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Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3 cover

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3

Chapter 11: Zweiter Abschnitt.
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About This Book

The narrative follows a mismatched assortment of incidents in an aristocratic milieu, beginning with a stormy arrival that introduces a mysterious red-cloaked stranger and a disrupted household under an elderly count. Romantic entanglements involving the count's niece and a returning young relative develop alongside comic mistaken identities, social ambitions, and scheming relatives. Subsequent sections move between pastoral episodes, courtly petitions, and political rumblings, interweaving dreams, newspapers, and moral reflections. Episodes alternate adventurous set pieces with intimate character studies, exploring themes of love, honor, deception, and the gap between public rank and private feeling.

Holder. Wir sprachen nur eine kurze Zeit darüber.

Onkel. Kannst Du denn so was begreifen, Mädchen?

Rikchen. Wovon Sie sprachen nicht ein Wort; wovon aber wir, (sie zeigte auf Holdern) sprachen, ja. Wenn Sie sonst von der Liebe redeten, Onkelchen, da verstand ich nichts, aber — —

Onkel. (nimmt die Pfeife vom Munde) Was? Liebe?

Holder. (hustet)

Rikchen. Aber mit Herr Holdern läßt sich darüber viel deutlicher sprechen.

Holder. (hustet stärker.)

Onkel. Nun, sag mir nur, was soll denn das?

Rikchen. (sich anschmeichelnd) Sie — sind doch nicht böse? Sie lieben ihn ja auch, und ich bin auch — auch — —

Onkel. (legt die Pfeife hin) Was denn?

Rikchen. (ihr Gesicht an des Onkels Brust verbergend.) Verliebt.

Des Grafen Gesicht verlängerte sich bei diesem Worte; mit ofnem Munde und gefaltnen herabhangenden Händen stand er da und konnte keine Silbe hervorbringen. Rikchen blieb in ihrer vorigen Attitüde, und Holder zupfte an seinen Manschettenspizzen.

„Du bist verliebt?“ brachte endlich der Graf nach einer minutenlangen Stille hervor; er war in der grösten Verlegenheit mehr zu sagen, denn auf einer Seite schäzte er Holdern zu sehr, als daß er ihn vor den Kopf stoßen sollte, ob er gleich Holdern nicht in seine adliche Familie heurathen lassen wollte, auf der andern Seite befürchtete er bei seiner Pflegetochter alle Autorität für die Zukunft zu verlieren, wenn er zu einer Sache schwiege, die er ihr so oft verboten hatte. Er sah bald das Mädchen, bald den jungen Mann an und beschlos vors erste klüglich seine Verlegenheit auf die andern beiden zu wälzen: „Nun, Herr Holder.

Die Sache betrift Sie ebenfalls, und Sie schweigen?“

Holder. Gnädiger Herr, wenn mich das Fräulein liebt, dafür kann ich nicht, und Sie verzeihen es mir, daß ich gegen Friederikchens Reiz nicht unempfindlich bleiben konnte. Nur eins bleibt mir übrig, wenn mich diese That in ihren Augen verhaßt macht, Sie und Ihre Niece zu verlassen. Ich fühle es, daß es mir traurige Tage und traurige Jahre machen wird, aber ich fühle es auch, daß ich Mannes genug bin, endlich zu überwinden.

Rikchen. (schwermüthig zum Grafen heraufblikkend.) Und Sie wollten ihn von uns lassen?

Onkel. Aber mein Gott — —

Holder. Ich darf hier nicht Einrede wagen, ich darf auch nicht bitten. — Sie entscheiden und Ihrem Befehl muß ich mich untergeben.

Onkel. (in großer Verlegenheit) Aber was soll denn mit dem Lieben am Ende werden?

Rikchen. Gar nichts, gar nichts, verlassen Sie sich darauf.

Onkel. Ich kanns doch nicht machen, wie Onkels in der Komödie. — —

Rikchen. Wie machens denn die?

Onkel. Euch die Hände in einanderlegen und sagen: der Himmel segne eure Liebe, seid glüklich und damit holla.

Rikchen. Je, warum denn nicht?

Holder. (ernsthafter) Ich verstehe Sie.

Man ging zum Abendessen. Der Graf schwieg über Tische. Holder ebenfalls. Rikchen fragte verschiednes und erhielt keine Antwort. Zulezt standen sie auf; das gute Mädchen sezte sich in einen Winkel und weinte, Holder entfernte sich in sein Zimmer, und der Onkel, der seinen Liebling nicht weinen sehen konnte, ging frühzeitig schlafen.

Sechstes Kapitel.
Der Onkel in der Komödie.

Wie die lieben Leutchen nach diesem Auftritte geschlafen haben mögen, können sich die Leser leicht vorstellen. Der gutherzige Alte kalkulirte die halbe Nacht hindurch, entwarf hundert Pläne, und verwarf sie wieder, und konnte keinen festen Entschlus fassen.

Um ein Uhr in der Nacht hörte er drei Pistolenschüsse fallen. Sie geschahen oberwärts in Holders Zimmer; man wars von ihm schon seit einigenmalen gewohnt, und er gab vor, daß er das Echo bemerken, oder nach Vögeln schiessen wollte. Der Onkel lies sich nicht stören und schlief ein.

Das arme Rikchen wagte auch beim Frühstük folgenden Morgens nicht viel zu sagen; der Graf blies nachdenkend seinen Kanasterdampf von sich und lies oft seine Tasse kalt werden. Holder war noch nicht erschienen.

Mit einemmale hörte man Pferde in den Schloshof hereinsprengen. „Wenns doch Florentin wäre!“ rief der Alte, und stand auf; „wenn ers doch wäre!“ sagte das Fräulein lebhaft, und flog und ris das Fenster auf.

Der Graf. (eilig) Ist ers?

