„Gnädiger Herr,“
„Sie werden von einem Landsmanne ergebenst gebeten, diesen Nachmittag ein Glas Wein mit ihm in seinem Garten vor Dosa zu trinken. — Ich erwarte sie gewis.“
„Ihr Freund.“
Der Graf war etwas verlegen. Die Zofe sah ihn unverwandt an und lächelte.
„Wer ist denn dein Herr, liebes Mädchen?“
„„Er hat mirs verboten Ihnen seinen Namen zu nennen!““ antwortete sie in deutscher Sprache.
„Wie? bist du eine Deutsche?“
„„Freilich; mein Herr hat mich aus Deutschland mit hieher genommen; ich bin die Gesellschafterin seiner Tochter.““
„Seiner Tochter!“ wiederhohlte Florentin langsam, der noch immer im süssen Wahne gestanden, daß Holder ihm den Scherz spiele. Er besann sich ein Weilchen.
„„Werden Sie hinauskommen?““
„Sag mir, mein Kind, ob dein Herr“ — —
„„Ich verrathe Ihnen gewis nichts.““
„Gesezt aber ich erriethe seinen Namen.“
„„Desto besser für Sie.““
„Heißt er etwan — Aellmar?“
„„Mit nichten! — aber werden Sie kommen?““
„„Zum Südthore hinaus, eine Viertelmeile von der Stadt entlegen, am Dosanischen Gehölz. Sie können ihn unmöglich verfehlen. Eine hohe Kastanienallee führt Sie da links vom Wege ab; die Gartenpforte steht offen und über derselben werden Sie drei Aloeblumen entdekken.““
„Das Geheimnisvolle deines“ —
„„Ihre Dienerin!““ sagte lächelnd das Mädchen und hui schlüpfte sie hinaus zur Thür.
Duur stand lange verwirrt ob der seltsamen Erscheinung da, doch was sollt er machen? mit Ungedult erwartete er den Nachmittag und bis dahin suchte er sich die Langeweile, welche er bis jezt nur dem Namen nach gekannt zu haben schien, so gut als möglich zu vertreiben, durch Musik und Träumereien.
Aber eben diese versezten ihn bald in eine mehr wehmüthige als ernste Stimmung des Gemüths; der Nachmittag erschien, und mit halbem Widerwillen lies er das Pferd satteln, schwang er sich auf und trabte er langsam der angewiesnen Straße zum Garten am Dosanischen Gehölz nach. —
„Wann werd’ ich Euch wieder erblikken, Gespielen meiner Jugend, ihr Geliebten meines Herzens?“ schwärmte er vor sich hin: „Wann werd’ ich euch wieder erblikken, ihr heiligen Gegenden meines Vaterlandes, worin ich zuerst des Lebens Werth empfand? Ach, daß ich es dürfte, wie gern flög ich Euch jezt entgegen! — — Onkel, mein alter guter Onkel, ich will ja gern in deiner Umarmung alles, alles vergessen, was der Nachruhm herrliches hat; Will gern bei deinen süssen Plaudereien, o Rikchen, das Jauchzen des dankenden Volks vergessen; will bei dir, mein Holder, in seliger Ruhe aller Pracht und Größe entsagen — ach, ich opferte gern die Unsterblichkeit meines Namens einigen frohen Augenblikken in eurer Mitte auf! — O Schiksal, Schiksal gieb mir Ruhe! — und du, Bündnis der Schwarzen, wieviel bist du mir zu geben schuldig!“
Inzwischen er so mit sich selber sprach, stand sein Pferd am Ende der Kastanienallee vor der Gartenthür mit den Aloeblumen.
Er stieg ab, band das Ros an und trat in den einsamen Garten. War es Ahndung, oder die von den vorigen Bildern aufgeregte Einbildungskraft, welche in ihn wirkten, weis ich nicht. Ein heimlicher Schauer drang durch seine Glieder; beklemmt und froh schlug sein Herz einem unbekannten Etwas entgegen; seine Blikke durchflogen die liebliche Wildnis, wo halbe Kunst und halbe Natur herrschten.
Niemand, ausser ihm, war im Garten. Er erstaunte. „Was soll ich hier?“ fragte er sich laut, und leise schien ihm eine innre Stimme zu antworten: „Freund, nicht vergebens bist du hier!“ — Er schwankte vorwärts, halb mißvergnügt, halb neugierig.
In der Ferne, hinter Gebüschen, schien etwas Weises vorüber zu schweben. Mit einer unerklärlichen Unruhe eilte er dahin, je näher er dem Orte kam, je mehr seine Schritte an Schnelligkeit verloren.
Er stand vor einer verschlossenen Laube. Plözlich flog ein Gewebe von Ranken zurük, und — o Gott! — — Louise lag in seinen Armen.
„Louise! — Louise! — angebetete, geliebte Louise! —“ rief er bebend; Seine Knie brachen; er sank auf den Rasen nieder, und sie hieng in seiner Umarmung fest.
„O Louise!“ rief er, nach einer nur der Empfindung, nicht der Dichtkunst heiligen Pause, und preßte seine Lippen auf ihren Mund: „Louise, träum’ ich dich!“
Aber Louisens Lippen öffneten sich nicht zur Antwort. Da lag sie mattathmend, aufgelöst in schmerzlicher Wollust, alles- und nichts-empfindend in seinen Armen. Ihre schönen Augen starrten ihn unabwendlich an, als wollten sie seine Züge für eine ewige Trennung auffassen. Ihr Mund war verschlossen, ihre kippen vergalten keinen Kuß; ihr Ohr schien den Ausrufungen seines Entzükkens taub; ihr ganzer, mit tausend Reizzen geschmükter Leib schien Kraft und Leben verloren, ihr Geist berauscht sich höhern Regionen entgegengeschwungen zu haben.
