WeRead Powered by ReaderPub
Die stählerne Mauer: Reise zur deutschen Front, 1915, Zweiter Teil cover

Die stählerne Mauer: Reise zur deutschen Front, 1915, Zweiter Teil

Chapter 9: 5.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative records visits to front-line fortifications and field hospitals, offering vivid descriptions of demolished forts, shattered gun turrets, and explosion craters that convey the scale of bombardment. It contrasts ruined landscapes with a hospital ward of severely wounded soldiers awaiting exchange, and notes the practical and emotional effects of destruction on survivors and civilians. Interspersed are observations of captured and treated enemy soldiers and reflections on the power and consequences of modern weaponry, combining eyewitness depiction with personal reaction.

5.

12. März 1915.

Wir fahren nach Süden.

Die gleiche Morgenstimmung wie bei der Fahrt nach Hollebeke. Alles wieder so grau, nur ohne Sturm, ohne Regen. Kälte ist eingefallen. In der Morgenfrühe werden die Felder weiß vom Reif, und in den Straßengräben blinken die Eisscheiben.

In allen Dörfern und Städtchen, durch die wir kommen, seh' ich beim Erwachen des Morgens die gleichen Schuttbilder. Jede Ortschaft ist belebt von unseren Feldgrauen, die zu den Stellungen marschieren oder flink zu einer Arbeit wandern. Ich sehe viele Züge von frisch Angekommenen, tadellos ausgerüstet, mit neuem Lederzeug. Frauen und Kinder stehen bei den Haustüren, die Gesichter müde, die Augen stumpf.

Bei ihrem Anblick schwirrt mir immer ein wunderliches Liedchen im Kopf herum, das ich dieser Tage von zwei Soldaten singen hörte. Ähnlich wie beim Lied vom Guten Kameraden, das einen neuen Refrain bekam, wurde auch hier ein altes Volkslied mit einer neuen Zutat versehen, mit einer französischen – mit Worten, die man hier in Nordfrankreich überall von den Einheimischen hören kann.

Das Liedchen, wie es die zwei Soldaten sangen, war wohl scherzhaft gemeint, und dennoch hat es einen traurigen Sinn:

Ȁnnchen von Tharau ist's,
Die mir gefällt,
Aber sie nimmt mich nicht,
Hab' ich kein Geld ...
Mon père, ma mère,
 O weh, la guerre,
C'est triste pour nous,
C'est triste pour vous,
C'est triste pour tous,
 Jawoll, mein Sohn,
 Det kommt davon!«

Je häufiger dieses aus Sinn und Unsinn, aus Spott und Bitterkeit gewobene Liedchen in mir nachklingt, um so ernster empfind' ich es. Unter allem gesunden Humor, der mir im Feld entgegenflattert, gibt es auch eine Spezies, die ich nicht gerne höre: das Spiel mit dem Grausigen und Grausamen. Ich erinnere mich an das Wort eines Radfahrers, der einen Befehl zur Front zu bringen hatte und bei einer Wegscheide seinem nach der anderen Seite davonsausenden Kameraden lachend nachrief:

»Also, behüt' dich Gott, Huber, auf Wiedersehen im Massengrab!«

Mit diesem Wort kann die spartanische Rede eines Telephonisten versöhnen, die ich am gleichen Tage vernahm. Die Telephonstelle war in einem Bauernhäuschen untergebracht, das schon halb in Scherben lag; als Schutz gegen Wind und Zugluft waren die zerschmetterten Fensterscheiben mit Zeitungspapier verklebt; und da sagte der Telephonist bei Beginn einer neuen schweren Beschießung, die das kleine Haus umbrüllte:

»Mir scheint, die geben nicht eher Ruh', bis nicht die Fenster wieder kaputt sind!« –

Auch der Weg, der uns im Grau der Frühe durch verwüstetes Gelände führt, zeigt mir eine Groteske der Zeit. Ein hübsches Schlößchen inmitten eines großen Obstgartens ist eine wertlose Ruine geworden; alles, was da Holz war, ist verbrannt; nur neben dem Steinportal hat sich ein kleines hölzernes Täfelchen unversehrt erhalten, mit der Inschrift »Château à vendre!« Wann wird sich für diesen rußgeschwärzten Steinhaufen der Käufer finden, der da vor Beginn des Krieges gesucht wurde?

Wir halten bei hell gewordenem Morgen im Schutz eines hohen Bahndammes, über den unter etwas lückenhaftem Geknatter die Hochgänger der feindlichen Stellung pfeifend herüberfliegen. Ich sehe zur Ablösung einen Zug von den Unseren ausmarschieren, die mich fragen machen: »Sind denn das Franzosen?« Sie tragen weite blaue Pluderhosen, die bis unter die Arme heraufreichen. Sehr komisch sieht das aus und ist doch eine ungemein praktische Sache. Das sind Überhosen aus blaugefärbtem Zwilch, wie die Maurer sie bei der Arbeit zu tragen pflegen. So behütet man jetzt unsere feldgrauen Uniformen gegen die Lehmbekleckerung in den Schützengräben. Das ist eine Ersparnis an Quartierarbeit und eine Mehrung der nötigen Ruhe in den Ablösungszeiten; jetzt brauchen die Soldaten nicht immer an ihren Uniformen zu bürsten und zu rippeln, die gelb gewordenen Blauhosen werden jede Woche einmal gewaschen. Wie gut man auch geschult und vorbereitet war, im Kriege lernt man noch immer etwas Nützliches hinzu.

Der Schützengraben, durch den wir hinsteigen, gehört zu den festesten, die ich gesehen habe. Es gibt auch andere, solche, in denen man eine Beklommenheit um unsere Braven trotz ihrer Ruhe und ihres Humors nie völlig los wird; meist sind das Gräben, die man wegen des drohenden, unableitbaren Grundwassers nur bis zu halber Manneshöhe in den Boden einschlagen konnte; da müssen die Wälle um so höher aufgeschichtet werden; diese lockeren Erdschichten, auch dann noch, wenn sie durch Sandsäcke verstärkt werden, sind ein höchst zweifelhafter Schutz gegen schweres Artilleriefeuer.

Der Humor unserer Feldgrauen bezeichnet solche Gräben nicht umsonst als »Mausfallen« und »Granatenschachteln«; findet der Feind da Zeit, sich einzuschießen, so gibt es in solchen Gräben bei aller Tapferkeit kein Aushalten mehr, man muß heraus, will man nicht zwecklos niedergemäht werden. –

Wenn ihr daheim von aufgegebenen Gräben der Deutschen hört, dann handelt es sich immer um solche »Granatenschachteln« und »Mausfallen«, die man einer festeren Stellung zuliebe aufgeben mußte, und in denen sich auch der Feind nach seiner billigen »Eroberung« nicht zu halten vermag. Aber der prachtvolle Graben, durch den ich da heute hinsteige, der ist sicher, ist mannstief in den Boden gesägt und durch festen Kalkstein geschnitten, ist eine unzerstörbare Burg der Unseren, ist uneinnehmbar.