Rikchen. (traurig.) Ein Knecht mit zwei Reitpferden. (Pause) Ach, Gott! Onkelchen, er fragt nach Holdern! —

Der Graf. (bestürzt) Nach Holdern?

Rikchen. (mit Thränen im Auge) Holder will fort!

Holder. (der zur Thür völlig angezogen hereintritt) Ja, das will ich, muß ich. — Guten Morgen, Herr Graf, guten Morgen, gnädiges Fräulein! (küßt ihr die Hand.)

Der Graf. (bewegt) Herr Holder — —

Holder. Herr Graf, dürft’ ich Ihnen für Ihre bisherige Freundschaft und meine gütige Bewirthung hundert Thaler anbieten, einigermaaßen wieder zu vergelten, so thät’ ichs. Allein Sie schlagen es aus, und ich darf nur mit Worten danken. Es thut mit weh — o sehr weh — —

Rikchen. Herr Holder, lieber Onkel, hat geweint, seine Augen sind roth — —

Holder. Mag ihnen beiden dies ein Beweiß sein, wie lieb mir dieser Aufenthalt gewesen, wie ungern ich ihn verlasse. Ich habe in Ihrer Gesellschaft seelige Stunden gehabt, wer weiß, ob ich sie jemals schöner geniessen werde, denn ich war, wie in einem väterlichen Hause; all meine Wünsche starben, all meine Hofnungen gab ich auf, meine weit hinaus gehenden Entwürfe ließ ich vergessen, um ganz Ihnen zu leben, oder vielmehr in Ihren Armen meines Lebens froh zu sein. Izt hört dies alles auf, und ich schränke mein ganzes Glük nur darauf ein, daß Sie mich nicht vergessen mögen.

Rikchen. (weinend seine Hand nehmend) Wir Sie vergessen?

Der Graf. (immer mehr gerührt) Hätt’ ichs doch nimmer erfahren daß Ihr Euch geliebt hättet, — vielleicht — wärs besser gewesen.

Rikchen. Onkelchen, ja, Sie haben Recht, izt seh ichs; Liebe macht unglüklich, o sehr unglüklich! könnt es nur dießmal, dies einzige mal gut gemacht werden, ich wollte auch nie wieder lieben.

Holder. Trösten Sie sich, gnädiges Fräulein, ein Jahr — und ich bin vergessen.

Rikchen. Ein Jahr? ach, in dem Jahre weint’ ich mich tod. Freilich würd’ ich Sie dann vergessen müssen, denn im Tode, sagt man, hören all unsre Freuden und Leiden auf.

Holder. (küßt ihr die Hand, indem er seine Augen abtroknet) Und nun, Fräulein — —

Rikchen. (reißt sich los von ihm und wirft sich dem Grafen um den Hals) O, bester, lieber Onkel, lassen Sie Holdern nicht, oder ich sterbe — — haben meine Bitten je bei Ihnen etwas vermogt, haben Sie je meine Thränen gerührt: so hören Sie mich izt, so — so erbarmen Sie sich Ihren Rikchens!

Der Graf. (wehmüthig stammelnd) Kind, laß mich doch —

Rikchen. Nein, nein, Ihr Rikchen wird nie ruhig werden, wird sich unter die Erde grämen, wenn es izt verstossen ist. Sie werden mich nicht lange mehr haben, gewis nicht lange! — O Holder, einziger, liebster Holder, bitten Sie doch!

Holder. Ich halt’ es nicht aus! (schließt sie in seine Arme und küßt sie) Himmlischen Mädchen, lebe wohl! — noch einmal lebe recht wohl!

Rikchen. Wollen Sie dennoch? Sie selber? —

Holder. O Gott!

Rikchen. Sie selber? ach, Sie haben mich nicht lieb gehabt — können mich nie geliebt haben!

Holder. (mit Schmerz-gebrochener Stimme) Fräulein, Sie sehen nicht in mein Herz, aber Gott sieht es! — Herr Graf, leben auch noch Sie wohl! (will ihn umarmen.)

Der Graf. (indem er Holders Hände drükt, und ihn mit nassen Augen anstarrt.) Holder, Holder: was machen Sie? warum wollen Sie von uns? Wer hat Sie beleidigt? that ichs, that ichs, thats mein gestriges Schweigen so bitt ich um Verzeihung. Sehen Sie, die Sache war zu unerwartet, und da ists doch wohl einem alten Mann, der für das Wohl seines Lieblings sorgt, leicht zu übersehen, wenn er die Begebenheit recht überlegte.

Holder. Allein, sollten Sie izt, durch des Fräuleins Thränen bis zur Schwachheit gerührt etwas einwilligen, was Sie bei kälterm Blute — —

Der Graf. Nicht Schwachheit, nicht Uebertäubung! nein, Sie sind mir zu lieb geworden, als daß ich Sie von mir lassen könnte. Ihr Karakter ist mir unverholen, darum befürcht’ ich von Ihrer Liebe zu Friedriken nichts. Und Sie wissen ja selber, wie nothwendig Sie mir geworden sind; wollen Sie also nicht, daß sich das arme Mädchen krank harmet, wollen sie nicht, daß ich alter Mann mir ewige Vorwürfe machen, mir selber mein Restchen Leben verbittern soll, so bleiben Sie.

Rikchen. Null, lieber Holder? nun?

Der Graf. Da, nehmen Sie das Mädchen hin, nehmen Sie sie hin, ich will denn nun einmal der Onkel in der Komödie sein, aber bleiben Sie.

Holder. (umarmt und küßt den Grafen) Wohl, es sei; ich widerstehe nicht.

So lößte, sich der Auftritt in allgemeine Freude auf; Holder bestellte den Reitknecht ab; Rikchen sprang umher und küßte dem frohen Alten Hand und Mund; man sezte sich wieder zum Frühstük und fühlte nun ganz, wie sehr man an einander gekettet sei.