„Meine Louise!“ rief der Liebende und seine Augen zerschmolzen in Thränen. Er hob seufzend die schöne Leblose zu sich empor, und verbarg sein Antlitz an ihrem Busen.
Lange verweilten beide in dieser Attitüde; keiner sprach; Seufzer traten an die Stelle der Wörter.
So lohnt die Liebe. So lohnt sie nach überstandnen Leiden; sie schöpft ihre Wonne aus himmlischen Quellen, und beut tröstend dem müden Sterblichen ihren heiligen Kelch. Dann verliert die irdische Herrlichkeit ihren Werth; dann verschwindet jeder Reiz dieser Erdenwelt, und die Seelen der Liebenden schweben, entrückt des Staubes Hülle, über den Sternen hinaus.
Wiederfinden, Wiedersehn nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich bist du! Bei dir zerschmilzt die heisse Sehnsucht in Ruhe; da zerlöst sich der Harm in süsser Wehmuth; da vergißt die Sterblichkeit ihr Loos, und zerfließt die Sinnlichkeit in Nichts. Da vermählen sich Seelen mit Seelen unterm Seegensruf der Ewigkeit; da fühlen Geister ihren göttlichen Ursprung, und die schweigende Natur feiert die hohe Empfindung. — Wiedersehn, Wiederfinden nach langer quaalvoller Trennung, wie lieblich bist du! —
„Ach, Florentin!“ stammelte nach einer halben Stunde Louise, und ein tiefer Seufzer erhob ihren Busen.
„„Bist es wirklich, Einzige! — kein Traumbild, kein Fantom! Du bists. Es ist deine liebende Stimme!““
„Unglüklicher Florentin, du liebst Louisen noch? — Hast deine Liebe so schwer büßen müssen!“
„„Ewig hängt meine Liebe an dir.““
„Hast viel gelitten um Deiner Louise willen.“
„„Unendlich viel! — ich hatte ja alles verloren. — Ach, seit du an meiner Brust liegst, hab ich dreifach — tausendfach mehr dafür wieder gewonnen. Ich bin zufrieden. Meine Wünsche hören auf.““
„Florentin, so viel Liebe hab’ ich nicht verdient.“
„„Hast sie verdient und mehr. — Was war ich ehe du mich geliebt? ein Geschöpf sonder Werth! — durch dich wurd ich alles.““ — —
Sie weinten beide. Ihre Sprache verlor sich. Sie umarmten sich lange.
„Ah!“ lispelte Louise und die Seligkeit ihrer Seele mahlten sich in den schwimmenden Blikken, auf den erröthenden Wangen, in den lächelnden Zügen ihres Angesichts wieder:
„Wer hätte es im herzoglichen Schloßgarten an jenem Abend von uns wähnen sollen, daß wir uns hier wieder finden würden? Erinnerst du dich noch an das Strumpfband?“
„„Wie könnt’ ich den kleinen Urheber all meiner Freuden und Leiden vergessen? — Ach preise jene Stunden selig, da eine morsche Bank dein Thron war und ich zu deinen Füssen lag und dir Liebe gestand. Ich preise jene Stunden meines Lebens selig, denn ohne sie würd’ ich dich hier nicht besizzen.““
So sprachen, so koseten die Liebenden lange miteinander. Alle frohe und traurige Szenen der Vergangenheit wurden geschildert und wieder geschildert; jede Kleinigkeit ward zur Merkwürdigkeit, ein hie und da verloschnes Bild mit neuen Farben aufgefrischt.
Bald wandelten sie Arm in Arm, Hand in Hand verschränkt in einsamen Gängen umher; bald ruhten sie wieder im Schatten hoher Bäume; bald genossen sie in einer angenehmen Grotte Erquikkungen von den auserlesensten Speisen und Getränken; bald schwiegen sie Viertelstunden hindurch, Hand in Hand, Blik in Blik, Seufzer in Seufzer, Seel’ in Seele, verloren. Und so entschwand der Tag, so entfloh der schönste Abend wie die Fantasie eines Augenbliks. Kein fremdes Auge belauschte die Glüklichen; nur die Zofe Louisens, die bewußte Briefträgerin, sorgte für die Bequemlichkeiten der geheimen Liebenden.
Die Nacht zog am Himmel herauf; es war eine begeisternd schöne Nacht, war gewis von allen angenehm durchwachten Nächten des Grafen eine der lezten für ihn auf Erden. Hingegossen lag er unter einem Pfirsichbaum; die schwanweißen Arme um ihn geschlagen ruhte die Fürstentochter neben ihm. Ueber und um beiden webte ein Hollunderbusch die niedlichste Laube. Hell funkelten die Sterne aus der wolkenlosen Luft herunter; verklärt im Mondlicht schwamm der Garten; sanft rauschte der Abendwind durch die Wipfel der Bäume.
„Was fehlt unserer Glükseligkeit noch?“ fragte Duur und küßte Louisens Stirn.
Louise. Die Dauer der Ewigkeit.