Welch ein Wahnwitz der Feinde es ist, eine solche Stellung anzugreifen, beweisen die Kolonnen der toten Franzosen, die außerhalb der Drahthindernisse in solchen Massen liegen, wie ich es noch nirgends gesehen habe.

Seit dem 17. Dezember liegen sie da, in dicken Klumpen, in langen, nicht abzuzählenden Reihen; ein verwesender Schimmel liegt dazwischen; und je weiter sich diese Schnüre der Stummgewordenen in die Ferne ziehen, um so kleiner werden sie und sehen schließlich aus wie dunkelblaue Steine, wie blaßblaue Frühlingsblümchen.

Und während ich hinblicke über diese Blumenrabatten des Krieges, taucht fern aus dem Nebel der Turm der Kathedrale von Arras heraus und das schwarzgraue, klobige Viereck des Seminargebäudes, das noch mächtiger als die Kirche wirkt. –

(Hier wurde ich heute mittag bei der Arbeit unterbrochen. Ein Auto holte mich ab. Nun dämmert es, da ich heimkehre. Ehe der Tag versank, bekam er eine rotglühende Sonne. Was ich in den vier vergangenen Stunden erlebte, ist in mir wie ein Sturm, der meine Gedanken vor sich herjagt. Ich werde ein paar Tage brauchen, bis dieser Bilderwirbel in mir sich beruhigt und ordnet. Heute kann ich nimmer arbeiten. Nur dieses Eine muß ich noch niederschreiben: Wie stolz bin ich auf meine Heimat, und wie viel Freude ist in mir, weil ich sagen darf: ich bin ein Deutscher!)

13. März 1915.

Morgensonne umglänzt das Fenster meiner Stube zu Lille.

Ich will versuchen, ruhig ein Wort neben das andere zu setzen, will vorerst zu Ende erzählen, was ich gestern zu schildern begann. –

– Die Türme von Arras standen im Nebel und umschleierten sich wieder, als die zwei führenden Offiziere aus den weißen Kalkwänden des Schützengrabens mit mir herausstiegen und mich hinunterführten in das tote Dorf.

Eine lange, ausgestorbene Gasse, Ruine neben Ruine. Kein Mensch, kein Rind, kein Huhn und keine Taube. Nur kleine Vögel sind noch da, spüren den nahen Frühling und zwitschern – ich seh' einen Spatzen, der gemütlich im Mauerloch einer Schrapnellkugel sitzt, munter herausguckt und immer piepst. Das Loch ist genau so groß, als wäre es für den Spatzen nach Maß gemacht.

Neben dieser Sperlingsvilla steht die Kirche mit halbem Turm und ohne Glocke, mit zerschmetterten Wänden und ohne Dach – ein Anblick, der mir das Herz umkrampft, obwohl ich nicht der frömmste der Christen bin.

Ich sehe durch offene Türen in zerschlagene Ställe, sehe durch Granatenlöcher in verwüstete Stuben, aus deren Schutt die zerfetzten Reste gemütlicher Lebensdinge heraustrauern – und plötzlich zwingt mich eine kleine Sache zu wortlosem Aufenthalt.

In einem von Mauerstaub überstreuten Vorgarten steht, durch einen Granatensplitter übel verwundet, ein kleines Kinderpferdchen mit Rädern unter den Hufen.

Mich ergreift das, obwohl ich finde, daß dieses französische Spielzeug sehr geschmacklos ist. Aber auch symbolisch ist es. Statt der Ohren hat das Pferdchen zwei Kurbeln – wenn der kleine verschwundene Reiter an diesen Kurbeln drehte, ging das Rößlein vorwärts. –

Hat nicht der Kriegsgaul des französischen Volkes einige Ähnlichkeit mit diesem Spielzeug? Auch Frankreich hat zwei Kurbeln in den Ohren, und England dreht daran. Wie weit wird Frankreich kommen dabei? So weit wie dieses Spielzeug? Ein Granatensplitter hat ihm ein Loch in den Bauch gerissen, aus dem der verrostete Mechanismus herausguckt. –

– Das tote Dorf ist nicht völlig tot. Ich höre Stimmen und sehe eine Gruppe von Feldgrauen in einem Schloßpark stehen, der aussieht wie ein kränklicher Bruder des Parkes von Hollebeke. Das hübsche Barockschlößchen ist löcherig wie Schweizerkäse, aber noch immer bewohnbar. Ein Dutzend Feldgraue hausen drin, in großen Räumen mit schönen Möbeln, mit seidenen Vorhängen und guten Bildern, mit Stutzuhren und Kandelabern auf dem Kamin, in dem ein wärmendes Feuer brennt. Außer diesem Feuerglanz ist keine Farbe mehr zu sehen, alles ist überbröselt von Mörtelschutt, überkrustet von Lehm. So grau wie Straßenstaub ist auch der Parkettboden; man geht da ganz wunderlich weich; ich frage: »Ist das eine Hanfmatte?« Ein Feldgrauer antwortet: »Nein! das war ein Smyrnateppich!« –

Ich nicke nur. Anders kann es da nicht aussehen! Die Leute, die todmüde aus dem Schützengraben kommen, können nicht erst die Kleider reinigen und die Stiefel putzen; sie kommen und essen und werfen sich hin und schlafen ein. Und zur anderen Hälfte macht es der Mauerstaub, den die französischen Granaten erzeugen.

Ich trete hinaus auf die Veranda, die noch halb erhalten ist. Aus einem Kellertürchen seh' ich einen alten, weißbärtigen Mann langsam heraufsteigen. Er geht zu einem verwüsteten Blumenbeet und leert einen Nachtkübel aus. Das ist nicht appetitlich, aber ich muß es erzählen – denn der alte Mann, der dieses üble Morgenwerk verrichtet, ist der Besitzer des Schlosses.

Wir reden ihn an; er ist sehr höflich, auch sehr gesprächig, obwohl er immer nur ein einziges Wort wiederholt: »Oui, oui, oui, oui ...«

Als der Krieg kam, brachte der alte Herr das nicht übers Herz, sein Haus und seinen geliebten Park zu verlassen. Er blieb – mit seiner siebzigjährigen Frau. Die Feldgrauen überließen dem alten Paar als Wohnung den bombensicheren Keller. Da leben nun die beiden von den Nahrungsmitteln, welche die deutschen Soldaten mit ihnen teilen. Kein Diener ist mehr im Haus, keine Magd – alle Dienstboten sind davongelaufen, als die ersten Kanonenschüsse krachten.

