Die Sternbuben erschraken. Und wie es kam, wußte Mathes selbst nicht: sein Teller begann zu rutschen, er wollte ihn halten, Peter wollte helfen, und da sprang Peters Teller hops! vom Tisch, es klirrte, und das feine Gerät lag zerbrochen am Boden.
Eva stand rasch auf, sagte leise zu den Buben: „Kommt!“ und führte die zwei still aus dem Zimmer. „Ida bringt euch den Nachtisch in euer Zimmer, geht jetzt,“ sagte sie draußen, und dann kehrte sie selbst schnell in das Speisezimmer zurück. Sie wollte um der Mutter willen den Onkel nicht ärgern.
Vom Mittagstisch weggeschickt!
Als Ida mit dem Nachtisch ins Bubenstüble kam, fand sie die beiden bitterlich weinend am Fenster stehen.
„Heult nur nicht!“ tröstete sie gutmütig. „Fräulein Eva hat euch ordentlich viel süße Speise geschickt und da auch noch kleine Kuchen dazu, kommt nur und eßt!“
Ida ging wieder aus dem Zimmer, und die Sternbuben aßen den Nachtisch. Aber Tränen sind keine gute Würze. Das köstliche Gericht schmeckte ihnen nicht, die Herzen waren ihnen schwer, sie fühlten sich einsam und unglücklich, und Mathes sagte endlich mit tiefem Seufzer: „Ich möcht’ heim!“
„Ich auch!“ Peters Tränen salzten die süße Speise. Bissen um Bissen stopfte er in den Mund, und als er fertig war, heulte er laut: „Ich will heim!“
Als Eva von Ringewald nach einem Weilchen kam, um nach ihren Schützlingen zu sehen, fand sie zwei rechte Jammerbübles am Fenster stehen. Sie tröstete linde, sagte, sie wäre nicht böse, ließ sich sogar die Malerei zeigen, das Bildle, das sie haben sollte, ermahnte, es fertig zu machen, und meinte, als sie ihre Gäste verließ, um mit dem Onkel, während die Mutter schlief, Schach zu spielen, alles sei nun gut.
Heimweh ist aber ein böses Ding. Wenn es einmal da ist, spaziert es nicht so geschwind wieder zum Herztürlein hinaus. Und in den Herzen der Sternbübles saß das schlimme Ding und erzählte an diesem Regensonntag immer vom Silbernen Stern und der Löwengasse.
Am liebsten wären beide rutsch! mit der Bahn heimwärts gefahren. An Regentagen war’s auch lustig in der Löwengasse; da platschte man im Gäßle herum, ließ Schiffchen schwimmen, lief zu den Nachbarn. Da rannte man husch! husch! und sagte dann stolz: „Ich bin unter dem Regen weggelaufen, kein Tröpfle hat mich getroffen.“ Man sagte das nämlich auch, wenn man quitschquatschnaß war.
Ja, das Löwengäßle, wenn man doch gleich mal hätte dort sein können!
Und vor Heimweh kamen die beiden in eine bitterböse Streitlaune.
„Wir wollen malen,“ sagte Peter.
Mathes brummte: „Ich mag net.“
„Du mußt, deine Bildles sind noch net fertig.“
„Ich mag net.“
„Du bist dumm!“
„Du bist ’n Esel!“
„Ich hau wieder!“
Und rips raps! lagen sich beide in den Haaren. Sie pufften und knufften sich, zerrten sich durch das Zimmer, ein Stuhl flog um, auf dem Tisch schwappte das Wasser über die Malerei, sie merkten es nicht. Aber Hulda merkte es gleich. Die kam nämlich, um Abschied zu nehmen, ehe sie zu ihrer Schwester ging. „Buben!“ schrie sie, „rappelt’s bei euch, daß ihr euch am lieben Sonntagnachmittag prügelt? Na, so was!“ Sie packte beide und schüttelte sie tüchtig.
„Ich möcht’ heim!“ jammerte Peter.
„Ich auch!“
„I nä, auf einmal! Ihr habt wohl Heimweh?“
„Noi, ich hab’ net Heimweh,“ klagte Mathes, „aber ich möcht’ heim.“
„Ich will auch heim!“
„Also habt ihr doch Heimweh! Ja, aber warum haut ihr euch denn?“ Hulda schüttelte immerzu den Kopf. „Das soll nun jemand begreifen!“
Sie begriff es nicht, und die Sternbübles begriffen auch nicht, was da so in ihren Herzen zwickte und zwackte, sie unfroh machte; sie sagten nur immerzu: „Wir haben net Heimweh!“
„Ach was, papperlapapp! Natürlich habt ihr Heimweh!“ Hulda sah sich nachdenklich im Zimmer um. „Wißt ihr was?“ rief sie plötzlich und holte aus dem Schrank die bunten Briefbogen heraus. „Darauf schreibt ihr wieder an eure Mutter und an Gundel und an alle eure Freunde.“
Schreiben! Mathes dehnte das Wort ganz lang, sehr viel Lust hatte er nicht. Doch Hulda wußte gut zuzureden, und so entschlossen sich die Buben wirklich, Briefles zu schreiben.
Hulda räumte noch selbst den Tisch ab, stellte alles zurecht, ermahnte die Buben, mit den Tintenklecksen sparsam zu sein, und dann ging sie. Unterwegs dachte sie: Bin neugierig, ob sie mich nun wieder ekliger Affe nennen!
Doch diesmal kam Hulda in den Briefen sehr gut weg. Vielerlei stand in den Schreiben: von der Messe, dem Zoologischen Garten, vom Zigeuner, von Annedore und der Konditorei. Eva, die den beiden selbst ihr Vesper brachte, war froh, sie so gut beschäftigt zu finden. Sie versprach ihnen: „Wenn der Onkel fort ist, spielen wir noch Lotto zusammen.“
Draußen rann und rauschte der Regen unablässig nieder. Der Tag erlosch frühe. Der Onkel ging, und er verlangte sogar beim Abschied, noch die Buben zu sehen. Hinterher tat es ihm doch leid, daß er sie verjagt hatte, und er lud sie sogar ein, sie sollten ihn besuchen. Er erhielt freilich keine Antwort. Denn wenn ein Kirchturm gekommen wäre und gesagt hätte: „Wir wollen zusammen Haschen spielen,“ verwunderter hätten die Sternbuben nicht sein können. Da brummte Herr Brummerjan: „Kleinstädter sind’s, man merkt es!“
Kaum war der Onkel weg, da kam Hulda wieder. Tante Eva sagte: „Nun spielen wir noch Lotto.“
Vor dem hübschen Bilderlotto riß das Heimweh ein bißchen aus; die Buben wurden wieder ganz vergnügt. Während Eva mit ihren Gästen im Wohnzimmer spielte, sagte Hulda gnädig zu Ida: „Ich will mal bei den Buben aufräumen!“ Und dann ging Hulda in das Bubenzimmer, räumte auf und — las die drei Briefe, die Mathes und Peter geschrieben hatten.
Die gute Hulda war nämlich neugierig wie eine Elster, sie wollte wissen, was diesmal von ihr in den Briefen stand.
Sie las und freute sich. Da stand: „Hulda liben wir fuhrchbar.“ Na, das hörte sich doch anders an als „ekliger Affe“. Hulda las die Briefe von Anfang bis zu Ende, und obgleich sie auch mit der Rechtschreibung ein wenig auf Kriegsfuß stand, dachte sie doch: Na, na, Buben, Fehler macht ihr aber arg viele!
Doch was stand denn da?
Hulda las den Satz einmal, zweimal, ja, sie las ihn zum drittenmal, und ganz bestimmt, er lautete: „Der Ziehgeuner siht aus wie Tante Efa, und erst hat er mal blond ausgesän.“
„Dumme Jungen!“ brummelte Hulda. Sie legte den Brief weg, nahm ihn wieder auf, schüttelte immer mehr den Kopf, und dann setzte sie sich plötzlich auf einen Stuhl; sie konnte nicht mehr stehen bleiben, so sehr war sie vor ihren eigenen Gedanken erschrocken. „So was, das ist doch nicht möglich!“ Hulda hatte die Gewohnheit, manchmal mit sich selbst zu sprechen; sie tat das jetzt auch und sagte tief seufzend vor sich hin: „Dumme Jungen! Der Zigeuner unserm Fräulein Eva ähnlich! O du lieber Himmel, auf was für närrische Gedanken kommt man noch! Nä nä, so was, so was!“
Hulda vergaß, daß sie das Abendessen herrichten wollte, sie vergaß den grauen Regentag, die Sternbuben und noch vielerlei, sie dachte nur immer an einen blonden Buben, den sie so lieb gehabt hatte wie ein eigenes Kind. „Fritz, mein Fritz,“ klagte sie, „wärst du doch nicht in die weite Welt gegangen!“
Draußen regnete es immerfort, doch auch innen im Zimmer gab es ein Regengüßlein. Hulda weinte, sie hielt sich die Schürze vor das Gesicht und weinte bittere Tränen hinein, und ein paar tropften auf Mathes Brief, und es wurden große Flecke daraus. So weinend fand sie Ida, die kam, an das Abendessen zu erinnern.