Duur. (erschüttert) Du hast Recht. O, warum sind die Freuden des Lebens an den Maasstab der Zeit gebunden? — Ach, Louise, Louise, wie bald werden wir uns trennen müssen! (Eine Pause. Er versucht es sich von dem traurigen Gedanken loszuwinden. Indem er sich über Louisens Angesicht hinbeugt:) Du bist mein Weib?
Louise. (schaamvoll zitternd) Ich bin noch — dein Weib.
Duur. (ihren Worten nachsinnend) Ja, du bists, und wirst nie einem andern werden.
Louise. (schmeichelnd) Mein Florentin.
Duur. Nie einem andern, Louise?
Louise. Florentin, warum fragst du so? — O, du hast mich zum Weibe — zur Mutter gemacht.
Duur. Gott, es ist wahr, und ich konnte unsers Karlchens vergessen? — wo ist er — Mutter, Mutter, wo ist er?
Louise. In Deutschland bei Holder von Sorbenburg. — Ach, Florentin, wie gern hätt’ ich Ihn dir mitgenommen, aber — ich konnte nicht, durfte nicht! (schwärmerisch) Es ist ein göttlicher Bube, so schön, so klug, so schmeichelnd — Florentin, es ist dein Ebenbild Du solltest ihn sehn — bei Gott unter Tausenden würdest du ihn erkennen. Ich habe ihn oft auf meinem Schoose getragen; habe oft mit dem verführerischen Knaben getändelt; habe ihn den Mutternamen gelehrt und von seinem lieben Vater ihm erzählt. Wie neugierig er dann nach dir fragte, wann du heimkommen würdest — ach, Florentin, die Freuden der Mutter kann kein Männerherz nachempfinden! —
Duur. Vortrefliche!
Louise. Du wirst ihn bald sehn können: so bald du es willst.
Duur. (entzükt) Meinen Karl sehn?
Louise. Mein Bruder Adolf hat dir verziehen. Schreib an den Herzog, nur eine Zeile schreib’ ihm, und du darfst wieder in dein Vaterland zurükkehren.
Duur. Friedensbotin, wie dank ich dir?
Louise. Ja, Adolf liebt dich unaussprechlich! er ist nie düsterer, als dann, wann er an deinen Verlust erinnert wird. „Du, du hast ihn mir geraubt, Schwester“ sagte er mir oft, und so oft er mir dies sagte, bemerkte ich Thränen in seinen Augen. Kehre zurük.
Duur. (betrübt) Bald vielleicht.
Louise. Gieb ihm die alte Fröhlichkeit wieder. Zwar ist er unterdes vermählt; aber seine Gemahlin kann die Wunde nicht heilen, die dein Verlust seinem Herzen schlug.
Duur. Ich kehre zurük, so bald Kanella mich loßläßt. Ich habe dir meine Lage geschildert; du weißt wie sehr ich an Kanellas Wohl gebunden bin, oder Kanellas Wohl vielmehr an meinem Willen hängt. Du weißt, welch ein Tag mir bald bevorsteht. — —
Louise. (ihn inniger umschließend) Bedauernswürdiger Mann!
Duur. Doch sei’s. Getrost geh ich meinem Schiksal entgegen. Aber hier, an diesem Busen, will ich vorher ausruhn von meinen Thaten; von diesen Lippen will ich mir erst Kraft und Feuer zu neuen sammeln. Hier will ich Vergangenheit und Zukunft vergessen, um harmlos an der Gegenwart zu schwelgen. — O, Einzige, Liebliche, du bist ja mein, — mein! mehr verlange ich nicht aus der Fülle der Seeligkeiten.
Inbrünstig hingen die Lippen des seligsten Paars aneinander. Schön war die Nacht, aber schöner war der nächtliche Triumf der Liebe.
Der Morgen erschien. Ein halber Tag entfloß; bald war ein ganzer dahin. Die Stunde des Scheidens schlug — von einander gerissen waren die noch vor einigen Stunden die Glüklichsten der Erde, verweht wie ein Nebel, ihre Freuden. Duur glaubte aus einem Traum erwacht zu sein, als er sich nicht mehr im Arm, am Busen Louisens, sondern auf seinem Rosse den Weg von Dosa nach Kanella zurüktrabend fand.
„Gott, so habe ich nichts, nichts von der Freude genossen; ich habe mich mit Schattenbildern ergözt!“ rief er bekümmert aus.
„„Das ist’s Menschenloos nun einmal so!““ gähnte Dulli, der hinter seinem Herrn ruhig dahin trottete.
„Aber doch ist auch ein Traum schön! Schwarzen Freunde, ihr habt ritterlich Wort gehalten, Florentin von Duur wird desgleichen thun.“
„„Morgen ist der erste September!““ brummte Dulli, und ein Schauder floß kalt über seine Haut.
Neuntes Kapitel.
Sturm in Kanella.
„Ho, Gianetta, schöne Gianetta, es ist der Abend aufgedämmert! Gianetta, die Erlösung Kanellas beginnt!“ rief der liebetrunkne Enriko vor dem Gemach seiner Geliebten. Und die Thüren sprangen auf; der Jüngling flog in die Arme der stolzen Republikanerin.
„Was willst du, Trauter?“ fragte sie und ihr Auge wandte sich begeistert von den Waffen des schwärmerischen Enriko hinweg.