Das ist Frankreich! Könnte Ähnliches in Deutschland möglich sein? Ein alter Kutscher, der seiner Herrschaft viele Jahre diente, oder ein braves, gutes deutsches Mädel wäre geblieben, auch unter Schreck und Grauen! – Ich sage das in deutscher Sprache zu den beiden Offizieren, und der Schloßbesitzer antwortet mit höflichem Lächeln: »Oui, oui, oui, oui ...« Ich fürchte, es sieht nimmer gut unter seinem alten Weißkopf aus!

– Krieg! Wer weiß und ahnt in der Heimat, was unserem Land erspart wurde durch unser Heer! Sehen muß man es, hier, in Feindesland, so wie meine Augen es sehen! –

Zwei Granaten sausen über die Felder hin und dröhnen; manchmal klatscht eine Gewehrkugel ins Gemäuer des Schlosses oder in die Rinde eines Parkbaumes. Allmählich wird das Geschützfeuer ein ununterbrochenes Rollen. Das hört sich anders an als das übliche Geböller, das die Franzosen und Engländer Tag für Tag nach dem Frühstück zu beginnen pflegen. Etwas Zorniges ist in diesem aus der Ferne her dröhnenden Gebrüll. Wie ein Angriff klingt es. Man kann auch schon unterscheiden, daß die Deutschen antworten, immer fleißiger! Das muß bei La Bassée oder bei Lorgies sein! Oder noch nördlicher?

Eine lange, jagende Autofahrt mit vielen Umwegen. Gegen zwei Uhr nachmittags tauchen die zerrupften Giebel von La Bassée aus dem Dunst heraus. Unter dem Gerassel des Autos ist der ruhelose Geschützkampf nur wie ein schwaches Murren zu hören. Nun halten wir. Und ein ingrimmiges Donnerdröhnen geht durch die Lüfte.

Die Einfahrt nach La Bassée erweckt den Eindruck: das ist ein Städtchen, das trotz allem noch lebt! Freilich, die Mehrzahl der Bevölkerung besteht aus deutschen Feldgrauen. Zwischen ihnen und den Einheimischen ist ein auffälliger Unterschied: die letzteren stehen zwecklos und mit ängstlichen Gesichtern unter den Türen, die Unseren gehen ruhig ihrer Arbeit nach oder schmauchen, wenn sie Rast haben, gemütlich ihr Pfeiflein. Manchmal ruft einer: »Obacht!« Dann wird die Straße leer, jeder Lebende drückt sich flink an die Hausmauer – ich bin überrascht, wie schnell ich das lerne – eine unsichtbare Lokomotive schnaubt über die Dächer weg, irgendwo hinter den Häusern kracht es sehr heftig, die Mauern zittern, der Boden schüttert, die Ohren klingen – dann geht man weiter. Die gleiche Sache wiederholt sich nach jeder Minute.

Nun kommt die Quergasse von La Bassée. Die ist beinahe ausgestorben. Wie die Kirche, die schrecklich anzusehen ist, genau so sehen alle Häuser aus. An keinem ist mehr ein ganzes Dach, an keinem eine ganze Fensterscheibe, an keinem eine unversehrte Mauer. Die meisten Häuser stehen leer, mit abgesperrten Türen. Einige sind noch bewohnt. In ihnen hausen Bauersleute, die von den zerstörten Dörfern hereinflüchteten in das Städtchen, irgendeine verschlossene Tür erbrachen und sich einnisteten in den leeren Stuben; wenn sie hungrig werden, gehen sie zu den deutschen Feldküchen. Die paar Frauen, die aus den Fenstern gucken, haben blasse, verstörte Gesichter. Ein bißchen lustiger sehen die Kinder aus. Die benehmen sich wie der Spatz im Mauerloch, huscheln sich in eine Schutthöhle und zwitschern. Auch sie werden bleich, so oft die unsichtbare Lokomotive braust. Aber kaum ist der Donnerschlag vorüber, so lachen sie, zuerst wohl ein bißchen scheu und unbehilflich, aber nach einer halben Minute ganz munter und natürlich.

Aus einer Haustür sieht ein junges, bildschönes Mädel heraus, mit einem Kind an der Hand. In ihrem Gesicht ist wahrhafte Heiterkeit, keine Spur von Sorge. Der Blick, mit dem sie uns ansieht, scheint zu sagen: »Ich weiß, daß ich schön bin. Schönheit ist eine Macht. Mir geschieht nichts. Und geschähe mir was, so würdet ihr fremden Männer springen, um mir zu helfen!« –

Der Blick des schönen Mädchens hat recht. Schönheit ist eine Überwinderin. Wie dieses schöne, junge Geschöpf, so wahrhaft heiter und ohne Sorge darf unsere deutsche Heimat sein. In ihrer Volksseele ist Jugend, Schönheit und Kraft. Und da ihr was Übles zu geschehen drohte, sprangen Millionen deutscher Männer, um ihr zu helfen.

Wieder pfeift die unsichtbare Lokomotive, und hinter zertrümmerten Häusern wirbeln dichte Rauchwolken herauf. Dann erfragen wir's bei der Befehlsstelle: zwei englische Angriffe sind abgewiesen worden, noch ehe sie recht begannen, ich glaube bei Guinchy oder Givenchy, ein paar Kilometer westlich von La Bassée. Weiter nördlich dröhnt und rollt es noch immer, hat noch immer einen erbitterten Klang. Dort scheint noch keine Entscheidung gefallen zu sein. Was hier bei La Bassée noch aufbrüllt in immer länger werdenden Pausen, ist nur der Schlußakkord eines schon zu Ende gehenden Kriegskonzertes.

Von einem Hausgarten, der uns zwischen verwinkeltem Gemäuer etwas Aussicht bietet, sehen wir auf den Äckern die schwarzen Rauchbäume wachsen, sehen über unseren Köpfen die Schrapnellwolken und hören von den Hausdächern das Geprassel der einschlagenden Kugeln, hören das Geplätscher von Schutt und Scherben. Nicht weit vom Gartenzaun schlägt eine Granate ein, ganz nahe huscht ein scharfes Zischen vorüber und das Sprungstück fährt in die Hausmauer.

