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Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3 cover

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 2/3

Chapter 20: Dritter Abschnitt.
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About This Book

Die Erzählung folgt einem jungen Adligen, dessen leichtsinnige Entscheidungen Schande über ihn bringen und ihn in tiefe Reue und eine zum Tode führende Verzweiflung stürzen. Sie wechselt zwischen psychologischen Nahaufnahmen und sozialen Begegnungen und zeichnet seine Bindungen zu einem fürstlichen Gönner, familiären Beziehungen und einer geheimnisvollen Bruderschaft nach. Geständnis, moralische Reflexionen, Liebesverwicklungen und dramatische Wendungen ziehen sich über mehrere Jahre und Schauplätze vom höfischen Salon bis zur ländlichen Abgeschiedenheit. Zentral sind die Themen Gewissen, Ehre, Erinnerung und das Spannungsverhältnis zwischen Hoffnungen und ihren Folgen, vermittelt in episodischen Kapiteln, die Krisen und besinnliche Monologe verbinden.

Dritter Abschnitt.

Erstes Kapitel.
Umfaßt einen Zeitraum von drei Jahren.

Von drei Jahren!“ hör ich mir meine Leser unwillig zurufen. — Freilich, meine Lieben, eine ansehnliche Lükke, oder vielmehr ein großer Sprung über tausend Tage hinweg; doch vergessen Sie auch nicht, daß ich nur ein unterhaltender Erzähler, mit nichten aber ein gewissenhafter Historiograph, sein will. Dieser würde über die meisten von mir hocherwähnten Begebenheiten, als Bagatellen, hinübergegangen sein; ich hingegen vergesse alle chronologische, politische, statistische Notizen, die ihn mehrentheils beschäftigen, und suche mir aus der bunten Menge der Szenen nur diejenigen hervor, in welchen sich menschliche Karaktere am deutlichsten wieder gespiegelt haben.

Florentin von Duur befand sich, wie Sie wissen, in Kanella; vermöge eines gewissen fürstlichen Empfehlungsschreibens gelang es ihm an Piedros Hofe eingeführt zu werden. Sein Aeusseres mußte nothwendig den Kanelleserinnen ersten Ranges gefallen, und gewis würde er im Zirkel derselben eine glänzende Rolle gespielt haben, wenn nicht sein ernstes Wesen, seine unzerstörbare Melancholie, welche durch all seine Blikke, Mienen, Gespräche und Handlungen hervorschien, eben so sehr zurükgestoßen hätte, als sein männlicher Reiz anzog. Daher floß die natürliche Folge, daß er am Hofe Kanellas weniger bemerkt wurde; daß ihn die Damen bewunderten, aber nicht liebten; daß ihn Piedro zwar seiner Staatskunde und Einsichten in die Volksregierung willen achtete, nicht selten auch seinen Rath annahm, aber ihn doch nur ausserordentlich selten hervorzog; daß Prinz Moriz und der Kardinal Benedetto ihn kaum ihrer Aufmerksamkeit würdigten, besonders, da er sich in Rüksicht dieser beiden Halbungeheuer, stets nach aller Hofetikette leidend und unterthänig verhielt.

Hiezu kam noch, daß Florentin, da er kaum ein halbes Jahr in Kanella figurirt hatte, von einer Krankheit überfallen wurde, die ihn viele Monate unthätig machte. Nur seine Jugend rettete ihn vom Tode, dessen Pfortenschwelle er schon betrat. —

Mit einem Worte drei Jahre waren ihm verschwunden wie drei Tage.

Allein müssig konnte ein Florentin von Duur in dieser Epoche nicht sein. Einen verdorbnen Staat zu reformiren, dazu bedarf es mehr, als oberflächicher Kenntnis desselben. Sich ganz in diesen neuen, unbekannten Verhältnissen zu orientiren, alle geheimliegende, verstokte, oder vergiftete Quellen, aus welchen so vieles Wehe über Kanellas Bürger quoll, aufzuspüren; sich Freunde in der Noth, Anhänger inner- und ausserhalb der Kanellesischen Gränzen anzuwerben — dazu waren mehrere Jahre nur kaum hinlänglich.

Anfänglich versuchte der biedre Graf, mit Hülfe des geringen Einflusses, welchen er sich auf eine verstekte, schlaue Weise in die Regierung zu verschaffen gewußt hatte, das Schiksal Kanellas erträglicher zu machen. Es gelang ihm einigermaaßen; und hiedurch kühn gemacht, schöpfte er, jedoch viel zu voreilig, die befriedigendsten Hofnungen für die Folgezeit.

Allein, alles war vergebens, dem unglüklichen Landeseinwohner die ihm auferlegte Bürde zu erleichtern; vergebens jede Stunde, auf diese Art aufgeopfert für das Wohl der leidenden Menschheit. Was Florentin mit unsäglicher Mühe für Kanellas Heil errang, zerstörte ein einziges Machtwort des stürmischen Moriz, ein einziges Achselzukken des listigen Pfaffen Benedetto, ein einziger buhlerischer Kuß Rosaffens.

Drei Jahre waren vorübergeflogen, und die Kanelleser noch um keinen Schritt durch den Grafen dem Ziel ihrer Wünsche und Hofnungen näher geführt. Borghemo raste; Dulli fluchte, Giovanni Borsellino bestürmte den edeln Duur mit Vorwürfen in wöchentlichen Briefen; denn alle hatten unsern Mann jezt genauer kennen gelernt, sich seinen großen Geist vertrauter gemacht, ihr unbegränztes Vertrauen auf ihn gesezt — und alle glaubten sich in ihm getäuscht zu finden, rechneten seine Langsamkeit, sein Verzögern einer heimlichen Feigheit zu.

Aber wie gesagt, Florentins Zaudern war Weisheit, sein thatenlosscheinendes Leben eine ewige Kette von Arbeiten. Die Zahl der schwarzen Brüder, in Piedros Staat, hatte sich unter ihm zu einer furchtbaren Menge vermehrt, die er nach dem Modell, der deutschen Logen in obere und untere Klassen eingetheilt hatte, deren lezte die Brüder der obern nicht kannte, und zu welcher der Graf auch den wilden Borghemo, wegen seines unsteten Karakters gesellt hatte, so sehr er auch sonst diesen Mann zu achten wußte. Jezt durfte nur noch eine bequeme Stunde schlagen und Piedros Despotie hatte ihre Endschaft, Kanella die ersehnte Freiheit, und der Wunsch tausend guter Bürger seine Erfüllung erreicht.

Und die erwartete Stunde näherte sich!

Zweites Kapitel.
Die Dachspitze.

Ein herrlicher Mondscheinabend lokte Florentinen hinaus zu einer Wanderung durch die Straßen der Residenz. Dulli begleitete ihn. Der Graf, versenkt in seelige Träumereien von der geliebten Sorbenburg und seiner Louise, schlenderte hierhin, Dulli mit dem Bilde seiner Ladda, welche sich nicht mehr in Kanella befand, beschäftigt, schlenderte dorthin. Beide hingen ungestört ihren Gedanken nach. Es war eine traurige Stille in allen Gassen der Stadt; die meisten Familien saßen in ihren Zimmern verkerkert, um sich gemeinsam einander ihre Noth zu klagen; viele schlummerten schon, um sich von Träumen das vergüten zu lassen, dessen sie sich wachend beraubt sahen.

Unsre Nachtwandler hatten aber kaum eine kleine Viertelstunde mit ihren Streifereien hingebracht, als sie durch einen ziemlich laut gehaltnen Dialog aufmerksam gemacht und zum Stillstehn und Lauschen bewogen wurden.

Sie bemerkten einen jungen Menschen, welcher neben einem Mädchen im Mondscheine saß. Beide schienen für einander dasjenige Feuer zu fühlen, welches Jüngling und Mädchen von Anbeginn der Welt zu empfinden pflegten, — beide umschwebte die heilige Tugend mit ihrer Begleiterin, der Grazie Schüchternheit. — Florentinen wurd es bang und wohl beim Anschaun dieser Gruppe; „o Louise!“ dachte er: „einst waren wir auch so glüklich!“ — — „„Einst waren wir auch so glüklich, schwache, gesunkene Ladda!““ murmelte Dulli ärgerlich, und ballte die Faust zusammen und drehte das Gesicht hinweg.

Die Liebenden tändelten froh mit einander, und befürchteten keine Belauschung.

„Gianetta, schöne Gianetta!“ rief der Jüngling: „nimm herab deinen Hut vom Kopfe mit den stolzen, schattenden Federn. Am Tage steht er dir schön, aber Abends verdunkelt er dein holdes Gesicht. Nimm ihn herab, und laß den Mond auf dein Antliz schimmern!“

Gianetta lächelte, und lies sich den Hut nehmen. Der Jüngling sezte ihn sich selber auf und schmiegte sich kosend an das Mädchen, indem er mit einem Handkus Verzeihung erflehte. Gianetta drängte ihn sanft zurük. Der junge Mann erschrak.

„Du scheinst,“ sagte Gianetta nach einer Weile: „du scheinst sehr vergnügt zu sein diesen Abend? Bist du’s, Enriko?“

Enriko. Wie sollt’ ichs bei dir nicht?

Gianetta. Bist du’s wirklich?

Enriko. Zweifle nicht, Gianetta.

Gianetta. Was macht dein Vater?

Enriko. (stokkend) Er seufzt im Gefängnis.

Gianetta. Wie lange schläft deine herrliche Mutter den Todesschlaf schon?

Enriko. (niedergeschlagen) Seit fünf Wochen.

Gianetta. Junge, bist du vergnügt diesen Abend?

Enriko. (wehmüthig aufblikkend zu ihr) Gianetta!

Gianetta. (inniger) Bist du vergnügt bei mir?

Enriko. (ihre Hand von seinen Augen drükkend) O, Gianetta!

Gianetta. (kalt) Geh!

Enriko. (weich) Du liebst mich nicht? — (sie schweigen beide, — nach einer Pause) Sieh mich nur noch einmahl an, dann will ich gern gehn! (abermahliges Stillschweigen unter beiden) Liebst du mich nicht schönes Mädchen? — soll ich dich verlassen, Gianetta?

Gianetta. (ein Seufzer hebt ihren Busen. — Sie sieht den Bittenden an und spricht langsam, mit zitternder Stimme, zu ihm) Wohin willst du gehn?

Enriko. Von dir hinweg. Will die Nacht durch Stadt und Feld umherschweifen — ich muß mich zerstreuen — ich kann nicht schlafen.

Gianetta. (ihm die Hand drükkend) Ich bin dir gut.

Enriko. Ach, schöne Gianetta, wäre das wahr?

Gianetta. Gewis, lieber Enriko.

Enriko. (sich niederwerfend vor ihr und ihre Knien umschlingend) O, sags mir — sag’s mir noch einmahl, daß du mir gut bist!

Gianetta. (schmeichelnd den Arm um seinen Hals legend) Lieber Enriko.

Enriko. (sein glühendes Gesicht in ihr Gewand verbergend) Gott, mein Gott!

Gianetta. Empfindsamer Junge, bist du allenthalben so? Ich liebe diesen Ton und diesen Karakter — ich mögte dich darum küssen! — Steh doch auf.

Enriko. (sezt sich neben ihr nieder, schmiegt sich dicht an sie) Gianetta!

Gianetta. (ernsthaft) Wie gehts dem Sekretair Flimmer?

Enriko. O, des abscheulichen Bösewichts, ihm wirds nie wohlergehen!

Gianetta. Warum sagst du nicht: soll’s nie wohlergehn? das klingt doch männlicher, und giebt dir wenigstens den Schein, als würdest du dich wider ihn zum Rächer deiner unglüklichen Eltern aufwerfen.

Enriko. Ja, kann ich damit deine Huld erwerben, siehe, so erschlag ich ihm auf öffentlichem Marke, und den Moriz dazu und selbst den verdammten Piedro, wenn du willst.

Gianetta. (lächelnd) Fürchterlicher Herkules!

Enriko. Du spottest?

Gianetta. Ich bezweifle deine Tollkühnheit nicht — aber gewis, du würdest das Opfer für Kanellas Wohl werden, würdest — nein, eher billige ich in Aufruhr und Verschwörungen! —

Enriko. Wohlan denn, die Zahl meiner Freunde ist gros — Verschwörung und Rebellion! — Gianetta, wünsche nur den leisesten Wunsch und ich weihe mein Leben dir und der Freiheit. In einigen Monaten ist der Staat umgestürzt, oder — ich ruhe neben meiner Mutter!

Gianetta. (schwärmerisch) Und ruhst du neben deiner guten Mutter, Enriko, dann folg’ ich dir! Enriko dann siehst du mich droben wieder, wo wir nicht schmachten dürfen in Armuth, nicht zittern dürfen vor Piedros Einfällen!

Enriko. (mit aufgewandten freudeglänzenden Augen) Gianetta, du willst?

Gianetta. Sei vorsichtig!

Enriko. Die Hand der Vorsehung führe mich!

Gianetta. Der Tag, an welchen Kanellas Volk seine wieder eroberte Freiheit feiert, feiern wir unsre Vermählung! — (nimmt ihn in ihre Arme) Da, nimm bis dahin den lezten Kuß! Stirbst du, Enriko, — mein Enriko, so sterb’ ich mit dir! —

(beide umarmen sich — schweigen lange)

Enriko. (sich loswindend) Ade, Gianetta, ade! doch, gieb mit ein Zeichen, bei dessen Anblik ich stets dieses heiligen Abends eingedenk sei. Nenn’ es — sieh umher — wär es auch nur die Dachspizze deines väterlichen Hauses.

Gianetta. (scherzhaften Tones) Gern hätt ich dir mich selber genannt, — aber du sollst mich von nun an selten, oder gar nicht sehen! — Wohl — die Dachspizze!

Enriko. Ade, schöne Gianetta! —

Der Jüngling flog davon. Das Mädchen sah ihm lange nach, entfernte sich dann. Florentin und Dulli kehrten schweigend um und begaben sich nach Hause.

Der Graf war kaum einige Minuten in seinem Zimmer umhergegangen, als Dulli hereintrat.

Florentin. Woher, Dulli, so spät in der Nacht?

Dulli. (schlägt die Arme unter einander, seufzt und schweigt.)

Florentin. Gieb Antwort! — quält dich die Erinnerung an deine Ladda?

Dulli. Quält mich, und quält mich nicht, ich habe sie halb vergessen. —

Florentin. Was willst du?

Dulli. Fort von Euch, heim in meine Eremitage.

Florentin. (verwundert) Mensch!

Dulli. In allem Ernst Herr.

Florentin. Was hat dich auf den Einfall gebracht?

Dulli. (mit einem tiefen Seufzer) die Dachspizze.

Florentin. Wie? — bist du Zeuge von jenem Auftritt gewesen, dem ich vor einigen Augenblikken begegnete?

Dulli. Ich bins gewesen.

Florentin. Und willst darum Kanella verlassen?

Dulli. Ja und heim in meine Eremitage.

Florentin. Doch nicht aus Furcht vor Enrikos gedrohter Empörung?

Dulli. Aus Furcht vor der Nichterfüllung der Eurigen! — O, Herr, warum habt Ihr mich herausgelokt aus meiner Ruhe, wo ich längst schon Kanella, Tyrannen und Tyrannisirte vergessen hätte? — Warum habt Ihr mich lüstern gemacht nach Dingen, die eher ein berauschter Liebhaber, — eher der Knabe Enriko erfüllen wird, als Ihr? — Bei Gott und dem heiligen Petrus, Herr, Ihr solltet nur den Jammer nur das Herzeleid sehn, in welchem Kanella verstoßen liegt; — solltet nur das Winseln brodbettelnder Kinder, und das ohnmächtige Fluchen der Erwachsenen hören, die kein Brod geben können, und ich will des Todes sein, wenn Ihr nicht Augen und Ohren zupressen und Euch nach andern Gegenden umsehn würdet, wie ich.

Florentin. (kalt) Leicht möglich.

Dulli. Nein, unwidersprechlich wahr! — aber Ihr, gnädger Graf, nehmts mir nicht übel, wenn ichs dürr heraussage — Ihr seid schon leider verpestet von Piedros Hofluft und Eure prangenden Wünsche sind elendiglich eingetroknet am Strahl seiner Majestät. O, da, auf den glänzenden Assembleen und Redouten, und Bällen und Maskeraden, und wie die höllischen Freuden des Hofes mehr heißen, — da gehts lustig her! da hört man vorm Pauken- und Geigenschall das Aechzen der Hungrigen nicht, da sieht man die Blutthränen des Unterthanen nicht vor den Reihen der blanken Tänzer und der geschwungnen Weinbecher! Gott erbarms! — Ihr seid verpestet!

Florentin. (warm) So wahr ich lebe, Dulli, noch bin ichs nicht!

Dulli. (freudig) Seid Ihrs noch nicht? — wahrlich noch nicht? O dann, Herr, dann steht meinem Vaterlande bei; — Ihr könnts! Um Gotteswillen, hastet Euch. — Seht, sinds nicht schier vierzig Monate, daß wir hier leben? Habt Ihr Euch in vierzig Monaten noch nicht auf das Wie? besinnen können? — O es ist ja so leicht zu erfinden, wenn Ihr nur ein warmschlagendes Herz besizt! — Seht, nehmt einen Dolch und stoßt ihn in Piedros Wanst, erwürgt seinen Spürhund Benedetto, seinen Mordhund Moriz, wenn sie von griechischen Weinen benebelt sind, oder sie an der Tafel vom Mark des Unterthans schwelgen, oder sie am Busen ihrer Huren wollüsteln! — Es ist ja kinderleicht! — und dann lauf’ ich hin auf den Dominikusplaz, und schreie: Kanella du bist frei! und Tausende werden Freiheit mit mir rufen und Tausende mit mir ihre Kniee vor Euch beugen! — Nun, Herr?

Florentin. (ihm die Hand drükkend) Du bist ein vortreflicher Kerl! —

Dulli. Aber — —?

Florentin. (geht nachdenkend durchs Zimmer, kehrt schnell zurük) Ueberwarte noch drei Monate, und bist du dann nicht mit mir zufrieden, so nimm alles, was ich habe und zieh in deine Wüste damit!

Dulli. (bedenklich) Noch drei Monate — noch zwölf ganze Wochen, Gott weis es, wie viel hundert Tage dazu gehören! — — doch ich harre sie aus.

Florentin. Rufe morgen die alte Wahrsagerin zu mir — Es ist ein verwegnes Weib, sie soll Lärmen unter dem gemeinen Volk machen!

Dulli. (horchend) Ein altes Weib muß zu Euern Plänen — —

Florentin. Alte Weiber und Pamfletenschmierer gehören zu den wohlthätigsten Uebeln in dieser untermondischen Welt. — Geh!

Dulli ging mit hoher Verwunderung ab; der Graf aber mas noch lange das Zimmer mit seinen Schritten. Es kämpfte seine Seele einen schweren Kampf — und er siegte ob.

„So geh es denn, wie es wolle!“ dachte er bei sich, als zum Resultate seiner Ueberlegungen: „Gute, und schlaue Sanftheit sind vergebens angewandt, die Hyder auf Kanellas Thron zu zähmen — sie falle nun! — Befördre ich die Rebellion nicht, so werden es mehrere Enrikos und vielleicht unglüklicher, als ich, weil sie im Sturm der Leidenschaft handeln. Es sei; Kanella, ich reiße dir das Joch ab, freigeborne Menschheit, fühle dich frei und gros. — Bürgerblut wird vergossen werden, aber auch das Blut der Tyrannen!“ —

„Und du, allgegenwärtiges Wesen, du siehst jezt das Gewebe meiner Gedanken und Empfindungen, stehe du mir bei, und denen die dich anrufen? Gott, du siehst ja deiner Kinder Thränen, hörst ihr flehendes Wimmern — erbarme dich ihrer. Verstoße sie nicht aus dem Gebiet der Freude, laß sie nicht ewig schmachten in Verzweiflung. O, Gott, mein Gott — es ist für die schwache Menschheit ein fürchterlicher Gang, — verlaß uns nicht!“

So dachte, so betete Duur in stiller, mitternächtlicher Stunde. Seine Seele fühlte sich beruhigt; sein Auge glänzte von einer Thräne. Er spürte heilige Glut durch seine Adern fliegen; ihm wars, als riefe sein Schuzgeist ihm leise ins Ohr: „auf, es wird der guten Sache wohlgelingen!“ —

In solcher Stimmung sezte er sich nieder, um den Plan der Staatsumwälzung zu entwerfen.

Drittes Kapitel.
Florentins Verwandlung.

Wie gesagt, ich begreife ihn nicht!“ antwortete vierzehn Tage später der Sekretair Flimmer dem Prinzen Moriz.

„„Ei nun,““ erwiederte dieser: „„er wird doch endlich zur Vernunft kommen. So, wie jezt, ist der Kerl auf dem sichersten Wege sein Glük zu poussiren.““

Doch ehe ich die beiden Herrn weiter plaudern lasse, muß ich meinen Lesern sagen, daß Florentin von Duur der Gegenstand ihrer Unterhaltung war. Dieser durch so manche Erfahrung gewizte, durch so manche Fatalität stolzer und kühner gemachte, Hofmann hatte in einem Zeitraum von wenigen Tagen, (nur wenigen wars bekannt, durch welchen Talisman,) sich dermaaßen im Kredit der Piedronen, Benedetten und Morizze emporzuschwingen gewußt, daß man aus wichtigen Gründen für seine Tugend und ehmalige Rechtschaffenheit hätte zittern können. —

Alle Thüren standen ihm offen; kein Kammerdiener, keine Leibwache hielt ihn von den Kabinetern der Großen zurük; unangemeldet trat er zum Herzoge und dessen Favoriten ins Zimmer, in deren Gesellschaft er sich von nun an täglich befand.

Einige riethen hier hin, andere dorthin, um Florentins plözliches Steigen beim Hofe zu erklären; die meisten deuteten alles auf Rosaffen hin, welche den schönen Grafen vielleicht genauer ins Auge gefaßt, und ihn liebenswürdig gefunden haben konnte. Die Leute hatten in so fern nicht unrichtig gedeutelt, aber die eigentliche Schnellfeder des Duurischen Hofglüks war ihnen doch unbekannt geblieben.

Was Rosaffen betrift: so hatte sie in der That Florentinen izt erst schöner gefunden, als ers ihr bis dahin geschienen. Alle übrige Damen des Hofes bemerkten in diesen Tagen am Grafen ein Gleiches. Er war bei weitem nicht mehr der sonstige, schüchterne, zurükhaltende, misantropische Sauertopf, sondern gefälliger, kekker, tändelnder, unterhaltender, als irgend ein unter dem Panier der Venus graugewordner Ritter — Wo er hintrat, erschien neben ihm die muthwilligste Freude, wo er einen Zirkel verlies, schlich die gähnende Langeweile mit allen ihren Foltern ein.

Die schöne, wollustathmende Rosaffa, welche noch die alten Launen unsers Grafen kannte, wußte jezt ihre Schwächen und Fehler so reizend in die Glorie der Tugend zu verhüllen, daß sie dreimahl schöner, als vorher war; Oeffentlich hing sie freilich an Piedro; aber wer konnte ihrs verwehren im Geheimen nach den Grafen hinzuschielen, oder ihm unvermerkt die Hand zu drükken, oder ihm unterweilen einen von tiefen Seufzern gehobnen Busen erblikken zu lassen? — So listig, so erfahren wie sie in der Kunst war Nezze für Männerherzen zu strikken, waren nur wenige, und eben dies lies gewis den herrlichsten Sieg über Florentin für sie hoffen. Und als sie schon liebebekennende Erwiedrungen ihrer Blikke, ihrer Händedrükke, ihrer Seufzer spürte — o, welches weibliche Herz hätte da noch von fehlgeschlagnen Wünschen träumen können?

So wie in der Damenwelt der Name: Fiorentino! Fiorentino! allenthalben die Losung geworden war, eben so auch in der männlichen und vorzüglich politischen Welt Kanellas. Ich wag’ es nicht zu bestimmen, von welcher Seite er mehr geliebt und geschmeichelt wurde. Aber so viel ist gewis, daß Florentin bei den Kanellesischen Volkspressern ursprünglich und am meisten sein Glük gegründet hatte.

So unwichtig er auch bisher in den Augen des Hofes gewesen war: so zeigte man sich ihm denn doch mehr, als kaltblütig und gleichgültig, weil er im Verdacht stand, als hielt er sich mehr zur Volksparthei, denn zum Hofe. Allein nun war auch der geringste Argwohn von ihm in dieser Rüksicht verschwunden, denn er hatte eine neue, goldhaltige Quelle für Piedros Finanzen aufgefunden, die freilich im Herzen des Volks aufgeschlagen werden mußte, aber auch um deswillen desto ergiebiger floß.

Bald darauf rükte er mit mehrern Plänen hervor, die so fein ausgearbeitet waren, und so lieblich nach Machiavellis Kompendium der Staatskunst schmekten, daß Piedro, Moriz und Benedetto dem erfinderischen Kopf schlechterdings ihre Bewunderung nicht versagen konnten. Kurz, er hatte aller Beifall gewonnen; — eine fürchterliche Art Freunde zu erlangen, wenn das schon gemärterte Volk unter diesen neuen Foltern noch mehr leiden und Weh’ und Jammer über solchen Bund schreien muß!

Auf alles dies, meine Leser, bezog sich nun das Gespräch des Prinzen Moriz mit seinen Getreuen. — Flimmer, der vorher nicht wenig argwöhnisch auf den Grafen gewesen war, wurde es durch dessen jähe Metamorphose noch mehr. Nur Moriz, der um die ganze Sache genauer zu wissen glaubte, schäzte Florentinen, doch heißt das a la Moriz!

„Ich traue ihm nicht!“ rief Flimmer einmal über das andere des Prinzen tauben Ohren zu.

„„Du bist ein Narr!““ war die gewöhnliche Replik darauf.

Flimmer. Und gebt acht, gnädigster Herr, gebt acht, daß Euer Flimmer, der sich noch so selten betrogen, sich auch diesmahl nicht hintergeht.

Moriz. Sprich, du Erzhase, du furchtsamer Teufel sprich — hast du je, binnen der Zeit, daß er sich in Kanella befunden, eine einzige schiefe Handlung von ihm observirt?

Flimmer. Ich muß es eingestehn, keine einzige, ungeachtet ich ihn schärfer beobachtet habe, als der Satan eine arme Sündersseele — aber — —

Moriz. (lachend) Ich kenne meinen Mann von innen und von aussen — wenn mancher wüßte, was ich weis — ha, ha, ha! er kettet sich nicht so leicht wieder von uns los — zum Glük, daß er mir diesmal mit seiner Gipspuppengestalt nicht wieder ins Gehege fällt! — Na, trink ein Glas Zyprier! Ich hab’ heut Laune.

Flimmer. (trinkt)

Moriz. Kannst dich dem Teufel darauf ergeben, daß er sich so sehr vergarnt hat, — — doch, trink! —

Flimmer. (gießt ein und trinkt)

Moriz. Weißt du sonst irgend etwas aufzutischen? Wie bin ich beim Volke akkreditirt?

Flimmer. (lächelnd) Wird darum sich ein Moriz kümmern?

Moriz. Ich hab’ heut Laune, und frage danach.

Flimmer. Akkreditirt? — hm, mehr als der Landesherr selber.

Moriz. Und der Kardinal? — Fülle den Becher und trink!

Flimmer. (grinsend) Sr. Eminenz? — hm, wird allgemein — — gehaßt.

Moriz. (sich mit der Hand übers Gesicht fahrend, um ein Lächeln zu verwischen) Wirklich? (zukt die Achseln.) Doch von etwas andern. — Sag mir, befindet sich noch der alte, stumme Schurke beim Grafen, der ihn einmal vor Jahr und Tag aus der Welt befördern sollte?

Flimmer. Freilich! freilich!

Moriz. ’s ist mir doch lieb, daß mein damahliges Projekt mit dem Gifttrank scheiterte. Duur soll und wird mir mit seinem Kopf noch wichtige Dienste leisten.

Flimmer. Aber eben der Badner, und der mit dem Grafen zurükgekommne verwegne Dulli, dessen Geschichte mit der Ladda — —

Moriz. Ich weis es ha, ha, ha!

Flimmer. Ich sage, eben diese odieuse Gesellschaft des Grafen erregt in mir so viel Besorgnisse! —

Moriz. Schweig mit deinen ewigen Besorgnissen! Gesezt auch, der Graf führe etwas Hinterlistiges im Schilde: so müßten du und ich den Kopf verloren haben, wenn wir nicht bald davon Wind bekämen — und dann läßt man ihn gefänglich einziehn, oder schikt ihn auf die Galeere, oder geradenwegs in die andre Welt. —

Flimmer. (am Fenster) Sein Wagen hält jezt, unten am Schlosse — er springt heraus — —

Moriz. Sein Besuch ist mir willkommen; Ich habe Laune. — Geh du!

Ehren-Flimmer entfernte sich, halbbenebelt von Zyprier. Der Prinz war noch keine Minute allein, als Florentin ziemlich eilfertig hereintrat.

„Nun, lieber Graf! das gefällt mir; Ihr vergeßt mich doch nicht unter so vielen andern, die von Euch nicht vergessen sein wollen! Sezt Euch neben mir nieder und seid vertraulich, wie mit Eurem Busenfreunde.“

Florentin. (höflich) Ew. Hoheit machen mich stolz. — Doch wer würde sich solcher Gnade und einer solchen Busenfreundschaft weigern?

Moriz. Na, ich denks auch. Sezt Euch doch. Ich hasse die steife, vermaledeiete Etikette unter vier Augen. Dort stehn dreierlei Sorten des kostbarsten Weines — wählt! — sezt Euch her und trinkt!

Florentin. (gehorchend) Ihr überhäuft mich mit Gnadenbezeugungen, gnädigster Fürst.

Moriz. Nicht doch. Hört, Ihr habt des Herzogs Beifall, und da könnt’ Ihr des meinigen leicht vergessen.

Florentin. (mit einem Blik voller Sprache) Prinz — Ihr fühlt Euern Werth, wisset, wer im Lande dominirt — und das macht Euch so sprechen!

Moriz. (füllt die Gläser) Ha, ha, ha! Schelm! (er klingelt. Ein Lakai tritt herein, zu welchem er sagt) Ich befinde mich nicht wohl — bin in einigen Stunden nicht zu sprechen — selbst wenn Sr. Eminenz der Kardinal, — oder des Herzogs Durchlaucht schikt. (der Lakai entfernt sich) Nun, Fiorentino, wir sind ungestört. Eure Miene schien mir so etwas zu weissagen — laßt uns plaudern.

Florentin. Ich bringe Euch dazu einen wichtigen Stoff.

Moriz. Nun?

Florentin. Es herrschen furchtbare Gährungen im Volk.

Moriz. Volk! Volk! — pah, was will der Wurm?

Florentin. Es läßt sich alles zu einer allgemeinen Empörung an. —

Moriz. (kalt) So?

Florentin. Die Sache ist für uns um so bedeutender, je geheimer sie gehalten wird.

Moriz. Woher habt Ihrs denn? (trinkt)

Florentin. Von meinen Spionen. Ja, noch mehr. Einer derselben bringt mir eine Liste mit den Namen derer, die, im Fall einer Rebellion, massakrirt werden sollen. Der Eurige steht oben an.

Moriz. (sezt gleichgültig das Glas hin) Ehre dem Ehre gebührt!

Florentin. (mit Nachdruk) Im Raum dreier Monate soll unsre jezzige Regierung umgeworfen sein!

Moriz. (die Stirn faltend) Und wer soll herrschen?

Florentin. Das Volk.

Moriz. (bitter) Wer?

Florentin. Das Volk!

Moriz. Wer — wer soll herrschen, wenn Piedros Unvermögen zum Regieren öffentlich anerkannt worden? — Wer? —

Florentin. (kalt) das Volk!

Moriz. (aufspringend) Und das wird nicht geschehn! oder Moriz müßte von einer Bettlerfamilie stammen — müßte nicht in Kanella sein.

Florentin. (steht auf und geht durchs Zimmer, indem er sich auf den Finger beißt, und eine Miene zieht, als einer, welcher diebischerweise ein Geheimnis entwendet.)

Moriz. Verdammt! — da sollts auf diese Gefahr zu einer Rebellion kommen, und Ihr Schurken von Demokraten solltet Morizen kennen lernen!

Florentin. (sich umdrehend) Ja, gnädigster Prinz, ich zweifle, nicht, — besonders wenn Ihr dies an der Spizze von wenigstens zehn bis zwanzig tausend Mann sagtet!

Moriz. (starrt lange vor sich nieder, geht dann rasch zum Grafen, legt vertraulich seine Hand auf dessen Achsel; seine Mienen sprechen, aber — sein Mund schweigt. Er dreht sich wieder um und pfeift — geht zum Tisch und klingelt.)

Florentin. (beobachtet den Prinzen mit scharfen Blikken unverwand, so sehr er sich auch den Schein des Gleichgültigen giebt)

Moriz. (zum hereintretenden Lakai) Schampagner!

Florentin. (mit Theilnehmung und Ernst) Prinz!

Moriz. (zerstreut) Was ist?

Florentin. Ihr scheint ein großes Geheimnis in Eurer Seele zu führen; scheinet — (abspringend) doch, Ihr kennet mich noch zu wenig, Prinz, ich verarg’ es Euch nicht.

Moriz. (mit untergeschlagenen Armen dicht vor ihm hintretend) Mensch!

Lakai. (sezt den Wein auf, und entfernt sich)

Moriz. (mit verstellter Lustigkeit) Hier die Flasche laßt uns umstürzen; sie wird köstlich sein! (er füllt zwei Becher) Trinkt, Graf! —

Florentin. (schmeichelnd) Gnädigster Herr, Ihr seid ein Räthsel, von dessen Auflösung die Kunst des erfahrensten Menschenkenners zu Schanden wird.

Moriz. (zufrieden lächelnd) Wirklich? — (den Becher hebend) Auf, es blühe lang die Schönheit Rosaffens!

Florentin. (sich verwirrt stellend) Sie blühe! (beide trinken)

Moriz. (lachend) Rosaffa! ha, ha, ha!

Florentin. (nimmt den Becher von neuem auf) Es lebe hoch Sr. Durchlaucht Herzog Moriz von Kanella! (Zerstreuung simulirend) O, verzeiht, ich vergas mich, ich weis nicht mehr, was ich spreche.

Moriz. (sezt bestürzt das Glas nieder) Was war das?

Florentin. (angenehm) Vielleicht ein gutes Prognostikon!

Moriz. (strenge) Graf, äfft mich nicht! — (beide schweigen und beobachten sich lange)

Moriz. Graf, Ihr gäbet den Mahlern einen treflichen Heiligenkopf ab — mit Lust würde man dazu Eure Mienen kopiren, denn man würde den Heilgen in Euch, ohne Heilgenschein, erkennen. — Lüget Euer Gesicht nur nicht?

Florentin. (lächelnd) Ich antworte kein Ja, oder Nein, um wenigstens den Mund nicht lügen zu lassen.

(abermahlige Pause)

Florentin. Wie ists, mein gnädigster Fürst, wie ists mit Euerm Entschluß die Volksgährung betreffend? — Laßt uns den Aufrührern beizeiten entgegenarbeiten!

Moriz. Fürchtet Ihr denn Gefahr?

Florentin. Allerdings, in so fern weder Ihr, noch des Herzogs Durchlaucht hinlängliche Sicherheit besizt, noch Kraft einem rebellischen Volke entgegenzustehn.

Moriz. Woher?

Florentin. Wegen Mangel an Soldaten. — Es ist nothwendig, daß ein Corps errichtet werde, welches Eure Superiorität bewacht.

Moriz. (nach einiger Stille) Ja, ja, es muß eine große Werbung angestellt werden. Das ganze Land soll kontributiren. Wir haben jezt kaum tausend Mann auf den Füssen.

Florentin. Ist Munition genug vorhanden?

Moriz. Das Kriegskollegium soll mir morgen ein genaues Verzeichnis davon einliefern. In allen Fällen muß ausser Landes eingekauft werden. — Wenigstens müssen in zwei Monaten zehntausend Mann da stehn.

Florentin. Und zwar aus Landeskindern gesammelt; denn auf Ausländer ist in solchen kritischen Zeitpunkten nicht sicher zu rechnen.

Moriz. Aber es ist unmöglich aus eitel Landeskindern in so kurzer Zeit zehntausend Mann herbei zu schaffen; der Staat ist von keiner übermäßigen Größe, in welchem überdies mehrere Städte ein ausschließendes Recht haben, von allen Werbungen frei zu sein.

Florentin. Was kümmert uns dies? — Sie sollen ihre Dokumente und Urkunden vorweisen, diese müssen erst untersucht werden und ich wüßte nicht, welcher Dämon seine Hände im Spiel hätte, wenn wir nicht vermögend wären Worte zu verdrehn und zu verdeuteln und ihnen einen verlornen Prozeß an den Hals zu spielen.

Moriz. (mit geballter Faust auf den Tisch schlagend) Warum haben wir uns beide nicht früher kennen gelernt! — (seine Hand ergreifend) Fiorentino! Fiorentino! Ich hätte Euch noch manches — manches noch zu vertrauen, aber — —

So gut als wir, verstand auch Florentin das mistrauische Aber, und er wandte seine ganze Kunst daran den geringsten Argwohn aus dem Gemüthe des Prinzen zu vertreiben. Ob er glüklich, ob er unglüklich darin war, mag die Folge aufklären. Was ihre fernern politischen Unterredungen betrift: so find’ ichs nicht behäglich meine Leser dieselben länger anhören zu lassen; doch die Resultate derselben äusserten sich nach etlichen Wochen im Lande. — Hatte man vorher geseufzt, so schrie man jezt über Ungerechtigkeiten; wo man ehmahls weinte, verzweifelte man jezt. Und Florentin, der von seinen Freunden scharf bewacht wurde, dessen kleinste That ihnen nicht unbemerkt vorüberschlüpfte, wurde denselben mit jedem Tage ein dunkleres Räthsel.

Borghemo vorzüglich war um deswillen äusserst empfindlich. Er suchte täglich den Grafen in seinem Hause auf, wo er ihn aber nie fand; aufgebrachter, als vorher, kehrte er dann gewöhnlich heim und fluchte über das Schiksal und heuchlerische Menschenbrut. — Dulli nahm sich seines Herrn noch am meisten an; denn der alte Badner spielte, seit er mit Florentin in Kanella war, wiederum die Rolle eines Stummen und sogar Halbtauben, um einen desto geschiktern Horcher abgeben zu können.

„Gieb deinem Herrn diesen Brief;“ sagte eines Abends Borghemo zu Dulli: „vergiß es nicht! sobald er in der Nacht zu Hause kömmt!“

„„Ihr zürnt noch immer auf meinen Herrn?““

„Mit Recht!“

„„Ihr irrt Euch in ihm!““

„So irren sich tausende und du allein betrügst dich nicht?“

„„Freilich!““

„Narr!“

„„Ich verzeih’ Euch!““

„Nun, Schurke, was hältst du denn vom Grafen?“

„„Daß Ihr seine Größe nicht fasset, und ich seine Pläne nicht durchschaun kann.““

„Gieb ihm den Brief!“

Der Graf erhielt den Brief, der nichts geringers, als eine Herausfoderung zum Duell enthielt. Florentin konnte sich des Lächelns nicht erwehren; Dulli und Badner gaben auf sein Mienenspiel Acht. Er schrieb noch in der Nacht ein Billet, welches sogleich an Ort und Stelle gebracht wurde; zwar nicht an Borghemo selbst ging, aber doch die Widerlegung desselben betraf. —

„Was spricht man von mir in Kanella?“ fragte er Dulli’n und Badner’n, welche ihm vorm Schlafengehn die Geschichte des Tages zu rapportiren pflegten. Beide bezeugten, wie mit einem Munde, daß sein Kredit noch der alte sei, nur daß man vielerlei über seine Rolle am Hofe kannengiessere. — — — — —

Viertes Kapitel.
Neue Verwirrungen.

O!“ rief Borghemo am folgenden Tage in wilder Wuth, als er sich auf dem in seinem Billet Florentinen genannten Kampfplazze eingefunden und schon, seinen Gegner erwartend, einige Gänge auf und ab gemacht hatte: „O, Freundschaft, Redlichkeit, Freiheit — was seid ihr? Doch nur Ideale, todte, unnüzze Ideale, dem Gehirn der Dichter in schwärmerischen Stunden entsprungen, welche das schönste Thier in der Schöpfung bewundert, aber in sich zu realisiren weder Muth noch Kraft hat! — Daß ich so belogen werden konnte, so — so von einem Duur! — — Nein, erschien mir jezt ein Engel vom Himmel, ich würde seiner Larve und seinen Worten nicht mehr trauen. — Freundschaft! ist dies nicht heuer ein Modegedanke, worin sich verkrüppelte Seelen verstekken, wie häsliche Gestalten hinter ihren Puz? — O, verdammt, von solchem Abentheurer betrogen zu werden!“ — —

Borghemo schlug sich mitgeballter Faust vor die Stirn — ging einige Schritte vorwärts — blieb stehn, — sah nach der Uhr und lachte gräßlich auf: „Er kömmt noch nicht! pfui, des elenden Feiglings! er, — er eine Revoluzion bewirken? — ha, ha, ha, wahrscheinlich unter den Weibern des Hofes! er die despotische Regierungsform zerstören, die mit tausend Klingen verfochten werden dürfte, er, der sich vor der meinigen allein schon fürchtet? —“

So tobte er eine Viertelstunde hindurch, ohne zu bemerken, daß der Plaz, auf welchem er sich befand, der zwar ein schöner Spaziergang vor der Stadt war, aber doch nur selten besucht wurde, jezt, und zwar zu einer sehr ungewöhnlichen Stunde, denn es war früh nach Sonnenaufgang, ziemlich lebhaft geworden. Ueberall, wohin er um sich her sah, erblikte er zu seiner unaussprechlichsten Verwunderung bekannte und unbekannte Männer, höhern und niedern Ranges, einzeln und in Gruppen lustwandelnd.

Er blieb eine Weile, wie versteinert, stehn: ging dann zu dem nächsten, ihm bekannten Mann, um sich über diese Szene Licht zu verschaffen. Kaum daß er sich diesem näherte, so zogen sich auch alle übrige Personen, wie nach einem verabredeten Signal, um denselben zusammen. Borghemo’s Erstaunen wuchs immer mehr, und noch mehr, da ihm der bekannte Mann folgendes sagte:

„Edler Borghemo, Ihr erwartet den Grafen, aber vergebens, denn seine Zeit ist jezt zu köstlich, als sie mit Euch hier zu versplittern, und die Gesundheit seiner Gliedmaßen ihm für den Tag der Revoluzion zu theuer, als daß er sie hier Eurer Laune und Eurer aufbrausenden Hizze opfern sollte. Gesezt, daß er bei dem nahen Aufruhr sein Leben nicht einbüßt, so steht er euch gleich den folgenden Tag darauf zu Diensten. Dies ists, was er Euch durch mich sagen läßt.“

„„Aber ich begreife nicht — —““ stotterte Borghemo und warf seine Augen auf die ihn umgebenden Männer.

„Leicht möglich!“ antwortete man ihm: „Was die lieblosen Beschuldigungen betrift, welche Ihr ihm gestern in dem bewußten Billette machtet, so hört dies darauf zur Erwiederung: Duur verdient sie nicht. Daß er Eure Freundschaft der, gegen den unglüklichen Staat, hintenansezt, werdet Ihr ihm hoffentlich verzeihen; daß er, wie Ihr ihm vorwerfet, seine großen Versprechungen in Absicht der Befreiung Kanella’s vergessen, darüber werdet Ihr in Kurzem vom ganzen Staat die Antwort hören; und daß er schon viel gethan hat, und nicht wenig Anhänger besizt, — davon könnt Ihr Euch durch uns überzeugen lassen, indem jeder von diesen bereitwillig ist, sich statt seiner mit Euch um Leben und Tod zu schlagen, wenn Ihr anders noch nicht hinlänglich vergewissert seid, wie sehr Ihr dem Grafen Fiorentino Unrecht gethan habt.“

Der gute Borghemo war noch nicht ganz zu sich selber gekommen, und er stand nahe dabei, alles das, was er sah und hörte, für ein Gaukelspiel seiner Einbildungskraft zu halten.

„Fiorentino!“ sagte er: „du hast in der That bewiesen, welch’ ein ausserordentlicher Mann du bist; — ich will gehn und deine verborgnen Pläne im Stillen bewundern!“

„„Wohl!, Fiorentino vermuthete diesen Entschlus von euch,““ antwortete einer aus der Menge: „„kommt mit uns; wir haben Befehl Euch zu uns zu sammeln.““

Wie ein gedankenleerer Träumer folgte Borghemo — — den schwarzen Brüdern nach.

Sehnsuchtsvoller selbst als vom rachsüchtigen Borghemo wurde Duur an eben dem Morgen von Sr. Eminenz, dem Kardinal erwartet, welcher den Grafen und sein politisches, raffinirendes Genie nicht weniger zu schäzzen verstand, als der rauhe Moriz. Der Favorit ließ sich lange vergebens erwarten. Benedetto war sehr unruhig. Er ging von Zimmer zu Zimmer; bald hinaus auf den Altan; bald hinaus in den Garten. Es war dieser Tag für ihn von großer Wichtigkeit, denn er hatte bei sich beschlossen heut gegen Florentinen mit einem wichtigen Projekt hervorzurükken. — Er, der sonst nie zitterte, der sonst keines Menschen Gewalt befürchtete — zitterte jezt bei jedem Rauschen der Thüren seines Pallastes. Er wünschte Duurs baldige Erscheinung und doch machte ihm sein böses Gewissen diesen Mann furchtbar.

„Was hilfts?“ sagte endlich der heilige Mann zu sich trostvoll, indem er seine dürre Gestalt über ein Faulbett hinlagerte: „Es reife endlich, was reifen soll; längerer Verzug ist der Tod meiner Hofnungen. Ob nun der Graf meine Vorschläge acceptiren, meine Entwürfe gemeinsam mit mir ausführen wird — das entscheide dieser Tag. Seine Treue, sein Karakter ist seit drei Jahren und länger der Gegenstand meiner Beobachtungen gewesen, ich hab ihn ächt befunden, täuschen, konnt’ er mich nicht! — Und gesezt, daß er — — nein, unmöglich! Er ist durch Rosaffen zu fest an mein Interesse geknüpft, er liebt sie, und sie ist ja, was sie ist, durch mich geworden; sie ist mit meinen Plänen halbvertraut; ihr ekelt vor Piedro schon und sie kennet ja seine Untüchtigkeit zur fernern Regierung! —“

Indem Benedetto also kalkulirte, fand sich Duur ein. Mit welcher ungewöhnlichen Gnade er von dem feinen Mönch aufgenommen wurde, wie geschmeidig diese steife Eminenz war, wie huldreich lächelnd und vertraulich dessen sonst ernste, zurükschrekkende Mienen sich zeigten, ist beinahe unbeschreiblich.

Die Unterredung dieser beiden Hofleute wurde bald sehr intrikant; jeder horchte, jeder forschte, beide handelten aber aus verschiedenen Absichten.

„Ich läugn’ es nicht, Fiorentino, ich preis’ Euch glüklich!“ sagte Benedetto unter andern, als Replik auf vorhergehende Reden.