„Hulda!“ rief sie erstaunt, „was ist denn los? Haben gar die Jungen wieder frech geschrieben?“
„I wo!“ Hulda trocknete sich seufzend die Tränen ab, nahm Mathes’ Brief, steckte ihn schnell in den Umschlag und klebte den zu. „Nett haben sie geschrieben, ich — ich dachte ..., na eben, ich dachte nur so allerlei.“
Ida schielte nach den Briefen hin, zwei lagen noch da, und sie wollte gerade danach greifen, als sie Mathes und Peter draußen trapsen hörten. „Schnell, schnell, Hulda, das Abendbrot! Wann soll denn die gnädige Frau ihre Suppe bekommen, wohl um Mitternacht?“
„Herrje!“ Hulda rannte zur Türe hinaus, stieß dort mit den Sternbuben zusammen, die sie ganz verdutzt ansahen. Hulda hatte geweint!
Zwei Minuten später wußte es die Pate und Tante Eva: Hulda hat geweint!
„Habt ihr sie geärgert?“ fragte Eva erschrocken.
Aber die Buben hatten ein gutes Gewissen, und darum stiegen sie auch unverzagt zu Hulda in die Küche hinab und fragten Hulda sehr eindringlich nach ihrem Kummer.
„Mir fehlt nichts,“ brummte diese. „Ich war nur mal ’n bißchen traurig, weil — weil —“
„Weil’s geregnet hat?“ fragte Peter.
„Ja, darum, und nu ist’s wieder gut. Geht nur rauf!“
Viel war mit Hulda an diesem Abend nicht anzufangen. Sie blieb wortkarg, behauptete, das Regenwetter wäre ihr in die Glieder gefahren, und sicher würde es noch drei Tage lang regnen.
Das war kein guter Trost. Mathes und Peter gingen nicht so vergnügt wie sonst zu Bett, und als sie allein im Dunklen lagen, kam das böse Heimweh wieder und quälte sie, und sie machten es wie Hulda, sie weinten. Sie taten dies freilich nicht still, sondern ziemlich laut, und Eva hörte plötzlich wieder ein schauerliches Gebrüll. Erschrocken lief sie zu ihren kleinen Gästen hinüber, drehte das Licht an und sah nun beide heulend in ihren Betten sitzen.
„Aber Buben, was fehlt euch denn?“
„Ich möcht’ heim!“
„Ich will auch heim!“
„Meine Mu—mutter!“
„Mu—u—“ Peter konnte das Wort gar nicht mehr zu Ende sagen, er wühlte schluchzend den Struwwelkopf in seine Kissen.
Sie haben Heimweh, dachte Eva mitleidig und versuchte die beiden Schelme zu trösten. Erst mit guten Worten. Morgen würde die Mutter schreiben, und morgen würde sie ihnen wieder etwas Neues zeigen. Als das nicht half, fragte sie: „Soll ich euch vielleicht eine Geschichte erzählen?“
Wutsch! lief das Heimweh zur Türe hinaus; Mathes und Peter wischten sich die Tränen aus den Augen, und beide riefen: „Ja, aber eine lange!“
„Eine von der Messe,“ bat Mathes.
„Vom Affentheater,“ verlangte Peter.
„Nein, davon nicht, aber eine von einem Karussell will ich euch erzählen,“ sagte Eva, „und so lang ist sie, wie sie lang ist. Also hört!“
„Es war einmal eine alte Frau. Die besaß ein Karussell. Das war ihr einziger Besitz. Damit mußte sie für sich und ihre drei Enkelkinder den Lebensunterhalt erwerben. Nun war das aber kein großes, schönes Karussell, sondern ein kleines, altes Ding, verschlissen und wacklig. Und wenn die Frau damit auf die Messe oder auch nur auf einen Jahrmarkt kam, da lachten die Leute, und niemand wollte auf dem alten Karussell fahren. Die Kinder spotteten, nannten es den alten Klapperkasten und gingen lieber zu den großen, neuen Karussells. Da hatte denn die arme Frau nur immer geringe Einnahmen, und wenn es auf dem Jahrmarkt recht lustig zuging, dann saß sie manchmal mit ihren Enkelkindern traurig im Winkel, und der Hunger quälte sie. Sie sah, wie sich die andern Karussells lustig drehten, wie sie gar nicht leer wurden, und ihr kleines, schäbiges Karussell stand da, und niemand mochte damit fahren.
Einmal, es war auf einer großen Messe —“
„Hier in Leipzig?“ fragte Peter eifrig.
„Ja, es kann sein, daß es in Leipzig war, genau hat dies der Mann, der meiner Großmutter die Geschichte erzählt hat, nicht gesagt, wo es war. Also, die alte Frau war wieder einmal auf einer großen Messe. Gerade neben der Kasperlebude stand ihr Karussell, und es ging, wie es immer ging. Kleine und große Leute liefen an ihr vorbei, Lust zu fahren hatten nur wenige. Ich werde mein liebes, altes Karussell als Brennholz verkaufen müssen, dachte die Frau traurig, und dann kann ich mit meinen drei Enkelkindern betteln gehen. Was soll ich nur anfangen in meiner großen Not!
Es war gerade Sonnabendnachmittag, als die Frau Katharina so verzweifelt neben ihrem Karussell saß. Viele Leute waren auf der Messe, überall war es voll, nur sie hatte noch nicht einen einzigen Groschen eingenommen. Und morgen war der letzte Sonntag; dann konnte sie wieder zusammenpacken und mit ihrem grünen Wäglein, den ein altersschwaches, mageres Pferdchen zog, und ihren Enkelkindern in die weite Welt hinausziehen.
Wie die Frau so trübe vor sich hinsann, hörte sie plötzlich neben sich den Kasperlemann furchtbar schreien. Das war ein grober Kerl, der keinem Menschen ein gutes Wort gönnte. Mit allen Meßleuten stritt und zankte er sich. Vor seiner Bude aber war es immer voll, denn der Mann hatte ein so drolliges Kasperle wie keiner sonst. Selbst alte, würdige Leute blieben vor der Kasperlebude stehen, und sie lachten manchmal wie noch nie in ihrem Leben über den kleinen Hopsassa. An diesem Nachmittag nun war das Kasperle auf einmal verschwunden, und sein Besitzer schrie, es sei ihm gewiß gestohlen worden.
Doch es war niemand in der Bude gewesen, denn die hielt der Mann immer sorgsam verschlossen. Auch hatte er die ganze Zeit auf einer Bank daneben gesessen und sich über die vielen Leute gefreut, die alle auf den Anfang vom Kasperlespiel warteten. Wer sollte also das Kasperle gestohlen haben?
‚Es liegt vielleicht irgendwo in einer Ecke,‘ riefen ein paar Buben. ‚Wir wollen suchen helfen.‘
Doch davon wollte der grobe Kerl nichts wissen. ‚Bleibt draußen,‘ schrie er, ‚ich suche ihn allein, er muß doch da sein!‘
Aber Kasperle war nicht da.
Sein Besitzer suchte die ganze Bude um und um, er fluchte und schrie; dies half aber gar nichts, das drollige Kasperle war und blieb verschwunden.
Die Leute draußen murrten: ‚Ohne Kasperle gibt es keinen Spaß, dann gehen wir lieber wieder.‘ Und nach und nach wurde es leer vor der Bude, nur ein paar Kinder standen noch und warteten; vielleicht kam ihr kleiner Freund doch wieder. Sie warteten aber vergeblich, und schließlich liefen sie auch fort, und da schloß der Mann seine Bude zu und rannte weg. Er wollte sich irgendwo ein anderes Kasperle holen; am liebsten aber hätte er alle Meßbuden eingerissen, so wütend war er.
Die ganze Zeit über hatte die kleine Karussellfrau still dagesessen und immer nur daran gedacht, wie sie am Abend ihre Enkelkinder satt machen könnte. Es wird nichts helfen, dachte sie, ich werde meine Nachbarn bitten müssen, mir einige Groschen zu leihen. O wie bitter ist das, wie schwer habe ich es doch im Leben!
In diesem Augenblick war es ihr, als höre sie ein leises Flüstern, oder war es ein Vogel, der sang, oder ein Mäuslein, das pfiff? Sie schaute sich um, und da sah sie zu ihrem Erstaunen das vermißte Kasperle auf ihrem Karussell sitzen. Es bammelte mit den Beinchen und tat ganz so, als wäre es keine Holzpuppe, sondern ein richtiges, lebendiges Kasperle.
‚Du, schrei nicht, sei ganz still! Der drüben darf mich nicht sehen.‘
Wirklich, das sagte das Kasperle, die Karussellfrau verstand es ganz deutlich. Und nun sah sie auch, wie des Kasperles Augen funkelten; wie zwei kleine, schwarze Stecknadelköpfe glitzerten sie.
‚Lieber Himmel! Du bist wohl lebendig?‘ fragte die Frau erschrocken.
‚Schwipp schwapp! Freilich bin ich lebendig! Ganz und gar bin ich ein richtiges Kasperle aus der Familie Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Schrei nur nicht, Karussellfrau, sei ganz stille, es darf niemand wissen, wo ich bin.‘
Die gute kleine Frau konnte gar nicht schreien, sie war viel zu erstaunt über den wunderfitzigen kleinen Kerl, und der wartete auch gar keine Frage von ihr ab. Der redete weiter und erzählte, drüben der grobe Kerl hätte ihn seinem eigentlichen Herrn und Meister, einem weltberühmten Puppenspieler, gestohlen. ‚Ich war dem sein Liebling,‘ klagte Kasperle, ‚er nannte mich immer sein Zuckerherzele, und ich hatte ein seidenes Bettchen bei ihm, und immer wieder zog er mir neue, schöne Kleider an. Dieser Mann hatte mich von seinem Großvater geerbt, der noch wußte, wo wir echten, richtigen Kasperle herkommen. Ich bin schon seit mehr als hundert Jahren auf Messen und Märkten herumgezogen, habe viel von der Welt gesehen, bin immer sehr geehrt worden, aber ach! ich hätte nie gedacht, daß es einem armen Kasperle so schlecht gehen könnte wie mir. Drüben, dein Nachbar, Karussellfrau, das ist ein böser Mann. Der weiß wohl, daß ich lebendig bin, und da quält er mich, wenn wir allein sind. Er sperrt mich in einen dunklen Kasten ein mit Mäusen zusammen, und er weiß doch, wie sehr ich mich vor Mäusen fürchte. Auch einen Hund hat er mit scharfen Zähnen, und oftmals nimmt er mich und wirft mich in eine Ecke; dann muß mich der Hund holen, und ich zittere immer, daß mich der zerbeißt.‘
‚Du armes, armes Kasperle!‘ sagte die Karussellfrau mitleidig.
