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Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte cover

Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

Chapter 12: Elftes Kapitel. Die vielen Bilder.
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About This Book

Two lively boys from a narrow neighborhood are invited by a wealthy patroness to visit a distant city, and their impending journey sets the whole community abuzz. Scenes alternate between kitchen chatter, street gossip, and the children's proud preparations for new clothes and travel, while neighbors react with curiosity, concern, and amusement. The narrative follows the boys as they anticipate and undertake the trip, juxtaposing small‑town familiarity with urban novelty, and gently portrays childhood exuberance, communal bonds, and the humorous missteps that arise when eager youngsters encounter unfamiliar surroundings.

Die Kinder kamen gar nicht dazu, der Budenfrau eine Antwort zu geben, denn jemand schrie sie an: „Karussell gleich fährt. Wolle Sie mit, ßöne Kinder?“

Die fünf drehten sich um, und die Sternbuben schrieen laut auf vor Verwunderung. Da stand leibhaftig so ein Schwarzer vor ihnen, wie sie ihm vorgestern nachgelaufen waren. Er grinste, seine weißen Zähne blitzten, und dann sagte er noch einmal: „Wolle Sie mit, ßöne Kinder?“

„Die sollen erst bei mich reinkommen,“ rief die Frau mit den Wachsfiguren ärgerlich, aber da klingelte das Karussell nebenan; es sah sehr stattlich und verlockend aus, und Annedore hüpfte von einem Bein auf das andere. „Wir wollen fahren, wir wollen fahren,“ bettelte sie.

Eine Minute später saßen sie alle auf dem Karussell, das drehte sich, die Musik spielte, die Buden, der ganze Platz schien zu tanzen, und dann war das Vergnügen zu Ende, die Kinder kletterten herab und liefen weiter. Es gab immer mehr zu sehen. Die Sonne glänzte, alles stand bunt und lustig in ihrem Schein. Da und dort tat sich eine Bude auf, Kasperle fing an zu rufen, die Luftschaukel drehte sich, und die fünf vergaßen die Zeit, vergaßen den Heimweg, das Mittagessen und alles. Einmal surrten und brummten seltsame Stimmen durch die Luft. Die Buben horchten auf; was war das?

„Die Fabrikpfeifen sind’s, es ist zwölf, wir müssen bald heim,“ sagte Annedore und zeigte hinüber. Am Rande weiter Wiesen erhoben sich dort dunkle Häusermassen, und aus vielen hohen, schlanken Schornsteinen stieg dunkler Rauch empor. Die Buben sahen hin, wie Fleißfinger, die anzeigen: Hier wird gearbeitet, waren diese vielen, vielen Essen, aber an Fleiß und Arbeit dachten Mathes und Peter nicht. Sie ließen die Fabriken pfeifen, soviel sie wollten, und lauschten auf das Gedudle und Gelärme um sich herum.

Aber auch die Mädel vergaßen die mahnenden Stimmen in der Luft.

„Nur noch ein Weilchen,“ sagte Herta. „Noch einmal Karussell und dann noch Luftschaukel.“

„So viel Geld hab’ ich nicht mehr,“ erklärte Annedore.

Doch Herta hatte Geld, und Herta hatte noch keine Lust heimzugehen. Sie war jetzt auch keine kleine Dame mehr, sondern ein sehr wilder, sehr ausgelassener Irrwisch. Sie ging nicht, sie hopste, lief an die Buden heran und fragte: „Was kostet dies, was kostet das?“ und rannte dann lachend wieder weg. Sie saß auch zuerst wieder auf dem Karussell, ritt auf einem Panther, und kaum hatte die Dreherei aufgehört, da rannte sie schon zur Luftschaukel hin. „Jetzt wird’s fein!“ schrie sie. „Kommt flink!“

„Ich fahr nicht mit,“ sagte Irene, „mir wird’s schwindlig.“

Annedore zögerte, und Herta ergriff Peters Hand: „Komm du mit!“ Peter folgte und Mathes folgte, und schließlich kam Annedore auch mit, und kaum saßen alle vier, da drehte sich die Schaukel, die Wagen stiegen höher und höher, schon konnten die Kinder auf die Köpfe der Zuschauer sehen, nun auf die Budendächer, noch höher ging’s hinauf, da schrie Herta plötzlich: „Ich falle, ich falle!“

Mathes packte sie, Annedore umklammerte sie, Peter faßte sogar zur Sicherheit ihr Kleid. Herta konnte nun wirklich nicht fallen, und doch schrie sie unausgesetzt und wurde so weiß wie ein Blättlein Papier.

Die Buben bekamen Angst. Auch sie meinten, alles drehe sich unter ihnen, auch sie dachten, wir fallen. Aber da ging es schon wieder abwärts, schnapp! stand die Schaukel, und ein Mann rief: „Bitte aussteigen!“

Die vier Luftfahrer wollten das auch tun. Annedore zog Herta, die Buben schoben, und plötzlich purzelten alle vier aus dem kleinen Wagen heraus, sie wußten nicht wie.

Lautes Lachen brauste ringsum auf. Ein paar Stimmen riefen: „Ihr Diener, meine Herrschaften, nicht zu höflich!“

Und dann griffen etliche Hände zu, und endlich standen die vier wieder auf ihren Beinen. Zwar drehte sich noch alles um sie herum, aber ein Mann klopfte ihnen freundlich den Staub von den Kleidern und tröstete sie: „Das geht bald vorbei. So, nun ist’s gut; na, da sitzt noch Staub.“ Er klopfte an Mathes herum und an Peter und sagte zu Herta: „Du verlierst dein Taschentuch, kleines Fräulein.“ Er war überhaupt so freundlich, wie nur einer sein kann. Er brachte auch noch alle vier zu Irene, wünschte ihnen noch viel Vergnügen, und ehe sich die Kinder bedanken konnten, war er verschwunden.

„Der war nett!“ Herta sah sich nach nach dem freundlichen Helfer um, auch die Sternbuben drehten sich nach allen Seiten um. Da war er nicht und dort war er nicht, aber — sie jauchzten laut auf — dort war der Zigeuner.

„Da ist er, da ist er!“ Mathes zeigte mit dem Finger und Peter zeigte mit dem Finger, und obgleich Herta und Irene dies sehr unschicklich fanden, sahen sie doch den Fingern nach und fragten neugierig: „Wer ist da?“

„Der Zigeuner von gestern.“

„Ein echter Zigeuner!“ Peter sah stolz drein. „Ganz echt ist er,“ versicherte er noch.

„Kennt ihr ihn?“

„Hm, vielleicht!“ Mathes machte ein Gesicht, als hätte er die ganze Tasche voller Geheimnisse, und Herta fragte ein bissel unwirsch: „Sag’s doch, woher kennt ihr ihn?“

Mathes erzählte und Peter erzählte, und dabei schauten alle fünf unverwandt den Zigeuner an, und als die Buben mit ihrer Geschichte fertig waren, rief Annedore: „Ihr müßt ihm guten Tag sagen, da merkt ihr’s gleich, ob er es ist.“

„Ja, fein! Und wir gehen mit.“ Herta zappelte vor Ungeduld, den Zigeuner zu sehen, aber Irene blieb stehen und erklärte: „Ich graule mich.“

„Hier kann er uns doch nichts tun!“ Annedore und Herta zogen die Freundin mit fort, die Buben gingen voran, gingen auf den Zigeuner zu und blieben vor ihm stehen. „Guten Tag!“ Mathes zog seine Mütze, Peter zog seine Mütze, aber der Zigeuner blieb unbeweglich stehen, er sah über sie beide hinweg, als wären sie zwei Mücklein.

„Guten Tag!“ Die Buben schrieen es ganz laut, da endlich sah sie der Zigeuner an. „Was wollt ihr?“ fragte er, und seine Stimme schnarrte wie eine alte Kastenuhr. So hatte ihr freundlicher Begleiter neulich nicht geschnarrt.

„Er ist’s net!“ rief Mathes enttäuscht. Aber da drängte sich keck und flink und ein bissel frech Herta heran und fragte: „Haben Sie die Jungen neulich nach Hause gebracht?“

„Wohin denn?“ Der Zigeuner kniff die Augen zu, und Herta fand ihn nun auch greulich. „Zu Ringewalds,“ sagte sie kleinlaut und wich langsam zurück.

„Nix kennen! Wer sein das?“ Sonderbarerweise sprach der Mann jetzt wieder ganz anders, aber Peter stieß den Bruder an und tuschelte ihm zu: „Er ist’s doch!“

In diesem Augenblick summten und tönten wieder die Fabrikpfeifen, ein paar laut und gellend, ein paar dumpf, wie klagend, und Annedore schrie erschrocken: „Jetzt ist’s eins, wir müssen nach Hause.“

„Ach was, wir essen erst gegen zwei!“ Herta sah ganz unbekümmert aus, aber Annedore und Irene sagten beide ängstlich: „Wir müssen furchtbar schnell nach Hause und die Jungen auch. Die sagen, Frau von Ringewald wäre krank; wenn die sich nun sorgt!“

Den Buben selbst fuhr der Schreck über die späte Stunde arg in die Beine. Sie vergaßen den Zigeuner, der sie auf einmal sehr aufmerksam anblickte, und alles Drumrum und begannen zu rennen. Die Mädel folgten, im Galopp ging es den breiten Mittelweg entlang, und Herta, der nun doch ihr Fortlaufen das Gewissen beschwerte, rief unterwegs: „Wir fahren alle, dann geht es flink.“

„Dort ist unsere Bahn, sie fährt gleich fort.“

Annedore winkte. Herta und Irene schrieen: „Halt, halt!“ und die Buben ächzten und pusteten wie Lokomotiven vor Eile. Sie erreichten aber noch alle ohne Unfall den Wagen, kletterten hinauf, und fort ging es.