Es scheint, eine Beschießung durch die Engländer ist eine für Unbeteiligte, die abseits stehen, nicht völlig gefahrlose Sache. Die britische Kugel nimmt häufig einen anderen Flug, als es die Engländer wünschen. Nach allem, was ich von deutschen Offizieren höre, stehen und fechten die Engländer im Nahkampf besser als sie im Fernkampf schießen. Ein paarmal zischt es lehrreich an uns vorüber, und ich gewinne innerhalb weniger Minuten die beruhigende Überzeugung, daß die deutschen Batterien, die augenblicklich von den Engländern »beschossen« werden, viel sicherer sind als meine harmlose Bürgerhaut, die weit davon entfernt ist.

Auf dem Rückweg zum Auto geht's immer hart an der deckenden Häuserzeile hin. Kaum sitz' ich im Wagen, da spring' ich wieder heraus. Ein Feldgrauer bringt zwei gefangene Engländer eskortiert. Sie enttäuschen mich. Wenn die anderen von Kitcheners »Millionenarmee« nicht wesentlich männlicher aussehen als diese beiden, dann sollte man für das englische Heer auch einige Kindergärtnerinnen anwerben. Der eine ist ein achtzehnjähriges Bürschlein, nur käsehoch, mit Säbelbeinen; er watschelt wie eine Ente und weckt die Erinnerung an Falstaffs berühmte Rekruten.

Der andere – nein, ich kann nicht spotten – dieser andere ist ein schlanker hübscher Mensch von etwa zwanzig Jahren, trägt den schlaff hängenden linken Arm mit einer Schuhschnur an die Brust gebunden, wandert mühsam und hat den Ausdruck eines quälenden Schmerzes im jungen schmalen Gesicht. Das ist kein Feind mehr, das ist ein leidender Mensch. Ich sage ihm rasch, daß er nimmer weit bis zu dem Hause hat, wo ein deutscher Arzt ihm helfen wird. Er lächelt mit blassem Mund, sein Wort und seine Augen danken.

Dann bringt man drei andere. Die sind besser gewachsen, sehen kräftig aus. Zwei von ihnen sind verwundet, und die feldgraue Eskorte war so barmherzig, die Tornister dieser beiden dem dritten aufzuladen, einem festen und gesunden Kerl, der aber das harte Schleppen nicht zu lieben scheint. Er sieht sehr mißmutig drein und schwitzt unter den drei gewichtigen Tornistern wie ein Maulesel unter vielen Getreidesäcken. Dem vergönn' ich es. Jeder Tropfen seines Schweißes soll ihn brennen, wie Reue brennt!

Hinter uns verstummt das Kriegsgewitter von La Bassée. Weiter nördlich dröhnt es noch immer weiter. Schließlich übertönt das Geräusch des Wagens auch dieses ferne Murren.

Bei der Einfahrt in Lille ist der Abend noch hell, kaum sechs Uhr vorüber. Doch alle Läden sind schon geschlossen, die großen und hübschen Straßen sind völlig menschenleer. Das sonst so muntere Lille sieht aus wie eine Märchenstadt aus Tausendundeiner Nacht, wie eine Stadt der unsichtbaren Magier, wie die Stadt der verzauberten, in einen fernen Weiher verwunschenen Fische.

Mit dieser frühen Polizeistunde und dem Entgang des Abendbummels muß Lille jene Begriffsverwechslung büßen, deren es sich beim Durchzug der französischen Gefangenen schuldig machte.

Die gute Lehre wirkte bereits. Als vorgestern neuerdings dreihundert französische Gefangene durch die Straßen von Lille geführt wurden, benahm sich die einheimische Bevölkerung geradezu musterhaft. Eine Krankheit mag heißen, wie sie will – wenn man das richtige Medikament erwischt, so hilft es immer! –

Für heute genug! Morgen will ich zu erzählen versuchen, was ich gestern erlebte.

6.

14. März 1915.

Am Nachmittag des 10. März, als ich in La Bassée war und aus nördlicher Richtung schweren Kanonendonner vernahm, mußten die Deutschen nicht weit von Lorgies, in dem von zahlreichen Drainierungskanälen durchschnittenen Sumpfgelände von Neuve Chapelle, einen Schützengraben aufgeben, eine von jenen nassen »Mausfallen« und »Granatenschachteln«, die gegen schweres Artilleriefeuer nicht zu halten sind. Es handelte sich dabei um eine für die Kriegslage an der westlichen Front völlig bedeutungslose Sache, um jenes wechselnde, dem Schachspiel gleichende Hin und Her, das im Stellungskriege mehr durch die Bodenbeschaffenheit als durch ein Übergewicht militärischer Kräfte bestimmt wird. Man kann an den Verlust dieses Grabens vielleicht den Vorwurf knüpfen, daß die mißgünstige und unhaltbare Stellung nicht schon früher verbessert wurde. Aber nach vorwärts war Boden von verläßlicher Beschaffenheit nicht zu gewinnen, und nach rückwärts, wenn es sich auch nur um einen Kilometer handelt, korrigiert sich der Deutsche nicht gern. Nun mußte dies am 10. März unter dem Zwang eines wahrhaft höllischen Artilleriefeuers geschehen, und die Zähigkeit, mit der die Unseren die schwierige Stellung bis zum äußersten zu halten suchten, führte zu an sich nicht wesentlichen Verlusten.

Ich habe heute in Herlies und Illies viele von den Braven gesehen, die, bevor sie widerwillig den von der Vernunft befohlenen Rückzug aus diesem mörderischen Feuer begannen, viele Stunden unter einem grauenvollen Granatenregen ausgehalten hatten. Wären ihre Gesichter nicht so ernst gewesen, so hätte der wunderliche Anblick ihrer Kleider erheiternd wirken müssen. Die Leute sahen aus wie Soldaten, die sich als Kanarienvögel maskierten. Die Pikrindämpfe der englischen Granaten hatten die feldgrauen Uniformen zitronengelb gefärbt. Einer von diesen Tapferen sagte zu mir: »Ich will so brav werden, daß ich in den Himmel komme, denn ich weiß jetzt, wie es in der Hölle ist!« Ein anderer, dem von der Nervenüberspannung jener Glutstunden ein ruheloses Zucken der rechten Gesichtshälfte geblieben war, sagte wie ein Träumender: »Ich kann es noch immer nicht glauben, daß ich lebendig bin.« Und ein dritter, dem auch in solchen Stunden der Humor nicht völlig entronnen war, sah seine zitronengelbe Hose an und sagte lachend: »Wär's nicht so heiß gewesen, so hätte man glauben können, die Engländer schießen mit faulen Eiern.«

Während ich heute mit diesen Gelbgewordenen redete, ging ein fleißiges Sausen und Brüllen durch die Lüfte. Man konnte in der Minute dreißig und vierzig schwere Schüsse zählen. Fast nur die Deutschen schossen. Jetzt waren sie es, die den Engländern die gefährliche »Granatenschachtel« heiß machten. Von der feindlichen Stellung war nur lückenhaftes Feuer zu hören. Sehr bescheiden ging es da drüben zu, viel bescheidener als im englischen Tagesbericht über den »Sieg von Neuve Chapelle«. Das Ergebnis dieser englischen Errungenschaft wird ein Wirrsal zerrissener Erde mit tausend trübselig blickenden Wasseraugen sein.