‚Nenne mich Zuckerherzele!‘ bat der kleine Kerl. ‚Das hör’ ich so gern, aber nur von guten Menschen. Doch du bist gut; ich habe dich schon die ganze Zeit über beobachtet und immer gedacht, wenn ich ausreißen kann, dann fliehe ich zur Karussellfrau, die verrät mich nicht.‘
‚Nein, sicher nicht, du armes, kleines, liebes Zuckerherzele, du!‘ rief die Frau.
‚Siehst du, so nennst du mich recht.‘ Kasperle schlug vor Freude die Beinchen über dem Kopf zusammen. ‚Ausgerissen, fein!‘ kicherte er, ‚und nun bleibe ich bei dir und — bimmelbammel! drüben rennt Schnauz, wenn der mich sieht, bin ich verloren.‘
‚Schnell, versteck dich im Musikkasten.‘ Die Frau ergriff flink Kasperle und steckte ihn schnell in den Kasten. ‚Es sind ganz bestimmt keine Mäuse drin,‘ sagte sie.
Es war aber auch die höchste Zeit. Schnauz kam angerast. Er stellte sich vor das Karussell, schnupperte und kläffte laut.
‚Geh weg,‘ rief Frau Katharina erschrocken, ‚ich habe keine Knochen und Wurststücke für dich, geh, geh!‘
Doch Schnauz rührte sich nicht. Von ferne sah nun die Frau auch noch ihren groben Nachbar kommen, und es wurde ihr himmelangst, Kasperle, das kleine, liebe Zuckerherzele, könnte entdeckt werden.
‚Dreh flink dein Karussell!‘ wisperte da ein Stimmchen, und Schnauz, der das wohl gehört hatte, kläffte noch lauter.
In ihrer Angst begann die Frau wirklich das Karussell zu drehen, und ihre drei Enkelkinder, die es hörten, kamen angesprungen. ‚Ich will das Geld einnehmen,‘ rief Hans, der älteste Bub, ‚ich stelle mich hier hin.‘
Ach du lieber Himmel, es kommt doch niemand! dachte die Frau traurig. Doch erstaunt horchte sie auf. Die Musik, die sonst immer so kläglich war, so recht dünn und jämmerlich, die klang auf einmal, als kichere jemand immer dabei. Die Töne hüpften und tanzten. Didididihoppela, dumdumdumdumtrallalla! Lustig war es anzuhören.
Die Vorübergehenden horchten, blieben stehen, ein paar Buben kamen zuerst angerannt.
‚Wir wollen fahren, wir wollen fahren! Wie lustig das klingt!‘
‚Wir auch!‘ riefen auch ein paar Mädel und klirr! rollten die Groschen und Sechser in den Hut von Hans.
Und o Wunder! Immer mehr kleine und auch große Leute kamen, und alle wollten sie fahren, alle sagten sie, so eine lustige Musik sei auf der ganzen Messe nicht zu hören. Die Frau nahm mehr ein als sonst in einem Monat, und ihr grober Nachbar, der seine Bude wieder aufgetan hatte, schaute neidisch zu ihr hinüber. Er ließ seine Puppen springen und tanzen, er hatte auch wirklich ein neues, sehr schön gekleidetes Kasperle, doch wenn ein paar Kinder stehen blieben und zuhörten, sagten sie gewiß: ‚Heute gefällt uns Kasperle gar nicht, heute ist er langweilig.‘
Und sogar Schnauz läuft heute hinüber, dachte der Mann grimmig, lockte den Hund und sperrte ihn ein. Da steckte Kasperle ein ganz, ganz klein wenig die Nase zum Musikkasten heraus. ‚Karussellfrau,‘ fragte er, ‚ist Schnauz fort?‘
Die Frau nickte. ‚Eingesperrt!‘ tuschelte sie.
‚O lirum larum, dummer Schnauz!‘ jubelte Kasperle. ‚Eingesperrt, eingesperrt! Ich platze vor Lachen, wie mein Großvater Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Bei meiner Nase, jetzt soll die Musik noch vergnügter klingen!‘
Wutsch! war er wieder drinnen im Kasten, und wieder ertönte sein Kichern.
Auf dem Platz draußen erzählten es sich die Leute. ‚Da, in der Ecke, neben der Kasperlebude steht ein kleines, altes Karussell, es ist gar nicht schön, aber so lustig fährt’s sich’s darauf, nicht zu sagen wie!‘
Und wer das hörte, rannte hin und fuhr auch, und am Abend war Hansens Hut voll Geld, und für eine Weile hatte die bittere Not ein Ende.
‚Großmutter Karussellfrau,‘ wisperte Kasperle, ‚schick erst die Kinder schlafen, die dürfen mich nicht sehen; Kinder haben Plappermäulchen, die verraten mich sonst, und dem Schnauz da drüben ist doch nicht zu trauen.‘
Am nächsten Tag kamen wieder viele Leute, die mit dem lustigen Karussell fahren wollten. Hansens Hut wurde zweimal schwippvoll. Schnauz lief bellend immer rundherum, Kasperle fand er aber nicht. Der grobe Nachbar ärgerte sich, doch das half ihm nichts; sein echtes Kasperle war und blieb verschwunden.
Fortan zog nun Zuckerherzele mit Frau Katharina von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, von Stadt zu Stadt. Sie kamen in fremde Länder, und immer sahen die großen und kleinen Leute zuerst verächtlich auf das wackelige, alte Karussell, und manchmal sagten sie auch: ‚So etwas sollte man doch gar nicht mehr aufstellen!‘ Wenn aber dann die Töne hüpften und kicherten, dann wurden selbst die verdrießlichsten Griesgrame lustig und lachten; sie wußten freilich nicht, warum sie so vergnügt wurden.
Ein paar Jahre waren vergangen. Frau Katharina war nun keine arme Karussellfrau mehr, sie hatte sich ein stattliches Sümmchen erspart, und sie dachte manchmal: Es wäre wohl gut, wenn ich jetzt immer an einem Ort bliebe, damit die Kinder ordentlich in die Schule gehen könnten. Doch der Gedanke, sich von ihrem Karussell und gar von Zuckerherzele zu trennen, wurde ihr zu schwer. Einmal kam nun Frau Katharina auf ihrer Wanderung auch in eine Stadt hoch oben im Norden, in der sie noch nie gewesen war. Eine uralte Stadt war es mit dicken Mauern, riesengroßen Kirchen, eine Stadt, in der alles ein bißchen eingeschlafen zu sein schien. Selten öffnete sich eine der schweren alten Haustüren, selten ging ein Mensch durch die engen, düsteren Gassen.
Als der grüne Wagen in die Stadt einfuhr, liefen wohl die Kinder zusammen, aber man merkte es gleich, die hatten so etwas noch nie gesehen. Und ein Mann, der Frau Katharina beim Aufstellen half, erzählte ihr, es kämen selten Jahrmarktsleute zu ihnen. ‚In meiner Jugend, da war es lustiger,‘ sagte er. ‚Da gab es hier oft ein Kasperletheater, über das alle Menschen lachen mußten. Der alte Mann, dem es gehörte, der lebt noch hier, aber er spielt nicht mehr. Man sagt, sein Kasperle sei ihm gestohlen worden, und das sei ein echtes, lebendiges Kasperle gewesen. Na, ich begreif’s ja nicht, wie man sein Herz an so ’n Klapperbalg hängen kann. Au weh!‘ Der Mann faßte sich erschrocken an die Nase, denn eine von den dicken Perlen, die das Karussell schmückten, war ihm daran geflogen. ‚So was! Wo kommt denn die her?‘ brummte er unwirsch.
Die Karussellfrau aber sah, wie ihr Zuckerherzele mit einem bitterbösen Gesicht zum Musikkasten hinaussah. ‚Wart, du Grobian!‘ schalt er. ‚Ein echtes Kasperle ist kein Klipperklapperbalg, ich werde dir gleich eine ganze Troddel an deine dicke Nase werfen. Bimmelbammel! bin ich böse, hui!‘
‚Ich glaube, hier ist irgendwo ’n Vogel,‘ brummte der Mann. ‚Aber wissen Sie, Frau, schön ist ihr Karussell eigentlich nicht; na, für unsere Stadt mag’s gut sein.‘
Der Mann ging. Die Frau drehte das Karussell, es kamen auch Kinder und fuhren darauf, Frau Katharina jedoch dachte: Was macht nur mein Zuckerherzele, es klingt doch heute gar nicht so lustig wie sonst!
