich entsetzlich.« Seine Lippen zuckten, als wühle ein Messer in seiner Seele.

Die Gräfinn hätte beinahe ihr Geständniß bereut – gewiß hätte sie es sollen. Sie sprach: »in dieser Noth that ich das Gelübde, hülfe mir der Himmel und würde ich geheilt: so solle die Brust meines Kindes sich nie für eitle Wünsche heben – nur dem Heil der Seele. Und es dauerte nicht lange, so genaß ich an einem simpeln Umschlage.«

»Verstehe ich Dich recht?« fragte der Graf schwach, »Albane – eine Klosterfrau?« Die Mutter nickte ängstlich.

»Das ist hart!« murrte der Graf, und seine Frau hatte jene Gefahr nicht härter empfunden, als diese drei Worte. So sprach die Gräfinn weichmüthig: »Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus der Welt, und ihren trüglichen Freuden. Die Güter kommen an fremde Hand – Anverwandte haben wir nicht, Albane stünde allein. So ist sie unter den vornehmsten Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche Mutter, giebt ihr Schwestern.«

Der Graf lächelte kalt, und murmelte etwas von Stiefgeschwisterschaft.

»Nein,« fuhr die Gräfinn, ihren Gemahl mißverstehend, fort, »dort würde mir Albane nicht aufgehoben gewesen seyn. – Sage, was fehlt einer Braut Christi?«

»Dieses Glück!« antwortete Graf Frankenstern und deutete auf seine Kleine, »eine Brust, daran solch ein Kind erblüht, kann viel verschmerzen. Ihr seyd zu Müttern geboren. Und – daß ich es nur frei gestehe – ich mag die Klöster nicht leiden, und es wird einmal aller Tage Abend mit ihnen werden. Warum aber soll meine Tochter darin untergehen?«

»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob ihre Augen thränenschwer zur Höhe, »warum bin ich nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig, daß des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst wankte.

Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte er: »Du wirst glauben, daß mir Dein Leben über Alles theuer ist! nur den Beweis fordere nicht, daß ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind geopfert wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in einem Zustande, der keiner Zurechnung fähig ist. – Nöthigenfalls würde Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht, über das Schicksal eines Menschen also zu verfügen, auch einer Mutter zusteht, und meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne Jeder sich selbst entbinden.«

»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn, »es ist sein Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens.«

Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Gräfinn fühlte einen tiefen körperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten zerrissen. Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett legen. O! daß die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wächter ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor genesene Brust. Es half nichts, daß die Gräfinn ihr erneuetes Unglück siebenfach verhüllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war ihr nichts mehr werth.

Wenn die geneigten Leser der Meinung wären, Güte und Liebe in dem Charakter der Gräfinn Frankenstern würde nicht zugelassen haben, daß sie in grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer Rettung gemacht hätte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn wir bemerken, wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen – welche oftmals das Schwerste über ihre Kinder verhängen. Hier war es ein Schleier, und den zu tragen hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im Gefühl ihrer Ehe, keine für ganz glücklich, und verwechselte ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die vollendender wäre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein höheres Glück erreichen sollen: so war der Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter würde werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen, ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse – klein, im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die mütterliche Ahnung, welche die Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen. –

Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Gräfinn berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und Schwierigkeiten, daß er sie erfülle: denn der Graf mußte umgangen werden. – Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Gräfinn war in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wußte.

»Verzeihen Sie, Romana, daß ich Sie bemühte!« redete sie ihn mit jenem rührenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto stärker ans Herz dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie könnten mir einen großen Gefallen erzeigen.«

»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister, und das Mitleid mäßigte diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, »gebieten Sie doch über mich!«

»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf die Gräfinn, »wenn Sie morgen – oder übermorgen,« der kranke Blick ihres matten Auges verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer füllte den Moment, »meinen Mann auf einen halben Tag – besser wäre freilich ein ganzer – zu entfernen wüßten.«

»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält doch Frankenstern kaum mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer kleinen Reise zu bereden.«

»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte die Gräfinn, indem ein paar Thränen über ihre abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn, ich werde operirt – das heißt, ich lasse mir die Brust ablösen. So begreifen Sie auch, daß dies meinem Manne verschwiegen bleiben muß.«

Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, sträubten dem Forstmeister das Haar. »Die Brust – ablösen?« fragte er, und sein männliches Gesicht erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn unaussprechlich. »Und bleibt kein anderes Mittel?«

Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses letzte –« war die sehr leise Antwort.

»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme Gräfinn!« sagte Romana dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den Grafen abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr seyn könnte.

Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense des Todes dies Lächeln in ihre tiefen Züge eingeschnitten – und dem Forstmeister blutete das Herz. Sie sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen, was mir bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig haben. – Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines Glaubens, Sie – doch lassen wir das. Ich halte Sie für einen redlichen Mann, Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugniß empfangen, als dies. Er würdigte es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter Stimme und widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, daß Sie, unserer abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrängte Mutter dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß auf meinen Mann für diesen Zweck zu benutzen: dies würde mich sterbend noch erquicken.«

Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen, was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden müsse. So sey ihr denn ein Leben in Gott als das höchste Glück erschienen, dem sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger, um sich selbst zu retten, als ihr Kind. – Die Gräfinn eröffnete nun dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem ungewöhnlichen Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit des Grafen hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,« setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode büßen: denn der Himmel läßt nicht mit sich spaßen. Ich bekam sofort Frost, die alten Schmerzen – es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor. So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, daß meine Tochter durch Gehorsam sühne, was ihr Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht hindern, Romana? daß Albane –« weicher läßt sich nicht bitten, als es in diesen Worten geschah; die Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen.

Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weiße, feuchte Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne daß er eine zusichernde Sylbe gesagt hätte.

Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne nach, ein Feind der Klöster, hätte die kleine Albane lieber heute schon einsperren mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der Edelstein eines Ordens würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten, ihren frommen festen Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Gräfinn von ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund eben so gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde – und Wir wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgemäß behandle. – Als nun der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor, begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der Gräfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden. Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der Gräfinn entmannte den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher Schärfe in die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben aufgaffte. – Die Gräfinn verlangte mit erlöschender Stimme: man solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von übler Vorbedeutung: die Gräfinn verschied am dritten Tage. –

Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er klagte sich als den Mörder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich er die eigentlichen Umstände ihres Todes nicht kannte, und nur wußte, daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt hatte; die Wahrheit würde zu stark für ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn mit gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm kräftig bei; aber – wie sind jene finstern Mächte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst entfremden? – Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht, sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der unter dieser tiefsinnigen Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne dann früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung stürzen. – Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, daß er die kleine Albane unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme. Mit jener Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn, ob er auch unterdrückt wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der Graf, er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trüge, welche seine Albane genährt.

»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz, »meine Tochter kommt einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was sie fordert, zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet – es ist nichts zu tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ sich nun freilich nichts sagen, und Romana schwieg.

Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft durch ein verjährtes Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird – so wie durch lange Trennung verinniget – so spricht die Erfahrung dafür und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit, Lebenssinn, Erinnerung – könnten zwar als eine feste Grundlage freundschaftlicher Verhältnisse angesehen werden, doch nicht unerschütterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die einzige Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth voll göttlicher Kraft der Liebe!

Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen Freunde entfremdet, und es war so unmerklich geschehen, daß ihre Seelen sich wie aus weiter Ferne kaum mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders von Seiten des Forstmeisters – noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als der Graf sich in sich selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste, sein Kind ausgenommen – gleichgültig geworden. Er vermißte Romana nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang saß er allein, und flüsterte so anhaltend, daß die Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß er gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimniß der Achtung, doch Jedem klar.

Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam beschäftiget. Er band die Blätter einer Espe mit grüner Seide an die Zweige fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger eingeschnitten, lag im falben Grase und glänzte in der Sonne.

»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener, »was machst Du denn da?«

Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir die Blätter ein wenig fest, dies Zittern ängstet mich, so oft ich es sehe. Ich weiß, wie Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem unheimlichen Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann – Dir will ich es wohl sagen, Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte Leichen – manche haben ordentlich Physiognomie –« Der Forstmeister sah voll Mitleid in die seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er mit dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen. Dieser Faden, Du Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen, das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Kränze von Laub und Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen? –« Er umschlang den Freund, und weinte vor großer Rührung.

So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick seines Töchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese zärtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene Frau getheilt. – Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung, entwickelte sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante, und welche Bonne bildet so gut als sie? – Ihre Sprache hatte den reinen Klang des Gefühls, ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte weder die Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts heben, noch die gutmüthige Plumpheit der Amme unterdrücken können. –

Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete, sprach oft von seiner künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung für das junge Herz, und es mischte sich in ihnen religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes zu täuschen seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die kleine Gräfinn mit den Würden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein Bedürfniß, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das Verlangen und die Fähigkeit zu lieben. Während die Amme wähnte, sie baue möglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das Kloster verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstößlich gewiß, daß seine Tochter Profeß thun müsse –; doch den Zeitpunkt dazu glaubte er hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er selbst nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen.

»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?« fragte Albane ihn in bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fühlte dann selbst die Unmöglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu können. Mehr als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Gräfinn nicht, um an ihrem Ziel zu rücken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz wie den Schleier trüge, wenn sich nämlich ein Mann für sie fände, der sie nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte – war der Graf in einen fürchterlichen Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes sterben, wie Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. »Es war mein Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden; aber ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte wohl ein Vater sein Kind zu lebenslänglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung des Lebens gälte? – Aber es giebt einen Schlüssel zur Freiheit – –«

Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten. »Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe!« und Albane trug ihn in stiller Brust. –

Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundsätze beider Väter waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste Kraft diesen Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und fern von einander gehalten, sich innigst finden. – Jener Arzt, der die Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beimaß, durch Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. – Und wie das, was wir bewahren, wäre es auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen Werth für uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das Leben der Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte, daß ein so schönes Kind dem Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er an diesem Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl, ihm ihr jungfräuliches Herz zu öffnen – und der Graf zeigte bei dem behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wäre, sich so erschüttert, daß der Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien – es nicht wagen durfte, stärker in ihn zu dringen. So begnügte er sich, dem armen Opfer noch einigen Genuß des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Gräfinn es so ganz ohne allen Umgang aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jüngling der nämliche Fall sey; so daß Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und künftig – rührte und regte ein Herz für die himmlische Schönheit, für das schuldlose Unglück dieses Mädchens an – ein Herz, dessen heiße Sehnsucht ein langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild gewesen war, das sein Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. – So war der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort verstreuete, dort eines, gleich dem Träger des Saamens, aus dem die Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das oberflächlichste bedeutend. – Nicht leicht wird ein Mädchen dieses Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimniß manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe fürstlichen Besitzthums, war ein armer verstörter Mann, mit dem der geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen. – Seine Tochter hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrütteten Geiste zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glöckleins, was den Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die Comteß daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wußte Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung, mit der jene Männer zu ihr aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln. O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den Funken des Geistes nicht verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum ist es unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter der verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben sind. Verstand und Kunst stützen zwar die Pfeiler, auf denen das Gleichgewicht der Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall.

Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsäglich schwer. Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst genüge, ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich weinte. – Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages über ein, weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken – so lauschte Albane, wie tief und stöhnend er athme. Ihr Blick hing bewölkt an seinem grauenden Haar, an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt – und ihr Gefühl hatte keine Stütze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen Wedel von Pfauenfedern schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu, und einschläfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein träumendes Vergessen. –

Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna, niemals! Auf der breiten steinernen Brücke, die zu seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte ein altgläubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch leer und öde, nur die Zeit wohnte darin, und nützte den Glanz der Möbeln nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen. Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die junge Gräfinn nie und nirgend etwas zu thun. – Der Tag zu Bonna und seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und großen Pausen. Tanz und Musik, die kirchliche ausgenommen – waren Freuden, welche Albane nur dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie wohl, die Horen mögten ihr die Pforten des Himmels öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. – Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden, der klingende Tropfenfall des Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde, dies Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen wollüstigen Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzücken. Einst fand der Graf seine Tochter, wie sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast geweint? Was fehlt Dir, mein liebes Kind?« Albane antwortete überrascht, »die Freiheit, mein Vater! ich fühle mich so beengt.« – Es war einer der lichten Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung mit Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wären, belebte und erhöhte sich ihr ganzes Wesen. In dem großen, kalten Schlosse war es wie Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen Gräfinn, sonst nur schwach gefärbt, war eine glühende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte sie nur, kein Unfall berührte sie mehr, alle Gesichter erheiterten sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit seines himmlischen Kindes auf.

Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere Anwohner dieser catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten jener religiösen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis, den er mit der besonnensten Umsicht versah, war groß, der seines Familienlebens hingegen klein. Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewählt, eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser, von dem kein Error zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. – Die junge Gräfinn, obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrücken: einer höheren Hand – die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre früher eine herzlichgeliebte Freundinn verloren – unsere Leser kennen die Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft – und vielleicht war es ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses, vielleicht ein noch innigerer Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der Ruhe und Rechtmäßigkeit – wenn wir so sagen dürfen – womit sie sich bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß auf Fabia zu setzen, und konnte sich des stillen Zugeständnisses nicht erwehren, daß, in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen sey. Ein festes weibliches Herz, dachte die junge Gräfinn, wäre vielleicht ein größeres Glück als Eigenthum, wie als Geschenk – und dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. – Fabia sprach gelassen von der nächsten Zukunft, in der ihre Heirath vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das Größte wie auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen könnte, da sein Kind ihn verlassen müsse, um dem Manne zu folgen – daß Albane auch dies vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt für eine Braut der Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart erfüllte ihr Herz – eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht, und an das Künftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich so zu nennen – man sagte die Comteß kränklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war beinahe von Niemand mehr gesehen.