Der kleine Erfolg hatte die Engländer ein bißchen übermütig gemacht. Sie hatten verschmeckt, was ihnen als Erfolg erschien, und wollten es weitertreiben. Da schob man ihnen am 12. März einen deutschen Balken über den Weg. Ich hab' es hören und sehen dürfen, wie dieser stählerne Riegel zu klirren begann und sich vorschob.

Nach der Mittagsstunde war's. Ich saß bei der Arbeit, um vom toten Dorfe bei Arras zu erzählen. Da läutet's. Ich werfe die Feder fort und packe den Regenmantel, die Kappe und das Glas. Zwei Stabsoffiziere nehmen mich in ihr Auto. Der Wagen hat Eile. Wir brauchen bis nach Fournes la Coquerelle nur eine halbe Stunde, obwohl der Weg beengt und die Fahrt behindert ist durch endlose Batteriezüge und Munitionskolonnen.

Unter verhülltem Himmel, dessen Dunstwolken nach Westen jagen, lenkt eine wundervolle Rüsternallee von der Landstraße ab und führt zu einem Schlosse, dessen Bau und Park an englischen Stil erinnert. Fast alle Bäume sind angesplittert, viele schon umgeworfen. Das Schloßdach hat Löcher, und zerschmetterte Fensterscheiben sind durch Papier ersetzt. Der Wagen hält, und nun hört man den Kanonendonner. Ununterbrochen rollt er über Herlies her und weckt im treibenden Gewölk ein grollendes Echo. Die beiden Stabsoffiziere treten ins Haus; mich fesselt eine braune Sache, die ich im Hof gewahre: eine Doppelreihe gefangener Engländer. Viele halbwüchsige Bürschlein sind dabei; auch von den anderen ist keiner so hoch gewachsen wie die Ulanen, von denen sie bewacht werden. Ein junger, schlanker, etwas zart gebauter Unteroffizier hat den Kopf verbunden, Stirn und Wange sind blutig; manchmal schließt er für eine Weile die Augen und blickt dann wieder ruhig vor sich hin. Alle anderen sind unverwundet, und alle haben etwas Ähnliches in den hageren, glattrasierten Gesichtern. Sie erinnern an die Exzentrikgymnastiker, die man bei uns im Zirkus oder im Variété zu sehen bekommt.

Unter den Feldgrauen, die um die braunen Engländer herumstehen, befindet sich ein langer sächsischer Sanitäter mit schwarzem Backenbart. Der sagt:

»Ich habe den Haß gegen Ängland in mir genährt wie ene Mudder ihr Gind. Aber nu sin se gefangene Fainde. Da muß man das reen Mänschliche im Ooche behalten. Das heeßt, eens muß ich schon saachn, sähr viel Germanenvettrisches ham se nich

Die Weisheit des braven Sachsen wird sofort durch einen überzeugend wirkenden Vorgang bewiesen. Unter dem rollenden Kanonendonner geht ein scharfes Sausen durch die Luft. Immer näher kommt es, sehr nahe – und plötzlich, wie auf einen stummen Befehl, werfen sich alle Engländer, ausgenommen den jungen verwundeten Unteroffizier, platt auf den Boden hin. Achtzig Schritte seitwärts platzt die Granate, es dröhnt, und Rauch wirbelt auf – dann ist es ein bißchen still, und in diesem Schweigen huschen an uns zwei Kaninchen vorüber, die unbekümmert um Krieg und Menschennähe ihr temperamentvolles Liebesspiel betreiben. In etwas unbehaglicher Stimmung erheben sich die vorsichtigen Engländer vom Boden, und die Deutschen, von denen keiner den Kopf duckte, brechen in heiteres Gelächter aus. Auch Spottworte regnet's, sehr derbe, und einer von den Ulanen zieht hinten seinen Hosenboden spitz hinaus – eine Geste, die so deutlich ist, daß sie auch den Engländern nicht unverständlich bleibt. Sie gucken verdrießlich drein.

»Nee!« sagt der lange Sachse ernst. »Nur geenen Spott nich! Wir wollen Godd danggen, daß wir die ausgiebichere Gurasche in Laibe haben. Aber nich überhäben! Das widderschpricht der reen mänschlichen Wierde. Ängland hat sich, als es den Grieg an Deitschland erglärte, als en unzurächnungsfähiches Gind erwiesen. Und Ginder sin furchtsam. Man muß da immer das reen Mänschliche im Ooche behalten.«

Der lange Sachse gefällt mir sehr. Während ich ein Gespräch mit ihm beginne, kommen Ulanen angeritten und galoppieren wieder davon. Radfahrer sausen durch das Parktor herein und hinaus, Autos rauschen zum Haus und rasseln weiter, aus dem Schloß und aus den Ställen klingen befehlende Stimmen, und immer donnert und dröhnt es, in allen Richtungen sieht man die Rauchbäume wachsen, und das Sausen in den Lüften wird eine unendliche Melodie im Stile Richard Wagners.

Nun jagen auch wir davon. Eine heiße Erregung befällt mich, und ich fühle den glühenden Wunsch, zwanzig Augen zu haben – mit dem armseligen Paar, das ich besitze, kann ich nicht alles sehen. Denn was da geschieht und an mir vorübergleitet, ist wie ein Falkenflug.

Neben der Rüsternallee gewahr' ich einen großen Granatentrichter, der nicht vorhanden war, als wir kamen. Nun sind wir wieder auf der Straße, fahren gegen Herlies und kommen nur langsam vorwärts inmitten dieses lärmenden Gewühls – nein, kein Gewühl ist das, nur Fülle mit allen Stimmen einer straffen Bewegung – alles geht in stählerner Festigkeit und Ordnung an uns vorüber, wie an einem eisernen Seil, rasch und doch in Ruhe, hin und her, voran und zurück.