Sie ging und öffnete den Musikkasten. Da saß Kasperle, seine Beinchen hatte er um den Kopf gelegt, und sein kleines Gesicht sah ganz betrübt aus. ‚Karussellfrau,‘ sagte er, ‚es geht nicht mehr, ich muß fort.‘
‚Zuckerherzele, Goldpünktchen, mein allerliebstes Schnuckerle, tu das nicht! Bitte, bitte, nicht! Bleib bei mir!‘
‚Es geht nicht, Karussellfrau. Siehst du, hier ist mein alter Herr. Der ist’s, von dem der Mann vorhin erzählt hat, und nun ich ihn gefunden habe, muß ich zu ihm. Er ist mein rechter Herr, und wir Kasperles sind treu. Leb wohl, liebe, gute Karussellfrau!‘
Kasperle drehte sich wie eine Kugel zusammen und rollte so aus dem Musikkasten heraus. ‚Vergiß mich nicht,‘ rief er noch einmal, und dann war er verschwunden.
Frau Katharina verkaufte ihr Karussell nun als Brennholz, zog in eine kleine Stadt, und wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie noch heute dort.“
Dreizehntes Kapitel.
Der Zigeuner.
Mit Kasperle Zuckerherzele zusammen war auch das Heimweh davonspaziert. Die Buben schliefen vergnügt ein und wachten vergnügt auf. Sie dachten an Sonnenschein, Messegehen und ähnliche erfreuliche Dinge, aber das Wetter sagte am Morgen: „Platsch! ich regne noch.“
Es seufzte niemand so sehr darüber wie Hulda. Die tat, als wäre die Sonne besonders boshaft gegen sie, und sie lief immer wieder nachsehen, ob es nicht heller würde. So gegen elf Uhr war das wirklich der Fall. Ein blaues Fetzchen hing am Himmel, wie eine Bratenschüssel so groß, und Hulda erklärte: „Es macht sich, nachmittags scheint die Sonne. Wir können auf die Messe gehen.“
„Nein,“ erwiderte Eva, „heute nicht, ich werde den Buben unser großes Völkerschlachtdenkmal zeigen.“
„Messe ist besser,“ rief Hulda. „Sie sollten mit ihnen hingehen.“
„Die Buben waren ja schon zweimal draußen, und von der Stadt haben sie noch so wenig gesehen.“
„Die haben von der Messe mehr. Ob die Häuser ein Stockwerk haben oder zehne, ist denen gleich, Fräulein Eva, die Messe ist besser.“
„Dann gehen Sie meinetwegen mit ihnen hin.“
„Nee, Sie müssen mit, Fräulein Eva, ohne Sie geht das heute nicht.“
Eva lachte. „Das ist Unsinn, Hulda,“ sagte sie. „Sie wissen doch, ich gehe nie auf die Messe.“
„Aber heute, einmal geht’s doch!“ Hulda bettelte um das Messegehen, wie es Kinder um ein Weihnachtsgeschenk tun. Sie redete immer wieder davon, und als Mathes und Peter aus dem Garten heraufkamen und berichteten, jetzt wäre es schon beinahe trocken, und der blaue Fetzen am Himmel sei viel größer als eine Bratenschüssel, da bat Hulda wieder: „Gelt, Fräulein Eva, Sie gehen mit auf die Messe?“
„Unsinn!“ Eva sagte es zum zweiten Male. „Sie wissen doch, ich mag die Messe nicht leiden!“ Ganz ärgerlich ging sie in ihr Zimmer hinauf, und da geschah etwas höchst Verwunderliches, die Sternbuben waren ganz verdutzt darüber. Hulda setzte sich hin und weinte so bitterlich, als wäre das größte Unglück geschehen.
„Du mußt net so arg flennen.“ Mathes schüttelte sehr mißbilligend seinen Kopf, und Peter schüttelte auch, und dann stiegen beide die Treppe hinauf, suchten Tante Eva und erzählten ihr von Huldas Kummer.
„Sie sagt, sie müßt’ noch mehr Töpfle holen, und ohne die Töpfle wäre sie unglücklich,“ berichtete Peter wichtig.
Da gab Eva nach. Sie lachte sogar über die Töpfle und Huldas Unglück und sagte: „Meinetwegen, aber warum ich durchaus Töpfle mitkaufen muß, weiß ich nicht.“
„Die werden wohl arg teuer sein,“ erklärte Mathes weise. „Alleweil, wenn’s arg teuer ist auf dem Jahrmärktle, sagt Mina auch, Mutter soll gehen.“
„Also gut, mag es heute beim Töpflekauf bleiben, das Denkmal sehen wir uns morgen an!“
Mathes und Peter stiegen vergnügt wieder abwärts in die Küchentiefe und erzählten Hulda strahlend, Tante Eva würde mitgehen. Von Rechts wegen hätte nun Hulda höchst vergnügt und fröhlich sein müssen, vielleicht auch einen kleinen Hopser tun oder doch wenigstens den Buben ein Küchlein als Botenlohn geben müssen, doch nichts von allem geschah. Sie lachte nicht, sie freute sich nicht, sie seufzte nur, und zwar so schwer, als müßte sie einen Mühlstein aus einem tiefen, tiefen Brunnen heraufholen, just als wäre Töpfle kaufen bitterschwer.
Das war doch sonderbar!
Und reden tat Hulda auch nicht, außerdem wollte sie noch Zucker in die Fleischsuppe schütten, und es war gut, daß Ida rechtzeitig zu Hilfe kam.
Auch Ida sagte es, mit Hulda sei heute nichts anzufangen.
Da gingen die Buben wieder in den Garten zurück und schielten hinüber nach dem Nachbarhaus. Herta und Irene gefielen ihnen zwar immer noch nicht sehr, kurzweiliger waren sie aber doch als die seufzende Hulda.
Herta und Irene sahen von oben herab die Buben im Garten herumwandern, und sie sagten zueinander: „Sollen wir sie einladen? Ach ja, vielleicht laden sie uns dann auch ein!“
Ein paar Minuten vergingen, da erschienen die beiden Mädchen im Garten, und Herta rief gleich den Buben zu: „Heute spielen wir nicht, wir haben sehr viel zu tun.“
Nun taten ihnen die Sternbuben aber nicht den Gefallen zu fragen, was sie zu tun hätten; die dachten: Na, dann nicht, und kümmerten sich nicht weiter um die Nachbarinnen.
Die warteten und warteten, endlich rief Herta über das Gitter: „Ihr Jungen, wir haben heute Gesellschaft!“
„Wir gehen auf die Messe!“ riefen Mathes und Peter zurück.
„Aber bei uns wird’s fein! Es gibt auch Eis.“
„Wir gehen ins Zaubertheater!“
„Wir spielen Lotterie; jetzt gehen wir noch Gewinne kaufen.“
„Tante Eva schenkt uns Geld, wir dürfen uns kaufen, was wir wollen.“
„Wir tanzen auch.“
„Das ist dumm, da fällt man hin!“ rief Peter, dem dies meist geschah.
„Es ist fein, ach, himmlisch ist’s!“
„Noi, dumm ist’s!“
„Pah, ihr ärgert euch nur, weil wir euch nicht einladen!“
„Wir wollen gar net kommen!“
„Doch, ihr ärgert euch.“
„Noi, wir gehen auf die Messe!“
Vom Gartenzimmer her erklang Tante Evas Stimme, und die Buben ließen ihre Spielsachen und ihre streitlustigen Nachbarinnen im Stich und liefen in das Haus zurück.
Herta und Irene sahen sich enttäuscht an. „Sie kommen wieder,“ sagte Herta. Aber die Buben kamen nicht wieder, die Zeit verging, die Mädel mußten einkaufen gehen; ihre Einladung hatten sie gar nicht angebracht. Wenn wir zurückkommen, sind sie vielleicht da, dachten sie, liefen fort, sputeten sich und fanden den Garten leer. Nun war es zu spät. Kleinlaut kehrten sie in das Haus zurück, sie ärgerten sich über die dummen Buben und hätten sie doch so gern eingeladen, denn Annedore kam und zwei Freundinnen mit ihren Brüdern, und allen hatten sie erzählt, die Buben würden kommen, denn sie hatten gemeint, die würden nur zu gern zu ihnen kommen.
Mathes und Peter aber hatten ihre Nachbarinnen mitsamt ihrer Gesellschaft schon wieder vergessen. Die waren mit Tante Eva schnell noch allerlei einkaufen gegangen und mit einem tüchtigen Mittagshunger heimgekommen. Und nach dem Essen rüsteten sie sich zum Messegang.
Und wieder benahm sich Hulda sehr sonderbar.
Die ging mit einem Gesicht einher, als sollte sie zehn Pfund Kieselsteine zerbeißen. Sie seufzte, als sie in die Bahn stieg, und sie seufzte, als sie wieder ausstieg, sie seufzte auch, als sie den Messeplatz betraten, und dann hatte sie gar keine Lust zum Töpflekauf, auch keine, sich etwas anzusehen, sondern erklärte, Kaffeetrinken wäre am besten.
„Dazu braucht man doch nicht auf die Messe zu gehen, das hat noch Zeit!“ Eva schlug vor, erst in ein Zaubertheater zu gehen, aber Hulda seufzte nur und klagte, sie fiele nächstens gleich um vor Kaffeedurst.
Eva von Ringewald ärgerte sich wirklich. Huldas üble Laune begriff sie gar nicht. So war Hulda doch sonst nie. Was hatte sie nur! „Fehlt Ihnen etwas?“ fragte sie.
„Ach du lieber Himmel, mir ist das Herz so schwer!“
„Ja, aber dann hätten wir doch nicht hierhergehen sollen!“
„Doch doch, gerade hierher! Nur mit dem Kaffeetrinken dürfen wir nicht warten, ja nicht, ich halt’s nicht mehr aus.“
Daraus sollte nun einer klug werden. „Hulda kann ja Kaffee trinken, und wir holen sie ab,“ schlug Mathes vor, den das Zaubertheater just mehr lockte als die Kaffeeschenke.