„„Dich noch einmal sehn. O Gianetta, vielleicht, daß ich für die Vaterlandsfreiheit mein Leben ausblute.““
„Küsse mich, schöner Junge; so liebte ich dich noch nie als in diesem Augenblik!“
„„Ha, der Kuß, und dieser! — o, noch eine Million derselben und ich fühle Muth in mir den Erdkreis zu verwüsten! —““
„Ungestüm!“
„„Ha, bald schwärzt sich unsre Hochzeitnacht! Gianetta —!““
„Wie wenns Grab unser Brautbett würde? — Enriko, mein Enriko, wie dann?“
„„Wehe, ich mag den Gedanken nicht denken! — Und nun, ade, ich habe dich gesehn! ade!““
„Bleib noch! — Ist Florentin von Duur schon heimgekommen?“
„„Wahrscheinlich! weis es nicht! — Ade!““
„Verweile noch!“
„„Horch, lautet man nicht in der Ignatiuskirche? — hörst du, sie stürmen mit den Glokken! es ist das Signal!““
„Man läutet zur Vesper. Bleib noch, Trauter, o, wie wirds mir so bang im Herzen!“
„„Laß mich! — still, das war Trommelschlag! horch, wies die Gasse hinunterwirbelt. Es ist Zeit!““
„Ach, einen Augenblik noch! — Es ist das Wirbeln der Pauken im herzoglichen Pallast, beim Gastmahl!“
„Sieh, wie strömt das Volk zusammen! Waffen an Waffen! Gianetta, schöne Gianetta, ade!“
Enriko entfloh.
Wohl stürmten die Glokken, wirbelten die Trommeln, rasselten die Waffen der zusammenströmenden Kanelleser. Borghemo hörte die seltne Musik. Jach sprang er auf in einsamen Zimmer, haschte er sein Schwerd, und stekte die Pistolen in seinen Gürtel.
„Freiheit! Freiheit, du kömmst?“ rief er entzükt: „Ha schwarzen Brüder, fürwahr jezt muß ich Eure Macht anerkennen. Borghemo ist Eures Bundes nicht unwerth; schwarzen Brüder, ich leiste meine Pflicht! — Aber du, großer Fiorentino, du bist anbetungswürdig! — o wie konnt ich dich einst mißverstehen Fiorentino, ich wasche in dieser Nacht mit Blut mein Vergehen rein; Fiorentino, ich streite, siege oder falle unter deinen Augen!“
Er riefs, drükte sich den Hut tief ins Angesicht und wollte hinausfliegen, als sich plözlich die Thür öffnete und Giovanni Borsellino mit mehrern Exulanten hereintrat.
„Heil unserm Vaterlande!“ riefen die Kommenden, und der Jüngling Borsellino hing am Halse seines Freundes Borghemo.
Borghemo. (bestürzt) Wie? woher kommt Ihr Landesverwiesne?
Giovanni. Geradeswegs aus dem Exil. Ha Borghemo, sollt’ ich Euch allein in Kanella die Freiheit erkämpfen lassen? — Erinnerst du dich nicht, daß die Borsellinen von Anbeginn jedesmahl da standen, wo die Gefahr am furchtbarsten war?
Borghemo. Wo ist der alte Eo?
Giovanni. An der Spizze aller Verwiesnen und Misvergnügten im Kanellesischen Gebiet. Das ganze Land ist in Bewegung.
Borghemo. Herrlich, herrlich!
Giovanni. Bruder, wo find ich den Fiorentino von Duur? Ich muß den Mann sehen, der die ganze Maschine des verdorbnen Staats mit seiner Riesenfaust zermalmt.
Borghemo. Den Mann suche da, wo das Gemezzel am wüthendsten sein wird.
Einige Exulanten. Laßt uns den Helden aufsuchen.
Andre. Das müssen wir; bei Gott, das müssen wir.
Giovanni. Ich begebe mich nach dem Dominikusplaz.
Borghemo. Dort ists schon lebhaft
Einige Exulanten. Auf zum Fiorentino!
Giovanni. Geht, wohin Ihr wollt, ich eile zu der Stätte, welche mir in dieser Nacht die heiligste ist. Kennt ihr nicht mehr den Dominikusplaz, wo weiland mein Vater erschlagen wurde? — da will ich seinem Schatten ein blutiges Opfer bringen; da will ich morden, und meinen Vater versöhnen. Borsellino! Vater Borsellino, es schwebe dein Geist um mich in dieser Nacht.
Borghemo. Der Lärmen wächst mit jedem Pulsschlage draussen.
Giovanni. Hui! da fiel ein Schuß!
Exulanten. (stürmisch) Hinaus! hinaus!
(man hört rufen: „es lebe der Herzog Piedro!“)
Borghemo. Was?
Giovanni. (schreiend) Es sterbe der Herzog!
Alle. Es lebe die heilige Volksfreiheit!
Borghemo. Ho! wer stürmt in unser Haus?
Etliche. Leibwachen des Herzogs. Zieht die Klingen!