Der deutsche Stolz erwacht in mir und weitet mir die Augen, weitet meine Brust. Im Auto stehend schau' ich mit einer freudigen Gier hinein in dieses regelfeste Gewimmel. Nebeneinander, in dreifacher Reihe, ziehen die beladenen Munitionskolonnen, die Feldküchenzüge und die Geschützbatterien vor uns hin, und Kolonnen mit leergewordenen Wagen traben gegen uns her. Inmitten dieses ohrenbetäubenden Geratters marschiert im Schnellschritt ein Bataillon Grenadiere, zieht sich zwischen den Wagenkolonnen schmal in die Länge und formiert sich wieder zu viermannsbreiten Reihen, sobald es Platz gewinnt. Immer hängt dabei die Orgel des Geschützkampfes wie ein tobendes Sommergewitter in den Lüften, deren wehende Schleier dünner werden und manchmal von der für uns unsichtbaren Sonne einen leuchtenden Hauch bekommen. Zur Rechten und Linken der Straße, bald ferner, bald näher, schlagen die Granaten in das kahle Feld. Erde wirbelt auf, die grauschwarzen Rauchbäume fahren in die Höhe, und wenn sie im Winde verwehen, lassen sie einen bitteren Geruch zurück. Es donnert und rollt und dröhnt. Doch unerschütterliche Ruhe bleibt in all den festen, gesunden Soldatengesichtern. Nur die Gäule werden ein bißchen zapplig und müssen fest an die Hand genommen werden. Und immer höre ich heitere Worte und häufig ein kräftiges Lachen – einer pfeift und der andere schwatzt, der eine hat den kurzen Stummel zwischen den Zähnen, der andere läßt sich die Zigarre schmecken, und neben unserem Auto rasselt ein Geschütz, dessen Bespannungsreiter und Kanoniere vierstimmig zusammen singen, halblaut, so daß es in dem knatternden Lärme kaum noch zu hören ist.

Schon sind wir bei den ersten in Scherben geschossenen Häusern von Herlies, zwischen unsagbar zerrupften Mauern, über deren zum Gerippe gewordenen Dächern der Ruinenstumpf des Kirchturms trauert. Da flattert in den dichten Soldatenreihen ein Wort von Mund zu Mund – »Flieger!« – und alle Gesichter sind nach aufwärts gehoben, ohne daß die Bewegung auf der Straße auch nur für eine Sekunde stockt. Jetzt seh' ich ihn auch. Und noch ein zweiter kommt. Das sind Engländer; aber ihre Flugzeuge tragen die französischen Farbenringe – in den Lüften macht es England nicht anders als auf dem Meere, borgt sogar manchmal die deutsche Fliegermarke, das Eiserne Kreuz! Nun verschwinden die zwei Flugzeuge in den hastig ziehenden Dünsten des Himmels – eines taucht wieder heraus, hängt weiß da droben unter einem Flecklein Blau, fast senkrecht über uns – und da ist mir, als zucke ein feiner, schwarzer, gedankenschneller Strich durch die Luft herab – – –

Geht die Welt zugrunde? Bricht die Erde entzwei? Stürzt mit Donnerdröhnen das Himmelsgewölbe herunter auf uns?

Ein paar Sekunden brauche ich, um meine Sinne wieder zusammenzufinden. Mir war's, als hätte die Fliegerbombe dicht neben uns eingeschlagen. Doch bis zu der Stelle, wo die schwarze, dem Qualm einer Brandstatt ähnliche Rauchwolke aufwirbelt, sind's fünfzig oder sechzig Meter hinüber. Die Bombe ist zwischen das Gewirre der Hausruinen gefallen und hat keinen Schaden an deutschem Leben angerichtet, nur an französischem Eigentum. Gott sei Dank! Die Feldgrauen lachen schon wieder – das ist ein anderes Lachen, als ich es in La Bassée von den erschrockenen Kindern hörte – es ist ein festes, ruhiges Männerlachen; dabei haben die Soldaten harte Arbeit, um die scheuenden Gäule zu bändigen.

Der Flieger kreist da droben in den Lüften – »dieses gottverwünschte Luder!« –, ein paarmal ist er senkrecht über uns, und eine herzzerdrückende Sorge um die Unseren befällt mich. Denn die Ruinengasse von Herlies ist so dicht mit Feldgrauen angefüllt, daß Schulter die Schulter berührt – wenn jetzt eine Fliegerbombe da herunterschlüge – ich kann's nicht ausdenken und muß für einen Moment die Augen schließen, wie der englische Unteroffizier mit dem verbundenen Kopf. Nun geht durch die Reihen der Feldgrauen ein vergnügter Jubel hin – in den Lüften kracht es wie von einer großen Raketengarbe, zwischen den grauen Dünsten und unter den blauen Himmelsflecken pufft in rascher Folge ein Dutzend Schrapnellwolken auf – der Flieger saust in Windungen davon, höher steigend und sich niederwerfend und wieder aufwärts rudernd – einmal ist er von den Schrapnellwolken so dick eingewickelt, daß hundert Feldgraue zu jauchzen beginnen: »Jetzt kommt er, jetzt kommt er!« – da hüllen die grauen Dünste der Höhe den Vogel wieder ein, und er bleibt verschwunden.

Ich stehe beim letzten Hause von Herlies. Weiter darf ich nicht. Wohin soll ich die Augen schicken? Hinauf in die Lüfte, in denen es saust und dröhnt? Hinunter in das nahe Tal von Illies, in dem die großen Weiher der Überschwemmung umschleiert sind vom zerflatternden Granatenrauch? Hinüber zu den Schützenstellungen, wo die Maschinengewehre tacken und die Gewehrsalven knattern? Gegen die dunklen Wälder hin, in deren Schatten man schon die Flammenblitze der explodierenden Geschosse sieht? Oder zu den seltsam verdickten Hecken, hinter deren Stauden lange Munitionskolonnen, Haubitzenbatterien und Infanteriezüge sich decken und auf das Befehlswort harren? Oder soll ich nur dicht vor mich hin auf die Straße schauen, wo Glied um Glied die stählerne Kette der deutschen Kraft, der eiserne Riegel wider die Engländer an mir vorüberklirrt?

Tausende von den Unseren marschieren dem Feind entgegen – doch es kommen auch Feldgraue von da unten herauf, nicht in festgeschlossenen Zügen und nach dem Hundert, nur alle paar Minuten einer oder zwei zusammen. Keiner von ihnen hat ein Gewehr, jeder hat etwas Weißes an sich, am Kopf, am Hals oder an den Händen.

