„Lieber Graf,“
„Also leben Sie noch? — o, wohl mir und Ihnen; haben wir das Leben noch nicht verloren, so ist nur wenig verloren! — Sind Sie vergnügt? doch wie sollten Sie das, Sie armer, vertriebener Mann? — aber getrost, ruhig doch? — o ja, das müssen Sie sein; ich bins nun auch, ob ichs gleich vor einem Monate nicht war. Aber so bald ich erfuhr, daß Florentin noch auf einer Welt mit mir lebte, war ich zufrieden, war ich gesund. Bist Du’s auch? Florentin, bist Du’s auch?“ —
„Ach, lieber Einziger, ich könnte Dich trösten, und warum sollt’ ichs nicht? Warum soll sich die Gattin schämen vor — ihrem Gatten? — Florentin, lächelst Du nicht, wenn ich Dir sage, daß ich jezt Florentins Ebenbild stündlich küssen, täglich an den — — Mutterbusen drükken kann! — Ich werde so roth, indem ich schreibe, und finde doch keine Ursach dazu. — O Florentin, wärst du izt bei mir! doch, du darfst es nicht sein.“
„Ich habe Dich gesehen in der Kirche zu Riedelsheim. Ich traute meinen Augen nicht, schlug den Flor vom Gesichte und sah Dich. Um mich, die ich im strengsten Inkognito lebte, nicht zu verrathen, begab ich mich eilend in meine Wohnung. Du kamst zu Aellmarn — o, hättest du’s gewußt, daß wir in den Mauern eines Hauses beisammen waren — —! nein, so ists besser. Du hast mich also in der Kirche erkannt? denn warum drangen Aellmar und sein gutes Weibchen so sehr in mich, daß ich dem leztern meinen Anzug leihen mußte, um dich zu täuschen?“
„Aellmar hat in einem angenehmen Lustwalde bei Riedelsheim ein schönes Haus. Hierhin floh ich, damit Du mich nicht entdektest, aber meine Gedanken begleiteten Dich stets. Ich fantasirte Dich zu mir her, meine Einbildungskraft trieb ihr Spiel so hoch, daß ich zuweilen glaubte, Du riefest mich laut bei Namen.“
„Das unstäte Herumreisen gefällt mir. Ich bin schon ganz wiederhergestellt; in der andern Woche muß ich am Hofe erscheinen, aber, ach, Florentin, wie öde ists dort, wenn Du nicht da bist! Mein Bruder, der Herzog soll sehr niedergeschlagen sein — ich wünschte die Hälfte Sehnsucht nach Dir, die mich quält, in seinen Busen und er würde Dich gewiß mit Thränen der Reue in sein Land heimrufen.“ —
„Antworten mußt Du nie auf meine Briefe. Man hat mir aber versprochen, mich von allem zu benachrichtigen, was sich mit Dir ereignet. — Florentin liebe mich — bleib mir ewig gut! die Hand, die uns trennte, führt uns vielleicht einst wieder zusammen. Erinnerst Du Dich noch eines Abends, da du im Schloßgarten mir das Strumpfband applündertest?“
„Florentin lieb ewig
Louisen.“
„Geschrieben im Aellmarschen
Waldhause bei
Riedelsheim.“
Daß Florentin beim Lesen und nach Lesung dieses Briefes in eine ihm jezt sehr ungewöhnliche heitre Seelenstimmung versezt wurde, ist leicht zu errathen. Er küßte das Blatt, welches ihre Hände berührt, küßte die Züge, welche sie gezeichnet hatten.
Aber die Wonne des Grafen war nicht das liebliche Rosenroth auf die grüne Farbe der Hoffnung hingegossen, um mit Farben Florentins Seelenzustand zu mahlen: sondern ein düsteres Roth auf schwarzem Grunde. Ein unwandelbarer Trübsinn dämpfte jedes aufwallende, frohe Gefühl, und ließ im Freudestrahlenden Auge die Thräne der Schwermuth blinken.
Gewöhnlich glaubt man, daß Entfernung von der Geliebten den Schmerz sie nicht besizzen zu können, und am Ende die Liebe selber, mildert, auch der brave Herzog Adolf gieng wahrscheinlich von diesem Standpunkte aus, da er Florentinen und Louisen mit weiser Vorsicht trennte — aber hier fand das Gegentheil statt. Seine Liebe wurde mit jeder Entfernung von dem Gegenstande derselben heftiger, und er empfand die traurig angenehme Wahrheit des Owenischen Spruches an sich, daß
Je mehr man dem Feuer der Liebe entfliehe,
Je mehr es glühe.
Er hätte gern anizt die Pferde satteln und sich im sausenden Gallopp wieder nach Riedelsheim oder dem Aellmarschen Waldhause zurüktragen lassen, um Louisen zu sehn, zu umarmen, zu sprechen, um sein Ebenbild an das Vaterherz zu drükken — aber der Urbanstag war nicht mehr weit, und die Prinzessin, die sogar seine Briefe verbat, konnte vielleicht auf seine Selbsterscheinung noch ungehaltner werden; überdem war ihr Aufenthalt äusserst ungewiß.
Gezwungen also mußte er so weise sein, die in ihm aufsteigenden Wünsche schweigen zu machen. Aber Aellmarn konnte ers lange nicht vergeben, daß er ihn so heimtükkisch hintergangen, und die Anwesenheit der Prinzeßin in Riedelsheim nicht verrathen habe. — Wäre Aellmar nicht der schwarzen Brüder einer gewesen, so fürchte ich, daß Florentin blutige Rache an ihm genommen haben würde.
„O!“ rief der betrogne, tiefgekränkte Graf, mehr als einmahl mit wildem Verdrusse aus: „fürwahr, spielt man doch mit mir, als einem Kinde. Nein, so wahr ein Gott über uns lebt, so wahr ich frei bin und Mann bin, ich will länger nicht sein der, welcher ich war. O, Freundschaft, Freundschaft, bist doch nur eine schöne Puppe, welche man fühlenden, reinen Seelen, mit Kindesunschuld begabt, auf eine Zeitlang zum Tändeln giebt! du selber reizendes Ideal, Inbegrif jeder Tugend, hast dein Antliz abgewandt von der entarteten Menschheit, dein Schatten nur schwebt noch auf der Geschichte der Vorwelt und den Werken des Dichters!“
Ich glaube, der Graf würde nicht unrecht gethan haben, wenn er das beherzigt hätte, was wir oben (Seite 9.) über den Monolog eines Fürsten gloßirten! —
Inzwischen hatte er weder Zeit genug seine Freude, noch seinen Verdrus lange zu verfolgen, weil endlich der Tag des heiligen Urbanus anbrach und — verdämmerte.
Schon vorher hatte der Graf von einem Mungenwallischen Wirthe nöthige Kunde über den rothen Wald, die Heerstraße, das steinerne Kreuz und dergleichen mehr eingezogen, wovon ihm Holder sagte, so daß er jezt unmöglich irren konnte, da er gegen Abend zum Mungenwaller Thore hinauswanderte, und dem vor ihm liegenden Gehölz entgegen.
Er trat hinein in den sogenannten rothen Wald, der an sich jedem andern grünen Walde gleich war, nur daß mit Anfang des Gebüsches auch der Erdboden in Berg und Thal sich zu verändern anfing, und Florentins Straße sich in ewgen Krümmungen um Hügel, durch Thäler, grausenvolle mit hohen Rüstern überwölbte Hohlwege eine gute halbe Meile hinschlängelte.
Die Mitternachtsstunde nahte. Florentin sah links das steinerne Kreuz auf einer mit Sträuchern wildumwachsenen Anhöhe. Er lagerte sich am Fuße derselben, harrend der Dinge, welche kommen sollten.
Der Himmel war mit Wolken bezogen; hie und da funkelte ein Stern herab; dann und wann trat der Mond aus den Nebeln hervor, übrigens herrschte Todesstille im Walde.
Der Graf hatte noch Zeit genug vor sich seine Begebenheiten zu überdenken, die ihn hieher gebracht hatten.
„Wie wunderbar das Verhängnis mit uns spielt!“ — dachte er bei sich: „wie hätt’ ich je glauben sollen, daß ich einmal in diesem Walde um Mitternacht liegen würde, Abentheuern entgegen zu gehn? — Sollte man nicht beinahe des Menschen freien Willen für ein Selbstgespinst seiner Fantasie halten? Ich kam an den Hof eines Fürsten, wurde sein Vertrauter. Seine Schwester war zu schön, daß ich nicht Liebe für sie hätte empfinden sollen und Sie liebte mich wieder. Eine glükliche Nacht war die Quelle vieler Unglüksfälle. Ich würde verloren gewesen sein, hätte mich nicht die Güte unbekannter Männer erhalten; ich wäre nicht durch diese so glüklich gewesen, hätte ein Ungewitter und ein rother Mantel nicht Holdern mit meinem Onkel verbunden. Ich stand dem Tode nahe, wurde gerettet — war dies nicht vielleicht nur Plan der schwarzen Brüder? — Ungewiß über mein künftiges Leben schweif ich umher. Ich komme in ein Dorf; der heitre Morgen reizt mich in die Kirche zu gehn, und dieser Gang ist eine neue Ursach von tausend angenehmen und widrigen Empfindungen. Könnte der Geist des Menschen die Folgen jeder, auch der kleinsten, That überschaun, würd’ er wohl je Thorheiten begehn?“
Florentin hörte jezt den Fußtritt eines Wandelnden durch das stille Gebüsch hallen. Er horchte; es kam näher. Ein Mensch wie ihn Holder beschrieben hatte, gieng die Landstraße nach Mungenwall; einen Bündel dürrer Reiser auf dem Rükken, eine Axt unterm linken Arm tragend. Es war hell genug einander, wiewohl nur schwach, wahrzunehmen. Florentin wußte, was jezt geschehn würde.
Der Fremde gieng hart an ihm vorüber, ward seiner gewahr und sprach: „Seid gegrüßt!“
„Gott dank Euch, Hugo!“ antwortete der Graf und lauschte.
„„Es ist kalt, und nicht mehr weit von Mungenwall, warum verweilet Ihr am Wege hier?““
„Ich sizze zum Feste der Schwarzen.“
„„Gut! gut! ich verstehe!““ erwiederte der Holzträger, gieng an das steinerne Kreuz und schlug mit dem Rükken der Axt dreimahl mit solcher Energie wider das Kruzifix, als wollt’ ers mit jedem Schlage zermalmen. —
„Was bedeutet dies?“ fragte Florentin, indem er aufstand.
„„Man soll uns erwarten und verstehn wie wir uns erwartet und verstanden haben. Folgt mir!““
Der seltsame Holzträger wanderte frisch voran, Florentin ihm nach. Sie giengen einen wenig betretenen Fußsteig rechts ins Gehölz hinein, verloren denselben, drangen durch Buschwerke, sprangen über Graben, giengen neue Wege, verloren sie wieder, bis sie nach anderthalb Viertelstunden vor einem Hause standen, wo man eben niemanden zu erwarten, sondern wo vielmehr alles ausgestorben zu sein schien. Der Holzträger klopfte dreimahl an. Es wurde aufgethan.
Zweiter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Kanella.
Unter andern sagte Aellmar zum Grafen Florentin von Duur, während der Anwesenheit des leztern im Dorfe Riedelsheim:
„Volk und Fürst liegen jezt zu Kanella mit einander im Prozesse. Um Menschen, Hofkreaturen, Politik und Volkskraft zu studieren, ist das für jezt die beste hohe Schule.“
Ich zweifle gar nicht, daß sich meine Leser dieser Worte so gut, als ich mich, zu erinnern wissen. — Die politischen Romane so wohl, als die politischen Schauspiele und Staatsakzionen sind ziemlich aus der Mode gekommen, ich finde auch kein Behagen sie wieder in den alten Flor zu bringen, aber so viel es zu der Erzählung unsrer Geschichte gehört, muß ich doch der Kanellesischen Unruhen erwähnen.
Piedro, Fürst von Kanella, war schön gewachsen, in den besten Lebensjahren, hatte ein niedliches Gesicht, viel Galanterie und hinreißende Swade. Dieß aber war die ganze Summe seiner Tugenden! er war der angenehmste Gesellschafter und der elendeste Regent. Wie man nach gewöhnlicher Art den Fürstenpöbel erzieht, war er erzogen; Stupidität, Wollust, Aberglaube, Prachtliebe, Bigotterie, und Selbstsucht gaben die Grundlinien seines Karakters an. Er regierte nicht, sondern diejenigen, welche seine Einfalt vergötterten, seine Leidenschaften küzzelten; und regierte er: so war er Despot.
Ein unglükseeliges Volk, welches ein solches Unhaupt zum Haupte hat!
Die Kanelleser fühlten Piedros eisernen Zepter und murrten; sein Prachtaufwand war groß, groß wie ihre Armuth — sie murrten lauter; ihr Gewissen selber wurde als dependent von der Laune des Fürsten erklärt, die Freiheit ihres Geistes in Fesseln geschlagen und dies war das Signal zu thätigen Erklärungen des Volks wider den Fürsten.
„Vergeuden will er mit seinen Konkubinen unser Hab und Gut!“ rief hier mit Thränen ein Bürger aus, der einen Theil seines Silbergeräths zu Gelde gemacht hatte, um die vielen Steuern und Abgaben zu entrichten: „mit Lekkerbissen und Weinen aus allen Welttheilen herbeigeführt, will er sich und seine Hofschranzen mästen, indeß wir seine Bürger mit unsern Weibern und Kindern an Brodrinden knauern und Quellwasser trinken sollen! Nein, Piedro, fürwahr du treibst es nicht lange so!“
„Ha, des fürchterlichen Schlaukopfs!“ schrie dort ein andrer: „wir sind ihm zu klug, er will uns umschaffen zu Dummköpfen, damit wir ruhiger seine Tükke dulden, seine Pläne nicht sobald durchschauen, und gewahren, wo uns die Ketten schaben. Darum verdammet er die Aufklärung, darum giebt er uns bigotte Religionslehrer, darum dürfen die Gelehrten auf der hohen Schule nicht mehr sprechen, wie sie wohl wollten, und die Schriftsteller nicht mehr schreiben, wie sie gern mögten. O Piedro, es wird dir doch nicht gelingen!“
So dachte man und sprach man leise und laut im ganzen Gebiete Kanellas; täglich erschienen Pasquille auf dem Fürsten, seine Lieblinge und Ministers, wöchentlich traten heimlich gedrukte Schriften über die Regierung ans Licht, welche dieselben vor den Augen des ganzen lesenden Volks in ihrer Blöße darstellten.
Piedros Aufwand überstieg beiweiten seine Einnahmen; alle Mittel wurden hervorgesucht, und waren es die abscheulichsten, um die zerrütteten Finanzen wiederherzustellen. Eine auswärtige große Macht, welche schon seit etlichen Jahren in einen schweren Krieg verwickelt war, verlangte vom Kanellesischen Hofe Truppen gegen Bezahlung einiger Millionen. Wem konnte dies Anerbieten willkommener geschehn, als dem Piedro? — die Regimenter wurden kompletirt, exercirt und in marschfertigen Stand gesezt. Die Kanelleser murmelten zwar manches von Unrecht, Widersezzen, Aufsagung des Gehorsams und dergleichen mehr, aber wer hörte auf sie? — Doch gab dies den ersten Anlaß zum öffentlichen Ausbruch des allgemeinen Misvergnügens.
Der Kardinal Benedetto, Piedros Favorit und Universalminister, hatte durch seine Spione manches erfahren, was allerdings für den Hof nicht allzugünstig ablaufen konnte, begab sich also zum Fürsten, und zwar am Tage vor dem Abmarsch der Regimenter.
Er fand den Landesvater in den Armen der schönen Gräfin Rosaffa, wollüstig in ihren schwarzen Haarlokken tändelnd. Der Kardinal wollte zurüktreten.
„Nicht doch, Herr Kardinal,“ rief ihm die Geliebte Piedros zu: „kommen sie herein, wir werden nicht gestört.“
Piedro. (lachend) Nein, nein, wir werden nicht gestört! ha, ha, ha!
Kardinal. Ich habe Ew. Durchlaucht nur ein Wort, aber ein wichtiges Wort zu sagen.
Piedro. So? reden Sie; Donna Rosaffa darfs ja wohl hören.
Rosaffa. (einen intressanten Blik auf den Kardinal werfend.) Ich bitte selber darum.
Kardinal. (sie anlächelnd) Ich muß gehorsamen.
Piedro. Was verlangen Sie denn?
Kardinal. Daß der Prinz Moriz nicht mit den Truppen Ew. herzogl. Durchlaucht abgehe — —
Piedro. Sondern?
Kardinal. Noch eine zeitlang in Kanella bleibe, weil das Volk unruhig geworden ist.
Piedro. (auffahrend) Unruhig?
Kardinal. Wegen des Abmarsches unsrer jungen Mannschaft.
Rosaffa. Die Burschen werden ihre Mädchen nicht verlassen wollen.
Piedro. Dem ersten, der da mukst eine Kugel vor den Kopf! — Was soll aber Moriz hier?
Kardinal. Er ist vom ganzen Volke gefürchtet; ich habe Proben davon erfahren, die unglaublich scheinen. Er wird am besten Ordnung zu erhalten wissen — befehlen Ew. Durchlaucht, daß er zurük bleibe.
Piedro. Meinethalben.
Rosaffa. Moriz ist ein fürchterlicher Mann; ich glaube seine trozzige Miene allein schon kann eine Armee in die Flucht jagen.
Piedro. Sind die Unruhen von Bedeutung?
Kardinal. Noch nicht, könntens aber werden. Alles die traurigen Folgen der Freigeisterei und eingerißnen Aufklärungssucht. Wehe, wehe dem Staate, wo diese herrschen! — doch ich denke ja mit der Hülfe des Himmels und Ew. Durchlaucht bald die Kezzereien auszurotten, und Ihre Unterthanen in ein sanftes, frommes, gottgefälliges Volk umzubilden. Ei, ei, ei, Dero Durchlauchte Vorfahren haben das Uebel schon zu tief — —
Piedro. Verbessern Sie, Herr Kardinal. Und, wie gesagt, jedem widerspenstigen Buben die Kugel oder den Galgen.
Rosaffa. Wenn marschieren die Soldaten aus?
Piedro. Wir sehen sie morgen vor unserm Pallast durchziehen. (er flüstert der Gräfin etwas ins Ohr.)
Rosaffa. (beleidigte Schaamhaftigkeit affektirend) Nicht doch!
Kardinal. (empfiehlt sich)
Prinz Moriz empfieng noch an selbigem Tage vom Hofe Befehl in Kanella zu bleiben, weil hier seine Anwesenheit vonnöthen sei. Zwar war ihm dies eine sehr ungelegne Ordre; doch einige Zeilen von Benedettos Hand beruhigten ihn, machten ihn sogar zufriedner mit seinem Heimbleiben, als seiner determinirten Abreise.
Ich darf den Karakter Morizens meinen Lesern nicht erst schildern; wahrscheinlich kennen Sie den Mann noch, nebst seinem getreuen Flimmer, aus seinen Händeln mit den schwarzen Brüdern und den Grafen Duur in Herzog Adolfs Residenz. Hier am Hofe zu Kanella wurde er, wie man sieht, ungemein geschäzt. Besonders bediente sich seiner Benedetto treflich, weil dieser schlaue Mönch durch ihn manches Plänchen zu realisiren wußte, welches nur durch einen so wilden, rauhen Moriz realisirt werden konnte; denn ausser diesem war das ganze Hofvolk ein Heer entnervter Wollüstlinge, Sodomitten und Tribaden.
Zweites Kapitel.
Der Landesvater mit seinen Landeskindern.
Am folgenden Tage war es schon früh in den Straßen von Kanella lebhaft. Soldaten und Bürger, Männer und Weiber, Hohe und Niedrige rannten durcheinander, sagten sich das Lebewohl, wünschten sich das baldige Wiedersehn. Die Rosse schnoben, die Fahnen und Standarten wehten, die Waffen klirrten, die Trommeln wurden gerührt, man sties in die Trompeten, die Compagnien stellten sich, alles zog sich auf dem großen St. Dominikusplaz zusammen.
Es war ein rührendes Schauspiel anzusehn, wie sie da standen die Greise, Männer und Jünglinge unter ihren Waffen. Verzweiflung und Schmerz malte sich in ihren Mienen — ein gebrochnes Jammergetön durchdrang die Luft — keiner aber sprach. Die Männer, welche vorübergingen, riefen ihnen ein banges: „Gott mit euch!“ zu und verbargen die heimlichen Thränen, welche sich aus ihren Augen stahlen. Aber die Krieger verbissen ihren Schmerz — still lächelten sie und drükten einander wehmüthig die Hände.
Mit einemmahle sahe man einen langen Zug von Weibern dem Dominikusplaz entgegen wanken; jedes beinahe führte ein Kind an der Hand. Es waren die Weiber und Kinder der scheidenden Krieger. — Diese sahen sich, vom Anblik dieser Szene durchbohrt, an, jedem zitterte eine Thräne vom männlichen Auge und jeder nahm vom Weibe und Kinde den lezten Abschied. „Lebet wohl, mein Vater!“ riefen die unmündigen Kleinen. — „Lebet wohl!“ lallte ein weinender Greis und stämmte sich auf seine Flinte: „lebet wohl, ihr kleinen Engel!“
Die Weiber umschlangen ihre Gatten, stammelten ihnen tausend heiße Wünsche, und jeder Wunsch wurde von einer Flut von Thränen und Küssen erstikt.
„Gott ziehe mit dir, mein Einziger!“ rief ein junges Mädchen und sank ohnmächtig an den Hals des geliebten Jünglings, und der Jüngling erwiederte: „Tröste dich unser Gott, meine Traute, wenn ich nicht heimkomme! In der Ewigkeit sehn wir uns wieder!“
„Ja in der Ewigkeit sehen wir uns wieder und da soll Gott der Gerechte richten!“ heulten einige Weiber, und der Jammer ward allgemein.
Plözlich schwieg alles; Todesschauer faßte jeden und jede, denn es hieß: „Moriz kömmt! Moriz kömmt!“
Der Prinz kam wirklich von einigen seiner Offizieren begleitet zu Pferde herbeigesprengt.
„Allons, weg Weiber und Mezzen von den Soldaten; Memmen sinds ohnedem!“ rief er.
„Wären nicht Memmen!“ replizirte hierauf einer der Senatoren von Kanella, der unter dem Volke stand, so deutlich, daß es Moriz hören mußte, wenn er nicht im dem Augenblik mit Taubheit geschlagen gewesen: „nicht Memmen, sobald man sie wider die Feinde ihres Vaterlandes ausschikte!“
Moriz stuzte; sein Stolz der hier Angesichts des Volks beleidigt wurde, wiegelte seinen Zorn auf. Mit fürchterlichem Blik sah er um sich und fragte: „Wer spricht das?“
Der alte Senator trat aus dem Gedränge hervor und antwortete: „Borsellino, Prinz, ein edler Kanelleser.“
„„Elender Graukopf, hüte dich!““
„„Ich will dir den Lohn deiner Kanellesischen Frechheit auszahlen lassen.““
„Prinz, ich bin ein Bürger Kanellas!“
„„He, Wache herbei!““
„Herr, ich bin der Senatoren einer!“
„„Wache!““
Das Volk stürzte zusammen; der Lärmen ward grösser, zwölf junge Edelleute, verwandt und unverwandt mit dem Hause Borsellinos, umringten den Greis, ihn gegen Gewaltthätigkeiten zu beschirmen.
Die Wache kam. Moriz befahl Borsellino’n zu ergreifen und wegzuführen. Die zwölf Kanellischen Edeln baten für ihn, umsonst. Sie drohten; Moriz wurde wüthend.
Der neugierige Pöbel sammelte sich näher; einige im Volle schrieen: „Borsellino darf nicht angetastet werden, er ist der Senatoren einer!“ und plötzlich riefen mehrere Stimmen: „Wehe, wehe dem, der den braven Bürger Kanellas mishandelt!“ und so grif der Tumult um sich, der Pöbel lärmte, alles schrie: „Bürgerrechte werden zertreten! steht Borsellino’n bei! wer thut ihm Gewalt?“
Moriz sas etliche Minuten durch dies ungewohnte Schauspiel versteinert da auf seinem Rosse; seine Lebensgeister waren entflohen, aber bald kehrten sie wieder bei ihm ein und wie es schien in Furien umgewandelt. Er rollte die Augen fürchterlich umher, knirschte laut mit den Zähnen, schäumte, sties gräsliche Flüche wider die Kanelleser aus und kommandirte das nächststehende Regiment die Gewehre scharf zu laden und auf seinen Wink unter das Volk zu feuern.
Beinahe der ganze Adel von Kanella, welcher ausser dem Hofe lebte, war jezt herbeigeeilt, Morizens Befehl wirkte anfangs allgemeine Bestürzung und Stille. Aber diese Stille verwandelte sich bald wieder in leises Flüstern und Murren, das Geflüster in lauteres Murmeln, das Murmeln wurde stärker und stärker und endlich das vorige Schreien und Toben.
Der alte Borsellino inzwischen glich einem Rasenden. Er hörte Morizens Kommando die Gewehre zu laden und Feuer zu geben; dies sezte ihn ausser sich, er war seiner nicht Mann, zog den Degen, und versuchte sich durch den Haufen der Edelleute zu drängen. „Ungeheuer!“ rief er mit glühendem Gesicht: „Ungeheuer! ists erhört, das Blut der Bürger von Kanella zu vergießen? — Ungeheuer, wag es, einen Schuß wage! He! will das unser Landesherr? — Ungeheuer, wird das Piedro wollen?“ —
Man bemühte sich den jähzornigen Borsellino zu überlärmen, zu besänftigen, aber er ruhte nicht. „Laßt mich hin zu ihm, laßt mich! Bürgerblut will er vergießen — hört ihrs denn nicht? Ists nicht genug, daß man uns zu Sklaven machen will, zum Viehe sollen wir noch herabgewürdigt werden, das man morden darf, nach Herzenslust! — Laßt mich, laßt mich! — Heda, verdammter Fremdling, mit dem Leben der Kanelleser willst du spielen? ho! ho! — Bürgerblut! Bürgerblut! — Männer von Kanella ihr schweigt? — ho! hindurch!“
Der Prinz sah den schnaubenden Borsellino, hörte seine Worte, hörte des Volkes verwirrtes Geschrei, aber fühlte nicht, daß er es gewesen sei, der den schlummernden Funken des allgemeinen Unwillens zur lodernden Flamme angeblasen hatte — und wurde ob dieser unerhörten Vermessenheit eines Kanellesischen von Adel dreimahl wilder, als zuvor. Sein Gefolge stämmte sich ihm entgegen, aber Zwang empört den Zorn, stillt ihn nicht.
Es war ein entsezlicher Anblik, die beiden Wüthenden gegen über, jeder von den seinigen umringt und zurükgehalten. Aber unmöglich konnte man Borsellino’n länger widerstehn, er, in dem die Wuth Riesenstärke und Feuer der Jugend ausgegossen hatte. Er stürmte hervor und sties blindlings das gezukte Schwerd bis an den Heft dem Rosse des Prinzen in den Leib, und in eben den Augenblik stürzte Morizens Klinge auf Borsellinos Schädel herab.
„Gebt Feuer!“ schrie der Prinz, indem sein Pferd unter ihm sank: „Feuer auf die Hunde!“ und von verschiedenen Seiten fielen — einzelne Schüsse.
Dies that Wirkung, wie sie Moriz hoffte. Der Pöbel flüchtete; alles wurde still. — —
Borsellino lag ohnmächtig, in eignen Blute sich badend, in den Armen seiner Freunde. Man trug ihn fort. Moriz gab eiligst Befehl zum Aufbruch der Soldaten. Es flogen die Rosse, die Fahnen und Standarten wehten, die Waffen klirrten, die Trommeln wurden gerührt, man sties in die Trompeten und so gieng der Marsch durch die Straßen von Kanella, an das herzogliche Palais vorüber.
Piedro, Rosaffa, Benedetto mit verschiedenen Herrn und Damen des Hofs standen auf den Gallerien und Altanen vertheilt, dem Zuge zuzuschaun.
Aber ehe die verkauften Landeskinder mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen herankamen, erschien in trauriger Prozeßion der blutende Borsellino, getragen von den Vornehmsten von Adel. Nicht ohne Absicht schleppte man den Verwundeten, der sich etwas erholt hatte, hier vorüber.
Der Fürst hatte den Lärmen und später nachher das Schießen gehört, und von einem Adjutanten aus Morizens Suite Nachricht darüber empfangen.
„Wer ist der, welchen Ihr da unten traget?“ fragte der Herzog mit Neugier und heimlichen Schaudern.
„„Der edle Borsellino!““ scholl die Antwort zurük.
Der Verwundete richtete sich mit dem Leibe empor, schlug die Augen auf, sammlete alle Kräfte und sprach mit matter Stimme: „Herzog Piedro, dein Landeskind! — Piedro dein Landeskind, erschlagen von dem Fremdling der nach dem Blute deiner guten Bürger dürstet! — Piedro, Rache und Recht, wenn du Landesvater bist!“
Piedro war erschüttert. — Rosaffa schrie hinunter: „Schaffet den abscheulichen Anblik aus unsern Augen!“ und Piedro das Echo seiner Rosaffa intonirte sogleich: „Schaft ihn fort!“
Borsellino seufzte; die ihm umgebenden Edelleute murmelten unwillig unter sich, und gehorchten der Mätresse ihres Herrn.
Die Truppen marschirten bald darauf vorbei.
„Es lebe Piedro! — es lebe Piedro, die Lust seines Volkes!“ schrien die Soldaten, wenn sie nahe am Schlosse waren, und wischten zu gleicher Zeit die Thränen vom Auge, und der Landesvater lächelte huldreich auf sie herab.
Drittes Kapitel.
Gewitterwolken, die sich zerstreun.
Seit diesen Auftritten herrschten in Kanella tiefe Stille und Ruhe; es kam nirgends zu öffentlichen Händeln. Aber diese allgemeine Stille glich der vor einem Gewitter; sie ist schreklich. Die Volksfeste wurden nicht mehr so lebhaft, als sonst gefeiert; in den Tabagien und Gasthöfen lärmte nicht mehr der frohe Muthwille; die schönsten Spaziergänge wurden seltner besucht. Gram und Mismuth war auf jedem Gesichte zu lesen; Armuth wohnte unter den meisten Dächern, Unthätigkeit, Ekel der Arbeit in den meisten Werkstuben.
Nichts ist für einen Staat unglükweissagender, als solche Phänomene! Armuth gebiert Muthlosigkeit, Misvergnügen, Widerwillen gegen alle Arbeiten beim gemeinen Mann, weil er noch nur das wenigste von dem durch seinen Fleis Gewonnenen für sich behält, sondern den größten Theil seines Erwerbs den Pächtern, Monopolisten, Zöllnern, Steuern- und Acciseeinnehmern für den Fürsten u. s. f. entrichten muß. Träger Müssiggang ist der Vater gefährlicher Projekte und Träume, wo man sich denn durch irgend ein Wagstük in die ehmaligen Glüksumstände wieder hinauf zu schwingen hofft.
Der habsüchtige Benedetto, der schwelgerische Piedro argwöhnten von diesem Erfolg ihrer Unternehmungen zur Verbesserung der Finanzen nicht das geringste. Nothdurft, — so machiavellisirten sie — ist das Triebrad im Staate, welches Industrie, Künste und Handwerke befördert. Reichthum der Landeseinwohner macht sie frech, luxuriös, träge. Der Unterthan ist ein Esel, der nur mit Zwang seine Pflichten erfüllt.
Ob Piedro und sein Universalminister richtig argumentirten, wird uns der Erfolg mit Thatsachen belegen können. — Nur so viel war jezt schon gewiß, daß das Gebiet von Kanella um diese Zeiten ungleich mehr verarmte Familien, Bankeroteurs, Bettler, Beitelschneider, Straßenräuber, und andres unnüzzes Gesindel aufzuzeigen hatte, als irgend sonst.
Mehr gährte es in den Köpfen des so oft beleidigten, oft ungerecht herabgewürdigten Senats und Adels. Der erstere hatte kein anderes Gesezbuch, als die Laune des Kardinals, des Prinzen Moriz und der Gräfin Rosaffa, lezterer keine Anwartschaft durch Verdienste sich emporzuschwingen; Mittel waren nur etwa die Schürze einer fürstlichen Beischläferin, oder eine Börse gepreßt voller Goldstükken.
Borsellinos Schiksal machte neue Sensazion; dieser unglükliche Greis starb an seinen Wunden. Vor seinem Ende schrieb er noch an den jungen Giovanni, seinen Sohn, der sich damahls in Rom befand, einen beweglichen Brief, worin er ihn bat nach Kanella zurükzukommen, um den Prozeß auszuführen, welchen sein Mörder wider ihn anhängig gemacht hatte. — Giovanni, dem der ganze Karakter seines Vaters angeerbt war, kam — und fand Borsellinos Leichnam im Sarge.
„Oh!“ rief er, und warf sich über den entseelten Vater, hin: „ich bin zu spät gekommen! — Gott, mein Gott, daß ich ihn verlieren könnte, das wußt ich wohl — aber so ihn zu verlieren, das vergebe ich dem Mörder nie, wenns auch der Himmel könnte! — Erschlagen, meuchelmörderischerweise erschlagen mein Vater — nein, das hat er nicht verdient um Kanellas Wohl!“ —
Es waren viele Edle und Senatoren in dem Trauerzimmer versammelt — alle bemitleideten in den zärtlichsten Ausdrükken den leidenden Giovanni.
„Nein, nein,“ unterbrach er sie: „tröstet mich nicht, das Werk der Barmherzigkeit will ich an mir selber verrichten. Das Blut des Mörders löschet meine Wuth früh oder spät! — O, namenloser Verbrecher, o Mörder! Mörder, verflucht seist du vor dem Schöpfer und der Kreatur, verflucht sei dein Schlaf und dein Wachen, verflucht der Becher, den du leerst, verflucht sei der Bissen, welcher dich sättigt. — Es rüttle dich aus mitternächtlichem Halbschlummer Borsellinos Geist, es verjage dir die Freude des Tages Borsellinos Gespenst! — Mörder, entsezlicher Mörder, sichre dich, denn die Rache schläft nicht. — Verflucht will ich sein vor dem Weltrichter ewig, wenn ich nicht die Blutsünden abwasche — verflucht sei der Gedanke, welcher sich in meine Seele hineinstiehlt, ohne daß Rache ihm dieselbe aufschloß — es verdorre meine Hand, die sich dir friedlich darreicht, es verblinde mein Auge, wenn es dich anlächelt. Drükke ich einst den lallenden Säugling an mein Vaterherz, so sei das erste Gebet, welches ich ihn lehre, der gräslichste Fluch über dich und deine dann vermoderte Asche! — Oh! oh!“ —
Der ganze Senat, unzähliche vom Adel, zahlloses Volk begleiteten den Sarg zum Grabe, in einem feierlichen Zuge, desgleichen in Kanella noch unerhört war.
Was Giovanens Prozeß betraf: so wurde vom Fürst dahin entschieden, daß, weil Borsellino einen frevelhaften Aufruhr begonnen, derselbe das Leben gerichtlich hätte verlieren müssen, da aber der natürliche Tod seiner Strafe zuvorgekommen; so würden die Erben des Delinquenten verbunden sein, drei Viertel vom Vermögen desselben, als Strafgebühren, zu entrichten. Von Rechtswegen.
Giovanni liebte die schöne Laura, Tochter des edeln Kanellesers Eo. Viele Wochen verflossen, ehe Giovanni zu seiner Geliebten ging. Er fand sie das erstemahl, als er sie wieder erblikte, in Thränen. „Nun, trautes Mädchen, wirst du nie Giovannens Weib — was soll dir ein armer Edelmann?“ sagte er. Laura war untröstlich; der junge Borsellino unerschöpflich an Witz, das arme Mädchen zu foltern. „Ich sehe dich gern leiden, denn dein Leiden quält mich zum Ziele hin, das mir vorgestekt ist. Morizens lezte Nacht sei unsre Hochzeitnacht! verstehst du mich?“
„„Ich hab’ Euch verstanden, edler Borsellino,““ sagte der alte Eo, indem er ins Zimmer hereintrat, und von mehrern Edelleuten begleitet wurde: „„seht hier Eure Freunde, die Euch zur baldigen Hochzeit helfen wollen.““
Giovanni war bestürzt; er bat um Erklärung des Räthsels und man gab sie ihm mit den Worten: „Wir alle arbeiten an Morizens Fall — arbeiten an Aufrechthaltung des Senats, des Adels und der Bürgerrechte. Piedro ist ein schwacher Fürst, es gilt eine gewagte That! — Ihr seid unser Genosse?“
„„Mit Herz und Hand!““ erwiederte glühend Giovanni und warf sich den Männern in die Arme.
In öftern Zusammenkünften entwarf man den Plan, aber die Meinungen waren beständig getheilt. Einige drangen nur auf Morizens Wegräumung, andere auf allgemeine Reform der Regierung.
Man suchte beides zu verbinden — es gelang; es wurde die lezte nächtliche Zusammenkunft bestimmt, in welcher die Rollen vertheilt werden sollten.
Die Nacht erschien und jeder der Verschwornen mit ihr im Pallast des Eo. Ihre Zahl war vierzig. Die folgende Nacht wurde zur Ausführung des patriotischen Entwurfs geweiht. Zehn Edelleute sollten nach Mitternacht in Morizens Schloß eindringen und ihn ermorden oder lebendig fangen. Eben so viel sollten sich des Fürsten und des Kardinals zu gleicher Zeit versichern; dann sollte mit den Glokken gestürmt, das Volk versammelt und Freiheit ausgerufen werden. Im Fall einer Widersezzung der Fürstlichgesinnten, müsse jeder der Verschwornen Sorge tragen, eine gewisse Anzahl Bürger bereit und unter Waffen zu halten.
Der Plan war in der That sehr unreif, doch die Rache- und Freiheitdurstigen achteten es für Feigheit länger zu projektiren und die Unternehmung aufzuschieben.
„Auf!“ rief der begeisterte Giovanni: „laßt uns in dieser lezten Nacht den Bund besiegeln mit Eiden — Leben für Leben, Tod oder Freiheit und Rache!“
„„Leben für Leben! Kanella frei, oder wir verderbt!““ schrien alle, und wilde Schwärmerei umfaßte sie.
Die Weinbecher wurden gefüllt und geleert. „Borsellinos Geist umschwebt uns!“ rief Giovanni: „er sieht wohlgefällig unsern Bund! wohlan, laßt uns gehn und ringen, als Brüder oder sterben mit Brudertreue. Heda, wir trinken Bruderschaft, nicht etwa in Wein, sondern in unserm Blute. Auf, folgt mir nach!“
Er ergrif ein Messer, sties es sich in die linke Hand, daß das rauchende Blut in seinen Pokal stürzte. Jeder that ein gleiches; ging durch einander her, lies jedem von seinem blutigen Becher kosten, und trank von des andern Blut.
Aber mitten in dem Rausch dieser Begeisterung öffneten sich die Thüren — es blizten Gewehre herein — die Verschwornen erstarrten, die Leibwache Piedros besezte rings das Zimmer und rief: „ergebt euch auf Gnade und Ungnade!“
Viertes Kapitel.
Das Haus im rothen Walde.
„Es ist unverzeihlich, daß wir Florentinen so lange verließen, ohne uns zu bekümmern, wem das Haus im Walde angehörte, wer die Thür öfnete, wen Florentin hier erblikte und welche Miene er annahm, als er wieder herausging? Was interessirte uns der wollüstige, Kabalensüchtige Hof zu Kanella? was jenes unzufriedne feige Volk, das nicht Muth genug hatte seine Ketten abzuwerfen? was die Borsellinos, Giovanni’s, Lauren und Eo’s?“
Machen Sie mir keine Vorwürfe, meine Leser! Es ist nun einmal meine Absicht, mich ungenirt auf meinem wilden Pegasus Fantasie herum zu tummeln, und ohne mich nach den Launen und der Neugier meiner Beobachter zu richten, bald in Osten, bald in Westen, bald unter guten, bald unter schlechten Menschen, bald in den lieblichen Revieren ländlicher Einfalt und Unschuld, bald an Höfen, wo Kunst die Natur verstümmelt und verzerrt, bald auf schauerlichen Wahlpläzzen, wo ein leidendes Volk verzweiflungsvoll nach Freiheit ringt, zu schwärmen.
Doch, ohne uns länger die edle Zeit mit Gezänken zu verderben, laßt uns mit Florentin in die ehrwürdige Provinzialversammlung der schwarzen Brüder treten. Wahrscheinlich erhält mancher Leser, welcher nach Aufklärung über das Wesen derselben dürstet, mit dem gräflichen Novitz, Befriedigung.
„Wer hauset hier?“ fragte Florentin den Bruder Holzhakker.
„„Der Forstmeister Blattrabe, ein Schwarzer!““ antwortete Hugo. Dieser führte seinen Mann in ein Zimmer, kleidete ihn da in ein schwarzes Gewand, öffnete darauf eine Nebenthür und lies den frohbestürzten Duur hineintreten.
Florentin sah sich wieder in der Mitte der Unbekannten, wieder in seinen Traum zurükgesezt. Es war ein großer, prächtiger Saal, erleuchtet von unzähligen Wachskerzen, angefüllt von einer ansehnlichen Menge schwarzer Herrn. Viel derselben eilten ihm sogleich entgegen, umarmten ihn, wünschten ihm Glük zur Aufnahme in den Bund der schwarzen Brüder, sprachen mit ihm von gewissen Szenen seines Lebens so bekannt, so vertraut, als wären sie Zuschauer und Theilnehmer derselben gewesen.
Man mischte sich brüderlich untereinander, füllte die Weingläser, sang feierliche Bundesgesänge; trank Gesundheiten und rief mehr als einmahl: es lebe republikanische Freiheit.
Aber Florentin wußte sich eigentlich noch nicht in diesen Wirrwarr zu finden; sein Herz sehnte sich nach dem, was Holder ihm verheissen hatte, und welches er gewiß hier antreffen sollte. Doch es vergiengen anderthalb Stunden, ehe man Miene machte, die Nacht mit etwas anderm, als Singen, Trinken, freundschaftlichen und politischen Diskursen hinzubringen. — — —
Mit einemmahle änderte sich die Szene. Jeder riß den Faden des Gesprächs ab; dieser sezte das schon zum Trinken aufgehobne Weinglas nieder, jener verzog sein Lächeln in die Falten des Ernstes. Aufmerksam wandte sich jedes Angesicht zu einem erhabnen Stuhle, welchen ein Greis so eben in Besiz genommen hatte.
Einige Minuten herrschte eine ungewöhnliche Stille, wie in einer Todtengruft; alles schien sich zu einer merkwürdigen Sache vorzubereiten.
„Nun, Vinzenz,“ sprach der Greis vom Stuhle herab, indem er dem Grafen mit der Hand winkte: „nun tretet mir näher.“ Florentin gehorchte; er ging näher zu dem Manne, dessen Anstand, Gebehrden, Sprache und Gesichtszüge ganz dem Ideale entsprach, welches sich unsre Einbildungskraft von Ehrfurcht erwekkender persönlicher Majestät zu machen gewohnt ist. Florentin hatte vor Fürsten gestanden, aber nie einen solchen Grad der Hochachtung empfunden als izt.
„Wir haben Euch werth gefunden ein Glied in der Kette der schwarzen Bruder zu werden!“ fuhr der Mann fort, welcher Verehrung abzwang: „Euer Wunsch sei Euch gewährt. — Bruder, unser aller Bruder, bedenket wohl, zu welcher Menschengattung Ihr gerathen seid! Bedenket wohl, daß von nun an das allgemeine Glük des Menschen euch näher liegt, als sonst — daß Ihr nicht mehr so sehr für Euer Interesse allein arbeiten dürfet — daß klippenvolle Umwege künftig Eures Lebens Pfade, Gefahren Eure Führerinnen, Mühe und Sorgen Eure Erholungen, und Undank der Menschen Eure Belohnungen sind! — Noch einmahl dürfet Ihr wählen: bleibt und seid unser Bruder, oder gehet, und schweiget von dem was zwischen uns vorgefallen ist.“