(Geschrei von aussen: „Verräther heraus, Rebellen heraus! es lebe Piedro!“)
Alle. (sich hinausdrängend mit bloßen Degen und Geschrei) Es sterbe Piedro, es lebe die Freiheit! — —
„Wo säumt denn Fiorentino?“ sagte Dulli ärgerlich und ungeduldig zu sich indem er seine Klinge wezte: „hussah, wie sie haussen wimmeln und lärmen, und ich darf nicht darunter wühlen; muß hier sizzen in der verdammten, engen Stube und seiner warten. — Ladda, Ladda! heut räch’ ich deine Schande! — o, arme Ladda, sähest du in dieser Nacht deinen Dulli, du würdest ihn liebgewinnen! — Still! Was war das? riefen sie drunten nicht: „es lebe Piedro?“ (er lehnt sich zum Fenster hinaus) Es sterbe der Bluthund Piedro und seine höllische Rotte! — — Hu, ein dunkler regnichter Abend — desto herrlicher wird der Morgen anbrechen. Dulli, du erlebst einen Morgen der Freiheit, oder siehst die Sonne nie wieder aufgehn. Ja, Dulli schwörts bei seiner unglüklichen Ladda!“
Inzwischen dieser wilde, mordsüchtige Mann ungeduldig das Zimmer auf- und ablief, und Florentins Langsamkeit verwünschte, saß ruhig der große Fiorentino da — und weinte.
„Und weinte?“ — Ja, meine Leser, er weinte; und Thränen, wie die seinen, glänzen als Perlen, in der Ehrenkrone der Menschheit.
Er hörte das Stürmen der Glokken, Trommeln und Trompeten; er hörte den wachsenden Tumult in der Stadt; er hörte das Klirren der Klingen für und wider die Freiheit gezogen; hörte endlich auch das Angstgeschrei der Weiber und unmündigen Kleinen — und er, groß genug einen Herzog vom Thron herabzureißen, war auch gros genug alles Elend zu betrauern, welche diese Rebellion über manche Familie verschütten mußte.
„Aufruhr! Kampf der Freiheit!“ sprach er leise vor sich hin: „wie die Wörter längst in meiner Seele brannten! — Jezt beginnt das furchtbare Schauspiel, und ich — o dürft ich noch einmal den Vorhang fallen lassen! — Unerforschliche Hand des ewigen Schiksals, du warst es, die mich hieherführte, du warst es, welche die schreklichen Knoten schürzte, so diese Nacht auflösen soll — dir vertrau ich, führe mich ferner durchs Dunkel. — O das Blut der Unschuld bedekke mich nicht; nicht mir gelte euer Wimmern, lieben Kleinen; nicht mir euer Fluch in der Verzweiflung, unglükliche Weiber! — Ach, es ist so schreklich die Lebensfreuden der Glüklichen zu morden — und doch!“ — —
Florentins Seele war bewegt. Er liebte, war kaum den Armen einer Hochgeliebten entwunden — kein Wunder, wenn er so zart empfand, wenn er den einzelnen Unglüklichen, welche es durch ihn wurden, eine Thräne des Mitleids weinte.
Aber bald ermannte er sich. Kaum daß er die Waffen angelegt hatte, traten der schwarzen Brüder zwanzig bis dreißig zu ihm herein.
„Fiorentino,“ riefen sie halb verzweifelnd: „wir verlieren!“
Florentin. (kalt) Wer?
Ein Bündner. Wir, wir! des Herzogs Anhang ist gros.
Florentin. Wo stehn unsre Regimenter?
Ein Bündner. In den Straßen vertheilt nach Euerm Plan. Sie dekken die Kirchen, das Arsenal, und die Stadtthore.
Ein anderer. Was ist zu beginnen?
Ein Dritter. Borghemo hohlt jezt aus den benachbarten Dörfern die dasigen einquartirten Truppen! —
Florentin. Ihr scheint muthlos. Erlischt die Flamme des Patriotismus so bald in Euch?
Alle. (durcheinander lärmend.) Bei Gott nicht! wer spricht das? — wir wollen sterben, wenn wir nicht siegen!
Florentin. Still! — Ein Streich muß gewagt werden, der alles entscheidet. Hört an!
Alle. Redet, wir hören.
Florentin. Ist Piedro noch nicht entschlüpft?
Einer. Die Thore sind gesperrt, und stark besezt, wie könnt’ er?
Ein anderer. Tausend Mann stehn um seinen Pallast und verrammeln den Aus- und Einweg.
Florentin. Feinde?
Alle. Feinde.
Florentin. Befehlt, daß man in der Gegend des Herzoglichen Schlosses laut aussprenge, auf dem Dominikusplaz werde ein herzogliches Regiment in die Pfanne gehauen; ruft Hülfe, lokt einen Theil der Wachen des Herzogs vom Schlosse ab, sodann folgt mir nach; schleppt einige Kanonen herbei, die uns durch die zurükgelaßnen Wachen einen Weg bahnen, und dringt dann mit mir ins Schloß. Piedro muß unser sein. Auf, folgt mir.
Er sprachs.
Schon schwankten die Haufen der zurükgeschlagnen Bürger; schon scholl durch Kanellas Straßen das wilde, jauchzende: „Piedro lebe!“ schon strömte Bürgerblut, und erlosch das Feuer der Freiheitssucht in ihm; schon verzweifelten Mann und Weib den Morgen in einem republikanischen Staat zu begrüssen — als Fiorentino erschien, und sein Hervortreten den Tumult erneuerte, und seine Gegenwart neue Raserei verbreitete.
Es stürmte von den Thürmen, es stürmte durch die Straßen. Allenthalben Mord und Flucht und Sieg. Die Freiheitskämpfer griffen abermals an; laut hallte der Kanonen-Donner; Prinz Morizens Palais gerieth in Flammen. Benedettens Schloß loderte ebenfalls auf; — mit jeder Minute wurde das nächtliche Spiel fürchterlicher.