„Zahlen!“ sagte der Schaffner und sah sie brummig an.

Die Buben griffen in ihre Hosentaschen, die Mädel suchten in ihren Handtäschchen nach, da schrie Herta: „Mein Täschchen ist weg!“

„In meinem ist nichts mehr drin,“ klagte Irene.

Mathes und Peter suchten und suchten, sie drehten ihre Hosensäckle um und um, allerlei kam zum Vorschein, die neuen Geldbeutel fehlten.

„Na, wird’s bald!“ brummte der Schaffner, der aussah, als wäre er mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden.

Nur Annedore hatte noch ihren Groschen; es war der letzte. Sie bettelte: „Die haben ihr Geld verloren, aber wir haben’s so eilig, lassen Sie uns mitfahren.“

„Geht nicht,“ knurrte der Schaffner und zog an der Klingel, „wer kein Geld hat, muß aussteigen.“

„Fahr du, Herta,“ rief Annedore rasch, „geh zu Frau von Ringewald und sag, wo die Buben sind, wir kommen nach.“

„Nein, nein!“ Herta schluchzte laut. „Das kann ich nicht, das kann ich nicht.“

Schnurrr! hielt der Wagen, und der Schaffner mahnte: „Aussteigen, flink! Nur wer Geld hat, kann bleiben.“

Hops! sprang Annedore auch vom Wagen. „Ich geh mit euch,“ sagte sie, „ich lasse euch nicht im Stich.“

Die fünf standen unten, der Wagen fuhr weiter, und Herta begann zu weinen. Irene fiel ein, und die Buben weinten nicht, die heulten laut und schauerlich, heulten, wie sie es schon manchmal in Breitenwert auf dem Löwengäßle getan hatten. Über das Gebrüll erschraken nicht nur die Mädel, auch viele Vorübergehende sahen sich um, ein paar Leute blieben gar stehen, und Herta und Irene bogen eilig in eine Seitenstraße ein. Dort schalt Herta böse: „Schämt euch doch, so weint man nicht, das schickt sich nicht!“

„Unsere Beuteles!“ klagte Mathes. „Ganz neu waren sie, und so schrecklich viel Geld war drin!“

„Ich will — su — suchen gehen,“ schluchzte Peter. Der meinte, es könnte nicht schwer sein, auf dem Meßplatz zu suchen.

„Ihr seid zu dumm!“ Herta hatte schon wieder die Tränen getrocknet, und sie, die draußen so wild gewesen war, ging nun wieder einher wie eine kleine Dame. „Seid stille,“ fuhr sie die Buben an, „so ein Geschrei schickt sich nicht!“

So schnell wurden die Buben aber mit ihrem Kummer nicht fertig, die heulten weiter. Da verlor Herta die Geduld. Als eine Frau gar fragte: „Was fehlt euch, Kinder?“ rief sie heftig: „Das schickt sich nicht, ich schäme mich mit euch zu gehen; komm, Irene!“ Und blitzschnell bogen beide in eine andere Straße ein und riefen von dort: „Komm mit uns, Annedore!“

„Nein!“ Annedore schüttelte den Kopf sehr nachdrücklich, und ihre rostbraunen Zöpfe flogen hin und her. „Ich lasse die Jungen nicht im Stich, die kennen den Weg noch nicht,“ rief sie ärgerlich den Freundinnen nach.

Im Augenblick hörten Mathes und Peter auf zu weinen. Hertas und Irenes feiges Davonlaufen kränkte sie, und Mathes sagte trotzig zu Annedore: „Kannst auch gehen, wir finden den Weg schon!“

Aber Annedore lachte über den trotzigen Bubenstolz. „Mitgefangen, mitgehangen, sagt mein Vater immer,“ antwortete sie. „Ihr wißt den Weg doch nicht, und würdet ihr mich denn im Stich lassen?“

„Noi!“ riefen beide Buben, und Mathes fügte wichtig hinzu: „Seine Kamerädles läßt man net im Stich!“

„Kamerädles!“ jauchzte Annedore. „Wie fein das klingt! Wir sind Kamerädles, hurra, und kommt, jetzt rennen wir; da kommen wir noch eher heim als die andern.“

Den Buben war das sehr recht. Sie faßten sich alle drei an den Händen und rannten die Straßen entlang, und Annedore erzählte dabei von ihrem Zuhause und fragte die Buben nach Breitenwert. Darüber vergaßen die beinahe ihre verlorenen Schätze. Atemlos kamen sie alle bei Ringewalds an. Dort standen Hulda und Ida auf der Straße und hielten Umschau nach den Verlorenen, und oben am Fenster erschien Evas verweintes Gesicht.

„Herrje!“ schrie Hulda böse, „ihr —“

„Wir sind schuld,“ unterbrach Annedore sie rasch, und dann erzählte sie, flinker als ein Regentröpflein fällt, von dem gemeinsamen Meßbesuch und dem verlorenen Geld. „Ich glaube, das hat uns der Mann gestohlen, der an der Luftschaukel stand,“ schloß sie.

„Jemine, damit seid ihr gefahren und kommt heil und lebendig nach Hause!“ schrie Hulda. „Ihr seid doch —“

„Sie können nichts dafür,“ unterbrach sie Annedore wieder, und ihre blauen Augen sahen flehend zu Hulda auf. Schilt nicht! bettelte der Blick.

Das war noch ein Kamerädle! Mathes reckte sich und rief: „Sie kann auch net dafür, sie hat gedurft, und ein Gröschle hat sie und ist net mit dem Bähnle gefahren ohne uns, und sie ist net davongelaufen, und sie sagt, sie wär’ unser Kamerädle.“

„Ja, und die Jungen müssen mich besuchen, und ich besuche sie, und wenn sie wieder abreisen, dann schreiben sie mir.“

„Na, dann ist ja die Freundschaft im besten Gange!“ brummelte Hulda. „Aber wo sind denn die andern, ich denke, die sind auch dabei?“ fragte sie.

„Davongelaufen sind sie!“ Und nun ging das Erzählen an, und Hulda hätte wohl den Meßbesuch von Anfang bis zu Ende erzählt bekommen, wenn sie nicht gesagt hätte: „Das Mittagessen ist längst fertig.“

„Ich muß heim; morgen auf Wiedersehen!“ Annedore lief davon, daß ihre Zöpfe flogen, und die Sternbuben hasteten die Treppe hinauf, und oben an der Türe stand Fräulein Eva und hatte verweinte Augen, und sie sagte traurig: „Nun habe ich mich wieder um euch gesorgt!“

Da hingen Mathes und Peter die Köpfe wie zwei Schneemännlein, wenn der Tauwind bläst, Hulda aber sagte: „Lassen Sie sich nur erst erzählen, Fräulein Eva, wie’s war; ihr Kamerädle, wie sie’s nennen, sagt, sie wären nich schuld daran. Wenn sie aber was Dummes gemacht haben, dann gibt’s keine Kirschenspeise nachher.“

Zehntes Kapitel.
Herr Brummerjan und der Fahrstuhl.

Noch ehe die Kirschenspeise kam, wußte Eva von Ringewald alles. Mathes und Peter erzählten, zusammen und allein; einer redete von der Luftschaukel, der andere von dem verlorenen Geld, sie schwätzten vom größten Weltwunder und dem merkwürdigen Zigeuner, und als Hulda selbst die süße Speise brachte, da gab es gerade ein fröhliches Gelächter am Tisch, und Eva sagte: „Sie sollen beide Nachtisch bekommen, Hulda. Ein bissel unnütz war zwar das Fortlaufen, aber sie sagen, sie wollen es bestimmt nicht wiedertun.“

„Bestimmt net!“ rief Mathes.

„Du mußt immer mitkommen, Fräulein Eva,“ bat Peter.

„Sagt Tante Eva!“ Es fiel Eva ganz plötzlich ein, daß sie den Bübles eigentlich gern eine gute Tante sein wollte, und sie merkte auch an den strahlenden Augen, denen gefiel dies ausnehmend gut. „Na also, dann ist das ’ne Tantenspeise!“ Hulda setzte das leckere Gericht auf den Tisch, und ehe sie aus dem Zimmer ging, sagte sie noch, fast ein bißchen eifersüchtig: „Mir müßt ihr aber auch noch von der Messe erzählen!“

Mathes und Peter versprachen das gern, und nachdem sie sich noch die Mäglein mit der süßen Speise gefüllt hatten, riet ihnen die liebliche Tante selbst, sie sollten jetzt zu Hulda gehen, wenn nicht etwa ihre Briefschreibelust groß wäre.

Doch die Lust war weder groß noch klein, sie war gar nicht da, und so stiegen denn die Buben zu Hulda hinab und erzählten ihr und Ida die Abenteuer des Morgens. Darüber verging die Zeit geschwinde. Die Kaffeestunde kam. Mathes und Peter stiegen wieder die Treppe hinauf, und oben im Gartenzimmer gab es eine große Überraschung. Frau von Ringewald saß wieder in ihrem Sessel. Es ging ihr besser, und auch sie wollte nun von dem Meßbesuch hören. Da mußten die Gäste zum drittenmal ihre Abenteuer erzählen. Sie fanden dies höchst vergnüglich, und wenn noch drei Zuhörer und dann wieder drei Zuhörer gekommen wären, den beiden hätte es den größten Spaß gemacht.