Einen, der ein verzerrtes Gesicht hat und die Zähne hart übereinanderbeißt, muß ich fragen: »Haben Sie Schmerzen?« Er schüttelt den Kopf. »Ick? Nee! Ick ärjere mir nur, daß sie mir fortjeschickt haben!« – Einer kommt, das Gesicht dick verbunden, man sieht nur die Nase und das geschwollene Maul; und knödelig fängt er von selber zu reden an: »Gelt, so was Saudumms!« Ein Bayer! Ich frage, was ihm geschehen ist? »Mei, es hat a bissel pressiert, und da hab' i mer beim Telephondrahtwickeln 's Messer durch 'n Backen durchig'stochen! Bluathimisakra! Jatz derfen die anderen ebbes loasten, und i muaß hoam! So was Saudumms! Glei' derreißen kunnt i mi! So was Saudumms!« – Einer kommt, der ein bißchen blaß ist und die beiden Hände vor sich hin hält, so wie man achtsam etwas Kostbares zu tragen pflegt; aber diese beiden Hände sind leer, sind dick umbunden, und alles Weiße des Verbandes ist dunkelrot geworden, und rote Tropfen fallen hinunter auf die Straße. Mir fährt ein leiser Laut aus der Kehle. Da lächelt der blasse Deutsche, sieht mich freundlich an und sagt mit Ruhe: »Det wird schun widder!«

Etwas Starkes und Stolzes und Wundervolles faßt mich und rüttelt mich an den Schultern, am Herzen, am ganzen Leibe – ich kann's nicht sagen – immer schreit es in mir: »Zu denen gehör' ich! Zu denen gehör' ich! Nimm mich, liebe Heimat, laß mir um deines Lebens willen die Haut von meinem Leibe reißen, fordere um deiner Zukunft willen den letzten Heller meiner Habe, und in Freude will ich sagen: Das wird schon wieder!«

Ein Klirren und Klingen. Da kommt ein neues Bataillon und löst sich zu einer langen Reihe auf und deckt sich an einer Hecke, damit die feindlichen Flieger, wenn sie wieder kämen, die Zahl der Verstärkungen nicht erkunden könnten. Und wieder eines! Nimmt die Fülle der deutschen Jugend und Kraft, die da an mir vorübermarschiert, kein Ende mehr? Und welch ein Wechsel in diesen jungen gesunden Gesichtern! Derbe Bauerngesichter und feingeschnittene Züge! Klare Blitzaugen und Brillen in Horn, in Silber, in Gold, mit Gläsern, die vom Schmutz und Staub des Marsches ein bißchen schmutzig wurden. Unter vier Feldgrauen ist immer einer, dem man es ansieht, daß er von der Hochschule weglief, um zu seiner deutschen Heimat zu sagen: »Nimm mich!« Deutsches Blut und deutsche Fäuste, deutsches Wissen und deutscher Geist! Aus diesen vierfachen Wunderkräften ist unser Heer zusammengeschmiedet! Aus solchen Erzblöcken ist die stählerne Mauer aufgebaut, die uns beschützt! Was brauchen wir zu fürchten auf Erden? Seht, wie sie hinschreiten, dem Feuer der Feinde entgegen! Für uns! Diese beiden Worte sollte jeder Deutsche in der Heimat, Mann und Weib und Kind, sich dreimal des Tages vorsagen, beim Erwachen, in der Mittagsstunde und vor dem Schlafengehen: Für uns! Und wenn wir alle in der Heimat so fest und verläßlich unsere Pflicht erfüllen wie diese stählernen Männer und diese prächtigen Jungen da, so werden wir fragen können mit ruhigem Lächeln: »Welt, was willst du von uns?«

– Der Wagen, der mich herbrachte, muß heim in die Stadt; die beiden Offiziere müssen ihre Meldungen zum Stab bringen. Ich gehorche gern. Was hätt' ich noch abzuwarten? Der deutsche Riegel klirrt, der eiserne Balken legt sich ein, die stählerne Mauer ist errichtet – ich weiß, wie es kommen wird!

Hinter Fournes holt das Auto den Zug der gefangenen Engländer ein. Der junge Unteroffizier mit dem verbundenen Kopf sieht entkräftet aus. Einer der beiden Offiziere sagt: »Den müssen wir zu uns ins Auto nehmen!« Jetzt sitzt der Braungekleidete vor mir. Bei der jagenden Fahrt macht ihn der rauhe Luftzug frieren und zittern. Ich muß an den braven Sachsen denken und wickle dem schauernden Engländer meinen Regenmantel um Kopf und Brust. So bleibt er unbeweglich. Ich weiß, er hält unter meinem Mantel die Augen geschlossen.

Dann kommen zehn Sekunden brennender Erregung. Ein feindlicher Flieger gleitet quer über die Straße hin, kaum vierhundert Meter hoch, vierhundertfünfzig höchstens! »Herrgott, Herrgott, hätt' ich nur meine Fernrohrbüchse, der Kerl müßte herunter!« Von der Munitionskolonne, die an uns vorüberrasselt, springen die Feldgrauen zu den Alleebäumen und legen an; aber bis sie mit ihren Karabinern zu knallen beginnen, ist der Flieger schon außer Schußweite und steigt wieder. – (Noch am Abend erfuhr ich, daß die beiden englischen Flugzeuge vor Sonnenuntergang bei Illies heruntergeschossen wurden. Und – die »reene Mänschlichgeid«, die der brave Sachse gepredigt hatte, verließ mich vollständig – ich jubelte!) –

Kaum noch vernehmbar murrt hinter uns das eiserne Grollen des Kampfes. Der Himmel klärt sich, und eine rotglühende Sonne, die aus zerfließenden Dünsten rein heraustritt, überflutet die Erde mit gleißendem Gold und verwandelt jedes Bild der Vernichtung in etwas leuchtend Schönes!

Wir fahren durch die leeren Straßen von Lille zur Zitadelle. Der Engländer hat sich erholt und sagt in seiner Sprache: »Ich danke Ihnen!« Das Tor öffnet sich, eine Wache empfängt den Gefangenen, dann klirrt der Riegel.

Mein Mantel ist blutig, ich muß ihn waschen lassen. –

– Arbeiten konnte ich nimmer an diesem Abend. Während der ganzen Nacht vernahm ich den fernen Kanonendonner. In der Morgenfrühe kam die Nachricht: Der englische Durchbruch ist zum Stehen gebracht, trotz vierfacher Übermacht auf feindlicher Seite.

7.