Plözlich scholls: „Hülfe! Hülfe! getreue Kanelleser hin zum Dominikusplaz! die Rebellen schlagen des Herzogs Regiment!“ — Ein Donnerschlag in den Ohren der Herzoglichen. Alles stürzte verwirrt zum Dominikusplaz; halb verlassen stand Piedros Burg.
Und jach flog Florentin an der Spizze der schwarzen Helden hervor aus dem Hinterhalte; zahllose Kanelleser umringten das Schloß; die Wachen strekten das Gewehr — die Pforten des Pallasts wurden gesprengt; der Graf mit funfzig Schwarzen durchsuchten das Gebäude und zogen den Herzog, mehr einem Todten als Lebenden ähnelnd aus seinem Schlupfwinkel hervor.
Piedro schlug die Augen auf. Beim Schimmer brennender Fakkeln erkannte er unter den ihn umgebenden Männern den Grafen.
Piedro. (zitternd — athemlos) Graf Fiorentino.
Graf. Eure Tyrannei ist zu Ende, Herzog.
Piedro. (beweglich) Fiorentino, auch Ihr?
Graf. Seht, Herzog, seht hinaus; betrachtet draussen den Greuel dieser Nacht; seht wie Bürger wider Bürger wüthen; hört das Aechzen der Erschlagenen, hört das Winseln der Verwaisten — Herzog, Landesvater, sieh das Elend deiner Kinder und rechtfertige Dich.
Piedro. (entnervt) Nehmt — nehmt alles hin, ich entsage allem — nur schüzt mein Leben wider die Rebellen.
Graf. Ich selber bin der Rebellen einer.
Piedro. Nein, Graf, unmöglich seid Ihr dies.
Graf. Ich bin mehr, bin der Rebellen Anführer.
Piedro. (zurüktaumelnd) Wehe, auch Ihr!
Graf. (mit Majestät) Piedro, vergeßt in dieser Nacht, daß Ihr vor fünf Stunden noch Herzog waret, und unterwerfet Euch der Rache des Schiksals. — Kanellas Bürger sind fortan nicht mehr Piedros Sklaven; hört Ihr’s? nicht mehr Eure Sklaven! — — Ihr bleibt inzwischen diese Nacht hindurch in der Bewahrung dieser Männer, seid ruhig, wenn Ihrs sein könnet und fürchtet nichts für Euer Leben. —
Piedro. (ergreift bebend die Hand des Grafen) Fiorentino — —
Graf. (führt den Herzog an ein Fenster) Fakkeln leuchtet hinaus! — Piedro, ruft den Kanellesern zuerst ihre Freiheit zu!
Piedro. (sich zum Fenster hinauslehnend) Wehe, welch ein Anblik.
Einige der Schwarzen. (hinunterschreiend) Stille unter Euch! der Herzog spricht! Ruhe! —
(Todtenstille von unten)
Piedro. (dreht sich vom Fenster ab) Fiorentino!
Graf. (mit furchtbaren Ernst) Ihr säumet? Hat Kanella noch nicht lange genug in Euern Fesseln geschmachtet?
Piedro. (die Hände ringend) Gott!
Graf. Seht, so triumfirt die Freiheit an der Hand der Verzweiflung. Und dies alles ist Euer Werk! — (Pause) Das Volk schweigt.
Piedro. (lehnt sich abermahls zum Fenster hinaus; er ruft weinend) Lieben Kanelleser, Euer Herzog verkündet Euch — Freiheit!
„Freiheit! Freiheit!“ schrieen tausend Stimmen durch die benachbarten Gassen, und: „Freiheit! Freiheit!“ scholls zurük von allen Gegenden der Stadt.
Ueberwunden strekten die Herzoglichen Soldaten das Gewehr — die Sonne ging auf und beleuchtete einen neugebornen Freistaat.
„O Gianetta! Frei ist Kanella!“ rief der heimkehrende Enriko, indem er der Wohnung seiner Geliebten entgegen flog. Aber ach! — im Blute schwimmend, erschossen, lag die schöne Kanelleserin an der Thürschwelle ihres Hauses.
„Gianetta! Gianetta!“ stammelte seellos der arme Jüngling, und sank mit diesen Worten auf den Leichnam seiner Angebeteten hinab. Er brannte tausend Küsse auf ihren kalten Mund; aber umsonst, der schöne Geist der Geliebten war entflohn; er durfte nicht heimkehren aus seinen neuen Wohnungen. Das Volk umringte dieses unglükliche Paar, die Wuth der ergrimmten Rebellen zerschmolz bei diesem Anblik in Mitleiden.
„Ach, so ists denn vergebens!“ jammerte Enriko! „darf ich nicht hoffen glüklich mit dir im freien Kanella zu sein? — O Himmel und Erde, erbarmt Euch mein — ich habe sie verloren; meine Seligkeit, meine Hoffnungen, mein Einziges verloren! — Grausames Verhängniß, warum ein solches Spiel mit mir!“
Er sank schmerzvoll zu Boden, sein plözliches Schweigen, sein dumpfes Röcheln machte einige Männer aufmerksam; man eilte zu ihm; riß ihm vom Boden auf und fand einen Selbstmörder.
Vierter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Ruhe? — für Florentin?
Die Sonne war aufgegangen, den Triumf der Freiheit von Kanella zu verschönern. Licht und Leben ergoß sich durch die große Natur; Licht und Leben wohnten nach langen, düstern Zeiträumen endlich wieder im Busen der Kanelleser.