„Nee, nee, alle müssen mit. Und — vielleicht ist auch der Zigeuner da, den sehen wir uns an.“
Eva gab wieder nach. Sie fühlte, Hulda hatte irgend etwas auf dem Herzen, irgend etwas bedrückte sie, und sie wollte die treue Seele nicht kränken. Sie schlugen also den Weg zur Kaffeeschenke ein, und bald betraten sie den Raum, Hulda seufzend, die Buben verdrießlich und Eva mit dem Gedanken: Es wäre wirklich besser gewesen, gar nicht auf die Messe zu gehen.
Es war noch ziemlich leer, doch die Zigeuner saßen wirklich schon mit ihren Instrumenten da und spielten.
Da horchte Eva auf. Eine der Geigen sang und klang so schön und traurig, daß ihr das Herz zu zittern begann. Jetzt schwiegen die andern, und nur diese eine Geige tönte, leise, zart, unendlich süß; es klang, als weine ein Mensch vor Heimweh und Leid bitterlich.
Eva ließ sich von Hulda sacht vorwärtsschieben, immer näher der kleinen Bühne, auf der die Zigeuner saßen. Der, der spielte, drehte dem Saal ziemlich den Rücken zu, sein Gesicht hielt er tief geneigt, nur seine dunklen Haare waren zu sehen.
Den Buben kollerten die Augen beinahe aus dem Kopf, so sehr mühten sie sich, ihren Zigeuner herauszufinden. Aber da Hulda immer tuschelte: „Leise, leise!“ gingen sie ängstlich auf den Fußspitzen, und es war schon merkwürdig, daß sie so einen Tisch erreichten, ohne über etwas zu stolpern. Auch setzen taten sie sich ohne viel Lärm, dann aber wollten sie sprechen, und wieder mahnte Hulda: „Still, still!“ Ja, sie hielt ihnen sogar den Mund zu, was beide furchtbar ärgerte. Solche kleine Hosenmätze waren sie doch wirklich nicht mehr. Sie sahen Tante Eva bittend an, die sah aber nichts, die hörte nur die Geige klingen und singen. Ihr liebes Gesicht wurde blaß, und ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie mußte an den Bruder denken, an den fernen, verlorenen, der ein Künstler hatte werden wollen. Und die Geige sang und klang immerzu.
„Das da ist er!“
Trotz Huldas Mahnungen, trotz dem Mundzuhalten schrie Mathes laut, und sein Finger zeigte dahin, wo die Zigeuner saßen. Auch Peter hob den Finger, und Eva wollte ihnen dies gerade verweisen, als der Zigeuner sich umdrehte und nach dem Tisch hinübersah.
„Er kennt uns!“ riefen die Buben.
Die Geige gab einen wunderlichen Ton. Srrr! Wie ein Schrei klang’s; zwei Saiten waren gesprungen, und der Zigeuner ließ den Bogen sinken.
Er starrte unverwandt Eva von Ringewald an, und die sah zu ihm auf. Totenbleich war sie geworden.
„Er ist’s wirklich und wahrhaftig, Fräulein Eva!“ murmelte Hulda. „Der dumme Junge, der Mathes, hat doch recht gehabt.“
Eva stand auf. Sie ging durch den Saal an den Tischen vorbei, an denen fremde Menschen saßen, dem Ausgang zu. Und oben auf der kleinen Bühne nahm der Zigeuner die Geige unter den Arm und lief auch hinaus.
Nun geschah etwas sehr Merkwürdiges, was Mathes und Peter in die allerhöchste Aufregung versetzte. An der Türe gaben sich Eva und der Zigeuner die Hand, und dann gingen sie beide so Hand in Hand hinaus, und draußen nahm das bunte Gewühl der Messe sie auf — fort waren sie.
„Der Zigeuner hat Tante Eva geholt,“ schrie Peter. Er sprang auf, Mathes auch, beide dachten, wir müssen nachlaufen. Doch Hulda dachte anders. „Bleibt!“ rief sie, „bleibt!“ Und dabei hielt sie die Buben fest.
„Er nimmt Tante Eva mit.“ Mathes wehrte sich, aber Hulda hielt ihn fest. Doch Peter entschlüpfte und lief auch dem Ausgang zu.
„Jemine, was hat man mit euch für ’ne Not!“ jammerte Hulda, und sie schrie ganz laut: „Peter, Peter, hierbleiben!“
Peter kümmerte sich nicht darum, doch andere Gäste hatten den Ruf gehört, und ein Mann hielt Peter den Stock vor die Füße. Bums! da lag er, und der Mann sagte lachend: „Geh du nur zurück, ausreißen auf der Messe gibt es nicht!“
Beschämt stand Peter auf und sah sich um. Mathes saß neben Hulda am Tisch, Tante Eva und der Zigeuner waren verschwunden. Da kehrte er kleinlaut zu den beiden andern zurück, er dachte: Nun gibt’s Schelte. Doch diesmal gab es Kaffee und Kuchen, und Hulda sagte ganz sanft: „Setz dich nur! Ach du lieber Himmel, das ist ’n Wunder, ’n richtiges Wunder!“
Nun fing auch Hulda noch an zu weinen, die Tränen kollerten ihr richtig in die Kaffeetasse hinein, und dabei sagte sie nur immer: „Jemine!“ und „Ach, du lieber Himmel!“
Für die Neugier der Buben war das zu wenig, sie wollten wissen, warum Tante Eva mit dem Zigeuner davongegangen war, und sie drängten: „Hulda, wir wollen Tante Eva nachgehen.“
„Die findet ihren Weg schon allein!“
Hulda sah zur Decke auf, als liefe dort oben Tante Eva herum, und dann fing sie auf einmal an, Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen, und dabei lachte und weinte sie, und wenn die Buben sagten: „Wir wollen Tante Eva suchen,“ dann nickte sie und redete davon, was sie alles sehen wollten. „Wir gehen ins Zaubertheater,“ sagte sie, „und ins Lichtspiel und meinetwegen zu den Affen und dem Messerfresser, oder ich weiß nicht was er frißt; irgend einer, der irgend etwas Komisches frißt, ist immer da.“
„Aber Tante Eva —“
„Ja, ja, Jungchens, die finden wir schon! Und vielleicht ist sie auch nach Hause gegangen, und ihr wollt doch noch Luftschaukel, Karussell und Rutschbahn fahren und Kasperle sehen, auch ’ne Trommel könnt ihr kaufen und ’ne Trompete oder sonst was. Wenn’s auch lärmt, das schadet nichts. Und dann gehen wir noch zum Mann mit zwei Köpfen. Nee, vielleicht ist das ’n Kalb, oder vielleicht sind’s vier Beine und nicht zwei Köpfe, was auch erstaunlich wunderbar ist.“
„Aber Hulda,“ schrie Mathes, „ein Kalb hat doch immer vier Beine!“
„Ja, ja, meinetwegen sechse!“ Hulda trank und trank aus ihrer Tasse, dabei hatte sie gar keinen Kaffee mehr drin, und als die Buben darob lachten, lachte sie ganz laut mit, aber dann liefen ihr doch wieder die Tränen über die Backen, und sie brummelte vor sich hin: „Das ist ’n Tag, ach du lieber Himmel, was wird meine liebe gnädige Frau sagen!“
Mathes und Peter fanden Hulda sehr sonderbar, aber die verheißenen Herrlichkeiten lockten sehr, und sie bettelten: „Komm doch, vielleicht finden wir Tante Eva dort!“
„Ja, ja, wir wollen gehen. Vielleicht wollt ihr auch noch die Wachsfiguren sehen.“ Etwas viel hatte sich Hulda schon für diesen Nachmittag vorgenommen. Der hätte von Gummi sein und sich über drei Tage hinziehen müssen, um alle Pläne ausführbar zu machen. Und nachher hatte Hulda im Zaubertheater nicht einmal bis zum Ende Geduld. Es sei langweilig, behauptete sie, und als die Vorstellung zu Ende war und die nun dachten, jetzt kommen die Affen, der fressende Mann, Kasperle, die Lichtspiele und die Luftschaukel dran, rief Hulda: „Jemine, schon so spät! Wir müssen jetzt rasch nach Hause gehen, und überhaupt, ohne Fräulein Eva ist es doch nichts!“
Es blieb kaum noch Zeit, um Trommel und Trompete zu kaufen. Hurlebusch! ging das, und die Sternbuben liebten doch das lange Aussuchen sehr. „Sputet euch, schnell, schnell, wir müssen nach Hause, es wird dunkel!“
„Nee, Madamchen, das wird nicht so schnell dunkel,“ sagte die Trommelfrau, „das bleibt noch lange hell.“
„Unsinn, gleich wird’s dunkel!“
„Na, so was!“ Die Trommelfrau ärgerte sich. „Sie sind wohl dem heiligen Petrus seine Tante, daß Sie das besser wissen als unsereins?“ brummte sie. „Die jungen Herren wollen sich doch ordentlich was aussuchen für ihr Geld. Vielleicht noch ’ne kleine Drehorgel gefällig und für jeden ’ne Mundharmonika?“
Die „jungen Herren“ fuhren den Sternbuben gewaltig in die Nase. So waren sie noch nie genannt worden, und vor lauter Dankbarkeit hätten sie der Frau am liebsten ein Dutzend Musikinstrumente abgekauft. Doch darüber ließ sich mit Hulda nicht reden; die tippte einfach auf eine Trommel und eine Trompete, sagte: „Die sind gut!“, zahlte geschwind, und fort ging es.
Hulda machte Siebenmeilenschritte, Mathes konnte nicht trommeln, Peter nicht blasen, und sehr mißvergnügt stiegen beide in den Bahnwagen. Der bunte, lustige Platz lag noch im lichten Tagesschein, die Musik dudelte herüber, und die Buben dachten niedergeschlagen an alles, was sie hatten sehen sollen und nun nicht gesehen hatten. Rrrr! rasselten sie davon, der Meßgang war vorbei.
Bum! tönte es. Alle Leute im Wagen sahen verwundert auf, und ein junges Mädchen rief erschrocken: „Aber man stellt doch auch nicht eine Trommel auf den Sitz!“
Beim Anfahren hatte es einen Ruck gegeben, und das junge Mädchen hatte sich auf die Trommel gesetzt.
Mathes wollte ein großes Klagegeschrei erheben, aber Hulda sagte: „Sei nur still, in Leipzig gibt’s noch mehr Trommeln, und zum Vergnügen hat sich das Fräulein ja nicht hineingesetzt.“
„Nein, wirklich nicht!“ Das junge Mädchen war so rot geworden wie der Trommelrand, und als in der Ecke ein Platz frei wurde, lief es rasch hinüber und warf von da aus bitterböse Blicke auf Mathes. Dazu sagte auch noch eine alte Dame laut: „Ich finde es recht überflüssig, Kindern solche Marterwerkzeuge zu kaufen; sie quälen damit nur ihre Umgebung. Ich würde das nie tun; man müßte so etwas verbieten.“ Streng sah sie zu den Buben hin.
„Na, ’ne Trommel geht noch, aber ’ne Trompete!“ brummte aus einer Ecke heraus ein Herr. Er hatte eine Brille auf, und Peter meinte, hinter der ein paar Augen zornig funkeln zu sehen.
Erschrocken preßte er seine Trompete fest an sich, und da lachte jemand, und es war wirklich der Herr in der Ecke. „Der hat nur Spaß gemacht!“ tuschelte Mathes Peter zu.
„Er freut sich über das Trompetle,“ tuschelte Peter zurück. „Weißt du was?“
„Na, was denn?“
„Ich blas ihm was vor.“
„Aber hier net!“ Mathes sah den kühnen Bruder ganz entsetzt an.
„Doch, hier!“ Peter schielte wieder zu dem Herrn hinüber, wirklich, der lachte, und die Brillengläser funkelten.
„Wir müssen aussteigen.“ Hulda sprang auf. „Schnell, schnell!“ mahnte sie, obgleich der Wagen noch nicht hielt.
Die Buben sprangen flink auf, und während sie an der Türe standen und auf das Halten warteten, bewies Peter, daß der alte, unnütze Sternbüblessinn noch da war: er setzte blitzschnell die Trompete an den Mund und tutete los.
Greulich klang es.
„Um Himmelswillen!“ Die Dame, die vorher gescholten hatte, hielt sich die Ohren zu, ein paar Leute riefen laut: „So was ist nicht erlaubt.“
„Tutuut, tututuut!“
„Blasen ist verboten!“ schrie der Schaffner.
Der Herr in der Ecke lachte, die Dame rief: „Das muß man anzeigen.“
Doch da standen Hulda und die Buben schon draußen, und der Wagen rasselte weiter.
„Tutuut, tututuut!“ klang es ihm nach.
„Junge, bei dir rappelt’s wohl!“ Weiter sagte Hulda nichts, und als in der stillen Straße, durch die sie nun gingen, Peter noch einmal blies und Mathes auf seiner Trommel versuchte, doch noch etwas zu lärmen, schwieg Hulda dazu. Ja, sie schien es gar nicht zu hören; sie rannte erst, doch kurz vor dem Hause ging sie langsam, blieb vor der Türe stehen und flüsterte vor sich hin: „Der liebe Gott mög’s gut gemacht haben!“
Den Buben wurde es ganz feierlich zumute. Hulda sah so seltsam aus. Und dann schloß sie innen leise die Türe auf und sagte halblaut: „Macht keinen Lärm, Jungen, und geht gleich in eure Stube, ich will erst mal sehen, ob —“
Hulda konnte nicht weiter sprechen, die Türe vom Wohnzimmer tat sich auf, und Eva von Ringewald kam heraus.
„Tante Eva,“ riefen die Buben, „warum bist du mit dem Zigeuner weggegangen?“
Eva gab keine Antwort. Sie fiel der alten treuen Hulda um den Hals und machte es wie diese draußen auf der Messe, sie lachte und weinte durcheinander.
„Hulda, o Hulda, du hast es gewußt!“
„Der da war’s.“ Hulda zeigte auf Mathes, und dieser, der meinte, er würde angeklagt, schrie erschrocken, denn er war sich keiner Schuld bewußt: „Ich war’s net.“
„In deinem Brief hat’s gestanden.“
Mathes und Peter schwiegen vor Staunen. Sie verstanden kein Wort von dem, was Tante Eva und Hulda zusammen redeten; von Mathes’ Brief sprachen sie, und Hulda sagte, der wäre für sie wie ein Blitz gewesen, und Mathes hatte dabei doch nichts von einem Gewitter geschrieben.
Und dann mußten die Buben in ihr Zimmer gehen, und Tante Eva sagte, sie würde sie gleich holen, aber erst müßte Hulda hineingehen.
Nach einer Weile kam Tante Eva und rief die Buben. Ihre Stimme klang dabei so feierlich und so glückselig, als hätte sie eben ein Weihnachtslied gesungen. Sie schob die Buben sacht in das Wohnzimmer hinein und sagte: „Hier sind die beiden.“
Ja, da waren die Sternbuben, aber wer saß denn da drinnen neben der Tante Pate und lächelte ihnen entgegen? — Der Zigeuner war es!
Niemand anders als der Zigeuner!
Und wie sah die Tante Pate aus! Als hätte die liebe Sonne selbst ihr sanft und linde das bleiche Gesicht geküßt, ihre Augen glänzten, und der Zigeuner saß neben ihr und hielt ihre Hände fest.
„Kennt ihr mich?“ fragte der Zigeuner. Er lachte die Buben an, und wie er so lachte, schaute Mathes flink zu Tante Eva hinüber, auch sie lachte, und wirklich, jetzt sah er’s wieder, Tante Eva sah aus wie der Zigeuner.
„Das ist dein Bruder,“ rief Mathes, dem Huldas Erzählung einfiel.
„Aber ich bin doch ein Zigeuner!“
„Noi!“ Mathes schüttelte heftig den Kopf, während Peter etwas zweifelnd dreinsah, aber da schob sie Tante Eva schon beide zu dem Fremden hin und sagte innig: „Ja, er ist mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder!“
Der Zigeuner war wirklich der heimgekehrte Sohn des Hauses, Fritz von Ringewald. Warum er inzwischen ein Zigeuner gewesen war, erfuhren Mathes und Peter erst später von Hulda. Die saß bei ihnen in ihrem Zimmer und erzählte ihnen, während sie schmausten, denn das mußten sie allein tun; drinnen wollte die Mutter mit ihren Kindern an diesem Abend allein sein.
Übel genug war es Fritz von Ringewald gegangen. Er hatte sich mühsam durchgeschlagen, hatte Not und Sorge kennengelernt, und gerade als es anfing, ihm besser zu gehen, als er drüben in Amerika eine Stellung gefunden hatte, war das Heimweh so gewaltig über ihn gekommen, daß er es nicht mehr ausgehalten hatte. Mutter und Schwester hatte er sehen wollen, und dann hatte er doch nicht den Mut gefunden, vor sie zu treten. Arm und unberühmt, wie er gegangen war, kam er ja heim.
„Es ist ein rechtes Glück, daß ihr gekommen seid,“ schloß Hulda ihre Erzählung. „Und wenn ich gestern nicht deinen dummen Brief gelesen hätte, Mathes, wo drin stand, der Zigeuner sieht aus wie Tante Eva, dann säße der Junker Trotzkopf noch jetzt als Zigeuner verkleidet auf der Messe, und meine arme, liebe gnädige Frau grämte sich weiter. Na, ich sage nichts mehr gegen Jungenbesuch, meinetwegen könnt ihr alle Ferien kommen; mir soll’s nur recht sein.“
Das klang gut und verlockend. Auch sagte Hulda an diesem Abend noch allerlei liebe und freundliche Worte, erzählte von schönen Tagen, die noch kommen sollten, von viel Ferienfreude für Herz und Magen. Dann kam auch noch Tante Eva, küßte Mathes und Peter und nannte sie ihre lieben Trostbuben. Sie holte beide noch einmal zum Gutenachtsagen hinüber, und als die Buben dann wieder ihr Zimmer betraten, da lief trotz aller Freude dieses Tages doch das Heimweh geschwinde hinterdrein und setzte sich Mathes auf sein Herzelein, und dies nur, weil Mathes die Tante Pate so viel angesehen hatte, und dabei hatte er immerzu an seine Mutter denken müssen.