Frau von Ringewald hörte mit einem so heiteren Gesicht zu, daß Eva in ihrem Herzen dachte, vielleicht werden sie doch noch Trostbübles für die Mutter. Mathes und Peter selbst fanden, die Pate höre noch besser zu als Hulda. Die hatte immer von der Luftschaukel hören wollen und den merkwürdigen Zigeuner langweilig gefunden, während Frau von Ringewald gerade von dem etwas wissen wollte. „Geige spielt er,“ murmelte sie, und das frohe Lachen erlosch wieder auf ihrem Gesicht.

Einen Augenblick war’s ganz still im Zimmer.

„Er ist aber kein richtiger Zigeuner,“ erklärte Mathes.

„Warum denn nicht?“ fragte Eva rasch, die gern die Mutter auf andere Gedanken bringen wollte.

„Weil die schwarz sind, sagt Mina, und weil der blaue Augen hat, und manchmal macht er so.“ Mathes kniff seine Äuglein ganz klein zusammen, hielt den Kopf schief, und Peter machte ihm das flink nach. „So sieht er aus,“ riefen beide.

Eva und ihre Mutter lachten, weil die Buben mit ihren runden rosigen Gesichtern gar nicht zigeunermäßig aussahen, und über dem Lachen überhörten sie das schrille Tönen der Klingel draußen, Stimmen und Schritte. Und just als Mathes sagen wollte, der Zigeuner wäre bestimmt ihr Führer von vorgestern, tat sich die Türe auf, und Hulda ließ einen älteren Herrn eintreten. „Nun, so lustig?“ fragte der mit einem Gesicht, als krame er das Lachen nur höchstens alle Jahre einmal aus seiner Kommodenschublade heraus.

„Ach, Albert, du bist es!“ Frau von Ringewalds eben noch so heiteres Gesicht wurde ernst und still, auch Eva lachte nicht mehr, und die Buben standen verlegen auf. Sie hörten, wie Eva den Fremden Onkel nannte, und sie ahnten, es war der Onkel, von dem ihnen Hulda erzählt hatte.

Sehr freundlich schaute Herr Albert Buchner die beiden Buben eben nicht an. Er fand, seine Schwester habe sich mit dem Besuch eine recht unnütze Last aufgeladen, und verdrießlich fragte er: „Das sind nun wohl deine Patenkinder, Renate? Hm, hm! Sehen recht unnütz aus!“

„Sie sind recht brav,“ rief Eva rasch. „Flink, Mathes, Peter, gebt meinem Onkel die Hand.“

Die Buben erinnerten sich rechtzeitig der guten Vermahnungen, die ihnen daheim die Mutter, Mina, Herr Häferlein und viele andere noch gegeben hatten, und so verbeugten sie sich vor dem Herrn tief und streckten ihm dann treuherzig ihre Hände hin. Die höfliche Verbeugung gefiel diesem, er sah um ein Scheinchen freundlicher aus und fragte herablassend: „Nun, wißt ihr denn auch, wer ich bin?“

Mathes und Peter nickten nur stumm und sahen sich gegenseitig an. Sie fanden den Namen des Onkels nämlich höchst komisch und dachten, man könnte ihn nicht sagen, ohne zu lachen.

„Ihr seid wohl stumm? Antwortet doch!“ Herr Buchner konnte Nicken und Kopfschütteln nicht leiden, er war Gehorsam gewöhnt. Wenn er fragte, wollte er Antwort haben, und da die Buben noch immer stumm blieben, herrschte er sie streng an: „Nun sagt, wer bin ich!“

„Herr Brummerjan!“ riefen Mathes und Peter, und es kam, wie sie gedacht hatten: sie platzten heraus.

Wer nicht lachte, war Herr Buchner, auch Frau von Ringewald sah tief erschrocken drein, während Eva es beinahe den Buben nachmachte. Sie schwieg aber, als der Onkel erstaunt rief: „Wie soll ich heißen? Sagt’s noch einmal!“

„Herr Brummerjan!“ Diesmal brachte nur noch Mathes das Wort heraus, Peter hatte den Kopf ganz tief gesenkt und kicherte in seine Jacke hinein.

„So, so, Herr Brummerjan werde ich in deinem Hause genannt, Renate! Das ist ja sehr erfreulich!“ Herr Albert Buchner sah bitterböse drein, und Frau von Ringewald rief ängstlich: „Aber Jungen, was redet ihr da, wer hat euch das denn gesagt?“

„Hulda,“ antwortete Mathes verlegen, dem nun auch das Lachen vergangen war. Vielleicht stimmte der dumme Name gar nicht.

„So, Hulda, natürlich! Du hast wirklich sehr liebenswürdige Dienstboten, Renate; es wäre nun wohl Zeit, daß diese Hulda aus dem Hause käme.“

„Geht hinaus, geht in die Küche!“ Eva war tief erblaßt, sie schob die Buben zum Zimmer hinaus, dann ging sie rasch zurück, und den beiden tönte ihre Stimme nach; wie Weinen klang sie. Und als die Buben schon auf der Treppe waren, hörten sie oben noch den Onkel laut und böse reden, dann dröhnte sein Schritt über den Flur, und die Türe klappte laut.

Ganz verstört kamen die beiden unten an, und weil nur ein mattes Licht Treppe und Flur erhellte, stolperten sie und bumsten laut an die Küchentüre an. Hulda öffnete erstaunt. „Na nu, da kommen wohl Stolperhans und Purzelwu-die-Treppe-runter!“ rief sie. „Ihr seid wohl vor Herrn Brummerjan ausgerissen?“

„Er heißt ja net so!“ schrieen Mathes und Peter vorwurfsvoll. „Er ist schlimm bös geworden, weil ich das gesagt habe.“ Mathes sah Hulda ordentlich strafend an, und Hulda sank tief erschrocken auf einen Küchenstuhl nieder.

„Furchtbar bös,“ klagte auch Peter.

„Das habt ihr gesagt, ihm gesagt?“ jammerte sie.

Die Buben nickten kummervoll. „Du hast es uns doch heute erzählt, und wie wir’s net haben glauben wollen, hast du gesagt: doch, doch!“

„Das stimmt, Hulda, na, ist das nu eine Geschichte!“ Ida hatte nebenan in der Wäschestube das Gespräch mit angehört, und sie kam, das Bügeleisen in der Hand, rasch herein.

Hulda saß ganz vernichtet auf ihrem Stuhl. Dreimal wiederholte sie: „Ihr habt ihn wirklich Herr Brummerjan genannt?“ Und jedesmal antworteten Peter und Mathes kläglich: „Ja, wir haben’s gesagt.“ Und Peter fügte hinzu: „Und alleweil schrecklich gelacht haben wir!“

„Kann man glauben, daß Jungen so ’ne Dummheit glauben!“ Hulda stöhnte und wickelte verzweifelt ihre Schürze um die Arme. „Was wird nur meine liebe gnädige Frau sagen!“ klagte sie.

„Er hat gesagt, du mußt nun fort,“ berichtete Mathes.

„Aus dem Haus!“ Peter nickte mitleidig dazu.

„Ich — aus — dem Haus, hier fort?“ Hulda wurde kreideweiß, und plötzlich sprang sie auf, rannte aus der Küche und polterte in großer Hast die Treppe hinauf.

„Jetzt hat sie aber einen Schreck gekriegt!“ murmelte Ida ein wenig schadenfroh. Aber gleich darauf tat ihr Hulda wieder sehr leid, und sie begann den Buben zu erzählen, wie gut Hulda wäre, und schon so lange sei sie im Hause; wie Fräulein Eva und ihr Bruder noch ganz klein gewesen wären, sei sie gekommen, und Fräulein Eva habe selbst gesagt, Hulda wäre wie eine zweite Mutter zu ihnen gewesen. „Und wenn sie den Herrn Buchner Brummerjan nennt, gar so unrecht hat sie nicht,“ rief Ida. „Er hat sie immer nicht leiden können, ist nie freundlich zu ihr gewesen, immer hat er gesagt, sie verwöhne die Kinder zu sehr. Meine Schwester hat mir das alles gesagt, die vor mir hier im Hause war,“ schloß Ida.

Da öffnete sich sacht die Türe, und Eva von Ringewald trat ein. Sie lächelte ein wenig über die verlegenen Gesichter der Buben. „Kommt mit,“ sagte sie freundlich, „wir gehen noch zusammen in die Stadt, ich muß noch etwas besorgen. Hulda bleibt bei der Mutter.“

„Dann bleibt Hulda,“ flüsterte Ida vor sich hin, aber Eva hörte es doch. „Ja, sie bleibt, unsere gute, treue Hulda darf nicht fort,“ sagte sie und nickte Ida zu.

Den Buben war es, als fiele ihnen ein kleiner Mühlstein vom Herzen, und sie kletterten vergnügt die Treppe wieder empor, zogen sich eilfertig an, und wenige Minuten später wanderten sie mit Fräulein Eva der elektrischen Bahn zu. „Ihr dürft aber nicht einen Schritt auf der Straße von mir fort gehen; versprecht ihr das?“ fragte die junge Tante.

„Ja!“ brüllte Mathes, und Peter antwortete ganz feierlich: „Net ein Schrittle lauf’ ich fort.“

Es dämmerte schon, und auf den Straßen und in den Läden wurden bereits die Lichter angezündet. Wenn man nun in Breitenwert abends durch das Löwengäßle ging, glänzten auch Lichter; in jedem Haus gab es zwei, drei helle Fenster, der Kaufmann Häferlein hatte seinen Laden erleuchtet, und in der Lindenapotheke brannte Licht. Aber was war das alles gegen das Lichtmeer der großen Stadt! Licht glänzte neben Licht. In manchen Häusern gab es kein dunkles Fenster, und in den Läden blitzte und schimmerte es noch viel heller und verlockender als draußen auf der Messe. Vor einem Riesenhaus, das viele Schaufenster hatte, und das von unten bis oben erleuchtet war, blieb Fräulein Eva stehen. „Es ist ein Warenhaus,“ sagte sie, „kommt, wir gehen hinein.“

Drinnen hätten die Buben vor Erstaunen nun wirklich einen Hopser gemacht; sie wußten nicht, wohin zuerst sehen, so viel gab es anzuschauen. Es war wie ein riesengroßer Laden, und doch waren es eigentlich viele, viele kleine Läden nebeneinander, nur gab es keine Mauern dazwischen. Und hoch war das Haus, bis zur Decke konnte man sehen. Aber Treppen schienen gar nicht da zu sein, denn Eva sagte: „Jetzt fahren wir hinauf,“ und sie schob die Buben geschwinde in eine Kammer, ein Mann schloß die Türe, es wackelte ein bißchen, und dann machte der Mann wieder die Türe auf und sagte: „Zweiter Stock.“

Und wieder lagen hier unzählige Dinge ausgebreitet, manches lockte zum Kauf, und vor einem Stand mit bunten Krügen, Vasen und ähnlichen Dingen tat Mathes plötzlich einen tiefen Seufzer und klagte: „Mein Geld!“

„Uuh!“ ächzte Peter, der nun auch an diesen schweren Verlust dachte, und er tippte mit seinem Finger an ein buntes Porzellanpüppchen: „Das würd’ Gundel freuen!“

„Bitte, nichts anfassen!“ rief die Verkäuferin streng. „Die Figur kostet fünfunddreißig Mark.“

„O Gott,“ sagte jemand, „können die zwei dort ihre Münder aufreißen, schrecklich!“ Eine Dame ging vorüber und lächelte. Die Verkäuferin lächelte, und Eva wurde verlegen. „Kommt rasch weiter,“ sagte sie, „hier sind die Sachen zu teuer; für Gundel kauft ihr etwas auf der Messe.“

„Wir haben doch kein Geld mehr!“ Die Sternbuben redeten wie daheim in der Löwengasse; da fand kein Mensch etwas dabei, wenn sie mal ein bißchen brüllten, hier drehten sich aber gleich etliche Leute um, und die beiden erschraken selbst, wie laut ihre Klage geklungen hatte.

„Wenn ihr brav seid, schenke ich euch Geld, damit ihr Gundel etwas kaufen könnt,“ versprach Eva und zog die Buben weiter. Sie selbst kaufte einige Dinge, und Mathes und Peter wunderten sich sehr, daß sie erst sagte, dies will ich haben und das, und es nie mitnahm. Bezahlen tat sie auch nie, nur einen Zettel bekam sie, das war alles.

Sie fuhren noch ein Stockwerk höher, und wieder kaufte Eva, und wieder vergaß sie die Sachen mitzunehmen. Endlich sagte sie: „Nun bin ich fertig!“

Der Fahrstuhl oder die kleine Stube, wie ihn Mathes und Peter nannten, war aber auch fertig, kein Mensch ging mehr hinein, nur Peter, der dachte, ich komm schon rein, quetschte sich noch durch; er war drin, die Fahrt ging los, aber — Tante Eva und der Bruder fehlten.

„Nun ist Peter allein gefahren!“ rief Eva oben erschrocken. „Komm, da geht ein anderer Fahrstuhl, wir fahren gleich nach.“

Sie kamen auch glücklich in die zweite kleine Stube hinein, und abwärts ging’s. „Erdgeschoß!“ rief der Mann, und beide stiegen aus, aber kein Peter war da.

„Er ist gewiß wieder hinaufgefahren.“ Eva begann ängstlich zu werden. „Geschwind komm, da geht der dritte Fahrstuhl!“ Sie schob Mathes hinein, und es ging wieder aufwärts — doch kein Peter war da.

„Vielleicht ist er ganz nach oben gefahren.“ Eva rannte auf den ersten Fahrstuhl zu, der eben wieder die Fahrt nach oben antrat, und drinnen sagte sie zu dem Führer: „Haben Sie nicht einen Jungen mitgenommen, der ähnlich wie der hier aussieht?“

Der Mann guckte Mathes an und nickte: „Freilich, freilich, so einer war dabei,“ versicherte er, „der ist erst mit runtergefahren und dann mit rauf.“

Eva erzählte nun, wie sie Peter verloren hatten, und der Führer lachte. „Den finden wir schon,“ versicherte er. „Wie ich die Jungen kenne, fährt der jetzt immer rauf und runter. Fahren Sie mit zurück und warten Sie unten, er kommt schon wieder.“

Eva befolgte den Rat. Sie fuhr mit Mathes zurück, der Führer sah an jeder Aussteigstelle nach, doch kein Peter war da. Sie kamen unten an, und auch da stand kein Peter.

Etwas unruhig warteten beide. Der zweite Fahrstuhl kam an: kein Peter stieg aus, der dritte hielt: wieder war Peter nicht darin. Nun kam der erste wieder, und als erster entstieg demselben Peter, und der Führer rief: „Na, das ist wohl der richtige, dem hört man’s gleich an, wenn er nur schon den Mund auftut, er ist vom Lande.“

Peter war ein bißchen verlegen, denn er war wirklich auf- und abgefahren, mal im zweiten, mal im dritten Stockwerk ausgestiegen. „Hast dich wohl gefürchtet?“ fragte Eva linde.

„Noi!“ Peter sah sie strahlend an. „Erst war’s ’n bißchen komisch, aber dann war’s fein. Mathes, mach’s auch mal!“

„Ja!“ schrie Mathes begeistert, und schwuppdiwupp! war er im Fahrstuhl drin, und ehe Eva ihn halten konnte, klappte die Türe: hinauf ging es.

„Ihr seid ja schrecklich!“ rief Eva, nun wirklich erzürnt. „Ihr habt mir doch versprochen, nicht einen Schritt von mir fortzugehen, und nun haltet ihr nicht Wort.“

„Hier ist doch net ’s Gäßle!“ murmelte Peter bedrückt. „Und — und — er ist doch net fortgelaufen!“

„Nein, nur fortgefahren!“ Evas Ärger hatte sich schon gelegt. Zur Sicherheit hielt sie aber Peter fest an der Hand, der sollte ihr nicht wieder ausreißen. So lange wie auf ihn brauchte sie aber auf Mathes nicht zu warten. Dem war das Hinauffahren nicht so gut gelungen; oben hatte ihn der Führer erkannt und ihn einfach wieder mitgenommen. „Da ist der zweite,“ schrie er Eva zu. „Die Jungen müssen sie anbinden, Fräulein!“ Dabei gab er Mathes einen gelinden Stoß, Eva fing den Ausreißer auf, dankte dem Führer, und dann sagte sie: „Jetzt aber schnell heim. Und wehe euch, wenn ihr nur einen Schritt von mir fortgeht! Bitterbitterböse werde ich dann.“

Sie ging erst noch an die Zahlstelle, da bekam sie nun doch alle ihre Sachen, und mit Paketen beladen kehrten die drei, ein wenig spät zwar, doch noch zu rechter Zeit, heim. Sie fanden Frau von Ringewald noch in ihrem Lehnstuhl sitzen. Hulda saß neben ihr, sie sah verweint aus, aber doch ganz vergnügt, und als Eva von den Fahrten im Fahrstuhl erzählte, lachte sie sogar ein bißchen. „Nä, nä,“ rief sie, „früh auf der Luftschaukel, nachmittags im Fahrstuhl, das gibt bestimmt schlechte Träume. Eßt nur nich viel zum Abendbrot, die Fahrerei und ’n voller Magen, das gibt ’ne schlechte Nacht.“

Hulda meinte es gewiß gut mit ihrem Rat; trotzdem befolgten ihn die Buben nicht. Die vergaßen ihn schon nach einundeinerhalben Minute, und nachher ließen sie sich das Abendbrot besonders gut schmecken, und als sie in ihre Betten stiegen, dachten sie an keine bösen Träume. Und doch behielt Hulda recht. Peter schlief zwar wie ein Mehlsäcklein, Mathes dagegen träumte wunderliche Dinge. Mit dem größten Weltwunder zusammen fuhr er immerzu Karussell, und vielleicht wäre er noch bis zum Morgen gefahren, wenn nicht plötzlich der Zigeuner ihn vom Pferd herabgezogen hätte. Mathes bekam Angst, der Mann sah ihn so bitterböse an und schalt wie der Führer vom Fahrstuhl. Da dachte Mathes im Traum wie manchmal im Leben: Ausreißen ist gut, und riß aus.

Doch trapp trapp! lief der Zigeuner hinter ihm her.

Mathes lief zu Kasperle, der zog rasch seinen Vorhang zu, und plötzlich rief da der brummige Schaffner und schrie: „Zahlen! Wer kein Geld hat, darf nicht herein.“

Und da war der Zigeuner ganz nahe, und auf einmal sah er aus wie Herr Brummerjan. Mathes schrie, er rannte fort und der Zigeuner immer hinter ihm her; da war die Luftschaukel, und in seiner Angst kletterte Mathes an dem Gerüst empor, höher und höher und — plumps! da fiel er herunter.

Mathes rieb sich die Augen. Er war nun nicht mehr auf dem Meßplatz. Ganz verwundert sah er sich um. Das Zimmer war matt erhellt, denn draußen stand der Mond klar und rein am Himmel, und sein sanfter Schein füllte das Bubenstübchen. Auch brannte auf der Straße, gerade vor dem Fenster, noch eine Laterne und gab Licht. Mathes erkannte nach und nach seine Umgebung und merkte auch allmählich, daß er nicht in seinem Bett, sondern auf dem Fußboden lag. Nun war es für die Sternbuben etwas höchst Erstaunliches, wenn einer von ihnen einmal in der Nacht aufwachte. Darum besann sich Mathes auch lange, ob er nicht doch träumte. Erst als es ihm ein wenig kühl wurde, merkte er, daß er wirklich wach war.

„Peter!“ stöhnte er endlich, „Peter!“ Aber er konnte oft Peter rufen, der hörte ihn nicht. „Wach auf!“ schrie Mathes, aber Peter wachte eben nicht auf.

Schließlich gab Mathes das Rufen auf und schickte sich an, in sein Bett zu steigen. In diesem Augenblick wurden auf der Straße Schritte laut; trapp, trapp! ging es, genau so, wie vorhin das Laufen des Zigeuners geklungen hatte.

Trapp, trapp, trapp! In der nächtlichen Stille hallten die Schritte laut.

Mathes stand nun schon auf seinen Beinen. Furchtsam war er nicht, aber neugierig. Wer mochte da gehen? Geschwind lief er zum Fenster, schob die Vorhänge zurück und schaute hinaus.

Die Schritte verstummten plötzlich, ganz still war es nun.

Daheim im Silbernen Stern schliefen die Buben stets bei offenem Fenster, und Mathes dachte, dabei kann man doch besser hinaussehen. Er riegelte also das Fenster auf und sah hinaus. Die Straße lag ganz im weißen Licht des Mondes, dazu leuchtete die Laterne wie eine Lampe. Mathes sah niemand auf der Straße gehen, doch da —

Ein gellender Schrei durchhallte das Zimmer. Neben der Laterne stand ein Mann, und Mathes sah gerade — dem Zigeuner in das Gesicht.

Der Bube brüllte fürchterlich vor Schreck, und Peter, der nun doch wach wurde und den Bruder schreien hörte, schrie gleich mit. Davon konnte jemand schon munter werden.

Eva hörte das Geschrei. Hulda hörte es, und beide kamen fast zu gleicher Zeit angelaufen. Sie fanden Peter schreiend im Bette sitzen und Mathes auf einem Stuhl stehend; auf den war er in seiner Angst hinaufgeklettert. Es dauerte ein Weilchen, ehe die beiden Helferinnen erfahren konnten, was eigentlich geschehen war. Sie sahen das offene Fenster und blickten hinaus; still und friedsam lag die Straße im Mondlicht, kein Mensch war zu sehen.

„Sie haben geträumt; ich hab’s ja gesagt, von der vielen Fahrerei ist es ihnen duselig geworden,“ erklärte Hulda. „Geben Sie ihnen Zuckerwasser, Fräulein Eva, und dann rasch ins Bett. So was, bei nachtschlafender Zeit!“

Eva fand den Rat der alten Dienerin gut. Mathes und Peter erhielten jeder ein Glas Zuckerwasser. Mathes kletterte in sein Bett zurück, Hulda ließ zur Sicherheit noch die Rolläden herab, dann löschte sie das Licht, und einige Minuten später schliefen die Buben wieder fest.

Draußen sagte Hulda: „Sie haben geträumt.“

„Sicher!“ Eva nickte. „Es war zu viel, morgen dürfen sie nicht wieder auf die Messe,“ erklärte sie.

Aber als Mathes am Morgen beim Frühstück saß, da behauptete er: „Ich hab’ net geträumt, der Zigeuner ist auf dem Gäßle gestanden.“

Und dabei blieb er.

Elftes Kapitel.
Die vielen Bilder.

Offenbar dachte die Sonne auch an diesem Tag, weil die Breitenwerter Sternbübles nun doch einmal nach Leipzig gefahren sind, muß ich auch dort scheinen. Sie glänzte wieder frühlingsschön am blauen Himmel, und Mathes und Peter sahen nach dem Frühstück ein wenig betrübt auf die sonnige Straße hinab. Tante Eva hatte gesagt: „Heute früh wird daheimgeblieben; ihr mögt im Garten spielen. Allzuviel ist ungesund.“

Der kleine Garten lockte nicht sehr, und auf Herta und Irene waren die Buben noch böse, also schien ihnen der Vormittag ein bißchen langweilig. Aber Tanten, zumal wenn sie ein so weiches Herz haben wie Eva von Ringewald, sehen nicht gern betrübte Kindergesichter, und sie ändern dann wohl ihre Meinung.

Eva sah die Buben am Fenster stehen und etwas trübselig hinausschauen, da dachte sie, es sind doch Ferien und die beiden sind zum Besuch hier, was haben sie da vom Daheimbleiben am lichten Tag? Sie ging zu ihrer Mutter und fragte die, und diese gute Mutter sagte sanft: „Geh mit ihnen aus, zeig ihnen etwas, vielleicht den Zoologischen Garten.“

„Nein,“ rief Eva, „heute nicht, dort erleben sie sicher wieder ein Abenteuer und schreien in der Nacht. Ich führe sie ins Museum.“

„Auch recht!“ Frau von Ringewald lächelte ein wenig. „Ich bin neugierig, wie es ihnen dort gefällt.“

Husch! lag der Sonnenschein auch auf den Gesichtern der Buben, als Eva ihnen sagte: „Wir gehen doch spazieren, ins Museum.“

„Hurra! Wo die vielen Bildles sind?“ Mathes und Peter konnten sich nicht schnell genug zum Ausgang richten; sie waren fertig, ehe Eva auch nur den Hut aufgesetzt hatte. Die sagte: „So schnell geht das nicht, ich habe noch für Mutter allerlei zu besorgen. Gehet aber einstweilen hinaus, ihr müßt mir freilich versprechen, kein Schrittlein weiter als bis ans Nachbarhaus zu gehen.“

Die Buben gaben das Versprechen, und sie hielten es auch. Und dies war nicht einmal leicht, denn die Straße entlang kam mit flatternden Zöpfen Annedore. Die winkte und nickte schon von großer Weite, und sie wunderte sich arg über die Buben, warum die ihr nicht entgegenkamen.

Die standen und taten kein Schrittlein über die Hausgrenze hinaus. Sie wollten brav sein, und als Peter noch einen Hopser wagen wollte, hielt Mathes ihn fest: „Wir dürfen net.“ Danach sahen sich beide an und nickten sich zu, sie waren nämlich über ihre eigene ungeheure Bravheit selbst erstaunt.

„Hallo, hallo!“ schrie Annedore.

„Hallo, hallo!“ antworteten die Buben und blieben stehen.

„Seid ihr angewachsen?“

„Noi! Wir dürfen net weiter.“

Da war Annedore schon neben ihnen, und es gab eine sehr herzliche Begrüßung.

„Ich will euch nämlich einladen,“ sagte Annedore vergnügt. „Meine Mutter hat’s erlaubt, obgleich sie euch noch nicht kennt, aber sie kennt Frau von Ringewald, also geht es. Halb fünf dürft ihr kommen.“

Den Sternbuben kam nun freilich die Einladungsgeschichte etwas umständlich vor; in Breitenwert lud man feierlich nur zu Geburtstagen ein, sonst lief ein Kamerädle dem andern ohne Umstände ins Haus. Immerhin, der Gedanke, am Nachmittag zu Annedore zu gehen, war verlockend. Sie sagten daher sehr laut zu, und Annedore erklärte, sie würde nun gleich auf Tante Eva warten, um diese zu fragen. „Fein, fein!“ jauchzte sie und hüpfte hin und her.

„Fein, fein, fein!“ schrieen die Buben laut. Wer am Ende der Straße wohnte, konnte gewiß ihr Rufen hören.

„Was ist denn fein?“ Ein dunkler Schatten fiel über die sonnige Straße, und als die drei aufblickten, sahen sie — den Zigeuner vor sich stehen. Nur nicht so bunt angezogen wie auf der Messe war er. Mathes erschrak fürchterlich. Gerade wie in der Nacht war es. Aber doch wieder nicht so unheimlich, denn Annedore war ja da, und Peter schlief nicht, ja alle beide schauten den Zigeuner mehr neugierig als erschrocken an.

„Was ist fein?“ fragte der Zigeuner noch einmal, und sein Blick glitt dabei scheu am Hause entlang.

„Wir sind eingeladen,“ antwortete Peter.

Der Zigeuner lächelte ein wenig. „Und jetzt geht ihr wohl spazieren — allein?“

„Noi, mit Tante Eva!“

Peter blieb die Antwort halb im Munde stecken, denn Annedore zog ihn heftig am Kittel. „Man darf nicht mit fremden Leuten reden,“ tuschelte sie ihm zu.

Ob der Zigeuner das gehört hatte? Er kniff die Augen ein wenig zu, schielte wieder nach dem Hause hin und sagte langsam: „Dann ist — eure Tante wohl wieder — gesund?“

Weil nach Peters Meinung jemand, der im Bett lag, sehr krank war, rief er eifrig, ohne sich an Annedores Zerren und Ziehen zu kehren: „Noi, die ist alleweil noch krank, furchtbar krank!“

Der Zigeuner lief plötzlich davon. Mit langen Schritten rannte er die Straße hinab, und gerade als Eva von Ringewald aus dem Hause kam, bog er in eine andere Straße ein.

„Der Zigeuner war da.“

„Annedore hat uns eingeladen.“

„Er hat mit uns geredet.“

„Ihre Mutter hat’s erlaubt.“

„Er hat die Augen zugekniffen und so gemacht.“ Mathes drehte den Kopf, schielte nach dem Hause hin, und Eva von Ringewald stand da und wußte nicht recht, was alle diese Reden bedeuten sollten. Sie sah den Zigeuner nicht mehr, aber Annedore sah sie stehen; sie fing daher von der Einladung an, und Annedore knickste und richtete mit so wohlgesetzten Worten die Bestellung ihrer Mutter aus, daß die Sternbuben sie darob anstaunten. Wie Alette Amhag, das Prinzeßchen der Löwengasse, kam sie ihnen vor, und doch war sie eigentlich eher wild und lustig wie Trinle Grill. Eva gab die Erlaubnis zu dem Nachmittagsbesuch, sie redete noch ein paar Worte mit Annedore, dann fragte sie nach dem Zigeuner.

Mathes rief: „Wie in der Nacht ist er dagestanden, genau so!“

„Ach, das hast du ja geträumt!“

„Noi, ich hab’s net geträumt!“

Mathes blieb dabei, und da auch Annedore und Peter von dem Zigeuner erzählten und Annedore ihn als sehr unheimlich schilderte, sagte Eva, doch etwas ängstlich geworden: „Ihr dürft gar nicht mit ihm sprechen; das nächste Mal lauft ihr gleich in das Haus zurück, wenn er noch einmal kommen sollte. Und nun schnell, sonst wird es zu spät für das Museum.“

Es gab einen kurzen Abschied von Annedore, die wieder heim mußte, und dann trabten die Buben neben Tante Eva her in die Stadt hinein. Durch breite, schöne Straßen ging’s, über weite Plätze, auch durch ein paar enge Gäßlein. Selbst durch etliche Häuser hindurch führte Eva ihre Schützlinge. Diese langgestreckten, hohen Häuser, die manchmal zwei, drei Höfe hatten, glichen eher Gassen, und sie gefielen den Sternbuben sehr. Noch besser gefiel es ihnen freilich dann, mit ihrer jungen Tante in einer Konditorei zu sitzen und Kuchen zu schmausen. Wie sie so an einem Marmortischchen saßen und von einem Kellner bedient wurden, kamen sie sich ungeheuer wichtig vor. Sie dachten, alle Leute müßten sehen: Da sitzen die Sternbuben aus Breitenwert und essen Kuchen; nein, wie vornehm!

Sie waren in ihrem ganzen Leben noch nicht in einer Konditorei zum Kuchenessen gewesen, denn in Breitenwert gab es nur eine einzige, und in die gingen nur die großen Leute; für Kinder war da kein Platz. Einzig schade war, daß die Freunde aus der Löwengasse nicht zuschauen konnten, um sie beide zu bewundern. Die hätten Augen gemacht, o je!

Doch es kam niemand und wunderte sich, und dem Kuchen ging es, wie es Kuchen einmal geht, er wurde alle, das Vergnügen war zu Ende. Ein Weilchen später stiegen Mathes und Peter die breite Freitreppe zum Museum empor. Eva öffnete die schwere Eingangstür, und drinnen umfing kühle Stille die drei. Der hohe, weite Raum, die breite Treppe innen, alles kam den Buben ungeheuer prächtig vor, und Peter wagte die schüchterne Frage: „Ist das ein Schloß?“

„Ein Schloß ist’s nicht, aber schön ist’s, gelt?“

Die Buben nickten nur. Die Feierlichkeit des Raumes bedrückte sie fast, und die vielen Bilder an den Wänden verwirrten sie. Doch Eva führte sie zuallererst vor ein Bild, das ihnen beiden ausnehmend gefiel. Da saß der Herr Jesus in einer hellen, sonnigen Stube, und viele Kinder umdrängten ihn, Kinder, wie sie daheim in Breitenwert herumliefen. Fein und lieblich war das Bild, recht zum Freuen. Nach diesem gab es andere Bilder zu sehen; manche fanden Mathes und Peter langweilig, manche gefielen ihnen, eigentlich aber fanden sie, es wären zu viele Bildles da. Unten hingen welche, oben hingen welche, und wenn man dachte, nun ist’s zu Ende, da kam wieder ein Saal, ein Zimmer und wieder Bildles, große und kleine.

Eva von Ringewald liebte ein Bild besonders. Eine Berggruppe stellte es dar, die im ersten Schein der Morgensonne glänzte. Dieses Bild war für sie eine Erinnerung. Diese schönen Schweizer Berge hatte sie einmal so glänzen sehen mit dem verlorenen Bruder zusammen. Damals hatten sie lustige Pläne geschmiedet; nach Indien wollten sie reisen, nach China, weit, weit in die schöne Welt hinaus.

An all das dachte Eva, während sie mit den Buben auf der Polsterbank vor dem Bilde saß, und sie vergaß ihre beiden Schützlinge darüber etwas. Ganz still waren die, merkwürdig still.

Menschen kamen und gingen vorüber, hinter sich hörte Eva ein leises Kichern, und dann blieb ein alter Herr vor ihr stehen und sagte gutmütig: „Die beiden da sind recht müde.“

Eva erschrak und sah sich um. Neben ihr lagen die Sternbübles und — schliefen. Mathes saß noch halb, aber Peter hatte sich auf der Polsterbank ausgestreckt, und ein Bein baumelte herab.

„Aber Jungen!“ Eva zupfte die beiden verlegen an ihren Kitteln. „Steht auf!“ flüsterte sie ihnen zu, aber ihre sanfte Mahnung half gar nichts, die beiden schliefen vergnügt weiter.

„Die müssen kräftiger geweckt werden,“ sagte der alte Herr, und er beugte sich selbst zu Mathes herab, schüttelte ihn tüchtig und rief ihm halblaut ins Ohr: „Wach auf!“

Ein paar Backfische, die zusahen, lachten hell auf, und von der fremden Stimme und dem Lachen erwachten die Buben. Peter, der meinte, in seinem Bett zu liegen, wollte sich umdrehen und kollerte dabei auf den Boden. Es gab einen dumpfen Fall, und ein Aufseher eilte erschrocken herbei. „Herrjeses, nee!“ rief der, „man kugelt sich doch hier niche auf dem Boden herum, so was, das schickt sich doch nich!“

„Sie sind müde,“ riefen die Backfische mitleidig.

Eva von Ringewald war so verlegen geworden, als wäre sie selbst hingefallen. Als nun aber die Buben wieder auf ihren Beinen standen und sich noch verschlafen und grenzenlos erstaunt umsahen und das Lachen ringsum lauter wurde, seufzte sie tief. Es war doch recht schwer, den Sternbuben die große Stadt zu zeigen. „Kommt heim,“ murmelte sie und zog die beiden rasch mit sich fort dem Ausgang zu. Die beiden folgten halb im Traum, und erst als sie draußen standen im Sonnenlicht, wurden sie wieder munter.

Vor ihnen lag der weite, schöne Platz im hellen Glanz. Der Springbrunnen rauschte, seine Wasserstrahlen glitzerten in der Sonne, über den Platz liefen viele Leute, die Wagen rollten, die Klingeln der elektrischen Bahnen schrillten, es war schon ein Leben und Getöse, von dem ein paar Kleinstadtbuben müde werden konnten.

Eva überlegte sich das gerade, als Mathes sie sacht am Kleid zog. „Jetzt bist du wohl bös, Tante?“ flüsterte er bedrückt.

„Ich konnt’ doch net dafür!“ klagte Peter auf der andern Seite.

„Nein, ich bin nicht böse.“ Eva beugte sich ein wenig vor und fragte neckend: „Ihr armen Schelme, es war wohl recht langweilig?“

„Noi, fein war’s!“ riefen beide, und Mathes fügte ehrlich hinzu: „Nur zu viel Bildles sind drin.“

Der Zoologische Garten wäre wohl besser gewesen, dachte Eva, und sie begann auf dem Heimweg von den Löwen, Bären, den Affen und vielerlei Tieren zu erzählen, die sie sich morgen zusammen ansehen wollten.

Da wurden die Buben blitzmunter, und die Fragen purzelten nur so heraus. Kaum hatte Mathes etwas gefragt, da tat Peter seinen Mund auf, und Eva hatte dem noch keine Antwort gegeben, da wollte schon Mathes wieder etwas wissen. Sie fragten noch, als Eva schon die Türe zur Wohnung aufschloß, und Hulda, die ihnen auf dem Flur entgegenkam, dachte nicht anders, als die Buben wären im Zoologischen Garten gewesen, so viel redeten die von den Tieren dort. Wenn Hulda fragte, ob es ihnen denn gefallen hätte, antwortete Mathes, ein Elefant sei auch drin, Tante Eva habe es gesagt; und Peter erzählte von den Bären.

Auch bei Tische redeten sie mehr von den Tieren, die sie sehen wollten, als von den Bildern, die sie gesehen hatten. Frau von Ringewald lachte dazu, und Eva freute sich über das Lachen der Mutter; sie dachte, es ist doch gut, daß die Buben da sind. Und sie war lieb und gütig zu ihnen und begleitete sie am Nachmittag selbst zu Annedore. Die wohnte in einem schönen Hause drei Treppen hoch, und Eva schärfte unten Mathes und Peter ein, wie sie oben zu klingeln hätten. Sie sollten auch fein höflich sein, der Mutter Gruß nicht vergessen, nicht zu viel Kuchen nehmen und auch nicht zu wild sein.

So mit guten Ermahnungen beladen, kletterten die Buben die drei Treppen hinauf. Ein bißchen bänglich war ihnen freilich zumute. Aber oben ging es dann vergnügter zu, als sie es gedacht hatten. Annedores Mutter war eine fröhliche, gütige Frau, die wohl wußte, Buben sind mal laut, Buben essen gern Kuchen und vergessen es manchmal, so fein höflich zu sein wie Erwachsene. Annedores einziger Bruder war freilich schon beinahe ein junger Herr, er saß in Obersekunda und hielt es natürlich unter seiner Würde, mit der jüngeren Schwester und ihren Freunden zu spielen. Denen gefiel das Spielen zu dreien aber auch sehr gut, sie waren ungemein lustig, und die Sternbuben vergaßen darüber die große Stadt; sie spielten so, wie sie in Breitenwert mit ihren Kamerädles spielten. Wie sie so mitten drin in Spiel, Lust und Freude waren, horchte Annedore auf einmal auf; sie hörte Stimmen draußen, doch die verhallten wieder, und nach ein paar Minuten kam Marie, das Zimmermädchen, herein und sagte: „Annedore, Herta und Irene waren da, sie sind aber wieder fortgegangen, als ich erzählte, wer bei dir ist.“

„Mögen sie!“ brummte Annedore nur, und dann spielten die drei weiter und vergaßen die beiden, die sie im Stich gelassen hatten.

Unterdessen stiegen Herta und Irene sehr niedergeschlagen die Treppen hinunter, und Irene sagte: „Du bist schuld, warum bist du fortgelaufen.“

„Du bist schuld, du hast gesagt, wir sollen die Jungen mitnehmen,“ rief Herta.

„Du hast es zuerst gewollt.“

„Nein, du!“

So stritten sich die beiden und gingen verstimmt miteinander heim, denn sie ärgerten sich, daß Annedore nur die Sternbuben eingeladen hatte und nicht sie dazu. Annedore liebten sie eigentlich beide, auch war Annedore Klassenerste, und es galt als Ehre, mit ihr zu verkehren. „Sie ist böse mit uns,“ klagte Irene.

„Daran sind nur die Jungen schuld,“ schalt Herta.

„Wir reden nicht mehr mit ihnen.“

„Nein, nie mehr! Es schickt sich gar nicht, mit ihnen zu verkehren.“

Als die beiden nach Hause kamen, waren sie entschlossen, nie mehr mit diesen groben, ungezogenen Buben zu spielen, ja, nie mehr. Und zeigen wollten sie es ihnen, sie wollten morgen und alle Tage in den Garten gehen und tun, als wären ihnen ihre neuen Nachbarn ganz unbekannt. Sie dachten sich allerlei aus, womit sie die beiden ärgern wollten, und dabei weinten sie selber vor Ärger auf der Treppe, während just zur gleichen Zeit Annedore und ihre Gäste lachten, daß Marie warnte: „Ihr werdet noch platzen vor Lachen!“

Hulda fand aber die Sternbuben noch ungeplatzt, als sie kam, die beiden heimzuholen. „So früh?“ riefen Annedore und ihre Gäste. „Viel zu früh!“

„Nich zu früh, spät ist’s schon. Aber morgen oder übermorgen mögt ihr weiterspielen bei uns. Fräulein Eva hat’s gesagt, ich soll’s bestellen.“

Das war noch ein Trost, der den Abschied versüßte.

Vergnügt trennten sich die neuen Freunde, und die Buben wanderten vergnügt mit Hulda heimwärts. Für alles, was sie zu erzählen hatten, war der Weg zu kurz; vor dem Hause blieben sie darum noch stehen, weil Peter durchaus eine Geschichte fertig erzählen wollte, die Annedore ihnen erzählt hatte, und die furchtbar komisch war.

Er kam jedoch mit seiner Erzählung nicht zu Ende, denn Mathes schrie plötzlich: „Da war er wieder!“

„Wer denn? Aber Junge, schrei doch nicht so!“ mahnte Hulda.

„Der Zigeuner da, da!“

Ein Mann ging sehr eilig dicht an den Häusern entlang, er glich in der tiefen Dämmerung nur noch einem Schatten, als Hulda ihn erblickte.

„I Junge, du siehst Gespenster! Du hast wieder geträumt.“ Hulda brummte es ziemlich unwirsch, der Zigeuner fing an, sie zu ärgern.

„Noi, ich hab’s net geträumt,“ behauptete Mathes genau wie am Morgen. „Er war’s wieder, er war es ganz bestimmt!“

Hulda schwieg, nachher aber sagte sie zu Eva: „Fräulein Eva, mit dem Zigeuner das ist ’ne sonderbare Sache. Graulen kann man sich. Ich glaube, wir müssen auf die Jungen achtgeben. Am Ende raubt sie uns der Zigeuner noch und macht Meßleute draus. Man kann nie wissen, was so ’n Zigeuner denkt. Heute nacht aber schlafe ich in der Schrankstube neben den Jungen, damit ich gleich dabei bin, wenn sie schreien.“

Und Hulda schlief wirklich in der Schrankstube. Doch Mathes schrie nicht und Peter schrie nicht, niemand und nichts störte Huldas Schlaf. Sie stand darum auch nicht auf und sah auch nicht den Mann vor dem Hause stehen, der lange, lange unverwandt zu den dunklen Fenstern emporstarrte. Nur der Mond sah ihn, und der Mond dachte: Da steht wirklich der Zigeuner wieder da, was der nur will?

Zwölftes Kapitel.
Kasperle muß das Heimweh vertreiben.

Herta und Irene gingen am nächsten Vormittag wirklich in den Garten, nur um die Buben zu ärgern. So meinten sie; heimlich hofften sie aber, Mathes und Peter würden sehr nett sein, und sie würden sich wieder miteinander vertragen, und sie würden sich auch mit Annedore versöhnen, alles würde gut sein. Doch sie kamen weder dazu, ihre Nachbarn zu ärgern noch sich mit ihnen zu versöhnen. Die erschienen gar nicht. Im Garten blieb es still, und als die beiden Mädel zur Mittagstunde mißmutig ihre schönen Spielsachen zusammenpackten und wieder hinaufgingen, kamen die Sternbuben gerade mit ihrer jungen Tante heim. Sie waren im Zoologischen Garten gewesen. Dort waren sie nicht eingeschlafen, ja sie wären gern noch einmal so lange dort geblieben, so gut hatte es ihnen gefallen.

An diesem Nachmittag ging es in der Ringewaldschen Küche wie in einer Menagerie zu. Mathes und Peter brüllten, brummten, kreischten und schrieen wie die Tiere, die sie am Morgen gesehen. Hulda mußte doch alles hören! Peter ahmte einen Affen nach, Mathes brüllte wie ein Löwe, und Hulda sagte, fürchterlich sei es.

Die Buben dachten nicht daran, in den Garten zu gehen; erst als Annedore kam, stiegen sie mit der hinab, und die war gern bereit, Zoologischen Garten mitzuspielen. Natürlich mußten sie wieder brüllen, kreischen und quieken, und dieser Lärm lockte Herta und Irene in den Garten. Und nun konnten sie nicht einmal tun, als wären die da drüben nicht zu sehen und zu hören, dazu war der Lärm zu groß. Und Annedore war ja auch dabei, um deren Freundschaft sie bangten.

Sie standen erst von fern, dann kamen sie näher und sagten nun doch zuerst guten Tag. Annedore nickte ihnen zu. „Wir spielen,“ rief sie vergnügt.

Mathes vergaß seinen Groll, er fand nämlich, der Zoologische Garten könnte reicher besetzt sein, und darum rief er über das Gitter den beiden zu: „Wollt ihr mitspielen?“

„Ja — wir können, ja!“ Herta sagte es sehr zögernd, und dabei hatte sie doch die allergrößte Lust mitzutun.

„Na, dann kommt! Herta kann Kamel sein und Irene Stachelschwein.“

„Pfui, seid ihr grob!“

„Wir sind doch net grob!“

„Ja, grob seid ihr — ihr Kellnerjungen!“

Mathes, der ohnehin ein Löwe sein wollte, brüllte laut vor Zorn; er war drauf und dran, über das Gitter zu steigen, doch Annedore hielt ihn zurück. „Die haben gedacht, du schimpfst sie,“ erklärte sie.

„Sie haben uns geschimpft!“

Annedore war sehr friedfertig. Zank und Streit mochte sie nicht leiden, darum rief sie über das Gitter:

„Das war doch nicht geschimpft!“

„Ich bin kein Kamel!“

„Ich bin kein Stachelschwein!“

„Es ist abscheulich, das zu sagen!“

Annedore lachte, und da erst begriffen die Sternbuben den Irrtum; sie lachten mit, lachten so herzhaft, daß ihre gekränkten Nachbarinnen angesteckt wurden. Sie kamen näher, Annedore erklärte, und über das Gitter hinweg versöhnten sich alle. Das Gitter trennte sie; und doch spielten sie zusammen. Diesseits waren die Käfige, und jenseits wanderten Herta und Irene einher und bewunderten die brüllenden wilden Tiere drüben. Sie waren lieber Zuschauerinnen als Kamel und Stachelschwein.

Es wurde nach aller Ansicht viel zu früh dunkel, und viel zu früh mußte Annedore heimwandern. Doch den frohen Nachmittag beschloß ein froher Abend, und die Sternbuben schliefen mit dem seligen Gedanken ein: morgen ist Sonntag.

Wenn schon die Wochentage so vergnügt waren, wie würde da erst der Sonntag sein!

Als Mathes und Peter erwachten, hörten sie ein sachtes, sanftes Rauschen. Unablässig erklang das, und im Zimmer war es auch nicht so hell wie in den vergangenen Tagen.

Es regnete! Plitsch platsch! tropfte es draußen, grau der Himmel, naß die Straße. Die Buben starrten ganz verdutzt hinaus. Auf Regenwetter hatten sie nicht gerechnet. Sie hatten den Sonnenschein hingenommen, als müßte es so sein; der Gedanke, es könnte ein solcher Regentag kommen, der hatte ihnen himmelfern gelegen.

„Vielleicht hört’s auf,“ sagte Mathes.

„Und wir können doch auf die Messe gehen!“ Peter erriet des Bruders Gedanken, denn auch er hatte an die Messe gedacht. Hulda hatte nämlich gestern gesagt: „Am Sonntag ist es am allerfeinsten auf der Messe.“ Und nun hofften beide, Hulda würde mit ihnen gehen.

Doch als Hulda in das Zimmer kam, sah sie gar nicht aus, als hätte sie Lust dazu. Sie machte ein höchst verdrießliches Gesicht und brummte: „Es regnet.“

„Es hört sicher bald auf,“ antwortete Peter hoffnungsvoll.

„I nä, das hört nicht auf! Wenn’s so träscht, dann dauert’s immer ’n paar Tage.“

Das war keine schöne Aussicht. Aber das Regenwetter war es nicht allein, was Hulda die Laune verdorben hatte. Herr Buchner kam heute zum Mittagessen. Und obgleich sie sich vorgenommen hatte, ihn niemals mehr Herr Brummerjan zu nennen, sagte sie doch zu den Buben: „Herr Brummerjan kommt heute, da nehmt euch nur zusammen, mit dem ist nicht gut Kirschen essen!“

„Wir besuchen dich in der Küche,“ riefen die Buben etwas kleinlaut, denn ihre Freude über diesen Sonntagsbesuch war nicht groß.

„Nä, gibt’s nich! Bleibt ihr heute nur oben! Wenn heute was am Essen nicht gerät, denkt meine liebe Frau gar, ich hätt’s absichtlich gemacht. Heute muß ich meinen Kopf zusammennehmen. Und nachmittag geh ich zu meiner Schwester.“

„Net auf die Messe?“ fragte Peter enttäuscht.

„Bewahre, bei dem Wetter doch nicht! Heute heißt’s zu Hause bleiben.“

Dies sagte ein Weilchen später auch Tante Eva. Und weil sie selbst allerlei zu tun hatte, riet sie den Gästen: „Spielt recht fein! Ihr dürft auch den Spielschrank ganz und gar ausräumen.“

Für Ausräumen nun waren die Buben mehr eingenommen als für Einräumen. Sie ließen auch wirklich kein Stück im Schrank, sie spielten dies und das, und zuletzt entdeckten sie noch einen kleinen Tuschkasten und ein Bilderheft dazu. Ausmalen liebten Mathes und Peter sehr. Namentlich Peter setzte gern die Farben recht kunterbunt durcheinander, und eine rosenrote Kuh oder ein himmelblaues Schaf waren bei ihm nichts Seltenes. Sie räumten schnell den Tisch ab und begannen zu malen. „Das feinste Blättle kriegt Tante Eva,“ sagten sie zueinander, aber auch für Hulda suchten sie ein Bild aus, und Peter malte einen zitronengelben Hirtenjungen, der zuletzt aussah wie ein Papagei.

Draußen schrillte ein paarmal die Klingel, Stimmen ertönten und Schritte. Die beiden achteten nicht darauf. Sie erschraken daher sehr, als Ida die Türe aufriß und ihnen zurief: „Schnell, schnell, ihr sollt mal vor ins Gartenzimmer kommen!“

Klapp! schlug Ida die Türe wieder zu. Es hatte draußen wieder geklingelt, darüber vergaß sie zu sagen, was Fräulein Eva ihr aufgetragen hatte.

Schnell sollten sie kommen! Die Sternbübles ließen Bilder, Farben, Pinsel, alles liegen und rannten hinaus. Schnell kommen hieß rennen, hieß die Türen kräftig zuschlagen und ordentlich trapsen. Wie der Sturmwind kamen sie beide ins Gartenzimmer hinein, aber sie blieben erschrocken an der Türe stehen, denn das Zimmer war voll fremder Menschen.

Da saßen ein paar Damen, da saß auch Herr Brummerjan.

„Kommt nur näher!“ sagte Frau von Ringewald. Und Ida, die hinter beiden die Türe öffnete, schob sie vor. „Geht nur, geht!“ mahnte sie.

„Jungen, was habt ihr gemacht!“ rief Eva tief erschrocken.

In diesem Augenblick sahen sich die Buben selbst in einem großen, der Türe gegenüberhängenden Spiegel. Jemine, was war das!

Wie eigentlich alle Farben aus dem Tuschkasten auf ihre Gesichter und Hände gekommen waren, das wußten sie nicht, aber da waren sie. Besonders Peter sah beinahe wie sein zitronengelber Hirtenjunge selbst aus, ganz papageienbunt.

Und die Hände, ach die Hände erst!

Mathes und Peter wären arg gern in ein Mauslöchle oder Fingerhütle gekrochen, doch keins von beiden war da. Sie blieben daher vor Schreck wie angewurzelt stehen, hörten Gelächter, hörten auch Herrn Brummerjans verdrießliche Stimme: „Deine Schützlinge sehen nicht gerade sonntäglich aus, Eva!“

„Geht hinaus!“ Eva von Ringewald sagte es dreimal, sagte es so streng, wie sie sonst nie sprach. Aber Mathes und Peter waren zu verdattert, die rührten sich nicht.

„Ärgern Sie sich nicht, Fräulein von Ringewald, die beiden haben gemalt, da kommt so etwas vor.“ Die Stimme klang den Buben hold in die Ohren, und sie sahen flehend zu der schlanken, hübschen Frau auf, die neben sie getreten war. „Ich muß euch doch einmal anschauen, denn sonst ist meine Annedore betrübt.“

Und sacht schob Annedores Mutter Mathes und Peter in das Nebenzimmer. An der Türe drehte sie sich um und bat: „Ich darf, nicht wahr? Ich möchte doch meiner Annedore neue Freunde kennenlernen!“

Und dann waren die Buben allein mit Frau Reinach, sie hörten die gütige, frohe Stimme, und da wagten sich allmählich ein paar Wörtlein aus ihren Mündern. Annedores Mutter wußte gut, wie man Bübles und Mädles, wenn der Mund zugefroren scheint, auftaut. Ihre Stimme klang wirklich wie ein sanfter, warmer Sommerwind. Die Sternbuben hatten in den letzten lustigen Tagen, an denen vielerlei im bunten Wechsel an ihnen vorübergezogen war, herzlich wenig an Breitenwert, an den Silbernen Stern, ihre Mutter und an Gundel gedacht. Plötzlich fiel ihnen alles ein. Ihre Mutter sprach anders als Frau Reinach, und doch meinten sie, die Mutter zu hören. Irgend etwas zwickte und zwackte da an ihren Herzlein herum, tat weh und machte sie traurig.

Annedores Mutter strich ihnen sacht über die beschmierten Gesichter. „Nun geht, ihr zwei, und wascht euch und seid wieder vergnügt. Übermorgen müßt ihr wieder zu uns kommen. Annedore freut sich schon darauf. Soll ich sie grüßen?“

Mathes und Peter nickten, und weil ihnen nichts zu sagen einfiel, nickten sie wieder und wieder. Endlich murmelte Peter schüchtern: „Kann sie net morgen kommen?“

„Nein, morgen ist sie zu ihrer Freundin Herta eingeladen, da darf sie nicht mehr absagen.“

Im Nebenzimmer tönten die Stimmen lauter, Schritte erklangen, da sagte Frau Reinach noch rasch: „Jetzt muß ich auch gehen, Kinder. Lebt wohl und vergeßt das Waschen nicht vor dem Essen.“

Bedrückt schlichen sich Mathes und Peter in ihr Zimmer. Da lag ihre schöne, bunte Malerei auf dem Tisch, und sie sahen fast böse darauf hin. Die dummen Farben, warum klebten die auch so an! Seufzend gingen sie beide an den Waschtisch und begannen eine große Rumpelei. Sie wollten sich sehr schön machen und nahmen dazu ihre Bürstlein zu Hilfe; sie rieben und rieben, bis Gesichter und Hände krebsrot waren, da endlich fanden sie, es sei genug geschehen. Just da kam Ida ins Zimmer. Die rief schon an der Türe ärgerlich: „Buben, was habt ihr denn gemacht? Schelte hab’ ich noch um euretwillen gekriegt. Na, seid ihr nun rein? Je, je, ihr glänzt ja wie ’n paar Tomaten!“

So eine stille Mahlzeit wie diese hatten die Sternbuben im Hause der Pate noch nicht erlebt. Frau von Ringewald fühlte sich matt, sie sprach kaum, nur manchmal warf sie den Buben einen freundlichen Blick zu. Auch Eva tat das. Deren Groll war rasch vergangen, weil aber Mathes und Peter mit ihren Nasen beinahe auf den Tellern lagen, sahen sie die guten Blicke nicht. Sie hörten nur immer Herrn Brummerjan reden. Der hatte eine heisere Stimme, die immer verdrießlich klang, immer so, als tadele er. Wie gut er es eigentlich im tiefsten Herzen meinte, das wußte nur seine Schwester. Die wußte auch, daß der Bruder mit ihr um den verlorenen Sohn litt, wußte, daß er seine Strenge längst bereute. Eva dagegen grollte dem Onkel bitter, und darum war sie wie immer in seiner Gegenwart schweigsam.

In diese Stille hinein klang ein paarmal ein lautes Klirren und Klappern. Erst fiel Peter seine Gabel auf den Fußboden, dann warf Mathes beinahe den Teller hinab. Jedesmal sagte Herr Brummerjan ärgerlich: „Nicht so laut!“ und jedesmal klapperten die Buben vor Schreck noch lauter.

„Die Buben sind schrecklich unerzogen!“ rief der Onkel gereizt. „Sie sollten wirklich nicht mit am Tisch essen.“

Und das sagte er gerade, als Ida eine schöne rosenrote süße Speise brachte, die gar lieblich duftete.