17. März 1915.

Die Fahrt geht an Roubaix und Tourcoing vorüber und durch das nette, von Feldgrauen wimmelnde Meenen. Über die freundliche, sanft geglättete Landschaft streckt sich eine nach der Schnur gezogene Alleestraße hin und erinnert mich an die ersten perspektivischen Zeichnungen, die ich einst in der Schule machte: vorne die zwei Bäume, die in den Himmel wachsen, hinten zwei winzige Besenblümchen und dazwischen eine immer kleiner werdende Leiter; vorne eine Durchfahrt so breit wie der Weg des Lasters, und in der Ferne eine enge Baumschlucht, die dem Pfade der Tugend gleicht.

Weil wir damals in der Schule freihändig zeichnen mußten, ohne Lineal, drum waren alle Linien krumm, die gerade sein sollten.

Genau so ist es auch hier.

Es gibt da keinen Strauch, der aufrecht steht, keinen Baum, der senkrecht zum lieben Herrgott trachtet. Alle Kinder der Natur, Halme und Stauden und Bäume sind vom ewig über das Land her blasenden Meerwind nach Osten gebogen. Sogar die Telegraphenstangen haben was lustig Schiefes.

Dadurch bekommt die Landschaft, in der sich die großen Flügel vieler Windmühlen wie in ehrgeizigem Wettrennen durch den Nebel drehen, einen ganz wunderlich fidelen Charakter, einen Zug von liebenswürdiger Beschwipstheit.

Freut sich diese Gegend, weil die Schrecken des Krieges barmherzig und schonungsvoll an ihr vorüberschritten?

Manchmal sieht man auf den Feldern die Erdwälle von kurzen Schützengräben, die hastig geschaufelt und schnell wieder verlassen wurden.

Aber keine verwüstete Kirche ist zu gewahren, kein zerschossenes Haus, keine Brandstätte, kein Mauerschutt und kein Trümmerhaufen.

Ruhig stehen die hübschen Dörfer mit den farbigen Häuschen inmitten sprossender Saaten.

Die erwachsenen Leute sind bei der Arbeit, und vor den Haustüren stehen kleine blondhaarige Mädelchen in großen Holzschuhen.

Das Bild dieser Menschen und die ganze Landschaft mutet germanisch an, und überall an der Straße reden die Wirtshausschilder eine Sprache, die ein Deutscher versteht, auch ohne daß er Flämisch lernte: »In 't wite Kruis« (Zum weißen Kreuz), »De dree Linden«, »De niuwe meiboom«, »Vlaamsh bierhuis«, »De Zomerbloem« (das Sommerblümchen), und ganz besonders freundlich grüßt mich ein Schild: »De landgenoot« – der Landsmann!

Eine doppelte Freude ist in mir: die Freude, auf germanischem Boden zu sein, und die Freude, nach Bildern des Krieges, die ich sah, nun wieder – wenn auch nur für ein kurzes Aufatmen – friedliche Bilder des Lebens schauen zu dürfen.

Nun geht die Fahrt den schönen, gut gepflegten Wäldern entgegen, hinter denen Brügge liegt, die matt gewordene Perle einer großen flandrischen Vergangenheit.

Wie wird sich auf diesem historischen Boden die Zukunft gestalten? Wird unter kraftvoller Führung wieder aufblühen, was Jahrhunderte politischer Zerrissenheit versinken ließen und in wehrloser Ohnmacht der fortschreitenden Versandung preisgaben? Ist der Krieg nur Vernichtung? Regen sich in ihm nicht auch Kräfte, die beleben, erneuern und frisch erschaffen?

Ich schließe die Augen; alle die mächtigen, Herz und Nerven erschütternden Gesichte der letzten Tage gleiten wieder an meiner Seele vorüber, und inmitten dieses huschenden Panoramas von Zerstörung und Vernichtung klingt mir, gleich einer wegweisenden Glocke, das Verheißungswort einer klaren und ruhigen Mannsstimme:

»Der Krieg ist hart, aber er wird auch Großes bringen. Alles Starke, wenn es gerecht ist, muß sich belohnen. Wir haben noch immer schwere Arbeit zu leisten, doch ich glaube, daß das Schwerste bereits getan ist.«

Diese Worte hörte ich von jenem deutschen Heerführer, dem wir seit der Erlösungsschlacht in den Vogesen begeisterte Dankbarkeit und ein erhöhtes Maß von Verehrung entgegenbringen, und der auch in den schmerzvollen Stunden schwerster menschlicher Prüfung ein aufrechter Held blieb und das stählerne Wort von der Zeit sprach, in der man handeln muß und nicht trauern darf.

Die Bilderflucht meines Erinnerns zeigt mir das Quartier des jungen siegreichen Heerführers, des Kronprinzen Rupprecht von Bayern.

Still die Straße, still der Garten, auch still das Haus.

Die mahnende Stimme eines unsichtbaren Hüters scheint da immer zu flüstern: »Nicht laut sein, nicht stören!«

Ein Doppelposten steht vor dem Gartentor, und im Hause sieht man zwei Diener.

Der Tag unter diesem Dache ist militärische Arbeit, Vortrag und Beratung, nur unterbrochen durch den Ausritt zu den Stellungen an der Front.

Mittags speisen die Generale des Stabes mit dem Prinzen, am Abend sind im Wechsel die höheren Offiziere des Kommandos zu einer Tafel von acht oder zehn Gedecken geladen.

Der Salon des abgereisten Besitzers dient als Empfangsraum. Inmitten einer typisch französischen, dem Empirestil nachempfundenen Einrichtung gewahrt man mit Vergnügen zwei Dinge, die gut münchnerisch sind: Adolf Hengelers »Tagebuch von 1914«, jene entzückende, aus vaterländischem Zorn und spielender Ironie geborene Künstlergabe – und auf dem Marmorgesimse des prunkvollen Kamins, zwischen kostbaren Bronzen, liegt neben einer kleinen Spielmarkenschachtel ein heimatliches Remedium für müde Abendstunden, in denen der Kopf sich ausruhen möchte – ein nicht mehr ganz neues Päckchen bayerischer Tarockkarten. – Heimat ist Heimat; bei allem, was in der feindlichen Fremde die Erinnerung an das Heimatliche wachruft, schätzt man das Wertvolle und das Bescheidene mit einander ebenbürtigen Ziffern ein.

Das köstliche Werk Meister Hengelers und diese sechsunddreißig Kartenblättchen hatten für mich, wenn auch nicht die gleiche kunstgeschichtliche Bedeutung, so doch den gleichen Gefühlswert des Augenblickes. Ich empfand so was Ähnliches, wie es unsere Feldgrauen in ihren feuchten und dunklen Lehmhöhlen fühlen, wenn sie ein kleines, zerknittertes, von daheim gekommenes Zettelchen zärtlich streicheln und glätten, um dann leise und inbrünstig zu singen: