Ein Andrer. Freilich, wir haben lange auf Ihn warten müssen.
Prinz. (einen Schritt zurüktretend) Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?
Verkleideter. Wer wir sind? das kann man Ihm nachher sagen. Was wir wollen? eine Bestellung wollen wir an Mann bringen.
Prinz. Warum fallt Ihr mich auf der Strasse an?
Verkleideter. Bewahre Gott, anfallen! Banditen fallen Leute an.
Ein Andrer. Hör Er, wer Er ist, wissen wir nicht, aber daß Er beim Prinzen Moriz in Diensten steht, das wissen wir.
Prinz. (horchend) So ists; nun weiter? Ein Dritter. Wenn ich nicht irre; so ist Er der Sekretair Flimmer.
Prinz. Ihr habts errathen.
Verkleideter. Grüss’ Er seinen Herrn von uns unbekannter Weise.
Prinz. Soll gern geschehn, wenn ihm anders mit Eurem Grus gedient sein wird.
Verkleideter. Gedient oder nicht gedient; das ist einerlei.
Prinz. Nur zur Sache, Schurken.
Verkleideter. Sehr Verbunden. Vors erste rathen wir ihm wieder zu erzählen was ihm geschehen ist.
In dem Augenblik stürzten die vier Bravo’s auf ihn zu. Ehe sich der Prinz besinnen konnte, ward sein Mund verknebelt, jeder seiner Arme von einem Kerl gehalten, sein Couteau de Chasse aus der Scheide gezogen und ihm auf die Brust gesezt.
Der Prinz strengte umsonst alle Kräfte an, sich loßzureissen, er war ohnmächtiger, als ein Kind, und die Kerls lachten. Der, welcher ihm den Stahl auf die Brust hielt, fing an zu reden.
„Prinz!“ sagte er: „wir kennen Euch wohl, nur zu wohl. Ihr habt dem unglükseeligen Grafen von Duur einen Gifttrunk zugeschikt; er hat ihn am gestrigen Abend in einem Glase Brunnenwasser hinuntergeschlürft, und ihr seid also sein Mörder. Ihr seid gewarnt von unbekannten Fingern, aber Ihr habt gespottet, und in den Händen der Verspotteten seid Ihr jezt! — Was erwartet Ihr von denen, welche nach dem Rechte richten, und vor deren Stuhl Titel und Bettlergewand keinen Unterschied machen?“ — —
Eine lange, schrekliche Pause erfolgte. Der Prinz starrte den fürchterlichen Mann an, der die Todesworte so kalt hinsprach, und schauderte. Rings umher herrschte nächtliche Stille; die Sterne funkelten traurig durch die Lüfte, und der Mond ging hinter einem Wolkengebirg unter.
„Blutsünden,“ fuhr der Mann fort, vor dem jezt ein Prinz zittern mußte: „Blutsünden können nur mit Blut wieder abgewaschen werden!“ — —
Der Prinz versuchte eine Bewegung und stöhnte ängstlich.
„Jedoch wisset, daß Euch diese Schandthat vergeben ist. Vergeben ganz und gar, ohne alle Rüge und Ahndung, sobald Ihr binnen dreizehn Tagen ausser den Gränzen dieses Herzogthums seid, mit Eurem ganzen Gefolge. Eine Stunde Verzug ist Euch gefährlicher, als dem Grafen das Giftfläschgen! — Und nun Prinz vergeßt bei jedem Plan der Bosheit nicht dieser Nacht zu gedenken; vergesst nicht, daß es in der Welt auch Augen giebt, die ins Verborgne eindringen. — Gehabt Euch wohl!“
In dem Moment warf man ihm ein Pflaster über das Gesicht, ließ ihn loß und verschwand.
Moriz riß das Pflaster ab; entknebelte sich; sah mit funkelnden Augen umher, und begab sich fluchend nach seinem Pallast.
Vierter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Holder erscheint wieder.
Ruhig wohnten der alte brave Onkel und seine reizende Nichte Friedrike von Duur auf ihrem Landschlosse, indessen der arme Florentin, hingeworfen in den großen Strom der Welt, auf ihren Wogen umhergewirbelt wurde. Sie wußten nichts von dem unseeligen Geschik desselben, sie wähnten ihn glüklicher, als sich, und ach, wie gern hätte Florentin seine glänzende Rolle mit der Rolle des unbedeutendsten Landjunkers vertauscht! — Wie gerne hätte er der Schmeicheleien des Hofs entbehrt, für die zärtlichern Schmeicheleien seiner Schwester; wie gern hätte er den Kuß einen Herzogs mit dem väterlichen Kuße seines Onkels verwechselt! Allein jezt war alles zu spät; jeder Rüktritt Unmöglichkeit. Nur einmal wünschte er noch die Fluren zu sehn, in welchen er den Traum der Kindheit geträumt hatte; nur noch einmal die angenehmen Wildnisse zu durchirren, in deren heiliger Dämmerung er oft begeistert in die Zukunft hinausstarrte, und sich von tausend Zungen als den Wohlthäter des Vaterlands ausgerufen hörte; nur einmal noch in der Mitte seiner Verwandten ehmalige Freuden wieder zu fühlen.
Sein Wunsch wurde ihm eher gewährt, als ers glaubte. Er kam ein Brief vom Onkel, welcher ihn ersuchte, übermorgen in sein Schlos einzutreffen; beileibe aber nicht später. Der Brief des guten Alten hatte so viel Geheimnisvolles an sich, daß Florentins Neugier nicht ungereizt bleiben konnte. Er ging zum Herzog und bat ihn um Erlaubniß seinen Onkel besuchen zu dürfen.
Der Fürst war ausserordentlich gnädig.
„Wenn eher darf ich denn hoffen Sie wieder bei uns zu sehn?“
Sobald es Ew. Durchlaucht befehlen.
„Befehlen? Pfui, Graf, Sie wissen, daß wir uns einander nicht befehlen. Also, wenn darf ich Ihre Rükkunft hoffen?“
„Vierzehn Tage wenigstens würd ich mir ausbitten.“
„Vierzehn Tage? nun ja; aber ich bitte Sie, auch nicht eine Minute länger.“
Wenn Sie wollen, so unterlass’ ich die Reise gänzlich.
„Nein, nein! das dürfen Sie auch nicht. Ihr Onkel und Ihr Fräulein Schwester würden mir böse werden. Nur vierzehn Tage! die durchleben sich leicht.“
Haben Sie noch einige Befehle!