Warum Mathes auf einmal so widerborstig und schweigsam wurde an diesem Abend, begriff Hulda erst gar nicht. Er tat seinen Mund nicht mehr auf, knurrte, wenn Peter etwas sagte, und als Hulda, der die Trommel einfiel, ihn tröstete: „Morgen kriegst du eine andere,“ da murrte er: „Will keine!“
Unausstehlich war der Bub. Wenn Hulda nicht so glückselig gewesen wäre, dann hätte sie sich geärgert. So redete sie noch freundlich zu dem Murrkopf, als der schon im Bett lag, und fragte: „Hast noch Hunger? Tut dir was weh?“
„Noi — ich will heim!“
Hulda dachte an den Sohn des Hauses, den das Heimweh zurückgetrieben hatte, und sie strich dem betrübten Büble über das heiße Gesicht und erzählte ihm von der Heimreise und sagte: „Aber wenn du fährst, dann weine ich.“
Dies tröstete Mathes ungemein, und er meinte, auch er müßte Hulda etwas trösten; darum brummte er: „Morgen fahr ich doch noch net, sei nur net traurig!“
Vierzehntes Kapitel.
Letzte Tage.
Die Sternbuben fuhren noch manchen Tag nicht heimwärts. Sie verlebten noch helle Tage und auch etliche Regentage in dem großen Leipzig. Schön waren sie alle, wie Tage es nur sein können in einem Haus, in das die Freude eingekehrt ist. Und wenn eine Mutter sich freut über die Heimkehr eines verloren geglaubten Kindes, das ist dann eine ganz besondere Freude, eine, die auch andere froh macht.
Hulda sagte am nächsten Morgen: „Es ist heute wie Feiertag.“
„Ja, wie ein Osterfeiertag,“ antwortete Eva von Ringewald, „ein Ostertag, an dem man den Frühling schon auf allen Wegen kommen sieht und meint, so hell habe die Sonne nie geglänzt und so köstlich haben die Veilchen nie geduftet.“
In den Herzen der Sternbuben bimmelten an diesem Tage auch kleine Freudenglocken sehr lustig, und sie kamen aus dem Lachen und Vergnügtsein gar nicht heraus. Gleich am Morgen fing es an. Da saß der Zigeuner am Frühstückstisch, und er war wieder blond und nicht mehr schwarz, denn er hatte sich die Farbe aus den Haaren herausgewaschen. Er wollte Onkel Fritz genannt sein und schloß mit den Buben gleich eine feste, gute Freundschaft. Und dann sagte die Tante Pate, heute früh müßten die Buben das große Denkmal sehen, sie wolle zu Hause bleiben.
„Das will sie nur, weil der Herr Brummerjan kommt, sie will ihn erst versöhnen,“ murmelte Hulda. Sie dachte gewiß, hören kann das kein Mensch, aber Mathes und Peter hörten manchmal Dinge, die sie eigentlich nicht hören sollten. Also verstanden sie auch Huldas Rede. Herrn Brummerjan gingen sie gern aus dem Wege, doch Eva und Fritz von Ringewald sagten beide: „Heute gehen wir nicht.“ Aber dann kam gerade, als die Buben in den Garten geschickt werden sollten, Annedore und bat, sie sollten mit ihr in den Zoologischen Garten gehen.
„Allein?“ Die alte und die junge Tante machten beide höchst bedenkliche Gesichter, doch Annedore erklärte flink und froh, sie würde schon auf die Buben aufpassen und sie gut wieder heimbringen; man könne ganz ohne Sorge sein.
„Hoho!“ Onkel Fritz lachte dazu. „Das sind mir Buben, müssen sich beschützen lassen!“ neckte er.
Mathes und Peter ärgerten sich. Sie steckten beide trotzige Mienen auf und wollten eben sagen: „Wir können allein gehen,“ als Tante Eva dazwischenredete. „Sie sind doch fremd hier, und wenn ich fremd in einer Stadt bin, dann lasse ich mich auch führen.“
„Wir passen gegenseitig auf uns auf.“ Annedores freundliches Lachen verscheuchte allen Bubenzorn. Mathes und Peter wurden wieder vergnügt, und beide sagten sie gnädig: „Wir passen auf dich auf.“
In schönster Eintracht zogen sie von dannen. Unterwegs erzählte Annedore, bei Herta wäre es gestern langweilig gewesen, furchtbar langweilig. Die Buben bedauerten sie darob sehr, und in diesem Augenblick kamen schwipp, schwapp! Herta und Irene wie zwei Bachstelzen die Straße entlang gewippt.
„Da kommen sie!“ rief Herta.
„Wo?“ fragte Irene.
Sie sah die Straße entlang, doch von den drei guten Kameraden war nichts mehr zu erblicken; die rasten schon eine Seitenstraße entlang, bogen um eine Ecke, und da erst standen sie still und freuten sich, den beiden Zierpüppchen entwischt zu sein.
Im Zoologischen Garten wollten Mathes und Peter zuerst das Affenhaus sehen. Peter behauptete kühn: „Die freuen sich, die kennen uns wieder.“
Ob Löwen und Bären, Kamele und Elefanten die Breitenwerter Sternbuben auch wieder erkannten, war nicht genau zu unterscheiden, jedenfalls waren die drei Freunde sehr lustig mitsammen. Es war eigentlich ein Wunder, daß sie das Heimkommen zur rechten Zeit nicht vergaßen. Hulda redete gerade in der Küche von Zuspätkommen, so was täten Buben meist, als die Klingel ertönte. Die Buben waren da. „Wascht euch gut und geht hinein, es ist ein Gast da,“ flüsterte Ida ihnen zu.
Und als die beiden in das Speisezimmer traten, sahen sie zu ihrem Erstaunen Herrn Brummerjan am Fenster stehen. Neben ihm stand Fritz von Ringewald. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen leuchteten. Es war ein ernstes Aussprechen zwischen Onkel und Neffen gewesen, es war manch bitteres Wort gefallen, zuletzt hatte aber doch Herr Buchner dem Neffen die Hand gegeben und gesagt: „So geh denn deinen Weg! Ich hab’ es eingesehen, man soll niemand von einem Beruf abbringen, zu dem ihn seines Herzens Sehnsucht treibt.“
Er sagte nichts von dem großen Herzeleid, das Fritz durch seine Flucht Mutter und Schwester angetan hatte, er meinte auch im Herzen, es sei eine bittere Strafe für den Neffen gewesen, auf der Messe als Zigeuner verkleidet spielen zu müssen.
Ja, bitter war das gewesen und noch schwerer die Stunden, in denen Fritz von Ringewald nächtlich vor dem Hause gestanden hatte in Angst um die kranke Mutter. Wenn er aber jetzt in das blasse Gesicht der Mutter sah, dann dachte er doch, seine Strafe wäre noch zu leicht gewesen für all das Leid der gütigen Mutter. Er fühlte, er mußte ein sehr liebevoller Sohn sein, um seine Schuld wieder gutzumachen.
Von den ernsten Gesprächen und Gedanken merkten Mathes und Peter nichts. Die merkten nur die stille, selige Freude und fanden, Herr Brummerjan wäre wirklich kein Herr Brummerjan. Sehr lustig war er freilich nicht, aber er redete doch sehr freundlich mit ihnen, dachte sogar, sie gingen schon ins Gymnasium, während sie doch noch auf der Vorschule saßen, auch nannte er sie nicht Buben oder Jungen, sondern Knaben, und das fanden sie beide sehr vornehm. Er lud sie auch ein, ihn zu besuchen, und als er hörte, was sie alles schon gesehen hatten, erklärte er, dies wäre zu wenig, sie müßten noch viel, viel mehr sehen.
Damit waren nun Mathes und Peter sehr einverstanden. Wenn nur nicht die Ferientage davongelaufen wären wie Mäuse, wenn die Katze kommt. Wirklich, die Tage purzelten beinahe über ihre eigenen Beine vor Eilfertigkeit. Es war nur gut, daß die Tanten immer sagten: „Ihr müßt bald wiederkommen,“ und damit meinten sie die Buben und die Ferientage dazu.
Was gab es auch nicht alles zu sehen in der großen Stadt! Onkel Fritz sagte: „Einer großen Stadt muß man in das Herz sehen. Wenn man immer auf die Messe läuft und in den Zoologischen Garten, dann kennt man sie nicht.“ Er führte die Buben durch viele Straßen, über viele Plätze. Er führte sie dahin, wo die Fabriken ihre großen roten und gelben Fleißfinger in die Luft streckten. Und die Buben hörten das schrille Pfeifen in der Nähe, sie sahen Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen die Fabriken verlassen. Sie sahen auch Häuser mit vielen, vielen Fenstern; hinter denen bauschten sich nicht luftige weiße Vorhänge, dort arbeiteten von früh bis abends rastlos die fleißigen Männer und Frauen.
In diesen Vororten, im Umkreis der Fabriken, hatten die Straßen meist lange, einreihige Häuserreihen; wie das Breitenwärter Löwengäßle sah keine aus. Und als die Buben seufzten und sich nach Gärten umsahen, guckten, ob nicht ein paar Bäume hinter einem Mäuerlein schatteten, da führten Tante Eva und Onkel Fritz sie in andere Straßen. Da lagen still und verträumt Eigenhäuser in schönen Gärten; manch eins sah wie ein kleines Schloß aus, und die Buben vergaßen beinahe den Silbernen Stern und wünschten sich, in einem solchen Haus zu wohnen. An der nächsten Straßenecke hatten sie dann freilich den Wunsch schon wieder vergessen, weil Fritz von Ringewald versprach: „Morgen führ’ ich euch zum Onkel, dort werdet ihr ein Stück unserer Bücherstadt sehen.“
Das Wort machte Mathes und Peter sehr neugierig, denn eine Bücherstadt konnten sie sich nicht gut vorstellen. Sie fragten Hulda später, was es bedeute, und Hulda, die lieber kochte und strickte als las, sagte ein bißchen von oben herab: „Ach, da sind eben die Häuser mit Büchern vollgestopft wie mein Wäschesack mit Flickwäsche!“
In ganz Breitenwert gab es eine Buchhandlung, außerdem hatte der Onkel Adam nur noch Schulbücher zu verkaufen, und als die Sternbuben am nächsten Morgen in die Bücherstadt wanderten, dachten sie sich die wie den Breitenwerter Buchladen. Es gab aber nur Häuser und wieder Häuser zu sehen. Vor vielen standen Wagen, auf die große Pakete geladen wurden, und die Buben waren schon ein bissel enttäuscht, als Tante Eva in eins der großen Häuser eintrat. Eine Treppe ging’s hinauf, oben gab es ein paar Türen mit allerlei Aufschriften; an einer klopfte Onkel Fritz, und als er sie öffnete, sahen die Buben drinnen ein paar Herren sitzen, die eifrig schrieben. Der Onkel war noch nicht zu sprechen, aber einer der Herren führte die Besucher durch allerlei Räume. Zimmer neben Zimmer, und in allen lagen Bücher hochaufgestapelt bis zur Decke.