Was wären unsre Freuden, wo kein Harm ihren Werth erhöhte? Ein Edelgestein ohne Folie, ermüdendes Einerlei!

Siebentes Kapitel.
Ein Adelsbrief — ein Rittergut — Verlobung
und — —

In der Nachbarschaft des Grafen von Duur lag ein ansehnliches Rittergut, zu welchem das Dorf Sorbenburg und eine vortreffliche Jagd gehörten. Der Besizzer des Gutes war schon seit etlichen Jahren gestorben; die Erben hatten seit eben so langer Zeit diesen Landsiz verpachtet und zulezt zum Verkauf ausgeboten.

Unser Onkel machte Spekulation darauf, aber er fand es immer zu theuer.

„Herr Graf,“ sagte Holder an einem Tage zu ihm; „wenn Sorbenburg mein wär, und ich hielt um Rikchens Hand an, würde sie mir abgeschlagen werden?“

Der Alte schmollte und sagte: „Mein Seel, wäre Sorbenburg Ihnen, so trüg ich Ihnen meine Niece selber an.“

„Ein Mann, ein Mann, ein Wort, ein Wort!“ erwiederte Holder; nun mus ich meine Baarschaft einmal nachzählen!

Jezt arbeitete Holder ämsiger auf seinem Zimmer, als je. Täglich versandte und bekam er Briefe, und weder der Graf noch Rikchen erfuhren wohin, warum und mit wem er so stark korrespondirte. Zuweilen war Holder sehr schwermüthig; weder die Naivetäten des Fräuleins noch die Laune des Alten waren vermögend ihm ein Lächeln abzugewinnen, in sich verschlossen saß er dann da, theillos an den Gesprächen und Scherzen der übrigen, und grübelte. Fragte man ihn deswegen, so erhielt man jedesmal zur Antwort: mein Glük und mein Unglück fließt aus einer Quelle, die ich niemanden offenbaren kann.

Indessen diese Launen, oder wie man es nennen soll, waren selten, der größte Theil der Tage verfloß im Duurschen Schlosse heiter. Florentin wäre gern Theilnehmer derselben gewesen, allein zum Unglük, oder soll man es Glück nennen? wurde er so schnell nach der Residenz berufen, um dort dem Herzog vorgestellt zu werden, daß er nicht einmal einige Tage Zeit hatte, nach Hause zu reisen.

Dieser Herzog war erst seit einem Monate an der Regierung; es war eben derjenige Prinz, welchen Holder vom Tode gerettet, hatte, ein Herr von sieben und zwanzig Jahren. Florentin gefiel ihm, und er gab ihm den Karakter eines Kammerherrn. Florentin meldete seiner Familie dies unerwartete Glük; der Onkel jauchzte, sah seinen Neveu schon als ersten Minister am Herzoglichen Throne, Rikchen hüpfte, küßte bald den Onkel, bald den lieben Holder — alles war Freude.

Der Graf stellte nach seiner Art ein kleines Fest an; der benachbarte Adel wurde dazu eingeladen, und ein halbes hundert Burgunder- Champagner- und Ungerflaschen waren bestimmt an dem feierlichen Tage auf Florentins Wohlsein geleert zu werden.

Auch Holdern war der Tag merkwürdig, denn der Fürst hatte sich seiner erinnert, und ihn aus Dankbarkeit in den Adelstand erhoben, nebst Verleihung des Gutes Sorbenburg. Holder war bestürzt, der Onkel noch mehr. Rikchen, aber glaubte izt ihn weniger rükhaltend lieben zu dürfen, und überließ sich deßwegen ganz dem süßen Glükke.

„Nun halt’ ich Wort,“ sagte der Onkel im Zirkel der ganzen Gesellschaft: „Nun halt’ ich Wort, und gebe dem Herrn von Sorbenburg die Gräfin von Duur zur Gemahlin!“ — —

Rikchen stand hocherröthend, neben ihrem Geliebten, in jungfräulicher Schaamhaftigkeit. Sie hörte die Worte, hörte sie gern und senkte den liebeschwimmenden Blick zu Boden. Holder dankte dem Grafen, Rikchen küßte ihm die Hand, die Gesellschaft der übrigen Herrn und Damen stattete ihre Glükwünsche ab.

Ich mahle die einzelnen Scenen dieses wonniglichen Festes nicht, ich sage nur dies, daß es eines der frölichsten in der Duurschen Familie war, daß jeder erst spät in der Nacht von Wein und Freude berauscht zu Bette ging, und daß am folgenden Tage — ach! Holder verschwunden war.

Man hatte um die Morgendämmrung die gewöhnlichen Pistolenschüsse wieder gehört, sodann einigen Tumult auf Holders Zimmer, aber nicht weiter darauf geachtet. Er war und blieb verschwunden; vergebens streifte man zu Fuß und Pferde durch die ganze Gegend, man fand keine Spur von ihm. Sein Zimmer war von innen verriegelt; ein Fenster nach dem Felde zu stand offen; alles lag auf der Stube verwildert durch einander geworfen, an der Erde, auf Stühlen und Tischen; einen Zettel fand man auf welchem die flüchtig geschriebnen Worte standen: „Leben Sie wohl, ich komme wieder!

Man wartete ein halbes Jahr auf ihn, und er sollte noch wiederkommen. — —

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel.
Auch Prinzessinnen haben Herzen.

Die Schwester des Herzog Adolf, an dessen Hofe sich Florentin von Duur befand, war ein schön gebautes, reizendes Frauenzimmer. Neunzehn Frühlinge blühten kaum auf ihren Wangen; sie war feurigen, schwärmerischen Temperaments; liebte gern und sah sich gern wieder geliebt und angebetet. —

Florentin war kaum am Hofe erschienen, als seine vorzügliche empfehlende Gestalt die Damen aufmerksamer machte. Prinzessin Louise, so hieß des Herzogs Schwester, sah ihn zum erstenmale auf einem Balle, welchen ihr Bruder gab; der Herzog unterhielt sich oft mit ihm, dies war genug ihm allenthalben Kredit zu gewinnen, — auch bei der Prinzessin. Durch ein beabsichtetes Ohngefähr kam sie ihm näher; sie fächelte sich mit einem seidnen Tuche, lies ihn von ohngefähr fallen, der junge Graf hob ihn auf, überreichte ihn, und der Herzog nahm Gelegenheit der Prinzessin seinen Kammerherrn vorzustellen.

Louise erlaubte dem Grafen einen Handkus, und sie war so gnädig, doch nur wie durch ein Ohngefähr, Florentins Fingerspizzen zu drükken. Florentin empfand die Allgewalt dieser schönen Ohngefährs; eine liebliche Röthe ergos sich über sein Gesicht; er blikte der Prinzessin schüchtern in die Augen, und sie entfernte sich, ohne aber der Röthe des jungen Mannes, und des Blikkes zu vergessen.

Man ist am Hofe nicht immer so glüklich, als im bürgerlichen Leben, wo man seinen Mann zu sehen öftere Gelegenheiten findet. Die Prinzessin fühlte diesen Mangel nur zu sehr, und ihn einigermaaßen zu vergüten, erlaubte sie ihrer Fantasie jede verliebte Ausschweifung.

Kein Wunder also, wenn der schöne Florentin ihr zuweilen in Träumen vor die Augen trat, sie da ihres fürstlichen Ranges vergaß, einen blühenden Jüngling an ihren liebevollen Busen drükte, und eine Wollust ahndete, welche kein Traum ihr gewähren konnte.

„Nicht wahr, liebe Auguste,“ sagte sie an einem Morgen zum Fräulein von Gülden, ihrer Kammerdame und Favorite: „nicht wahr, du hast auch schon geliebt?“

Frl. v. Gülden. (sanft erröthend) Ich geliebt?

Louise. Warum nicht? — du unschuldige Seele wirst ja so roth? Gewiß du hast auch schon geliebt!

Frl. v. Gülden. Ich bitte um Verzeihung, noch nicht!

Louise. Hi, hi, hi! noch nicht? o, Kind, man erräth, daß du noch nicht lange am Hofe gewesen bist, denn du weißt dich herzlich schlecht zu verstellen.

Frl. v. Gülden. Warum sollt ich mich verstellen? gegen Sie verstellen?

Louise. Da thust du Recht, liebes Mädchen. Allein offenherzig, hast du — — oder — oder du liebst vielleicht izt.

Frl. v. Gülden. Eben so wenig. (wendet sich weg)

Louise. So? nun da wirst du mir freilich eine schlechte Rathgeberin sein.

Frl. v. Gülden. Ich bitte — vielleicht —

Louise. Nun, auf dein vielleicht will ich es wagen; also zur Sache. Ich liebe, und zwar so heftig, als ich noch nie geliebt habe.

Frl. v. Gülden. (lächelnd) haben Sie also schon — —

Louise. O schon so oft geliebt, daß ich meine Eroberungen und Amouretten nicht mehr zählen kann. Ich bin doch wenigstens achtzehn Jahr alt, und — wie mir mein Spiegel sagt, auch nicht häßlich, folglich. — — Doch sag mir, Kindchen, räthst du mir diesmal zu?

Frl. v. Gülden. Zu lieben? warum nicht? denn unglüklich, ungeliebt werden Sie nicht sein, und ich kenne kaum eine angenehmere Stimmung der Seele; als eine solches — Ich hatte vor Jahr und Tag einen jungen Freund, — Freund, nicht Geliebten — es war eine herrliche Seele, gut, unbefangen und zärtlich. Der liebenswürdige Gustaf war vierzehn Jahr alt; die Knospe der Jünglingsschönheit brach izt schon auf bei ihm; ich sahe ihn gern und der Knabe mich; ihm war nur wohl, wenn er mich sahe, meine Hand drükken durfte. O, Prinzessin, ich gewann ihn lieb, und kann ihn noch izt nicht vergessen.

Louise. Erzähle doch weiter; ich lasse mir gern von Liebe und Liebenden vorplaudern.

Frl. v. Gülden. Jene Zeit war die glüklichste meines Lebens, ob ich gleich Stunden hatte, wo er mir fehlte, wo ich traurig umher wandelte, wohl gar heimlich weinte. Aber eine solche Thräne, die damals von mir verweint wurde, gewährte mir mehr Wollust, als die rauschende Freude eines Balls. Wenn ich in stillen Sommerabenden unter den Linden lag, vor dem Landschlosse meinen Vaters, und der schlanke Gustaf allein neben mir sas und mit meinen Schleifen tändelte, oder mit meiner Hand, wie mirs da so wohl war! dann schlang ich wohl meine Arme um seinen Leib, drükte ihn heftig an mich und küßte seine blühenden Wangen — oft glaubte ich mich in diesen Küssen satt zu schwelgen, aber meine Sehnsucht forderte noch immer und war nie gestillt.

Louise. Und das nennst Du Freundschaft, Augusta? dann mögt’ ich doch in aller Welt wissen, was Du Liebe nenntest?

Frl. v. Gülden. Ich habe schon gesagt, Gustaf war erst vierzehn Jahr alt, — zu jung um zu lieben und Gegenstand der Liebe zu sein. Und nennen Sie es immerhin Liebe; so wars die unschuldigste, reinste, die man je gekannt bat. Ich liebte Gustafen, bewunderte den schönen Knaben, und hegte zugleich eine gewisse Ehrfurcht vor ihm, die sich nicht beschreiben läßt. — Einst saß er am Abhang eines Hügels neben mir, beim Sonnenuntergange. Er sprach viel Angenehmes, ich schwieg, aber meine Gedanken antworteten ihm. Ich wollte mich einmal böse stellen, und wußte nicht warum? vielleicht daß ich ihn gern schmeicheln sehn wollte. Die gute Seele ließ sich täuschen, er glaubte daß ich auf ihn zürne, und sah betrübt vor sich nieder. Nach einem langen Schweigen, da ich schon meine Verstellung zu bereuen anfing, sah er endlich zu mir auf — eine Thräne schwamm in seinem Auge, die untergehende Sonne in ihr — sein Antliz glänzte in der Abendröthe, — es war eine Verklärung. „Du bist böse, Auguste?“ fragte er mit der Stimme einen Engels und ich schauerte froh und beklommen zusammen: „bin nicht böse!“ gab ich zur Antwort, aber wagte es nicht ihn zu küssen. Ich schien mir eine Sünderin neben einem Geliebten Gottes.

Louise. (lächelnd) Du Schwärmerin!

Frl. v. Gülden. Bald darauf wurde Gustaf krank, sehr krank. Ich saß an seinem Lager und sah ihn verwelken. — O, Prinzessin, er war noch immer schön; selbst als er so blaß da lag, und sein Blik nur matt an dem Meinen hing. Aber es jammerte mich — ich weinte viel, sehr viel, nur an seinem Bette lächelte ich. — Er küßte mich einst, und in dem Kusse entfloh sein Geist —

Louise. Arme Auguste!

Frl. v. Gülden. Lieben Sie nur, Prinzessin, es ist süß zu lieben.

Louise. Ich selber bin deinen Gustaf gut geworden, wenn er doch noch lebte!

Frl. v. Gülden. (zeigt mit dem Finger gen Himmel) O, ja, erlebt noch!

Louise. Und seit der Zeit hast du nie wieder geliebt?

Frl. v. Gülden. So nie.

Louise. Auch an unserm Hofe findest du deinen Gustaf nicht ersezt?

Frl. v. Gülden. Gustafen nicht.

Louise. Du bist vielleicht zu sehr für das Bild eines Geliebten enthusiasmirt, der nur noch in Deiner Einbildungskraft lebt; überdem hab ich mir sagen lassen, daß man den Werth verlorener Schäzze mit jedem Gedanken an sie versteigre. Doch las es sein. Was hältst Du vom Grafen Duur?

Frl. v. Gülden. (die Prinzessin anstarrend) Vom Grafen Duur? —

Louise. Nicht wahr, ein Meisterstük männlicher Schönheit? er hat mich bezaubert.

Frl. v. Gülden. Sie geruhen zu scherzen.

Louise. Scherzen? wie so? findest Du ihn nicht schön?

Frl. v. Gülden. Könnten Sie ihn lieben?

Louise. Warum nicht? Können? sonderbar, ich bin ja ein Mädchen, liebe Auguste, wie Du? Dich entzükte Dein vierzehnjähriger Gustaf und mir sollte der Graf nicht gefallen? —

Frl. v. Gülden. Eine Fürstin aus herzoglichem Geblüt und ein Graf! Prinzessin, bedenken Sie wohl! — Lieben können, ja, da hab’ ich unrecht gefragt, aber lieben dürfen — dürfen!

Louise. Ich verstehe Dich; allein Du mußt wissen, daß der Graf nicht mein Gemahl, sondern mein Geliebter werden soll. Da man mein Herz nicht befrägt, wenn meine Hand dem Staatsinteresse aufgeopfert wird; warum sollte mein Herz fragen, wenn es sich zu verschenken Lust fühlt! Und das Herz sieht nicht auf den Rang, sondern mißt seine Hochachtung nach der innern und äußern Schöne den Gegners.

Frl. v. Gülden. Freilich wohl.

Louise. Mein einstiger Gemahl wird nie so blödsinnig sein können Liebe von mir zu verlangen, wenn ich sie nicht geben kann, so wenig als ich sie in gleicher Lage von ihm fodern würde. Wir sind deswegen aber nicht verpflichtet den Freuden der Liebe zu entsagen. — — Nun, Auguste, findest Du den Grafen liebenswürdig?

Frl. v. Gülden. (ernsthaft) O, sehr.

Louise. Und Du wirst mir doch zu einigen Entrevüen tapfer beistehn.

Frl. v. Gülden. Sie befehlen.

Louise. Das so trokken hingesprochen?

Frl. v. Gülden. Haben Sie denn auch schon Beweise von des Grafen Gegenliebe?

Louise. (ihrem Spiegel zulächelnd) Und wenn auch noch nicht.

Frl. v. Gülden. Ich halt’ es doch aber für nothwendig.

Louise. I nun, wärst Du mit einem schüchternen, verworrenen, unendlich viel sagenden Blik des schönen Mannes zufrieden?

Frl. v. Gülden. Wie sollt’ ich nicht?

Louise. Oder mit einem Erröthen desselben, wenn er Dir die Hand küßte?

Frl. v. Gülden. (unruhig) Erröthete er wirklich?

Louise. Nun ja.

Zweites Kapitel.
— — Und wen? — —

Florentin, von einer Prinzessin geliebt, von einem Fürsten geachtet und hervorgezogen, befand sich am Hofe, wie man leicht erräth, vollkommen zufrieden. Man kannte ihn allgemein als den Favorit des neuen Herzogs, und eben deßwegen liebkosete ihn der Neid selber.

Aber ach! seine Freude war nicht ungetrübt, denn aus einem Briefe seines guten Onkels erfuhr er Holders Verschwinden, und die vorhergehenden Szenen der Liebe, Verlobung, des neuen Adels und Rittergutes. Holder war ihm zu lieb; er konnte nie jenes Morgens vergessen, da derselbe den sonderbaren Eid schwur; er wünschte ihn izt, als Zeugen seines Glükkes und nun war er verloren. Daß Holder ein ausgemachter Sonderling war, blieb Florentinen nicht unverholen, aber jezt schien ihm das Spiel doch etwas zu weit getrieben, oder es mußten schlechterdings geheime, wichtige Ursachen den Mann zwingen sich aus den Armen eines Mädchens, das er nach seiner Aussage über alles liebte, aus den Armen des alten Grafen, der ihn seinen Sohn nannte zu reissen.

Am meisten war das arme Rikchen zu bedauern, welche sich über den Verlust ihres Holders wenig trösten lies. Sie verbarg umsonst ihrem Oheim die Thränen, welche sie weinte; denn die verschwindende Rosenfarb’ ihrer Wangen, die halberstikten Seufzer, die rothgeriebenen Augen, das seltne, melancholische Lächeln, das einsame Umherwandeln sagten ihm genug, und er litt doppelt, um den Gram seines Rikchens und um den Verlust seines einzigen Freundes.

Er suchte Zerstreuung und fand sie selten; auf der Jagd fehlte ihm der sonstige, angenehme Begleiter, in frohen Gesellschaften sein liebster Gegner. Dazu kam es, daß die Geschichte allgemein bekannt geworden war, und die alten und jungen Damen und Herrn in ihren Konversationen oft sehr übel darüber meditirten.

Florentin suchte durch seine Briefe tropfenweis Linderung auf diese Wunde zu giessen, aber umsonst; sie verharschte schwer und blutete leicht wieder auf. Rikchens Briefe an ihren Bruder waren rührend; noch nie hatte die leidende Liebe naiver geklagt, zärtlicher getrauert.

„Wie gern mögt ich sterben, sagte sie, und mich trösten lassen vom Tode! aber dann würde unser Oheim ganz verlassen sein, ohne seinen Holder, ohne sein Rikchen! Er soll sich nicht grämen; ich will leben und weinen, ach Gott, wer weiß es, wie lange noch! O Florentin, hätte ich nie geliebt und des Onkels Gebot befolgt — aber was konnt ich thun um Holdern nicht zu lieben? — Es war ja unmöglich, und die Unmöglichkeit selber war mir angenehm, ist mirs noch izt, da ich dies unter Thränen schreibe. Aber weist Du was mich beruhigte — Unser Prediger sagte neulich, daß Gott die Liebe selber wäre; wenn nun der alte Mann nicht Unrecht hätte, denn das mus er doch wohl aus der Erfahrung wissen: so wird Gott mir meinen Holder wiedergeben! — Holder mir wieder! Holder! o Florentin, ich mus in den Garten hinausfliegen und mich erst müde freuen, eher ich Dir weiter schreiben kann.“

So schwärmte das gute Mädchen immerfort, und der alte Graf mit ihr. Nach Wochen und Monden konnte Rikchen nicht mehr weinen; der heftige Schmerz verwandelte sich in eine süße Schwermuth, und diese umnebelte mit ihrem Schleier die Bilder der Vorzeit. Alle Leiden.

— All die namenlosen Wonnen

Sie waren izt in der Erinnrung Traum zerronnen,

Und — — — dieser noch ist schön;

Denn ihm verschwistert sich die traute Hofnung gerne,

Sie läßt dem Trauernden in öder Ferne

Der bessern Zukunft Paradise sehn.

Der alte Graf und seine Nichte lebten izt wieder das ehmahlige, einfache Landleben, wie es vor Florentins Ankunft und Holders Bekanntschaft war. Außerdem daß Florentin sie unterweilen einmahl besuchte, waren ihrer Freuden wenig, so wie ihrer Leiden.

Nur Florentins Leben war nicht mehr das stille, friedsame; hineingezogen in die große Welt, suchte er sich nun an alle ihre Sonderbarkeiten zu fügen; Von einem Herzoge Liebling, wagte ers seine ehmahligen, schmeichelhaften Ideale in Wirklichkeit zu sezzen. Er wünschte sich völlig gleich bleiben zu können; er sann darauf nicht sich höfisch gros zu machen, sondern große Thaten zu thun, denn an Gelegenheiten zu erhabnen Dingen ist die Zeit niemals arm. Vor allen Dingen bemühte er sich die Gnade seines Fürsten mehr zu verdienen, sich demselben immer unentbehrlicher zu machen. Es geschah. Der Herzog kettete sich täglich fester an den Grafen; Beide sah man stets beisammen; sie betrachteten sich zulezt nicht mehr, als Obrigkeit und Unterthan, sondern, als Freunde und Brüder.

Seliges Volk, dessen Fürst nicht an den Launen einer Pampadour gefesselt ist, welche mit einem wollüstigen Blik die ganze Tugend eines Landesvaters verzehren, mit einem erkünstelten Seufzer den biedern Verdienstvollen um Hab und Gut und zum Kerker bringen, durch eine buhlerische Thräne ein ganzes Land entgütern kann!

Der Herzog liebte alles, was von Florentin gethan wurde; er nahm in vielen Stükken dessen Prinzipe an und er fand sich dabei und sein Volk glüklich. — Bis izt kannte dieser Fürst den Werth deutscher Schriftsteller nur wenig, der Graf lehrte ihn denselben schätzen; in kurzer Zeit besas er eine geschmakvolle Bibliothek der vorzüglichsten deutschen Werke; sowohl Statistiker, Philosophen, als Dichter, wurden seine Lektüre. Aber nicht jene alltägliche Lektüre, welche die Langeweile einger Stunden vertreiben soll, war die des Prinzen, sondern die, sich durch gute Schriften gut zu bilden, sich aufzuklären, und denken und handeln zu lernen. Das Land empfand die wohlthätigen Folgen, welche nothwendig daraus entspringen müssen, und segnete seinen Vater.

Unterdessen der edle Graf so seine Stunden für das Wohl des Ganzen widmete; unterdessen er von tausend Zungen vergöttert wurde, nagte ein geheimer Wurm an seinem Herzen, welchen er nur zu wohl kannte, aber um seines Glükkes willen nie verrathen dürfte.

Er liebte — und wen? — —

Drittes Kapitel.
Der arme Florentin!

Der alte herzogliche Geheimerathspräsident von Hello, ein Mann von namenlosem Stolze, und eben so großer Bigotterie, kam aus einer Seßion, als ihm unterwegs ein Gedanke beifiel, welcher seine nähere Aufmerksamkeit zu verdienen schien; und dieser betraf nichts geringers; als daß er den Grafen zu seinem Schwiegersohne erwählen wollte.

Agathe, sein Fräulein Tochter, hatte oft des Grafen sehr wohlwollend erwähnt, bald seinen angenehmen Wuchs, bald seinen männlich-schönen Teint gelobt, da sie übrigens sehr ungern etwas gutes und liebenswürdiges außer ihrer kleinen, etwas misgewachsnen Person zu finden glaubte.

Sie war das einzige Kind des Präsidenten, und hatte übrigens alle Lebensmaximen desselben geerbt, mit welchen sie eine halbvertuschte Coquetterie verband; der Vater liebte sie daher mit Affenliebe, ihre Gebrechen verwandelten sich in seinem schonenden Auge zu Schönheiten, die Summe aller Tugenden seiner Ahnen und Ahninnen glänzten ihm von seiner Tochter wieder entgegen.

„Du scheinst mir, sagte er lächelnd, Du scheinst mir den Grafen von Duur nicht zu hassen, Agathchen?“

Agathe. Wie fallen Sie auf den?

Präsident. Heut zum erstenmahl zog ich seine Person genauer in Betrachtung.

Agathe. Und?

Präsident. Ich fand einen feinen, gesitteten Mann, der da Ehre zu geben weis, dem Ehre gebührt.

Agathe. Ein geringes Verdienst, wahrhaftig!

Präsident. Er benuzte meine Laune und unterhielt sich mit mir über eine halbe Stunde.

Agathe. Viel, sehr viel von einem herzoglichen — Mignon!

Präsident. Unter andern fragt’ er mich um Dein Befinden.

Agathe. Ergebne Dienerin!

Präsident. Nun sag mir, Agathe, sag mir, was urtheilst Du von diesem Kavalier?

Agathe. Daß er — daß er — sehr artig ist — daß er zu leben weis.

Präsident. Blutwenig; allein er ist von sehr altem, unvermischten Adel.

Agathe. Zählt er über die Hello’s hinaus?

Präsident. Ueber unsre Ahnenzahl? Bestes Agathchen, Du bist unterweilen mehr beissend, als wizzig! ha, ha, ha! über die Hello’s hinaus! ha, ha, ha! — Doch, beiseite dies; er gefällt mir; und Dir —?

Agathe. (den Kopf zurükwerfend) Hm, ein andres ist es den Herrn, ein andres den Damen gefallen; — indessen — wie Sie wollen; nun ja, er mag mir gefallen.

Präsident. So? — nun, was hältst Du von — ich rede offenherzig zu Dir — war hältst Du von einer Mariage zwischen — —

Agathe. (sinkt aufschreiend in einen nahestehenden Sessel.) Mon Dieu! — ein Riechstäbchen!

Präsident. (geht kaltblütig und summend das Zimmer auf und nieder.)

Agathe. (halbe Ohnmacht affektirend.) O, Himmel! — nehmen Sie — mir alles, nur meine — Freiheit nicht — nur den elenden — Grafen nicht zu meinem Gemahl! —

Präsident. (lächelnd.) Wer dringt Dir denn den Graf auf? Der Graf, sagte ich, wird sich mit einer unsrer Verwandtinnen, dem Fräulein Aldenau vermählen.

Agathe. (erschrokken. Doch Heiterkeit heuchelnd.) Mit — mit dem Fräulein Aldenau? — Ist das sicher?

Präsident. So, daß ich nicht daran zweifle.

Agathe. Es ist unmöglich, sag ich Ihnen.

Präsident. Wie so?

Agathe. Eine Aldenau? — Graf Duur eine Aldenau wählen? wahrhaftig ich hätte seiner Delikatesse mehr getraut; und überdem —

Präsident. Ueberdem? —

Agathe. Kenne ich den Graf zu wohl; auf der lezten Redoute, als er mich von einer Angloise zurükführte, lies er einige vielsagende Worte fallen. Die —

Präsident. Nun?

Agathe. Von seinem edeln Geschmak zeugten. — Er wich selten von meiner Seite; sprach viel Süßes — und — —

Präsident. (lächelnd.) Agathchen, gefällt Dir der Herr von Duur?

Agathe. Ist Ihre Nachricht von der Aldenau gegründet?

Präsident. Völlig gegründet.

Agathe. Unerhört! sollte man je die Möglichkeit eines so pöbelhaften Einfalls träumen können? o, erlauben Sie, ich mus auf mein Zimmer; mir wird es — ich befinde mich nicht ganz wohl.

Präsident. Wir haben heut Gesellschaft; man wird Dich doch sehen?

Agathe. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Präsident. Der Graf selber wird uns die Visite machen.

Agathe. O weh, desto schlimmer! erlauben Sie, daß ich mich in die Einsamkeit retirire; ich will Aesops Fabel vom Fuchs und dem leeren Statüenkopf lesen.

Präsident. Und (schlau lächelnd.) Die Geschichte mit dem Fräulein von Aldenau ist so gut, als ein Märchen.

Agathe. (mit plözlich aufgeklärter Miene.) Wie, sagen Sie, wie? ein Märchen? — (kalt und stolz.) Doch seis auch, was intereßirts mich?

Präsident. Schade, Schade, daß Dir nicht wohl ist!

Agathe. Ich hoffe, es wird vorübergehn.

Präsident. Nein, nein, liebes Agathchen, hab wohl auf Dich Acht; opfre Deine zarte Gesundheit nicht um der Gesellschaft willen auf!

Agathe. (schmeichelhaft) Nicht doch, Papachen, es würde ja manchen beleidigen, wenn ich in der Gesellschaft fehlte; erlauben Sie mirs nur; — ich erscheine.

Präsident. He, he, he, he! und wer ist denn der Manche? he, he, he! wer ist denn der manche?

Der alte Präsident wollte wizzig, und Agathchen gern roth werden, aber Beiden gelang es nicht.

Es wurde Abend; die Karossen rollten herbei; der Graf kam; Agathchen ermangelte nicht anwesend zu sein. Der Präsident sprach hin und wieder; Florentin horchte, verstand es nicht und lächelte. Agathchen warf eben so oft in süßer, jungfräulicher Schaam den Fächer vor die Augen und Florentin verstand mehr; und scherzte wie in einem Scherze. Der alte Minister nannte den Grafen zuweilen Söhnchen; Florentinen ging ein Licht auf und er — rieb sich die Stirn.

Viertes Kapitel.
Einige Damen werden behorcht.

Ich habe einen berühmten Pädagogen gekannt, dessen Schriften über das Erziehungswesen mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, dessen eigne Kinder aber Taugenichtse waren.

Einer unsrer größten Schriftsteller über die Oekonomie und Landwirthschaft wußte selber so wenig wirthlich zu leben, daß er bankerotirte.

Es ist also ein sehr alltäglicher Fall, daß große Leute in ihrem Hause selber öfters die kleinsten sind, und daß sie von ihrer häußlichen Unordnung auf das abstrahiren, war besser sein könnte. Eben so ging’s auch dem in vieler Hinsicht sehr einsichtsvollen Staatsmann, Geheimerathspräsidenten v. Hello. Er, der oft mit so vieler Schlauheit fremden Höfen das wahre Interesse seines Fürsten zu verbergen wußte, beging den großen Fehler seinen Freunden zu verrathen, daß der Graf v. Duur Absichten auf das liebenswürdige Fräulein Agathe geäussert habe, wenigstens zu äussern schiene, und daß Fräulein Agathe so wenig, als Sr. Excellenz, diesen Absichten entgegen zu arbeiten, geneigt wären.

Am folgenden Tage war die Residenz von dieser Novelle voll.

„Der schöne Graf die Agathe v. Hello?“ hiess es in bürgerlichen und adlichen Gesellschaften; — der „Graf die Agathe v. Hello? Die beiden Extreme der Natur, Schönheit und Häßlichkeit verknüpfen sich mit einander?“ dachten die verheuratheteten und unverheuratheten jungen Damen bei sich in der Stille, und sagten es zum Theil auch wohl laut. „Er opfert seine Delikatesse der Politik auf!“ gaben einige weltkluge Herrn sehr weislich an. „Vielleicht schließt der Graf diese Heurath aus Liebe zum Kontrast!“ wizzelten einige Wizjäger.

Das Fräulein v. Gülden erfuhr diese Nachricht, ging in ihr Kabinet und — weinte.

„Ich habe geliebt, sagte sie vor sich, ich habe geliebt, und werde nie wieder lieben! o, was ein Mädchen unglüklich ist, welches seine Liebe nie verrathen darf! Er hat mich kaum bemerkt, seit er am Hofe ist; und wie konnt er das, er der von allen Vergötterte? hat mich kaum bemerkt, und ich habe ihn so sehr geliebt! — Ja, ich habe ihn geliebt, liebe ihn noch; und wäre Agathe v. Hello zehnfach reicher denn Auguste v. Gülden, und wäre Agathe v. Hello die Tochter einen Kaisers, sie könnte ihn nicht heftiger, als ich, lieben. — Aller Weiber Blikke buhlten um den seinen, nur der meinige nie, und, ach, ihre Coquetterie trägt den Sieg davon! — Vielleicht wär ich glüklich gewesen, hätt ich ihn mehr aufgesucht, und alle die Reize aufgespannt, welche Agathe aus ihren Romanen kennen gelernt haben mag. — Ein schmachtender, oder ein wollustbietender und wollustverlangender Blik wirkt mehr auf Männerherzen, als das schaamvolle zu Boden gesenkte Auge. — Unseelige Erfahrung, die mich zu spät weise macht!“ — —

„Doch nein, ich bin zufrieden in meinem Unglük; ich verachte den Sieg, wozu die Sünde Waffen bietet. (sie zieht ein Miniaturgemälde aus dem Busen, sieht es mit nassen Augen an und drükt einen Kus darauf.) Gustaf, seeliger Gustaf, sei Du; bleib Du mein Geliebter! — wie sehr diese Züge den Zügen des Grafen gleichen! — Eben diese Harmonie ist die Quelle meines Leidens. Zürne nicht, lieber schöner Gustaf; Duur konnte dich nicht aus meinem Herzen verdrängen, aber wohl hätte ich dich allein nur in ihm geliebt. — Du bist mein, und dieses Bildniß soll mich ewig begleiten. — Lieg’ ich einst im Sterbebette, seh ich die Träume dieses Lebens gemach verschwinden, fühl ich mein Auge brechen, dann will ich das Heiligthum noch einmal betrachten, und es mit sterbenden Lippen küssen!“ —

So schwärmte das Mädchen noch ein Weilchen hin, nahm dann ein Buch und las. — In eben dem Augenblikke trat die Prinzessin Louise zur Thür herein; das Fräulein legte das Buch zur Seite, und ging ihrer Gebieterin entgegen.