„Vor ihrer Wiederkunft erfahren Sie nichts, allein nachher desto mehr. Ich habe einen vortreflichen Anschlag, bei dessen Ausführung Sie mir schlechterdings beistehn müssen. — O Graf, Sie haben mich auf eine vortrefliche Bahn geführt; reden dereinst die Jahrbücher der Welt auch nicht von mir, als dem Eroberer, dem Heiligen, vergißt man mich auch, weil ich keine auffallende Thaten that: so belohnt mich doch jezt schon die Freude meines Volks.“
Nein, Theuerster; Vater des Vaterlandes wird die Nachwelt Sie nennen, ein Beiname, der unendlich schmeichelhafter klingt, als der Name des Grossen, des Weltüberwinders.
„Ich thue auf den einen, so wie auf den andern Verzicht. Eine Thräne von der Dankbarkeit geweint, ist belohnender, als aller Weihrauch von der Nachwelt. Und nennt man mich: so nenne man auch Sie. Denn Sie haben gleichen Antheil an der Vervollkommnerung meiner Unterthanen. — Graf, noch eins, warum seh’ ich Sie seit einigen Tagen so ernst, so schwermüthig?“
Mich, gnädigster Herr?
„Nun ja; Ihr Lächeln dünkt mich so erzwungen, Ihre Freude so erborgt. Was ist ihnen? sagen Sie mirs. So wahr ich Herzog bin, und so weit sich meine Gewalt strekt, helf’ ich ihnen! Ich mag kein trauriges Gesicht sehn, am wenigstens von Ihnen.“
Verzeihn Sie, vielleicht ists Laune, vielleicht die Annäherung einer Krankheit, vielleicht — —
„Man hat Ihnen doch nicht einen Streich gespielt, wie dem Prinzen Moriz?“
Ich wüßte nicht welchen?
„Der Prinz wie Sie wissen, wird uns in kurzem verlassen, und zwar, weil er in Gefahr steht umgebracht zu werden.“
Umgebracht zu werden?
„Ja, ja; so sagt ers selber. Vor einigen Abenden ist er von vier verlarvten Kerln angehalten worden, die ihn um seine Börse plündern wollten.
Allein er hat sich durchgeschlagen, und da hat man ihm den Tod gedroht.“
Unerhört.
„Freilich unerhört. Indessen hab ich doch die Wachen verstärkt um Sicherheit auf den Straßen zu erhalten. — Er wußte überhaupt vielerlei Klagen wider meine Polizei anzubringen, unter andern beschwerte er sich über gewisse Unbekannte, die ihm zuweilen Briefe zuschikt, worin sie sich das boshafte Vergnügen gemacht haben sollen, ihm seine heiligsten Geheimnisse wieder zu erzählen. Auch muthmaßt er stark, daß ihm eben diese unbekannten Briefsteller den Spaß mit den vier Kerln gespielt haben mögten.“
Es ist sonderbar!
„Das ists. Ich weiß nicht, was ich hievon urtheilen soll; denn gesezt, daß in der That einige Menschen sichs zur Absicht machten, im Dunkeln umherzuschleichen: wie soll man ihnen beikommen? — Ich erinnre mich, daß schon vor einigen funfzig Jahren unter der Regierung meines Großvaters solcher Unbekannten, als heimlicher Richter erwähnt sind. Man fand nemlich eines Morgens einen Obristen ermordet, auf seiner Brust ein Blech; darauf stand: Gericht der Unbekannten geschrieben, und in seiner Tasche einige zusammengeheftete Bogen Papiers, worauf viel fürchterliche Handlungen des Ermordeten aufgezeichnet waren. Die Sache des Obristen und die ihm aufgebürdete Schuld wurde untersucht, und man fand leider alles gegründet. Ich wünschte indessen doch nicht, daß das alte, heimliche Unwesen wieder aufleben mögte.“
Der Herzog sprach noch manches, umarmte sodann den Grafen, und beurlaubte ihn.
Florentin ging. „Wenn werd’ ich dieses Schlos wieder betreten, und wie werd ichs? — O, Gott, wie er mich noch so brüderlich umschlos und küßte! — wehe mir, wenn aus ihm der beleidigte Bruder, der entehrte Herzog, der hintergangne Freund spricht. In Has verwandelte Liebe ist schreklicher, als jeder Has, der aus andern Quellen fließt. — Jezt sprach der Freund zum Freunde, und einst, o bald! der richtende Herzog zum Verbrecher der beleidigten Majestät. — Sei es, ich will meinem Schiksale nicht entrinnen, wenn ich es gleich könnte!“ —
Mit diesen Gedanken umgehend, kam der Graf zu Hause. Badner hatte alles zur Reise fertig gemacht, und folgenden Tags in aller Frühe setzte Florentin sich in die Kutsche, Badner ritte voran, so daß sie zum andern Tage gegen Sonnenuntergang die Kuppeln des Duurschen Schlosses in der Abendröthe schimmern sahen.
„Ho, ho, ho!“ — rief plözlich der Vorreuter, und wekte Florentinen aus ernsten Betrachtungen.
„Was ists?“ fragte dieser, und lehnte sich zum Flügel der Kutsche heraus. Badners vorwärtsdeutender Finger gab die Antwort.
Ein Chor Musikanten, mit blasenden Instrumenten, traten aus einem Gebüsch hervor, ihm folgten ein Trupp gepuzter Bauern und Bäuerinnen, welche lachend und tanzend den Wagen umringten. Bald darauf hörte man sie ein allgemeines, jauchzendes „Vivat!“ rufen, wozu die Waldhörner einstimmten.
„Ja, es lebe mein Neffe, der Kammerherr!“ —
„Ja es lebe Florentin, mein Bruder!“
„Es lebe lange Florentin, mein Freund!“
Froh-bestürzt sprang der Graf aus dem Wagen, Vergangenheit und Zukunft, alles war von ihm in diesem Augenblik vergessen, nur Thränen freudiger, inniger Rührung, ach, vielleicht die lezten welche er vergoß! entquollen seinen Augen — er sprang aus dem Wagen, und o! — in die Arme den Onkels, Rikchens und Holders!
„Mein Florentin! mein Florentin!“
„„Meine Lieben!““
Ueberrascht, verwirrt, gerührt, lagen sich diese Guten endlich nach langer Trennung, nach vielen überstandnen Leiden einander in den Armen; sie vergaßen alles; Liebe schwamm in jedem Auge; Freundschaft glühte auf ihren Lippen; der Erde reinste Freude brannte in Ihrem Busen — der Himmel schien sie umfangen.
Im Triumf führte man den angekommenen Liebling in das väterliche Schloß; unterwegs wurden tausend Fragen gefragt, tausend Glükwünsche gewünscht, unterwegs erfuhr auch Florentin, daß Holder von Sorbenburg mit Fräulein Friedriken von Duur morgenden Tags die Hochzeit feiern würde.
„Ja, ja!“ sagte der Onkel, und lächelte schalkhaft dabei; „ja, ja, wir müssen unsern Flüchtling für die Zukunft fester binden. Ha, ha, ha! er soll uns diesmal, mein Seel, nicht entschlüpfen. — — Aber höre, Florentin, Herzensjunge, — nun Du nimmst doch den Herzensjungen nicht übel, Herr Kammerherr — höre, wie gefiel Dir Deine feierliche Einholung? he? — ja, ja! der Spas kam von dem alten, guten Onkel! ha, ha, ha, ha!“
Zweites Kapitel.
Ein Traum.
Soll ich Ihnen, meine Leser, hier die förmliche Beschreibung eines Vermählungsfestes liefern? Ihnen etwa erzählen, wie alles in trauter, ländlicher Einfalt gehüpft, gescherzt, gesungen, geküßt, und gratulirt hat? oder wie und was die Herrn vom Lande und von der Stadt beim Wein und Knasterdampf kannegiesserten, philosophirten, und wizzelten, oder die Damen, Tanten und Kousinen medisirten, beliebäugelten u. s. w. oder wie das sanfte Rikchen an diesem schönen Tage dreimal schöner als sonst war, und wie sie um die Mitternachtsstunde erröthend mit Holdern dem Schlafgemach entgegentrippelte? —
„Um Gotteswillen nicht,“ rufen die Leser und Leserinnen, welche sich nun seit Jahr und Tag im Stande der heiligen Ehe befunden haben: „Sie machen uns gähnen!“
„Beileibe nicht!“ lispeln einige unverheurathete Leserinnen, und halten den Tuch vors Gesicht: „Sie machen uns — —“
„Vor der Zeit lüstern!“ fallen die jungen unbeweibten Herrn ein.
Es sei denn. Nach vier Tagen war Saus und Braus vorüber, Holder ein Mann, Rikchen eine Frau, das junge Ehepaar im Schloß Sorbenburg eingezogen, und der Onkel, dems jezt in seinem Hause zu leer geworden, bei ihnen. —
„O Florentin, sagte Holder an einem Nachmittage zu seinem Freunde, indem sie beide im Garten auf- und niedergingen; könntest Du izt doch mit uns stets beisammen bleiben!“
Ja wohl, wollte es Gott, ich könnte! Allein es ist unmöglich. Ihr seid mit einander in Eurer Ruhe beneidenswürdig! Mich ruft die Freundschaft meines Herzogs in kurzer Zeit wieder in die große Welt zurük, wieder zurük zu allen glänzenden Mühseligkeiten des Hoflebens. O, Bruder — mein Bruder!
„Du wirst ja schwermüthig mit einemmale!“
Ehmals war ich glüklich wie Ihr. Ehmals durchschweifte ich diese reizenden Gegenden mit sorgenloser Brust; da schwebte das Bild der Zukunft vor meinen Augen, da war ich in der Einbildung glüklich. Jezt sind meine kühnsten Erwartungen befriedigt, meiner Hofnung ist nichts mehr übrig geblieben zu hoffen; ich bin der Liebling eines liebenswürdigen Fürsten, an Ehre, Rang und Gewalt über jeden Nebenbuhler emporgestiegen — ich bin alles, bin mehr als ich als Jüngling träumte und bin — unglüklich. Wohl dem der sich mit geringeren Freuden sättigen läßt, desto armer ist er an Leiden. Wehe dem, der alle Pokäle der Freude ausschlürft, denn für ihn stehn auch alle Becher des Elendes gefüllt.
„Du bist also unglüklich? Florentin kann unglüklich sein, der einstmals mit Schiller sagen dürfte: „Aussendinge sind nur die Farbe des Geistes — Ich selbst bin mein Himmel und meine Hölle!“ „Ist das möglich?“
Leider, sag ich Dir eine fürchterliche Wirklichkeit! Doch zu wem red’ ich? — Du, Du selber, Holder, Du weißt meine schreklichen Verhältnisse am Hofe so haarklein, als ich. Du selber warntest mich durch die Federn Deiner Freunde und warntest mich fruchtlos — und Du stellst Dich verwundert? Freilich, spotte nur des Elenden, der die Stimme des Freundes in den Armen des lieblichsten Weibes vergas, — spotte nur; elender kann ich ja doch nicht werden, als ich es bin. —
„Bei Gott, ich spotte Deiner nicht!“
Und fragest doch, da Du jedes meiner Geheimnisse kennst? —
„Hast Du nie Hofnung glüklicher zu werden?“
O, doch! binnen drei Wochen, denk ich!
„Willst Du entfliehn?“
O, pfui!
„Einen Selbstmord begehn?“
„Nun.“
Gehn wie mein Verhängnis mich führen wird.
„Gedenk aber Deines grauen Onkels, gedenke meiner Gattin, Deiner Schwester, — gedenke meiner, Bruder, ehe Du handelst!“
O es ist schreklich! ich fühl’ es, aber ändern kann ich nichts. — — Noch eins. Sage mir, wer sind die Unbekannten, die sich in meine Auftritte mischen!
„Deine Freunde, sehr wahrscheinlich!“
Wahrscheinlich? — nein, gieb mir Gewisheit für dieses schwankende Wahrscheinliche. Wer sind sie?
„Es sind Unbekannte. Ich darf sie Dir nicht näher nennen; thät’ ichs: so wären sie Dir nicht mehr das, was sie noch izt sind.“
O geh: Du bist einer von ihnen, und — sie sind mehr, als Menschen.
„Wie lange wirst Du noch bei uns bleiben?“
Heut’ ist der elfte im Monat — — am zwanzigsten verlasse ich Euch alle.
„Zeit genug, Dir, über Deine Frage wegen der Unbekannten Licht zu geben. — Du scheinst ja so schläfrig?“
Es ist wahr, ich bin ungewöhnlich müde. Der Tag war sehr heiß!
„Schlummre ein wenig, ich werde Dich in einem Stündchen wekken. Komm auf Dein Zimmer!“
Hier in den Schatten des Fliederbaums will ich mich hinlagern. — Nun und wegen der Unbekannten?
„Sollst Du noch heute einige Notizen erhalten.“
Besorge mir doch beim Erwachen frische Milch. Willst Du?
„Es soll geschehn. — Schlummre sanft, es wird Dich niemand stören.“
Holder verlies ihn; der Graf warf sich ermüdet unter den Fliederbaum hin, und entschlief bald, eingewiegt von dem leisen Säuseln der über ihn hernieder hängenden Zweige.
Einige Zeit darauf traten Holder, seine Gattin und der biedre Onkel herein. Sie stellten sich um den schlummernden Geliebten, und sahen einige Zeit auf ihn gerührt herab.
„Nein,“ sagte Rikchen: „es thut mir zu wehe um ihn, ich bitte Euch, ihr Lieben, laßt es ungeschehn.“
„„Ei Poz!““ hub der Onkel an? „„ich sehe zwar den Nuzzen davon nicht ein, aber sagts doch Freund Holder, und was der sagt, muß geschehn, was der sagt, ist gut, weil er klüger ist, als ich und Du und der Kammerherr.““ Rikchen schwieg; sie kniete neben ihrem Florentin nieder, bog sich über ihn und küßte ihn sanft.
„Fort! fort; kommandirte der Onkel! Weißt Du was Freund Holder mir sagte?“
„„Und was denn?““ fragte Rikchen, indem sie aufsprang, und neugierig zu ihrem Onkel trat.
„Florentins Schiksal wäre krank, todkrank und verdiente daher eine wirksame Arzenei.“
„„Verstehen Sie etwas von diesen Worten meines Mannes?““
„Nein, Rikchen, das nun wohl nicht, aber mir ists doch so dämmernd!“
Holder lächelte, schlang seine Arme um Beide und führte sie aus dem Garten.
Der Graf schlief noch immer. — —
Ihm wars, als säße er in einem Zimmer, von vielen Männern umringt, alle in schwarzer Trauerkleidung. Es war Nacht. Einige Lampen brannten an den Wänden, zwei Kerzen auf dem Tische, an welchem Florentin saß und die schwarzen Männer.
Der Graf kannte das Zimmer nicht und keinen von denen, welche sich mit ihm hier befanden. — Ihm ward bange, doch faßte er sich, um zu sehn, was geschehn würde.
Man hörte mit einemmale die Thurmglokke läuten, die Männer kamen unter sich in Bewegung und einer von ihnen sagte! „auf Brüder, laßt uns ihn begraben, es eilt die Zeit!“
„Wessen Leichnam wollet Ihr begraben?“ fragte Florentin.
„„Den Leichnam des alten Grafen v. Duur““
„Des alten Grafen von Duur? unmöglich, er lebt ja noch.“
„„Er ist gestorben.““
„Seit wenn?“
„„Seit dreien Tagen.““
„Es ist unmöglich sag ich Euch, er lebt noch.“
„„Der Dekkel des Sarges könnte aufgerissen werden, um Euch Lügen zu strafen, allein es ist vor den Spionen des Herzogs Adolf nicht zu wagen.““
Die Leute gingen fort, ein alter Mann blieb nach zurük. Der Graf war wie versteinert. Er hörte das dumpfe Getön von einem Sarge, lehnte sich zum Fenster heraus, sah sich in der Mitte eines Waldes, und die Träger mit der Todtenbaare, beim blassen Schimmer der Windlichter unter den vielen Bäumen verschwinden. „Ras’ ich oder träum’ ich!“ rief der Graf aus.
„„Wollte Gott, ihr träumtet — dann träumt’ ich auch, und ich hätte beim Erwachen nichts verloren.““
Florentin sah den Alten an und erkannte seinen treuen Diener Badner in ihm.
„Du auch hier, Badner? — wie, und Du kannst reden? Du warst nie stumm?“
„Was wollt Ihr von mir, Herr?“
„Kennst Du mich nicht?“
„Ich habe Euch nie gesehn, die andern, welche anizt den seeligen Graf von Duur beerdigen, nannten Euch Vinzenz.“
„Badner!“
„Was wollt Ihr von mir?“
„Sag mir um Gotteswillen sag mirs, rase ich?“
„Euern wundersamen Fragen nach zu urtheilen, könnt’ es wohl sein.“
„Ich sehe also nicht recht, höre nicht recht, fühle falsch, alle meine Sinnen hab ich verloren! — Der Zustand des Wahnsinns, hab’ ich mir sagen lassen, gehöre zu den angenehmen, bei mir aber ists nicht so. — Sag nur, wie überzeug ich mich von meiner Raserei? — Nicht wahr, Du trauerst?“
„Wie Ihr sehet. Ja.“
„Und wer ist denn Dir abgestorben?“
„Ihr thut ja so fremd, als hättet Ihr so eben erst das Licht der Welt erblikt. — Wißt Ihr denn nicht, daß die ganze Duursche Familie unglüklich geworden?“
„Bei Gott, nein, ich weis nichts. Durch wen ward sie es?“
„Durch den Stolz, Leichtsinn und die Wollust des Grafen Florentin von Duur, welcher die Prinzessin Louise, Herzog Adolfs Schwester, entehrt hat. — Der unglükliche Graf hat schwer gebüßt: er ist heimlich hingerichtet worden. Vorher aber schändete Sr. Durchlaucht aus Rache die Schwester des Grafen, einen bildschönen Engel.“
„Wehe! wehe! Gott, Erbarmer, meine Schwester!“
„Was ficht Euch an?“
„Oh!“ —
„Ihr habt Recht zu trauern; es geschieht doch so manches Unrecht in der Welt, welches keine Obrigkeit rüget und rügen darf. Was hatten denn der Oheim und die Schwester Florentins von Duur begangen, daß sie um die Sünden dieses stolzen Wollüstlings büssen mußten?“
Ich begreife den schnellen Wechsel dieser Schiksale nicht. Ich — ich bin doch Florentin von Duur, der Straffällige, aber noch nicht Hingerichtete; ich hätte sterben sollen — und ich entzog ja dem Schwerdte meinen Nakken nicht!
„Florentin von Duur ist heimlich hingerichtet worden.“
„Nun, so bin ich denn von den Todten erstanden.“
„Ich bedaure Euch, armer Vinzenz, um den Verlust Eures Verstandes.“
„Badner, und Du dieses Deinem Herrn?“
„Wir haben nie mit einander zu schaffen gehabt?“
„So stehe mir Gott bei, ich bin verwirrt!“
Drittes Kapitel.
Zeitungen — Thränen, Flüche, Marionetten.
Der schreklichste, ängstigendste Traum, welcher je ein Menschenkind plagte, quälte jezt den Grafen: Es war ein Gewebe von Wahrheit und Betrug, welches sich nicht von einander trennen ließ.
Bald verließ ihn im Schlafe der Traumgott auf etliche Augenblikke, bald reihten sich wieder andre fürchterliche Szenen vor ihm hin, wovon er Theils Zuschauer, theils Mitspieler war; doch blieb immer ein merkwürdiger Hauptfaden durch das Ganze geflochten, so daß alle untereinander verschiedne Stükke einen gewissen Zusammenhang hatten.
So, zum Beispiel, behielt Florentin immer den Namen Vinzenz; die schwarzen Herrn waren seine steten Gesellschafter, u. s. w.
„Was erzählen die Novellen?“ fragte einer von den Schwarzen den andern, welcher einzelne gedrukte Blätter auf den Tisch warf, und den Wirth in einer Bierschenke vorstellte.
„Mancherlei!“ gab der Wirth zur Antwort, und sezte Florentinem Wein vor.
Florentin ergrif ein Blatt und las mit Erstaunen:
„Seit der Hinrichtung des Kammerherrn von Duur, und seiner Verwandschaft, sind neue gräßliche Entdekkungen gemacht worden. Die Prinzessin L** hat nämlich aus Eifersucht und Nebenbuhlerei das unlängst verstorbne Fräulein von G** mit Gift umgebracht, indeß man vorgab, sie sei am Fieber eines natürlichen Todes gestorben. Die Sache ist unterdrükt, und niemand ausser dem Herzoge und dem Hofarzt hat anfänglich davon gewußt.“ — — —
„Gott im Himmel!“ rief Florentin aus! „in was für eine Welt hast du mich gesezt. Unerhörte, schwarze Thaten! die Unschuld wird gemordet, das Laster wird gekrönt, Recht und Unrecht macht jezt keinen Unterschied mehr; die Sünden der Großen werden gepriesen; die Tükke der Finsternis nicht gebranntmarkt.“ —
Unterdessen Florentin gelesen, und dies mit tiefem Unwillen gesprochen hatte, waren mehrere Schwarze hereingetreten; sie umringten ihn, und schlugen ein gellendes Gelächter auf.
„O entehrt euch nicht durch dieses Lachen,“ fuhr er fort und fühlte sein Gesicht glühen: „entehrt seid Ihr genug, daß Ihr zum geschändeten Orden der Menschheit gezählt worden seid. Allein bei dem lebendigen, furchtbaren Gott über und um uns sei’s geschworen, bei diesen meinen Thränen, bei der Asche meiner Schwester, bei der Asche meines guten Oheims sei’s feierlich geschworen, ich will die entadelte Menschheit rächen, will Bandit werden gekrönte Teufel zu morden, Aufrührer werden, die Kette zu sprengen, welche die Tyrannei um meine Brüder schlang, Mordbrenner werden, die vom Vermögen der Witwen und Waisen erbauten Palläste niederzustürzen, niederzustürzen auf den Schädel der Blutigel des Vaterlandes! — Oh! meine Schwester, mein Oheim, — oh!“ —
Jezt trat ein Mann, schwarzgekleidet wie die übrigen, in das Wirthshaus. Er trug einen Kasten auf dem Rükken und bat die Anwesenden, die Zeche für ihn zu zahlen, wofür er ihnen die Künste seiner Marionetten zeigen wolle.
„Wein her! Wein her!“ riefen alle aus einem Munde. Der Wirth brachte dem Puppenspieler den Wein; dieser war sofort geschäftig sein Theater zu arrangiren, worauf er den Vorhang öfnete.
„Schaut’s, Ihr Herrn, schauts! die Strassen der Stadt Magdeburg, wie sie brennen und auflodern in der Glut, welche die Kaiserlichen Feldherrn Tylli und Pappenheim angeschürt. Schaut’s welch ein fürchterliches Blutbad. — Nun werdet ihr sehn, wie ein fliehendes Weib mit ihrem Töchterlein auftritt.“
Weib. Hieher, Kindechen, hieher.
Mädchen. O, Mutter, wohin flüchten wir? siehst Du’s wie dort unsre Wohnung lichterloh brennt? Hu, wie da unten die Menschen durcheinander laufen — da, da sind die Feinde; wie die Spiesse, und Gewehre und Degen am Feuer blizzen!
Weib. Sei ruhig. Steh uns Gott bei.
Mädchen. Was haben wir beide aber dem Feind gethan, daß er uns umbringen will?
Weib. Nichts, gute Unschuld, nichts. — Aber siehst Du, die grossen Herrn dieser Welt verzürnen sich, und dann müssen die armen Unterthanen für sie bluten.
Mädchen. Ach, die bösen, grossen Herrn!
Weib. Aber über uns, über den Sternen wohnt ein Richter, vor dem auch die Herrn dieser Weit erscheinen müssen. In dessen Händen schwebt eine furchtbare Waagschaale, darin wiegt er die Thränen und Blutstropfen der Unterthanen, und wehe den vergötterten Kriegshelden dort!
Mädchen. Ich habe auch viel Thränen vergossen; die thue der Richter dort über den Sternen auch in die grosse Waagschaale!
Weib. (entfliehend) O, Wehe uns Unglüklichen!
Florentin stürzte jezt vom Weine berauscht wüthend gegen den Kasten und zertrümmerte ihn mit einigen Faustschlägen. „Nein!“ brüllte er: „wehe, wehe den blutdürstigen Fürsten!“
Viertes Kapitel.
Der Traum hat ein Ende.
In einem dunkeln Gewölbe, von keinem sterbenden Lichtstrahl erleuchtet, befand sich Florentin belastet mit Zentnerschweren Ketten. — Ihm hungerte, und er fand keinen Bissen Brodtes, ihm dürstete, und kein Tropfen Wassers erquikte ihm die Zunge, welche am troknen Gaumen klebte. Er versuchte es umherzutappen und fand sich angeschmiedet.
„O Gott,“ sagte er; „Welch ein Wechsel meines Lebens! Hier im dumpfen Kerker soll ich es enden? o, daß es längst beendet wäre!“
„Lange wirds wohl nicht dauern!“ brummte eine Stimme durch die Dunkelheit herüber. Florentin horchte hoch auf, und erstaunte hier nicht ohne Gesellschaft zu sein.
„Wer bist Du?“
„Vinzenz; eben der, der Ihr seid; ich schrieb ein Trauerspiel wider den Despotism der Fürsten, und Ihr, Vinzenz, Ihr sprachet wider Fürsten — beide sizzen wir also auf fürstliche Gnade, bis an unser Lebensende.“
„Fürstliche Gnade! Ha! fürstliche Gnade! Gott erbarms, wir treffen sie eher bei den Tigern. — O, o! was hab ich in eingen Tagen erleben müssen? Entlarvt liegt die Welt vor mir da; wo ehmals Elysium blühte, dampft mir eine abscheuliche Mördergrube entgegen, in dem Busen der tauben lechzenden Geierherzen; — o Gott, Schöpfer, Vater und diese Welt — diese Welt hast du erschaffen? — Philosophen nennen sie die beste? — dieses Jahrhundert ist das aufgeklärte, verfeinerte? ja doch, aufgeklärtes Jahrhundert, ich erkenne dich, ah, wie fein du weißt deine Laster zu verkappen!“
„„Ihr seid sehr erbittert, Vinzenz.““
„Wenn mein Karakter nicht mehr derselbe ist: so bin ich nicht daran Schuld. — Ich bin fürchterlich umgestimmt, verwandelt, wie die Welt um mich her. Ich mögte glauben daß ein Traum meine Seele äffe, aber ich fühle, empfinde zu klar. Ein ängstlicher Wirrwarr, den ich nicht aufzulösen fähig bin!“
„„Leider kein Traum, — alles Wahrheit, sag ich Euch! je nun wir wollen und müssen uns in die Zeit schikken.““ —
„Wäre mein Schiksal nur entschieden; Tod oder Freiheit; diese Ohnmacht, diese Sklaverei ist mir eine Hölle!“
„„Vielleicht begnadigt Euch der Fürst!““
„Wenn er es thäte, so löste er seinem Würgengel die Ketten. Ich würde nicht ruhen bis die gemordete Unschuld gerächt wäre; das Schrekken der Großen wollt’ ich sein, ihre Geißel in der Hand Gottes.“
„„Ha, ha, ha, Ihr schwärmt, Vinzenz! seid Ihr denn so lüstern nach dem Schnellgalgen, oder Euren Kopf und Rumpf auf das Rad geflochten zu wissen, das wäre denn doch in jedem Falle das Finale Eurer glorwürdigen Thaten.““
Oh! oh!
„„Indessen tröstet Euch, die Rächer der Unschuld schlummern nicht. Aus dem Dunkeln hervor handeln sie; und ihre Streiche treffen gewiß.““
„Wer sind die?“
„„Ihr kennt ja die Unbekannten!““
„Ha! die, die der Unschuld Rächer?“ —
„Nun ja!“
„O so heb ich meine Hände empor zu Gott, der auch in diesen finstern Gewölben wohnt, und danke ihm. Heil den Unbekannten, und gelobet seien ihre Werke! — daß sie mich würdigten der geringste unter ihnen zu sein, mein ganzes Leben weihte ich ihren herrlichen Plänen!“
Der Graf weinte jezt, er sezte sich auf den Erdboden nieder, den Ellnbogen auf das Knie, ließ er traurig seine Stirn auf die flache Hand sinken. —
Plözlich öfnete sich eine Thüre linker Hand, ein ehrwürdiger Greis trat herein und verkündete ihm seine Befreiung.
„Ich bin frei?“ sagte Florentin und umarmte zitternd den Alten, „ich bin frei?“
Der Alte erwiederte nichts, sondern führte ihn aus dem Kerker einige Wendeltreppen hinan an die freie Gottesluft. — Es war Nacht und freies Feld um ihn her.
„Jezt entflieht!“ hub der Alte an, und reichte dem Grafen eine Blendlaterne.
„Entfliehn? bin ich nicht durch die Gnade des Fürsten frei?“
„Nein, das wohl nicht!“
„Durch wen?“
„Durch die Unbekannten!“
„Durch die Unbekannten?“
„Wie Ihr höret. — Auf entflieht!“
„Wohin?“
„Wohin Ihr wollt.“
„Eine Bitte vorher, lieber Alter!“
„Redet, Vinzenz!“
„Führet mich zu den Unbekannten, daß ich ihnen kniend danke!“
„Eures Dankes bedürfen die Edeln nicht.“
„Freilich nicht; aber sollte der Gottheit nicht das Lob des entkerkerten Vögelchens gefallen, welches es in freier Luft zwitschert? wie nun geschweige sterblichen, an Sinnlichkeit geflochtnen Menschen!“
„Gott hört den Lobgesang des Vogels in der Luft, und die Unbekannten vernehmen auch Euern Dank hier, wo wir allein sind.“
„Führet mich zu ihnen, ich bitte Euch, ich will mich ihnen unterwerfen, ihr Diener sein, ihre Pläne ausführen helfen.“
„Alles das waret Ihr schon und thatet Ihr schon, ehe Ihr vom Dasein der Unbekannten wußtet.“
„Ich bitte Euch führet mich zu diesen wohlthätigen Schuzgeistern der armen Menschheit.“ —
„Seid Ihr einmal zu ihnen getreten: so hoffet Euer Lebelang nicht von denselben wieder getrennt zu werden.“
„Wohl mir!“
„So kommt.“
Florentin folgte dem Alten, und beide traten nach einer Weile in die Thür eines Hauses.
Es war hier alles rabenfinstre Nacht; die Laterne des Führers warf nur einen blassen Schein auf den Erdboden.
„Hier gehts hinunter!“ sprach Florentins Befreier und sties den Grafen einige Stufen hinab. Das Licht der Laterne verschwand hier; der Fremde auch und Florentin stand auf einer finstern Wendelstiege allein.
Ein jeder andre würde Muth und Kraft an der Stelle unsers Freundes verloren haben; er aber, ausser einigen leichten, unwillkührlichen Schauern, empfand auch nicht die leiseste Anwandlung von Furcht; nun einmal gewöhnt an ausserordentliche Dinge, konnte das Betragen des Mannes kaum eine Verwunderung in seiner Seele erwekken; ergeben in seine Schiksale, welche bunt genug durcheinander wechselten, stieg er in die Gruft hinab, sich und seinem Muthe überlassen.
Es währte lange, ehe er das Ende der Schacht erreicht hatte; sodann mußte er sich durch einen schmalen, ungemauerten Erdgang drängen, welcher sich in unzählichen Krümmungen vor- und rükwärts und nach allen Weltgegenden hindrehte. Zuweilen war der Gang kaum breit genug, daß er sich mit angehaltnem Odem durchpressen konnte; zuweilen wieder so geräumig, daß er, sich selbst verlierend, darin umhertaumelte.
Endlich fühlte er das Getön vermischter Stimmen an sein Ohr schlagen; dies gab dem Erschöpften neue Kraft sich bald am Ziele zu finden. Das Geräusch wurde immer lauter. Er unterschied von rauhen, gebietenden Männerstimmen das ängstliche Wimmern Nothleidender, das Aechzen, Stöhnen und verbissene Schreien gemarterter Menschen. Er hörte das dumpfe Gerassel verschiedner Instrumente — und das alles ihm so nahe zur Seiten, daß er fast jedes Wort verstehen konnte.
Jezt flos ein kaltes Grausen über seinen Leib herab; er schwankte, ungewis ob er vor- oder rükwärts gehn solle, eine Minute, und er verfolgte sodann den, einmal gewagten, unterirrdischen Gang.
Unverhoft sties er bald auf eine eherne Thüre, die sich vor ihm aufthat und wehend hinter ihm zuschlos. Er sah sich in einem kleinen Vorzimmer, in welchem zwei grosse, schwarze Tafeln hingen, mit Namen beschrieben. Auf der einen las er die Ueberschrift: „Zum Tode Verurtheilte,“ auf der andern: „zum Glük Bestimmte.“ Unter den Namen der zweiten Tafel sah er auch den seinigen halb verwischt.
Ueber den Eingang zu einem andern Gemach standen die Worte! „Jesus sei Dein Trost, Wahrheit Dein Hort“ mit goldnen Lettern, und darunter die Jahrzahl 1054.
Weil der Graf hier niemanden gewahrte, welcher ihn zurecht führen konnte, so versuchte er es an sich selber. Er ging in ein zweites Zimmer — in eine Todtenkammer. Schädel, und Köpfe und verdorrte Menschengerippe lagen hier auf der Erde schichtweis hingethürmt; alle Wände waren mit Skeletonen behängt, auf deren braungelben, glänzenden Stirnknochen Namen und Jahrzahlen standen. Das ältste derselben war bezeichnet: „Bischop Luytbrandt, 1385.“ das jüngste: „Carolus XII. Rex 1718.“
Florentin fand kein Behagen lange in dieser schauerlichen Wohnstatt der Verwesung zu zaudern, und begab sich nach einem daranstossenden andern Zimmer, dessen Eingang: „Blutkammer,“ überschrieben stand.
Er öfnete die Thür und prallte benützt vor dem gräßlichsten Anblik, welchen je die tiefsten Märtergewölbe der Spanischen Inquisition darbieten können, zurük. In allen Winkeln wimmerten Halbnakte; Foltern mancherlei Art waren hier in Bewegung gesezt; dort wurde Pech gekocht, hier Eisen geglüht; warmes Blut dampfte vergossen vom Boden auf. Todte und Halbtodte lagen in schauderlichen Gruppen durch einander hingeworfen, und Unmenschen wühlten mit blutigen Fäusten unter ihnen.
„Was ist das? wo bin ich?“ rief erbleicht der Graf aus.
„Vinzenz!“ antworteten die Foltrer: „Ihr seid in der Blutkammer der schwarzen Brüder?“
„Wer sind die schwarzen Brüder?“
„Die Ihr unter dem Namen der Unbekannten kennt!“
„Wes ist das Blut, das unter mir fließt?“
„Tyrannenblut, Vinzenz, Tyrannenblut und Blut der heimlichen Verbrecher!“
„Ha, Heil dem Gerichte der schwarzen Brüder!“
Einer der Foltrer führte Florentinen stillschweigends in ein Nebenkämmerchen; hier lag ein schwarzer Habit, welchen der Graf anzuziehn bedeutet ward, darauf öfneten sich zwei Flügel einer Thür; Florentin schritt hinein und stand wie durch ein Wunderwerk verzaubert plözlich in dem schönsten, geräumigsten Saal, von tausend Lampen und Wachskerzen erleuchtet, von lieblichen, romantischen Düften durchbalsamirt.
An den kostbaren Wänden standen symmetrisch einige Tische, mit Erfrischungen besezt, welche Florentinen am meisten lokten, weil ein unbeschreiblicher Hunger, ein siedender Durst seine ängstlichen Lagen noch ängstlicher gemacht hatte. Der, welcher ihn schwarz bekleidet hatte, gab ihm auch die Erlaubnis zu Essen, wozu sich denn Florentin nicht zweimal nöthigen lies.
Die erste süsse Empfindung nach langen, fürchterlichen Augenblikken — die Stillung seines Durstes und Hungers, und zwar hier, in einem so angenehmen, königlich-schönen Aufenthalte, sicher vor dem Zorn und der Rachsucht des Fürsten! — — Eine kindische Freude bemannte sich in dieser Minute des durch tausend Labyrinthe, tausend Schreknisse hieher geführten; Thränen fielen in den Wein; ein gottdankendes Lächeln schwebte in seinem Antlizze.
„Habet Dank, Ihr schwarzen Brüder! Ihr seid auch meine Brüder!“ sagte er und erhob sich vom Tische, gesättigt, erquikt und überströmt von den süßesten Empfindungen. Mit einemmale traten von einer andern Seite sieben und siebzig Männer, alle in saubrer, einförmiger, schwarzer Kleidung, in den Saal. Der Angesehenste unter ihnen bestieg einen fünf Stufen erhabnen Thron, überschirmt von einem goldgestikten Baldachin, ausgeschmükt mit einer Pracht, welche nie gesehen worden ist und werden wird, eine Pracht, welche derjenigen nahe kömmt, die wir in Wielands Feenwelten erblikken.
Florentin staunte über diese neue Erscheinung nicht wenig, am meisten aber, als er von ohngefähr das Gesicht dessen erblikte, welcher auf dem prachtreichen Throne sas, und er in ihm — seinen Holder leibhaftig erkannte. Allein er wagte es doch nicht sich ihm zu nähern.
Einer der Schwarzen, welcher unserm Grafen am nächsten stand, und ihn lange vom Wirbel bis zu den Zehen mit seinen Augen gemessen hatt, trat dem Thron näher und erhob seine Stimme zu dem Obersten in folgenden Worten:
„Julius, so lange die Menschen noch Menschen sind, werden die Fürsten immer Despoten bleiben, und ihre Unterthanen, zitternd vor dem Gesez, Sünden im Finstern treiben; nie wird die goldne Zeit tagen, in welcher unser Gericht der Welt kein nüzze mehr ist. — Doch sind auch unter den Fürsten Edle, und unter den Unterthanen Männer, welche die Tükke hassen, so in Finsternis gehüllt schleicht. Siehe, Regent, dort steht Vinzenz der sich mit uns verbrüdern will, ein Unglüklicher, der sich in unsre Arme wirft.“
Der Regent befahl dem Vinzenz näher zu treten; Florentin gehorchte, und starrte sprachlos das Gesicht an, welches nicht dem Regent Julius sondern seinem Holder angehörte.
„Seid Ihr ein Unglüklicher?“ sagte der Regent zum Grafen: „wollt Ihr Euch mit an die Kette der schwarzen Brüder schliessen?“
„Wohl bin ich ein Unglüklicher, und wenn Ihr diejenigen Unbekannten seid, welche sich in meine Pläne mengten, meine Geheimnisse mit selber aufdekten, und mir jene Warnungen zuriefen: so flehe ich Euch an, daß Ihr mich aufnehmen wollet!“
Die schwarzen Brüder schlossen jezt einen engem Kreis um den Grafen oder Vinzenzen, und derjenige, welcher von allen übrigen nächst dem Regenten am meisten geachtet wurde, den sie Anselmo nannten, eben der welcher Florentinen aus dem Kerker erlöset, und auf den Wendelstiegen allein gelassen, nachmals ihn dem Regenten vorgestellt hatte, dieser, sage ich, trat aus den Siebzigen hervor gegen Florentinen gewandt, und redete ihn also an:
„Vinzenz, bei Gott, es ist kein Knabenspiel, wozu Ihr Euch jezt verpflichtet, es verlanget Männer von ungewöhnlicher Art. Könnt’ Ihr allen Bequemlichkeiten des Lebens entsagen, könnt’ Ihr Verwandten- Bruder- Schwester- und Weiberliebe vernichten in Eurer Brust, könnt’ Ihr der Gefahr ins drohende Antliz lachen, und den Tod mit kaltem Blute erwarten: so seid Ihr erst halb der Unsrige!“
„Seht, die Richter liessen sich, so wie heutiges Tages, auch ehmals durch den Schimmer des Goldes verblenden; die Pfaffen führten Inquisizionen ein, Reinigkeit des Glaubens zu erhalten, und sie selber waren, troz ihrer Reingläubigkeit, unreinen Herzens, Volkstäuscher, kanonisirte Bösewichter; die Fürsten gaben Gesetze und übertraten sie zuerst, sie raubten den Menschen der Menschheit erstes und einziges angebornes Glük, raubten die Geistesfreiheit, damit die dummköpfigen Vasallen und Sklaven ihrer tyrannischen Kniffe nicht inne würden; die Weiber kokettirten und lenkten Volk und Fürsten an einem Zaum, Landstreicher und Avanturiers erschlichen entweder Privilegien für ihre Quaksalbereien, oder sie machten in den untersten Volksklassen den Geist des Fanatismus rege, oder sie pasquillirten auf die gesunde Vernunft und guten Sitten, oder sie prellten reiche Hohlköpfe mit Taschenspielerwundern, Goldmachereien, geheimen Ordensvorspielungen und andern Schmarozzerkünsten. — Kurz alles war es einst, wie jezt, und darum traten schon früh Männer von Einsicht und Muth zusammen; enthusiasmirt für Recht, und Wahrheit und Bruderglük, dem geheimen und öffentlichen, von keiner Obrigkeit gerügten Unwesen zu steuern. Zeloten nannte man sie in Christus Zeitalter, und späterhin in den mittlern Jahrhunderten die Männer des heimlichen Gerichts.“ —
„Meint Ihr, Vinzenz, die Zeiten des heimlichen Gerichts wären vorüber? nein, Vinzenz, die Zeiten nicht und auch nicht das Gericht. Sehet diese Siebenzige sind Mitglieder desselben aus einem Herzogthume; gehet hinaus in die weite Welt und Ihr werdet sie finden an den äussersten Spizzen Europas. Alle die Ihr um Euch stehn seht, sind Männer von der erprobtesten Verschwiegenheit, dem rechtschaffensten Karakter, der tiefsten Verschlagenheit, zerstreut in allen Gegenden unsers Vaterlands wohnhaft, aus allen Ständen des Volks gehoben. Bediente, Aerzte, Prediger, Advokaten, Schriftsteller, Buchhändler, Räthe, Generale, Offiziere, Landwirthe sind hier Brüder, ohne Unterschied des Ranges.“
„Unsre Religion ist: thue Gutes und mache glükseelig, wo möglich, stets im Verborgnen; opfre Dich im grossen Fall der Noth für die Glükseeligkeit des Ganzen hin; liebe Gott über alles, Deinen Nächsten mehr als Dich selbst! Islamismus, Kalvinismus, Lutherthum, Katholizismus, Herrnhuterei — sind eins und dasselbe, sind nur Farben für den sinnlichen Menschen!“ —
„Und habt Ihr Euch einst müde gerungen für Eurer Brüder Wohl, sodann dürfet Ihr gerechte Ansprüche auf Ruhe und eignes Glük machen, welches Euch gewährt wird, wie und wo Ihr es verlanget. Ein weiser findet sich nicht in hohen Ehrenämtern belohnt, darum rechnen wir diese nicht zu den Arten einer Dankbarkeit von uns; wir selber befördern uns zu den wichtigsten Posten um wichtige Unternehmungen vollführen zu können.“
„Noch einmal, Vinzenz, bedenket wohl, daß Ihr Euch zu keinem Knabenspiel verpflichtet. — Reue ist nachmals zu spät und umsonst, und wird Euch mit dem Tode vergolten. — — Gehet, ich bitte Euch, gehet zurük!“
„Nimmermehr!“ entgegnete Florentin.