„Wenn ihr das alles lesen müßtet!“ sagte Tante Eva neckend.
Mathes und Peter erschraken, und sie waren froh, als ein Fräulein kam und meldete, Herr Buchner hätte jetzt keine Zeit, er schickte aber eine Karte mit, dort sollten sich die Knaben umschauen.
„Dann sehen wir uns also noch nach mehr Büchern um,“ sagte Tante Eva.
Noch mehr Bücher!
Gab es denn die?
Onkel Fritz lachte über die erstaunten Gesichter der Buben. „Ja, ja, wir gehen in ein Haus, das ist vollgestopft mit Bilderbüchern.“
Aber Onkel Fritz hatte etwas geflunkert. Das Haus war eigentlich eine Straße, und wie in einer Straße liefen die Menschen drin hin und her, hinaus, herein; es hatten’s alle eilig. Ein Mann stand an einem breiten Fenster und gab immer Pakete hinaus; drinnen waren Bücher, nur Bücher. Große Ballen Bücher wurden verladen und ausgeladen. Bücher waren in Sälen aufgestapelt, und wenn Tausende von Büchern auf zwei Beinen dahergelaufen wären, die Sternbuben hätten sich nicht mehr gewundert.
Es war doch anders als im Breitenwerter Buchladen!
Onkel Fritz sagte: „Wenn ihr beide nun alles lernen müßtet, was in den Büchern steht!“
Schon vor dem Lesen hatten die Buben Angst gekriegt, aber nun auch noch lernen, was in den Büchern stand! Jemine, das wäre schrecklich!
Mathes seufzte tief. Doch plötzlich fiel ihm etwas ein, und er rief: „Ich werd’ mal Wirt vom Silbernen Stern, und Mutter sagt, da braucht man net so arg lange lernen.“
Peter schwieg. Die vielen Bücher machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, er wurde sehr still, es war ihm ordentlich ein bißchen feierlich zumute, und als er wieder auf die Straße trat, sah er sich ehrfurchtsvoll nach dem großen Haus um. Ein Stückchen weiter ging’s, da stand wieder so ein Riesengebäude, und Onkel Fritz erklärte: „Dort innen werden die Bücher gedruckt.“
Er ging auf das Haus zu, gab seines Onkels Karte ab, und ein Mann führte sie alle miteinander in einen großen Saal. Nur hier könnten sie hineinsehen, sagte er, aber für die Sternbuben war das schon genug. In dem Saal surrten und sausten große Maschinen, die arbeiteten flinker als hundert Hände. Weißes Papier kam hinein, gedruckte Bogen kamen heraus, klipp klapp! Stoß um Stoß. Die Maschinen sahen wie lebendig aus. Sie redeten ganz emsig, schienen immer zu sagen: Flink, flink, flink! Sputet euch, sputet euch! Und die Arbeiter und Arbeiterinnen, die daran standen, sputeten sich auch. Es war gar nicht zu unterscheiden, wer in dem Saal zur Arbeit antrieb, die Maschinen oder die Menschen.
Und doch waren es die Menschen. Auf einmal durchzitterte ein schriller Klang den großen Raum und klapp, klapp! da standen die Maschinen stille. Sie riefen nicht mehr „Flink!“ und „Sputet euch!“ sie waren stumm geworden. Aber die Menschen redeten miteinander, ein paar lachten, viele liefen eilig davon. Es war Mittagspause, und auch Fritz und Eva traten den Heimweg an. Unterwegs führten sie die Buben noch in einen großen Buchladen. Gegen den wäre nun freilich der Breitenwerter Buchladen fast wie ein Zwerg erschienen, wenn er sich daneben gesetzt hätte. Tante Eva kaufte ein Buch, bunte Bilder hatte es, und zur Kurzweil für der Buben Heimreise sollte es sein. Während sie kaufte, konnten sich Mathes und Peter recht umschauen. Mathes seufzte wieder, die vielen Bücher wurden ihm langweilig, sie ängstigten ihn, aber Peter bekam Kulleraugen. Er dachte, es müßte behaglich sein, in so einem großen Buchladen zu sitzen und jedem, der kam, ein wunderfeines Büchlein zu verkaufen. Tante Eva mußte ihn dreimal rufen, ehe er sich zum Hinausgehen entschloß, und kaum war er draußen, da rief er: „So ein Lädle will ich mal haben; das gefällt mir.“
Fritz von Ringewald, der kein Buchhändler hatte werden wollen, weil er seine Geige zu sehr liebte, sagte doch: „Dann wirst du etwas Tüchtiges, Peter. Halt dran fest! Auf meiner Wanderschaft bin ich weit herumgekommen; so viele Buchläden wie in Deutschland habe ich kaum irgendwo gefunden. Das hat mich immer stolz gemacht, weil ich daran erkannte, daß wir vorangehen in der Welt.“ Und ganz leise, nur Eva konnte es hören, fügte er hinzu: „Dem Onkel hab’ ich manch bitteres, trotziges Wort im stillen abgebeten. Doch nun heim, und heute nachmittag —“
„Das Denkmal sehen,“ fiel Eva ein, „sonst fahren sie ab und haben es nicht gesehen.“
Es war schon beinahe eine Reise hinaus zum Völkerschlachtdenkmal, das weit draußen im Osten der Stadt liegt. Unterwegs erzählte Eva den Buben von der gewaltigen Schlacht der Völker, von dem großen Befreiungskampf gegen Napoleon. Und die Buben verrenkten sich bald die Hälse, um das riesengroße Denkmal ja bald zu sehen. Sie dachten, bis zum Himmel müßte es reichen, und als sie dann ausstiegen und vor dem großen Steinkoloß standen, schwiegen sie muckstill.
Die junge Tante, die diesmal allein mit ihren Schützlingen hinausgefahren war, wartete auf etliche Ah- und Ohrufe, und als die nicht kamen, fragte sie: „Nun, was sagt ihr, gefällt es euch?“
Da guckten die wunderfitzigen kleinen Buben aus dem Breitenwerter Löwengäßle das große Steindenkmal von oben bis unten an und riefen geringschätzig: „Arg groß ist das aber net, unser Kirchturm ist höher!“
Und dabei blieben sie. Eva erstieg mit ihnen die hohen Steintreppen, ließ sie das Denkmal von innen und außen beschauen, und die Bübles nickten und freuten sich, aber weil das Denkmal nicht bis zum Himmel reichte, fanden sie es doch nicht so groß wie den Turm der Breitenwerter Stadtkirche. Es war auch ein Tag, an dem die Ferne im feinen Nebeldunst verschleiert lag, und dieser graue Schleier über der Stadt gefiel den Buben noch weniger. Eva war ganz ärgerlich. Sie hatte erwartet, die Buben würden vergehen vor Staunen, und nun taten sie, als wäre so ein gewaltiges Denkmal ein Pappenstiel.
Auf dem Heimweg — es dämmerte noch, als sie am Hause ankamen, — trafen sie Annedore mit Herta und Irene. Mit den beiden waren Mathes und Peter noch nicht wieder zusammengekommen, und die Mädel rächten sich für Nichtbeachtung, taten hochmütig, und Herta fragte, als Eva in das Haus hineingegangen war: „Nun, ihr staunt wohl immer noch Leipzig an! Wo ward ihr denn?“
„Beim Denkmal waren sie,“ rief Annedore. „Nicht wahr, das ist fein? So schrecklich groß!“
„Noi,“ sagte Mathes geringschätzig, „so arg groß ist das doch net!“
„Unser Kirchturm ist viel, viel höher.“ Peter sah in die Luft, als erblicke er oben neben den Wolken des Kirchturms Spitze.
Dies war den beiden kleinen Leipzigerinnen aber doch zu arg. Was, diese Kleinstadtbuben wollten nicht ihr großes, berühmtes Denkmal anerkennen? Das war zu frech! Sie fingen an, wie zwei Rohrspätzlein zu schelten und zu streiten, nannten die Buben dumm und eingebildet und wer weiß noch was.
Doch Mathes und Peter blieben die Antwort nicht schuldig. Sie riefen manches Wort, das von ihrem Freunde, dem Hausknecht im Silbernen Stern, stammte. Immer heftiger wurde das Streiten. Annedore bat und schalt, sie sollten Frieden halten, aber vergebens. Die Buben zischten wie ein paar Dampfkessel, die Mädel kreischten wie die schönen bunten Papageien im Zoologischen Garten, und plötzlich rannten Mädel und Buben fuchswild auseinander. Die Gartenfreundschaft war für immer vorbei.