Berauscht von der Freude, nun am längst erseufzten Ziele dazustehn, schwärmte das Volk durch die Straßen, mit Jubelgeschrei. Entzükken glänzte aus jedem Angesicht; neugeboren wankten Greise und Mütter und Väter hervor sich, als freie Geschöpfe, am Strahl der Sonne zu erwärmen, zu jauchzen und zu hüpfen unter Kindern und Kindeskindern; Hohe und Niedre umarmten sich auf öffentlichen Pläzzen, uneingedenk des Ranges und der Würden, welche sie sonst unterschied; was sich sonst haßte, liebte sich jezt; was sich sonst nie gekannt, schlos jezt der Freundschaft heiligen Bund miteinander. Alles war vereint, alles fühlte sich groß, und gut und edel.
„Ich bin frei!“ lallten Greise verjüngt. „Ich bin frei!“ riefen die Kranken und genasen.
„Frei sind wir!“ jubelten Männer und Weiber, und die Kinder auf den Straßen.
Duur aber befand sich noch immer im Pallast des verunglükten Herzogs. Hier empfieng er von den schwarzen Brüdern aus dem ganzen Staate die frohsten Nachrichten; hier ertheilte er ihnen seine Befehle; hier gab er die ersten Gesezze zur Wiederherstellung der alten Ordnung; hier sezte er vor den Augen Piedros die Stadtobern in ihre ehmahligen Rechte ein.
Freilich erlaubte sich der Pöbel, vom Freiheitsrausche benebelt, tausend Ausschweifungen, lange noch nach diesem Tage dauerten dieselben fort, und jeder zitterte, daß sich Kanellas Bürger durch eine fürchterliche Anarchie in grösseres Elend stürzen würden, als dem sie so eben entronnen waren; — allein Florentin verzagte nicht. Er hatte es vorausgesehn, wie geschehn würde, was geschah, und daher befremdete ihn die Wuth und Raserei den trunknen Vollers nicht. Doch die höchste Gewalt in den Händen des Pöbels ist Jupiters Donner in den Händen eines spielenden Kindes. Hier mußten Vorkehrungen dagegen getroffen, mußten Schranken wieder aufgebauet werden, und sie wurden getroffen, und die Schranken wurden erbaut.
Die Sonne gieng unter. Ermüdet von den zahllosen Arbeiten begab sich der edle Graf in seine Wohnung heim; in seinen Mantel vermummt, durch die einbrechende Finsterniß gesichert, erkannten ihn die umherschwärmenden Haufen nicht, wiewohl sein Name in der Sprache des dankbaren Entzükkens von ihren Lippen oft erscholl. Er kam an, und Dulli war der erste, so ihm auf der Schwelle des Hauses entgegen trat.
Florentin. (freundlich) Guten Abend, lieber Dulli! nicht so, Kerl, die Nacht und der Tag spielen wohl in der Geschichte deines Lebens die glänzendsten Szenen?
Dulli. (bebend, sprachlos sich vor ihm auf die Knie niederlassend) Graf!
Florentin. (verwundert) Was ist dir?
Dulli. (gerührt) Gott, Ihr fühlt nicht, was ich gern bekennen mögte? — Graf, großer Graf! — —
Florentin. Ich verstehe dich nicht, Lieber. Warum auf den Knien?
Dulli. Ach laßt mich doch noch lange in dieser Stellung verbleiben — sie thut meinem Herzen so wohl! — — Graf, ich zolle Euch meinen Dank! —
Florentin. (lächelnd) Du bist ein freier Kanelleser worden und knieest dennoch?
Dulli. Ah, ich liege ja vor keinen Despoten — ich verehre den größten Menschen meiner Zeit! — Laßt mich so liegen; Dulli dankt dem Erlöser seines Vaterlandes! (eine Thräne tröpfelt aus seinen großen, emporgewandten Augen.)
Florentin. Du bist ein sonderbares Geschöpf; so rauh, und so weich! — Steh auf!
Dulli. Nein, nein, beim heilgen Petrus, nein, noch kann ichs nicht! — O laßt mich so, so ist mirs wohl! — Wenn ich nichts mehr sagen, nicht mehr danken kann, dann will ich aufstehn, dann führ ich Euch zu einem andern guten Freund.
Florentin. (neigt sich innig bewegt zu ihm herab, und küßt, ihn) Ich bin dir gut!
Dulli. O, das ist auch mein schönster Lohn; nach ihm hab ich geschmachtet. Ich sah Euch nur in der Nacht kämpfen; den ganzen Tag erwartete ich Euch vergebens. Wohl schlich ich von Stunde zu Stunde um das herzogliche Schloß Euch zu erblikken — aber ich sah Euch nicht. Und nun — nun bin ich glüklich, Ihr habt den armen Dulli geküßt. Und (indem er vorn das Wams aufreißt) seht hier meine Wunden! eins, zwei, drei, — fünf Wunden — und ein Kuß von Euch läßt mir ihren Schmerz nicht fühlbar werden. — (er steht auf.)
Florentin. Ist unser alter Badner auch daheim?
Dulli. Er ists. Er ist der gute Freund, zu dem ich Euch noch führen wollte.
Florentin. Ich bedarf der Ruhe; laß Badnern zu mir in mein Zimmer kommen;
Dulli. Nein, das kann der gute alte Mann nicht. Ihr müßt nun wohl zu ihm gehn.
Florentins Mienen schilderten seine Verwunderung über Dulli’s Worte; er gieng, wohin ihn Dulli führte; sein Herz weissagte nichts Angenehmes.
Er trat in Badners Stube, und fand den guten Greis auf dem Bette liegend. Badner schien durch das Hereinwandeln der beiden aus einem leichten Schlummer aufgestört zu, werden; durch Anstrengung all seiner Kräfte erhob er sich mit dem halben Leibe, den Grafen zu bewillkommen.
„Lieber Badner, was ist dir geschehn?“ fragte Florentin ängstlich, indem er sich dem Bette näherte.
Badner. (mit matter, oft abgebrochner Stimme) Mein Herr, — mein lieber Herr!
Florentin. Um Gotteswillen, wie siehst du so blaß, so elend aus!
Badner. Ach Gott, erinnert Ihrs Euch noch, was ich sprach, da wir über die deutschen Gränzen ritten?
Florentin. Nein, Badner, so arg ist es noch nicht. Wirst nicht in Kanella dein Begräbnis finden.
Badner. Ich werd es. — Ach, lieber — lieber Herr!
Florentin. (zu Dulli) Was ist ihm wiederfahren?
Dulli. Verwundet ist er in der Nacht, und wie ich glaube, gefährlich verwundet. Halbtod schleppte man ihn hieher.
Florentin. Ist kein Wundarzt gerufen worden?
Dulli. Mehr, als einer.
Florentin. Und?
Dulli. (zukt die Achseln)
Badner. Sterben werd’ ich, sagen sie. Oh, ich sterbe so gern! Hab ich Euch doch noch einmal gesehn in dieser Zeitlichkeit, nun bin ich herzlich zufrieden.
Florentin. (mit feuchten Augen) Nein, mein Badner, nein, du stirbst nicht.
Badner. Ich weis es, ich fühl es — ich muß scheiden von Euch. — Ich habe noch eine Bitte eine große Bitte an Euch.
Florentin. Was bittest du denn?
Badner. Laßt meine Gebeine in der deutschen Muttererde verscharren. — Wollt Ihr das?
Florentin. Ich will es. Aber — —
Badner. Nun — nun gute Nacht
Florentin. (sich mit Wehmuth über ihn hinbeugend) Mein einziger, lieber Leidensgefährte, mein treuer Freund, du willst gern von mir?
Badner. Ich muß, und darum — gern. Meine Liebe zu Euch nehme ich mit ins Grab, mit in jenes beßre Leben.
Florentin. Und willst deinen Gefährten allein da stehn lassen?
Badner. Ach, Lieber, Guter, Seelen, wie die Eurige, finden immer Verwandte hienieden und droben. — — Lieber Herr, ich muß Euch noch Dank sagen für Eure Freundschaft; o, wir haben wohl manche Noth, wohl manche frohe Stunde mit einander brüderlich getheilt.
Florentin. (fühlte den nahen großen Verlust seines Badners und er weinte.) Ich danke — danke auch dir für deine namenlose Treue.
Badner. Nun — Lieber — gute Nacht! — Wir haben nichts mehr mit einander. — Kommt Ihr jemahls heim ins deutsche Vaterland, so grüßet den braven Holder von seinem verstorbnen Freund. — Oh, oh! — Eins noch — Ihr — —
Florentin. Ruhe, Lieber, ruhe! das Sprechen schadet dir — —
Badner. (schwach) Wenn Ihr und Holder noch einst — über fünfhundert Jahren auf dieser Erde — so — so —
Wie ein öhlloses Lampenlicht verklimmt, wie der Hauch des Mundes verrinnt, wie ein leiser Ton verhallt — so verschwand Badners Lebenskraft. Er war hinübergeflohn in jene Welt, zu der wir alle hinüber wandeln werden.
Dulli’n schossen Thränen ins Auge; Duur warf sich schmerzvoll über die Leiche seines treuen Dieners, und küßte unzähligemahl’ die kalten Lippen des Entschlafenen.
„Auch er ist dahin!“ — seufzte er: „auch mein Badner ist dahin! — o, ich glaubte ruhen zu können nach überstandnen Gefahren und Leiden — aber, ach, Ruhe! für Florentin — nein sie scheint für mich bei der Unmöglichkeit zu wohnen! — Mein Badner, lebe wohl!“
Mit einemmahle scholl von der Straße auf ein feierlicher Gesang. Dulli flog ans Fenster; er sah die Gassen von tausend Fakkeln erleuchtet und eine zahllose Menge von Menschen um Florentins Hause versammelt. Der Gesang stieg langsam und rührend-feierlich empor; Trompeten und Pauken begleiteten ihn. — Ein Kanellesischer Dichter hatte ihn längst schon auf die wiederkehrende Freiheit angefertigt; er lautete so:
Heilig ist Gott und groß!
Heilig ist Gott und gnädig!
Heilig ist Gott und gerecht!
Hallelujah! Hallelujah!
Ach seufzete das Land,
Unter der Tyrannenwuth;
Greise flehten, Kinder flehten:
„Herr erbarme dich unser!“
Aber des lachten die Tyrannen,
Gott im Himmel und Tugend auf Erden
Waren ihres Spottes Ziel.
Blut floß an ihrem Schwerdte,
Blut trof von ihren Händen,
Und ihre Pfade waren Blut.